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Abgründig

Zum Inhalt

Der Thriller enthält brutale Gewaltszenen gegen Tiere und Menschen und ist nicht geeignet für Leute mit schwachen Nerven oder unter 18 Jahren!

Der Autor legt Wert auf die Feststellung, dass er sich von den Handlungen und Äußerungen des Protagonisten distanziert. Das Geschehen im Buch und die Personen sind fiktiv.

Bestimmt der Charakter unser Handeln? Doch was formt den Charakter? Vererbung und angeborenes Verhalten? Der Einfluss der Gesellschaft auf den Einzelnen und die Erziehung?

Der sechzehnjährige David aus Berlin findet beim Graben hinter dem elterlichen Haus einige Audiokassetten, die er zum Spielen bringt. Der Junge quält gern Tiere und was er auf den Bändern zu hören bekommt, bestätigt seinen Hang zu Gewalt. Es führt ihn in einer steilen Spirale über Misshandlung, Freiheitsberaubung, Missbrauch und Totschlag direkt in den Abgrund.

Doch waren wirklich die Kassetten der Auslöser seiner Taten?

Prolog

 

Ein Kindergarten in Berlin, 2006

Das Auto holperte über den unebenen Grasboden. Es kam nur schwer voran, rollte nicht von allein und musste ständig geschoben werden.

„Brumm ... Brummburmm ...“, machte der Junge, dann summte er weiter die Fantasiemelodie, die nur in seinem Kopf existierte und schob das Spielzeugauto weiter voran.

Kinder rannten umher, lachten, schrien und riefen durcheinander. „Ich will auch mal!“

„Geh weg!“

„Nein!“

„Du bist doof!“

Der Junge blickte auf, als ein Schatten auf ihn fiel. Max stand vor ihm. Max war groß, der Größte von ihnen; er war kräftig gebaut und verdeckte die Sonne mit seinem Körper. Die anderen sagten, er sei fett und doof.

„Ich will auch!“, rief er laut und zeigte auf das Auto.

Der Junge reagierte nicht auf seine Anwesenheit oder die fordernden Worte. Er sah wieder nach unten und spielte weiter. Max sah ihn einen Augenblick verblüfft an, dann überkam ihn die Wut. Er warf sich gegen den knienden Jungen und schleuderte ihn zu Boden ließ sich mit seinem ganzen Gewicht auf den kleinen schmächtigen Kerl fallen und trommelte wahllos mit seinen kleinen Fäusten auf den Körper, auf den Boden, traf sogar das Auto. Seine Wutschreie wandelten sich zu Schmerzensschreien.

Tage später spielte der Junge erneut mit dem roten Spielzeugauto auf der Wiese. Wieder war es ein schöner Tag. Der Juni begann angenehm mild, die Sonne schien wärmend herab, und die Gruppe Kinder verbrachte den Nachmittag, bis die Eltern sie abholen würden, im Freien. Hinter dem Gebäude befand sich eine Wiese, ein Sandkasten lud zum Buddeln ein, und auf dem Rasen lagen zwischen Wippe und Schaukel verschiedene Spielsachen verstreut. Kinder rannten umher, spielten mit Spielzeugen, buddelten im Sand, oder versuchten, sich gegenseitig zu fangen.

Der vierjähriger Junge kniete nahe am Zaun, abseits der anderen Kinder und ließ das Holzauto über den unebenen Boden rollen. Ein Mädchen lief auf ihn zu, die blonden Zöpfe, die seitlich vom Kopf abstanden, wippten auf und ab. Sie hockte sich neben den Jungen und rief mit hoher Stimme: „Gib mir, ich will mit Auto spielen!“

Sie streckte den Arm aus und die kleine Hand griff nach dem Auto. Der Junge schien sie erst jetzt wahrzunehmen. Als er merkte, was das Mädchen vorhatte, wurde sein Blick hart und abweisend. Ohne ein Wort zu sagen stieß er es mit einem heftigen Stoß um. Die Kleine landete auf dem Po. Sofort war der Junge über ihr, drückte sie an den Schultern flach auf den Rücken und kniete sich auf die dünnen Oberarme. Er packte ihren Kopf mit beiden Händen und grub die Daumen in ihre Wangen. Die Zeigefinger steckte er mit aller Kraft in die Ohren, als wollte er sie tief in den Kopf bohren und das Gehirn erreichen. Sein Gesicht war verzerrt, doch die Augen blickten kalt, gefühllos und schienen sein Opfer zu analysieren, zu sezieren.

Das Mädchen strampelte mit den Beinen und heulte laut auf. Dabei öffnete es den Mund und die Daumen des Jungen drückten die Wangen zwischen den Zahnlücken tief in die Mundhöhle hinein. Die Hände des Mädchens krallten sich in die Kleidung des Jungen, ohne etwas ausrichten zu können. Es weinte heftig und Tränen liefen über die Schläfen zu den Zeigefingern, die in den Ohren steckten und wie mit dem Kopf verwachsen schienen. Erst die herbeigelaufene Erzieherin konnte die beiden trennen. Das Mädchen schrie und heulte vor Schmerz, die Tränen rannen wie Regentropfen über die geröteten Wangen.

Der Junge grinste nur.

1

Zwölf Jahre später.

Der Juni brachte ganz Deutschland sonniges Wetter mit Sommertemperaturen. Flauschige, weiße Wolken zogen über den Himmel wie eine Schafherde über eine Wiese. Zwischen den Schäfchenwolken leuchtete ein intensives, dunkles Blau, wie man es nur selten zu sehen bekam. Selbst über Berlin, dem Großstadtmoloch mit seiner staubigen, trüben Luft leuchtete dieses Blau und ließ die Wolken noch schneeweißer aussehen. Der Anblick musste jede schlechte Laune verschwinden lassen, egal, wie tief die Stimmung gesunken war. Doch in einem Haus, im Osten Berlins, genauer gesagt in Berlin Mahlsdorf, saß ein junger Mann mit seinen Eltern am Frühstückstisch, und seine miese Laune scherte sich nicht um das schöne Wetter und den strahlend blauen Himmel. Gründe für seine miese Laune besaß der Junge mehrere. Es war Samstag, das bedeutete für ihn gemeinsames Frühstück mit den Eltern. Das Wochenende stand in der Tür, das bedeutete Langeweile, Zimmer aufräumen, den Putzfimmel der Mutter ertragen, dem Vater über den Weg zu laufen. Das bedeutete, mit ihnen reden zu müssen. Und zu all dem kam noch die Arbeitsandrohung des Vaters hinzu und ließ die Stimmung des Jungen endgültig in den Keller sinken.

Der Junge, David, kaute auf dem letzten Bissen seines Salamibrötchens herum und spülte ihn mit einem Schluck Wasser herunter. Cola durfte er zum Frühstück nicht trinken. Ein gesundes Frühstück sei wichtig für einen guten Tag, war die Meinung seiner Mutter. Und Cola enthalte zu viel Zucker.

In das Schweigen am Tisch drang die Stimme seines Vaters: „Also, David, wie ich dir schon sagte, möchte ich, dass du hinter dem Haus eine Grube aushebst. Schaufel und Spaten habe ich bereitgelegt und mit Faden und großen Nägeln die Fläche abgesteckt, wo die Grube hin soll. Ich will dort einen kleinen Schuppen an die Hauswand bauen und möchte ein solides Fundament legen.“

Er trank den Kaffee aus und sprach weiter. „Du bist alt genug und wirst mir helfen, eine kleine Hobbywerkstatt zu bauen. Und vielleicht kannst du später mal die Werkstatt benutzen, um etwas zu reparieren oder zu basteln, wer weiß? Den Mutterboden schaufelst du an eine Extrastelle, den brauchen wir später noch für ein neues Beet. Alles klar?“

David verzog säuerlich das Gesicht und nickte.

„Natürlich musst du nicht die ganze Grube auf einmal ausheben“, sagte seine Mutter. „Du kannst genug Pausen machen.“

Sie warf ihrem Mann Hartmut einen teils ängstlichen, teils um Bestätigung bittenden Blick zu und fuhr sich nervös über das dauergewellte Haar, bevor sie einen Schluck Kaffee trank.

Hartmut war eine eindrucksvolle Gestalt, er hielt sich immer sehr gerade, als hätte er den sprichwörtlichen Stock verschluckt. Dadurch wirkte er herrisch und größer als er tatsächlich war. Er lächelte fast nie, seine Augen blickten stets kalt und um den Mund hatten sich tiefe Falten eingegraben. Er sah seine Frau einen Moment ausdruckslos an, verzog keine Miene und antwortete nicht. Mit einer hölzernen Bewegung schob er seinen Stuhl zurück und stand auf. „Hab‘ was zu erledigen“, murmelte er und verließ die Küche.

David erhob sich ebenfalls. Er schlurfte in den Flur, zog seine Turnschuhe an und begab sich hinter das Haus. Sie bewohnten ein Haus in einer Einfamilienhaussiedlung mit kleinem Garten und vier Bäumen; einer Kiefer, einer Birke und zwei Apfelbäumen. Es gab keine Garage, nur einen Carport. Kleine schmale Straßen, die teilweise unbefestigt waren und keine Fußwege besaßen, führten durch die Siedlung. Ihr Haus war nicht groß, aber für drei Personen reichte es aus. Das Dach hatte im Laufe vieler Jahre einige kleine, undichte Stellen bekommen, der Anstrich war alt und blätterte an vielen Stellen ab. Die Fenster sahen nicht groß und modern aus, die Eingangstür besaß Flecken. Die Nachbarhäuser wirkten alle jünger, besser und teurer, aber das kümmerte weder David noch seinen Vater oder seine Mutter. Der biedere, alte und gebrauchte Eindruck setzte sich im Innern des Hauses fort. Teppiche und Möbel hatten ihre besten Jahre bereits lange hinter sich, die Tapeten mit uraltem Blümchenmuster vergilbten seit Jahren, nur der Garten, zwei Fleckchen Erde vor und hinter dem Haus, wirkte gepflegt. Um ihn kümmerte sich Davids Mutter Simone voller Hingabe und Liebe. Er war ihr Rückzugspunkt, wenn sie allein sein wollte oder Trost brauchte. Ihr Mann konnte ihre Liebe zurückweisen, ihr Sohn sie ignorieren, doch der Garten zeigte ihr mit seinen Blüten, Früchten, dem Gemüse und dem grünen Leben, dass ihre Liebe auf fruchtbaren Boden fiel und erwidert wurde. Das gab ihr den nötigen Halt und die Kraft, ihr Leben so zu leben, wie sie es leben musste.

David fluchte leise vor sich hin und vergewisserte sich, dass der Platz unter dem Carport leer war, was bedeutete, dass sein Vater mit dem Auto weggefahren war. Jetzt wurden seine Flüche lauter. Er sah sich die mit grauem Zwirn abgesteckte Fläche an, die er aufgraben sollte und nickte grimmig. Ja, er hatte es gewusst. Genau an einer Stelle unter dieser Fläche war es begraben. Sein Versuchsobjekt. Sein Opfer.

Er stach den Spaten in den Boden, stützte die Hände auf den Stiel und schaute versonnen auf die Stelle, wo er sein Opfer vergraben wähnte. So genau wusste er es nicht mehr. Dem Stück wilder Rasenfläche hinter dem Haus sah man nicht mehr an, wo schon einmal ein Loch gegraben worden war. David konnte die Stelle nur grob an der Entfernung zum Haus und zum nächsten Busch, der ein Beet einfasste, abschätzen. Nun, er würde es merken, wenn er die sterblichen Überreste freilegte. Sonderlich erpicht war er nicht darauf, zu sehen, was aus seinem Opfer im Laufe der Zeit geworden war und wie sich die Überreste verändert hatten. Aber sein lieber Herr Vater musste ja eine Hobbywerkstatt bauen.

Sein Blick schweifte zum Nachbarhaus, das so alt aussah wie seine Bewohner. Ein älteres Paar ohne Kinder wohnte in dem Haus, das hinter dem Grundstück seiner Eltern gute dreißig Meter von der Straße zurückgesetzt stand. Ein schmaler Weg führte zum Haus, für ein Auto zu schmal, aber die alten Leute besaßen kein Auto. Anscheinend besaßen sie auch kein Geld, ihr Haus war das einzige in der Umgebung, das noch schäbiger aussah als das seines Vaters. Der Rasen auf dem Grundstück war ungepflegt und wirkte zottelig wie das Fell eines alten räudigen Hundes. Der Zaun aus morschen Holzlatten hielt maximal noch bis zum nächsten stürmischen Lüftchen, das sicherlich auch die meisten der moosbesetzten Schindeln vom Dach fegte. Vielleicht erschlug es ja den Alten dabei, oder am Besten alle beide. Der Baum nahe am Zaun trug süß schmeckende Äpfel, wie David wusste, der einzige Lichtblick, was diese Nachbarn betraf.

Ob sie da drüben mitbekommen hatten, wie er hier etwas vergraben hatte? Sicher nicht. Zügig begann er zu arbeiten. Die oberen zwanzig Zentimeter Mutterboden warf er mit Schwung weiter weg auf einen separaten Haufen, wie es sein Vater angewiesen hatte. Er hoffte, ein gutes Stück der Arbeit geschafft zu haben, bevor die Mittagshitze kam, doch bereits nach wenigen Minuten brach ihm der Schweiß aus und seine Arme begannen zu schmerzen. Körperliche Arbeit dieser Art zählte nicht zu seinen täglichen Verrichtungen. Eigentlich zählte keinerlei körperliche Arbeit zu seinen täglichen Verrichtungen. Er musste zur Schule gehen, lernen, die Hausaufgaben erledigen, ab und zu etwas einkaufen oder den Müll wegbringen und natürlich sein Zimmer aufräumen, aber sonst konnte er tun und lassen, was er wollte.

Nachdem er ein quadratmetergroßes Areal Mutterboden abgetragen hatte, wechselte er zur Schaufel. Sein Rücken schloss sich den Schmerzen in den Armen an und Durst meldete sich. Mit dem Handrücken fuhr er sich über die Stirn, dann weiter über das kurzstoppelige, schwarze Haar. Dabei verwischte er Erde auf der Stirn.

„Vielen Dank für die tolle Samstagsarbeit, Vater!“

Er sagte es abfällig und betonte das Wort Vater wie ein Schimpfwort. Sehnsüchtig sah er zur Birke, die wenige Meter entfernt Schatten spendete. Am Haus selbst verlief ebenfalls ein Streifen Schatten, in dem es dunkel und kühl war, jedenfalls nicht so heiß wie in der Sonne. Zwei Schmetterlinge flatterten in diesem Streifen, dann setzte sich einer an der Hauswand fest. Anscheinend war es ihnen in der Sonne auch zu heiß. Doch für David war der Schatten tabu. Er wusste nicht, wann sein Vater zurückkehrte, doch wenn er ihn im Schatten antraf, kaum zwanzig Schaufelladungen Erde ausgehoben, das gäbe richtig Ärger.

Er dachte an das Buch, das er erst vor Kurzem gelesen hatte. Ein Junge in seinem Alter musste irgendwo in Amerika in den Jugendknast. Jeden Morgen zogen die Häftlinge los, auf einen ausgetrockneten Salzsee hinaus uns gruben Löcher in den harten Boden. Die Sonne brannte unbarmherzig vom Himmel und dörrte sie aus, doch sie mussten graben, graben, graben. Der Knastboss suchte einen vergrabenen Schatz und tatsächlich fand einer von ihnen etwas. David wusste nicht mehr genau, wie das Buch ausging, ihn hatte es nur wenig gefesselt.

„Fünf Minuten noch“, sagte er sich, „dann hole ich mir eine Cola.“

Verbissen nahm er wieder den Spaten und stach weiter Erde ab, wechselte zur Schaufel, vertiefte das Loch. An einer Stelle wurde der Boden weicher, lockerer, dann lag etwas zusammen mit der Erde auf der Schaufel. David sah dreckige Haut, dunkel verfärbte Fleischfetzen, Knochen, alles mit Sand und Erde vermischt. Ein strenger Verwesungsgeruch stieg ihm in die Nase.

„Ah, da bist du ja“, sagte er gedehnt und warf die Schaufelladung auf den Haufen. Versonnen betrachtete er die Überreste. Er erinnerte sich.

2

 

 

„Welches soll es denn sein, mein Junge?“ Der Verkäufer in der Tierhandlung sah ihn erwartungsvoll an, kaum, dass er den Laden betreten hatte. Er glich selbst einem Tier, einem übergroßen Lämmergeier. Der lange Hals, federlos, der kahle Schädel mit dem grauen Haarkranz, alles passte zu dem Eindruck. Nur der harte, spitze Schnabel fehlte, dafür besaß er eine ausgeprägte Geiernase.

David verzog das Gesicht. Er hasste es, wenn man ihn mein Junge nannte. Desinteressiert musterte er die quirligen Meerschweinchen in dem großen Terrarium. Als er am Tag zuvor beim Stöbern auf dem Dachboden einen alten hölzernen Getränkekasten fand, in dem uralte Holzwolle lag, war ihm ein Gedanke gekommen. Den ganzen Abend und die halbe Nacht hatte ihn dieser Gedanke nicht losgelassen, als er morgens aufwachte und zur Schule ging, begleitete ihn der Gedanke weiter, also fuhr er nach der Schule nach Hause, warf die Schultasche aufs Bett, nahm sich sein Taschengeld und fuhr zu einer Tierhandlung. Zuerst schaute er nur durchs Schaufenster. Hamster, Meerschweinchen und Kaninchen konnte er sehen. Ein Kaninchen wäre gut, überlegte er, entschied sich dann aber für ein wesentlich billigeres Meerschweinchen.

„Das da“, er zeigt wahllos auf eins der Tiere. „Das soll es sein.“

„Eine gute Wahl“, entgegnete der Alte. Er sah kaum hin, auf welches der Tiere David zeigte, ihn schien etwas zu irritieren. „Wie willst du es denn transportieren?“

David zog einen Stoffbeutel aus der Tasche und erntete ein scharfes, zischendes Einatmen. „Dass du keine Transportbox dabei hast, nur diesen schäbigen Einkaufsbeutel, das gefällt mir gar nicht!“

Der Alte schüttelte missbilligend den Kopf. „Wie weit hast du es denn?“

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