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Aber so was von Amore

Christina Beuther, Aber so was von Amore
Aufbau Digital

Inhaltsübersicht

Cover

Impressum

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Pollys Soundtrack

Informationen zum Buch

Informationen zur Autorin

Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne …

1.

»Auf die Männer! Ja genau, auf die Männer!«

Polly lag auf dem Sofa und prostete sich selbst zu. »Auf die Männer! Und auf dich, Polly Sommer, die du das Talent hast, immer an richtige Prachtexemplare zu geraten!«

Sie leerte ihr Weinglas in einem Zug und schenkte sich gleich wieder nach. Obwohl der Rotwein auch nicht hielt, was sie sich von ihm versprochen hatte. Anstatt Flo zumindest für den Abend zu vergessen, musste sie nun doch immer wieder an ihn denken.

Flo. Schon wieder Tränen.

Was sprach eigentlich gegen ein bisschen Weltschmerz oder eine kleine grundlegende Existenzkrise? Nein, keine Träne mehr für Flo Vogel! Dann lieber noch ein Glas Wein.

»Prost, Polly!«

Polly musste an ihre Großmutter denken. »Manchmal bist du der Hund, manchmal der Baum!«, hatte ihre Oma immer gesagt. Nur leider kam es Polly so vor, als wären die Männer immer der Hund.

»Schweinehunde! Dreckskerle! Arschlöcher!«, platzte es aus ihr heraus. Das war laut, tat aber gut. Sie musste kichern.

Gleich würde wahrscheinlich wieder ihre alte Nachbarin Frau Dörsam klingeln und sich über die Lautstärke beschweren. Heute hatte sie damit wenigstens recht; Sarah McLachlans I will remember You, laut und in Endlosschleife, war vielleicht wirklich hart zu ertragen.

Egal, sie brauchte das jetzt. Das Leben war ein Arschloch und die Liebe ein Blindfisch. Oder ein kleiner, fetter, fieser Engel, der sie immer absichtlich ins Herz traf. Aber so was von. Trotz einer Flasche Rotwein sah sie alles ganz klar. Die fette Putte wollte sie heulen sehen!

Das Klingeln des Telefons riss sie aus ihren Gedanken. Lust, ranzugehen, hatte Polly jedoch überhaupt nicht. Das war bestimmt wieder ihre große Schwester Bea oder Kati, ihre beste Freundin. Aber weder auf Beas: »Polly, lass dich nicht so hängen, kein Mann der Welt hat verdient, dass du wunderbare Person so viele Tränen vergießt!«, noch auf Katis: »Polly, Poollyy! Du kannst nicht ewig zu Hause sitzen und im Selbstmitleid ertrinken. Hey, es ist Samstag, 23 Uhr. Ich hol dich ab und wir gehen aus …«, hatte sie heute Lust.

Sollte Bea doch lieber Motivationsseminare geben und Kati als emotionaler Bademeister andere Menschen davor retten, im Selbstmitleid zu ertrinken.

»Hallo Polly, ich bin’s, Marita.« Der Anrufbeantworter war angesprungen. Polly war irritiert. Ihre Chefin war am Telefon.

»Polly, sorry, dass ich so spät anrufe, vielleicht schläfst du schon oder bist aus, ich weiß, es ist Samstagabend, …«

Marita?

»… aber wir haben hier einen Notfall, und ich brauche dringend deine Hilfe …« Oje, konnte sie so mit Marita, ihrer strukturierten Powerfrau-Chefin sprechen, so à la Bridget Jones, wie sie sich gerade fühlte?

Wo war überhaupt das Telefon?

»… ruf mich bitte direkt zurück, wenn du meine Nachricht gehört hast.«

Polly schaute sich suchend um. Im obersten Brett des Bücherregals blinkte es rot. Wie zum Teufel war es denn dahin gekommen? Musik aus! Über das Sofa und ans Telefon!

»Marita?! Hallo, tut mir leid, ich hab das Telefon nicht gleich gefunden«, ihre Stimme klang ein wenig atemlos. »Ah, Polly, wie schön, dass ich dich erreiche. Ich habe es auch schon auf deinem Handy versucht.«

Woher sollte ihre Chefin auch wissen, dass sie ihr Handy nach dem letzten Telefonat mit Flo einfach in den Rhein geworfen hatte?

»Äh, das Handy, ja, das ist mir leider geklaut worden … was gibt es denn so Dringendes?«

»Polly, du musst sofort nach Italien fahren! Erinnerst du dich an Liv Andersen? In zwei Wochen ist ihre Vernissage, und Max fällt für die Reportage über sie leider aus!«

»Ja, natürlich erinnere ich mich an sie. Was ist denn passiert?« Es war gar nicht so leicht, deutlich zu sprechen und gleichzeitig Marita zu folgen. Polly schwirrte der Kopf.

»Du kennst doch Max. Immer auf der Jagd nach Adrenalin. Heute war er beim Freeclimbing, natürlich ohne Sicherungsseil, ist abgestürzt und hat sich leider beide Beine gebrochen. So langsam sollte ich in seinen Vertrag eine Anti-Gefahr-Klausel einfügen nach der Gehirnerschütterung mit Schleudertrauma infolge des Motocross-Rennens vor drei Wochen … ich habe vorhin mit seiner Freundin gesprochen, wie heißt sie noch mal, oder ist das schon wieder eine Neue? Wie dem auch sei, Max fällt damit aus. Also werde ich dich nach Italien schicken.«

»Mich?«

»Polly, ich weiß, du hast ein paar Tage Urlaub genommen, aber dieser Beitrag ist mir wirklich sehr wichtig. Ich möchte ihn nicht streichen. Franziska hat Max’ Flug bereits auf dich umgebucht. Du fliegst morgen um 12 Uhr.«

Plötzlich drehte sich alles. Sie? Nach Italien? Zu Liv Andersen?

»Polly …? Bist du noch am Apparat?«

»Ja.«

»Gut, die Unterlagen lasse ich dir morgen früh per Kurier bringen, dazu die Kameraausrüstung und auch ein neues Handy, damit ich dich in der Toskana auch erreichen kann. Um 9 Uhr holt dich ein Taxi ab. Am Flughafen in Pisa holt dich ein Signore Vito ab, um dich zu Liv nach Certona zu bringen. Polly, ich verlasse mich auf dich! Ich weiß, dass das dein erster richtiger Beitrag ist. Aber du schaffst das schon. Meld’ dich doch bitte, wenn du Liv getroffen hast. Oh, und richte ihr liebe Grüße von mir aus. Ciao.«

»Marita …« Polly wollte noch etwas sagen, aber ihre Chefin hatte schon aufgelegt.

Völlig erschlagen ließ sie sich auf das Sofa fallen. Ihr erster richtiger Beitrag. Darauf hatte sie lange gewartet. Polly hatte in Köln Medienwissenschaften und Kunstgeschichte studiert und während ihres Studiums einen Nebenjob beim Westdeutschen Fernsehen gehabt. Nach ihrem Studium hatte sie als Praktikantin bei der Kunstsendung Art angefangen.

Inzwischen hatte sie einen befristeten Vertrag und kochte keinen Kaffee mehr, sondern war für kurze Ausstellungstipps zuständig. Nicht besonders spannend und auch nicht das, wovon sie während ihres Studiums geträumt hatte. Schon lange hatte sie darauf gehofft, einmal zeigen zu können, was in ihr steckte, und nicht immer nur Max Wagner zuarbeiten zu müssen.

Max, Maritas Protegé, wickelte zwar alle mit seinem Charme um den Finger, hatte aber von Kunst eher wenig Ahnung. Was seinem Selbstbewusstsein aber überhaupt nicht schadete – im Gegenteil. Und dieser Max konnte jetzt nicht in die Toskana, er lag mit zwei gebrochenen Beinen im Krankenhaus.

Polly musste grinsen. »Max, ich weiß, das ist noch nie passiert, aber: You made my day!« Da war er endlich, der Moment ausgleichender Gerechtigkeit. Das war ihre Chance. Sie würde in die Toskana reisen, Liv Andersen in den letzten Wochen vor ihrer neuen Vernissage begleiten und in einem exklusiven Beitrag porträtieren. Polly sprang aufs Sofa, reckte die Arme in die Luft, dachte an die Toskana und musste sich übergeben.

*

Irgendwann war sie dann doch eingeschlafen, nachdem sie – so konzentriert, wie man in ihrem Zustand eben sein konnte – ihren Koffer gepackt, noch zweimal in Selbstmitleid gebadet und Frau Dörsam abgewimmelt hatte, die dann doch geklingelt hatte, um sich über das laute Rolling in the Deep von Adele zu beschweren. Zum Schluss hatte sie noch Flos Mailbox mitgeteilt, dass der kleine, fette, fiese Engel und er sie mal kreuzweise könnten.

Pollys Wecker klingelte das erste Mal um 7 Uhr. Als sämtliche Weckerverdrängungsstrategien nicht funktionierten, schmiss sie ihr Kopfkissen nach dem Ungetüm und rappelte sich mühsam auf. In ihrem Kopf dröhnte es noch immer, was nicht an dem Wecker, sondern wohl eher an ihrer kleinen privaten Feier von gestern Abend lag.

Polly war flau, und sie verspürte den Drang, sich einfach wieder in ihr Bett zu kuscheln, die Decke über den Kopf zu ziehen und so zu tun, als würde es diesen Morgen gar nicht geben.

Sie wollte sich verkriechen, das Leben einfach eine kleine Weile sich selbst überlassen. Zumindest so lange, bis diese hämmernden Kopfschmerzen, der Eindruck, unfreiwillig in einem Kettenkarussell zu sitzen, und das üble Gefühl in ihrem Magen verschwunden waren.

Die Türklingel riss sie aus ihren Gedanken. Sie schleppte sich zur Wohnungstür und öffnete. Ein junger Mann übergab ihr die Reiseunterlagen, die Kamera und ein nagelneues Handy. Während sie dem Kurier quittierte, alles erhalten zu haben, musste sie sich am Türrahmen anlehnen. Polly schloss die Tür. In einer Stunde würde der Taxifahrer klingeln und sie zum Flughafen fahren.

Es nützte alles nichts. Polly musste sehen, dass sie fertig wurde. So konnte sie unmöglich nach Italien fliegen und Liv Andersen unter die Augen treten. Sie hatte die dänische Künstlerin schon einmal auf einer von Maritas berühmten Cocktailpartys getroffen, und ihre weltgewandte und natürliche Art hatte es ihr sofort angetan.

Also hieß es jetzt den inneren, Pirouetten drehenden, Schweinehund zu überwinden, ins Badezimmer zu gehen und zu retten, was zu retten war.

Die Dusche tat gut, und Polly merkte, wie ihre Lebensgeister langsam wieder zurückkehrten. In knapp vier Stunden würde sie im Flugzeug sitzen und im Auftrag ihrer Chefin nach Italien fliegen. Das erste Mal hatte sie die Chance, einen eigenen Beitrag zu drehen. Ein Gedanke, der ihr durchaus gefiel. Der Gedanke, in die Toskana zu müssen, gefiel ihr weniger. Ihr wurde wieder übel. Vor einem Jahr hatten Flo und sie einen traumhaft schönen Urlaub in der Toskana verbracht.

Erinnerungen an romantische Tage, warme Nächte unter freiem Himmel und ausgelassene Abende in Florenz holten sie ein, und sie musste sich wieder übergeben.

Konnte es ein fürchterlicheres und abstoßenderes Reiseziel geben als diese überfrachtete Postkartenlandschaft, die zu kitschig war, um wahr zu sein? Nie wieder hatte sie dorthin gewollt, wo Landschaft, Essen und Chianti einen einlullten und man keine Chance hatte, der Kitschkulisse zu entkommen. Und genau dorthin schickte Marita sie nun.

Bäh! Polly streckte ihrem Spiegelbild die Zunge raus. Schluss mit der Heulerei! Es gab Wichtigeres, auf das sie sich jetzt konzentrieren musste.

Zuerst waren Renovierungsarbeiten angesagt. Sie konnte von Glück sagen, dass es die Abwrackprämie nicht mehr gab. Denn so, wie sie aussah, wäre sie sicher auf dem Schrottplatz gelandet.

Polly föhnte ihre blonden, leicht gewellten, schulterlangen Haare und band sie zu einem Pferdeschwanz zusammen.

Das war doch schon besser als der Struwwelpeter-Look vom Aufstehen. Jetzt noch ein bisschen Make-up ins Gesicht und Rouge auf die Wangen, und sie sah wieder einigermaßen akzeptabel aus. Aber was sollte sie anziehen? In Köln war es seit Wochen grau und kühl, so dass man vom Wetter her nicht erahnen konnte, dass es Juni war.

In der Toskana würde es aber sicher sonniger sein, also entschied Polly sich für ihren geliebten Jeansrock, zusammen mit einer geblümten Bluse und roten Ballerinas. Dazu noch ihre Glücksohrringe, die sie von ihrer Großmutter geschenkt bekommen hatte, silberne Bammel-Ohrringe mit Mondsteinen.

Als sie in den Spiegel blickte, war sie zufrieden mit ihrem Werk. Für den Flug würde sie einfach noch ihren orangefarbenen Cordblazer mitnehmen, und ihr Outfit war perfekt.

Polly sah auf die Uhr. In zehn Minuten würde das Taxi da sein. Zeit genug, um noch schnell eine E-Mail an ihre Eltern und an Bea und Kati zu schicken. Denn Lust, zu telefonieren, hatte sie nicht.

Ihr Lieben, Marita schickt mich in die Toskana, um einen Beitrag über Liv Andersen, eine dänische Künstlerin, zu filmen. Yippie! Ich habe 10 Minuten! Ich weiß nicht, wie lange ich bleiben werde. Ich melde mich. Viele Grüße. Polly

Das reichte. Und schon klingelte der Taxifahrer. Um sie herum war es grau, und es regnete schon wieder. Das Wetter passte perfekt zu ihrer Stimmung, und Polly atmete tief ein; sie versuchte, möglichst viel von diesem Grau in sich aufzunehmen. In der Toskana würde sie es bei Bedarf einfach auspacken. Als Schutzschild gegen die Kitschkulisse. Man wusste ja nie.

»Liebelein, wo soll et denn hinjehn?«, fragte der Taxifahrer. Polly musste schmunzeln, sie mochte nicht nur das Kölner Wetter, sie mochte auch die kölsche Art. »Zum Flughafen, bitte.«

2.

Knapp zwei Stunden später landete Polly in Pisa. Am Flughafen wartete ein älterer Herr auf sie, der ein Schild mit ihrem Namen in die Höhe hielt.

»Signore Vito?« Polly streckte ihm zur Begrüßung die Hand entgegen. »Si, dann sind Sie also Polly Sommer.« Er ergriff lächelnd Pollys Hand, und sie fand ihn auf Anhieb sympathisch.

Signore Vito war kleiner als sie, hatte rotbraune, gelockte Haare, die stellenweise von grauen Strähnen durchzogen waren. Sein Gesicht war mit Sommersprossen übersät, was ihn verschmitzt aussehen ließ. Polly schätzte ihn auf Ende fünfzig. »Liv hat mich geschickt, um Sie abzuholen. Kommen Sie, ich nehme Ihren Koffer.« Signore Vito sprach sehr gutes Deutsch mit einem lustigen italienischen Akzent. Auf der Fahrt erzählte er Polly, dass er in den siebziger Jahren eine Zeit in Deutschland verbracht hatte. Die amore hatte ihn an die Nordseeküste verschlagen, doch das Heimweh nach Bella Italia war stärker als die Liebe gewesen, so dass er nach zehn Jahren schließlich zurück nach Hause gekommen war und seine wahre Liebe gefunden und geheiratet hatte. Seither arbeite er als Verwalter auf dem Anwesen, auf dem Liv Andersen ihre Sommermonate verbrachte und wo nun auch Polly wohnen sollte.

Das Wetter war wie erwartet schön und sonnig, und sosehr Polly sich auch bemühte, sie fing doch an, den Sonnenschein und die Wärme zu genießen. Je hügeliger die Landschaft wurde, desto mehr fühlte sie sich als Verräterin an ihrem eigenen Vorsatz, die Toskana einfach links liegen zu lassen und zu arbeiten. Denn die Toskana war schließlich kitschig, übertrieben und zu schön, um wahr zu sein. Die Toskana war etwas für Verliebte, deren pochendes Herz überfloss. Pollys Herz lief auch über, aber eher vor Liebeskummer. Flo … Nein, energisch schüttelte Polly den Kopf. Flo war weit weg. Flo war einmal.

Sie, Polly Sommer, war allein hier und hatte ihren ersten wichtigen Job. Sie war jetzt eine richtige Businesswoman, und kein Liebeskummer der Welt würde ihr dabei im Wege stehen. Echte Businesswomen brauchten schließlich keine Männer!

Sie kurbelte das Autofenster hinunter und hielt ihren Kopf in den warmen Fahrtwind. Das Sonnenlicht fiel auf die sanften Hügel, endlose Reihen von Zypressen säumten die Wege, kleine Gehöfte lagen mitten in roten Mohnfeldern, die sich sanft im Wind wiegten.

Schon bei ihrem ersten Besuch in der Toskana war Polly von der Schönheit der Landschaft überwältigt gewesen. Auch dieses Mal hatte sie unweigerlich das Gefühl, durch ein Landschaftsgemälde alter Meister zu fahren.

»Herrlich, oder?« Signore Vito lächelte sie an. »Gleich sind wir da. Wenn Sie nach rechts gucken, können Sie schon die Villa sehen.«

Er bog auf einen Schotterweg. Ein Schild mit der Aufschrift Certona zeigte den Weg. Polly blickte aus dem Fenster und sah oberhalb des Weges am höchsten Punkt einer kleinen Siedlung inmitten bewaldeter Hügel ein großes Anwesen. Das musste die Villa sein. Sie staunte.

Signore Vito ließ die Villa links liegen und bog in eine kleine Privatstraße. »Da sind wir. Willkommen in Certona!«, sagte er und öffnete Polly die Autotür. »Kommen Sie, ich zeige Ihnen Ihre Bleibe.« Polly stieg aus und ging hinter Signore Vito her, der bereits fröhlich pfeifend auf ein Gebäude zusteuerte.

»Das sind die alten Stallungen, die zur Villa gehörten. Sie wurden alle zu Wohnungen umgebaut.« Der Kiesplatz unter den hohen Bäumen führte zu einer kleinen Gasse mit Kopfsteinpflaster. Polly hatte das Gefühl, auf Zeitreise zu sein. Die Häuserzeilen waren aus dem typisch toskanischen Sandstein, die kleinen Fenster hatten Fensterläden aus dunkelbraunem Holz, und über den schweren Holztüren waren alte, dunkle Messinglampen angebracht, die die Gasse abends wahrscheinlich in schummeriges Licht tauchen würden.

Vor einer Treppe blieb Signore Vito stehen, holte einen Schlüssel aus der Tasche, ging voran und schloss eine schwere Holztür auf. »Allora, da sind wir.« Er ließ Polly den Vortritt.

Polly ließ ihren Blick durch ihre neue Unterkunft schweifen. Sie standen in einem kleinen Wohnraum, der gemütlich möbliert war. In der Mitte befand sich ein altes, dunkelrotes Sofa, davor ein kleiner Marmortisch. Vergilbte Schwarzweißfotografien schmückten die Wände. Links neben dem Sofa stand eine große Stehlampe, und rechts verhieß ein kleiner Kamin Gemütlichkeit.

»Abends kann es noch recht kühl werden. Diese Woche ist die erste warme Woche des Frühsommers. Wir hatten einen unverhältnismäßig kalten Winter und nassen Frühling, wie Sie in Deutschland ja auch. Ihre Wohnung hat zwar auch eine elektrische Heizung, aber es geht doch nichts über die wohlige Wärme eines Kamins«, erklärte Signore Vito.

Die beiden Wohnzimmerfenster zeigten auf die kleine Gasse. Er schob die weißen Vorhänge zur Seite und öffnete die Flügelfenster. »Lassen wir doch mal ein bisschen frische Luft in diese alten Gemäuer.« Polly verschlug es die Sprache. Sie hatte über die Häuser hinweg einen traumhaften Ausblick über das Tal. »Schön, nicht? Liv hat diese Wohnung für Sie ausgesucht.«

Vom Wohnzimmer führte eine Tür in das Schlafzimmer, das von einem großen, schweren und dunklen Holzschrank und einem gemütlichen, großen Messingbett dominiert wurde. Polly konnte es kaum erwarten, sich in die kleingeblümte Bettwäsche zu kuscheln, schließlich hatte sie in der letzten Nacht nicht sonderlich viel geschlafen. Neben dem Bett stand ein kleiner Nachttisch, ebenfalls aus dunklem Holz. An den Wänden hingen Blumenbilder, die Nachdrucke aus einem alten botanischen Lehrwerk sein mussten.

Signore Vito war zum Fenster gegangen und öffnete die schweren Läden. Wieder verschlug es Polly die Sprache. Aus ihrem Schlafzimmer blickte sie direkt auf die Villa und die bewaldeten Hügel. Vor dem Fenster stand ein kleiner Schreibtisch, und Polly wusste sofort, dass sie soeben ihren Lieblingsplatz gefunden hatte.

Signore Vito stellte Pollys Koffer vor den Schrank und wandte sich zum Gehen: »Ich werde jetzt nach Hause fahren. Hier ist Ihr Schlüssel. Schauen Sie sich in Ruhe um.«

»Wohnen Sie gar nicht hier?«, fragte Polly. »Nein, ich wohne mit meiner Frau in Pesano, dem kleinen Ort am Fuß des Hügels. Wenn Sie aus den Wohnzimmerfenstern blicken, können Sie ihn sehen.«

Signore Vito zeigte in die Richtung. »In Pesano gibt es auch einen Supermarkt, und mein Bruder hat dort eine kleine Osteria mit köstlicher Pasta.«

»Danke schön«, sagte Polly.

»Ich bin morgen wieder da. Hier ist aber meine Handynummer, für den Fall der Fälle.« Er drückte ihr einen Zettel in die Hand, auf dem eine Nummer stand und dazu eine kleine Zeichnung.

»Das ist das Anwesen, momentan wohnen nur Liv und Sie hier, aber in zwei Wochen werden Touristen kommen, Stammgäste, die jedes Jahr hier Urlaub machen.«

Polly betrachtete den Plan und sah, dass Signore Vito ebenfalls eingezeichnet hatte, in welcher Wohnung Liv Andersen wohnte.

»Ist Frau Andersen zu Hause?«, fragte sie. Vito blickte auf seine Uhr. »Nein, sie musste nach Siena, um sich mit ihrer Agentin zu treffen. Am späten Nachmittag wollte sie aber wieder zurück sein. Sie freut sich auf Ihren Besuch und wird bestimmt zu Ihnen kommen. Sonst finden Sie sie in ihrem Atelier. Schauen Sie, hier.« Er deutete auf den kleinen Plan.

»So, und jetzt muss ich los. Meine Frau wartet, und schöne Frauen soll man nicht warten lassen«, sagte er schmunzelnd und zwinkerte Polly dabei fröhlich zu. »Arrivederci, bis morgen. Und sollten Sie Fragen haben, dann rufen Sie mich einfach an.«

»Danke für alles. Ich bin mir sicher, dass ich mich hier sehr wohl fühlen werde!«, rief sie ihm winkend hinterher.

Polly war erstaunt über ihre Worte, die sie wirklich so gemeint hatte. Sie hatte sich doch geschworen, nicht dem Zauber der Toskana zu erliegen. Jetzt stand sie hier, blickte aus ihrem Fenster und beschloss, dass Vorsätze dazu da waren, gebrochen und aus dem Fenster geschmissen zu werden. Vor allem, wenn der Ausblick so malerisch war.

Also schmiss Polly ihre Vorsätze aus dem Fenster und rief ihnen ein lautes »Ciao!« hinterher. Sie war schließlich Businesswoman, und die war stark und tat nur, was sie wollte. Aber so was von.

Sofort fühlte sie sich besser und beschloss, erst einmal ihr neues Zuhause besser kennenzulernen.

Vom Schlafzimmer führte eine Tür in ein kleines Bad mit hellen, weißen Wänden und Terrakotta-Fliesen. Über dem alten Waschbecken hing ein großer Spiegel mit barockem Goldrand.

Sie ging zurück ins Wohnzimmer. Links konnte man durch einen gemauerten Bogen in eine kleine Küche blicken. Herzstück war ein alter Vitrinenschrank, in dem sich Geschirr und Gläser stapelten. Neben dem Schrank summte ein Kühlschrank, es gab einen Herd, und vor dem Fenster stand ein Tisch mit zwei Stühlen. Polly öffnete das Fenster und die schweren Fensterläden. Wieder staunte sie über den traumhaften Ausblick über das Tal. Im Kühlschrank fand sie Wasser, Obst, Tomaten, etwas Butter und Schinken zusammen mit einer kleinen Nachricht:

Damit Sie mir heute nicht verhungern. Brot und eine Flasche Chianti finden sie im Schrank. Vito

Wie nett! Polly musste lächeln und merkte, dass sie wirklich hungrig war. Doch zuerst wollte sie ihren Koffer auspacken. Businesswomen waren schließlich strukturiert und gaben sich nicht spontanen Gelüsten hin.

Zurück im Schlafzimmer, räumte sie ihre Kleidung in den Schrank und wunderte sich, wie ihre lange nicht mehr benutzten, eigentlich sogar fast noch neuen Joggingschuhe den Weg in ihr Gepäck gefunden hatten.

Mein Gott, Polly, wie betrunken warst du denn beim Packen?

Sie legte ihr Notebook zusammen mit der Kamera, den Unterlagen, die der Kurier ihr heute Morgen in Köln in die Hand gedrückt hatte, und dem neuen Handy auf den kleinen Schreibtisch und blickte dabei auf die Villa.

Wer wohl in diesem riesigen Gebäude wohnte?

Erschöpft ließ sie sich schließlich auf das Bett fallen und schlief, während sie noch mit sich rang, ob sie sich nun lieber frisch machen oder etwas essen oder sich in die Unterlagen einlesen oder ihre Eltern anrufen oder …, einfach ein.

*

Es klingelte durchdringend an der Tür. Polly öffnete und sah – Flo.

Flo!

»Polly …«, stotterte er und lächelte sie verlegen und zerknautscht an. Und sah dabei auch noch so unverschämt gut aus …

»Ja …?«, war das Einzige, was sie zustande brachte. Gehaucht. Dabei hatte sie Wochen darauf verwendet, ihn zu beschimpfen und ihm mitzuteilen, was sie von ihm dachte und dass sie ihn ein für alle Mal vergessen hatte, dass sie ihn nicht brauchte, dass …

Und jetzt stand er einfach so in ihrem Türrahmen, sah überirdisch toll aus und trat einen Schritt auf sie zu. Seine Hand berührte zärtlich ihre Wange, und er strich ihr behutsam eine Strähne aus dem Gesicht. »Polly, es tut mir so leid.« Sanft nahm er ihr Gesicht in seine Hände und kam näher. »Ich kann und will nicht ohne dich sein. Polly, bitte verzeih mir.«

Dann küsste er sie zärtlich. Polly schmolz dahin, wollte, dass dieser Kuss nie endete, es fühlte sich so gut an, so was von gut, dass eine Geige in ihrem Kopf liebreizende Musik spielte. Sie öffnete die Augen, streichelte über Flos Gesicht, strich durch sein wuscheliges Haar … und dann sah sie ihn, den kleinen, fetten, fiesen Engel, der über ihnen schwebte, sie dreist anlächelte und ihr dabei zuzwinkerte …

Mit einem Ruck wachte Polly auf. Nein. Nein!

Sie brauchte eine Weile, um sich zu orientieren. Sie war nicht in Köln, und Flo hatte nie an ihrer Tür geklingelt. Flo war weg. In Australien. Nach sechs gemeinsamen Jahren hatte er ihr mitgeteilt, dass sie doch nicht die Frau seines Lebens sei. Genau so hatte er es formuliert. Fünf Wochen vor der Hochzeit. Sechs Wochen später war er ausgewandert und einfach auf einen anderen Kontinent verschwunden.

Und sie saß mutterseelenallein mitten in der Toskana, und die kleine, fiese, fette Putte hatte ihr einen Streich gespielt.

Wütend stand Polly auf und blickte aus dem Fenster. Sie hatte den ganzen Nachmittag verschlafen. Sie war kurz davor, in Tränen auszubrechen.

Warum hatte sie nicht einfach früher gemerkt, dass irgendetwas nicht stimmte? Dass sie es war, die sich unbändig auf die Hochzeit und das gemeinsame Leben freute, er sich immer mehr aus den Vorbereitungen zurückzog? Wie schwer war es gewesen, Familie und Freunden mitzuteilen, dass es keine Hochzeit geben würde!

Polly öffnete das Fenster und atmete tief durch. Kati hatte recht, er war dann doch eher ein Enrique Iglesias für Arme. Genau das war er! Flo und seine Artgenossen konnten ihr gestohlen bleiben. Wer brauchte schon einen Mann? Sie würde sich jetzt erst einmal selbst verwirklichen! Nach einer ausgiebigen Dusche zog sie ihre Lieblingsjeans und ein blauweiß gestreiftes T-Shirt an und schlüpfte in ihre roten Ballerinas. Und dann machte sie sich auf die Suche nach dem Grund ihres Aufenthalts in der Toskana.

Polly ging die kleine Gasse entlang. Auf Signore Vitos Plan hatte sie gesehen, dass das Atelier unterhalb der gegenüberliegenden Häuserzeile lag. Links gegenüber ihrer Wohnung führte eine kleine Steintreppe in einen riesigen Garten mit knorrigen Olivenbäumen. Es duftete herrlich nach Lavendel und Rosen. Sie schloss die Augen, atmete den Duft tief ein und blieb eine Weile mit geschlossenen Augen stehen. Plötzlich vernahm sie klassische Musik. Als sie ihre Augen öffnete, sah sie Liv Andersen auf sich zukommen.

»Schubert. Wunderbar, nicht? Ich finde, seine Musik ist wie für die Toskana gemacht. Mahler kann ich hier hingegen nichts abgewinnen. Buon giorno Polly, schön, Sie wiederzusehen!«, sagte sie mit leichtem nordischem Akzent und nahm sie herzlich in die Arme. »Ich habe heute Nachmittag bei Ihnen geklopft, aber Sie haben wahrscheinlich geschlafen? Jetzt haben wir uns gefunden. Kommen Sie, ich zeige Ihnen mein Atelier.«

Liv hatte ihre langen, graublonden Haare zu einem losen Knoten zusammengebunden. Sie trug einen langen, schwarzen Rock, dazu ein enges altrosafarbenes T-Shirt, über das sie eine hellgraue Wickelbluse geknotet hatte. Polly wusste, dass sie vor vier Jahren 60 geworden war, fand jedoch, dass man ihr das Alter nicht ansah. Im Gegenteil: Liv hatte noch immer eine tolle Figur und bewegte sich ausgesprochen elegant und selbstsicher. Sie strahlte Grazie aus.

»Da sind wir, das ist mein Reich«, sagte sie nun und strahlte dabei herzlich. »Seit drei Jahren habe ich dieses Atelier. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie schwer es war, die Baugenehmigung zu bekommen. Dabei war die alte Scheune total verfallen. Aber wir sind hier nicht in Dänemark und erst recht nicht in Deutschland. Die italienischen Mühlen mahlen langsam. Und dann die Handwerker …«, sie zwinkerte Polly zu. »Aber jetzt ist es fertig, und in zwei Wochen, du meine Güte, schon in zwei Wochen soll genau hier meine nächste Vernissage stattfinden!«

Polly sah sich um. Livs Atelier war großzügig. Durch große Fensterfronten fiel helles Licht in den Raum. Die Wände waren in Weiß gehalten, und als Bodenbelag waren die alten Terrakotta-Steine erhalten geblieben. An den Wänden hingen vereinzelt Livs Bilder, großformatige Darstellungen mittelalterlicher Heiligenbilder, modern interpretiert und in Naturfarben gehalten.

Polly fand, dass sich Atelier und Bilder zu einer perfekten Einheit fügten. »Haben Sie schon meine Rosen gesehen?«, fragte Liv begeistert und zog Polly hinter sich her ins Freie, wo mehrere Rosensträucher an der Fassade ihres Ateliers emporrankten. »Riechen Sie mal daran, wunderbar, nicht? Wissen Sie, dass das die ersten eigenen Rosen meines Lebens sind? Selbstgepflanzt. Ich meine, Signore Vito hat mir bei der Auswahl geholfen und mich auch bei der Erde beraten. Aber das hier sind meine ersten eigenen Rosen. Und in zwei Wochen, zur Vernissage, werden sie in voller Pracht blühen!« Liv strahlte, und Polly wusste nicht so recht, was sie sagen sollte. Die Künstlerin sprühte nur so vor Energie und Lebensfreude. Polly war beeindruckt, und das Einzige, was sie über die Lippen bekam, war: »Es ist wirklich wunderschön hier.«

Liv lachte: »Ja, das ist es in der Tat. Und soll ich Ihnen mal was sagen? Ich bin froh, dass Marita Sie geschickt hat. Unter uns, Ihren Kollegen Max Wagner hätte ich keinen Tag ertragen.« Polly musste lächeln. Jetzt war ihr Liv noch sympathischer. »So, wenn Sie mich gut porträtieren wollen, müssen Sie mich schließlich besser kennenlernen. Was halten sie davon, wenn wir zusammen essen gehen? Vito hat Ihnen bestimmt von der Osteria seines Bruders erzählt. Die Pasta ist wirklich unglaublich. Was meinen Sie? Haben Sie Lust?«

Und wie Polly Lust hatte. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie, abgesehen von einem Sandwich am Flughafen und dem kleinen Imbiss im Flugzeug, heute noch gar nichts gegessen hatte. »Das würde ich sehr gerne!«, entgegnete sie.

»Gut, dann hole ich Sie in einer halben Stunde in Ihrer Wohnung ab. So, in meiner Arbeitskleidung, kann ich nicht unter Leute. Einverstanden?« Polly nickte fröhlich, und Liv sperrte ihr Atelier zu. »Ja, einverstanden!«

*

Polly saß auf ihrem Sofa und war einfach nur begeistert von Liv. Dann fiel ihr ein, dass sie versprochen hatte, ihre Chefin anzurufen, also ging sie in ihr Schlafzimmer und nahm das Handy vom Schreibtisch. In der Villa gegenüber brannte Licht. Also wohnte jemand dort. Polly blickte eine Weile hinüber, dann wählte sie Maritas Nummer. »Berger.« »Hallo Marita, Polly hier!«

»Polly, schön von dir zu hören. Bist du gut angekommen? Und hast du Liv schon getroffen?«

»Ja, das habe ich. Wir gehen gleich zusammen essen.«

»Oh, wie schön! Ach, was wäre ich jetzt gerne dabei. Dann hab Spaß heute Abend. Grüß Liv bitte lieb von mir. Wir hören uns. Ciao. Ciao.«

»Tschüs, Marita.« Doch Marita hatte bereits wieder aufgelegt.

Polly lehnte sich im Schreibtischstuhl zurück und klappte das Notebook auf. Vielleicht sollte sie ihre Eltern kurz wissen lassen, dass sie gut angekommen war. Sie kannte schließlich ihre Mutter, die gleich wieder nicht richtig schlafen konnte, weil Polly alles Mögliche zugestoßen sein könnte. Sie hatte keine große Lust, bei ihren Eltern anzurufen. Seit Flo Polly verlassen hatte, behandelten sie sie wie ein rohes Ei. Polly wusste, dass ihre Mutter hilflos war und nicht genau wusste, wie sie sich ihr gegenüber verhalten sollte. Nein, auf die besorgte Stimme ihrer Mutter hatte sie keine Lust. Polly öffnete ihr Mailprogramm. Kati und Bea hatten E-Mails geschrieben. Zuerst öffnete sie Beas E-Mail:

Buon giorno, Schwester. Das sind ja wunderbare Neuigkeiten. Dein erster richtiger Beitrag! Das feiern wir, wenn du wieder da bist. Muss zurück, der Mini ruft. Ich drück dich. Bea

Ihre große Schwester. Polly wusste, dass Bea sich für sie freute und dass sie dankbar war, dass ihre kleine Schwester auf diese Weise aus ihrer Kölner Wohnung und somit auch aus dem Drama der letzten Wochen geholt worden war. Bea und Kati waren die Einzigen gewesen, die versucht hatten, in der Zeit nach Flo normal mit Polly umzugehen. Bea auf ihre verständige Art, die Polly manchmal in Rage versetzen konnte. Ihre Schwester war fünf Jahre älter und seit sieben Jahren glücklich verheiratet. Polly mochte ihren Schwager Theo und liebte ihre beiden Neffen Finn und Mattes. Jetzt war Bea schwanger mit Nummer drei. Genau so ein Leben hätte sie mit Flo auch gern geführt. Bea hatte Flo nie so richtig gemocht, das war deutlich zu spüren gewesen. Aber Bea hatte akzeptiert, dass es Pollys Leben und Pollys Entscheidungen waren. Als Flo sie dann verlassen hatte, war sie für Polly da, uneingeschränkt und ohne Kommentare, genau wie auch Kati.

Die beiden hatten sich in Pollys erstem Semester kennengelernt. Polly war gerade zum Studium nach Köln gezogen. Vom Dorf in die Millionenstadt. Und in der WG, in die sie zog, schien Kati nur auf sie gewartet zu haben.

In der Zeit nach Pollys Trennung hatte sie immer wieder versucht, Polly zum Lachen zur bringen und sie aus den eigenen vier Wänden rauszuholen. Sie war die schlagfertigste Person, die Polly kannte. Eine Eigenschaft, die Polly sehr an ihrer Freundin bewunderte. Außerdem war Kati fröhlich und lebenslustig, immer dazu aufgelegt, zu flirten. Eine feste Beziehung war nicht ihr Ding. Polly dagegen hatte sich immer als Beziehungsmensch gesehen. Sie brauchte eine feste Bindung, um sich wohl und aufgehoben zu fühlen. Kati liebte ihr Singledasein und vertrat die feste Meinung, dass es gar nicht möglich wäre, das Leben mit ein und derselben Person zu verbringen.

Italien!! Polly, Wahnsinn! Aber warum ohne mich?! Ich sitze hier im Dauerregen und korrigiere Deutscharbeiten, und du hockst in Italien und genießt la dolce vita! Was genau sollst du erledigen? Oder bist du auf geheimer Mission? Ich bin gespannt. Mensch, warum warst du auch so doof und hast dein Handy in den Rhein geschmissen, jetzt kann ich dich gar nicht erreichen … Ich bin doch so neugierig! Genieß die Pasta, Pizza, den Vino und die Männer im Land von Amore – so ein Latin Lover würde dir guttun –, und denk mal an deine arme Freundin im grauen Deutschland!

Polly schüttelte den Kopf. Das war so typisch für Kati. Zu Beginn ihrer Freundschaft hatten sie Katis Offenheit und direkte Art teilweise verwirrt, jetzt musste sie schmunzeln, weil sie wusste, wie Kati es meinte.

Nachdem sie eine kurze Mail an ihre Eltern geschrieben hatte, klappte sie ihr Notebook zu und blickte aus dem Fenster. Ihr war, als hätte sie gegenüber in der Villa einen Schatten wahrgenommen, als sie jedoch genauer hinschaute, war der Schatten verschwunden. Polly ging ins Bad, frischte ihr Make-up auf, und dann klopfte auch schon Liv.

Mit einer Taschenlampe bewaffnet, stapften die beiden durch den Olivenhain Richtung Pesano. Polly atmete den Duft der knorrigen Bäume tief ein und genoss die Aussicht auf beleuchtete Weiler in der Ferne.

»Wunderbar, nicht?«, sagte Liv, als könnte sie Pollys Gedanken lesen, »ich habe in keinem Moment bereut, hier zu leben!«

Polly konnte nur nicken, der Zauber der Landschaft hatte sie eingefangen.

Liv bog nach rechts ab und führte sie nun durch einen Weinberg, an dessen Fuß die Lichter Pesanos leuchteten. »Schauen Sie, die einladenden Lichter gehören schon zur Osteria von Vitos Bruder.«

»Kann ich auch bei Tag hier entlanggehen, oder muss ich auf den Schutz der Dunkelheit warten?«, fragte Polly schmunzelnd. Liv hatte einen wunderschönen Weg gewählt, aber ob es tagsüber auch angemessen war, über das Grundstück fremder Leute zu laufen?

»Natürlich!«, entgegnete Liv bestimmt. »Wissen Sie, Polly, dieses Land gehört dem Lord, und Vito bewirtschaftet es für ihn. Der alte Herr kommt kaum mehr aus seiner Villa und lebt die letzten Jahre sehr zurückgezogen.«

»Der Lord?«

»Hat Ihnen Marita nicht gesagt, wie es mich nach Certona verschlagen hat?« Polly schüttelte den Kopf. »Eine wunderbare Geschichte! Ich werde sie Ihnen beim Essen erzählen.«

»Ciao, Liv!« Ein älterer Herr mit grauen Locken kam auf Liv zugestürmt. »Schön, Sie wiederzusehen! Und welch bezaubernde Signorina haben Sie da mitgebracht?« Er gab Liv formvollendet einen Handkuss und verbeugte sich fröhlich lachend vor Polly.

»Polly, dass ist Giuseppe, Vitos älterer Bruder. Giuseppe, das ist Polly Sommer. Sie wird ein paar Wochen bei mir bleiben und mich bei der Arbeit filmen.« »Ah, verstehe, na dann kommen Sie«, sagte er mit genau dem gleichen charmanten Akzent wie sein Bruder und führte beide in den Garten seiner Osteria.

»Liv, buona sera!«, zu Giuseppe hatte sich eine kleine, rundliche Frau in seinem Alter gesellt, die Liv ebenso freundlich in den Arm nahm. »Und Sie müssen Polly sein. Mein Schwager hat erwähnt, dass Liv ab heute Besuch hat. Ich bin Lucia. Benvenuta!« Lucia umarmte Polly so herzlich, dass sie sich gleich zu Hause fühlte.

»Grazie!«, sagte Polly lachend. »Allora, wo wollt ihr sitzen? Warte, warte! Ich habe einen tollen Tisch!« Giuseppe führte sie zu einem kleinen Tisch, der unter einer Weinlaube stand. Polly fand alles bezaubernd, die Osteria, Giuseppe und Lucia, den Tisch mit seiner rotweiß karierten Decke, die Lampions, die in den Bäumen hingen, und die verwunschene kleine Weinlaube, unter der ihr Tisch stand.

»Was wollt ihr trinken?«

»Ich nehme den roten Hauswein. Was ist mit Ihnen, Polly?« »Da schließe ich mich sehr gerne an!« Giuseppe nickte, verschwand im Lokal und kam kurz darauf mit einer Karaffe Wein, zwei Gläsern und der Speisekarte wieder. »Prego!«, sagte er, als er ihnen den Wein in die Gläser füllte.

»Salute!«, Liv erhob ihr Glas. »Ich freue mich auf die nächsten Wochen. Und wenn wir gut zusammen arbeiten wollen, dann sollten wir uns doch auch duzen? Was meinst du?«

»Sehr gerne!«

»Allora, dann auf Liv und Polly!« Liv hob ihr Glas.

»Auf Liv und Polly!«, erwiderte Polly, und beide stießen lachend an. Der Rotwein schmeckte köstlich.

»Was kannst du mir empfehlen?«, fragte Polly. »Ich liebe Lucias hausgemachte Tagliatelle mit Wildschweinragout. Dafür könnte ich sterben, und es soll sogar Menschen geben, die abends aus Siena nach Pesano kommen, nur um Lucias Ragout zu essen. Aber auch die selbstgemachten Gnocchi mit Pesto sind ein Traum!«

Polly studierte die Karte. Das letzte Mal hatte sie im Flugzeug gegessen, und sie merkte, wie ihr der Rotwein direkt zu Kopf stieg. Giuseppe kam wieder an den Tisch: »Die Damen, was darf es sein?«

»Ich nehme die Tagliatelle mit Wildschweinragout«, sagte Polly. Liv entschied sich für frischen Fisch von der Tageskarte. »Buono. Kommt sofort!«, lächelte Giuseppe und verschwand wieder in der Osteria.

»Liv!« An einem anderen Tisch hatte eine elegante Dame Liv entdeckt und winkte ihr zu. »Ah, Claudia Matterazza, eine alte Freundin. Ich bin gleich wieder zurück.«

Polly blickte sich um. Die Osteria war sehr gut besucht, fast alle Tische waren besetzt. Die Gäste plauderten angeregt miteinander, und alle wirkten fröhlich und zufrieden. Polly schüttelte den Kopf. Gestern Abend hatte sie allein feuchtfröhlich im verregneten und grauen Köln ihren Abschied von Flo gefeiert und heute saß sie in einer malerischen kleinen Osteria in der Toskana. Und es ging ihr gut. Sollte Flo doch Schafe züchten oder Kiwis pflücken. Es war ihr egal, dass er an einem Abend wie diesem nicht bei ihr war. Heute war es gut, allein zu sein. Polly schenkte sich Wein nach und prostete sich selbst zu: »Auf dich, Polly Sommer und darauf, dass du nun erst einmal dein Leben lebst! Ohne Mann!«

»Da bin ich wieder!« Liv setzte sich. »Entschuldige, aber wir hatten uns eine ganze Weile nicht gesehen. So, und jetzt habe ich Hunger!« Wie aufs Stichwort erschien Giuseppe mit dem Essen. »Buon appetito

Liv hatte nicht zu viel versprochen, das Essen war köstlich, und sie unterhielten sich angeregt. Polly fand es interessant und spannend, Liv zuzuhören. Von April bis September lebte sie in Certona und ließ sich von dem Ort berauschen und inspirieren. Die Herbst- und Wintermonate gehörten jedoch ihrem geliebten Kopenhagen.

»Weißt du, ich liebe die Landschaft der Toskana, die reiche Kultur, die Wärme und das Licht, aber ich liebe ebenso das Leben in der Großstadt, den dunklen und klaren Winter Kopenhagens, die Gemütlichkeit. Es sind diese Kontraste, die mich inspirieren. Ich habe den Luxus zweier Welten, und den gebe ich nicht mehr her!«

Polly faszinierte Livs Lebensweise. »Bist du verheiratet?«, fragte sie.

»Und ob! Seit 30 Jahren! Und das ausgesprochen glücklich!«, antwortete Liv lachend. »Ich habe das große Glück, einen Mann zu haben, der genauso viel Zeit für sich braucht wie ich für mich. Jens ist Architekt und liebt seinen Beruf ebenso wie ich meinen.« Liv lächelte. »Er hat Projekte in der ganzen Welt und ist viel unterwegs. Wir haben eine Abmachung. Sechs Monate verwirklichen wir uns alleine, ich hier, er, wohin auch immer ihn seine Bauprojekte ziehen, und die anderen sechs Monate gehören ausschließlich uns. Du wirst ihn kennenlernen, wenn er zur Vernissage kommt. Mhm, köstlich der Fisch! Und, habe ich mit dem Wildschweinragout zu viel versprochen?«

»Ich liebe es!«, antwortete Polly. »Liv, wie hast du diesen Ort gefunden?« »Ich würde eher sagen, Certona hat mich gefunden«, entgegnete Liv geheimnisvoll lächelnd und bestellte eine weitere Karaffe Rotwein. »Mein Vater war dänischer Diplomat, deswegen bin ich teilweise in England aufgewachsen. Später habe ich auf der Kunstakademie in Wien Malerei studiert, während meine Eltern nach wie vor in London lebten, weil mein Vater Staatssekretär in der dänischen Botschaft war. Meine Eltern hatten in London einen großen Freundeskreis und führten, wie ich finde, ein illustres Leben. Vor allem meine Mutter genoss die vielen Empfänge, die Bälle.« Polly lauschte gebannt. Sie selber kam aus einem klitzekleinen 500-Seelen-Kaff in Niedersachsen, in dem es noch nicht mal Bürgersteige gab und dessen größtes gesellschaftliches Ereignis das alljährliche Erntefest samt Erntewagenumzug war. Die einzigen beiden Bälle, die sie vorweisen konnte, waren der Tanzschulabschlussball mit 14, auf dem sie mit Michi zwar einen Tanzpartner hatte, der ihr Großcousin und loyaler Kindergartenfreund war und von dem sie wusste, wie er nackt aussah, jedenfalls mit vier, der aber nicht sonderlich tanzen konnte, und der Abiball, auf dem sie alleine war, weil ihr erster Freund kurz vorher Schluss gemacht hatte. Spektakulär war ihr Leben bisher nicht gewesen. Polly schüttelte den Kopf und schenkte Liv und sich Wein nach.

»Zurück in Kopenhagen, als mein Vater in den Ruhestand ging, pflegten sie weiterhin ihre Kontakte. Du bist zu jung und warst zu der Zeit noch nicht auf der Welt, doch Ende der 70er Jahre wurde das britische Parlament durch einen Skandal erschüttert. Seit Jahren waren zwei adelige Brüder die Lieblinge der britischen Upper Class, Lord William und Lord Henry Dowler, beides sehr gutaussehende Männer aus einer alten, sehr wohlhabenden und überaus angesehenen Familie, aber ganz unterschiedlich im Temperament. Lord William Dowler, der ältere der beiden, galt als arrogant und rücksichtslos. Man sagte ihm nach, dass er für seine Karriere über Leichen ging. Meine Eltern beschrieben ihn immer als sehr kalt und herrisch, auch war er zynisch und bösartig. Trotzdem war er von Frauen umschwärmt. Die Macht, das Geld, der Titel, der Erfolg, sein Äußeres. Sein jüngerer Bruder Lord Henry Dowler war, was seinen Charakter betrifft, das genaue Gegenteil. Er war offen, weltgewandt und unsagbar

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