Logo weiterlesen.de
Aber bitte mit Sake

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Zitat
  8. Kapitel 1
    1. Lost in Translation, oder: Wieso zwischen Deutschland und Japan Welten liegen
  9. Kapitel 2
    1. Lost in Translation, oder: Weshalb der Japaner eine treue Seele ist
  10. Kapitel 3
    1. Lost in Translation, oder: Weshalb dem Japaner sein Bad heilig ist
  11. Kapitel 4
    1. Lost in Translation, oder: Warum der Japaner in der Öffentlichkeit schläft
  12. Kapitel 5
    1. Lost in Translation, oder: Warum die Japaner überall ihre Schuhe wechseln
  13. Kapitel 6
    1. Lost in Translation, oder: Warum die Japaner Regeln lieben
  14. Kapitel 7
    1. Lost in Translation, oder: Warum die Japaner anders speisen als wir
  15. Kapitel 8
    1. Lost in Translation, oder: Warum die Japaner Manga und Anime lieben
  16. Kapitel 9
    1. Lost in Translation, oder: Wie man einen Kimono richtig trägt
  17. Kapitel 10
    1. Lost in Translation, oder: Warum die Japaner so heiß auf weiße Haut sind
  18. Kapitel 11
    1. Lost in Translation, oder: Warum die Japaner es lieben, in Gruppen unterwegs zu sein
  19. Kapitel 12
    1. Lost in Translation, oder: Warum es in Japan Hibakushas gibt
  20. Kapitel 13
    1. Lost in Translation, oder: Warum die Japaner so gerne Origami falten
  21. Kapitel 14
    1. Lost in Translation, oder: Warum die Japaner so harmoniebedürftig sind
  22. Kapitel 15
    1. Lost in Translation, oder: Warum Blutgruppen für Japaner so wichtig sind
  23. Kapitel 16
    1. Lost in Translation, oder: Wie Japaner Urlaub machen
  24. Kapitel 17
    1. Lost in Translation, oder: An was die Japaner glauben
  25. Kapitel 18
    1. Lost in Translation, oder: Was wir von den Japanern lernen können
  26. Danksagung

Über die Autorin

Dana Phillips ist das Pseudonym der Journalistin Jule Gölsdorf und einer Freundin. Die beiden schreiben gemeinsam, haben bereits zusammen im Hörfunk und beim Fernsehen gearbeitet und sind seit vielen Jahren befreundet. Aufgewachsen sind sie im niedersächsischen Hannover.

Mehr über Dana Phillips finden Sie unter www.dana-phillips.com

Jule Gölsdorf ist Journalistin und Moderatorin, präsentiert die Nachrichten bei n-tv und moderiert die tägliche Nachmittagssendung Hallo Hessen im Hessischen Rundfunk. Von 2003–2012 war Jule das Gesicht der Kindernachrichtensendung logo!, die 2010 mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde.

Dana Phillips

Aber bitte
mit Sake!

Auf Kreuzfahrt mit 1000 Japanern

Für alle Weltenbummler

»Manchmal muss man um die halbe Welt reisen, um ein Ganzes zu werden.«

Lost in Translation

1

Schiff.tif

Gericht: Onigiri

Japaner des Tages: Kyohei – der besonnene Pilot

Place to be: Über den Wolken

Erkenntnis: Alles bleibt anders

Ich blicke in die Tiefe. Tausende von Metern unter mir in der Finsternis liegt Russland. Ab und zu fliegen wir über eine größere Stadt, deren Lichter durch die kalte Januarnacht zu uns heraufschimmern. Es ist ruhig im Cockpit des Airbus 380. Ich höre mein Herz klopfen. Tief einatmen, Dana!, denke ich und versuche krampfhaft, aufrecht zu stehen, obwohl ich sicher bin, dass meine Beine in Kürze versagen.

»Bei Tageslicht sieht man von hier aus die Erdkrümmung.« Kyohei, der holländisch-japanische Pilot, deutet mit der Hand aus dem Cockpit hinaus auf einen unbestimmten Punkt in der Dunkelheit. Ich versuche das Bild zu verscheuchen, das vor mir auftaucht: Ein einsames Flugzeug, das in schwindelerregender Höhe den Erdball umfliegt. Vor lauter Flugangst fällt mir das Atmen schwer. Rationale Erklärungs- und Beruhigungsversuche sind nutzlos. Das Ausgeliefertsein, der Kontrollverlust, das Wissen, dass ich keinen Einfluss darauf habe, was geschieht, all das beunruhigt mich. Kyohei wirft mir einen kurzen Seitenblick zu.

»Du kannst dich ruhig hinsetzen und einen Moment bleiben.« Das lasse ich mir nicht zweimal sagen und gleite auf den freien Platz hinter ihm. Kyohei beginnt in aller Seelenruhe, mir die technischen Geräte zu erklären.

Ich hasse Langstreckenflüge. Aber gegen meine Chefin Carla, die in der Frühlingsausgabe unseres Frauenmagazins Komplizin einen Japan-Schwerpunkt bringen will, bin ich machtlos. Eigentlich sollte unsere chinesische Redakteurin Mei-Ling – normalerweise für den Beauty-Bereich zuständig – nach Japan reisen, da sie von uns allen den größten Asienbezug hat. Eine Woche vor Abflug stolperte Mei-Ling allerdings unglücklich über Karl, ihren Riesenpudel, und brach sich ein Bein. Es folgte eine außerplanmäßige Redaktionskonferenz, bei der wir uns mit ratlosen Gesichtern gegenübersaßen.

»Ihr Lieben«, eröffnete Carla die Sitzung. »Mei-Ling hat sich die Haxe gebrochen und ist ans Bett gefesselt. Das heißt, wir müssen uns etwas Neues für unsere Frühlingsausgabe einfallen lassen. Wer hat eine Idee?« Sie zückte ihren Kugelschreiber, ein Zeichen für uns, dass uns jetzt bitte etwas einfallen sollte.

»Also …«, brach ich zögernd das Schweigen, »wir könnten trotzdem Sushi-Rezepte und Deko-Tipps mit japanischem Touch bringen, frei nach dem Motto: Holt euch das Kirschblütenfest nach Hause.«

»Ohne eine Reportage ist das langweilig!« Ellen, Fotografin bei der Komplizin und meine beste Freundin, schüttelte den Kopf. »Sushi und Sashimi sind irgendwie passé. Inzwischen bekommt man die japanische Küche sogar schon in Itzehoe und Idar-Oberstein. Und einen Kirschblütenschwerpunkt ohne Japan im restlichen Heft zu thematisieren, macht auch wenig Sinn.«

»Also, ich finde, wir sollten das Japan-Special retten!« Annika aus der Moderedaktion schaute unzufrieden und zupfte an ihrem Alexander-Wang-Outfit. »Ich hatte schon so gute Ideen für die Fotostrecke.«

»Sehe ich genauso!« Der schwule Georg, der für die Horoskope zuständig ist, schlug sich natürlich auf ihre Seite. »Ich würde statt dem gängigen Horoskop auch lieber die Blutgruppen-Analyse machen, an die sie in Japan statt der Sternzeichen glauben. Das ist wirklich originell! Kann nicht einfach jemand anderes aus der Redaktion fahren?«

»Na gut.« Carla blickte in die Runde. »Wer fliegt am Samstag für eine Woche nach Tokio, um von dort nach Yokohama zu fahren und dann für sechs Wochen gemeinsam mit tausend Japanern auf einem Kreuzfahrtschiff den Pazifik zu überqueren?« Die Reportage über das Peaceboat, eine japanische Nicht-Regierungsorganisation, die im Namen des Weltfriedens dreimal pro Jahr den Erdball umrundet, war das Herzstück der Konzeption. Denn nirgendwo kann man der japanischen Volksseele so nahe kommen, wie in diesem schwimmenden Mikrokosmos. Dort mitfahren wollte aber außer Mei-Ling anscheinend niemand von uns. In der folgenden Viertelstunde brachten alle Anwesenden plausible Gründe vor, weshalb sie in Berlin für einen so langen Zeitraum unentbehrlich waren.

»Was ist denn mit Dana?« Es war natürlich Tessa, Sekretärin und Gemeindeposaune, die schließlich den unsäglichen Vorschlag machte, mich auf Reisen zu schicken. »Du hast keine Familie, dein Freund lebt in Italien, was hält dich schon hier?« Georg, einziger Mann unserer Redaktion, war sofort Feuer und Flamme. »Außerdem hast du doch im vergangenen Jahr diese hübsche Reportage ›Do Italians better?‹ über die italienischen Latin-Lover geschrieben. Was für eine Blutgruppe hast du?« Er zückte eifrig den Kugelschreiber.

Über Carlas Gesicht glitt ein Lächeln. »Gute Idee«, sagte sie, noch bevor ich Gelegenheit hatte zu antworten. »Du schreibst die Reportage über das japanische Kreuzfahrtschiff, berichtest über japanische Sitten, Riten und Traditionen. Und die Kochrezepte für dein Ressort kannst du vor Ort auch viel besser recherchieren als hier.«

»Ich spreche kein Wort Japanisch. Und ich habe Flugangst!«, versuchte ich abzuwehren, obwohl ich schon ahnte, dass die Schlacht längst verloren war.

»Das macht nichts.« Carla, die unsere Sitzung als beendet ansah, war aufgestanden. »Für die Reportage ist es besser, wenn du so unvoreingenommen wie möglich an die Begegnung mit dem Fremden heran gehst. Überleg es dir bis morgen.«

Als ich an diesem Abend die Redaktion verließ, war ich fest entschlossen, den Auftrag abzulehnen. Dana allein in Japan. Was für eine irrwitzige Idee! Ich bin schließlich keine Reise- sondern Foodjournalistin und Ökotrophologin. Die Italienreportage, die ich vor einiger Zeit geschrieben habe, war eine Ausnahme. Zudem verspürte ich keinerlei Bedürfnis, mit tausend Japanern den Ozean zu überqueren. Aber nach einem quälenden Telefonat mit meinem italienischen Freund Raffaele, der in Mailand lebt und mit dem ich seit einem Dreivierteljahr eine Fernbeziehung führe, lag ich die halbe Nacht lang wach und weinte in mein Kopfkissen. Als der Morgen dämmerte und ich immer noch kein Auge zugetan hatte, beschloss ich, dass jetzt möglicherweise genau der richtige Moment für eine Auszeit gekommen war.

Und da sitze ich nun, über den Wolken, gespannt auf den Kulturschock, der mich außerhalb meiner Komfortzone erwartet. Immerhin geht mein Puls langsam wieder gleichmäßiger.

Kyohei greift neben sich und fischt etwas zwischen den Sitzen hervor. »Möchtest du?«

»Was ist das?« Neugierig beuge ich mich zu ihm hinüber.

»Ein Onigiri. Ein japanischer Reis-Snack, mit Algen umwickelt und zum Beispiel mit Lachs gefüllt.« Geschickt zieht Kyohei die Verpackung ab und verschlingt das dreieckige Reisteilchen mit zwei Bissen. Ich versuche es ihm nachzumachen, aber natürlich zerfällt mein Onigiri in zwei Teile, die ich nun mühselig von meinem blauen Rock klaube.

»Ich nehme an, du warst noch nie in Japan?«

»Weshalb? Weil ich nicht in der Lage bin, anständig japanische Reistaschen zu essen?«

Kyohei lacht. »War nur so eine Vermutung.«

»Ich war wirklich noch nie in Asien. Ich bin Journalistin und arbeite für eine Frauenzeitschrift, die Komplizin. Für die soll ich eine Reportage über Japaner schreiben. Oder besser: Über die Unterschiede zwischen der deutschen und der japanischen Kultur. Deswegen fahre ich für knapp zwei Monate auf einem japanischen Kreuzfahrtschiff mit. Wir legen in Yokohama ab und weil das in der Nähe von Tokio ist, recherchiere ich dort noch ein paar Tage für unser Heft.« Kyohei lacht wieder.

»In Tokio wirst du mit Sicherheit einiges über meine Landsleute herausfinden. Die sind manchmal ganz schön seltsam. Aber eine Kreuzfahrt? Meinst du nicht, das ist langweilig auf Dauer? Auf diesen Schiffen sind doch meistens nur alte Leute.«

»Auf diesem nicht. Das Peaceboat fährt dreimal im Jahr um die Welt, um Menschen aus verschiedenen Nationen miteinander zu verbinden und sich für Frieden einzusetzen. Wir fahren von Yokohama aus nach Tahiti, Peru, Panama, Jamaika und Kuba. Von dort aus fliege ich zurück, aber das Peaceboat fährt mit den restlichen Passagieren weiter um den Erdball, über Afrika und Europa zurück nach Japan.«

Ein Funkspruch unterbricht unser Gespräch. Kyohei richtet seinen Blick geradeaus, und auch ich schaue wieder hinaus ins Freie. Draußen bricht bereits die Morgendämmerung an. Schon bald ist der Himmel in glutrotes Licht getaucht. Unter uns wird erst schemenhaft, dann deutlicher, Land sichtbar.

»Die Inseln, die du dort unten siehst, das ist Japan. Jetzt dauert es nicht mehr lange, bis wir landen«, sagt Kyohei und komplimentiert mich sanft aber bestimmt aus dem Cockpit.

Lost in Translation, oder: Wieso zwischen Deutschland und Japan Welten liegen

Eine Kolumne von Dana Phillips

Liebe Komplizinnen! Zwischen alter Tradition und modernem High-Tech ist Japan ein gleichermaßen faszinierendes wie rätselhaftes Land. Kommen Sie mit und verlassen Sie gemeinsam mit mir die westliche Welt, um herauszufinden, wie das Leben im fernen Osten funktioniert. Ich frage Sie zu allererst einmal: Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an Japan denken? Kimonos, Kabuki-Theater, Edo-Kultur, Zen, Schreine und buddhistische Tempel? Oder Neonleuchtreklamen, Karaoke-Boxen, Automaten mit gebrauchter Unterwäsche und Shinkansen-Schnellzüge? Höflichkeit und Zurückhaltung oder religiöse Freiheit? Ein unverkrampfter Umgang mit Nacktheit und Sexualität oder konventionelle und starre Riten?

Je nachdem, welcher Fraktion Sie angehören, zieht es Sie wahrscheinlich entweder zu den historischen Stätten und in die berühmten Teehäuser nach Kyoto, in ein Onsen, das traditionelle japanische Bad, oder aber nach Tokio, in die schicken Bars von Shinjuku oder die schrägen Dienstmädchen-Cafés in Akihabara.

So oder so, bei einem Besuch in Japan können Sie viel über die japanische Kultur, die Sitten und Gebräuche, die Ess- und Lebensgewohnheiten der Japaner lernen. Verstehen werden Sie dieses Volk dennoch keinesfalls auf Anhieb, denn der Japaner ist ein Meister der Gegensätze. Und so kommt es, dass uralte mythologische Traditionen, der Glaube an Übersinnliches und Geister genauso tief in der Kultur verankert sind, wie eine Vorliebe für Automaten- und Computerspiele. Den traditionellen Geishas, dem Tragen von Kimonos und rituellen Waschungen in den öffentlichen Bädern stehen Manga-Comics und überdimensionale Leuchtreklametafeln gegenüber. Dennoch haben wir Europäer ein einseitiges Bild von den Bewohnern des früheren Nippon: Der Japaner ist klein, verbeugt sich permanent, liebt Karaoke und ernährt sich ausschließlich von rohem Fisch. Aber entsprechen unsere Vorurteile, die wir dank Filmen wie Lost in Translation und japanischer Touristengruppen, die Heidelberg und Rothenburg ob der Tauber bevölkern, haben, auch der Wahrheit? Fotografiert der Japaner wirklich ständig? Ist er tatsächlich nie alleine unterwegs? Und weshalb kennen wir eigentlich keine japanischen Prominenten, während man in Japan vom nördlichen Hokkaido bis zum südlichen Kagoshima sowohl Thomas Mann als auch Oliver Kahn verehrt? Sind wir gegenüber unseren asiatischen Mitmenschen vielleicht zu ignorant oder gar zu arrogant? Unterschätzen wir sie? Möglicherweise ist der Japaner ganz anders als wir denken und vielleicht haben wir mit ihm ja auch das eine oder andere gemeinsam.

Nun, in einigen Wochen wissen wir mehr. Eines kann ich Ihnen aber jetzt schon versprechen: Wir werden auf dieser Pazifiküberquerung nicht nur viel über die fremde Kultur, sondern vor allem über uns selbst lernen.

Sayonara! Ihre Dana

2

Schiff.tif

Gericht: Wasabi-Steak mit Miso

Japaner des Tages: Der Schrein-Japaner

Place to be: Shinjuku

Erkenntnis: Die unerträgliche Langsamkeit des Seins

Unsanft setzt das Flugzeug auf der Landebahn des Airports Tokio Narita auf und drosselt ruckartig das Tempo. Während die Maschine zum Stehen kommt, wachen um mich herum langsam die restlichen Passagiere auf. Es sind fast nur Japaner. Ich frage mich immer noch, wie es ihnen gelungen ist, den kompletten Flug vom Start bis zur Landung einfach zu verschlafen. Neidisch habe ich beobachtet, wie einer nach dem anderen in Tiefschlaf gefallen ist. Jetzt reiben sie sich verwundert die Augen und wirken im Gegensatz zu mir taufrisch und ausgeruht. Innerlich und äußerlich zerknittert reihe ich mich zwischen meine putzmunteren Mitreisenden ein. Gemeinsam verlassen wir das Flugzeug durch die Gangway, durchqueren den Siebziger-Jahre-Komplex, laufen über Flure mit dicken Teppichen und über elektrische Rollbänder in Richtung Gepäckausgabe.

In Narita herrscht eine gespenstische Ruhe. Mir fehlt das wilde, hektische Gewusel, das ich bisher an jedem Flughafen dieser Welt beobachten konnte. Sollte der Geräuschpegel am Airport der größten Stadt der Erde nicht eigentlich eine unerträgliche Lautstärke erreichen? Nur ab und zu unterbricht eine unverständliche Durchsage die Stille. Auf den Werbetafeln blinken fremde Schriftzeichen. Automatisch blicke ich mich um. Ob es noch mehr Menschen wie mich gibt, die verloren durch die Hallen irren? Fliegen denn überhaupt keine Europäer nach Japan? Ich hebe mein Gepäck vom Band, dann durchlaufe ich die Passkontrolle. In der Ferne entdecke ich Kyohei, der umringt von adretten Stewardessen das Terminal verlässt. Wir winken uns von Weitem noch einmal fröhlich zu, dann suche ich den Stand der Autovermietung, um den Wagen abzuholen, den ich von Deutschland aus bestellt habe und mit dem ich die 60 Kilometer vom Flughafen bis in die Innenstadt von Tokio zurücklegen will. Endlich am Counter der Mietwagenfirma angelangt, falle ich aus allen Wolken: Die Frau am Schalter spricht zwar englisch, das Navigationssystem in meinem Auto hingegen nicht. Verblüfft starre ich sie an.

»Wie soll ich denn dann mein Ziel eingeben und woher weiß ich, welcher Route ich folgen muss?«

»Ahhhh!«, entfährt es der Dame am Counter, und ihr verständnisvolles Ahh klingt sehr japanisch.

Sie scheint das Problem erkannt zu haben, bückt sich hinter ihrem Tresen, öffnet eine Schublade und taucht wenig später mit einem Ordner in der Hand wieder auf.

»Das ist die Bedienungsanleitung für Ihren Wagen. Sie ist zwar auch auf Japanisch, aber ich übersetze Ihnen einfach, was die Zeichen bedeuten.«

»Sehr gut!« Ich bin erleichtert. »Haben Sie einen Stift? Dann mache ich mir direkt ein paar Notizen.« Die Japanerin sieht mich erschrocken an und zieht den Ordner unter meinen Händen fort.

»Nein, das geht nicht, der muss hier bleiben! Den dürfen wir nicht weitergeben. Aber ich kann die japanischen Zeichen übersetzen, und Sie können sich einfach ihre Bedeutung merken.« Es dauert eine Weile, sie davon zu überzeugen, dass ich schon genug damit zu tun habe, mich daran zu erinnern, um was für ein Modell es sich bei meinem Mietwagen handelt, und dass ich mit hundertprozentiger Sicherheit kein einziges Zeichen mehr wiedererkenne, wenn ich mit meinem Gepäck auf dem Parkplatz angekommen bin. Schließlich gibt sie nach, steht auf und begleitet mich zu meinem Auto. Dort tippt sie den Zielort des Hotels in das Navigationssystem ein. Etwas verlegen murmelt sie, so würde ich Akasaka, das Viertel in dem ich wohne, wohl finden. Dann verbeugt sie sich dreimal und sucht das Weite. Ich verstaue mein Gepäck im Kofferraum und laufe zielstrebig auf die linke Seite des Wagens, nur um festzustellen, dass sich das Steuer auf der rechten Seite befindet. In Japan herrscht offensichtlich Linksverkehr. Mir ist nicht ganz klar, warum ich davon nicht vorher erfahren habe! Ebenso unklar ist mir, wie ich es auf diese Weise bis nach Tokio schaffen und gleichzeitig auch noch die japanischen Schriftzeichen entziffern soll. Aber da mir nichts anderes übrig bleibt, reihe ich mich auf der richtigen Seite in den Verkehr ein, in der Hoffnung, dass auch die Autos vor mir die Hauptstadt und nicht Hokkaido, die nördlichste Region Japans, zum Ziel haben.

Die Fahrt ist anstrengend, obwohl nicht sehr viel Verkehr herrscht. Da von Tokio auch nach zwanzig Minuten auf der Autobahn immer noch nichts zu sehen ist, steuere ich die nächste Raststätte an. Ich habe Durst, aber der Verkäufer spricht kein Englisch, und so stehe ich zum zweiten Mal an diesem Tag ratlos vor blinkenden Leuchttafeln, auf denen in japanischen Schriftzeichen unidentifizierbare Snacks angepriesen werden. Kurz überlege ich, mir etwas aus einem der Automaten neben der Tür zu ziehen. Als ich aber feststelle, dass die einzelnen Fächer nicht nur, wie bei uns üblich, kalte Getränke, sondern auch heißen Kaffee oder Tee in Dosen enthalten, die tagelang warm gehalten werden, nehme ich von dem Gedanken Abstand, meine Experimentierfreudigkeit hält sich momentan noch in überschaubaren Grenzen. Das Hotel zu finden ist Herausforderung genug, denke ich, während ich den Wagen starte und mich wieder in den Verkehr einfädele. Zu meiner Erleichterung leiten mich die leuchtenden Pfeile des Navigationssystems, die alle japanischen Ansagen der elektronischen Stimme begleiten, tatsächlich nach Tokio-Akasaka.

Ich bin heilfroh, als ich endlich mein Hotel erreicht habe und den Wagen hinter dem Gebäude abstellen kann. Dann wuchte ich meine beiden Reisekoffer ins Freie. Mal zerrend, mal schiebend bugsiere ich sie in die Lobby. Es dauert eine halbe Ewigkeit, bis ich an der Rezeption einchecken kann. Nachdem ich kurz davor bin, die Geduld zu verlieren, weist die Dame hinter dem Tresen mir ein Zimmer zu. Nr. 71 ist so groß wie eine Streichholzschachtel. Es erfordert einiges Geschick, mein Gepäck und mich in dem Raum unterzubringen. Davon, dass Wohnungen in Tokio sehr klein und teuer sind, habe ich schon gehört, für Hotelzimmer scheint das Gleiche zu gelten. Auch das Bad ist winzig. Merkwürdigerweise hat es trotzdem eine Wanne. Ist den Japanern das Baden so wichtig, dass sie wertvolle Quadratmeter dafür opfern?

Während ich heißes Wasser einlaufen lasse, muss ich zu meiner Schande gestehen, dass dies nicht die einzige Frage ist, die sich in Bezug auf die japanische Kultur vor mir auftut. Kurz darauf sitze ich zwischen Schaumbergen und liste in Gedanken auf, was ich über Japan und die Japaner weiß. Aber die Liste ist kurz. Sie fotografieren gerne. Sie verbeugen sich. Sie tragen Kimonos und essen Sushi. Und: Sie fahren auf der linken Straßenseite. Das ist praktisch alles, was mir einfällt.

Eine Stunde später verlasse ich das Hotel. Die Gegend um die U-Bahnstation Akasaka wirkt extrem ruhig. Zumindest angesichts der Tatsache, dass Tokio eine Millionenmetropole ist. Es ist kalt und ich ziehe meinen Wintermantel fester um mich. Der Tag ist noch lang, aber mir fallen jetzt schon fast die Augen zu. Deshalb steuere ich direkt eine Filiale einer Kaffeehauskette an, die in der Nähe meines Hotels an einer Kreuzung liegt. Hätte ich doch bloß die Zeit gehabt, einen Basiswortschatz Japanisch aufzubauen! Dieser Auftrag aber kam so unerwartet, dass ich gerade noch Zeit hatte, meine Sachen zu packen. Das einzige Wort, das ich auf Japanisch sagen kann, ist daher »Prost«: Kanpai. Vielleicht sollte ich mir einen Sake, den man hier Nihonshu, also einfach japanischen Alkohol, nennt, bestellen. Aber für den ist es jetzt noch etwas früh. Ich reihe mich in die lange Warteschlange ein. Es fühlt sich seltsam an hier zu stehen, denn ich überrage alle Anwesenden mindestens um einen Kopf. Von allen Seiten wirft man mir interessierte Blicke zu. Ich fühle mich wie eine Giraffe im Zoo. Die Menschen vor mir bewegen sich, genau wie die Verkäuferin hinterm Tresen, nur in Zeitlupe. Ungeduldig wechsele ich von einem Bein auf das andere. Ob Langsamkeit wohl typisch japanisch ist?

»Einen kleinen Latte Macchiato bitte und ein Stück Käsekuchen mit Mohn«, sage ich auf Englisch, als ich endlich an der Reihe bin.

»Ahhhhhhh.« Die Bedienung schaut irritiert aus der adretten Schürze. Dann feuert sie eine Salve japanischer Sätze auf mich ab.

»Ich verstehe Sie nicht.« Hilflos zucke ich mit den Schultern. Dann entscheide ich mich dafür, meinen Wortschatz fragmentarisch zu gebrauchen.

»Kaffee?«

»Aooohhh, kohi, Kaffee!« Mein Gegenüber nickt eifrig. Na bitte.

»Käsekuchen mit Mohn?«, versuche ich es erneut.

»Ahhh, hai, hai«, haucht sie und verschwindet. Geht doch! Zufrieden lehne ich mich gegen den Tresen. Wir können uns eben auch dann verständigen, wenn wir nicht die gleiche Sprache sprechen. Wenig später kehrt die Verkäuferin mit einer Tasse Kaffee und einem Käseschinkentoast zurück. Verstört blicke ich sie an, dann nicke ich resigniert und transportiere mein Tablett zu einem Tisch. Aufgrund meiner fehlenden Japanischkenntnisse habe ich mindestens eine Viertelstunde lang den Betrieb aufgehalten. Dennoch harren die Menschen hinter mir seelenruhig aus. Kein Zeichen der Ungeduld, kein Füßescharren, kein Blick, der mich zur Eile treibt. Stattdessen unbewegte Gesichter, die nahelegen, dass alle Anwesenden so lange, bis sie an die Reihe kommen, einfach in die innere Emigration gegangen sind. In Deutschland hätte sich der kollektive Unmut längst über mir entladen.

Erschöpft von meinem ersten, nur halbwegs geglückten Kommunikationsversuch, wandere ich wenig später zu Fuß durch Akasaka, vorbei an Plattenbauten, internationalen Restaurants und japanischen Patisserien, in deren Schaufensterauslagen bunt verpackte Kuchen locken, bis zum Eingang eines Schreins. Ich blättere in meinem Stadtführer. Fünf Minuten von Tokio Midtown entfernt befindet sich Nogi-Jinja, ein kleiner Schrein mit einem Terrassengarten, der den in der Meiji-Ära (1868–1912) lebenden General Nogi Maresuke ehrt. Er war ein Held im Sino-Japanischen und Russisch-Japanischen Krieg. Als Kaiser Meiji starb, folgten Nogi Maresuke und seine Frau einer alten Samurai Tradition und begingen Selbstmord in ihrem Haus auf dem Schrein-Areal. Dem Herrscher freiwillig in den Tod folgen. Für meinen Geschmack ein bisschen zu viel Loyalität! Kopfschüttelnd betrete ich den Schrein durch ein Tor mit zwei Querbalken, das sogenannte Torii. Ein paar Schritte weiter stoße ich auf ein Waschbecken aus Holz, in dem ein paar Kellen schwimmen. Wozu das wohl gut ist? Das Areal überquerend, laufe ich an zwei Frauen vorbei, die auf einer Bank sitzen und Tee trinken. Nachdem sie mich aus den Augenwinkeln einen Moment beobachtet haben, stehen sie auf, um eine Holzplatte mit japanischen Zeichen zu beschreiben und sie an der Längsseite des Schreins zu befestigen, wo bereits unzählige weitere Holztafeln hängen. Was wohl auf ihnen geschrieben steht? Gebete? Wünsche? Die Frauen bewegen sich langsam zu einem Souvenir-Stand, wo sie eine längliche Holzbox schütteln, aus der zwei Stäbe fallen, die sie dann der Verkäuferin reichen. Im Gegenzug erhalten sie bedruckte Papierstreifen, die sie hurtig entfalten und aufmerksam studieren. Ich versuche mich nach ihrer Bedeutung zu erkundigen, aber natürlich spricht die Verkäuferin kein Englisch. Immerhin überreicht sie mir ein Papier, auf dem die Regeln für den Schreinbesuch auf Englisch erklärt werden. Ich habe mich natürlich bisher in keinem Punkt ordnungsgemäß benommen. Also noch mal von vorne. Zuerst zurück zu dem Waschbecken. Wasser in eine Kelle schöpfen und erst über die rechte, dann über die linke Hand gießen. Danach mit der rechten Hand Wasser in die Linke gießen und damit den Mund auswaschen. Und dann noch einmal mit der linken Hand eine Kelle Wasser über die rechte Hand geben. Anschließend das Areal überqueren, zum Honden, dem Bereich, der dem Kami, der verehrten Gottheit vorbehalten ist. Ihn darf man nicht betreten. Stattdessen soll ich in der dem Honden vorgelagerten Gebetshalle, der sogenannten Haiden, verweilen. Hier kann man einen Wunsch an den Kami richten, muss natürlich auch dafür besondere Verhaltensregeln beachten: Zuerst eine Münze in die dort aufgestellte Holzkiste, die Saisen-Bako, werfen. Dann die Glocke läuten und zweimal in die Hände klatschen. Angeblich macht man die Gottheit damit auf sich aufmerksam. Zum Abschluss muss man sich zweimal verbeugen. Was es mit den Holzplättchen und den Holzstäbchen auf sich hat, wird allerdings nicht erläutert.

»Sprechen Sie Englisch?«, versuche ich es bei einer der Schreinbesucherinnen, aber statt mir zu antworten kichert sie nur und verbeugt sich. Weshalb spricht eigentlich in einer modernen Metropole kein Mensch Englisch? Sind die Japaner immer noch so abgeschieden auf ihren Inseln im Pazifik, dass sie die Weltsprache ignorieren? Ich weise auf die Holzkiste mit den Stäben und male ein Fragezeichen in die Luft. Die Geste scheint der jungen Dame im Kimono etwas zu sagen.

»Ahhhhh. Omikuji! Fortune! Fortune!« Na bitte. Wenn ich sie richtig verstanden habe, handelt es sich um eine Zukunftsvorhersage, eine Art Lotterie-Orakel. Ich nehme die Holzbox und schüttele sie so lange, bis ein Stab herausfällt, auf dem eine blaue Nummer eingraviert ist. Messerscharf kombiniere ich, dass zu jedem der Stäbe eine bestimmte Botschaft gehört, und tatsächlich erhalte ich nun von der Verkäuferin einen Papierstreifen.

»Omikuji«, sagt sie und deutet auf die Schrift. Aber es fehlt eine Übersetzung. Da steht mein Schicksal schwarz auf weiß geschrieben und ich kann es nicht lesen!

»Was heißt das?«, versuche ich es noch einmal, obwohl ich genau weiß, dass die Chancen auf eine zufriedenstellende Antwort bei Null liegen. Immerhin nimmt sie mir den Zettel ab und studiert ihn gründlich.

»Ahhh«, raunt sie dann wie zu erwarten und zeigt auf die Schriftzeichen. »Good luck, good luck«.

Das ist alles? So viele Zeichen nur für ein bisschen Glück? Steht dort nichts über meine Weltreise mit tausend Japanern? Kein Wort über meinen Freund, Raffaele, und mich? Ein wenig enttäuscht falte ich den Zettel und stecke ihn in die Hosentasche. Dann verabschiede ich mich von der Verkäuferin, die mein Winken mit einer tiefen Verneigung erwidert. Am Ausgang des Schreins begegne ich einem alten Mann mit Hut, der mir den Weg versperrt.

»Wohel?«, fragt er mich und lächelt mich an. »Amelica?«

»Germany!«

»Ahhhh, doitsu, doitsu! Ahhhh«, macht er, dann zeigt er auf sich. »Osaka!« Es dauert ein Weilchen, bis ich begreife. »Stadt?«, fragt er und sieht mich abwartend an.

»Ah, ah«, mache nun auch ich und zeige auf meine Brust.

»Berlin.«

»Ahhhhhh. Bellin. Sosososososo.« Er nickt und reicht mir seine Visitenkarte mit japanischen Schriftzeichen, die ich dankend annehme und in meine Hosentasche stecke.

»Ahhhh«, entfährt es ihm von Neuem, aber dieses Mal klingt es verstört. Ich muss etwas falsch gemacht haben, denn er wirkt aufgeregt. Hurtig holt er eine weitere Visitenkarte hervor und bedeutet mir mit zahlreichen Gesten, dass ich nach dieser nicht mit einer Hand greifen, sondern sie mit beiden entgegennehmen muss und sie auf keinen Fall in die Hosentasche stecken darf. Ich bin wohl gerade in ein ziemliches Fettnäpfchen getreten. Um ihn abzulenken, reiche ich ihm das Omikuji, auf dem die Vorhersage für meine Zukunft geschrieben steht. Vielleicht kann er mir ja etwas dazu sagen. Aber so einfach scheint es dann doch nicht zu sein, denn er studiert bestimmt fünf Minuten lang mit zusammengekniffenen Augen das Papier.

»Sue-kyo, beinahe Fluch. Sossso. Sooososooso«, sagt er immer wieder. Dann guckt er mich besorgt an. »Nicht reisen!« Er klingt sehr bestimmt. »Hierbleiben. Besser, besser!« Na reizend. Offenbar wollte die Verkäuferin mich nicht beunruhigen, von Glück steht wohl doch nichts auf dem Zettel, sondern nur, dass ich eine geplante Reise lieber verschieben sollte. Dafür ist es allerdings etwas spät. Mein neuer Bekannter bedeutet mir daher, noch einmal umzukehren und mein Omikuji auf dem Schreinareal an einen Baum zu knoten, an dem bereits unzählige weitere der Papierstreifen hängen. Angeblich besagt dieser japanische Brauch, dass das Unglück dadurch an dem Baum, anstatt an der jeweiligen Person haften bleibt. Mäßig beruhigt und nicht ganz davon überzeugt, das drohende Unheil auf diese Art und Weise abwenden zu können, verabschiede ich mich von ihm und laufe zum Tokyo Art Center, das gemeinsam mit dem Suntory Museum of Art und dem Mori Art Museum eine Art künstlerisches Dreieck im Viertel Roppongi bildet. Schon von Weitem sehe ich die Fassade aus grünen Glasrippen. Mit einer Fläche von 48 000 Quadratmetern ist es Japans größtes Museum. Der Architekt Kurokawa Kisha hat die Eingangshalle so konstruiert, dass hier auch ungewöhnlich große Kunstwerke gezeigt werden können. Langsam schlendere ich an den Exponaten der aktuellen Ausstellung vorbei und erreiche gerade wieder den Ausgang, als um mich herum die Handys der Besucher alarmierend piepsen. Und zwar alle gleichzeitig. Erschrocken sehe ich mich um. Die Menschen im Raum sind stehen geblieben, starren wie gebannt auf ihre Telefone, dann wenden sie sich einander zu, tauschen ein paar aufgeregte Worte und bleiben abwartend stehen. Ich tippe einer älteren Frau auf die Schulter. Sie fährt erschrocken herum.

»Was ist passiert?«, frage ich sie und füge hilflos hinzu: »Ich verstehe kein Japanisch«. Mit starrer Miene zeigt sie auf ihr Handy.

»Ein Erdbeben.« Einige Minuten warten wir ab, bewegungslos und mit angehaltenem Atem, aber nichts passiert. Nach einer Weile entspannt sich die Frau. »Stark, aber nicht hier«, sagt sie zufrieden und deutet auf das Display. Dann verabschiedet sie sich mit einer angedeuteten Verbeugung. Erleichtert, dass ich vorerst von einem der berüchtigten Jishin verschont geblieben bin, verlasse ich das Museum. Da ich mich überhaupt nicht auskenne, keines der Schilder an der U-Bahn-Station lesen kann und nicht weiß, wie der Fahrkartenautomat funktioniert, beschließe ich, schwarz zu fahren. Mein Plan scheitert allerdings schon beim Betreten der Station an den automatischen Drehkreuzen, die man nur durchqueren kann, wenn man zuvor seine Fahrkarte entwertet. Hilflos blicke ich mich um. Neben dem Eingang sitzt eine Aufsichtsperson, die mich aufmerksam beobachtet und mich dann zu sich winkt.

»Blauchen Hilfe?«, radebrecht er in Englisch. Eifrig weise ich auf die Karte in meiner Hand. Es wäre zu kompliziert, ihm jetzt zu erklären, dass ich eigentlich überhaupt kein bestimmtes Ziel habe.

»Shinjuku!«, sage ich daher und tippe wahllos auf eine Station auf dem Plan. Der Japaner nickt, dann begleitet er mich zum Fahrkartenautomaten.

»Englisch!« Er tippt auf einen Button auf dem Display, und schon verwandeln sich die japanischen Schriftzeichen in für mich lesbare Worte. Mein Helfer hält mir stumm die offene Hand entgegen. Ich reiche ihm einen 1000-Yen-Schein und beobachte, wie er das Billet für mich zieht. 250 Yen kostet eine Fahrt, das Restgeld spuckt der Automat wieder aus. Dann weist mir der Mann die Richtung, verbeugt sich zwei Mal und verschwindet, während ich die Treppe hinabsteige. In der U-Bahn ruhen alle Blicke auf mir. Ich bin die einzige Europäerin, die einzige blonde Person im ganzen Zug und gefühlt größer als alle anderen Anwesenden zusammen. Da ich auch noch Highheels trage, überrage ich selbst die Männer um mindestens einen Kopf. Direkt in der Mitte des Wagens sitzend, spüre ich, wie die Japaner mich beobachten. Aber wenn ich aufblicke und sie dabei erwischen will, wie sie mich anstarren, stellen sie sich schlafend. Der Mann neben mir liest. Nach einigen Stationen fange ich an, mich zu langweilen, und schiele hinüber in sein Comicheft. Ich lehne mich ein wenig nach links, um besser sehen zu können. Mein Blick fällt auf gezeichnete, nackte, kopulierende Figuren. Mein Sitznachbar liest tatsächlich einen Porno. Mitten in der U-Bahn, unter den Blicken aller. Dabei, so dachte ich zumindest, hat der Japaner doch eigentlich vor nichts so viel Angst wie vor dem Gesichtsverlust.

An der nächsten Station steige ich aus. Auf gut Glück. Ich habe keine Ahnung, wo ich bin, aber irgendwas wird es hier schon zu sehen geben. Shibuya steht auf dem Schild an der Station. Also nicht Shinjuku, aber was soll’s. Der Masse folgend, stolpere ich hinaus auf die Straße. Dort trete ich zur Seite und lasse den Menschenstrom an mir vorbei über den Platz in Richtung Kreuzung ziehen. Es hat zu schneien begonnen. An der Bordsteinkante bleiben die Menschen stehen, eine große Traube uniformer Japaner mit durchsichtigen Regenschirmen in der Hand. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite das gleiche Bild. Als würden sie sich spiegeln. Sobald die Ampel auf Grün schaltet, setzen sie sich in Gang, alle gleichzeitig, an allen vier Ecken, geschäftig eilen sie von Osten nach Westen, von Westen nach Osten, von Nord nach Süd und Süd nach Nord, bewegen sich über die Alle-Gehen-Kreuzung, mit gesenkten Blicken, ohne sich anzusehen. Ein Sinnbild für die Geschäftigkeit und Umtriebigkeit der Großstadt, die man mit Tokio verbindet. Von der Ruhe und Beschaulichkeit, die ich im Umfeld meines Hotels wahrgenommen habe, ist hier nichts zu spüren. Schließlich bleibe ich vor einer Hundestatue stehen. Ein Denkmal für ein Tier? Bronzen von Staatsoberhäuptern und von mir aus auch die eine oder andere Skulptur eines gefallenen Samurai, das mag ja alles verständlich sein. Aber weshalb setzen die Japaner einem Hund ein Denkmal? Nach einem Blick auf die Uhr schicke ich Ellen eine SMS. Ellen, was hat es mit der Hundestatue an der Bahnstation Shibuya auf sich?, tippe ich in das Telefon. In Deutschland ist es jetzt schon spät am Abend, und ich bin nicht sicher, ob sie und ihr Mann Christopher noch wach sind. Aber gerade als mein Handy in das Innenfach stecke, klingelt es. Ellen.

»Hallo?«

»Dana, ich bin’s! Ich war noch wach und habe gleich nachgeguckt! Wie ist es denn?«

»Ach, Ellen, wie schön, deine Stimme zu hören! Tokio ist spannend, aber auch fremd.«

»Passt du auch gut auf dich auf?« Ellen klingt besorgt.

»Na, klar! Gefährlich ist es hier überhaupt nicht. Man kann sich auch als Frau alleine bedenkenlos in der Stadt bewegen. Nur anders ist es eben. Ich fühle mich ein wenig einsam, vor allem weil die Japaner so kontrolliert sind; ich kann sie weder verstehen, noch an ihrer Mimik ablesen, was in ihnen vorgeht. Aber das wird schon! Also, schieß los. Was hat es mit dem Hund auf sich?«

»Also. Hachiko hat in den Zwanzigerjahren gelebt und war wahrscheinlich die treueste Seele, die es je gab. Er hat einem Professor gehört und sein Herrchen jeden Tag am Bahnhof Shibuya abgeholt. 1925 starb Hachikos Besitzer an einer Hirnblutung. Seine Frau hat dann Tokio verlassen und ist mit Hachiko fortgezogen, aber der Hund ist ausgerissen und weiterhin jeden Tag zum Bahnhof gekommen, in der Hoffnung, sein Herrchen abholen zu können.«

Während ich ihr zuhöre, laufe ich eine Kurve, zurück in den Bahnhof, wo ich eine Fahrkarte ziehe, um mich auf den Weg zu meinem eigentlichen Ziel, Shinjuku, zu machen.

»Wie traurig!«, seufze ich und werde ganz wehmütig. »Und wie ging es mit Hachiko weiter?«

»Ganz gut. Die Menschen, die am Bahnhof von Shibuya arbeiteten, haben sich um ihn gekümmert. Als man herausfand, dass er einer der letzten reinrassigen Akita-Hunde war, wurden zahlreiche Artikel über ihn geschrieben, und Hachiko gelangte zu einer gewissen Berühmtheit. Er wurde für die Menschen in Tokio geradezu zum Sinnbild des treuen Gefährten. Jahrelang kam er jeden Tag zurück, das muss man sich mal vorstellen! Mitte der Dreißigerjahre, da hat der Hund noch gelebt, hat man ihm dann ein Denkmal gesetzt. Und als er später tot aufgefunden wurde, schrieben die Zeitungen im ganzen Land darüber. Reicht dir das als Auskunft?«

»Ja, danke. Aber weshalb sich eine ganze Nation mit einem treuen Hund identifiziert, verstehe ich nicht ganz.«

»Weißt du, Christopher, ganz der Soziologen-Gatte, meinte gerade, es könnte etwas damit zu tun haben, dass die Japaner ausgesprochen loyal sind. Sie arbeiten meistens ihr Leben lang in einer Firma. Sie bleiben in ihren Geburtstädten, selbst wenn diese von Erdbeben und Tsunamis heimgesucht werden. Und früher gingen sie sogar für ihren Herrscher in den Tod.« Ich muss an Nogi Maresuke und seine Frau denken. Was Ellen sagt, klingt plausibel.

Als meine Bahn Shinjuku erreicht, verabschiede ich mich schweren Herzens von meiner besten Freundin, um mich wieder auf meine Umgebung konzentrieren zu können. Hier hält sich der Lärmpegel in Grenzen, obwohl auf einer breiten Straße, die von Neonleuchtschildern gesäumt ist, zahlreiche Autos vorbeifahren. Es schneit immer noch leicht und mittlerweile fängt es an zu dämmern. Ziellos laufe ich durch die Gegend, durchstreife verschiedene Geschäfte, erstehe dank meiner heutigen Erdbebenerfahrung ein Survival-Kit mit einer Wärmefolie, einem Wasserfilter und einem Radio mit eingebauter Lampe, das sich per Handkurbel betreiben lässt. Man weiß ja nie, was kommt. Dann lasse ich mich einfach treiben, beobachte die Passanten um mich herum und lande schließlich in einem Restaurant in der achten Etage eines Einkaufscenters. Der Raum ist warm, schlicht und modern möbliert, wirkt aber trotzdem einladend. Doch auch hier spricht man natürlich kein Englisch. Per Handzeichen leitet mich die Kellnerin zu einem freien Platz am Fenster. Als ich auf das Podest steigen will, um mich vor dem niedrigen Tisch im Schneidersitz niederzulassen, entfährt ihr ein gequälter Laut. Verwirrt drehe ich mich um, dann fällt der Groschen. Ich hätte meine Schuhe ausziehen und sorgfältig nebeneinander vor dem Podest aufstellen müssen. Schuldbewusst blicke ich sie an und beeile mich den Fauxpas wieder auszubügeln. Das Gefühl der Hilflosigkeit hält auch beim Blick in die Speisekarte weiter an, denn natürlich kann ich keines der japanischen Schriftzeichen entziffern.

»Was ist das?«, frage ich die Kellnerin in der Hoffnung, sie könne mir helfen, aber sie wirft mir nur einen verständnislosen Blick zu.

»Ich verstehe sie nicht.« Verzweifelt sehe ich sie an. Dann tippe ich auf gut Glück einfach auf eines der Gerichte in der Karte. Japanisches Roulette nennt man das wohl. Ich hoffe, ich bekomme keinen giftigen Kugelfisch.

»Aber bitte mit Sake!«, sage ich, immerhin ist es das Einzige, was ich bestellen kann. Sie nickt erfreut. Wenig später wird mir gebratenes Rindfleisch in Miso-Sauce serviert. Glück gehabt. Fasziniert beobachte ich, wie die Kellnerin nun auch den Sake vor mir abstellt und mit heißem Wasser aufgießt, bevor sie sich unter tiefen Verbeugungen zurückzieht. Man trinkt Sake also mitunter auch warm. Wieder etwas dazu gelernt.

Die Glasfront des Restaurants gibt den Blick auf moderne Hochhauskomplexe frei. Tief unter mir durchkreuzen Züge eine beleuchtete Station. Mittlerweile ist es dunkel geworden. Es ist merkwürdig und aufregend zugleich, hier zu sitzen, und ich kann es immer noch nicht fassen, dass ich in Tokio bin. Ganz allein und 8925 Kilometer von Berlin entfernt. 9726 Kilometer von Mailand, wo mein Freund Raffaele lebt. Es ist 21 Uhr. In Italien ist es jetzt 15 Uhr. Wo er wohl gerade ist? Die Kellnerin bringt eine Schale mit Nudeln, die offenbar zu meinem Fleisch gehört, aber wohl als zweiter Gang serviert wird. Sie sind kalt, schmecken mir nicht und ich beschließe, sie stehen zu lassen. Kalte Pasta, wenn Raffaele das sehen könnte! Während ich einen Schluck von dem heißen Sake nehme, lasse ich den Blick erneut über Tokio gleiten. Wie konnten wir uns nur so weit voneinander entfernen? Und alles nur, weil Raffaele es sich nicht vorstellen kann, in Deutschland zu arbeiten, und ich als deutsche Journalistin in Italien kaum Chancen habe, einen Job zu bekommen. Da ich mir eine Fernbeziehung auf Dauer nicht vorstellen kann, bleibt uns, um eine endgültige Trennung zu vermeiden, nur eine Auszeit. Die möglicherweise doch zum Ende unserer Beziehung führt. Ich seufze. Die Erkenntnis, dass Liebe allein manchmal nicht reicht, tut weh. Traurig leere ich meinen Sake, zahle und verlasse das Restaurant.

Januarkälte schlägt mir entgegen, die Straße leert sich ein wenig, dafür pulsiert das Leben in den umliegenden Gassen, durch die ich nun irre. Viele Restaurants haben noch geöffnet, genau wie die japanischen Spielparadiese. Nach einigen Metern bleibe ich vor einer Karaoke-Bar stehen und beobachte, wie eine Gruppe junger Japaner fröhlich und aufgeregt an mir vorbeizieht. Nacheinander betreten fünf Pärchen den Tempel des schlechten Gesangs. Da es noch zu früh ist, um schlafen zu gehen, beschließe ich, es auch einmal mit Karaoke zu probieren. Immerhin handelt es sich neben Golfspielen sozusagen um den japanischen Volkssport, und wer eine anständige Reportage über Japan schreiben will, der sollte zumindest einmal Karaoke gesungen haben. Man weist mir den Weg zu einem Verschlag, in dem vor einer roten Plastikeckbank ein Tisch und ein Fernseher stehen. Die Luft ist schwül und riecht abgestanden. Habe ich nicht mal irgendwo gehört, dass japanische Jugendliche hierherkommen, um Sex zu haben, da ihre Eltern ihnen nicht erlauben, dass der oder die Liebste bei ihnen übernachtet? Schnell verscheuche ich den Gedanken, schließe die Tür und studiere die Knöpfe an der Karaokemaschine, die zumindest leichter zu bedienen sind, als die an meinem Navigationssystem. Zu meiner Freude sind eine ganze Reihe englischer Lieder vorhanden, ansonsten wäre es auch kompliziert geworden. Da ich keinerlei Präferenzen habe, fange ich bei A an und stoße auf Alphavilles Big in Japan. Na bitte, das passt doch. Und zwar nicht nur, weil ich tatsächlich größer bin als alle Japaner, die mir heute über den Weg gelaufen sind. Ich drücke auf Play, positioniere mich vor dem Bildschirm, über den nun die bunt gefärbten Textzeilen flimmern, und kurz darauf schallt der Song bereits aus den Boxen. »Winter’s cityside, cristal bits of snowflakes all around my head and in the wind, I had no illusions, that I ever find a glimpse of summer’s heatwave in your eyes. You did what you did to me, know it’s history I see, here is my comeback on the road again …«, singe ich in die Nacht, mutterseelenallein, mitten in Tokio, der größten Stadt der Welt. »And when you’re big in Japan tonight, big in Japan be tight, big in Japan, and the eastern sea is so blue …«,

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Aber bitte mit Sake!" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen