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Abenteurer sucht Frau fürs Leben

1. KAPITEL

Es passiert bestimmt nicht jeden Tag, dachte Kyle Munroe, dass eine Bibliothekarin um elf Uhr morgens mit einem riesigen Paket auf dem Kopf darum kämpft, aus der Londoner U-Bahn zu steigen.

Kyle war gerade auf den Bahnsteig hinausgetreten und beobachtete das Geschehen am Ausgang des nächsten Wagens. Die junge Frau mit den langen blonden Korkenzieherlocken stellte sich auf die Zehenspitzen und hob die große Tasche mit ausgestreckten Armen über die Köpfe ihrer Mitreisenden. Doch ein Schwarm Passagiere drängte sich rücksichtslos an ihr vorbei ins Abteil und versperrte ihr den Ausgang.

Ein schriller Pfiff kündigte die Weiterfahrt der U-Bahn an. Die Blondine musste förmlich auf den Bahnsteig hechten und das Paket aus den Fängen der sich unerbittlich schließenden Automatiktüren reißen. Dabei setzte sie so viel Kraft ein, dass sie rückwärts taumelte, während der Zug davonraste.

Sie versuchte sich aufzurappeln, indem sie den Saum ihrer taubengrauen Kostümjacke ein bisschen tiefer zog und die kleine niedliche Nase ein wenig höher reckte. Dann zog sie sich die Tragegurte des Pakets, das wie eine Künstlermappe aussah, über den Kopf und hängte sie sich auf eine Schulter. Weil das Paket immer noch auf dem Boden schleifte, wählte sie eine andere Möglichkeit – sie packte das Ungetüm an den Rändern, hielt es mit ausgestreckten Armen vor sich und klemmte sich die breiten Tragegriffe zwischen Kinn und Schulter.

Nach zwei vorsichtigen Probeschritten auf wackeligen High Heels stürmte sie vorwärts. Sie hielt den Kopf hoch erhoben und den Blick fest auf ihr Ziel geheftet: die Rolltreppe. Doch auch Plan B ließ sie im Stich, und die Blondine war gezwungen, das übergroße Paket zu schieben und zu zerren.

Vielleicht ist sie in Wirklichkeit Lehrerin und stellt das unartige Ding jeden Moment in die Ecke. Kyle grinste über diesen unsinnigen Gedanken. Aber nein, sie ist eindeutig Bibliothekarin.

Die einzige Frau, die er jemals in einem derart langweiligen grauen Kostüm gesehen hatte, war die Bibliothekarin an der medizinischen Fakultät. Besagte Lady konnte verdammt heiß Mambo tanzen und galt weltweit als Expertin auf dem Gebiet der parasitären Erkrankungen, aber sie kleidete sich trotzdem schrecklich altbacken.

Allerdings trug sie keine taubengrauen High Heels, und ihre Beine waren längst nicht so aufsehenerregend wie die wohlgeformten Exemplare, die er momentan bewunderte und die das erste echte Lächeln des Tages auf seine Lippen zauberten.

Na und? Ich stehe nun mal auf lange Beine und bin stolz darauf.

Der erfreuliche Anblick war die Krönung einer Reise, die in Elend und sengendem Sonnenschein weit entfernt von London begonnen hatte. Nach einer dreistündigen Fahrt durch Hochgebirge in einem rumpelnden Jeep mit glatt gefahrenen Reifen war ein langer Flug in der Economy Class inmitten lärmender Kinder gefolgt. Die Kleinen hatten ihn zunächst amüsiert, aber sein Nervenkostüm nach zwei Stunden extrem strapaziert.

Alles in allem lag ein langer Tag hinter ihm. Vielleicht sollte er der Lady Anerkennung zollen, weil sie ihm endlich einen Anlass zu Heiterkeit gab!?

Mit seinen langen muskulösen Beinen brauchte Kyle nur wenige Schritte, um sie einzuholen. „Brauchen Sie vielleicht Hilfe?“, erkundigte er sich höflich.

Die Bibliothekarin geriet nicht ins Stocken, während sie mit einem Seitenblick seine über ein Meter achtzig große athletische Gestalt auf sich wirken ließ. Der TV-Sender nannte ihn gern Traumtyp, doch dem verblüfften Ausdruck in ihren hellblauen Augen nach zu urteilen, hielt sie ihn nicht für sonderlich vertrauenswürdig.

Er versuchte, sich gelassen zu geben, indem er mit den Fingern durch sein dunkelbraunes Haar strich. Dabei merkte er, dass es struppig und verstaubt war. Vielleicht hätte ich mir am Flughafen Zeit nehmen sollen, mich zu duschen und umzuziehen!?

„Ich komme zurecht, aber danke für das Angebot.“

Kaum hatte sie ausgesprochen, da entglitt ihr das Paket, und er musste hastig danach greifen, damit es im Gewühl der Passagiere, die zur Rolltreppe eilten, nicht zertrampelt wurde.

Während sie von den Menschenmassen mitgerissen wurden, rang die Bibliothekarin nach Atem und klammerte sich an das Geländer. Die andere Hand hielt sie an den Hals gedrückt, wo ein roter Striemen darauf schließen ließ, dass sie mit dem Gewicht der Tasche nicht wirklich zurechtkam.

„Ich habe es fest im Griff“, versicherte Kyle. „Vielleicht könnte ich es für Sie wenigstens bis zum Ausgang tragen?“

„Okay.“ Sie drehte sich halb zu ihm um und verzog die vollen Lippen zu einem kleinen Lächeln.

Als Mediziner hatte er einen geschulten Blick. Kyle bemerkte sogleich, dass ihr rechtes Auge von einem etwas dunkleren Blau war als das linke. Ihre Haut war hell und zart und auf Nase und Wangen von Sommersprossen übersät. Wie Zimt auf Schlagsahne, dachte er unwillkürlich. Warum muss sie Sommersprossen haben? Ich bin verloren! Er unterdrückte ein Stöhnen.

Sie deutete zu dem Airline-Anhänger an seinem alten Rucksack. „Wie ich sehe, kommen Sie aus Delhi. Das ist ja ein langer Flug. Waren Sie auf Urlaub dort?“, fragte sie, und dabei hielt sie den hübschen Kopf auf äußerst niedliche Art zur Seite geneigt.

„Nur auf der Durchreise“, erwiderte er und versuchte dabei, lässig zu klingen. Dann warnte er: „Vorsicht! Wir sind da.“

Die Bibliothekarin wandte sich nach vorn, sah das Ende der Rolltreppe kommen und stieg mit einem kleinen Schritt herab.

Kyle umfasste den Gegenstand fester, der sich wie ein dünner Holzrahmen anfühlte – nicht schwer, aber groß und unhandlich geformt. „Was für ein Bild ist das?“, fragte er. Halb erwartete er zu hören, dass es sich um einen Alten Meister handelte, der von erfahrenen Spezialisten einer alten Londoner Handwerkergilde restauriert werden sollte.

„Orchideen. Um genau zu sein, gelbe Orchideen.“ Sie nickte ihm zu. „Danke. Ich komme ab jetzt allein zurecht. Es ist nur eine kurze Busfahrt zum Südufer. Sorry, dass ich Ihnen Unannehmlichkeiten bereitet habe.“

„Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen.“ Er wollte ihr das Paket übergeben, zögerte dann aber. „Zum Südufer? Da muss ich auch hin. Warum teilen wir uns nicht ein Taxi? Im Bus könnte es schwierig werden für Sie mit diesem Ungetüm.“

Sie zögerte und nagte schweigend an der Unterlippe. Offensichtlich wog sie den Vorteil, bequem und mit heilen Knochen anzukommen, gegen die Gefahr ab, die von einem ungepflegten Stalker und potenziellen Orchideengemäldedieb ausging. Schließlich gab sie nach. „Okay. Ja, das ist eine gute Idee, danke. Normalerweise würde ich am Ufer entlangspazieren, aber nicht in diesen Schuhen und mit diesem Monstrum. Und noch dazu bin ich ziemlich spät dran.“

„Ich auch. Wollen wir es also riskieren?“

Seine Frage schien sie für einen Moment zu irritieren. Dann nickte sie und stieg die Stufen von der U-Bahn-Station hinauf. Das Gedränge der anderen Fußgänger und die Ausmaße des Pakets meinten es nicht gut mit Kyle – sie verbargen ihm die Sicht auf ihre attraktiven langen Beine.

Wenig später erreichten sie die Straße, wo Lärm und Chaos herrschten. Nach achtzehn Monaten in den Bergen hatte er vergessen, welch überwältigenden Angriff auf die Sinne eine City bedeutet. Während er sich noch sammelte, hielt die Blondine im grauen Kostüm bereits ein Taxi an.

Er schwang das Paket auf den Rücksitz, ließ die Frau einsteigen und folgte ihr mit seinem Rucksack.

Sie nannte dem Fahrer den Namen einer Kunstgalerie, die sogar Kyle ein Begriff war, obwohl er sich in der Londoner Kunstszene sicherlich ebenso wenig auskannte wie sie in der Fauna Asiens.

Während sich das Taxi in den Verkehr einreihte, sank sie ins Polster zurück, drapierte einen Arm schützend um die Mappe und atmete tief durch.

„Gibt es heutzutage viele Aufstiegsmöglichkeiten für Kunstkuriere?“

So überrascht, als hätte sie seine Anwesenheit vergessen, blickte sie zu ihm hinüber. „Ach, das ist nur ein Nebenerwerb“, erwiderte sie in gespieltem Ernst. „Mein richtiger Beruf ist Kunstfälscherin. Auf dem Gebiet ist richtig Kohle zu machen.“ Sie beugte sich näher und flüsterte: „Aber ich vertraue darauf, dass Sie mein Geheimnis für sich behalten.“

„Meine Lippen sind versiegelt.“

Schmunzelnd musterte sie seinen Zweitagebart, die verschmutzte Jacke und die Hose, die zuletzt vor zwei Wochen nach einem Notfallkaiserschnitt an einem Flussufer mit Wasser in Berührung gekommen war.

In beschwingtem Tonfall erkundigte sie sich: „Und Sie waren auf der Durchreise in Delhi? Das klingt nach einer Menge Spaß. Ist es dort immer noch warm und sonnig?“

„Sehr“, erwiderte er mit einem Seufzer. „Zu dieser Jahreszeit bereitet man sich dort auf Diwali vor – das Festival der Lichter. Es tut mir echt leid, dass ich das verpasse. Delhi ist eine fantastische Stadt. Kennen Sie sie?“

„Nicht persönlich.“ Sie lächelte sehnsüchtig. „Aber einige Leute haben mir von den wundervollen Farben und der Atmosphäre erzählt. Ich wollte immer mal hin. Vielleicht klappt es ja eines Tages.“ Sie zuckte die Schultern. „Wie ich sehe, haben Sie sich in den Bergen aufgehalten. Waren Sie wandern oder klettern?“

Ihr Blick war genauso aufmerksam wie seiner. Doch die Wahrheit war wesentlich komplizierter, denn er hätte sich liebend gerne genau solchen Dingen gewidmet. „Weder noch. Wie kommen Sie darauf, dass ich in den Bergen war?“

Sie grinste. „Mir ist aufgefallen, dass Sie einen weißen Buddhistenschal um den Hals und Hindi-Kritzeleien auf dem Arm tragen.“

Kyle blickte zu dem Gipsverband an seinem linken Handgelenk, der über und über mit farbenfrohen Botschaften bedeckt war. „Sie sprechen Nepalesisch?“, fragte er mit aufrichtiger Bewunderung in der Stimme.

„Nein, aber ich erkenne die Hindi-Schriftzeichen.“ Sie hielt abwehrend eine Hand hoch. „Und ich brauche keine Übersetzung, wenn es Ihnen recht ist.“

„Das ist mir sogar lieber! Einige der Sprüche sind recht derb.“ Er reichte ihr die rechte Hand. „Ich bin übrigens Kyle.“

Die Blondine zögerte einen Moment, bevor sie mit kalten zierlichen Fingern seine Hand flüchtig, aber fest drückte. Seine Fingerspitzen wirkten rau im Vergleich zu ihrer zarten Haut. Vielleicht zuckte sie deswegen sofort zurück und begann, in ihrer Kuriertasche zu suchen. „Ich könnte Ihnen meinen Namen nennen“, bemerkte sie, „aber ich bin in einer sehr wichtigen Mission unterwegs, bei der Geheimhaltung lebenswichtig ist. Derart persönliche Informationen sind nur berechtigten Personen vorbehalten.“ Sie hielt ihm einen ganzen Haufen Münzen hin. „Das dürfte für meinen Anteil an den Fahrtkosten reichen.“

Verblüfft nahm er das Geld entgegen und fragte sich dabei unwillkürlich, ob die Taxitarife während seiner Abwesenheit ebenso drastisch gestiegen waren wie die weibliche Unverfrorenheit. „Ihre Mission führt Sie zu einer Kunstgalerie? Aha, ich verstehe. Das traditionelle Fälscherhandwerk.“ Er tippte sich zwei Mal auf die geschlossenen Lippen. „Ihr Geheimnis ist bei mir in Sicherheit. Und wofür sind Sie spät dran?“

„Ich muss das hier abliefern und dann einen Zwölfuhrtermin schaffen.“ Sie warf einen Blick auf die Uhr. „Ich liege gut in der Zeit. Was ist mit Ihnen, Kyle? Zu was kommen Sie zu spät? Oh, sorry – ein andermal. Hier ist schon die Galerie.“ Das Taxi hielt vor einem eleganten Gebäude mit gläserner Front. „Es war mir ein Vergnügen, und nochmals danke. Ich hoffe, ich habe Sie nicht zu sehr aufgehalten.“

„Warten Sie.“ Er schob ihr das Paket zu. „Eine Frage. Bitte, ich muss es wissen. Sind Sie zufällig Bibliothekarin?“

Sie blickte ihn mit großen Augen an. Dann erschien ein strahlendes Lächeln auf ihrem Gesicht.

Ihr Lächeln – es könnte den Straßenverkehr zum Stillstand bringen und verwandelt eine blond gelockte Bibliothekarin in ein Supermodel, schoss es ihm durch den Kopf.

„Nicht mal im Entferntesten“, entgegnete sie. Und damit schloss sie die Taxitür, winkte ihm majestätisch zu und ging ohne einen Blick zurück davon.

Lili Hamilton schlenderte so lässig über die breite Promenade am Südufer, wie die taubengrauen High Heels ihrer Patentante Emma es zuließen. Als ein heller Sonnenstrahl durch die Wolkendecke brach, legte sie den Kopf in den Nacken und schloss die Augen, um den Moment zu genießen.

Die riskante Entscheidung, sich ein Taxi mit einem vorlauten, wenn auch umwerfend gut aussehenden Touristen zu teilen, hatte sich bezahlt gemacht. Ihr Auftrag war prompt erledigt. Sie hatte das Acrylgemälde Gelbe Orchidee, das für die grandiose Eröffnungsfeier einer luxuriösen Boutique in der City gedacht war, unversehrt und rechtzeitig in der Galerie abgeliefert.

Dafür hatte Lili einen Extrabonus erhalten. Wenn sie sparsam lebte, reichte der Scheck in ihrer Tasche, um die ersten Monate in der Kunstakademie zu überbrücken. Ihr Traum war gerade ein großes Stück näher gerückt.

Es war ein kühler Vormittag Ende Oktober. Sie atmete tief ein und sog den Anblick und die Gerüche der City in sich auf. Vor zehn Jahren hatte sie hier in London studiert, bis sie nach dem Tod ihrer Mutter in ihr Heimatdorf zurückgekehrt war, um sich um ihren Vater zu kümmern. Sie kam nur selten in die City zurück, denn es schmerzte zu sehr, daran zu denken, was hätte sein können.

Eigentlich ist das doch Schnee von gestern.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren konnte sie wirklich nach vorn blicken und die Vergangenheit hinter sich lassen. Was machte es schon, wenn es nur ein winziger Schritt war und noch einige steile Hügel, ja vielleicht sogar Bergmassive vor ihr lagen? Sie kam voran, und sie schaffte es durch ihre eigene harte Arbeit.

Eines war sicher: Sie hatte vergessen, wie überfüllt die City war – und wie laut. Der Krach von lärmenden Menschen und dröhnenden Motoren, von schrillen Hupen und heulenden Sirenen bildete eine schreckliche Katzenmusik, die ihr Kopfschmerzen bereitete.

Doch dagegen konnte sie etwas unternehmen. Mit einer geübten Handbewegung strich sie sich über dem linken Ohr durch das Haar und schaltete dabei – unmerkbar für eventuelle Beobachter – das kleine digitale Hörgerät aus.

So ist es besser. Viel besser.

Ahornbäume und Platanen in leuchtendem Herbstlaub säumten das Ufer. Eine frische Brise von der Themse trieb Blätter in Rot und Gelb über die Promenade.

Lili liebte den Herbst. Er war von jeher ihre bevorzugte Jahreszeit. Sie konnte sich nicht vorstellen, in einem tropischen Klima zu leben. Um nichts in der Welt wollte sie sich dieses wundervolle Schauspiel der Farben entgehen lassen, das die Natur den Menschen Jahr für Jahr zum kostenlosen Genuss anbot.

Hinter ihr lagen harte Monate, aber das Orchideengemälde war rechtzeitig fertig geworden und wohl das Beste, was sie je erschaffen hatte. Vielleicht sollte sie den Rat ihrer Freunde zu Hause in Kingsmede befolgen und sich nach der Abgabe zur Abwechslung ein wenig Zeit für sich selbst nehmen, um das Leben zu genießen.

Der Anflug eines Lächelns spielte um ihre Lippen, als sie den Blick über die Passanten auf dem Bürgersteig gleiten ließ. Die meisten hielten entweder die Nasen in Reiseführer gesteckt oder sprachen in Mobilfunkgeräte, während sie offensichtlich wichtige Daten in digitale Terminplaner eintippten.

Kopfschüttelnd machte Lili einen Bogen um eine Gruppe Jugendlicher und erblickte den eindrucksvollen Eingang zu dem stilvollen Bürohaus, in dem sie erwartet wurde.

Sie schluckte schwer. Es war ihr immer noch ein Rätsel, warum Mike Baxter sie überhaupt zu dieser Buchvorstellung eingeladen hatte. Natürlich freute sie sich darüber, dass er kürzlich zum medizinischen Direktor der Stiftung ernannt worden war. Für diese Einrichtung hatte ihre Mutter in den letzten acht Jahren ihres Lebens gearbeitet.

Doch es war sehr verwunderlich, dass er Lili ausgerechnet zu einer Pressekonferenz einlud, denn er zählte zu den wenigen Leuten, die über ihren partiellen Hörverlust informiert waren. Er wusste, dass gut besuchte öffentliche Veranstaltungen nicht gerade zu ihren bevorzugten Aufenthaltsorten gehörten.

Außerdem beabsichtigte er, mit ihr beim Lunch über eine aufregende Gelegenheit zu sprechen. Mit ihren fast neunundzwanzig Jahren war sie nicht mehr so naiv – sie assoziierte die Worte aufregend und Gelegenheit mit viel Arbeit, für die allerdings andere Leute das ganze Ansehen einheimsten. Doch Mike hatte ihr erklärt, dass es sich um eine groß angelegte Spendenaktion für das Hospiz handelte, in dem ihr Vater die letzten Wochen seines Lebens verbracht hatte.

Und für diesen guten Zweck war sie bereit, einen Raum voll plaudernder Leute zu ertragen, die sie kaum verstehen konnte, und Fragen über eine Art Übermensch in Kauf zu nehmen, der seit zehn Jahren tot war und dennoch ihr Leben beherrschte – Ruth Taylor Hamilton, ihre prominente Mutter. Die berühmte Chirurgin mit bahnbrechendem Pioniergeist.

Und die letzte Person auf Erden, über die ich sprechen möchte …

Kyle Munroe starrte aus dem Bürofenster auf den bewölkten Oktoberhimmel über der Innenstadt von London. Es war kaum zu glauben, dass er nur achtzehn Stunden zuvor in den Gebirgsausläufern von Nepal durch sonnenüberflutete Wälder gewandert war. Vor Müdigkeit brannten ihm die Augen, und sein Kopf fiel zurück an die Sofalehne.

Doch im selben Moment beendete Mike Baxter sein Telefonat und erklärte: „Wir werden erwartet! Hast du im Flieger nicht geschlafen? Da hattest du doch acht Stunden Zeit. Oder sogar neun?“

„Fast zwölf – und nein, ich konnte nicht besonders gut schlafen. Die Maschine war voll ausgebucht.“ Kyle gähnte. „Vergiss nicht, wie es bei solchen Flügen zugeht. Der Lärm. Der Stress. Der Geruch.“ Er hob seinen rechten Arm und schnupperte. „Da wir gerade davon sprechen – habe ich eine Chance, mich zu duschen und zu rasieren? Ich fürchte, ich habe heute Morgen schon ein hübsches Mädchen in der U-Bahn verschreckt.“

„Tut mir leid. Wir sind spät dran. Außerdem hat das Medienunternehmen genau auf dieses Image hingearbeitet. Engagierter Mediziner fliegt in Arbeitskleidung direkt von der Klinik ein. Die Presse liebt diesen natürlichen Look.“ Mike nahm Kyles Kleidung näher unter die Lupe. „Sind das da etwa Blutflecken auf deiner Hose?“

Kyle zog ein Hosenbein seiner Cargohose hoch und enthüllte einen muskulösen behaarten Unterschenkel. „Nein, das ist Ketchup. Oder eher Chilisoße. Das Blut ist an meiner Jacke. Tut mir leid, aber wir mussten das letzte Seifenpulver für die Laken verwenden. In Tuberkulosekliniken fällt viel Schmutzwäsche an.“

„Kein Problem. Erzähl mir lieber, was mit deinem Handgelenk passiert ist.“

„Glatter Bruch. Meine eigene Schuld. Ich bin beim Überqueren einer Schlucht von einer Seilbrücke gefallen und habe mich an einer Falltechnik vom Judo versucht. Ich habe den Arm ausgestreckt, um die Wucht des Aufpralls zu brechen. Hat funktioniert, es ist was gebrochen.“ Er zuckte die Schultern. „Der Gips kommt nächste Woche ab.“

„Existieren Fotos von dieser Schlucht? Sie könnten für dein nächstes Buch ganz nützlich sein.“

„Das nächste? Ich hatte kaum Zeit, um dieses hier zu schreiben. Du hast gesagt: Leg ein Onlinetagebuch von deiner Kletterei und deinem Leben als Mediziner an. Mach ab und zu ein paar Fotos und stell sie in dein Blog. Und wohin hat das geführt?“

Mike hob seinen Laptop und wedelte damit. „Über zehntausend Klicks pro Tag. Onlineblogs sind gerade ganz groß im Geschäft. Die Einnahmen von deinem ersten Buch werden die Unkosten der nepalesischen Mission für die nächsten Jahre decken. Das ist die beste Investition, die die Stiftung je erlebt hat.“

Er ging um seinen Schreibtisch herum und hockte sich auf eine Ecke. „Ich muss einen Moment über Geschäftliches mit dir reden. Du bist wahrscheinlich für mindestens einen Monat außer Gefecht gesetzt, oder? Habe ich recht? Dein Handgelenk muss erst verheilen, und dein Bronchialkatarrh ist auch noch nicht auskuriert.“ Er hielt einen Moment inne und strich in einer nervösen Geste mit den Händen über die Tischkante. „Ich weiß, dass du nicht darüber reden willst, aber nach allem, was dein Halbbruder mir erzählt hat, könnte die Lösung deiner familiären Probleme länger dauern, als du denkst.“

Kyle zuckte die Schultern. „Deswegen bin ich nicht hier. Das Tollwutprogramm ist in Verzug geraten, und das kommt vor jeder Privatangelegenheit. Wir brauchen diese Impfstoffe, und zwar gestern. Meine Aufgabe ist es, das Geld aufzutreiben, damit wir sie schleunigst beschaffen können.“

„Deshalb habe ich mit dem TV-Sender einen erstaunlichen Deal ausgehandelt.“

„Was für einen Deal? Ich weiß nicht, was ich sonst noch über Nepal berichten könnte.“

„Natürlich nicht. Die Filmcrew war bereits dort und hat alle nötigen Informationen.“ Mike legte eine kurze Pause ein. „Dir ist es vielleicht nicht bewusst, aber du hast im letzten Jahr des Öfteren deine allererste Mission angesprochen. Ich glaube, du hast sogar vor laufender Kamera erklärt, dass es eine lebensverändernde Erfahrung war.“

Einige Sekunden lang herrschte Schweigen, bevor Kyle mit leiser Stimme erwiderte: „Lebensverändernd war es tatsächlich – für alle Beteiligten.“

„Deswegen will der Produzent eine Dokumentation darüber drehen, wie du gleich nach dem Studium in ein Krisengebiet gegangen bist. Über die Probleme, denen du dich in Afrika stellen musstest, und wie dich die Erfahrung bereichert hat. Der Film soll im kommenden Jahr im März ausgestrahlt werden. Wenn du gleichzeitig ein Buch darüber schreibst, wird es garantiert ein Topseller.“

„Über Uganda? Das liegt zehn lange Jahre zurück, und ich bin mir nicht sicher, ob ich dorthin zurückgehen will. Nicht mal nur gedanklich für den Text.“

„Man hat angeboten, deine letzte Vorauszahlung zu verdoppeln, damit dieses Buch zustande kommt.“

Erneut trat Stille ein. Dann hüstelte Kyle. „Hast du verdoppeln gesagt?“

Mike nickte. „Du musst dich nur dazu motivieren, lange genug an einem Ort zu bleiben und dein zweites Buch über Uganda zu schreiben. Dann kannst du noch vor Wintereinbruch nach Nepal zurückkehren – mit genügend Medikamenten für mindestens fünf Jahre, einschließlich sämtlicher Impfstoffe, um die du gebeten hast!“

Kyle lehnte sich zurück, atmete tief durch und schüttelte schließlich resigniert den Kopf. „Du kennst mich einfach zu gut, Mike. Wann muss dieses Buch fertig sein?“

„Der erste Entwurf ist schon in einem Monat fällig, aber ich weiß ja, dass du Herausforderungen liebst.“

„Du weißt aber auch, wie ich zu Schreibarbeit stehe. Ich habe seit dem Studium nichts Längeres getippt als jeweils ein paar Zeilen für mein Weblog!“

„Keine Sorge. Wir haben ein paar Vorschläge, wie wir dir in diesem Punkt helfen können, aber dazu später.“ Mike schlüpfte in sein Jackett. „Bist du bereit, unser Meeting anzugehen? Du hast nichts weiter zu tun, als Freibier und Snacks zu genießen und strahlend zu lächeln. Setz deinen Charme ein. Denk an die Impfstoffe, die dein Buch für deine Klinik einbringt! Lass mich nur dafür sorgen, dass die Presse glücklich und zufrieden nach Hause geht, okay?“

Kyle grinste. „Freibier? Welche Sorte?“

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