Logo weiterlesen.de
Abenteuer des Kapitän Hatteras - Zweiter Band

Erstes Capitel.
Die Inventur des Doctors.

Ein verwegenes Unternehmen war es von Seiten des Kapitän Hatteras, daß er nach dem hohen Norden drang, nur um seinem Vaterlande England die Ehre der Entdeckung des Nordpols zu sichern. Was Menschenkraft nur zu leisten vermochte, dieser kühne Seemann hatte es vollbracht. Und jetzt, – nachdem er neun volle Monate gegen Strömungen und Stürme gekämpft, Eisberge durchbrochen und Eisdecken zertrümmert hatte, – jetzt, wo er einen Winterfrost, der auch in jenen hohen Breiten fast ohne Gleichen war, überstanden und auf seiner Reise die Arbeiten aller Vorgänger zusammenfassend, die Geschichte der arktischen Entdeckungen gewissermaßen controlirt und vervollständigt hatte; wo er mit seiner Brigg, dem Forward, schon außerhalb bekannter Meere weilte und sein Unternehmen schon halb gelungen schien – jetzt war Alles mit einem Schlage vernichtet. Der Verrath, oder sagen wir lieber die Entmuthigung der vielleicht zu hart geprüften Mannschaft, und die verbrecherische Thorheit einiger Rädelsführer hatten ihn in eine entsetzliche Lage gebracht. Von achtzehn auf der Brigg eingeschifften Männern waren nun noch vier übrig, die entblößt von allen Hilfsmitteln und ohne Fahrzeug mehr als zweitausendfünfhundert Meilen von ihrer Heimat entfernt waren.

Die Explosion des Forward, welche soeben vor ihren Augen stattfand, beraubte sie auch noch der letzten Subsistenzmittel.

Trotzdem war diese furchtbare Katastrophe nicht im Stande, Hatteras' Muth zu brechen. Die Männer, welche ihm noch blieben, waren die besten der ganzen Gesellschaft und ihr Heldenmuth bewährt. Er appellirte an die Energie und den Wissensdrang des Doctor Clawbonny, an die Ergebenheit Johnson's und Bell's, er betonte sein eigenes Vertrauen zu dem Unternehmen; jetzt, in der verzweifeltsten Lage, sprach er voller Hoffnung und fand Gehör bei seinen beherzten Kameraden, von welchen die vergangene Zeit auch für die Zukunft das Beste erwarten ließ.

Nach den kräftigen Worten des Kapitäns wollte der Doctor sich genau über ihre jetzige Lage unterrichten und verließ die Anderen, die etwa fünfhundert Schritte von dem Wrack standen, um sich nach dem Schauplatz des Unglücks zu begeben.

Von dem Forward selbst, der mit so großer, berechnender Sorgfalt gebauten und ohne Rücksichten auf die Kosten ausgestatteten Brigg, war so gut wie nichts übrig; zerrissene Eisstücke, formlose, geschwärzte, halb geschmolzene Trümmer, verbogene Eisentheile, Taustücke, welche noch wie Lunten fortglimmten, und in der Ferne einige Rauchwolken, die da und dorthin auf dem Eisfeld emporwirbelten, zeugten von der Heftigkeit der Explosion. Die Kanone vom Vordercastell war mehrere Klafter weit zurückgeschleudert und lag auf einem Eisblock, wie auf einer Laffette. Im Umkreise wohl von hundert Klaftern war der Boden mit Bruchstücken jeder Art bedeckt; der Kiel der Brigg in einen Eishaufen eingebohrt, und die Eisberge, welche vorher da und dort geschmolzen waren, hatten schon wieder ihre Granithärte bekommen.

Trauernd gedachte der Doctor seiner verwüsteten Cabine, seiner verlorenen Sammlungen und der kostbaren, nun zertrümmerten Instrumente, seiner zerrissenen oder verbrannten Bücher. Alle diese Schätze waren vernichtet! Feuchten Auges übersah er das ungeheure Unheil, ohne der Zukunft zu gedenken, nur ergriffen von den fast unersetzlichen Verlusten, die ihn vor Allen schmerzlich getroffen.

Bald gesellte sich Johnson zu ihm; seine Züge trugen die Spuren der Leiden, die er überstanden, und des Kampfes, den er gegen die rebellische Mannschaft aufgenommen hatte, um das ihm anvertraute Fahrzeug zu retten.

Der Doctor reichte ihm eine Hand entgegen, die der Schiffer kummervoll drückte.

»Was soll nun aus uns werden? fragte jener.

– Das weiß Gott allein, erwiderte Johnson.

– Vor Allem, versetzte der Doctor, gilt es, jetzt nicht zu verzweifeln und den Mannesmuth zu bewahren.

– Ja, Herr Clawbonny, sagte der alte Seemann, Sie haben Recht, ein großes Unglück verlangt große Entschlüsse. Wohl sind wir in übler Lage, nun heißt es, sich herauszuziehen.

– Das arme Schiff! seufzte der Doctor, wie fühlte ich mich daran gefesselt und liebte es fast wie den heimischen Heerd, wie das Haus, in dem sich unser ganzes Leben abspielte – und kaum ein Stück ist von jenem noch erkennbar!

– Ja, wer sollte es glauben, Herr Clawbonny, daß solch' ein Bauwerk von Balken und Brettern uns so sehr an's Herz wachsen könnte.

– Und die Schaluppe? fragte der Doctor sich umsehend, ist auch diese dem Verderben nicht entgangen?

– Ja wohl, Herr Clawbonny; Shandon und die anderen Entwichenen haben sie aber entführt.

– Und die Pirogue?

– Ist in tausend Stücken; da, sehen Sie die noch warmen Blechstücke, das sind Ueberreste derselben.

– So bleibt uns also nur noch das Halkett-Boot?

– Ja, das danken wir Ihrem Einfall, es bei Ihrem Abstecher mitzunehmen.

– Das ist freilich wenig, sagte der Doctor.

– O, über die elenden, entflohenen Schurken! rief Johnson; strafe sie der Himmel, wie sie es verdient haben.

– Johnson, mahnte begütigend der Doctor, vergessen wir nicht, daß ihnen eine harte Prüfung auferlegt war. Nur die Besten bleiben auch im Unglück wacker, wo die Schwächeren unterliegen. Beklagen können wir unsere Unglücksgefährten, verdammen dürfen wir sie nicht!«

Einige Augenblicke verharrte der Doctor schweigend, und sandte unruhige, forschende Blicke rund umher.

»Was ist denn aus dem Schlitten geworden? fragte Johnson.

– Der ist nur eine Meile rückwärts geblieben.

– Unter Simpson's Aufsicht, nicht wahr?

– Nein, guter Freund, der arme Simpson ist den Strapazen erlegen.

– Er ist todt? fragte bestürzt der Schiffer.

– Todt! erwiderte der Doctor.

– Der Unglückliche! meinte Johnson, und doch, wer weiß, ob wir nicht bald sein Schicksal zu beneiden haben!

– Aber für einen Todten, den wir zurücklassen mußten, haben wir einen Sterbenden mitgebracht.

– Einen Sterbenden?

– Ja, den Kapitän Altamont.«

Mit kurzen Worten erzählte der Doctor dem Schiffer das Vorgefallene.

»Also ein Amerikaner! sagte nachdenklich Johnson.

– Ja, Alles deutet darauf hin, daß jener ein Bürger der nordamerikanischen Freistaaten ist. Unklar bleibt, was es mit dem Schiffe 'Porpoise', das offenbar Schiffbruch erlitten, für ein Bewandtniß hat, und was es in diesen Breiten bezweckte.

– Es ist eben untergegangen, entgegnete Johnson, es hatte seine Bemannung zur Todesfahrt eingeschifft, wie alle Diejenigen, welche ihre Kühnheit in diese Gegenden trieb. Aber sagen Sie mir zunächst, Herr Clawbonny, hat denn Ihre Excursion das beabsichtigte Ziel erreicht?

– Das Kohlenlager? fragte der Doctor.

– Ja, dieses.«

Schweigend schüttelte der Doctor den Kopf.

»Also Nichts erreicht? sagte der alte Seemann.

– Nichts. Uns gingen die Lebensmittel aus, und Erschöpfung überfiel uns unterwegs. Nicht einmal die von Edward Belcher bezeichnete Küste erreichten wir!

– Also, setzte der ergraute Schiffer hinzu, auch kein Brennmaterial erlangten Sie?

– Nein!

– Keine Lebensmittel?

– Nein!

– Und kein Schiff trafen Sie, um nach England heimkehren zu können?«

Der Doctor schwieg und Johnson auch; wahrlich, es gehörte kühner Muth dazu, die entsetzliche Lage ruhig zu überschauen.

»Nun denn, nahm der Schiffer wieder das Wort, unsere Verhältnisse klären sich wenigstens; wir wissen, was uns bevorsteht. Darum gehen wir zuerst an das Nöthigste; die Kälte ist bitter und wir brauchen zuerst irgend ein Unterkommen.

– Ja wohl, erwiderte der Doctor, und mit Bell's Hilfe wird sich ein Eishaus leicht herstellen lassen; dann wollen wir den Schlitten herholen, den Amerikaner versorgen und mit Hatteras das Weitere berathschlagen.

– Der arme Kapitän! meinte Johnson, der sich selbst dabei vergaß, wie wird er zu leiden haben!«

Der Doctor und der Schiffer schlossen sich den Anderen wieder an.

Da stand Hatteras, unbeweglich, mit gekreuzten Armen, und stumm die Pläne für die Zukunft überdenkend. Seine Gesichtszüge zeigten wieder die alte unbeugsame Festigkeit. Woran dachte wohl dieser ganz außergewöhnliche Mann? War es an seine verzweifelte Lage oder an seine zerstörten Pläne? Ueberlegte er doch vielleicht den Rückzug, da Menschen und Elemente sich gegen ihn verschworen zu haben schienen?

Seine Gedanken vermochte Keiner zu errathen, er wußte sie tief verborgen zu halten. Der treue Duk lag neben ihm schlafend, er trotzte einer Kälte von zweiunddreißig Grad unter Null (-36° hunderttheilig).

Bell, der auf dem Eise ausgestreckt, wie leblos dalag, bewegte sich gar nicht; seine Unempfindlichkeit konnte ihm das Leben kosten, er war in Gefahr, zu Stein zu gefrieren.

Johnson rüttelte ihn kräftig auf und rieb ihn mit Schnee ab, dennoch konnte er ihn nur schwer seiner Erstarrung entreißen.

»Frisch auf, Bell! Muth, Muth, rief er ihm zu, laß Dich nicht übermannen; steh' auf, wir haben zu reden zusammen, wir brauchen ein Obdach. Hast Du's denn ganz vergessen, wie ein Eishaus gebaut wird? Komm, hilf, Bell! Da ist ein kleiner Eisberg, den wir nur auszuhöhlen brauchen. An's Werk denn! Das giebt uns zuerst Kraft und Muth wieder, die wir hier vor Allem brauchen!«

Bell, den auch diese Worte noch etwas gleichgiltig ließen, folgte doch der Leitung des alten Seemanns.

»Unterdessen, fügte dieser noch hinzu, wird sich Herr Clawbonny der Mühe unterziehen, zum Schlitten zu gehen und diesen sammt den Hunden herzubringen.

– Ich bin bereit, erwiderte der Doctor, und kann wohl in einer Stunde zurück sein.

– Begleiten Sie ihn, Kapitän?« wandte sich Johnson fragend an Hatteras.

Obgleich noch vertieft in seine Gedanken, hatte dieser den Vorschlag seines Schiffers doch vernommen, denn er erwiderte mit weicher Stimme:

»Nein, mein Freund, wenn sich der Doctor der Sache annehmen will ... Noch diesen Tag muß ein Entschluß gefaßt sein, und ich will allein sein, um ungestört nachzudenken. Geht, macht, was Alle den Augenblick für das Nöthigste halten, ich denke an die Zukunft.«

Johnson näherte sich dem Doctor.

»Das ist merkwürdig, sagte er, der Kapitän scheint schon allen Zorn vergessen zu haben, nie war seine Stimme so sanft und weich.

– Recht gut, entgegnete der Doctor, so hat er auch sein kaltes Blut wieder. Glauben Sie mir, Johnson, dieser Mann und kein Anderer ist im Stande, uns Alle zu retten.«

Der Doctor hüllte sich so gut wie möglich ein, und ging, den eisenbeschlagenen

Stock in der Hand, in der Richtung nach dem Schlitten, mitten durch den Nebel, den der Mond einigermaßen durchdrang.

Johnson und Bell gingen nun sogleich an's Werk. Der alte Seefahrer trieb immer den Zimmermann an, der schweigend arbeitete; zu bauen gab es eben eigentlich Nichts, der gewählte Block war nur auszuhöhlen. Das harte Eis setzte ihnen vielen Widerstand entgegen, dafür versprach das Obdach desto fester und sicherer zu werden. Bald konnten die Beiden schon von der ersten Aushöhlung gedeckt arbeiten, indem sie die losgelösten Eisstücke hinter sich entfernten.

Hatteras setzte sich von Zeit zu Zeit in Bewegung, aber immer blieb er bald wieder stehen, offenbar scheute er sich, bis an das Todtenbett seiner Brigg zu gelangen.

Wie er versprochen, kam der Doctor bald zurück; auf dem Schlitten ausgestreckt und mit dem Zeltstoffe möglichst umwickelt, lag Altamont; nur mit Mühe noch zogen die mageren, entkräfteten und hungrigen grönländer Hunde; es war höchste Zeit, daß die ganze Gesellschaft, Menschen und Thiere, neue Nahrung und Ruhe fand.

Während das Eishaus an Tiefe zunahm, hatte der Doctor, der immer hier und dorthin spähend umherging, das Glück, einen kleinen Ofen zu finden, den die Explosion fast unverletzt gelassen hatte, und dessen zusammengequetschtes Rohr unschwer wieder aufzubiegen war. Triumphirend schleppte ihn der Doctor herbei. Nach drei Stunden war das Eishaus im Ganzen fertig, der Ofen wurde darin aufgestellt; man füllte ihn mit Holzspänen, und bald knisterte das Feuer darin, eine behagliche Wärme verbreitend.

Der Amerikaner wurde unter Dach und Fach gebracht und im Hintergrunde auf Decken gelagert. Die vier Engländer nahmen nahe dem Ofen Platz. Die letzten Lebensmittel aus dem Schlitten, etwas Zwieback und heißer Thee, erfrischten ihre Lebensgeister; Hatteras sprach nicht, und die Anderen respectirten sein Schweigen.

Als die Mahlzeit vollendet war, winkte der Doctor Johnson, ihm nach außen zu folgen.

»Jetzt, sagte er, wollen wir zunächst eine Inventur über den Rest unserer Habe aufstellen, denn wir müssen den Bestand unseres Besitzthums genau kennen. Alles ist umhergestreut, also wollen wir es sammeln, denn jeden Augenblick kann frischer Schnee fallen, und dann dürften wir wohl vergeblich nach irgend einem Ueberbleibsel aus dem Schiffe suchen.

– So wollen wir also keinen Augenblick verlieren, versetzte Johnson, Lebensmittel und Holz sind für uns ja wohl das Wichtigste.

– Nun gut, so wollen wir Beide dies sammeln, antwortete der Doctor, und den ganzen von der Explosion überstreuten Kreis absuchen; fangen wir in der Mitte an und machen immer größere Kreise bis zum Rande.«

Sofort begaben sich die Beiden nach dem Eisbette, das der Forward eingenommen hatte, und jeder suchte sorgfältig bei dem zweifelhaften Lichte des Mondes nach den Trümmern des Schiffes. Es war eine wahre Jagd, auch hatte der Doctor dazu die Leidenschaft, ja dabei fast das Vergnügen eines Jägers, und das Herz schlug ihm lebhaft, wenn er eine halbwegs unversehrte Kiste entdeckte; aber die meisten waren leer, und nur ihre Trümmer bedeckten den Umkreis.

Die Gewalt der Explosion mußte beträchtlich gewesen sein; eine große Menge Gegenstände war geradezu in Staub und Asche verwandelt; große Theile der Schiffsmaschine lagen da und dort, verbogen und zerbrochen; die zerbrochenen Flügel der Schraube fanden sich zwanzig Toisen weit weggeschleudert und tief in den harten Schnee eingesunken; die verbogenen Cylinder waren von ihrem Zapfen abgerissen; der in seiner ganzen Länge gespaltene Schornstein, an dessen oberem Theile noch Reste von Ketten hingen, lag zur Hälfte zerdrückt unter einem großen Eisstücke; Nägel, Haken, Segeltheile von den Masten, Eisentheile des Steuers, Platten vom Schiffsbeschlag, und alle Metalltheile der Brigg lagen zerstreut, wie aus Kartätschen geschossen, umher.

Aber dieses Eisen, das einen ganzen Eskimostamm hätte glücklich machen können, hatte im Augenblick für die Verunglückten gar keinen Werth; auf Lebensmittel war ihr Verlangen gerichtet, und solche entdeckte der Doctor nur wenige.

»Das läßt sich schlecht an, sprach er zu sich selbst; offenbar ist die Vorrathskammer, welche gleich neben der Pulverkammer lag, durch die Explosion total zerstört worden, und was nicht verbrannte, ist in tausend Stücke gegangen. Das ist schlimm, sehr schlimm, und wenn Johnson nicht mehr auffindet, als ich, sehe ich nicht wohl ein, was aus uns werden soll.«

Dennoch entdeckte der Doctor, als er größere Kreise seiner Nachforschung unterzog, noch einige Reste Pemmican, etwa fünfzehn Pfund, und vier Krüge, welche, trotzdem sie weit weggeschleudert waren, doch durch den weichen Schnee, auf den sie zufällig gefallen, der Zerstörung entgangen waren und noch fünf bis sechs Pinten Branntwein enthielten.

Weiter fand er noch zwei Päcke mit Meerrettich, der nach dem Verluste alles Citronensaftes deshalb sehr erwünscht war, da er denselben bei der Bekämpfung des Scorbuts wohl ersetzen konnte.

Nach zwei Stunden fanden sich der Doctor und Johnson wieder zusammen. Sie theilten einander mit, was sie gefunden hatten, doch leider war das bezüglich der Nahrungsmittel nur wenig: kaum einige Stücke eingesalzenes Fleisch, etwa fünfzig Pfund Pemmican, drei Säcke mit Zwieback, einen kleinen Rest Chocolade, Branntwein und etwa zwei Pfund Kaffee, welcher aber Bohne für Bohne hatte aufgelesen werden müssen.

Keine Decken, Hängematten oder Kleidungsstücke waren aufgefunden worden, offenbar waren diese vom Feuer verzehrt.

Alles in Allem hatten der Doctor und der Rüstmeister Lebensmittel für etwa drei Wochen gefunden, wenn man deren Verbrauch auf's Aeußerste beschränkte; freilich war da schlechte Aussicht, die Erschöpften wieder zu kräftigen. So sah sich Hatteras, nachdem schon die Kohle ausgegangen, in Folge unglücklicher Umstände auch am Vorabende der Hungersnoth.

Brennmaterial lieferten wohl die Trümmer des Schiffes, die Stücke der Masten und des Kieles auf ungefähr drei Wochen; bevor man diese aber zur Heizung in dem Eishause bestimmte, stellte der Doctor an Johnson die Frage, ob man aus diesen Resten nicht ein neues kleines Fahrzeug, mindestens eine Schaluppe, herzustellen vermöge.

»Nein, Herr Clawbonny, erwiderte der Rüstmeister, daran ist nicht zu denken; da ist kein Stück Holz so unversehrt, um es benutzen zu können; Alles ist nur noch gut genug, uns ein paar Tage zu erwärmen, und dann ...

– Nun, dann? versetzte der Doctor.

– Dann, wie Gott will«, sagte der alte Seemann.

Als die Inventur fertig war, begaben sich der Doctor und Johnson wieder zum Schlitten; wohl oder übel mußten sich die ermatteten Hunde anschirren lassen, und so kehrte man auf den Schauplatz der Explosion zurück. Dort wurden die wenigen, aber desto kostbareren, noch irgend wie tauglichen Ueberreste aufgeladen und in die Nähe des Eishauses geschafft; dann erst nahmen Beide, halb erfroren, neben ihren Leidensgefährten Platz.

Zweites Capitel.
Altamont's erste Worte.

Als gegen acht Uhr Abends der Himmel eine kurze Zeit von den ihn erfüllenden Nebelmassen frei war, glänzte ein sternenreiches Firmament durch die klare, aber bitterkalte Luft.

Hatteras benutzte sogleich diese Gelegenheit, um die Höhe einiger Sterne zu bestimmen; ohne ein Wort zu sagen, ging er mit den nöthigen Instrumenten hinaus. Er wollte ihre Stellung bestimmen und sich vergewissern, ob das ganze Eisfeld sich etwa fortbewegt habe, oder nicht.

Nach einer halben Stunde trat er wieder ein, warf sich in einer Ecke des Hauses nieder und verharrte dort in tiefer Ruhe, fiel aber nicht in Schlaf.

Am andern Morgen fiel wieder reichlich Schnee; der Doctor konnte froh sein, daß er seine Nachforschungen schon Tags vorher angestellt hatte, denn bald verhüllte eine ungeheure weiße Decke das Eisfeld, und jede Spur von der Explosion war unter einer drei Fuß mächtigen Schicht verschwunden.

Während dieses ganzen Tages konnte man keinen Fuß in's Freie setzen; zum Glück bot die Wohnung genügende Bequemlichkeiten, mindestens erschien es unsern abgehetzten Reisenden so. Der kleine Ofen that gute Dienste, nur daß dann und wann ein ungestümer Windstoß den Rauch nach innen trieb; an seinen Flammen bereitete man sich Thee oder Kaffee, Genüsse, welche bei so niedriger Lufttemperatur doppelt wohlthätig waren.

Die Schiffbrüchigen, denn diesen Namen verdienten sie wohl in der That, verspürten ein Wohlbehagen, das ihnen lange fremd geblieben war; dabei erfreuten sie sich nur an der Gegenwart, an der wohlthuenden Wärme und der augenblicklichen Ruhe, und vergaßen der grausigen Zukunft, die sie doch mit nahem Tode bedrohte.

Der Amerikaner litt jetzt weniger und kam nach und nach in's Leben zurück; er öffnete schon die Augen, sprach aber noch nicht; seine Lippen zeigten die Spuren des Scorbuts und vermochten noch keinen verständlichen Laut zu bilden; doch da er nun offenbar hörte, wurde er von seiner Lage in Kenntniß gesetzt. Er bewegte nur den Kopf als Dank; er erkannte seine Rettung aus dem Schnee- und Eisgrabe, doch vermied der Doctor noch, ihm mitzutheilen, wie nahe er dem Tode gewesen war, und wie kurze Zeit dieser nur aufgeschoben schien, da ihnen Allen in höchstens drei Wochen die Nahrungsmittel völlig ausgehen mußten.

Erst gegen Mittag regte sich Hatteras wieder und näherte sich den drei Anderen.

»Meine Freunde, sagte er, wir müssen nun zunächst einen bestimmten Entschluß fassen, was wir jetzt vornehmen. Zuerst ersuche ich aber Johnson, zu erzählen, wie jener Schurkenstreich, der uns vielleicht Alle in's Verderben bringt, ausgeführt wurde.

– Aber wozu das? meinte der Doctor, die Thatsache steht fest, und es ist wohl besser, ihrer nicht mehr zu gedenken.

– Im Gegentheil, jetzt denke ich noch sehr daran, erwiderte Hatteras; nach Johnson's Bericht mag sie vergessen sein.

– Nun gut, ich werde Alles erzählen, begann der Rüstmeister. Ich habe Alles gethan, das Verbrechen zu hindern ...

– Das weiß ich, Johnson, und füge gleich hinzu, daß ich die Sache überhaupt schon für einen seit Langem geplanten Streich halte.

– Ganz meine Meinung, fiel der Doctor ein.

– Die meinige auch, nahm Johnson wieder das Wort, denn gleich nach Ihrer Abreise, Kapitän, schon den andern Morgen, zeigte sich Shandon, der uns immer das Leben sauer machte, in seiner ganzen Schlechtigkeit und maßte sich, von der ganzen Rotte unterstützt, zunächst das Commando auf dem Schiffe an; was half mir Einzigem da mein Einspruch dagegen? Von da ab handelte fast jeder nach eigenem Gutdünken, und Shandon ließ es zu; es kam ihm darauf an, der Mannschaft zu zeigen, daß nun die Zeit der Arbeit und der nöthigen Einschränkung vorüber sei. Nun wurde nichts mehr gespart; immer glühte der Ofen, der unbarmherzig vom Holze der Brigg geheizt wurde. Ueber den Proviant schaltete Jeder nach Willkür, über die geistigen Getränke desgleichen, und Sie können sich leicht denken, welchen Mißbrauch Leute, die bei dem Verlangen darnach sie doch so lange entbehrt hatten, damit trieben. So verlief die Zeit etwa vom 7. bis zum 15. Januar.

– Also Shandon war es, der die Leute in Aufruhr brachte, sprach Hatteras mit ernstem Tone.

– Ja, Kapitän.

– Erwähnen Sie den Schurken nicht wieder. Jetzt fahren Sie fort!

– Etwa am 24. oder 25. Januar kam nun die Absicht zum Vorschein, das Schiff zu verlassen. Sie wollten die westliche Küste der Baffins-Bai zu erreichen suchen, von dort sollte mit Hilfe der Schaluppe ein Wallfischfahrer gesucht oder doch auf die Grönländer Niederlassungen an der Ostseite losgesteuert werden. Proviant hatten sie in Ueberfluß; auch die Kranken erholten sich durch die Hoffnung auf die Rückkehr ganz auffallend. Nun betrieb man die Vorbereitungen zur Flucht. Zunächst wurde ein Schlitten gebaut, der Nahrungsmittel, Brennmaterial und die Schaluppe tragen sollte; die Mannschaft selbst sollte ihn ziehen. Das dauerte etwa bis Mitte Februar; Tag für Tag erwartete ich Ihre Rückkehr, Kapitän, und doch fürchtete ich sie fast; auch Sie hätten bei den Leuten nichts ausgerichtet, welche Sie eher ermordet hätten, als daß sie auf dem Schiffe geblieben wären. Ein wahrer Freiheitsschwindel hatte sie erfaßt. Ich nahm die Mannschaft Einen nach dem Anderen vor, ich bat sie, ermahnte, stellte ihnen die Gefahren ihres Vorhabens vor Augen; ich sagte ihnen auch, daß sie im Begriff wären, einen elenden Schurkenstreich zu begehen. Es war Alles umsonst, auch bei den Besten von ihnen! Die Abfahrt wurde auf den 22. Februar festgesetzt. Shandon wurde ungeduldig. Es wurde auf den Schlitten und in die Schaluppe gebracht, was nur an Proviant und Getränken aufzutreiben war; mit Holz versahen sie sich reichlich, wozu die Steuerbordseite bis auf die Wasserlinie herunter hatte herhalten müssen. Den letzten Tag gab es nun noch eine wahre Orgie; sie plünderten nach Herzenslust, und als sie toll und voll betrunken waren, steckte Pen mit noch zwei oder drei Anderen das Schiff in Brand. Ich stritt aus Leibeskräften dagegen; sie überwältigten und schlugen mich; dann wandten sich die Schufte, Shandon an der Spitze, nach Osten und entschwanden meinen Blicken. Ich war nun allein; was konnte ich aber gegen das Feuer anfangen, das schon an dem ganzen Schiffe fraß? Selbst unser Wasserloch war dick übereist und so hatte ich keinen Tropfen. Zwei Tage stand der Forward in Flammen, und – das Ende wissen Sie.«

Dumpfes Schweigen herrschte in dem Eishause, als dieser Bericht beendet war. Das düstere Bild des brennenden Fahrzeuges, der Verlust der kostbaren Brigg, trat den armen Schiffbrüchigen grell vor die Augen; sie fühlten sich nur einer Unmöglichkeit gegenüber, der Unmöglichkeit nach England zurückzukehren. Kaum wagten sie einander anzusehen, aus Furcht, Einer möge auf des Anderen Antlitz die helle Verzweiflung lesen. Nur der beklommene Athem des Amerikaners war hörbar.

Endlich nahm Hatteras das Wort:.

»Ich danke Ihnen, Johnson, sagte er, Sie haben gethan, was in Ihren Kräften stand, mein Schiff zu retten. Aber allein vermochten Sie das nicht; noch einmal, ich danke Ihnen von Herzen, und nun – wollen wir von diesem Unglück nicht mehr sprechen. Mit vereinten Kräften laßt uns zur Rettung Aller wohl zusammenwirken. Vier Schicksalsgenossen sind wir hier, vier Freunde; des Einen Leben gilt so viel, wie das des Anderen. Nun gebe Jeder seine Meinung ab, was wir beginnen sollen.

– Fragen Sie uns, Hatteras, begann der Doctor; wir sind Ihnen Alle ergeben, unsere Worte werden vom Herzen kommen. Aber haben Sie nicht zunächst selbst einen Vorschlag?

– Ich darf noch mit keinem solchen hervortreten. Mein Urtheil könnte eigensüchtig aussehen. Erst möchte ich die Ansicht der Anderen hören.

– Kapitän, sagte Johnson, bevor wir uns unter so schwierigen Umständen aussprechen, hätte ich noch eine Frage.

– Reden Sie, Johnson.

– Sie haben gestern unsere Position bestimmt; ist nun das Eisfeld weiter getrieben, oder sind wir noch an derselben Stelle?

– Es hat seine Lage nicht verändert, erwiderte Hatteras. Ganz wie vor unserer Expedition habe ich achtzig Grad fünfzehn Minuten nördlicher Breite und siebenundneunzig Grad fünfunddreißig Minuten Länge gefunden.

– Und, sagte Johnson, wie weit sind wir von dem nächsten Meere im Westen entfernt?

– Gegen sechshundert (englische) Meilen.

– Und dieses Meer ist? ...

– Der Smith-Sund.

– Also dasselbe, bis zu dem wir im vergangenen April nicht vorzudringen vermochten?

– Dasselbe.

– Gut, Kapitän, nun, da unsere Ortslage bekannt ist, können wir darauf hin einen Entschluß fassen.

– So sprechen Sie«, sagte Hatteras, der den Kopf in beide Hände senkte.

Er konnte so seine Gefährten hören, ohne sie anzusehen.

»Nun denn, Bell, forderte der Doctor diesen auf, was ist nach Ihrer Ansicht am gerathensten zu thun?

– Das bedarf wohl kein langes Ueberlegen, erwiderte der Zimmermann; wir müssen, ohne einen Tag, ohne eine Stunde zu verlieren, nach Ost oder West aufbrechen, und die nächste Küste zu erreichen suchen ... und sollten wir auch zwei Monate Zeit dazu brauchen.

– Wir haben nur für drei Wochen zu leben, warf Hatteras ein, ohne den Kopf zu erheben.

– Gut, sagte Johnson, so sind wir gezwungen, die nöthige Strecke in drei Wochen zurückzulegen, denn das bietet uns die einzige Aussicht auf Rettung; und sollten wir uns auf den Knieen fortschleppen, in fünfundzwanzig Tagen müssen wir an der Küste sein.

– Aber dieser Theil des hohen Nordens ist noch ganz unbekannt, entgegnete Hatteras. Wir können auf unzählige Hindernisse, Berge und Gletscher stoßen, die uns den Weg völlig versperren.

– Darin sehe ich keinen Grund, behauptete der Doctor, wenigstens nicht den Versuch zu wagen. Wir werden Beschwerden haben, vielleicht viele, und müssen uns mit der Nahrung auf's Aeußerste beschränken, wenn nicht zufällig die Jagd ...

– Wir haben nur noch ein halbes Pfund Pulver, erwiderte Hatteras.

– Wohlan, Hatteras, sagte der Doctor, ich unterschätze die Bedeutung Ihrer Einwürfe nicht und wiege mich nicht in leerer Hoffnung. Aber ich glaube, Ihre Gedanken zu errathen; haben Sie einen ausführbaren Vorschlag?

– Nein, erwiderte der Kapitän nach einigem Zögern.

– Sie mißtrauen unserem Muthe nicht, fuhr Clawbonny fort, Sie kennen uns Alle als Männer, die Ihnen bis zum Ende folgen; aber müssen wir nicht für jetzt jede Hoffnung aufgeben, noch bis zum Pole hinauszudringen? Eine Verrätherei hat Ihre Pläne zum Scheitern gebracht; den Widerstand der Elemente konnten Sie bekämpfen und besiegen, nicht so die Treulosigkeit und Schwäche der Menschen; Sie haben Alles gethan, was menschenmöglich war, und würden den Erfolg errungen haben, das glaube ich gern, aber angesichts unserer heutigen Lage, sollten Sie sich nicht gezwungen fühlen, Ihre Pläne zu verschieben und nach England, sei es auch nur aus dem Grunde zurückzukehren, um jene ein andermal wieder aufzunehmen?

– Nun, was meinen Sie, Kapitän?« wandte sich auch Johnson an Hatteras, der eine Antwort lange schuldig blieb.

Endlich erhob dieser den Kopf und sagte mit gepreßter Stimme:

»Ihr glaubt also wirklich Alle, ermüdet wie wir sind und fast ohne Nahrungsmittel, die Küste der Meerenge zu erreichen?

– Nein, erwiderte der Doctor, aber auf keinen Fall wird die Küste zu uns kommen. Wir müssen sie also aufsuchen. Vielleicht treffen wir auch weiter südlich auf einen Eskimostamm, mit dem wir leicht in Verbindung treten könnten.

– Könnten wir nicht auch, fügte Johnson hinzu, in der Meerenge auf ein Fahrzeug stoßen, das dort zu überwintern gezwungen wäre?

– Und im Nothfalle, sagte noch der Doctor, wenn die Meerenge zugefroren ist, könnten wir nicht über dieselbe hinaus bis zur Westküste von Grönland gelangen, und von da entweder über das Prudhon-Land oder über das Cap York bis zu einer dänischen Niederlassung vordringen? Nun, Hatteras, keine dieser Möglichkeiten bietet das Eisfeld hier! Der Weg nach England führt dahinunter, nach Süden, nicht dorthinauf nach Norden!

– Ja, sagte Bell, Herr Clawbonny hat Recht, wir müssen uns ohne Zögern aufmachen. Bis jetzt haben wir die Heimat und Alle, die uns dort lieb und theuer sind, zu sehr vergessen.

– Das ist also Ihre Ansicht, Johnson, fragte Hatteras noch einmal.

– Ja, Kapitän.

– Und die Ihre, Doctor?

– Auch die meine, Hatteras.«

Noch immer verharrte dieser Letztere schweigend; seine Gesichtszüge verriethen aber wider seinen Willen, was in ihm vorging. An die Entscheidung, welche er zu fällen im Begriff war, knüpfte sich ja das Schicksal seines ganzen Lebens. Wenn er jetzt zurückkehrte, war es wohl mit seinen kühnen Entwürfen für immer vorbei; er konnte nicht hoffen, zum vierten Male ein derartiges Unternehmen zu Stande zu bringen.

Wieder ergriff der Doctor, da der Kapitän noch immer schwieg, das Wort:

»Lassen Sie mich noch erwähnen, Hatteras, sagte er, daß wir keinen Augenblick zu verlieren haben; wir werden den Schlitten mit allem disponiblen Proviant und soviel Holz beladen müssen, als eben möglich ist. Ein Weg von sechshundert Meilen wird unter solchen Umständen lang, ich weiß das, aber nicht ohne Ende sein; wir können oder müßten vielmehr jeden Tag zwanzig Meilen zurücklegen, um binnen einem Monate, d. h. gegen den 26. März, die Küste zu erreichen ...

– Aber, sagte Hatteras, könnten wir nicht einige Tage damit warten?

– Worauf hoffen Sie? fragte Johnson.

– Weiß ich das? Wer kann die Zukunft durchschauen? Nur einige Tage noch! Wir wollen unseren erschöpften Kräften aufhelfen. Keine zwei Tagereisen würdet Ihr zurücklegen und vor Müdigkeit umsinken, ohne ein Eishaus zum Schutze zu haben.

– Aber hier erwartet uns ein furchtbarer Tod! rief Bell.

– Freunde, sagte Hatteras fast mit bittender Stimme, Ihr verzweifelt etwas zu früh. Schlüge ich vor, im Norden den Weg des Heils zu suchen, so würdet Ihr mir wohl nicht folgen mögen. Uebrigens, leben ganz nahe am Pole nicht auch noch Eskimos, wie am Smith-Sunde? Jenes offene Meer, dessen Existenz so gut wie sicher ist, muß wieder Festland umspült sein. Die Natur verfährt logisch in allen ihren Werken. So muß man auch annehmen, daß die Vegetation da wieder zum Leben erwacht, wo der heftige Frost aufhört. Haben wir nicht ein Land in Aussicht, das unser im Norden harrt, und welches Ihr auf Nimmerwiederkehr fliehen wollt?«

Hatteras wurde lebhafter durch die Rede; sein erregter Geist malte ihm Lieblingsbilder dieser doch so sehr problematischen Gegenden vor.

»Noch einen Tag nur, wiederholte er, nur noch eine Stunde!«

Doctor Clawbonny fühlte sich bei seinem abenteuerlustigen Charakter und regen Vorstellungsvermögen schon halb gewonnen; er wollte bereits nachgeben.

Doch Johnson, der überlegender und kühler war, rief ihn noch zur Vernunft und Pflicht zurück.

»Frisch auf, Bell, rief dieser, zum Schlitten!

– Vorwärts denn! antwortete Bell.

– O, Johnson! Auch Sie! Auch Sie! sagte der Kapitän, doch, es ist gut, geht, geht Alle! Ich bleibe!

– Kapitän! fiel Johnson ein und blieb wider Willen stehen.

– Ich bleibe, sage ich! Reist ab! Verlaßt mich so gut, wie die Anderen! Geht mit Gott! Komm her, Duk, wir Beide halten aus!«

Bellend schmiegte sich das treue Thier an seinen Herrn.

Johnson sah den Doctor an. Dieser war zweifelhaft, was er thun sollte, das Beste schien zu sein, Hatteras dadurch zu beruhigen, daß man für einen Tag auf seine Ideen einging. Der Doctor war schon dazu entschlossen, als er plötzlich seinen Arm berührt fühlte.

Er drehte sich um. Der Amerikaner hatte seine Decken abgeworfen, er lag noch auf dem Boden, mühsam erhob er sich auf die Kniee und von seinen Lippen quollen einige unarticulirte Laute.

Erstaunt, fast erschrocken sah ihn der Doctor schweigend an. Hatteras seinerseits näherte sich ihm und nahm ihn forschend scharf in's Auge. Er suchte die Worte zu errathen, die der Kranke nicht auszusprechen vermochte. Nach minutenlanger Anstrengung ward endlich ein Wort hörbar.

»Porpoise ...

– Der Porpoise! rief der Kapitän aus.

– Der Amerikaner bejahte durch Zeichen.

– In diesen Gewässern?« frug Hatteras klopfenden Herzens.

Der Kranke gab dieselbe Antwort.

»Im Norden von hier?

– Ja! erwiderte der Unglückliche.

– Und Sie wissen seinen Ort?

– Ja!

– Genau?

– Ja wohl!« sagte Altamont.

Einen Augenblick schwieg Alles; gespannt horchten die Zuschauer dieser unerwarteten Scene.

»Passen Sie wohl auf, sagte endlich Hatteras zu dem Kranken, wir müssen die Lage des Schiffes natürlich genau wissen. Ich werde die Grade mit lauter Stimme zählen und Sie unterbrechen mich durch ein Zeichen.«

– Der Amerikaner nickte zustimmend.

»Nun gut, sagte Hatteras, bestimmen wir erst die Längengrade. Hundertfünf? Nein. – Hundertsechs? Hundertsieben? Hundertacht? – Wir meinen doch westliche Länge?

– Ja, sagte mühsam der Amerikaner.

– Also weiter. – Hundertneun? Hundertzehn? Hundertzwölf? Hundertvierzehn? Hundertsechzehn? Hundertachtzehn? Hundertneunzehn? Hundertzwanzig ...?«

Der Amerikaner machte ein Zeichen.

»Hundertzwanzig Grad westlicher Länge? fragte nochmals Hatteras. Und wieviel Minuten? Ich zähle wieder ...«

Er begann bei Eins; bei Fünfzehn gab Altamont das Zeichen, inne zu halten.

»Schön, sagte der Kapitän. Und nun gehen wir zur geographischen Breite über. Sie verstehen mich doch? – Achtzig? Einundachtzig? Zweiundachtzig? Dreiundachtzig?«

Der Amerikaner hielt ihn durch eine Handbewegung an.

»Gut. Und die Minuten? Fünf? Zehn? Fünfzehn? Zwanzig? Fünfundzwanzig? Dreißig? Fünfunddreißig?«

Abermals machte Altamont lächelnd sein Zeichen.

»Also, wiederholte Hatteras mit ernster Stimme, der Porpoise findet sich bei hundertzwanzig Grad fünfzehn Minuten westlicher Länge und dreiundachtzig Grad fünfunddreißig Minuten nördlicher Breite?

– Ja«, stammelte noch einmal der Amerikaner, der kraftlos in die Arme des Doctors zurücksank.

Die Anstrengung hatte ihn erschöpft.

»Meine Freunde, rief Hatteras aus, Ihr seht, unser Heil liegt im Norden, immer im Norden! – Wir werden gerettet sein!«

Aber gleich nach diesem Ausbruch der Freude schien es, als ob ein furchtbarer Gedanke ihn packe. Sein ganzes Wesen veränderte sich. – Die Schlange der Eifersucht biß sich in sein Herz.

Ein Anderer, und noch dazu ein Amerikaner, hatte ihn in der Richtung zum Pole um drei Grade überholt. Warum? Zu welchem Ende war er in so hoher Breite?

Drittes Capitel.
Siebenzehn Tage unterwegs.

Dieses neue Ereigniß, die ersten Aeußerungen Altamont's, hatten die Lage der Schiffbrüchigen vollkommen verändert; während sie früher abgeschnitten von aller Hilfe waren, auch nur eine sehr seichte Hoffnung hatten, die Baffins-Bai zu erreichen, und ihnen für die Länge des zurückzulegenden Weges eine Hungersnoth drohte, die bei der Erschöpfung ihrer Kräfte desto gefährlicher erschien, befand sich, etwa sechshundert Meilen von ihrem Eishause, ein Fahrzeug, das ihnen reiche Hilfsmittel bot und wohl gar die Aussicht eröffnete, den verwegenen Zug nach dem Nordpole fortzusetzen. Hatteras, der Doctor, Johnson und Bell, die schon so nahe der Verzweiflung waren, schöpften wieder Hoffnung.

Da aber Altamont's Aussagen nur noch sehr lückenhaft waren, nahm der Doctor, als Jener sich etwas erholt hatte, die wichtige Unterhaltung wieder auf; wobei er alle Fragen so zu stellen wußte, daß der Kranke nur mit dem Kopfe zu nicken oder durch Bewegung der Augen zu antworten brauchte.

Bald hatte er erfahren, daß der Porpoise ein amerikanischer Dreimaster aus New-York sei, der, belastet mit reichlichem Proviant und Brennmaterial, mitten im Eise Schiffbruch gelitten hatte. Wenn auch auf die Seite geworfen, war doch Aussicht, daß er der Zerstörung widerstanden habe, und seine ganze Ladung noch zu bergen sein werde.

Schon zwei Monate hatte Altamont mit seiner Mannschaft das Schiff verlassen, wobei sie die Schaluppe auf einem Schlitten mitgenommen hatten; sie beabsichtigten bis zum Smith-Sund vorzudringen, wollten dort einen Wallfischfahrer aufsuchen und mit dessen Hilfe nach ihrem Vaterlande zurückkehren; bald aber überwältigten sie Erschlaffung und Krankheiten, und Einer nach dem Anderen kam unterwegs um. Zuletzt waren der Kapitän und zwei Matrosen von einer dreißig Köpfe zählenden Mannschaft übrig, und daß der Erstere noch lebte, war doch nur einem Wunder der Vorsehung zu danken.

Hatteras lag vorzüglich daran, von dem Amerikaner zu hören, was der Porpoise in so ungewöhnlich hoher Breite vorgehabt habe.

Altamont gab zu verstehen, daß das Schiff vom Eise eingeschlossen und dahinauf getrieben worden sei.

Aengstlich suchte Hatteras noch den Zweck der Expedition zu erforschen.

Altamont behauptete, daß man nur die nordwestliche Durchfahrt habe aufsuchen wollen.

Der Kapitän beruhigte sich dabei und stellte keine weitere Frage der Art.

Der Doctor ergriff wieder das Wort:

»Alle unsere Anstrengungen, sagte er, können jetzt nur darauf gerichtet sein, den Porpoise aufzufinden; statt den gefahrvollen Weg nach der Baffins-Bai einzuschlagen, können wir nun auf einem um ein Drittel kürzeren Wege ein Fahrzeug erreichen, das alles Nöthige zu einer Ueberwinterung bietet.

– Es ist gar keine andere Wahl möglich, meinte Bell.

– Und ich füge hinzu, sagte der Schiffer, daß wir dazu keinen Augenblick zu verlieren haben. Freilich müssen wir, entgegen der gewöhnlichen Art und Weise, die Dauer unseres Zuges nach unserem Vorrath an Nahrungsmitteln berechnen und baldmöglichst aufbrechen.

– Sie haben Recht, Johnson, erwiderte der Doctor; wenn wir morgen, den 26. Februar, abreisen, müssen wir, mit genauer Noth dem Hungertode entgehend, am 15. März beim Porpoise eintreffen. Was meinen Sie, Hatteras?

– Treffen wir sogleich alle nöthigen Vorbereitungen zur Reise. Der Weg könnte auch weiter sein, als wir annehmen.

– Warum? entgegnete der Doctor, der Mann scheint doch der Lage seines Schiffes sicher zu sein.

– Wenn nun der Porpoise aber, antwortete Hatteras, mit seinem Eisberge weiter getrieben ist, wie es uns mit dem Forward erging?

– Freilich, sagte der Doctor, diese Möglichkeit ist nicht ausgeschlossen.«

Johnson und Bell berührten eine Sache gar nicht, die ihnen so verderblich gewesen war.

Altamont, dem diese Reden nicht entgingen, bedeutete dem Doctor durch Zeichen, daß er sprechen wolle. Nach einviertelstündigen Bemühungen hatte Clawbonny so viel sicher erfahren, daß der Porpoise mit einer Seite auf dem Strande liege und sein Felsenbett unmöglich verlassen haben könne.

Wenn das auch den vier Engländern einerseits eine sehr beruhigende Nachricht war, so raubte es ihnen andererseits doch die Aussicht, mit Hilfe des Schiffes nach Europa zurückkehren zu können, wenn es Bell nicht etwa gelänge, aus Theilen des Porpoise ein neues kleines Fahrzeug zu erbauen. Doch wie dem auch sein mochte, man war darüber einig, den Platz des Schiffbruchs baldigst aufzusuchen.

Noch eine letzte Frage richtete der Doctor an Altamont; die, ob er in jener Breite von dreiundachtzig Grad schon Etwas von einem eisfreien Meere bemerkt habe.

»Nein«, erwiderte dieser.

Die Unterhaltung brach hier ab, und man begann sofort, sich zur Abreise zu rüsten; Bell und Johnson besorgten den Schlitten und stellten ihn jetzt, da ihnen Holz dazu nicht fehlte, dauerhafter her; die auf der Excursion nach dem Süden hin gesammelten Erfahrungen wurden nun verwerthet; vor Allem erhöhte man auch die Kufen, da man die schwachen Seiten dieser Transportmethode kennen gelernt, und auf reichlichen, dichten Schnee zu rechnen hatte.

Auch ein bequemes Lager richtete Bell darauf ein, dem die Zeltleinwand als schützende Decke diente, und welches für den Amerikaner bestimmt war. Der wenig beträchtliche Proviant belastete das Gefährt ja nicht sehr, dafür wurde aber Holz so viel als möglich mitgenommen.

Der Doctor, der die Provision ordnete, nahm ihre Menge mit peinlichster Sorgfalt auf. Seiner Rechnung nach mußte sich jeder Reisende für eine Zeit von drei Wochen mit Dreiviertelsrationen begnügen. Für die Zughunde reservirte man das volle Futter; zog Duk mit ihnen, so sollte dasselbe auch ihm zu Gute kommen.

Die Eile der Arbeiten wurde jetzt freilich durch die gebieterische Nothwendigkeit, sich auszuruhen und zu schlafen, unterbrochen. Bevor sie sich aber niederlegten, umringten die Schiffbrüchigen den Ofen, den man nicht spärlich heizte. Die Armen gestatteten sich einen Luxus von Wärme, dessen sie lange entwöhnt waren; etwas Pemmican, Zwieback und einige Tassen Kaffee erzeugten eine fast heitere Stimmung, die wohl zur Hälfte dem Hoffnungsstrahl zuzurechnen war, der ihnen so schnell, wenn auch nur aus der Ferne, aufleuchtete.

Um sieben Uhr Morgens ging man wieder an die Arbeit, welche erst gegen drei Uhr Nachmittags beendet ward.

Schon dunkelte es wieder; zwar war die Sonne seit dem 31. Januar wieder sichtbar geworden, doch verbreitete sie nur ein schwaches und kurz dauerndes Licht. Zum Glück ging der Mond schon halb sieben Uhr auf und seine Strahlen erhellten bei dem klaren Himmel den Weg. Die Temperatur, welche seit einigen Tagen merklich herunterging, erreichte endlich dreiunddreißig Grad unter Null (-36° hunderttheilig).

Der Augenblick der Abreise erschien.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Abenteuer des Kapitän Hatteras - Zweiter Band" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen