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Abenteuer Drogenmystik

© 2016 Hans-Peter Waldrich

Umschlaggestaltung unter Verwendung einer Photographie von Alfredo Garcia, veröffentlicht auf Flickr unter CC BY-SA 2.0

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback: 978-3-7345-4131-5
e-Book: 978-3-7345-4132-2

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

„Mit dem alltäglichen Bewusstsein sehen und erfahren wir lediglich einen kleinen Bruchteil der Außenwelt […]; im mystischen Gemütszustand – wenn der Empfänger auf volle Wahrnehmungsbreite eingestellt ist –, werden wir uns simultan eines unendlich erweiterten äußeren und inneren Universums bewusst.“ (Albert Hofmann, 1997, 46f.)

Für Bernd

Wegen stilistischer Klarheit und leichterer Lesbarkeit wurde im Text auf die sprachliche Verwendung weiblicher Formen verzichtet. Die Verwendung der männlichen Form gilt inhaltlich für Frauen und Männern gleichermaßen.

Inhaltsverzeichnis

Geleitwort

Teil eins: Psychoaktive Substanzen – Sinn und Unsinn

Das verbotene Faszinosum

„Droge“ – ein Wort, aber viele Bedeutungen

Psychedelika – keine Drogen wie andere

Tod und Horror – die Dunkelseite

Was ist „Spiritualität“?

Spiritualität – ein Gesundheitsfaktor

Teil zwei: Die spirituelle Bedeutung psychoaktiver Substanzen – Wege der Forschung

William James (Lachgas und Peyote) – ein Philosoph entdeckt die Drogenekstase

Kurt Beringer (Meskalin) – ein Psychiater stößt auf das kosmische Bewusstsein

Hanscarl Leuner (LSD) – Psychotherapieforschung an den Grenzen zur Religion

Gordon Wasson (Psilocybin) – der Pilzforscher und der ekstatische Schamanismus

Aldous Huxley – Halluzinogene und die Welt als sakrales Ereignis

Teil drei: Drogenmystik – kritisch hinterfragt

Robert Zaehner – Meskalin und das „Universum der Farce“

Kann Erleuchtung „hergestellt“ werden?

Drogenpsychologie: Zurück in die Mutter-Kind-Symbiose?

Mystik oder Supernarzissmus?

Präpersonal und transpersonal – Ken Wilbers Unterscheidung

„Kopf“ und „Bauch“ – der Doppelweg

Teil vier: Phänomenologie und Psychologie der Gipfelerfahrungen

Kategorien der Mystik – die Einheit der Grunderfahrung

Ozeanische Selbstentgrenzungen auf dem Prüfstand

Teil fünf: Was folgt aus der Drogenmystik?

Mystik ist Realismus

Mystik ist Seins-Wahrnehmung

Mystik ist Liebe

Mystik hilft „Liebe machen“

Die Konsequenzen

Was ist Erleuchtung?

Teil sechs: Missbrauch und Nutzen. Wo verlaufen die Grenzen?

Grenze eins: Mystik als Mystifikation

Grenze zwei: Mystik als spiritueller Extremismus

Grenze drei: Drogen und die Verführung durch „Gurus“

Grenze vier: Machtausübung durch „Psychotherapeuten“

Grenze fünf: Therapie als Verschmelzung

Die Katastrophen der „echten Psychotherapie“

Ekkis Tragödie – wie Psycholyse einen Menschen zerstört

Samuel Widmer – Halbgott in weiß

Teil sieben: Wie man selbst den Weg findet

Ratschläge für Experimente in kleinen Gruppen

Ein Nachwort – ganz persönlich

Verwendete Literatur

Dank an Begleiter und Informanten

Geleitwort

von Thomas Welter

Als langjähriger therapeutischer Leiter einer Fachklinik für Abhängigkeitserkrankungen ist mir der Umgang, der Reiz und die Gefahr von Drogen durchaus vertraut. Diese erscheinen wie "die dunkle Seite des Mondes" in Anlehnung an einen vom Pilzrausch durchdrungenen Roman von Martin Suter.

Nun hat der Mond auch eine helle Hälfte und etliche Helligkeitsübergänge. Drogen, besonders halluzinogene Drogen, haben nicht nur eine gefahrenvolle, klinisch bedenkliche Seite, sondern auch eine lange positive Tradition. Über Jahrtausende spielten sie eine kulturelle und spirituelle Rolle. Auch diese ist mir in zehn Jahren als Benediktinermönch einer großen Abtei begegnet. Dort erfuhr ich, dass sich die spirituelle Suche im Untergrund und im Verborgenen auch Wege sucht, die nur wenig den offiziellen Vorstellungen über Drogen und Drogengebrauch entsprechen.

Die in diesem Buch dargelegte Auseinandersetzung mit dem Thema Drogen, Spiritualtität und Psychotherapie erscheint mir einzigartig und profund, denn sie ist keine Apologie von Glaubensätzen für oder gegen den Drogengebrauch, sondern vermittelt einen differenzierten, abwägenden und sowohl wissenschaftlich wie philosophisch durchdachten Zugang. In Waldrichs Buch wird die Bedeutung halluzinogener Drogen für die Sinnsuche und Spiritualität des Menschen thematisiert. Waldrich befasst sich jedoch nicht nur mit einer fundierten Aufarbeitung und einer theoretischen Auseinandersetzung mit diversen thematischen Quellen, er problematisiert höchst aktuell konkrete Entwicklungen insbesondere innerhalb des therapeutischen Gebrauchs psychoaktiver Substanzen. Dabei stehen Möglichkeit und Gefahr des Missbrauchs im Mittelpunkt.

Letztlich bleibt das Büchlein eine philosophische Einladung und Aufforderung zu einem öffentlichen Gespräch, zur Betrachtung des Mondes mit alle seinen Seiten, den lichten wie den dunklen. Wie spannend etwa die Forschungsgeschichte zu bestimmten psychoaktiven Substanzen auch erzählt wird, es geht in diesem überaus wertvollen Büchlein nicht nur um Theorie, vielmehr vor allem um die aktuelle Praxis des Umgang mit bedeutsamen und letztlich "philosophischen Hilfsmitteln" auf der Suche des Menschen nach Sinn.

Sonthofen, 15. Mai 2016

Thomas Welter

Dipl. psych. / Psychologischer Psychotherapeut

Teil eins: Psychoaktive Substanzen – Sinn und Unsinn

Sich durch den Konsum von Drogen innerhalb kürzester Zeit in ein Wrack zu verwandeln, ist keine Kunst. Jeder weiß das. Ebenso bekannt ist, dass nicht alle Drogen in dieser Weise zur Selbstzerstörung führen. Manche Drogen, so hört man, haben ganz andere Effekte: sie eröffnen seltsame Welten, magische Sphären, wecken Spiritualität, konfrontieren mit rätselhaften, fast schon religiösen Erfahrungen. Solche Drogen sind von einem Geheimnis umwittert. Von diesen Drogen ist hier die Rede.

Die These dieses Buches lautet: Viele Menschen interessieren sich für derartige Substanzen, weil sie sich auf der Suche befinden. Sie vermissen den Sinn in ihrem Leben und wollen ihn nun mit der Hilfe von Drogen finden. Zwar mag vielen nicht so recht klar sein, auf was sie sich einlassen, doch gerade die Aussicht, mit neuen, tiefen, bedeutungsvollen inneren Erfahrungen Bekanntschaft zu machen, scheint verlockend. Doch was sind das für Erfahrungen? Es ist nicht ganz leicht, sie auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Sie sind vielfältig und betreffen alle Ebenen des Menschlichen. Dennoch haben sie einen gemeinsamen Kern, eine Art Höhepunkt des gesamten Erlebens und dieser Kern und Gipfelpunkt kann ohne Abstriche – dies allerdings, ohne sich an dieses Wort als undefinierten Begriff zu klammer – als „mystisch“ bezeichnet werden. Wer sich mit Hilfe bestimmter Drogen auf die Suche nach Sinn und Orientierung aufmacht, begibt sich also auf so etwas wie einen „mystischen“ Weg. Was das genau bedeutet, davon ausführlicher unten.

Die Möglichkeit dieses mystischen Weges sieht unsere Gesellschaft jedoch nicht vor. Obwohl ihr Tabak- und Alkoholkonsum enorm ist, hat der Rausch in ihr keinen wirklichen Platz. Jedenfalls kommt er als Mittel der Sinnsuche kaum in Frage. Sinnfragen zu stellen, betrachtet die Gegenwart als nebensächliches Privatvergnügen. Dagegen liebt sie kein Wörtchen so sehr wie die Bezeichnung „effizient“. Räusche sind nicht effizient, daher gehören sie eher in die Schmuddelecke des Alltags. Denn die gemeinte Effizienz sieht der immer strikter werdende Kapitalismus ausschließlich im kostengünstigen Ineinandergreifen sämtlicher Rädchen, die jene gewaltige Megamaschine (André Gorz) antreiben, die Umsatz, Absatz und Renditen generiert. Eines dieser Rädchen ist der Mensch, ohne den es trotz umfassender Computerisierung noch nicht geht.

Doch das zur Megamaschine passende Menschenbild fußt auf falschen Voraussetzungen. Der Mensch ist ein Sinnsucher davon lässt er sich auch durch noch so reizvolle Konsumversprechungen nicht abbringen. „Sinn“ in einem erweiterten Verständnis kann auf vielen Wegen gefunden werden – seit Jahrtausenden spielen psychoaktive Substanzen dabei eine bedeutende Rolle. Kultische Ekstase findet man bei etwa 90 Prozent aller älteren Kulturen, und viele dieser veränderten Bewusstseinszustände sind mit Drogen erzeugt worden (Seger 1984, 158). Drogeneinnahme, Spiritualität und Sinn waren stets Geschwister. Kultischer Drogengebrauch gehört also zum Menschsein; und auch wenn eine Zeit beschließt, dass von nun an sowohl der tiefere Lebenssinn wie auch veränderte Bewusstseinszustände überflüssig seien, ist es dennoch nicht möglich, den Menschen das Bedürfnis nach beidem auszureden. Die Jahrtausende des Drogengebrauchs bei indigenen Völkern zeigt das mehr als deutlich.

Doch niemals ging es um den Rausch um des Rausches willen. Stets war der Rausch eine Art Sakrament, stets hatte er eine spirituelle Bedeutung. Die Drogeneinnahme als Problem, Drogen als Gefahr, Drogen als etwas, das unterdrückt, bekämpft, rechtlich und medizinisch reglementiert werden muss das ist offenbar ein recht modernes Problem. Historisch gesehen ist nicht unser gegenwärtiger Umgang mit Drogen das Normale, sondern umgekehrt höchst ungewöhnlich und anomal. Diese Anomalität gleicht dem Versuch, den Menschen in eine Arbeitsmaschine zu verwandeln, die so berechenbar funktioniert wie ein Computer, frei von anderen Wünschen als denjenigen nach Geld und Macht, frei von Phantasie, frei von Träumen, von Überschwang, von Liebe und von anderen Erfahrungen als denjenigen, die durch die ewige Wiederholung der immer gleichen Tretmühle im Dienste des Wirtschaftswachstums möglich wären.

Das verbotene Faszinosum

Aber die Verbannung fast sämtlicher Drogen in Bausch und Bogen entspricht mehr dem „offiziellen“ Blick im Sinne einer Politcal Correctness. Tatsächlich behandeln wir die Drogenfrage in der typischen Art einer Doppelmoral; dabei ist ihre Verurteilung nur die eine Seite der Medaille. Denn während wir unablässig gegen Menschen vorgehen, die Drogen einnehmen, ist das Drogenthema mitten im Zentrum des Kapitalismus angesiedelt. In seinen Geldströmen rund um den Globus zirkulieren die Milliarden der Drogenkartelle. Ganz Mexiko steht unter ihrer Regie. Und da Geld nicht stinkt, auch nicht nach Drogen, wird Drogengeld durch Banken verliehen, in bürgerliche Unternehmungen investiert und finanziert gewiss auch teilweise die karitativen Engagements der Kirchen.

Manchmal aber stinkt Geld doch. So will man auf vielen Geldscheinen die Spuren von Kokain gefunden haben. Diese Spuren weisen auf eine zweite Ebene des Kapitalismus hin, die unterhalb der Geld- und Kapitalebene mindestens ebenso wichtig ist. Es geht um die kapitalistische Arbeitswelt. Dort wird das Leben immer hektischer. Und während auf der Gewinnebene mit Drogen großes Geld verdient wird, verkaufen sich Drogen massenweise an geschundene Arbeitnehmer, die ohne solche Substanzen kaum mehr leistungsfähig wären. Auch die Pharmaindustrie macht hier ihren Schnitt. Denn vom Ritalin, mit dem unsere Kinder konzentrationsfähig gehalten werden, bis hin zum Kokain oder Christal Myth, die so machen Vielarbeiter über 14 Stunden täglich bei der Stange halten, sind Drogen allgegenwärtig.

Während also insbesondere Drogen als Aufputschmittel, als „Upper“ und Antreiber, obgleich sie offiziell verboten sind, inoffiziell eine unentbehrliche Rolle spielen, um die kapitalistische Leistungsgesellschaft zu stabilisieren, ist es im Hinblick auf eine ganz andere Art von psychoaktiven Substanzen genau umgekehrt: es handelt sich eher um „Oppositionsdrogen“, sie stehen im Kontrast zum Leistungswahn der Geld- und Machtkultur. Nimmt sie der Mensch ein, so hat er das Gefühl, dass er eigentlich gar nichts mehr „leisten“ will. Stattdessen erscheinen ihm Kunst, die Natur, andere Menschen oder das eigene Innere viel interessanter.

Ende des 18. Jahrhunderts wurde diese ganz andere Art von Drogen wieder entdeckt. Die gleichen oder ähnliche Substanzen, die bei den indigenen Völkern seit alters her eine wichtige Rolle gespielt hatten und deren Existenz lange vergessen worden war, tauchten nun als „Oppositionsdrogen“ wieder auf. Von Anfang an ging es dabei um eine kritische Distanz und schließlich um Gegnerschaft gegenüber der arbeitsteiligen und profitorientierte Gesellschaft. Künstler, Intellektuelle, Philosophen suchten veränderte Bewusstseinszustände auf, interessierten sich für die Abgründe und die verdrängten Seiten unserer Existenz, und fast hundert Jahre vor Sigmund Freud – nicht zuletzt vermittelt durch psychoaktive Substanzen wurde das „Unbewusste“ entdeckt. So mancher „Romantiker“, wie solche Leute schließlich genannte wurden, versetzte sich mit Haschisch oder mit Laudanum, einer Lösung aus Opium und Alkohol, in Zustände, bei denen er in rauchenden Fabrikschloten oder im Zusammenzählen von Zahlenkolonnen kaufmännischer Buchhaltung keinen tieferen Sinn mehr entdecken konnte (Dieckhoff 1996, 87ff.).

Als um die Mitte des 20. Jahrhunderts insbesondere LSD, Psilocybin und Meskalin, drei in ihrer Wirkung sehr ähnliche Substanzen, Verbreitung fanden, wurde dieser gesellschaftskritische Impuls noch viel lautstärker. Schließlich ging die Nutzung solcher Substanzen geradezu eine Symbiose mit der Revolte der 1968ger-Jahre ein. Viele junge Leute hatten keine Lust mehr, sich in der kapitalistischen Megamaschine verwursten zu lassen. Besser war da zweifellos eine Landkommune weit ab von der Zivilisation und die Devise „make love not war“ war dabei ein naheliegender Slogan, wenn man die erotisierende Wirkung von Marihuana erlebt hatte. Bekam ein Polizist bei Demonstrationen von einer Hippieschönheit statt beschimpft zu werden eine Blume überreicht, so hatte er auf diese Weise wenigstens ein Ahnung davon mitbekommen, was man so alles unter LSD-Einfluss erleben kann.

Freilich wurde dem „Establishment“ so viel Kritik an den Errungenschaften des Kapitalismus bald zu viel. In den USA rief Präsident Richard Nixon den „war on drugs“ aus. Selbst die Einnahme des harmlosen Cannabis wurde unter strengste Strafe gestellt. Auch die wissenschaftliche Erforschung solcher Substanzen wurde weitgehend verboten.

Dabei war im Grunde nichts wirklich Schlimmes passiert. Jemand sei unter LSD-Einfluss, weil er meinte fliegen zu können, aus dem Fenster eines Hochhauses gesprungen, LSD beeinträchtige die Chromosomen. Alles stellte sich als falsch heraus. Dagegen behaupteten viele, sie hätten Erleuchtungszustände erlebt, die denjenigen der japanischen Zen-Mönche nicht nachständen (Cohen 1964/Masters 1966). Irgend etwas Unbegreifliches, aber tief Beeindruckendes überwältigte fast jeden, der mit LSD experimentierte. So schreibt der Drogenexperte und „Altachtundsechziger“ Günter Amendt, LSD habe ihm das „intensivste und überwältigendste Glücksempfinden“ verschafft, das er jemals erfahren habe, der damalige Harvard-Dozenten Timothy Leary betrachtete 1960 sein erstes Pilzerlebnis als „die tiefste religiöse Erfahrung meines Lebens“ überhaupt (Amendt 2008/Don Lattin 2010, 46).

Um was es also auch immer geht es sind zumindest sehr beeindruckende Zustände unter dem Einfluss bestimmter psychoaktiver Substanzen. Offenbar handelt es sich um etwas anderes als lediglich um ein ins Extrem gesteigertes Wohlbefinden. Auch um etwas anderes als schlicht um einen „Drogenrausch“, jedenfalls wenn darunter eine abgehobene Reise ins Land der Illusionen verstanden wird. Ganz im Gegenteil: psychedelische Gipfelerfahrungen fühlen sich sehr real an, fast realer als die Wirklichkeit des Normalbewusstseins. Doch das für viele Menschen Überraschendste ist dabei ihr ausgesprochen religiöser Anstrich. Tief bewegt, oft unter Tränen, erlebt man sich als eins mit dem Universum, entdeckt die Liebe als den Mittelpunkt der Welt, empfindet den Hintergrund des Lebens als ein tiefes Geheimnis und manche spüren auf die eine oder andere Weise Gottes Gegenwart. Doch auch Atheisten berichten von der eigenartigen Feierlichkeit des Erlebten, von tiefem Bedeutungsempfinden, von Ehrfurcht und großer Freude. Sie fühlen, dass die Welt und das Leben in ihrem Zentrum gut und in Ordnung sind und dass alles einen hintergründigen Sinn hat.

Doch während der Staat solche mit psychoaktiven Substanzen erzeugten Zustände mit Strafandrohung verfolgte, schloss das freilich nicht aus, dass er selbst Drogen aller Art für seine eigenen Zwecke einsetzte. Daher fand der amerikanische CIA nichts dabei, LSD zu Zwecken von Spionage und Kriegsführung zu testen (Amendt 2008, 85ff.). Und der Vietnam-Krieg wäre – wie übrigens jeder moderne Krieg – schon gar nicht ohne systematischen Drogengebrauch möglich gewesen. Alles was zur Vernebelung des Bewusstsein, zur Aufputschung oder zum Abtörnen nutzbar ist, war stets von jedem „war on drugs“ ausgenommen, sondern stand umgekehrt im Dienste des „war with drugs“. Das galt schon für die Nazis und die enorme Leistungsfähigkeit der Deutschen Wehrmacht, die auch auf den Gebrauch von Pervitin zurückging, ein Aufputschmittel, chemisch verwandt mit MDMA, das massenweise an die Kämpfer ausgegeben wurde. Immer schon war ein nüchterner Soldat überhaupt kein Soldat. Zumindest besaufen muss man sich bei einem so sinnlosen Geschäft wie dem Abschlachten von Gegnern.

Diese Tatsachen zeigen freilich, dass jene Drogen, die unter günstigen Umständen zu Zuständen der Erleuchtung führen, unter ungünstigen Bedingungen für das Gegenteil missbraucht werden können. Daher soll bereits hier betont werden: Es gibt keine Droge, die von sich aus erleuchtete Bewusstseinszustände erzeugen könnte. Alles kommt auf die konkreten Umstände ihrer Einnahme an. So erlebte etwa Aldous Huxley mit Meskalin mystische Verzückungen, während die Mörderinnen der Schauspielerin Sharon Tate von ihrem Guru Charles Manson mit LSD abhängig gemacht und zu dieser blutrünstigen Tat angestiftet worden waren.

Nachdem also die offizielle Forschung und natürlich der private Gebrauch von psychoaktiven Substanzen, auch der eher harmlosen, über Jahrzehnte hinweg weltweit verboten war und lediglich Geheimdienste und Militär für sich selbst davon eine Ausnahme machten, wurden seit etwa der Jahrtausendwende Studien im begrenzten Rahmen wieder möglich (Langlitz 2013/Passie 2015). Vielleicht könnten derartige Substanzen doch ein Interesse für Neurobiologie und Pharmakologie haben. Dabei wurde Wert darauf gelegt, dass solche Untersuchungen den strengen Regeln empirischer Forschung genügen.

Doch solche Forschungen beziehen sich vorwiegend auf das Messund Objektivierbare. Der mögliche Erkenntnisgewinn der Drogenforschung liegt jedoch eher im Bereich des subjektiven Erlebens. Dieses ermöglicht persönliche Lernprozesse durch Einsicht in tiefere Innenräume. Innenräume aber lassen sich nur annähernd objektivieren. Um wirklich zu wissen, worum es geht, muss man sie selbst erfahren haben. Um solche Innenräume und Innenzustände geht es in diesem Buch.

Kann man solche Zustände auf einen Nenner bringen? Zeigen sie trotz ihrer Subjektivität vielleicht doch etwas Einheitliches und in diesem Sinne Fassbares? Ich bin davon überzeugt, dass zumindest ein Teil der inneren Erfahrungen unter dem Einfluss bestimmter psychoaktiver Substanzen, vielleicht der wichtigste Teil von ihnen, vollkommen identisch ist mit den Inhalten der Mystik. Unter „Mystik“ wird eine menschliche Erfahrungsweise verstanden, über die seit uralten Zeiten und aus allen Weltteilen berichtet wird. Mystik, mystische Strömungen, gibt es in allen Weltreligionen. Von hinduistischen Richtungen und vom Buddhismus wird gesagt, dass sie bereits von Haus aus mystisch geprägt seien, aber auch im Judentum, dem Christentum und dem Islam sind mystische Richtungen bekannt.

Doch Mystik selbst ist keine Religion im eigentlichen Sinne, sie kennt keine Dogmatik, keine festen Glaubenssätze. Mystik ist persönliches Erleben. Zwar kann sie mit jeder Religion in der einen oder anderen Weise verbunden werden, doch sie kann auch mehr oder weniger atheistisch auftreten. Die Mystik des Buddhismus ist dafür ein Beispiel, doch auch ein gänzlich irreligiöser Atheismus kann durchaus Raum für Mystik lassen, es kommt ganz darauf an.

Wegen dieser Breite möglicher Interpretationen mystischen Erlebens muss im Hinblick auf die fragliche Thematik vor allen verbalen und begrifflichen Fixierungen gewarnt werden. Worte wie „Religion“, selbst das Wort „Mystik“ tun zunächst wenig zu Sache, auch nicht das Wort „spirituell“. Sehr genau müsste eingegrenzt werden, was damit gemeint sein soll. Ein Streit um Worte ist leer und sinnlos. Ausschlaggebend auf diesem Feld sind vor allem die persönlichen inneren Erfahrungen – erst anschließend kann der Versuch folgen, anderen zu verdeutlichen, welche Art diese Erlebnisse waren. Die Forschung kann solche berichteten Erlebnisse vergleichen und daraus erwachsen sinnvolle Vorstellungen darüber, was als „mystische“ oder in irgendeiner Weise „religiöse“ innere Erfahrung angesprochen werden soll.

Unter diesem Vorbehalt kann gesagt werden, dass psychoaktive Substanzen eine immanent spirituelle, eine religiöse und eine mystische Tendenz haben. Wie auch immer man das Erlebte benennen mag, hier liegt der Kern aller Erfahrungsweisen auf dem Feld des psychedelischen Erlebens. Um nur eines von vielen fachwissenschaftlichen Urteilen zu zitieren, hier die Stellungnahme Walter Huston Clarks, seinerzeit Professor für Religionspsychologie am Andover Newton Theological Seminary/USA:

„Auf der Grundlage der vorgelegten Aufweise erscheint der Schluss als zwingend, dass es ein bedeutsames Merkmal der psychedelischen Drogen ist, bei vielen Menschen als Auslöser tiefer religiöser Erfahrungen ekstatischer und mystischer Art wirken zu können, die sonst nicht einmal im Traum daran denken würden, mit solchen Gaben ausgestattet zu sein.“ (Clark 1971, S. 113)

Diese Beurteilung stammt aus dem Jahr 1969. In der deutschen Einleitung zu seinem Buch „Chemische Ekstase, Drogen und Religion“ wird Clarks Arbeit folgendermaßen charakterisiert: Clark „hat viele Fakten gesammelt, über 175 kontrollierte Anwendungen von LSD oder Psilocybin beobachtet und versichert, selbst sechs 'Trips' unternommen zu haben.“ (Clark 1971) Es handelt sich also um Forschungen aus einer Zeit, als es noch legalerweise möglich war, diesen Forschungsgegenstand nicht bloß „von außen“ zu betrachten, sondern ihn auch im Selbstversuch von innen her zu erleben.

Das heißt nicht, dass seit Clark auf diesem Feld nichts geschehen wäre. Doch welche Methoden auch immer angewandt wurden, Clarks Urteil ist wieder und wieder bestätigt worden: Das Herzstück, der Höhepunkt, der Gipfel des psychedelischen Zustandes liegt in einer der seltsamsten Extremerfahrungen, die denkbar ist – religiös, mystisch, euphorisch, philosophisch, transzendent. Der Worte sind viele für diese Ekstase, doch im Innersten ist sie unbeschreiblich. Was sich dennoch sagen lässt, wird im Folgenden vorgebracht werden. Zunächst allerdings sollte genauer untersucht werden, welche Drogenarten besonders zur Herbeiführung der entsprechenden Zustände taugen und welche Drogen eher nicht.

„Droge“ – ein Wort, aber viele Bedeutungen

Was versteht man eigentlich unter dem Begriff „Droge“? Da das Wort auch in der Bezeichnung „Drogerie“ steckt, kann der Begriff nicht allzu präzise sein. Tatsächlich verbirgt sich dahinter ein weites Feld, und was das vertrackte Wörtchen in ein und dieselbe Schublade packt, kann bei Licht betrachtet etwas Grundverschiedenes sein (Schmidbauer 1998).

Aber der Begriff bezieht sich auch auf eine Gemeinsamkeit. Als „Droge“ bezeichnet werden sollte jede Substanz, die über Gehirn und Nervensystem Einfluss auf die seelische und geistige Befindlichkeit nimmt. Das Gemeinsame im Begriff „Droge“ ist damit bereits erschöpft. Wichtiger sind die Unterschiede. Psychopharmaka sind ohne Zweifel Drogen in diesem Sinne, auch wenn sie öffentlich vielleicht nicht so wahrgenommen werden. Auch Psychopharmaka sind psychoaktive Substanzen. Sie gelten als nützlich und befinden sich daher nicht in den Anlagen zum deutschen Betäubungsmittelgesetz, in denen alle verbotenen psychoaktiven Substanzen aufgelistet sind.

Dass viele Menschen mit erlaubten und als nützlich angesehenen Drogen ähnlich umgehen, wie mit den verbotenen und das nicht selten aufgrund von ärztlicher Verschreibung, steht auf einem anderen Blatt. Viele Menschen sind von Tranquilizern, von Weckaminen oder auch von Schlaftabletten abhängig. Mit einer Unzahl verschiedener Drogen werden Sportler wettbewerbsfähig gemacht und dabei ist Spitzensport und Doping schon beinahe ein Synonym. Doping ist eine Art der Drogenverwendung, die zwar verboten und öffentlich sanktioniert, aber im Spitzensport dennoch völlig selbstverständlich ist. Nur herauskommen darf es halt nicht.

Zusammenfassend heißt das: Ob eine Droge als schädlich, gar verwerflich oder ob sie als gesundheitsfördernd oder zu irgendeinem Zweck nützlich angesehen wird, hängt weitgehend davon ab, wie die jeweilige Droge von maßgeblichen Leuten gerade beurteilt wird. Eine besondere Rolle spielt dabei die Politik, die gesetzlich festlegt, was zur Zeit offiziell als „Droge“ im Sinne einer schädlichen Verwendung zu gelten hat und was nicht. So war LDS ursprünglich ein 1946 von dem Pharmakonzern Sandoz unter dem Namen „Delysid“ vertriebenes Medikament, also ein als nützlich eingestuftes Heilmittel, wurde jedoch schließlich verboten und damit zu dem, was der Sprachgebrauch als „Droge“ verdammt. Dabei hatte LSD lediglich die übliche Karriere nahezu jeder psychoaktiven Substanz durchgemacht, die sich nicht eindeutig als Psychopharmakon bewährt. Sobald ihr Wert für den „hedonistischen Gebrauch“ entdeckt wird, entsteht ein Schwarzmarkt und die Menschen beginnen damit zu experimentieren, viele werden in der einen oder anderen Weise abhängig (Amendt 2008/Hofmann 1993). Daraufhin wird die Substanz als nutzlos bezeichnet und verboten.

Solche Überlegungen zeigen: der Begriff „Droge“ ist sehr weit ausgelegt, er umfasst Nützliches und Schädliches zugleich, und ob eine bestimmte Droge als gut oder schlecht zu betrachten ist, hängt häufig davon ab, welche Entscheidungen die Politik getroffen hat und in welchem Kontext eine Droge verabreicht wird, etwa von einem Arzt durch die Aushändigung eines Rezepts oder durch einen Dealer.

Der Unterschied zwischen einem Heilmittel und einer „Droge“ liegt dementsprechend für sehr viele Menschen lediglich in der Bezeichnung. Sie urteilen also sehr oberflächlich über alles, was mit diesem Thema zusammenhängt. Sollte die einzige wirklich bestehende Gemeinsamkeit, nämlich die Einflussnahme auf die Befindlichkeit über biochemische Prozesse, ausreichen, um alles, was „Droge“ heißt, abzulehnen, so würde es auch unsere morgendliche Tasse Kaffee treffen, auf die wir prinzipientreu verzichten müssten und natürlich auch auf das Bier vor dem Fernseher oder ein Glas Rotwein anlässlich eines Besuchs.

Hier soll grob und behelfsmäßig in vier Kategorien von so genannten Drogen eingeteilt werden: erstens die Genussdrogen, zweitens Drogen mit medizinischer Heilwirkung, drittens Substanzen, die ich als „Leistungsdrogen“ bezeichnen möchte, und viertens schließlich Substanzen, die über jene seltsame Potenz verfügen, uns unser eigenes Inneres durchsichtiger zu machen oder gar spirituelle Intensiverlebnisse hervorzurufen. Solche Drogen bezeichne ich als „Psychedelika“. Zu dieser Kategorie gehören die Halluzinogene wie etwa LSD, Psilocybin, Meskalin oder die Entaktogene wie MDMA („Ecstasy“). Nur die Psychedelika, die sich in ihrer Wirkung sehr deutlich von allen anderen Arten von Drogen unterscheiden, stehen in diesem Buch zur Debatte. Dabei versteht man unter den unscharfen Begriffen „Halluzinogene“ solche Drogen, die eher eine Veränderung der Wahrnehmung hervorrufen und unter „Entaktogenen“, ebenso unscharf, Substanzen, die die Fähigkeit zur Einfühlung erhöhen.

Natürlich gibt es andere Möglichkeiten einer Kategorisierung von Drogen, etwa diejenige in „Upper“ und „Downer“ oder früher in „harte“ und in „weiche“ Drogen. Doch über Einteilungen lässt sich trefflich streiten, je nachdem welchen Einteilungsgesichtspunkt man zugrunde legt, etwa einen chemischen, psychopharmakologischen, psychiatrischen usw. Wichtig ist es zunächst zu begreifen, dass das Wort „Droge“ sehr Verschiedenes in ein- und die dieselbe Schublade packt. Darüber hinaus tun Bezeichnungen im Hinblick auf ein allgemeines Verständnis wenig zur Sache. Ihnen nachzugehen, lohnt sich nicht. Denn jeder Streit um Wörter ist fruchtlos.

Um die Eigenart der in diesem Buch zur Debatte stehenden Drogen, nämlich der Psychedelika, deutlicher zu erfassen, ist der Vergleich mit den Leistungsdrogen besonders erhellend, da sie zu den Psychedelika in Kontrast stehen. Leistungsdrogen sind eine Art Schmiermittel unserer Kultur. Sofern es zutrifft, dass sich unsere Kultur in historisch einmaliger Weise zunehmend ausschließlich an der Effizienz ihrer Ökonomie misst, Wirtschaftswachstum und das dahinter stehende Wachstum der Renditen zu ihren zentralen Zielen geworden sind, bedarf es offenbar chemischer Stimulierung, damit das Ganze noch funktioniert. Die Menschen müssen auf Trab gehalten werden und das auch dann noch, wenn sie längst überfordert sind. Das „erschöpfte Selbst“ (Haubl 2007) der geplagten Menschen sieht dann oft keinen anderen Ausweg mehr, als zur Pille oder zum Pulver zu greifen. Dabei spielen so genannte „Neuro-Enhancer“ (vor allem Amphetamine, die eine Art Seelendoping fördern) eine bedeutende Rolle. Sie vermitteln, wie es in der Szene heißt, „Speed“ oder „Pepp“.

Nicht zuletzt auch die „Leistungseliten“ auf den Führungsetagen dopen sich zunehmend mit Mitteln, die nichts anderes als Drogen sind. Schon die Führungselite der Nazis wusste, dass ohne Leistungsdrogen gar nichts läuft. Hitler schluckte Eukal, einen morphin-basierten Wirkstoff, der es dem maroden Psychopathen bis zum bitteren Ende ermöglichte, ein ganzes Volk in den Abgrund zu jagen (Dobrinski 2015, 3). Die Deutsche Wehrmacht, besonders Luftwaffe und Marine, brachten sich mit Pervitin auf Trab, einer Substanz, die dem MDMA verwandt ist, was zeigt, dass jede psychoaktive Substanz grundsätzlich missbraucht werden kann (Militärhistorisches Museum Dresden).Es gibt keine von sich aus „heiligen“ oder „spirituellen“ Substanzen. Stets kommt es auf den Kontext an.

Leistungsdrogen, das betrifft auch das neuerdings so verbreitete Christal Meth, sind Ego-Aufbläher. Der in der Ego-Gesellschaft auch sonst überall geförderte Narzissmus wird durch diese Drogenart bis zum Bersten gesteigert. Die fürchterliche Selbstzerstörung, die gerade auf den Gebrauch von Christal Meth folgen kann, entspricht dabei etwa dem Platzen einer Spekulationsblase. So fiktiv wie viele Blasen im finanzmarktgetriebenen Kapitalismus sind, so fiktiv und wahnhaft ist auch die durch solche Drogen ermöglichte Flucht in die Ich-Besessenheit.

Im Vergleich zu den Leistungsdrogen weist die Wirkung der Psychedelika, der Halluzinogene und Entaktogene, in die entgegengesetzte Richtung. Fördern die „Enhancer“, sowie andere Dopingmittel für den Alltag die Leistungsbereitschaft, die Arbeitsausdauer, die Lust an der Konkurrenz, das „Ich-bin-die-Nummer-1“ – Gefühl, den gesellschaftlich geforderten Narzissmus, so kann nach der Einnahme von LSD oder Psilocybin der genau gegenteilige Impuls stimuliert werden: nämlich die Lust, aus dem blinden Leistungssystem auszusteigen.

Jedenfalls lag hier die historische Rolle der Drogenbewegung der 1968ger-Zeit. Von den Hippies und den rebellischen jungen Leuten wurde LSD nicht etwa als Dopingmittel angesehen oder als therapeutische Droge, mit der Kranke zu heilen waren, ihre Einnahme entlarvte die gesamte Gesellschaft als eine einzige große Krankenanstalt. Der Harvard-Dozent Timothy Leary ließ seine Universitätskarriere hinter sich – als Prophet des LSD rief er dazu auf, der Gesellschaft den Rücken zu kehren und mit erweitertem Bewusstsein das wahre Leben zu beginnen. Dabei wurde gerade der mystische Aspekt der LSD-Erfahrung betont, denn die entsprechenden Gipfelerlebnisse standen im krassen Kontrast zur Geld- und Machtbesessenheit und zur Alltagsbanalität der amerikanischen Kultur (Waldrich 2008).

In Deutschland war es vor allem der junge Ronald Stekel, der, aufgeweckt durch ein LSD-Erlebnis, flammend zu einem Bruch mit dem aus seiner Sicht wahnsinnig gewordenen System aufrief.

„Die vermeintliche Besorgnis, die von den Vertretern der herrschenden Klasse über die Jugend in der Rauschgiftwelle und die rapide Verbreitung dieser Drogen in der Öffentlichkeit zum Ausdruck gebracht wird, gleicht [...] mehr der Besorgnis eines Bauern, dem seine Hühner weglaufen, bevor sie geschlachtet werden“, schrieb Stekel 1969.

Sich dieser Schlachtung durch das kapitalistische Profitsystem zu entziehen, war Sinn des Weges mit psychoaktiven Substanzen. Dabei wurden die psychedelischen Einsichten zugleich als Impulse betrachtet, eine Gegenkultur zu verwirklichen, in der wahrhaft menschliche Werte wieder zur Geltung kommen (Steckel 1971, 28, 69ff.).

Psychedelika – keine Drogen wie andere

Den Unterschied zwischen den Leistungsdrogen, die den Stress einer bis ins Sinnlose beschleunigten Arbeitswelt übertünchen sollen, und den hier in Frage stehenden Substanzen, kann man sich also nicht krass genug vorstellen. Aber die Wirkung der Psychedelika ist sehr stark an die Umstände gebunden, innerhalb derer sie eingenommen werden. Unter ungünstigen Bedingungen können auch Psychedelika Effekte entfalten, die der Wirkung anderer Drogenkategorien gleichen. Im Hinblick auf den Drogengebrauch spricht man diesbezüglich von Set und Setting. Damit ist gemeint, dass die Wirkung von Halluzinogenen und Entaktogenen nicht durch die eingenommene Substanz alleine ausgelöst wird, sondern ebenso durch zwei weitere Umstände: einerseits die persönliche Disposition des Probanden und zum anderen durch den Kontext der Verwendung. Dosisabhängig scheint es sogar so, als seien Set und Setting neben der chemischen Substanzwirkung die insgesamt wichtigeren Faktoren.

Das ist leicht nachvollziehbar, wenn man sich die Substanzwirkung zunächst einmal als Sensibilisierung oder auch als seelische Öffnung vorstellt. In diese für den Probanden überraschende neue Offenheit können einerseits aus der eigenen Psyche und andererseits etwa durch die Interaktion mit anderen Menschen in dieser Weise bislang nicht erlebte Stimuli eindringen. Die Substanzwirkung ergibt sich also stets als eine Resultante mehrerer Ursachen. Eine Wirkung derartiger Drogen bloß aus sich selbst heraus gibt es nicht.

Übrigens ist das auch ein wichtiger Grund, vor der unüberlegten, schlecht vorbereiteten Einnahme psychoaktiver Substanzen zu warnen. Damit es gut geht, muss alles stimmen: der User sollte geeignete Voraussetzungen mitbringen und die Situation wie auch das Ambiente für die Einnahme sollten förderlich sein. Passen Droge Set und Setting nicht zueinander, droht im schlimmsten Fall der Horrortrip, der niemandem zu empfehlen ist.

Unter Berücksichtigung ihres spezifischen Gebrauchs kann das Gemeinsame der hier infrage stehenden Substanzen in Folgendem gesehen werden:

- Sie verursachen und determinieren keine festgelegten Reaktionen. Sie sind eher Katalysatoren oder „Trigger“ (Metzner 1996, 69ff.).

- Sie sind also keine „chemischen Hebel“, mit denen eine alleine durch den Stoff selbst erzeugte Wirkung eintritt. Jeder kennt das vom Alkohol. Auch hier ist durch die Chemie des Alkohols nicht gänzlich festgelegt, wie jemand darauf reagiert. Jedenfalls bei niedriger Dosierung und einem milden Alkoholrausch bleibt eine breite Palette von Erlebensweisen, die durch Persönlichkeit und Umgebung mitgeformt werden. Der Vergleich bedeutet allerdings nicht, dass darüber hinaus irgendeine Ähnlichkeit zwischen der Alkoholwirkung und der Wirkung der fraglichen Substanzen besteht.

- Die hier infrage stehenden Substanzen erzeugen auch keine „Traumwelt“ im Umgangssprachlichen Sinne. Das ist wichtig, denn viele vermuten, dass eine chemische Einflussnahme auf das Bewusstsein in einer Art „chemischem“ Zustand enden müsse, also etwas „Künstlichem“. Diese Annahme verfehlt den Sachverhalt mehrfach. Weiter unten zeige ich das im Einzelnen. Hier nur so viel: Die Erlebnisse unter dem Einfluss psychoaktiver Substanzen der hier zur Debatte stehenden Kategorie werden von den Probanden in keiner Weise als „künstlich“ erfahren, sondern durchaus als eigene, authentische Erlebnisse. Dieser Eindruck bleibt auch im Nachhinein, in der Erinnerung, bestehen. Dass diese Erfahrungen durch Drogen ausgelöst worden sind, spielt dabei keine Rolle. Wer Erlebnisse unter dem Einfluss psychoaktiver Substanzen hatte, verarbeitet diese in der gleichen Weise wie auch andere seelische Erfahrungen, etwa Wahrnehmungs- oder Bewusstseinsvorgänge. Die Vorgänge in Nervensystem und Gehirn selbst, das heißt die Abläufe auf der materiellen Ebene, bleiben ausgeblendet, weil sie nicht unmittelbar zugänglich sind. So wenig, wie beim normalen Denken oder Fühlen irgendjemand zur gleichen Zeit sein Gehirn beobachtet und daher seine Wahrnehmungen als „gehirnproduziert“ empfindet, so wenig werden Drogenerfahrungen als „drogenproduziert“ und daher als „unechte“ Formen von Bewusstsein erlebt. Im normalen Erleben, etwa beim Lösen einer mathematischen Gleichung oder beim Betrachten eines Sonnenuntergangs, lässt uns alles, was auf der materiellen Ebene im Gehirn abläuft, völlig kalt. Es tritt nicht ins Bewusstsein. Genauso ist es im Hinblick auf Erfahrungen unter dem Einfluss psychoaktiver Substanzen. Das absichtlich „Gemachte“ daran, die durch einen Eingriff in die Mechanik des Gehirns erzeugte, besondere Erlebnisweise wird nicht als absichtlich gemacht oder bewusst erzeugt wahrgenommen. Nur hartnäckige Materialisten, die von der Identität bewusster und materieller Erfahrungen ausgehen, können daher an der angeblichen „Künstlichkeit“ von Erfahrungen unter dem Einfluss psychoaktiver Substanzen festhalten, wobei auch unter materialistischen Voraussetzungen „Künstlichkeit“ nur bedeuten würde, dass die materiellen Abläufe in diesem Falle andere materielle Abläufe sind, als es bei den sonst in diesem Zusammenhang üblichen Naturabläufen die Regel ist.

- Dagegen ist alles, was unter dem Einfluss der fraglichen Substanzen innerlich erfahren wird, in jeder Hinsicht ein Ausfluss der eigenen Persönlichkeit oder steht jedenfalls mit ihr in Verbindung. Auch als negativ erlebte und vielleicht abgewehrte Erfahrungen entpuppen sich als eigene Erfahrungen, die nichts „Chemisches“ und nichts „Künstliches“ an sich haben. Als gesichert bestätigen kann dies freilich nur jemand, der wenigstens einen einzigen Selbstversuch gewagt hat. Ein Urteil „rein theoretisch“ und von außen, ganz ohne Erfahrungsbasis, kommt als ernst zu nehmendes Urteil kaum in Frage, auch wenn manche Kritiker sich anmaßen, in genau dieser Weise „rein theoretisch“ zu urteilen und zu verurteilen.

- In gewissem Sinne „fremd“, wenn auch in keiner Weise „chemisch“ oder „künstlich“, fühlt sich für die meisten Menschen allerdings die Intensität oder auch die Art ihrer Erfahrungen unter dem Einfluss psychoaktiver Substanzen an. Sehr gesteigert ist etwa das Bedeutungserleben. Im Alltag sind unsere Wahrnehmungen, unsere Empfindungen und Gefühle eher blass. Vieles kommt uns so bekannt vor, dass wir es zumeist nur noch am Rande zur Kenntnis nehmen. Unsere Stimmungen sind auf ein Grau in Grau eingestellt, auf eine Art Langeweile der alltäglichen Routine, unterbrochen von gelegentlichen emotionalen Aufwallungen, die aber unsere grundsätzliche gefühlsmäßige Gleichgültigkeit gegenüber der Welt nicht berühren. Unter dem Einfluss von Psychedelika verschwindet diese Gleichgültigkeit sowie das alltägliche Grau in Grau. Plötzlich werden die Dinge, das eigene Innere, aber insbesondere die anderen Menschen wie durchglüht von einer tiefen Bedeutsamkeit. Und diese Aufhebung der alltäglichen „Langeweile“, in der wir gewissermaßen alles in den gleichen Topf der Nebensächlichkeiten werfen, geht in ein heftiges Interesse und möglicherweise in eine wahre Begeisterung für alles über, was ist. Dieser Empfindungswechsel bezieht sich vor allem auf die unmittelbare Umgebung, Reflexionen oder Theorien treten zurück. Bei geschlossenen Augen entfaltet sich eine reiche Innenwelt. Dies ist die Grenze zum ekstatischen Erleben unter dem Einfluss psychoaktiver Substanzen, von dem in Fortgang ausführlich zu reden sein wird.

- Erscheinen die Dinge und Phänomene bedeutsamer und tiefer zu sein, auch die Phänomene des eigenen Seelenlebens, unabhängig davon, ob sie sich positiv oder negative anfühlen, so tritt die Bereitschaft ein, sich ihnen zuzuwenden und sich mit ihnen zu befassen. Es ist daher kein Wunder, dass Psychotherapie und Psychiatrie in vielen Studien wahrscheinlich gemacht haben, dass bestimmte psychoaktive Substanzen für ihre Heilverfahren bedeutsam sein können (Jungaberle 2008/Passie 2009). Erinnerungen an Früheres, das Hervortreten geliebter und ungeliebter Emotionen, die heftige Verwicklung in Komplexhaftes, Abgespaltenes, Geleugnetes, doch stets mit einem Schuss Liebe auch gegenüber diesen „Aschenputtels“ unserer Persönlichkeit, eröffnen die Gelegenheit, das Innere genau anzuschauen, es zu erfühlen, zu erleben und im weiteren Fortgang der Therapie zu integrieren. Unterstützt werden solche Effekte durch die Möglichkeit, sich hervorragend an die inneren Erlebnisse unter dem Einfluss psychoaktiver Substanzen zu erinnern. So können sie psychotherapeutisch bearbeitet werden.

- Es ist daher richtig, die fraglichen Substanzen als Vergrößerungsgläser zu bezeichnen oder – eine sehr treffenden Bezeichnung – als „katalytische Substanzen“ (Jungaberle 2008, 29). Katalytische Prozesse bringen etwas in Bewegung. Innerhalb einer guten therapeutischen Beziehung wird diese Bewegung heilsam sein und eine integriertere, konsistentere und – das ist der besondere Akzent einer Psychotherapie mit Substanzen – vielleicht eine weisere Persönlichkeit hervorbringen.

Doch bezieht sich das auf klassische Weise therapeutisch nutzbare Potential von Substanzen lediglich auf einen begrenzten Bereich ihrer Wirkungen. Denn die möglichen Effekte dieser Substanzen enden nicht mit der Ausleuchtung des rein Persönlichen. Unvermeidlich wird Allgemeines zum Thema. Existenzielle Fragen tauchen auf. Geburt und Tod, das Schicksal, die fundamentale Rolle der Liebe, die Frage nach dem Sinn des Lebens und der Zukunft unseres Planeten, die Frage nach Gott. In ozeanischer Entgrenzung, im kosmischen Erleben, kann diese Ausweitung der inneren Erfahrung ins Transpersonale übergehen. Gewiss sind es hier die chemischen Mittel, die gewissermaßen eine inhärente Tendenz haben, transpersonale Erfahrungen auszulösen, sofern beim Probanden eine innere Bereitschaft besteht. „Chemische“ oder „künstliche“ Erfahrungen sind aber gerade diese Erlebnisse in keiner Weise.

Deutlich wird, dass die psychoaktiven Substanzen, die hier zur Debatte stehen, jedenfalls in ihrer konkreten Verwendung, schlechterdings überhaupt nichts mit den Genussdrogen und vor allem nichts mit den Leistungsdrogen gemeinsam haben. Ohne diese Unterschiede zu kennen, ist ein Urteil über die fraglichen Substanzen ohne Fundament. Gleichwohl wird in der Öffentlichkeit in der Regel alles in einen Topf geworfen.

Tod und Horror – die Dunkelseite

Wer sich mit drogengestützten Versuchen der spirituellen Sinnsuche befasst, sollte bereit sein, sich auf ein recht widersprüchliches Thema einzulassen. Licht- und Schattenseiten liegen nahe beieinander. Bereits grundsätzlich sind Erfahrungen mit Psychedelika auf Polarität angelegt. Gibt es Erleuchtungstrips, dann auch Horrortrips. Das heißt nicht, dass man stets und notwendig irgendwann einmal einen Horrortrip erleben muss. Bei einem guten Setting und unter der Voraussetzung, dass reife Menschen, die ihre persönlichen Probleme bearbeitet haben und sich selbst einigermaßen kennen, solche Substanzen einnehmen, sind Horrortrips äußerst unwahrscheinlich.

Doch grundsätzlich sind die entsprechenden Erfahrungen nichts anderes als eine Widerspiegelung der Wirklichkeit. Und diese ist nun einmal fundamental polar aufgebaut. Licht und Dunkelheit, Schwarz und Weiß strukturieren unsere Welt. Und auch wer keinen bad trip

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