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Abdankung

Inhalt

1
Februar dieses Jahres: Erbschaft

2
Februar, März, April des vorigen Jahres: Zahneisen

3
Mai: Spitzeisen – Besuche

4
Juni: Schwarzarbeit

5
Juli: Seitensprung

6
August: Stockhammer – Aufschub

7
August, September: Kameraden

8
September: Körperkontakt

9
Oktober: Scharriereisen

10
November: Manöverrapport

11
Dezember: Karrettenfahrt

12
Januar: Klüpfel – Ausgang

13
Februar: Nachruf

14
März, April, Mai, Juni: Schrifteisen – Nachlass

Das schauerlichste Übel, der Tod, geht uns nichts an; denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr. Er geht also weder die Lebenden an noch die Toten; denn die einen geht er nicht an, und die anderen existieren nicht mehr.

Epikur

1
Februar dieses Jahres:
Erbschaft

Die Sommerjacke, die er im Frühling gekauft, den handgestrickten Pullover und das Portemonnaie haben wir Naef gegeben. Das Portemonnaie roch noch nach neuem Leder.

Die fünf Flaschen Wein und die zwei Flaschen Schnaps gaben wir Naef und Schertenleib. Auch die Hemden und Socken und Taschentücher liessen wir dort; sollen die Leute im Altersheim damit machen, was sie wollen. Die übrige Wäsche, die übrigen Kleider haben wir in Plastiksäcke gestopft; das meiste davon war schmutzig, abgetragen.

Der Rest hat Platz in zwei Kartonschachteln. Die Schachteln stehen im Keller: rechts hinten im Lattenverschlag auf dem Taburett. Die Fotos und Ansichtskarten riechen stark nach Zigarettenrauch.

Als wir ins Breitmoos hinausfuhren, um den Schrank in seinem Zimmer zu räumen, schneite es. Samstagnachmittag. Der Schnee war nass, fiel in grossen Flocken. Schon die ganze Woche hatten Schnee und Regen einander abgelöst.

Naef sagte uns, wo der Vater seine Sachen verstaut gehabt. Vom Korbsessel aus neben der Tür schaute er uns zu, wie wir die Tablare räumten. Unterhosen, Leibchen, ausgelatschte Schuhe, ein fleckiger Regenmantel, Kittel, Mützen; viele Socken, Hemden, Taschentücher.

Im Zimmer brannte das Licht. Schertenleib sass, den Rücken uns zugekehrt, auf seinem Bett. Draussen die weissliche Dämmerung. Der leere Stuhl beim Fenster.

Wir beeilten uns. Ich wusste nicht, was mit der Wäsche und den Kleidern anzufangen war. Ich genierte mich, alles im Heim zu lassen; ich genierte mich, alles mitzunehmen. Sophie sortierte. Die gebügelten Hemden und Taschentücher, die Socken stapelte sie auf den Tisch. Das Unterzeug tat sie in einen der mitgebrachten Säcke.

Naef freute sich über den Pullover. «Haller hat ihn noch nie getragen», sagte er. «Eine Frau aus Riederen hat ihn gebracht. Zur Nikolausfeier.» Er probierte sich den Pullover an, einen dunkelgrünen Pullover, vorne mit einem roten Dreiecksmuster darin. Das Portemonnaie legte Naef neben sich auf die Bettdecke. «Schade, dass Haller selber es nicht mehr hat benützen können.»

Das alte Portemonnaie liegt in einer der Schachteln, bei den Fotos und Ansichtskarten. Bereits im letzten Frühling hatte der Vater gesagt, er werde sich nächstens ein neues Portemonnaie kaufen müssen, das alte habe an zwei Stellen ein Loch. Das Geld klimpere ihm immer im Hosensack rum – und falls auch im Hosensack einmal ein Loch sei, verliere er alles.

Der Verwalter war nicht im Haus. Eine junge Angestellte zeigte uns, wo wir die vollen Abfallsäcke hinstellen konnten. Sie dankte für das Aufräumen.

Sophie hatte von Frau Köppel das Auto erhalten. Ein Koffer hätte gereicht, das Auto wäre nicht nötig gewesen.

Bevor wir in die Stadt zurückfuhren, gingen wir im «Löwen» drüben einen Kaffee trinken. Die Wirtin reichte uns über den Tisch hinweg die Hand. Sie habe leider nicht an die Kremation kommen können.

2
Februar, März, April des vorigen Jahres:
Zahneisen

Sein Brief: «Meine Lieben! Der Doktor hat jetzt am Rücken operieren müssen. Es ist noch nicht ganz gut. Aber es wird sich schon bessern. Ich brauche ein paar neue Leibchen, drei oder vier, kann sie mir im Moment nicht selber besorgen. Bitte schicken, mittlere Grösse. Mit freundlichen Grüssen …»

Der Brief kam an einem Freitag. Am Sonntag fuhren wir ins Breitmoos hinaus.

Die beiden anderen Männer waren auch im Zimmer. Der Vater führte uns in den Aufenthaltsraum im Neubau drüben. Eine Frau kochte sich in der Ecke einen Tee; sonst war niemand da. Wir setzten uns an einen der Tische vorne bei den Fenstern. Ein grauer Tag.

Ja, sagte er, auf unseren Rat hin habe er sich den Rücken verbinden lassen. Mit dem Verbandzeug, das sie, Sophie, ihm vor drei Wochen in der Apotheke gekauft und mitgegeben. Einige Tage hätten sie ihm die Sache verbunden. Ihn habe gedünkt, es heile allmählich. Gejuckt jedenfalls habe es weniger. Die Salbe sei wohl die richtige gewesen. Aber dann hätte einmal Frau Christen, die bisweilen zur Aushilfe hier, den Verband machen sollen: sie habe ihn nicht gemacht, sie habe sich geweigert. Da müsse ein Doktor her, habe sie gesagt, so etwas verbinde sie nicht, ohne dass es ein Doktor gesehen. Die Frau des Verwalters habe ihn darauf noch am gleichen Tag zu Lätt in die Sprechstunde gebracht.

«Und dort hab’ ich mich auf die Liege gelegt bäuchlings, und der Lätt hat’s rausgeschnitten. Ob er den kleinen Knoten daneben auch herausschneiden solle, hat er gefragt. Nur los, raus damit, das geht grad zusammen, hab’ ich gesagt. – Und jetzt muss ich halt jeden zweiten Tag hingehen. Er will die Wunde selber verbinden, tupft sie aus und verbindet sie neu. Manchmal gibt er mir für die Leute im Heim, die krank sind, Medikamente mit. Damit er nicht extra herfahren muss.»

Sophie fragte, was es nach Meinung des Arztes denn sei.

Ach, der wisse das doch nicht. Zuerst habe er was von Hautkrebs gesagt. Er habe sich den Rücken angesehen und ein seltsames Gesicht gemacht. Aber dann habe er gesagt, wahrscheinlich sei die Sache weiter nicht schlimm, daran sterbe er, Haller, noch lange nicht, er sei ja ein Zäher. Nein, habe er gesagt, Krebs werd’s wohl nicht sein, Gürtelrose vielleicht oder etwas dergleichen. Andererseits spreche doch etliches dagegen. – Dieser Lätt sei ein Schwafler, sagte der Vater; er selber wisse nämlich genau, woher das Geschwür komme. Das sei an der Stelle gekommen, wo ihn immer der Gürtel gedrückt, der Ledergürtel, den ihm der Schuhmacher voriges Jahr geflickt und zusammengenietet. Präzis bei den vier Nieten habe es den Eiss gegeben: die Hose sei ihm, wenn er sich gebückt – und bei seiner Arbeit müsse er sich eben häufig bücken –, hinten immer ein wenig nach unten gezogen worden, der Gürtel mit den vier Nieten jeweils oben geblieben, direkt auf der Haut: genau so sei es gewesen, das wisse er. Nichts als eine Art Eiss, und den habe er sich immerzu aufs neue aufgekratzt. Und schliesslich habe auch Doktor Lätt zugegeben, daran könne es liegen, die Nieten des Gürtels hätten das aufgeschürft, das sei wohl möglich; das oder was anderes, habe Lätt gesagt.

«Ich will mich nicht beklagen. Er hat das ganz gut herausoperiert. Hat eine Spritze gegeben, ich hab’ kaum was gespürt. So kleine Operationen, darauf versteht er sich, schnippeln tut er gern. Und jetzt kümmert er sich darum. Ich muss jeden zweiten Tag hin, und er verbindet es eigenhändig. Er gibt sich alle erdenkliche Mühe mit diesem bisschen Blessur.»

Sophie fragte, ob er, ausser den Leibchen, sonst noch was nötig habe.

Er dankte; er sei mit dem Nötigen versehen vorläufig. Es sei bloss lästig, jeden zweiten Tag nach Weiermatten zu fahren. Weit sei es zwar nicht, aber er verliere dabei meist doch einen ganzen Nachmittag, müsse, wenn er Pech habe, eine geschlagene Stunde warten, bis wieder ein Postauto komme. Er würde nichts sagen wollen, wenn’s in Weiermatten ein Wirtshaus gäbe: aber das geb’s in Weiermatten nicht. Er könne nicht verstehen, dass ein Doktor eine Praxis eröffne in einem Kaff, wo nicht mal eine Wirtschaft vorhanden sei.

Inzwischen waren zwei Männer in den Aufenthaltsraum getreten und hatten sich in der Nähe hingesetzt. Die Füsse des einen reichten, wenn er sass, nicht auf den Boden. Der andere kaute an einer leeren Tabakspfeife.

Als der Vater den Wirtshausmangel erwähnte, blickten beide herüber; der Kurzbeinige machte feixend eine Bemerkung, die ich nicht verstand.

Der Vater fixierte ihn: «Hast etwa etwas dagegen?»

Er hatte nichts dagegen.

Sophie legte die Hand auf Vaters Arm. «Schon recht», beschwichtigte sie. Und Lippen vorstülpen; zusätzlich nicken.

Und vom Wetter reden.

«Neblig», bestätigte der Mann mit der Pfeife.

Wir schauten alle zum Fenster hinaus.

«Schön, jetzt an der Wärme zu sein», sagte der Kurzbeinige.

«Quatsch», sagte der Vater, «langweilig ist’s.»

Im Laufe der folgenden Wochen besuchte ich ihn hin und wieder im Breitmoos draussen. Oder ich telefonierte mit ihm. Seine Laune verschlechterte sich.

Als ich an einem Sonntag gegen Abend beim Heim anrief, sagte die Angestellte, er sei nicht im Haus. An Sonntagnachmittagen halte er sich häufig im «Löwen» auf. Ich solle es dort versuchen.

Budmiger, der Wirt, nahm das Telefon ab. Ja, Haller sei da. Ob er ihn rufen solle.

Es dauerte eine Weile, bis der Vater am Apparat war. Ich hörte ihn den Gang entlangkommen. Er lärmte was in die Wirtsstube zurück, was wie Fluchen tönte.

Ah – ich sei’s, sagte er. Doch, es gehe. Bloss der Lätt, dieser Lätt sei und bleibe ein Quacksalber. Das Auswaschen, Neuverbinden habe nun lange genug gedauert. Er habe keine Zeit für solchen Blödsinn, habe Gescheiteres zu tun. Er wolle endlich wieder arbeiten. Er brauche das. Und er frage sich, ob es überhaupt nötig gewesen sei, den Eiss herauszuschneiden. Die Sache wäre sicher auch so verheilt. Länger auf jeden Fall als mit diesem Rumdoktern hätte es sicher auch nicht gedauert. Im Gegenteil, jetzt jucke es wieder am ganzen Rücken, vor der Operation habe es nicht mehr gejuckt. Und immer diese Sauerei im Bett, fast jeden Tag müssten sie die Leintücher wechseln. Es nässe aus dem Verband heraus; da könne der Doktor pflastern, soviel er wolle. Überhaupt, dieser Herr Doktor solle ihm bitte mal vormachen, wie man sich mit einem solchen Pflasterverband ins Bett legen könne. Schluss und fertig damit; er müsse endlich mit der Arbeit am Brunnen beginnen; zweimal sei Estermann schon vorbeigekommen und habe gefragt, wann er anfange. Auch dem Adam habe er versprochen, und das bereits letzten Herbst, die Fenstersimse zu scharrieren, sobald’s wieder wärmer werde. Das müsse nun alles warten wegen dieses Rückenzeugs. Einfach rumhocken, das sei nichts für ihn. Jetzt sei März, jetzt müsse er hinaus. Ausserdem habe er Sackgeld nötig.

Er hatte zuviel getrunken.

Was dieser Lätt ihm sage, sei ohnehin alles Mist. Der sage bald das, bald jenes, wolle ihn in die Stadt zu Briner schicken, einem Hautarzt, rede handkehrum von Spital und Bestrahlen und wer weiss was allem. Und dann wieder: man müsse noch warten, bis die Wunde verheilt. Aber er, Haller, sage, jetzt sei genug gewartet, verdammt noch mal.

Ob ich Lätt telefonieren solle, fragte ich.

Das habe keinen Wert, sagte der Vater.

Ob ich ihn das nächstemal in die Sprechstunde begleiten solle.

Er könne sich selber wehren. Dem sage er’s noch, aber sicher. So einer sei doch kein Doktor, ein Depp sei das.

Ich liess ihn reden, erwiderte wenig darauf.

Schön, dass ich mich gemeldet hätte, sagte er. Fügte hinzu: Es werde schon besser werden mit dem Rücken. Aber es heile eben nur langsam. Das ärgere ihn.

Jedesmal wenn ich ihm telefonierte, bedankte er sich am Schluss, dass ich telefoniert. Jedesmal musste ich Sophie einen Gruss ausrichten.

Rasselte der Wecker los, war ich meist schon wach. Ich drückte die Abstelltaste, zog mich im Badezimmer an: Sophie sollte noch eine Viertelstunde schlafen können. In der Küche, durch die Stube und den Gang vom Schlafzimmer getrennt, störte man nicht.

Frühnachrichten. Vielleicht stand ich nur auf, um allein die ersten Nachrichten hören zu können. Fast nie ist in der Nacht was Neues passiert.

Von der Allmendstrasse dröhnte der Lastwagenverkehr herüber. Ich stellte das Wasser auf den Gasherd, bereitete den Filter vor, nahm Butter, Milch aus dem Kühlschrank. Sobald der Kaffee fertig, der Tisch gedeckt war, ging ich Sophie wecken. Diese sinnreichen Ehebetten, zwei Matratzen und ein Brett dazwischen.

Für eine Chefsekretärin gehört es sich, geduscht und geschminkt ins Büro zu gehen. Wenn sie sich vis-à-vis an den Küchentisch setzte, hatte ich bereits mit dem Frühstück begonnen. Empfindlich gegen lautes Radio, drehte sie die Siebenuhrnachrichten auf leise. Sie trank nichts als schwarzen Kaffee, zwei Tassen. Ich strich mir Schnitten. Noch lieber hätte ich Bratkartoffeln gegessen. Aber ihr war immer beinahe übel geworden, wenn sie mich am Morgen früh derart hungrig hatte zugreifen sehen.

«Tschau, bis Mittag!»

Und weg war sie.

Normalerweise wäre ich jetzt ebenfalls gegangen.

Statt dessen legte ich mich nochmals hin; ich machte das Bett und legte mich in den Kleidern auf die Decke. Den Transistor hatte ich aus der Küche mitgenommen. Und zum drittenmal Nachrichten hören: inzwischen ist nochmals nichts Neues passiert.

Sophie dachte wohl, ich würde, sobald sie gegangen sei, die Haushaltsarbeiten erledigen. Der Haushalt gab wenig zu tun.

Ich weiss übrigens gar nicht, was Sophie dachte. Wahrscheinlich dachte sie gar nicht darüber nach, was ich tat oder nicht tat, während sie im Büro sass und die eingegangene Post sortierte, für Fritschi Telefonanrufe abnahm und Briefe schrieb. Nur ich begann darüber nachzudenken, was sie wohl denke, dass ich tue den ganzen Vormittag.

Aber das gehört nicht hierher.

Gartenwirtschaft; die Sonne schien. Vogeldreck auf den runden Blechtischen, Hühnerdreck auf dem Kies. Im Haus drinnen grosser Betrieb. Längs der Strasse standen Autos parkiert. Die Sparkasse der Gegend hielt ihre Generalversammlung ab: Handwerker, Kleinfabrikanten, Bauern. Budmiger hatte die Tische den Winter über draussen gelassen. Sie rosteten. Einige Stühle waren kaputt.

Die Serviertochter kam heraus und setzte sich zu uns.

«Bald wird’s losgehen, das Bankett», sagte sie. «Jetzt hält einer noch eine Rede.»

Sie zündete eine Zigarette an. «Mal verschnaufen», sagte sie. «Budmiger schreit bereits den ganzen Morgen in der Küche herum und steht allen im Weg. Gut, dass ich nicht jeden Tag hier arbeiten muss.» Sie war nur zur Aushilfe da, eine Frau auf die Fünfzig zu, das Gesicht voller Sommersprossen.

Sie und der Vater erzählten mir, was an der letztjährigen Generalversammlung vorgefallen war. Die Versammlung sei letztes Jahr noch oben im grossen Saal abgehalten worden, nicht wie dieses Jahr unten in der Wirtsstube und im hinteren Sälchen. Doch, gegessen habe man immer unten, sozusagen der lustige zweite Teil; aber Geschäftsbericht, Reden et cetera hätten letztes Jahr wie alle die Jahre vorher oben im Saal stattgefunden. Und da sei’s eben passiert. Als nach Abschluss des seriösen Teils sich alle zur Tür gedrängt, um möglichst rasch unten an die gedeckten Tische zu kommen, sei die Laube eingestürzt. Sie hätten den Schinken gerochen, sagte der Vater. Der Ansturm sei für die morschen Balken zuviel gewesen. Nein, runtergefallen sei niemand, das nicht. Man habe das Schwanken der Laube rechtzeitig gemerkt. Aber gut die Hälfte der Leute habe durchs Fenster eine Leiter hinuntersteigen müssen, um zu ihrer Berner Platte zu kommen.

«Und was gibt’s heute?» fragte der Vater.

«Kannst zweimal raten», sagte die Frau.

«Mit Sauerkraut?»

«Natürlich mit Sauerkraut.»

Wann genau ist das gewesen? Nicht der Laubeneinsturz, sondern jenes Gespräch in der Gartenwirtschaft, als sie mir zweistimmig darüber berichteten, die Frau mit den Sommersprossen im Gesicht und der Vater. Beide rauchten. Sie hatte sich eine Strickjacke übergezogen und behielt die Hintertür des «Löwen» im Auge. Draussen sass ausser uns niemand. Der Vater hatte Kaffee mit Schnaps bestellt, die Frau hatte die beiden Gläser gebracht, sich später zu uns gesetzt. April wird’s gewesen sein. Grasspitzen kamen erst spärlich aus dem wüsten Boden. Die Kastanienbäume und Linden waren kahl. Der Vater trug die graue Mütze, unter dem Kittel einen dicken Pullover. Wir sassen an der Sonne. Kein Wind ging. Ein Samstagmittag im April muss es gewesen sein.

«So, ich sollte wohl wieder», sagte die Frau, die Zigarette ausdrückend. «Kann ich noch etwas bringen?» «Zwei Kaffee mit Kirsch», sagte der Vater. Und zu mir herüber: «Du nimmst doch auch noch einen, oder?»

«Kaffee machen sie nämlich guten hier», fügte er hinzu, als die Frau gegangen war. «Sonst …», er stiess Luft durch die Nase aus, «ich frag’ mich, warum die Leute hierher zu einem Essen kommen. Wenn Frau Budmiger nicht wäre, wär’ die Kneipe längst eingegangen.»

Abgelegen; verlottert. Nicht nur die Laube sei morsch, sagte er, der ganze Kasten sei baufällig. Sporadisch werde am Dach rumgeflickt. Und auch da sei es die Wirtin, welche die Handwerker organisiere und nach dem Rechten sehe. Der Mann schwätze nur; spaziere mit seinem Glas Roten in der Wirtsstube herum und quatsche die Leute an. Falls überhaupt Leute vorhanden seien.

Die Blechtische, abblätternde Farbe. Stühle mit einem Geflecht aus Plastikschnur. Die Sonne blendete. Stimmen, Servierlärm aus dem Haus herüber.

Hühner standen umher; setzten – pickend nach irgendwas – Fuss vor Fuss, bewegten ruckartig den Kopf; schauten mit Knopfaugen schräg herauf. Das Schattenmuster der Bäume auf dem Boden.

Breit der Vater am Tisch. Mütze in die Stirn gezogen. Die Hand neben dem halb vollen Glas; eine kleine, kräftige Hand.

Wie es mit der Wunde am Rücken stehe, hatte ich mich gleich am Anfang erkundigt. «Sie heilt», hatte er gesagt, mürrisch. «Dafür hat’s jetzt drei Knubbel gegeben grad daneben.»

Er hatte kein Interesse gezeigt, darüber zu reden. Wichtig sei nur, dass er endlich wieder etwas unternehmen könne. Am Montag hole ihn Estermann im Altersheim ab.

Es war nicht Estermanns Idee, es war seine eigene Idee gewesen. Und einen kleinen Brunnen dieser Art hatte er bereits letzten Sommer hergestellt; im Garten eines Einfamilienhauses, das Estermann gebaut.

Er erklärte mir die Arbeit. Aus vielen einzelnen Steinen – alles Fräsabfall aus der Spätigrube – füge er den Brunnen zusammen. Er haue die Steine zurecht; der Maurer betoniere den Sockel, mit Armierungseisen darin; auf diesen Sockel würden aus den vorgehauenen Steinen die vier Wände gemauert, zuletzt innen der Boden und die Wände mit Zementmörtel verputzt.

Ob ein solcher Brunnen denn dicht sei, fragte ich.

Der Vater zog die Mundwinkel herunter: «Ich bin Steinhauer – für alles übrige ist der Maurer da. Glaube zwar kaum, dass der Trog rinnen wird. Wenn er’s macht, wie ich’s ihm sage. Guten Rat geben kann man ja.»

Und nach einer Pause:

«Einen Brunnen aus solidem Stein, aus einem ganzen Block gehauen, das kann sich heute niemand mehr leisten. Abfallmaterial dagegen ist billig. Dem Estermann rentiert’s. Ich bekomme nur ein Taschengeld, zwei Franken pro Stunde haben wir abgemacht. Macht nichts. So hab’ ich was zu tun. Und bin den ganzen Tag weg hier!»

Einige Leute kamen heraus, um sich an der Sonne die Beine zu vertreten. Die Männer trugen Krawatten, die Frauen Jackenkleider. Geplauder, Lachen, hochhackiges Gestakse über den Kies. Stumpen wurden angezündet.

Der Vater grüsste zu verschiedenen Malen, wurde wiedergegrüsst. Er sagte mir, wer die Leute waren. Dem einen hatte er vor Jahren ein paar Treppentritte geflickt, einem anderen Steine zu einer Gartenmauer gemeisselt. Der Vater erinnerte sich daran, wo es Schinken, wo es Servela, wo es nichts zum Imbiss gegeben.

Er fuhr sich über den Stoppelbart. «Heute rasiere ich mich», sagte er. «Einmal in der Woche genügt, oder?»

Er bestand darauf, den Kaffee zu bezahlen. Und bevor wir uns erhoben, packte er sich die überzähligen Zuckerstücke in den Kittelsack. «Für Naef. Der hat alles Süsse so gern.»

3
Mai:
Spitzeisen – Besuche

Andere leiden darunter, arbeitslos zu sein. Wer nicht arbeitet, ist nichts. Sie sagen’s zwar nicht so direkt, weder jene, die Arbeit haben, noch die, welche ohne sind. Vielleicht denken sie’s nicht einmal. Trotzdem: man benimmt sich, als würde es einem gesagt – als würde man’s selber denken.

Andere? Man? Diese und jene?

Fast kam’s mir gelegen, dass ich nun jeden zweiten Tag zum Spital hinaufgehen musste, um dort den Vater zu treffen. Es wäre nicht nötig gewesen. Er hätte den Weg von der Bushaltestelle hinüber ins Untergeschoss auch allein gefunden.

Eine Sommerjacke, hellbeige, mit zwei Brusttaschen, zwei Seitentaschen, dazu Innentaschen links und rechts, Reissverschluss.

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