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Aufrecht in Berlin

Anerkennung

Drei öffentliche Lesungen hatte es aus dem Manuskript gegeben. Unter den Zuhörern saß Wolfgang Peter ARLT, genuiner Berliner und ungefähr gleich alt wie die Romanhauptfigur.

Der Blickwinkel, aus dem heraus das Milieu des politischen Berlin gezeichnet wurde, überzeugte ihn, diesem Buch den Start zu sponsern.

Nach einem Unfall, junger Berufs-Invalide, hatte man ihn in die Gruppe der über 65-jährigen Ostberliner befördert.

Dermaßen „aufgestiegen“, durfte er die Privilegien der Altersrentner nutzen und zwischen den zwei Welten des geteilten Berlin pendeln.

Was ihm in dieser Zeit an systemrelevanten Schikanen und Egoismen widerfuhr, lässt ihm heute noch den Kamm schwellen……

Inhalt

Anerkennung

Formate im Herbst

- Voraus, der Leichenschmaus

Wurzeln – und wie es mit Roland begann

- Götterdämmerung

- Als der Pulverdampf verflogen war

Neue Orientierungen

Steppke in der Stadt zweier Welten

Öffnung neuer Horizonte

- Tausend-und-eine-Nacht

Gewachsene Flügel, gebrochen und abgeschnitten

Justierung neuer Perspektiven

- Weites Land – Leningrad ist nicht Moskau

-'64, Alltagssplitter; Reiseerlaubnis Richtung Süd-Ost

- Phönix aus der Asche

- Auf die Knie gezwungen

- Idee mit Rückfahrtkarte - gescheiterte Flucht

- Horrorknast CSSR, Ceske-Budeowice

- MfS Berlin-Hohenschönhausen

Aus der Zelle raus – rein in die „DDR“

- „Freiheit“, erster - vor dem Schlaf letzter Gedanke

Flucht über den 'Checkpoint-Charlie' Berlin

Ankunft

Die erreichte Freiheit – eine Metamorphose

Frontstadt - funkelnder Solitär pulsierender Freiheit

- Trittfassen auf tiefem Geläuf

Brennende Herzen – Kampfszenen im „Kalten Krieg“

- Gegebenes Wort verpflichtet!

- Die Zeit der Tunnelbauten in Berlin war vorbei

- Heiße Sache, damals im August 1968

- Ein ganz heikles Fluchtprojekt

- Carte Blanche für Roland

- Unverhofft kommt oft – die schnellste Flucht

- Gemeiner Verrat – eine tragische Geschichte

- Weiter immer weiter, Eltern mit ihren Babys

Schneid braucht auch Gottvertrauen

- Studien-Exkursion – Thailand, Kriegspartei + Etappe

- Student sein, wenn die Hiebe fallen…..

- Blut ist dicker als Wasser

Der Ausstieg

- Politische Vorstellungen

Die Mauer ist weg! „Wir sind ein Volk!“

- Das Ringen - Berlin wird, was es war

- Rolands erfreulichster politischer Irrtum

- Der 'Kalte Krieg' war Geschichte, aber….

Epilog

Anno 2020 – Lebende Akteure und Zeitzeugen

Das Einzige, was Menschen Ewigkeit verleiht, ist nicht die Geschichte,

sondern eine Geschichte, die man erzählt.

Aus dem Gilgameschepos – entstanden zwischen 2.100 und 600 v. Chr.

Formate im Herbst

Herbst 2013 in Berlin an einem Tag des sich in die Länge ziehenden Altweibersommers in einem Reinickendorfer Gartenrestaurant. Das Geschirr der letzten Mittagsgäste ist abgeräumt und alles neu eingedeckt. In etwa drei Stunden ist mit dem Eintreffen gutbürgerlicher Abendgesellschaften zu rechnen. Jetzt ist „Happy hour time“. Alles ruhig - das Personal steht privatissime zu Diensten. Zwei Tischreihen von meinem Platz entfernt sitzt ein Mann an der Stirnseite eines Tisches, der von 5 leeren Gartenstühlen umstanden ist. Diese Komposition lässt darauf schließen - Man(n) erwartet Gäste. Der Mann scheint das Alleinsein in der nachmittäglichen, wärmenden Sonne zu genießen. Bequem im Gartenstuhl mit Armlehne sitzend, hat er vor sich auf dem Tisch eine Karaffe mit Weißwein stehen. Scheint auch noch nicht lange da zu sein, denn aus der Karaffe fehlt nicht mehr als eines Glases Menge.

Zwischen den ersten drei Fingern seiner linken Hand bewegt er spielerisch die Zigarrenspitze, die quasi das Mundstück für eine Zigarre im Korona-Format bildet. Das Erscheinungsbild dieses Mannes lässt vermuten, es könne sich bei der Zigarre um eine „Havanna“ handeln. Die könnte ein Longfiller sein. Das sind ineinander gedrehte Blätter, entgegen Füllungen aus kleingeschnipseltem oder gerupftem Tabak - Shortfiller genannt. Der Beobachtete schaut gedankenversunken auf den langen Brand seiner Zigarre. Erst als dieser gute zwei Zentimeter lang ist, für Longfiller charakteristisch, streift er die Asche ab. Eine Zigarrenspitze macht noch keinen Snob, meinte „Zigarrenpapst“ Davidoff. Er schrieb: "Leute, die eine „Havanna“ mit Spitze rauchen, trinken womöglich Champagner mit Strohhalm. Wie auch immer, unverfälscht und voll genießen – dann ist alles richtig!“

Später werde ich erfahren, der Mann raucht seit gut vierzig Jahren Zigarren nur in Spitze. So rauchend, wird er sagen, das ließe ihn gleichzeitig schreiben, oder auf der Computertastatur tippen, telefonieren oder am Lenkrad sitzend Auto fahren. Die universelle Handhabung der Zigarrenspitze förderte seinen Konsum und ließ ihn bis zu sieben Koronas täglich schmauchen. Voll genießend, so habe ich den Alleinsitzenden vor Augen. Ohne zu inhalieren, lässt er den Rauch im Mund zirkulieren und bläst hernach abgekühlte blaue Wölkchen in die laue Herbstluft.

Der Beobachtete schaut zu mir herüber – unsere Blicke treffen sich. Mit einem brennenden Fidibus-Zündel, bei dem es sich um einen Streifen Zedernholz handelt, den ich mit dem Feuerzeug anstecke, sorge ich für einen sich über den gesamten Durchmesser ausbreitenden Anbrand.

Nach dieser Prozedur hebe ich wieder den Blick. Ich schaue in das offene Gesicht des Beobachters. Da drückt sich so viel Sympathie aus, dass es mir wie die Erfüllung eines Wunschs vorkommt, just in diesem Augenblick von ihm angesprochen zu werden.

„Gutes Teil das, Herr Nachbar – sieht nach Havanna aus.“

„Man gönnt sich ja sonst nichts, Herr Nachbar, scheinen ja den gleichen Geschmack zu haben.“

„Wenn es Sie nach Unterhaltung gelüstet, geben Sie mir die Ehre und setzen Sie sich her.“

Mir gefällt die leicht ins Ironische überkippende Ansprache.

„Gerne, augenblicklich zu tun das Beste!“, erwidere ich im selben Duktus.

Im Aufstehen, das Bierglas mit dem Unterdeckel in der einen und die Zigarre zwischen drei Fingern der anderen Hand, gehe zu seinem Tisch. Stehend begrüßen wir uns und nehmen dann einander gegenüber Platz.

ER Berliner - ICH Berliner, frotzelnd, - landsmannschaftliches Treffen. ICH vier Jahre älter, beide studiert und, wie man so sagt, augenscheinlich gut drauf.

ER, von einer Lesehilfe abgesehen, brillenlos.

ICH mit randlosen gleitsichtigen 6 Dioptrien ausgestattet.

Beide in Sommerweste.

ER trägt ein Hemd mit Umschlagmanschetten und eine über jeden Zweifel erhabene, von Hand gebundene Seidenfliege.

ICH mit offenem Kragen und umgeschlagenen Hemdsärmeln. Gespannt und neugierig suchen wir nach Schnittstellen in den zurückliegenden sieben Jahrzehnten.

Beide hatten wir es beruflich mit Menschen zu tun.

ER ein WOSSI - ICH ein WOSSI.

Die Begriffe WESSI, OSSI und WOSSI haben sich für uns Deutsche im geographisch und politisch geteilten Vaterland entwickelt. WESSIS, das waren Leute, die im Westen lebten. OSSIS wohnten in der ehemaligen DDR. WOSSI ist die Kombination von beiden und setzt in Sprache um, sowohl in der DDR als auch im Westen gelebt zu haben. Man bediente sich der drei Termini hüben wie drüben - nicht immer wertfrei. ER und ICH, Bürger einer wieder zusammenfindenden Nation, erinnern sich dieser Termini, zufrieden darüber, dass sie heute kaum noch, höchstens auf Kalauerniveau, gebräuchlich sind.

ER aus Berlin-Britz stammend, im Bezirk Friedrichshain aufgewachsen, fünf Jahre nach dem Mauerbau beim zweiten Fluchtversuch in den Westen gelangt, Student, junger Wissenschaftler, Unternehmer, Manager, Designer, Rentner.

ICH ursprünglich aus Berlin-Mitte. Meine Mutter lebte nach dem Krieg ohne Mann - ich ohne Vater. Der, Berufssoldat, galt seit den letzten Abwehrschlachten vor Berlin auf den Seelower Höhen 1945 als vermisst. Um die tausend Aufbaustunden hatte Mutter als Trümmerfrau geleistet, wurde dafür prämiert, und der Sohn durfte bis zum Abitur auf die Oberschule. Für meine Zulassung an die Universität hatte Mutters Trümmerfrauen-Bonus kein Gewicht mehr. Ich hatte kein Pioniertuch getragen und war nicht Mitglied der Freien Deutschen Jugend. 'Mangelnde gesellschaftliche Mitarbeit', so lautete die Begründung für die Nichtzulassung an die Humboldt-Universität.

In Westberlin dauerte die Schulzeit bis zum Abitur 13 Jahre. Das Ostberliner Abitur nach 12 Jahren reichte nicht für die Immatrikulation an den Universitäten in West-Berlin und dem übrigen Bundesgebiet. So ging ich für das 13. nach West-Berlin - wohnte aber weiter in Ostberlin, bei Muttern in der Reinhardstraße, nur eine S-Bahnstation von meiner neuen Schule in Tiergarten entfernt. Mein nunmehr zweites Abitur, in den Naturwissenschaften eine ganze Note besser als mein Ost-Abitur, war jetzt die Eintrittskarte zur Immatrikulation an der Freien Universität, Fachrichtung Germanistik und Geschichte, Lehramt. Wohnort blieb weiter Hotel „Mutter“. Mitte August 1961 wurde die Mauer gebaut. Mit der geborgten Identität eines Kommilitonen, der aus Hessen stammte, konnte ich zwei Wochen später - das DDR-System arbeitete noch an der Undurchlässigkeit seiner Einmauerung - in den freien Teil Berlins flüchten. Zeugnisse und Geburtsurkunde hatte ich mit Leukoplast auf den Körper geklebt. So sehr es meine Mutter schmerzte, von mir in Ostberlin zurückgelassen worden zu sein, frohlockte sie doch bei dem Gedanken an mein Leben in Freiheit. Tausenden Menschen ist von den Kommilitonen der Berliner Universitäten der Weg in die westliche Hemisphäre ermöglicht worden - eine bis heute nachklingende heroische Leistung der damaligen Studentenschaft. Verhaftungen gegen Ende 1961 zeigten dann an, der DDR-Käse hatte so gesehen, nun keine Löcher mehr. Mein Studium dauerte 11 Semester, denen sich 80 als Gymnasiallehrer anschlossen.

Getretene Kieselsteine lenken meinen Blick in Richtung des Geräuschs. Eine Dame in Begleitung zweier Herren, alle um die Mitte Vierzig, nähert sich unserem Tisch. ER erhebt sich, seine Zigarrenspitze ruht im für Zigarren dimensionierten Aschenbecher. Ich beobachte eine Begrüßungsszene, wie sie unter Freunden und guten Bekannten heutzutage gang und gäbe ist. ER umarmt aus der Dreiergruppe zuerst die Dame. Links und rechts bekommt sie einen angedeuteten Kuss auf die Wangen und dann strahlen sie sich an. Das herzliche Willkommen läuft bei den beiden Männern genauso ab - nur ohne Küsschen.

ER, ROLAND, stellt uns einander vor.

Die lockere Kennenlern-Konversation nimmt gerade Fahrt auf, als eine jüngere Dame hinzutritt und sie unterbricht. Weil sie dazugehört, geht das herzliche Szenario noch einmal reihum. Die Gesprächskultur, bei der das Ausreden-lassen so selbstverständlich ist, wie die achtungsvolle Einbeziehung von nicht Anwesenden, zeigt den Respekt im Umgang miteinander. Mein Eindruck - hier sind kultivierte Freunde beisammen.

Die liebenswerte Runde bleibt zusammen, die Sonne verlässt den Horizont, der Wirt gibt uns Decken, damit wir weiter im Freien verweilen können.

Ich freue mich über die Bereicherung meines Bekanntenkreises.

Voraus, der Leichenschmaus

Sieben Jahre sind seither vergangen. Roland ist tot!

Er war mir zum Freund geworden. Den Gipfel der Freundschaft bildete unsere gemeinsame Adresse. Wir wohnten in einem Reinickendorfer Wohnpark für Senioren, wo im selben Haus jeder sein Appartement hatte. Dort verbrachten wir viel Zeit miteinander. Manches unserer Gespräche endete mit dem einander ausgedrückten Respekt, solch erbaulicher Erörterungen überhaupt fähig zu sein. Es war eine beiderseitige Freude, mit Roland im Kreise anderer Gesprächspartner wechselseitig geistreiche verbale Korsettstangen zu reichen. Aus Spaß an der Freude spielte für uns nicht einmal das Thema die ausschlaggebende Rolle. Rolands und meine Freunde, das war eine illustre Palette von Leuten, die sich von spontan bis regelmäßig trafen. Ein festes Stammlokal hatten wir nicht. An trockenen und warmen Tagen saßen wir manchmal bis spät in die Nacht vor den Cafés, politisierten, taten einander kund, was wir beispielsweise mit Frauen erlebt oder durchlitten hatten und redeten über Gott und die Welt, über die sich Reiseberichte wie ein Netz spannten. Beim Leutebeobachten hielt die Betrachtung der nachgewachsenen Damenwelt unsere Augen und Sinne aktiv. Das ging soweit, dass schon mal galant nach dem Woher und Wohin gefragt wurde. Die Lust zu rauchen schränkte die Auswahl der Treffpunkte in den kühlen Jahreszeiten zwar ein, aber Berlin ist die Metropole exquisit geführter Raucherlounges. Möglichkeiten, das überbordende Kulturangebot Berlins auszukosten, handhabten wir wie die meisten Einheimischen. Gäste von außerhalb wussten über Events in der Stadt oft besser Bescheid und legten so für uns die Spur.

Roland und mir ging es gesundheitlich ausgesprochen gut. Wir glaubten, auf hundert Lebensjahre programmiert zu sein.

Bei Roland hat das leider nicht geklappt. Jetzt ist er unter einer großen Säule aus rotbraunem Granit beerdigt. Ungefähr hundert Leute haben ihm soeben bei blauem Himmel eines Tages im Mai, das letzte Geleit gegeben. Schon auf dem Friedhof hörte ich so etwas wie: “Dolle Grabsteinvariante das…..“

Gut die Hälfte der Trauergemeinde sitzt momentan Aperitif trinkend um mich herum - beim Leichenschmaus. Seine Moderation ist mir eine Selbstverständlichkeit.

Die älteste Freundschaft, fünfundsechzig Jahre, die zwischen Roland und Peter bestand, bekundet dieser durch seine Anwesenheit. Er ist immer noch aktiver Segelflieger. Jedes Jahr muss er vor der Flugmedizinischen Kommission erscheinen, um ein weiteres Jahr fliegen zu dürfen. Rank und schlank ist seine Erscheinung, eben die eines aktiven Sportlers. Man traut ihm gut und gern noch einige Jahre Fliegerei zu. Angelika, Franzke, Winfried, Frenzel, Krause, „Der Lange“ mit Frau Elke, Holzapfel und natürlich 'Wölkchen' pflegten über mindestens 10 bis 50 Jahre die Freundschaft zu Roland. Gute Bekannte, die kurz oder über längere Phasen Rolands Weg gekreuzt hatten, komplettieren die Leichenschmaus-Gesellschaft. Jene, die Rolands Wesen mit formten und nicht in dieser Runde sitzen, bilden vielleicht im Universum Spalier?

„Nun erzähl doch endlich, wie kommt die Säule auf das Grab?“, verlangt Winfried.

„Gemach, gemach, ihr seht doch, meine Zigarre braucht noch den Zündel! -Pause- Also, in mein Blickfeld kam die Säule, als wir gelegentlich wegen einer Besorgung an ihr vorüberfuhren und Roland mich auf sie aufmerksam machte. Seit zehn Jahren führte sein Weg des öfteren an dieser rotbraunen übermannshohen Granitsäule mit baumdickem Durchmesser vorbei. Sie stand auf dem Hof eines Steinmetzes in Berlin Pankow direkt an der B96a. Roland hatte sich in den Kopf gesetzt, diese Säule als seinen Grabstein haben zu wollen, sofern es sie noch gäbe, wenn er nicht mehr sei.

Roland hatte für den Tag X überhaupt keine Vorkehrungen getroffen. Wir wollten ja hundert Jahre alt werden. Für mich war die Säule ein Gedanke, dem Freund bei seinem Heimgang von dieser Welt einen letzten Freundschaftsdienst zu erweisen. Ich machte mich also auf den Weg, der eher eine Suche war. Die Säule stand immer noch auf dem Grundstück eines Steinmetz-und Bildhauermeisters, der auch über den Bezirk hinaus ein bekannter Steinrestaurator ist. Als ich den Mann aufsuchte, stand vor mir die personifizierte Steinmetz-Dynastie von Pankow. Seine Vorfahren gehörten bereits zur Steinmetz-Zunft, und sein Bruder und ein Neffe haben auch ihre Betriebe in fußläufiger Nähe. Mein Interesse an der Säule wurde, ich hatte es kaum ausgesprochen, zweifelsfrei und bestimmt gekontert:

„Die Säule ist unverkäuflich! So lange ich lebe, wird die nicht verkauft!“

„Na, da kann man doch sicherlich etwas regeln, lassen Sie mich erklären…..“

„Da gibt es nichts zu erklären. Die Säule ist ein Andenken an meinen Vater. Der hat sie aus den Trümmern der Reichskanzlei geborgen, sozusagen vor ihrer Zerstörung gerettet.“

„Hören Sie mir doch wenigstens zu! Ich will die Säule für meinen verstorbenen Freund, der sie sich zu Lebzeiten als Grabstein ausgesucht hat.“

„Ihr Freund? Wer war denn das? Hier war mal jemand, das mag bestimmt schon sechs sieben Jahre her sein, der genau das vorhatte. Seinen Namen habe ich vergessen, aber Fliege trug er. Daran erinnere ich mich.“

„Kein Zweifel, das war Roland!“

„Ich habe dem damals genau das Gleiche gesagt, wie Ihnen heute. Er ließ aber nicht locker. Er meinte, es sei gut zu hören, dass ich die Säule nicht verkaufen würde. Er wüsste auch gar nicht, was er solange mit ihr machen solle. Sowohl bei mir als auch bei ihm würde das mit dem Tod ja noch ein Weilchen dauern. Könnte ja sein, meinte er, dass, wenn ich eines Tages in Rente ginge, die Säule dann vielleicht doch verkäuflich sei. Er würde immer mal wieder vorbeischauen.

Das war´s, seitdem habe ich nichts mehr von Ihrem Roland gehört oder gesehen.“

„Und jetzt bin ich hier. Wenn Sie gestatten, ich komme mit einer Leseprobe aus dem Manuskript über Rolands Leben vorbei. Wenn Ihnen die Person „Roland“ gefällt, reden wir noch einmal über die Säule.“

„Einverstanden, aber ich verspreche nichts!“

Auf der Heimfahrt überlegte ich, welche Passagen geeignet seien, um sie als Leseprobe für den Steinmetz auszudrucken. Ich entschied mich für die Vorbereitung der zweiten, letztendlich erfolgreichen Flucht Rolands von Ost- nach West Berlin 1966.

Zwei Tage später war ich wie verabredet wieder bei Steinmetzmeister Carlo. Die Leseprobe werde er sich zu Gemüte ziehen. Wir verabredeten uns an Ort und Stelle für dieselbe Woche.“

Ich erhebe mein Glas in Richtung Steinmetz:

„Carlo, ich begrüße dich herzlich in dieser Runde! Ich will es kurz machen, unser Roland hat dir gefallen, und so wechselte die Säule ihren Besitzer.“

„Moment, Moment“, unterbricht mich Carlo:

„Roland war ein ordentlicher Typ, aber eine Szene, die er beschreibt, ging mir zu Herzen. Er hatte seinem Freund das Ehrenwort gegeben. Sie hatten einander versprochen, einer holt den anderen innerhalb eines Jahres nach, wenn einem die Flucht in den Westen ohne den Freund gelänge. Das hat er geschafft. Darum gab ich die Säule.“

„Danke, Carlo!

Die Säule war also da, aber mit ihr auch ein neues Problem. Die Friedhöfe in Berlin haben Satzungen, die die Errichtung einer Säule ausschließen. Ich musste also einen Friedhof finden, der Rolands Säule erlauben würde. Denkt daran, wenn ihr euren Hinterbliebenen Wünsche hinterlasst. Früher konnten die Hinterbliebenen sogar kleine Paläste auf den Gräbern errichten. Heute stehen sie unter Denkmalschutz. Vier Friedhöfe habe ich angefragt, und genauso viele Absagen habe ich mir eingehandelt. Inzwischen waren drei Monate vergangen, und das Beerdigungsinstitut wurde ungeduldig. Wie und wann es mit der Urne weitergehen sollte hatte ich von der Aufstellung der Säule auf Rolands Grab abhängig gemacht. Carlo lieferte dann letztlich die Säule mit der allumfassenden Insigne „Vita militare“ und den Friedhof mit Genehmigung gleich mit. Eine Skulptur von Carlo auf diesem Gelände bedeutete nämlich diesem hier einen Prestigegewinn. Carlo! Dir dafür einen freundlichen Zutrank außer der Reihe. Ende gut, alles gut. Bitte sich zu erheben!“

Wir stoßen an:

„Vivat crescat floriat in memoriam Roland.“

Dem Gescharre der Stühle und dem Klingen der Gläser folgt eine kurze erwartungsvolle Stille. Das Essen wird hereingetragen.

Die letzten Esser haben mittlerweile auch ihr Dessert verspeist.

Ich erteile Raucherlaubnis.

„Das passt!“, ist Remuss zu vernehmen.

„Du hast ja mit Roland das Thema 'Zigarre und Genuss derselben' kultig gehandhabt. Eine 'Havanna' gehörte zu eurer definierten allumfassenden Lebensqualität. Innerlich muss ich jetzt schmunzeln. Roland gab, bezogen auf die propagierte Gefährlichkeit des Zigarrenkonsums, eine These zum Besten. Er hätte eine medizinische Studie gelesen, die bei den 1,6 Millionen Kubanern heute schon dreitausend über Hundertjährige festgestellt habe. Als Ursache für die statistisch lange Lebenserwartung vermuteten die Mediziner, dies hinge mit dem jahrzehntelangen Embargo zusammen, welches die USA, Präsident EISENHOWER 1960, über Castros Reich verhängt hätten. Damit waren die Kubaner von allen in der übrigen Welt gebräuchlichen Antibiotika abgeschnitten. Spöttisch lächelnd trug Roland in Bezug auf das Gelesene seine Gegenthese vor.

Kubas geomorphologischer Untergrund ist vulkanischen Ursprungs. Der dortigen roten Erde wird landläufig, quasi als Alleinstellungsmerkmal, der Geschmack der kubanischen Tabakpflanze zugeschrieben. In Kuba laufen die Menschen über die Generationen hinweg, Männlein und Weiblein gleichermaßen, von morgens bis abends mit einem Zigarrenstummel im Mund herum. Vielleicht haben diese Tabaks Spurenelemente in sich, die das Leben länger währen lassen. Als Beispiel nannte er dich und sich. 'Wir rauchen seit fünfzig Jahren täglich Kuba-Zigarren' sagte er, und von unserem bevorstehendem Ableben kann überhaupt keine Rede sein. Hätte ich das Geld, würde ich aus reiner Forschungslust eine Vergleichsstudie auf den Kanaren initiieren, um bei gleicher geomorphologischer Ausgangslage statistisch Signifikantes aufzuspüren.' Verrückt genug dazu war er ja.“

„Na zumindest in Einem hatte er recht. Ich habe auf Kuba die ständig rauchenden oder Zigarre nuckelnden Einheimischen gesehen“, wirft Werner ein.

Frenzel, als nichtrauchender Arzt:

„Ohne Zigarrenrauchen säßen wir vielleicht nicht zum Leichenschmaus hier. Vielleicht würde Roland noch leben.“

Ich erwidere:

„Das ist ja wohl nicht dein Ernst. Unser Genießen kubanischen Tabaks, von dir als lasterhaft bespöttelt, zeitigte weder bei Roland noch bei mir Beeinträchtigungen.“

„Jetzt will ich es genau wissen, weshalb oder wie ist Roland denn nun in die ewigen Jagdgründe gegangen?“, fragt Dirk.

„Könnte dazu etwas sagen, aber bevor ich das tue, muss ich die Absolution der anwesenden Damen, zuvorderst die von 'Wölkchen' einholen. Es geht um eine Pietät fordernde Petitesse.“

Wölkchen prompt:

“Wir sind volljährig und nicht nachtragend, lass hören!“

„Wölkchen, dich hat Roland sehr geliebt. Es klang wie Stolz, wenn er von zwölf gemeinsamen Jahren sprach, in denen er dir immer treu gewesen sei. Eure Trennung haben wir, das weißt du, eigentlich nie verstanden. Der aufmerksame Umgang, den ihr beide nach der Trennung miteinander pflegtet, war eine Demonstration tiefer Freundschaft. Bewunderns- und bedauernswert zugleich, das Ganze.“ “Genug der Ehre, ist ja gut, komm zum Kern,“ meint Wölkchen.

„Ihr wisst, in den letzten Jahren flog Roland mindestens einmal im Jahr nach Thailand. Franske, du lebst dort seit 30 Jahren. Winfried, du bist wie ein Zugvogel. Wenn es in Berlin kalt wird, fliegst du ab und bleibst, bis der Frühling hier wieder Fuß fasst. Frenzel und Peter, ihr habt dort öfter euren Urlaub verbracht, weil ihr es mit der Flucht vor dem Winter in Deutschland hieltet wie Winfried und Roland. Eure Treffen dort habt ihr genossen. Roland hat sich rundum wohlgefühlt. Zurückgekehrt war er voll des Lobes über die Wirkung einer aus Indien stammenden Viagra-Variante, die nicht nur unserer Generation zeit- und punktgenau die nötige Manneskraft spendet. Darauf angesprochen spendierte er auch schon mal eins von den Tütchen, die aussehen wie eingeschweißte Erfrischungstücher. Mit Ananas- oder Orangengeschmack gehörten sie zu seiner Rundumversorgung wie die Zigarren.

Als man ihn aus dem Appartement im Wohnpark abholte, sah ich auf der breiten Matratzen-Holzumrandung seiner Schlaflandschaft solch ein geöffnetes Plastiktütchen liegen. Mich hatte nämlich morgens eine Frau angerufen, deren Stimme ich erkannt zu haben glaube. Ihren Namen zu nennen, würde sie kompromittieren – es handelt sich immerhin um eine Dame der Gesellschaft. Sie bat mich als Rolands Freund, nach ihm zu schauen. Sie klang seltsam aufgeregt:

„Es ist etwas passiert!“

Das Tütchen auf dem Bettrahmen lässt mich über Rolands letzte Wahrnehmungen auf Erden mutmaßen.

Ich wünsche ihm, erlebt zu haben, was die Franzosen den "süßen Tod" nennen. Wenn das passiert sein sollte, wäre ihm widerfahren, was Männer sich als "Letztes" wünschen mögen, aber was sich statistisch in nur einem Prozent aller plötzlichen Todesfälle widerspiegelt. Von diesem vielleicht einen Prozent wären dann noch die lustvollen von den tragischen Begebenheiten zu trennen. Ich lebe ja nun auch schon acht Jahrzehnte und denke im Hinblick auf mein Lebensende an Rolands möglichen Abgang. Andere planen in diese Richtung vor. Rolf EDEN, ihr kennt ja noch den ehemaligen Berliner Playboy und Unternehmer, der schwadronierte mit 80 Jahren im Fernsehen, er hätte testamentarisch und notariell verfügt, dass, wenn ihn der Tod beim Akt heimsuchen sollte, der beteiligten Frau 300.000 Euro auszubezahlen seien.“

Remuss ergreift nochmals das Wort:

„Diese Geschichte hätte Roland nicht besser ausgemalt! So wie wir hier sitzen, ergötzen wir uns an Rolands Eloquenz. Mitunter beantwortete er Fragen, die im Raum waberten, aber noch nicht gestellt waren. Gewollt, manchmal auch wider Willen, stand er so im Mittelpunkt polarisierender Meinungen. Er wurde nicht nur aus unserem Kreis angesprochen, seine Erlebnisse und Beurteilungen der Schriftform zu übergeben. Er sei schließlich Zeitzeuge und aber auch Akteur. Ihm schien das zu gewaltig. Er tat das als emotionale Augenblickskomplimente ab.“

Christian wirft ein:

„Die sich wiederholenden Anregungen formten dann doch die Tat. Er ließ uns ja wissen, dass er sich an die Niederschrift seines Lebens gemacht habe. War leider für ihn und für jene zu spät, die nicht mehr sind, aber die zu ihren Lebzeiten gerne noch einmal nachgelesen hätten.“

„Na dann komme ich jetzt mal zum ernsten Teil unseres Beisammenseins.“

Ich stehe auf, nehme einen Schluck aus dem Weinglas und wende mich, rechts neben mir platziert, Wölkchen zu.

„Du hast mir Rolands Vita-Niederschrift mit dem Titel „Drei Metamorphosen eines Berliners“ gegeben. Ich möge nach meinem Gusto darüber verfügen, sagst du. Natürlich kenne ich den Inhalt in allen Teilen. Oft war er bekümmert, weil er sich in ständiger Umschreibung seiner „jetzt endgültig letzten Fassung“ befand.

„Ich mag ein Erzähler sein“, sagte er, „aber Romanschreiben ist etwas Anderes.“

Christian dazwischen:

„Hört sich ja an, als hätte er befürchtet, seine Vita nicht veröffentlichen zu können.“

„Nicht ganz meine Meinung. Die vorliegende Abfassung ist gut genug, sie der Öffentlichkeit zu unterbreiten. Das will ich als letzten Dienst für unseren Freund tun. Aus der Ich-Form werde ich sie in die dritte Person umschreiben.“

Beifall wird mir zuteil und auf gutes Gelingen leeren wir "ex" unsere Gläser.

Wurzeln, und wie es mit Roland begann

Das Erscheinungsbild eines Baumes samt seiner Krone begründen Breite und Tiefe seiner Wurzeln

Der Ur-Großvater Georg führte das Unternehmen gemeinsam mit seiner Frau Anna. Sie hatten drei Söhne, Hans, Robert, Gerhard, und die Tochter Else. Vier Kinder zu haben war im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts eher die untere Grenze der Familienplanung, so es diese überhaupt gab. Den Kinderreichtum und das mit ihm einhergehende Wachstum des deutschen Volkes empfand man als göttliche Fügung. Die Geburtsstatistiken der Industrienationen Frankreich und England waren ähnlich. Noch nach dem ersten Weltkrieg gehörten vier oder fünf Kinder zur normalen Familie. Nach dem zweiten Weltkrieg, einhergehend mit dem Wirtschaftswunder, fiel die statistische Kinderzahl von Generation zu Generation bis unter die, die Bevölkerungszahl erhaltende rote Linie, die bei etwa 2,7 Kindern liegt. Eine Familie mit drei Kindern zählt schon als kinderreich. Mathematisch gesehen sterben wir genuine Deutsche aus.

Den Erstgeborenen, Hans, hat eine Lungenentzündung nicht erwachsen werden lassen. Dadurch war für die spätere Unternehmensführung der nach diesem Schicksalsschlag an die Stelle des Erstgeborenen aufgerückte Robert vorbestimmt. Er litt daran, zu wenig Luft in die Lungen zu bekommen, was seine Wehruntauglichkeit bewirkte. Ihn zeichneten jedoch Wissbegierde und Lerneifer aus. Bücher zu erwerben, sie zu lesen und sich mit den Lesefreudigen unter seinen Kunden auszutauschen machte ihm bis ins hohe Alter Freude. Eigentlich hätte er ein „Studierter“ werden müssen, aber die Familienräson ging vor. Er wurde „Koofmich“ im elterlichen Betrieb.

Der Hafer, das Futter für die Lastpferde, Gemüse- und Sämereien und die Gewächshauspflanzen wurden über den Güterbahnanschluss Hermannstraße direkt aus dem Brandenburgischen von den Bauern und Gutsverwaltern angeliefert oder aus Biesenthal abgeholt. Größere Bestellungen wurden mit dem Fuhrwerk, aber schon vor der Weltwirtschaftskrise 1929 mit dem Lieferauto zur Kundschaft transportiert. Über den Ladentisch kauften die Leute ihre Schnittblumen, Samen für die Balkonpflanzen, sowie Gartenzwerge aus Ton und allerlei Gartengerät. Rolands Ur-Großvater Georg war ein in der Wolle gefärbter deutsch-nationaler „Kaiserlicher“ und besaß demzufolge mehrere in Silber gefasste gusseiserne Plaketten „Gold gab ich für Eisen“. Er gab aus Patriotismus, wie Millionen Reichsbürger auch, Gold her, um es zu Kruppstahl-Kanonen werden zu lassen.

Rudolf, ein Berliner Kaufmannsgeselle, hatte die Tochter Else von Rolands späterem Ur-Großvater 1921 geheiratet. Mit ihrer Mitgift hat er die “Samenhandlung Anders“, etwa 3 Kilometer (im geraden Straßenverlauf) von Urgroßvaters Laden entfernt, in der Chausseestraße 111, eröffnen können. Ihre Wohnung befand sich in der Chausseestraße 120/Ecke Gradestraße, gegenüber dem Kino „Filmeck“, in der zweiten Etage. 1923 wurde die Tochter Margot geboren und ihr Brüderchen Horst folgte fünf Jahre später. Margot bekam als junges Mädchen Klavierunterricht und übte im Esszimmer. Im Gegensatz zu ihrem Bruder, kam sie über die ihr abverlangten Etüden und vielleicht deswegen lustlose Behandlung des Instruments nicht hinaus. In ihrer Wohnung hatten sowohl der jüngere Bruder Horst als auch Margot ein eigenes Zimmer.

In Rudolfs Filiale versorgten sich die in nachbarschaftlicher Nähe gelegenen Kleingartenbesitzer mit ihren zahlreichen Kleinbetrieben und die Laubenpieper in Britz mit Obst und einem großen Samenangebot, Gemüse und Blumen.

Rudolf hatte noch einen älteren Bruder namens Ernst. Den überfuhr als Kind eine Straßenbahn. In Folge dessen war ihm ein Bein amputiert worden, das durch eine Holzprothese ersetzt wurde. Er wurde ein sogenannter „Goldfasan“, dekoriert mit dem „Parteiabzeichen in Gold“. Das bekam man für den frühzeitigen NSDAP-Beitritt mit niedriger Mitgliedsnummer oder für besonderen Einsatz in der Auseinandersetzung mit den Kommunisten. Die machten es der NSDAP in den Zwanzigern und Anfang der dreißiger Jahre schwer, sich in Berlin zu behaupten.

Auch Rudolf besaß das „Parteiabzeichen in Gold“. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend, hatte er es zum Kleinunternehmer gebracht. Die Bestimmungen des Versailler Vertrages empfand er als nationale Schmach. Aus der Wanderbewegung kommend, gaben ihm die nationalen und sozialistischen Ideale der „Bewegung“ Hoffnung. Er vertraute auf die Kraft der Gemeinschaft, die Deutschland stark unter den Völkern würde werden lassen.

Als Samenhändler verband er das Gute mit dem Nützlichen. So beriet er die Kleingärtner, wie sie, dem Gedanken nach autarker Versorgung der Familie mit Obst und Gemüse folgend, ihre Gartenflächen optimal im Sinne einer ertragreichen Nutzung bewirtschaften konnten. Eine fünfköpfige Familie konnte mit einer Fläche von ca. 400 m2 Größe ihren Jahresbedarf an Obst und Gemüse decken. Er organisierte Vorträge und Vorführungen, wobei ihm das eigene Grundstück in Buckow-West als Demonstrationsfläche diente. Sein Engagement wurde als vorbildlich für die Hilfe und für den Zusammenhalt unter Volksgenossen wahrgenommen.

Zugleich war Rudolf auch aktives Mitglied im „Britzer-Heimatverein von 1890“, heute „Bürgerverein Berlin-Britz“. Dieser Verein bildete die gesellschaftliche Mitte in Britz. Mitglied in diesem Verein zu sein gehörte zum guten Ton. Die Ämter im Verein wurden nach strengen Maßstäben vergeben. Bei anstehenden Festlichkeiten, wie Erntedank, Hochzeiten, Jubiläen und anderem mehr wurde gegessen, getanzt und getrunken. Letzteres beförderte auch Händel unter den Teilnehmern. Rudolf kannte seine Pappenheimer. Als Festwart fühlte er sich in der Pflicht, für Schlichtung zu sorgen. Zu vorgerückter Stunde waren die Prügelattacken eines bestimmten Bauern oft ein zu erwartender Programmpunkt. Rudolf bezog bei seinen von diesem Bauern schon regelrecht erwarteten Schlichtungsversuchen des öfteren mehr Blessuren, als sie die zuvor raufenden Kontrahenten davongetragen hatten. Ehefrau Else oblag dann die Pflege ihres verwundeten Helden.

Für die ärztliche Betreuung und Versorgung der Familie war der Arzt für Allgemeinmedizin Dr. Levi zuständig. Das Verhältnis zwischen Rudolf und dem Familienarzt ging über das übliche Verhältnis zwischen Verkäufer und Kunde, zwischen Arzt und Patient hinaus. Für Rudolf war es eine gesellschaftliche Grenzüberschreitung, dass er als kleiner Kaufmann ohne höheren Schulabschluss mit dem Akademikerhaushalt des Doktors in freundschaftlicher Beziehung stand. Für den Doktor gaben wohl Rudolfs kaufmännische Reputation sowie dessen soziale Aktivitäten den Ausschlag für das vertrauliche Verhältnis. Dr. Levi war der Kommandeur der „Britzer Sanitätskolonne“, zu der Rudolf als Rettungssanitäter gehörte. Ausgezeichnet mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse hatte er im ersten Weltkrieg als Sanitäts-Gefreiter den Gaseinsatz erlebt. Die „Britzer Sanitätskolonne“ war eine motorisierte Notarztversorgung. Mit der hatte es in Britz seine Besonderheiten. In ihr halfen nämlich auch die Gattin des Doktors und Rudolfs Ehefrau Else als Schwestern bei Großveranstaltungen mit. Die Männer waren alle Mitglieder in der Kameradschaft des Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps (NSKK). Diese Vereinigung war aus dem ADAC hervorgegangen. Die Aufnahme in das NSKK setzte zwar keinen Führerschein und Kenntnisse über Kraftfahrzeuge voraus, aber nur Personen mit Ariernachweis wurden Mitglieder. Doktor Levis gesellschaftlicher Status als ein angesehener Arzt und ehemaliger Offizier im Feld überwog das Fehlen eines nicht zu erlangenden Ariernachweises. Er kommandierte die Noteinsätze gut und richtig. Alle waren zufrieden.

Gelegentlich half der Doktor bei der inhaltlichen Ausarbeitung von Reden für Rudolf, und es war zwischen ihnen klar, dass keine Pflanze in die Erde des Kleingartens oder in die Blumenkästen des Doktors kam, die nicht ihre vorherige Bewilligung durch Rudolf erhalten hatte. Das Vertrauensverhältnis zwischen den beiden ging so weit, dass der Doktor während ihres Bereitschaftseinsatzes bei den Olympischen Spielen 1936 zu ihm sagte:

„Rudi, wir planen nach New York zu übersiedeln. Das Klima hier ist für uns beunruhigend. Unser Sohn ist ja, wie du weißt, schon im zweiten Jahr dort. Er kümmert sich um unsere Einreise.“

Die folgenden Ereignisse überrollten beide.

Die Verhaftungswelle gegen die Juden in Berlin war 1938 angelaufen. Telefonisch wurde Dr. Levi, dessen Frau "arisch" war, gewarnt, dass zumindest er unmittelbar mit der Verhaftung zu rechnen hätte. Es war am Donnerstag, dem 10. November. Der Anruf erreichte Rudolf kurz vor Ladenschluss.

„Rudi, Eispickel (Spitzname im Kiez, weil er in einem speziellen Lastauto Kunsteis in Stangenform an seine Kundschaft ausfuhr) hat mich angerufen. Ich soll abgeholt werden.“

„Ich komme!“

Else rief er, im Gehen begriffen, zu:

„Muss mal schnell zum Levi, den wollen sie verhaften.“

„In Ordnung, bring dich nicht in Schwierigkeiten!“

Raus aus dem Laden, und schnell brachte er die etwa eineinhalb Kilometer zwischen Laden und Levis Wohnung hinter sich. Nach Luft schnappend trat er durch die offene Wohnungstür bei den Levis ein und platzte in die Verhaftung des Dr. Levi durch die Parteigenossen. Schnaufend, über die augenscheinlich rüde Situation erregt, keuchte er wütend:

„Macht, dass ihr hier rauskommt, aber dalli! Ganz Britz und Neukölln kennt den Doktor als Kommandanten unserer Sanitätskolonne. Eispickel! Egon! Jahrelang fahrt ihr schon die Noteinsätze mit.“

„Der steht genauso auf der Liste wie die anderen Itzigs in Britz“, entgegnete ein ihm unbekannter SA-Mann.

„Ich sage euch nochmals, macht, dass ihr rauskommt. Doktor Levi auf der Liste - das ist ein Irrtum, und wehe, ihr klaut hier, ich zeige euch alle in der Kameradschaft an!“

Die Anwesenden, vier SA-Leute, von denen drei aus Rudolfs NSKK-Kameradschaft waren, hielten in ihrem Tun inne und blickten abwartend auf ihren Anführer. Rudolfs Auftritt brachte tatsächlich einen ruhigeren Verlauf in die Verhaftungsaktion – er war ja schließlich nicht irgendwer, sondern genaugenommen einer von ihnen. Weiteres Stöbern in Schränken und Schubladen hatte ein Ende. Dr. Levi hatte sich einen Mantel übergeworfen, umarmte kurz seine Frau und sagte zu Rudolf gewandt:

„Danke, Rudi, hoffentlich bekommst du jetzt nicht auch noch meinetwegen Schwierigkeiten. Vielleicht klappt es noch mit Amerika.“ Bevor der Trupp, mit Dr. Levi in seiner Mitte, die Wohnung verließ, war noch vieldeutig vom Anführer zu vernehmen:

„Wir bringen den Juden zur Sammelstelle in die General-Pape-Straße, aber mit dir, Parteigenosse, sind wir noch nicht fertig!“

Frau Levi stand Rudolf gegenüber, ihre Augen voller Tränen.

„Bitte, lieber Rudolf, nehmen Sie doch einige recht wertvolle Sachen an sich, die ich zusammen mit den Besteckkästen in zwei kleinen Handkoffern verstaut habe. Ich habe ja solche Angst, dass die Leute noch einmal zurückkommen, wenn Sie aus dem Haus sind.“

„Wegen der Leute brauchen Sie sich heute keine Sorgen mehr zu machen. Die haben genug andere auf der Liste. Zu Ihrer Beruhigung – ich nehme die Sachen mit. Morgen werde ich mich nach Ihrem Mann erkundigen. Ich glaube nicht, dass es heute hier mit rechten Dingen zugegangen ist.“

Rudolf, zurück in seiner Wohnung - der Laden war inzwischen geschlossen - war gerade dabei, seinen Mantel aufzuhängen, als Else schon im Flur stand:

„Was war los, haben sie den Doktor tatsächlich verhaftet?“

„Else, stell dir vor, die eigenen Kameraden waren dabei. Eispickel, Egon und Kalles Ältester, der Stift vom Steinmetz, kennst se ja alle. Angeführt wurden sie von einem Wichtig, Hermann heißt der, aus Neukölln. Ich komme da an und sehe, wie die in Levis Sachen rumwühlen, als wenn der was verbrochen hätte. Da bin ich dazwischen, kannst' de dir ja vorstellen. Mitgenommen haben sie ihn dann trotzdem!“

„Rudi, da haste dir sichalich wat einjehandilt, aba ick varsteh det. Ausjerechnet unsa Dokta Levi, der hat doch nu wirklich sein Herz uff`n richtchen Fleck.“

„Else, ich pauke den da raus, er ist mein Freund und unser Kommandant - gleich morgen früh gehe ich los.“

„Überleg dir das um Gottes Willen in Ruhe, und wenn de meinst, du musst det wirklich tun - ick kanns dir ja sowieso nich ausreden.“

„Leg mir mal für alle Fälle die Uniform raus. Bügle noch Hemd und Hose über.“

Er war nicht mehr auf das Tragen der Uniform erpicht als die meisten anderen Männer jener Zeit. Tags darauf, es war früh am Tage, aber nicht später als zu normalen Ladenzeiten, legte er als reputierlicher Bürger den vollen Partei-Wichs an. Sein Braunhemd mit Dienstgradabzeichen und Einheitsbezeichnung auf den Kragenspiegeln, die „Kraftfahrer-Raute“ auf dem linken Unterarm - alles musste perfekt sein. Er band den braunen Binder und befestigte Koppelzeug mit Schulterriemen. Die schwarzen Stiefel umschlossen die Reiterhose perfekt. Zufrieden fiel sein Blick auf das gut gepflegte, lackglänzende Stiefelleder. Das „Parteiabzeichen in Gold“ nahm er aus der Schatulle und steckte es in Brusthöhe auf die linke Hemdbrusttasche. Komplett wurde alles mit der olivbraunen, steifen Schaftmütze, auf deren Deckel der schwarze Ledersturmriemen aufliegt. Der mit Metallfaden gestickte Hutadler gab dem Ganzen etwas Hoheitliches.

Er besah sich im Spiegel und sah im Geiste den „Hauptmann von Köpenick“. Was er jetzt tat, hatte Ähnlichkeit mit der „Köpenickiade“, die 32 Jahre zurücklag. Der Unterschied zum Schuster Voigt:

Nicht um seinetwegen und nicht mit der Vergangenheit eines kleinkriminellen Außenseiters würde er losgehen - seine Uniform war echt!

Die Kameradentreue in einer Zeit mit verrückter Verschiebung von Sitte und Anstand forderte ihn heraus. Sollte sein Plan scheitern, würde dreiste Fabulierkunst seine Existenz und jetzige Stellung retten. In dieser Situation konnte er Else nicht zur Mitwisserin werden lassen, als diese sich ihm in den Weg stellte:

„Rudi, denke auch an uns - um Himmels Willen, sei nich leichtsinnig, geh nich mitn Kopp durch de Wand!“

Er packte sie fest an beiden Schultern und sah ihr tief in die Augen: „Wird schon schiefgehen….“

Er gab ihr einen spitzen Kuss, so einen wie sie ihn bekam, wenn er für einige Stunden unterwegs zu sein gedachte.

Sich seines geschniegelten Erscheinungsbildes bewusst, begab er sich zur Sammelstelle. Dort, in der Polizeidirektion in der General-Pape-Straße, kannte er ein paar Männer, und andererseits kannten einige ihn als Mitglied der Sanitätskolonne, Geschäftsmann und Parteigenossen. Die Gänge waren voller Bürger, die sich nach Angehörigen erkundigten. Rudolf lief an den Wartenden vorbei, die ihn achtungsvoll passieren ließen. Kurz angeklopft, den Arm zum Deutschen Gruß:

„Heil Hitler, die Herren,“ trat er in ein Geschäftszimmer.

„Seit gestern ist der Doktor Levi eingebuchtet, war selber dabei. Nach dem Mann wird andernorts verlangt. Geht um die Überprüfung von Passangelegenheiten. Ich will den gleich mitnehmen.“

Rudolf war bekannt, sein Goldenes Parteiabzeichen an der Brust legitimierte ihn hinreichend gegenüber denjenigen, die ihn nicht so genau kannten. Sein bestimmender Auftritt ließ keinen Zweifel am Auftrag zu. Ein Wachmann wurde losgeschickt, Dr. Levi vorzuführen. Rudolf wartete im Geschäftszimmer und beobachtete die routinierte Maschinerie der zur Juden-Sammelstelle gewordenen Polizeibehörde. Keine zehn Minuten waren vergangen, als Dr. Levi ins Zimmer geführt wurde. Der, so hatte es den Anschein, traute seinen Augen nicht. Sein Freund Rudi stand da in voller SA-Montur vor ihm.

„Herr Doktor Levi, ich hole Sie zwecks Überprüfung ab, muss nur noch die Überstellung quittieren!,“ begrüßte Rudolf seinen Freund.

Mit Rudolfs „Heil Hitler!“ verließen beide das Geschäftszimmer und entfernten sich aus dem Gebäude.

Rudolf erklärte auf dem Weg in Doktor Levis Wohnung die Situation:

„Jetzt muss eure Ausreise klargehen. Nur wenn du die offiziell machst, bin ich auch aus dem Schneider! Dann behaupte ich, deine Verhaftung war ein Irrtum der Behörde. Wie du das machen musst, weißt du besser als ich, aber schnell muss das gehen.“

„Die Liste mit unserem Namen ist doch schon in der amerikanische Botschaft, die Visa-Eintragung ist nur noch Formsache. Unser Sohn ist Bürge in Amerika. Ich und meine Frau sind bereits in die Liste der zur Einreise berechtigten Personen eingetragen. Die Zustimmung der USA zur Einreise liegt also vor.“

„Das hatte ich letztens auch so verstanden - wollte doch eben kein Harakiri begehen.“

„Rudi, ohne deinen Einsatz wäre unsere Bemühung womöglich im Sande verlaufen. Gar nicht auszudenken, wenn ich nicht mehr in Berlin auffindbar gewesen wäre!“

Frau Levi war des Dankes voll. Rudolf wehrte alles burschikos als „Sanitäter-Hilfe“ ab, obwohl ihm schwante, dass noch etwas nachkomme.

„Jetzt bleibst du solange in der Wohnung, bis ihr einen offiziellen Bescheid von der Botschaft in den Händen habt. Darum soll sich gleich deine Frau persönlich kümmern. Dann lässt du dich in der Öffentlichkeit sehen, gehst zum Einkaufen in die Geschäfte, um jedermann zu zeigen - ich bin legal!,“ beschwor er nochmals den Freund.

Soweit, so gut! Rudolf war zufrieden mit sich und eigentlich auch damit, dass in Berlins Behörden Ordnung herrschte. Das Gefühl, als Mann rechtschaffend etwas erreicht zu haben, wollte er schleunigst mit Else teilen:

„Na siehste, Else, war allet nich so schlimm, hab unsern Doktor wieder abjeholt! Der ist zu Hause und ordnet Papiere. Wird uns wohl bald Richtung Amerika verlassen.“

„Haste aba fein jemacht, dachte schon, jetz komm's dicke.“

nd für Rudi kam es dicke. In der Kameradschaft gab es Rabatz.

Er war am Freitagabend noch in das Vereinslokal seiner Kameradschaft gegangen - hochoffizieller Termin, war ja genug los gewesen.

Seine Parteigenossen beschimpften ihn auf das Übelste:

„Rudolf, sich so vehement für einen Juden einzusetzen ist undeutsch!“

„Ich finde es falsch, alle Juden über einen Kamm zu scheren. Das kann nicht rechtens sein, denn im Feld spielte es überhaupt keine Rolle, ob der Kamerad Christ oder Jude war.“

„Du heißt doch „Anders“! Klingt ja auch nicht gerade arisch!

Das war zu viel. Er geriet in Rage!

In dieser Verfassung argumentierte er nicht, er polterte und wurde persönlich! Aus der ihn ehrenden Position eines „alten Kämpfers“ (so wurden die Mitglieder genannt, die vor 1933 der NSDAP beigetreten waren) selektierte er:

„August, du, Erich, Kasper und Arnhold habt hier die große Klappe, denkt Wunder wat und wer ihr seid. Ick sage euch wat ihr seid! - Jans kleene „Märzveilchen“ seid ihr! Oder soll ick lieber „Märzgefallene“ sagen? Erst nach Januar 33 eingetreten, aber heute so tun, als gehöre euch die „Bewegung“!

Mit lautem Knall fiel die Tür zu, als er das Vereinslokal verließ.

Am Samstagmorgen leuchtete ihn ein weißer Davidstern auf seiner Schaufensterscheibe an. Er bestellte die Polizei vor den Laden und argumentierte im Tonfall, als sei der Laden ausgeraubt worden:

„Man soll sofort folgende Verdächtige vorladen!“

Er nannte Namen und Adressen aus der Auseinandersetzung abends zuvor. Als erstes veranlassten die Polizisten, denen Rudolf als honoriger Geschäftsmann bekannt war, dass der Judenstern sofort von der Britzer Feuerwehr abgewaschen wurde. Die befand sich direkt gegenüber seinem Laden in der Hannemannstraße.

Mit der Namensnennung der Verdächtigen hatte Rudolf ins Schwarze getroffen. Recht schnell trafen die Beschuldigten auf dem Revier mit Rudolf aufeinander. Bittersüß erklärten die Übeltäter, „irrtümlich“ den Judenstern auf die Fensterscheibe seines Ladens gemalt zu haben. Die Aktion mit der Schaufensterscheibe wäre eigentlich seinem Ladennachbarn zugedacht gewesen. Damit war der Sache aus Sicht der Polizei Genüge getan.

Bereits am Montag der folgenden Woche konnte Dr. Levi seine Legitimation zur Ausreise belegen. Das Ehepaar Levi verließ Wochen später Deutschland legal mit seiner gesamten Habe, wozu auch die von Rudolf in Verwahrung genommenen zwei Handkoffer gehörten. Wegen Amtsmissbrauchs wurde Rudolf nicht belangt. Das konnte auch nicht sein, denn schließlich beruhte die Sache mit Dr. Levi anscheinend auf einem Behördenirrtum.

Dr. Levi kam noch vor seiner Abreise auf einen Kollegen zu sprechen:

„Rudolf, dir als Christ und Kamerad empfehle ich meinen Kollegen. Mit Doktor WORONOWSKI erhält deine Familie einen wirklich kompetenten Arzt, wenn ich weg bin. Der Mann war wie wir im Feld. Jetzt braucht er neue Patienten, denn er ist Halbjude. Seine Praxis läuft nicht besonders.“

So wurde Dr. Woronowski neuer Hausarzt für Rudolfs Familie. Irgendwann gab es diesen Halbjuden auch nicht mehr, und an seine Stelle trat Herr ARNHEIM, ein „Vierteljude“, der bis in die Nachkriegsjahre Hausarzt der Familie blieb.

Bei Kriegsausbruch 1939 wurde Rudolf nicht eingezogen. Die Annahme, der Krieg würde kurz und siegreich sein, hielt seinen Jahrgang 1896 nicht vonnöten.

Rolands Mutter Margot hatte die Städtische Handelsschule in Berlin-Neukölln abgeschlossen und erhielt ab 1940 bei den Telefon- und Telegraphenwerken die Ausbildung zur Stenotypistin. Gleichzeitig wurde sie als Fernmeldepersonal für den Luftschutz ausgebildet. In der elterlichen Samenhandlung half sie wochentags, wie es ihre Zeit zuließ oder der Betrieb es erforderte. Die Wochenenden verbrachte sie mit einer Jugendgruppe, die sich überwiegend in Friedrichshagen traf. Ursprünglich hatten sich die Mitglieder in der nationalsozialistischen Freizeitorganisation „Kraft durch Freude“ kennengelernt. Aus diesen meist groß organisierten Zusammenkünften schälte sich die Gruppe heraus, zu der Margot zählte. Sie entsprach dem damals idealisierten Frauenbild einer Marlene Dietrich, mit dem kleinen Unterschied, dass sie blond war. Wenn Marlene sang: „… ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt….“ war Margot eher die sinnlich-herbe Ausgabe. Sie trug eine Brille, die mehr der Vorsorge galt, dass eine festgestellte Sehschwäche sich nicht verschlechtern möge. Die Gläser waren kaum geschliffen, und zusammen mit dem Gestell wurden dadurch ihre blaugrauen Augen betont. In der Komposition mit ihren blonden Haaren bekam ihr Gesichtsausdruck etwas vornehm Unnahbares.

Die Gemeinschaft machte Ausflüge, damals natürlich zeitlich streng limitiert, ohne außerhäusliche Übernachtungen. Sie feierten Geburtstage, besuchten Filmvorführungen, Varieté, Theater und segelten mit einem Kajütboot und mit einer Jolle auf dem Müggelsee. Besondere Freundschaft schloss Margot in der Gruppe mit den Grundmann-Brüdern, von denen Kurt ein guter Segler war. Er hatte vor Kriegsausbruch Podiumsplätze bei den Müggelsee-Wettfahrten belegt. Von den fünf Grundmann-Brüdern dienten vier schon in der Wehrmacht. Der fünfte und jüngste, Alfred, wurde als letzter Spross der Familie nicht zu den Waffen gerufen. Es war zu erwarten, dass Margot sich in einen aus dieser Gruppe verlieben und heiraten würde. Nichts war verinnerlicht, was einem Grundmann-Bruder den Vorzug vor den anderen gegeben hätte. Mit 19 Jahren war Margot noch nicht volljährig und stand unter der strengen häuslichen Aufsicht von Vater Rudolf und Mutter Else.

Der Kriegsausbruch kam schneller, als die Liebe wachsen konnte. Schnell wandelten sich längere Aufenthalte der Brüder bei der Truppe zum ständigen Kriegseinsatz. Mit keinem von ihnen gab es ein Treue-Warte-Versprechen.

Es kam also anders und ging ganz schnell.

Ein junger Mann in Lufthansa-Uniform erschien als Kunde in Vaters Laden, stellte der Margot einige Wochen formvollendet nach und gewann ihr Herz. Der Kavalier hieß Karl. Er war Funker und Navigator bei der Lufthansa. Von den Eltern akzeptiert, wurde zu Weihnachten 1941 Verlobung gefeiert.

Es begab sich am 20. April 1942 - Karl diente inzwischen in der Luftwaffe - als Margots Eltern bereits nachmittags mit dem Sohn Horst aufbrachen, um "Führers Geburtstag", feiern zu gehen. Die Wohnung war sozusagen „sturmfrei“, und Karl nahm Margot an diesem Tage ihre jugendliche Reinheit. Die galt es damals eigentlich bis zum Ehegelöbnis zu bewahren.

Karl hatte Feindflüge durchlebt. Sie flogen „……gegen Engeland! …. ran an den Feind, ran an den Feind - …Bomben auf Engeland …“, so tönte die Marschmelodie durch die Kanzel, wenn sie sich über sicherem Gebiet befanden. Karl war als Funker und Navigator dabei. Wenn die eigenen Begleitjäger die Bomber verlassen mussten, weil ihre Eindringtiefe nur geringe Spritreserven für einen Luftkampf ließ, erlebte er den Feind, die Royal Air Force (RAF). Die RAF-Piloten, ständig durch freiwillige Tschechen und Polen aufgefüllt, handelten mit todesmutiger Kampfmoral.

Seine Sehnsucht nach Familie im Frieden wurde von den Erlebnissen in aufopfernden Kampfeinsätzen gespeist. Dass Gottvertrauen keine Lebensversicherung ist, zeigte der Blutzoll, den seine Staffel bereits erbringen musste. Der Lebenswille forderte ihm ab, etwas Unauslöschliches zu schaffen bzw. zu hinterlassen. Seine Sehnsucht nach einem eigenen Kind, was in dem gerade werdenden „Tausendjährigen Reich" glücklich würde aufwachsen können – ließ ihn tun, wie er es tat. Er fühlte sich reif und für den Zeugungsakt mit seiner geliebten Margot auserkoren. Den Schritt Margots vom Mädchen zur Frau vollzog Karl „blank“. Ob es gleich der erste Schuss war, oder der zweite, der seine Spermien zielgenau beförderte, mag der Schöpfer wissen. Nach dem Duschen gab es jedenfalls kein langes Verweilen für einen dritten, denn die Führer-Geburtstagsfeier war schließlich keine Nachtveranstaltung – jeden Moment konnten Margots Eltern zurück sein.

Karl entsprach Margots Vorstellung von einem Familienhäuptling. Sie sah sich als eine liebevolle deutsche Frau und Mutter an seiner Seite. Artig, aber auch stolz darauf, eine Frau zu sein, vertraute sie ihrer Mutter an:

„Mutti, ich bin überfällig!“

Vater Rudolf haderte mit dem Unabänderlichen dieser Neuigkeit. Unterschwellig wurmte ihn, von etwas Wichtigem ausgeschlossen gewesen zu sein. Er versuchte noch, das Wann und Wo zu erfragen, aber irgendwie ging ihm ein Licht auf. Er erinnerte sich der Ausflüchte Margots, nicht mit Karl zur Führergeburtstagsfeier mitkommen zu können. Seinem Stande schuldig, reagierte er pragmatisch. Dem Ruf und Schutz seiner Tochter verpflichtet, wurde der Hochzeittermin nach Form und Sitte gerichtet, bevor die "Schande“ sichtbar zu werden drohte. Im Juli 1942 wurde der Bund fürs Leben geschlossen.

Die "Schande“ war so neu in Rolands Familie nicht. Zwei Generationen zuvor, also im 19. Jahrhundert, hatte Rolands Ur-Oma Anna, gerade sieben Monate verheiratet, ihr erstes Kind zur Welt gebracht. Welch Wunder, ein „Frühchen“! Das war ihr erstgeborener Sohn Hans, der gesund und proper das Licht der Welt erblickte. An ihrem Geburtstag 1967, als sie bereits jenseits der Neunzig war, wurde eher scherzhaft noch einmal nachgerechnet. Man pflegte um diese Zeit allgemein, und das war in Rolands Familie nicht anders, tabulos das offene Wort. Ur-Oma Anna „gestand“, beschämt lachend, den letzten ihrer noch verbliebenen Zähne entblößend (des Gebisses hatte sie sich mit Blick auf ihre bevorstehende Bettruhe bereits entledigt), die voreheliche Lust mit ihrem - Gott hab in selig - Georg.

Als Einziger der Familie stand 1941 der andere Sohn des Ur-Großvaters, Onkel Gerhardt, in der Wehrmacht unter Waffen. Seinen kaufmännischen und organisatorischen Fähigkeiten hatte er die Dienststellung eines "Spießes" zu verdanken. Seine Frau, Rolands Tante Ilse, übernahm zu den häuslichen Aufgaben noch kaufmännische Tätigkeiten, die in Friedenszeiten sonst von ihrem Mann ausgeführt wurden. So konnte die Samenhandlung in den ersten Kriegsjahren fast wie zu Friedenszeiten geführt werden.

Margot schloss ihre Ausbildung zur Stenotypistin im August 1942 ab und half als frisch gekürte Ehefrau, mit Roland unter dem Herzen, weiter im elterlichen Betrieb.

Bis zum Herbst 1942 war der Kriegsverlauf aus deutscher Sicht erfolgreich. Der Feldzug gegen Polen im September 1939 endete durch einen Blitzsieg im Bündnis mit der Roten Armee nach 28 Tagen; die Revanche im Westen war nach vier Wochen geglückt, deutsche Panzer säuberten unter Feldmarschall Rommel Nordafrika von den Engländern, und deutsche Truppen standen tief in sowjetischem Gebiet. Das deutsche Volk erwartete den Endsieg. Diese Hoffnung wurde auch nicht beeinträchtigt, als englische Bomber deutsche Städte angriffen. Das Zerstörungswerk aus der Luft über Berlin begann im Juni 1940 und forderte im August die ersten Todesopfer. „Wenn auch nur ein feindliches Flugzeug unser Reichsgebiet überfliegt, will ich „Meier“ heißen!“, hatte Hermann Göring zu Kriegsbeginn getönt. Im Angesicht der ersten Bombenschäden in der Stadt und zunehmender Luftangriffe hatte der Reichsmarschall bei den Berlinern, sogar im engsten Kreis der ihm Unterstellten, den Namen „Meier“ weg. Im März 1944 begannen dann auch die Tagesangriffe durch Bomberverbände der USA-Air Force.

Margot, inzwischen im sechsten Monat schwanger, wurde allabendlich mit dem Sammelbus von zu hause abgeholt und zum Mutter-Kind-Bunker am Alexanderplatz gefahren. Dieser Service sollte den Vätern an den Fronten signalisieren:

„Macht euch keine Sorgen, eure Frauen und Kinder sind geschützt."

Mit dem 16. Januar 1943, als Margot die voraussichtliche Geburt schon an ihren Fingern abzählen konnte, steigerten die Alliierten ihre Luftangriffe zu einem ständigen Bombardement. Der Bus fuhr verdunkelt die Adressen der Schwangeren und der Frauen mit Babys ab. Margot platzierte sich nach Möglichkeit neben einer der Türen. Ängstlich den schützenden Bunker herbeisehnend, dachte sie:

„Ach mein Baby, was für ein Leben wartet bloß auf dich, ich hätte dir eine bessere Zeit gewünscht.“

Von alldem wusste Roland nichts. Im Leib seiner Mutter, der dunklen, wärmenden und nährenden Höhle geborgen, muss es wohl wie eine Liebkosung gewirkt haben, wenn sie ihre Hände auf ihren schwellenden Bauch legte. Er ahnte nicht, dass er in diesen Tagen in ständiger Lebensgefahr schwebte. Er wusste nicht, dass er das Glück haben würde, nicht zu denen zu gehören, die ungeboren in den Leibern ihrer Mütter unter den Trümmern eines zerbombten Hauses ums Leben kamen. Am Tag von Rolands Geburt wurde kein Fliegeralarm ausgelöst.

Mit über 75 Jahren Abstand und erlebnisreicher Zeit in den Knochen konstatiert Roland, eine privilegierte Geburt gehabt zu haben. Gesund, männlich, weiß, und als Deutscher kam er in Berlin am 27. Januar 1943 abends gegen 19: 00 Uhr als ehelicher Sohn des Karl zur Welt. Vom Chefarzt der Hubammenlehranstalt in Berlin-Neukölln ist der Ausspruch überliefert:

„Jetzt habe ich doch noch meinen Kaisersohn bekommen.“

Womöglich dank eines Monarchisten, dem der Geburtstag des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II. in erfreulicher Erinnerung war, denn am 27. Januar, zu Kaisers-Geburtstag, bekamen die Kinder schulfrei.

„Hauptsache gesund“ - dieser Gedanke spiegelte während der Schwangerschaft damals den sehnlichsten Wunsch seiner Erzeuger wider. Sogar die Frage nach dem gewünschten Geschlecht trat dahinter zurück. Verdrängt war sie aber damit nicht. Das Mysterium der göttlichen Fügung der Geschlechtsbestimmung vermochte auch keine Wahrsagung vorzeitig zu lüften, denn auch die besten unter den "Sehern" kamen über 50 % Treffsicherheit nicht hinaus. Der Ausspruch „Hauptsache gesund“ wurde im allgemeinen Sprachgebrauch zur Floskel. Das darin versteckte Klischee von der Gleichwertigkeit der Geschlechter spielte allenfalls beim humanistisch gebildeten Bürgertum eine Rolle. Vorrangig, so hat Roland aus dem Verhalten aller Beteiligten zu später in seinem Familienverbund erfolgten Geburten geschlussfolgert, hatte allerdings auch bei seiner Geburt der Wunsch nach einem Männchen vor dem eines Weibchens gestanden.

De facto mit dem allerletzten Flutsch des wohl schon als Erleichterung von seiner Mutter wahrgenommenen Schlüpfens, Kopf und Schulter waren unter Schmerzen bereits zum Vorschein gekommen, wurde das Geheimnis gelüftet. Die untere Ausprägung war dann für die Akteure seiner Zeugung die Krönung des Glücks.

"Ein gesunder Junge!", vernahm Margot im Abklingen der Schmerzen. „Gesund“ umfasst mehr als man sieht. Neben der optischen und funktionalen Gesundheit ist es eine Summe nicht sichtbarer genetischer Gaben, Veranlagungen und Eigenheiten. So betrachtet blieb es der späteren Sozialisation überlassen, wie sich die 3.700 Gramm Mensch entfalten würden. Für diese Entwicklung wurde ihm durch Taufe der christliche Segen der evangelischen Kirche zuteil.

"Weiß und als Deutscher" klingt nur bei oberflächlicher Betrachtung wie eine Abwertung gegenüber nicht-weiß und nicht-deutsch. Die Welt ist aber wie sie ist und in ihren unterschiedlichen gesellschaftlichen Strukturen weit von praktizierter Gleichheit entfernt. Die Roland zufällig zuteil gewordenen Attribute weiß und deutsch haben ihm, unter Einbeziehung seiner globalen Bewegungsfreiheit, Vorteile geboten.

Mit dem Hinweis, Berliner zu sein, verhält es sich ähnlich. Wohl niemand wird eine Minderwertigkeit daraus konstruieren, nicht in Berlin geboren zu sein. Berliner zu sein, ordnete ihn als Preuße zu den deutschen Stämmen. „Berlinere nicht, sprich anständig!“, war das Kredo aller Eltern. Das schnodderige, gleichwohl treffliche Mundwerk, welches im Schmelztiegel einer überwiegend osteuropäisch geprägten Einwanderungsmetropole entstanden war, gab einer deutschen Spezies das Brandding. Den Berliner Dialekt pflegte Roland kultiviert, als landsmannschaftliche Eigenart über Stadt- und Landesgrenzen hinweg. So wurde er allerorten verbal-geographisch fixiert und mit der nicht aufgesetzten Authentizität neugierig willkommen geheißen - auch in Bayern.

Jeder Anfang hat auch ein Ende, doch da gibt es noch die These von der Reinkarnation. Danach lebt unsere Seele nicht nur ein einziges Mal. Sie hat schon wiederholt hier auf Erden gelebt. Die Vorstellung, jeweils nach dem nächsten Tod nach kürzerer oder längerer Zeit neuerlich reinkarniert zu werden, weckte Rolands Interesse in eigener Sache, nach dem kleinen gemeinsamen Nenner zwischen materialistischer und immaterieller Sichtweise seiner seelischen Vorleben zu suchen. Bei allem guten Willen gehörte er zu der Gruppe von Neugierigen, denen sich vorangegangene „Runden“ nicht erschlossen haben. So war ihm der Gedanke tröstlich, Nachvollziehbares wäre auch nicht zu erwarten gewesen. Nur die überzeugten und von Zweifeln freien Fundamentalisten unter den Reinkarnationsgläubigen gehen davon aus, dass persönlichbiographisches Wissen reinkarniert wird. Für die Materialisten ist die Seele sowieso nicht existent. Den Glauben an die Reinkarnation lehnen sie schon deswegen ab, weil Wissen und Erfahrungen, die in einem Gehirn stecken, nur durch ein anderes Informationsmedium, zum Beispiel einem Buch oder in medialen Netzwerken, weitergegeben werden können.

Gesetzt den Fall, an der Reinkarnation ist doch etwas dran, hätte Roland sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gewünscht, in einer Endlosschleife zu schweben, immer wieder gleich geschaffen – gesund, männlich, weiß, und als Deutscher aus Berlin.

Als er zur Welt kam, war die 6. Armee in Stalingrad eingekesselt. Anfang Februar 1943 hat sie sich den Sowjets ergeben. Die Vernichtung der deutschen 6. Armee mit rund 250.000 Soldaten war ein psychologischer Wendepunkt in der Betrachtung des Krieges. Der Endsieg wurde nun von so manchem Volksgenossen mit einem Fragezeichen versehen.

Roland wurde aus der warmen Milchflasche und an Mutter Margots Brust gestillt. Wie oft in Folge einfliegender Bomberverbände seinem saugenden Mund Mutters Brust abrupt wegflutschte, konnte er nicht erinnern. Voralarm, Alarm, Vollalarm, Entwarnung, durch Radio und über Sirenen intoniert, bestimmten seine Nahrungsaufnahme. Das wahre Glück - Bettchen wechsle dich, aus dem einen raus, in das andere rein - war es wohl nicht gewesen. Typisch Berlin, kam den Zugeteilten der Kellergemeinschaft sarkastisch über die Lippen:

„Arsch noch nicht warm – Luftalarm!,“ wenn sie im Keller ihre Plätze einnahmen. Roland blieb die Erinnerung, dass er im Hausluftschutzkeller, in dem sein Gitterbettchen stand, mit dem Hausmädchen der Zahnarztfamilie mit Knöpfen gespielt hat. So hat man es ihm auch später erzählt.

Nach der Entbindung nahm Mutter Margot die Fahrten zum Bunker nicht mehr in Anspruch. Die Strecke in Richtung Innenstadt war durch Fliegerangriffe zu unsicher geworden. Die Familie wollte zusammenbleiben.

Die Trefferquote der Bombardements in Berlin war in Britz glücklicherweise überschaubar. Lediglich ein Haus in fünfhundert Meter Entfernung von Rolands Wohnhaus ist 1944 durch eine Sprengbombe zerstört worden.

Die amerikanischen Air Force war am 3. Februar 1945 mit mehr als tausend B-17- Bombern über der Stadt.

„Jetzt hat es unser Haus erwischt“, musste Margot denken, als bei einem Krachen die Kellerinsassen erschrocken kurz aufschrien. Von Ruhe gefolgt, wurden Schaden und unmittelbare Gefahr durch Hören eingeschätzt. Auf den obersten Kellerstufen, unterhalb der mit Eisen verkleideten Kellertür, saß der Luftschutzwart, ein Kriegs-Veteran aus dem I. Weltkrieg. Er riss die Tür auf:

„Horst, nimm die Picke und komm!“

Der Brandschutz-Trupp saß im Keller getrennt, zwei Mann am Eingang und zwei weitere am „Durchbruch“. Das war für den Fall der Verschüttung eine in den Brandmauern zum Nachbarkeller vorgesehene dünnwandige Stelle. Mit Stangen und Schaufeln in den Händen liefen alle fünf nach oben hinaus. Der Schaden: Eine Brandbombe hatte das Dach durchbrochen. Ein kleiner Dachteil war offen, die Dachziegel lagen zu ihren Füßen, und Phosphor brannte auf den Fußbodenbrettern an mehreren Stellen. Bevor der Dachstuhl hätte aufgegeben werden müssen, wurde mit Sand aus einer bereit stehenden Kiste gelöscht. Das Loch wurde so gut es ging mit einer Plane abgedeckt.

Das größte Inferno infolge vier konzertierter Bombenangriffe gab es in Dresden, am 13./15. Februar 1945. Mehr als 750.000(!) Spreng-, Phosphor-, Brand-, Stabbrand- und Flammenstrahlbomben trudelten auf Dresden nieder. Die Stadtkommandantur von Dresden meldete am 10. April 1945 an das Führerhauptquartier in Berlin 253.000 Opfer. Das Internationale Rote Kreuz geht in einem Bericht 1946 von 330.000 Opfern eines höllischen Infernos aus. In den fünfziger/sechziger Jahren schwanken in Presse und Politik die Opferzahlen um 400.000 (Adenauer).

Es blieb einer „Historikerkommission“, die vom Oberbürgermeister von Dresden im November 2004 berufen wurde, überlassen, den „aktuellen Forschungsstand zur Zahl der durch die Luftangriffe 1945 auf Dresden getöteten Menschen“ festzustellen. Die „Berufenen“ kamen auf etwa 25.000 Opfer Als Hilfskrücke für die politisch gewollte Opferzahl diente u.a. das Bestreiten des Abwurfs von Phosphorbomben. Solche waren es aber, die Häuser bis herunter in die Keller vernichtet und dabei eine solche Hitze erzeugt haben, dass sogar Sand und Steine verglasten. So fand man z.B. am Dresdner Altmarkt in ausgegrabenen Kellern, drei Meter unter Straßenniveau, Verfärbungen des Sandsteins von weißbeige nach rot. Partienweise ist der Stein verglast. Ein Berliner Sachverständiger war sich sicher, dass Temperaturen von 1300 bis 1400 Grad und oberirdisch noch weit höhere Temperaturen bis zu 1.600 Grad geherrscht haben müssen. Von den Menschen blieb keine Spur, ihre Knochen waren zu Mehl verbrannt.

Der plausibel mit fehlendem Phosphor um mindestens neunzig Prozent reduzierten Opferzahl gaben die „ausgesuchten, Historiker“ ihre Namen. Heute dient ihre "Zählung" als Alibi für medial und in den Schulen als offenkundig verbreitete und gelehrte Geschichte.

Von Honoré de Balzac stammt der treffliche Satz:

„Es gibt zwei Arten von Geschichte: Die eine ist die offizielle, für die Schulbücher bestimmte – die andere ist die Geschichte, welche die wahren Ursachen der Ereignisse birgt.“

Götterdämmerung

Opa Rudolf bekam dann doch im Sommer 1943 seine Einberufung zur Luftschutzpolizei in Berlin-Neukölln, Sanitätsdienst. Für die Familie war er nicht aus der Welt, denn nach den Dienstzeiten konnte er in die Wohnung zurück. Im Februar 1945 ergab dieser Luxus keinen Sinn mehr. Seine Einsätze waren Gefahr für Leib und Leben genug, da musste das Hin und Zurück zur Wohnung bei Fliegeralarm nicht auch noch sein. Telefonisch erfuhr er täglich, dass es der Familie den Umständen entsprechend gut geht. Von März bis Anfang April kreuzte er sporadisch bei der Familie auf.

Bruder Ernst, dem sich entgegen seinem Traum von der vordersten Linie bis dato nur die Heimatfront als Mechaniker-Meister im Eternit-Werk Rudow angeboten hatte, fand nunmehr Verwendung bei der Organisation des Volkssturms.

Horst, Jahrgang 1928, befand sich in der Ausbildung zum Flugzeug-Elektromechaniker und brauchte deswegen dem ersten Einberufungsbescheid von 1944 nicht zu folgen. Seinen zweiten Einberufungsbefehl bekam er im Januar 1945, aber dieser Bescheid überschnitt sich mit einem Ausbildungskurs, den er gerade in einem Wehrertüchtigungslager zu absolvieren hatte. Er war also entschuldigt dem Stellungsbefehl nicht gefolgt. Einen weiteren Einberufungsbefehl bekam er nicht mehr. Immer wieder durchsuchten Blockwarte und „Kettenhunde“ - so genannt, weil sie über der Uniform eine an einer großen Kette befestigte Blechmarke mit der Aufschrift „Feldgendarmarie“ trugen - die Luftschutzkeller während der Alarme. So hat man Deserteure aufgespürt und die letzten Wehrtüchtigen für den Endkampf zum Volkssturm rekrutiert. Horst und sein Schulkamerad Gottschalk, beide noch nicht 17 Jahre alt, saßen nebeneinander im Keller, als sie sich den Kontrolleuren auszuweisen hatten. Gottschalk als Jüngster von vier Buben war vom Waffendienst freigestellt.

„Ihr beide meldet euch morgen, Führer hat Geburtstag, um neun Uhr am Stellplatz gegenüber vom Kino.“

Horst und Gottschalk schickten sich an, dieser Aufforderung tags drauf zu folgen. Zusammen traten sie vor die Haustür. Man hörte, gar nicht mehr so weit entfernt, Geschütz-Salven. Die Rote Armee kündigte sich an. (Die Umbenennung in „Sowjetische Armee“ erfolgte erst 1946).

Der gesamte Kreuzungsbereich einschließlich des gegenüberliegende Platzes, ihr Meldepunkt vor dem Kino, war zum Militärgelände geworden. Schätzungsweise zweihundert Leute schufen einen Verteidigungswall. SS in ihren typischen Tarnuniformen, Wehrmacht verschiedener Waffengattungen und eine Menge Militärgerät waren zu sehen. Die weitaus größte Gruppe aber war der Volkssturm in Räuberzivil und auch Frauen. Die einen schanzten an einer Panzersperre und anderen wurde die Handhabung von Panzerfäusten gezeigt. Neben dem Pissoir, welches neben Rolands Wohnhaus stand, stapelten sich in offenen Holzkisten dutzende Panzerfäuste. Anscheinend zur sofortigen Verteilung vorgesehen, lagen die Hefte mit der Gebrauchsanleitung obenauf:

„Panzerfaust 30 Meter und 60 Meter für Einzelkämpfer.“

Oma Else war den Jungs vor die Tür gefolgt und überblickte das Spektakel. Sie zog Horst am Ärmel zu sich. Kurz und bündig gab sie ihm Order:

„Horst, hiergeblieben, zurück in den Keller! Gottschalk auch du! Sei vernünftig, deine Mutter will es auch!“

„Horst kann ja hierbleiben. Ich melde mich! Meine Brüder sind auch an der Front. Wenn man nach Horst fragt, sage ich: 'habe gesehen, der krümmt sich vor Magenschmerzen, will aber nachkommen.'“

„Gottschalk, dein Vater ist gefallen, deine Mutti braucht euch doch.“

„Kann se ja, komm ja wieder.“

Niemand der Vorbeilaufenden nahm Notiz von dem Wortwechsel. Diese Worte in falschen Ohren und die Beobachtung - Horst gehorcht der Mutter - hätte für ihn an der Laterne hängend enden können. Er war eher ein sensibles, weiches Teilchen Jungdeutschlands und wohlerzogen - seiner Mutter widerspricht man nicht.

Er ging zurück zur Gemeinschaft, die sich tagelang im Keller aufhielt. Solange kein Fliegeralarm war, blieb die Kellertür offen. Das brachte etwas mehr Durchlüftung. Wenn es die Intervalle der Luftangriffe zuließen, ging man kurz zum Kochen und Vorkochen - von Stromausfällen behindert - in die eigene Wohnung. Essbares improvisierte jeder wie er es vermochte. Horst meldete sich auch am nächsten Tag nicht bei seinem Freund Gottschalk.

Wie alle im Keller hörte er das grollende Mündungsfeuer von Flak-Geschützen. Die Einschläge lagen nicht direkt über ihnen, sondern weiter in Richtung Neukölln.

Dann war die Front vor der Tür, donnernde Einschläge von Flak- und Panzerkanonen sowie das Rattern eines schweren Maschinengewehrs. Das stand anscheinend im eisernen Pissoir. Die Glasscheiben vibrierten in den Fensterrahmen. Die Luftschutzleute waren nur noch durch ihre Helme mit dem Feuerschutzleder von den übrigen Kellerinsassen zu unterscheiden. Die Brandschutzuniform war durch zivile Bekleidung ersetzt. Der Gruppenführer sagte:

„Die Scheiben samt Rahmen fliegen bestimmt raus. Hoffentlich bleiben die Mauern stehen und wir werden nicht verschüttet!“

Die Barrikade an der Kreuzung war von ihren Verteidigern aufgegeben. Heute weiß man, dass es der Stoßkeil der 8. Gardearmee unter General TSCHUIKOW war, der die Verteidigungslinien von Buckow bis Britz überrannt hat. Wehrmacht, Volkssturm und Waffen-SS zogen sich über die Brücke Chausseestraße zurück und schufen am anderen Ufer eine neue Hauptkampflinie vor Neukölln.

Kurz ruhte der Kampf vor dem Haus. Einige Männer aus dem Keller, auch Horst, begaben sich auf Erkundung nach oben. Ihr Haus hatte kaum noch intakte Fensterscheiben, eine Seite der Hauseingangstür fehlte, das verbliebene Türblatt hing in der Luft. Ein getroffener T-34-Panzer der Russen stand schräg in der Straße. Das Pissoir war getroffen, und anscheinend hatten die Ketten eines Panzers dafür gesorgt, dass es dalag, als wären seine Eisenwände zusammengefaltet worden. Die Platten lagen auf einem Leichnam, dessen Beine, in Stiefeln steckend, darunter vorragten. Das Klirren sich nähernder Panzerketten unterbrach die kurze Kampfpause auf der Straßenkreuzung. Mit aufgesessener Infanterie brausten russische Panzer heran und rollten durch eine schmale Lücke in der vormaligen Panzer-Barrikade. Die Beobachter verschwanden schnell im Keller und verrammelten die Tür.

Dem von Oma Else oktroyierten Schwänzen verdankte Horst vielleicht sein Leben.

Die Straßenbrücke in der Chausseestraße, die über den Teltowkanal führte, war in der Nacht vom 22. zum 23. April 1945 bei den Rückzuggefechten von deutschen Einheiten gesprengt worden. Nah am Feind verloren bei dieser Aktion acht junge Verteidiger ihr Leben. Einer von ihnen war Gottschalk, keinen Kilometer vom Elternhaus entfernt. Die gesprengte Chaussee-Straßen-Brücke hielt den weiteren Vormarsch der Sowjetrussen in Richtung Zentrum für kurze Zeit auf. Von der Kreuzung weg wurde der Russen-Tross direkt hinter die erste, nur noch teilweise stehende Häuserzeile gegenüber Rolands Haus auf das Gelände des zentralen Straßenbahnhofs geleitet. Die Hallen und ihre Dächer waren zerschossen. Hier, Schutz suchend zwischen den Waggon-Gerippen, hatten die Verteidiger den Sturmeinheiten Mann gegen Mann Widerstand geleistet.

Die russische Walze stoppte vor der gesprengten Chaussee-Brücke. Es mussten Übersetzmittel (Pontons) herangeführt werden, um den Kanal zu überqueren. Bataillone, die die Kreuzung und die sie umgebenden Wohnblöcke schon passiert hatten, fluteten zurück und weitere Einheiten rückten ein. Die nun zum Stehen gekommene Sowjet-Truppe tobte sich in Britz aus.

In Rolands Luftschutzkeller hatten inzwischen der Zahnarzt, dessen Mutter, seine Frau und die Hausangestellte aus Angst vor den bekannt gewordenen Exzessen der Roten Armee in den von ihnen eingenommenen Gebieten mittels Tabletten Selbstmord begangen. Ihre Leichen sind von Hausbewohnern die Kellertreppe hinaufgetragen und im Hof abgelegt worden. Die Männer hatten, in den Keller zurückgekehrt, noch nicht wieder ihre Plätze eingenommen, als asiatisch aussehende Soldaten die Kellertür aufbrachen. Sie leuchteten die Räume aus, schrien nach möglicherweise anwesenden Soldaten und forderten auf, sich zu zeigen und zu ergeben. Sie stöberten unter den Metallbetten, zerrten Vorhänge weg, brachen Truhen und Kisten auf und verstreuten ihren Inhalt. In Rolands Keller gab es keine deutschen Soldaten. Nach diesem Intermezzo suchten die Sowjets hastig jede Person nach Wertgegenständen ab. „Uhri, Uhri“ - alle wurden ihre Uhren los. Halsketten wurden einfach abgerissen, Ringe schmerzhaft von den Fingern gezerrt. Im Nachhinein stellten einige der ausgeraubten und gedemütigten Kellerinsassen fest, dass ihnen schlichte Eheringe belassen worden waren. Der ersten Gruppe folgten weitere. Während die einen noch ihre Gier nach Gold und Pretiosen befriedigten, stießen andere mehrere Frauen die Kellertreppe hinauf. Widerstrebende begleiteten Gebrüll und Schläge mit dem Gewehrkolben. Die anwesenden alten Männer der ehemaligen Luftschutztruppe hatten auch ihre Helme bei den Uniformen zuvor auf dem Hof versteckt. Sie hielten ihre Frauen fest, aber ansonsten mussten sie dem Geschehen ohne Widerstand seinen Lauf lassen.

Nachdem erst einmal wieder Ruhe im Haus herrschte, gingen die verbliebenen alten Männer und Onkel Horst zum Nachschauen nach oben. Ihnen bot sich ein grauenvolles Bild. Die Leiche der Ehefrau des Zahnarztes, die zuvor auf den Hof gelegt worden war, lag nunmehr mit hochgeschlagenem Kleid und zerrissener Unterwäsche auf den Treppenstufen des Hausflurs. Die aus dem Keller weggeführten Frauen kauerten geschändet und weinend in den leerstehenden Wohnungen. Von diesen Ereignissen behielt Roland nur die auf der Kellertreppe herunterkommenden Soldaten in Erinnerung.

Es kamen erneut Rotarmisten in den Keller. Neben der Tür saß aus alter Gewohnheit wie zu Luftschutzzeiten zur Beruhigung der Kellerbewohner der ehemalige Luftschutzwart. Da die Tür nicht mehr zu verschließen war, weil die stürmenden Russen den Schlosszapfen aus dem Türrahmen getreten hatten, wurde nun ein Holzkeil als Verriegelung benutzt. Das war für die wieder erschienenen Russen kein Hindernis. Sie hatten es auf die Frauen abgesehen. Mutter Margot mit Roland auf dem Arm hatte sich wie die übrigen Frauen im Keller auch verkleidet, auf hässlich und alt geschminkt und sah dreckig aus. War alles zwecklos! Roland blieb im Kinderbett zurück.

„Frau komm, Frau komm!“

Margot, Else und andere Frauen sind, wie tags zuvor in den leerstehenden Wohnungen im Haus, alle vergewaltigt worden. Für einige von ihnen war das der zweite Exzess!

Es bestand kein Telefonkontakt mehr vom Wohnhaus zu Opa Rudolf. Der kümmerte sich mit Kameraden verschiedener Waffengattungen um verwundete Soldaten und Zivilisten in einer zentralen Sanitätsstelle im zweiten Untergeschoss am Hermannplatz, etwa vier Kilometer Luftlinie vom Wohnhaus entfernt.

Ein großes Labyrinth verband das dortige Karstadt-Kaufhaus mit der U-Bahn. Jetzt lagen zwischen ihm und der Familie die Russen. Hätte ihn das Schicksal die Gewalt gegenüber den Frauen mitansehen lassen, wäre er aufopfernd vor Frau und Tochter getreten. Vielleicht hätte er einen oder zwei von diesen enthemmten Untermenschen in den Tod geschickt, bevor ihn selbst eine Garbe aus dem Trommelgewehr niedergestreckt hätte. Else und Margot wären danach trotzdem vergewaltigt worden, und der Exzess hätte sicher noch weitere Opfer unter den Kellerinsassen gefordert.

Opa Rudolfs Überblick der Lage ergab sich aus den Berichten der Eingelieferten. Es musste ihm wie ein Film aus einem anderen Leben vorgekommen sein, wenn er daran dachte, was für ein Gaudi es gewesen war, mit der Familie Ausflug und Einkaufen im Kaufhaus Karstadt miteinander zu verbinden. Wie war das schön, Bruder Ernst hatte den Laden offen gehalten und ermöglichte der Familie das Einkaufserlebnis im modernsten Kaufhaus Europas. Die Karstadt-Silhouette, das war Amerika-Architektur im Art-Deko-Stil in Neukölln. Zwei riesige Türme, 32 Meter hoch, mit einem Dachgarten für hunderte Menschen, die dort nachmittags bei Musik schwofen konnten….

Jetzt sah er schreckliches Leid, dem er inzwischen mehr funktionierend als anteilnehmend gegenüberstand. Diejenigen, die man ins zweite Untergeschoss bugsierte, hatten Überlebenschancen, weil sie bereits erstversorgt waren. Es gab zu wenig Tragen und Betten. Neuzugänge legte man dicht nebeneinander auf dünnen Matratzen oder Planen ab. Platz gab es kaum, Hygiene gab es eigentlich keine. Verstorbene wurden wieder nach oben in den hinteren Hof gebracht, wenn der mal nicht unter Beschuss stand. Verpflegung und Hilfsmittel für die Erstversorgung der Verwundeten gab es genug. Die Ärzte und Schwestern handelten, genau wie er und seine Kameraden, hart an ihrer physischen Grenze.

Am Vormittag des 27. April ging der Kampf in der Nachbarschaft zum Haupt-Verbandsplatz zu Ende. Das Rathaus Neukölln war gefallen. Nach dreitägigem Kampf, verteidigt von Waffen-SS, Volkssturm und von der französischen Waffen-SS-Division „Charlemagne“, noch jahrzehntelang von den Einheimischen heroisiert, war es von den Russen eingenommen worden. Die Verteidiger hatten noch Karstadt samt seiner Türme gesprengt, weil sie die riesigen im Komplex gelagerten Lebensmittel nicht in die Hände der Eroberer fallen lassen wollten. Das zuvor das Stadtbild prägende Kaufhaus war eine Ruine. Der unmittelbare schwere Kampflärm hatte sich in einzelne MP-Salven und Einzelfeuer gewandelt.

Opa Rudolf wollte, so nahe an Zuhause, weder den Heldentod sterben, noch in Gefangenschaft geraten. Mit drei Kameraden, die auch aus Berlin und Umgebung stammten, hatte er Vorbereitungen für den Fall getroffen, dass sie nicht, wie über Radio aus dem Oberkommando der Wehrmacht hoffnungsvoll gemeldet, von der Armee Wenck entsetzt werden sollten. Sich früher abzusetzen wäre Desertieren gewesen. Das wollten sie nicht. Sollten sie von den Russen überrollt werden, hatten sie vor, zunächst auf Tauchstation zu gehen. In den Katakomben des unterkellerten Hermannplatzes hatten sie einen kleinen Raum, von dem ein Lüftungsschacht mit Leitereisen an die Oberfläche führte und der von Fremden kaum entdeckt werden dürfte, für einen Aufenthalt von zwei bis drei Tagen vorbereitet. Kaltverpflegung, Decken, Planen, Metallkübel als Toilette sowie die persönliche Fluchtausrüstung, wozu auch Zigaretten gehörten, hatte jeder von ihnen in einem Rotkreuz-Rucksack zusammen mit Zivilkleidung deponiert.

„Die sind oben drin, lass uns verschwinden!“, zischte einer der Eingeweihten.

Bis hierhin hatten sie sich um die Verwundeten gekümmert. Die letzten Minuten waren Opa Rudolfs schwerste Prüfung seines Lebens. Er hatte reichlich Medikamente und Verbandsmaterial an die Leidenden verteilt. Mit den Empfängern war er sich bewusst, dass dies der letzte Dienst war, bevor der Feind da sein würde. Ein Wlassow-Russe in schwarzer Uniformhose bat, er möge ihm doch unbedingt eine Pistole besorgen, er dürfe nicht lebend in die Hände der Bolschewiken fallen. Opa Rudolf gab ihm seine eigene. Diese Geste brachte den Beschenkten zum Weinen.

„Neben dem Kopf liegt meine zusammengerollte Uniformjacke, greif in die Brusttasche!“

Opa Rudolf zog eine goldene Kette mit einem Amulett „Jesus am Kreuz“ aus der Jacke. Der Verwundete führte es zum Mund und küsste es. Durch seinen Brustverband gehindert, deutete er an, Opa Rudolf mit dem Kreuz zu segnen.

„Nimm das, möge es dich schützen, Kamerad!“

Er nahm das Kreuz. Nur einen kurzen Händedruck und ein „Gott mit dir, Kamerad“ brachte er fertig - mehr nicht.

Schnell lief er im Saal zur Nische neben dem Wasserhahn. Hier stand eine Kiste, in die von den verwundeten Soldaten und von den Verstorbenen deren Kleinwaffen abgelegt wurden. Er entschied sich wieder für eine Pistole 38, deren Magazin er überprüfte. Sich schon auf dem Weg zum Versteck glaubend, hielt ihn ein „Halt“ auf. Bei der Stimme und dem Platz, von dem aus er das Kommando vernahm, tippte er auf einen vor Tagen Operierten. Dieser lag in einem Metallbett - ein Waffen-SS-Mann aus Graz. Ihm musste er die Pistole laden und entsichern, weil der Mann es nicht selber tun konnte. Ihm fehlte ein Arm und der andere steckte bis zu den Fingern im Verband.

Als letzter erreichte er endlich das Versteck.

Den zweiten Tag verbrachten die drei „Zivilisten“ in ihrem dunklen Unterschlupf. Kurze Feuersalven aus der Richtung, in der die Verbandssäle der Verwundeten lagen, ließen eine ungefähre Lage dessen, was sich dort abspielte, erahnen. Durch sparsame Taschenlampenbeleuchtung oder beim Umgang mit dem Feuerzeug und ihren glimmenden Zigaretten war in ihrer Räumlichkeit spärlich etwas zu erkennen. Gelegentlich versuchte einer von ihnen, die Lage zu erkunden. Die Wahrscheinlichkeit ihrer Entdeckung beim Verlassen des Verstecks konnte nur aus der Art des Umgebungslärms abgeschätzt werden. Geschützdonner verorteten sie neuerdings Kilometer entfernt, im Stadtzentrum.

Sie wollten los.

Opa Rudolf, bekleidet mit einem zivilen dunkelgrauen Mantel, mit Rot-Kreuz-Binde auf dem linken Arm, darunter die Uniform, in weichen Stiefeln, aber ohne Kopfbedeckung. Die Pistole steckte in der rechten, eine dynamo-betriebene mechanische Taschenlampe in der linken Manteltasche. Zwei Sanitätstaschen, mehr als doppelt so groß als die normale Patronentasche und eine Feldflasche trug er am Sanitäterkreuz-Koppel. Die Sanitätstaschen hatte er mit Bedacht umgeschichtet. Das Verbandsmaterial, bestehend aus verschiedenen Binden, Salben, Sani-Besteck sowie Kaltverpflegung für mehrere Tage, befanden sich im Rucksack. Dieser hatte auf seiner großen Außenlasche das Rote Kreuz auf weißem Grund. Seine Sanitätstaschen beherbergten einen beträchtlichen Schatz: Opium in Röhrchen und Tablettenform, sowie Kreislaufmittel.

„Gott befohlen, Kameraden, Sprung auf - Marsch, Marsch!“

Der Belüftungsschacht, durch ein Gitter gesichert, endete in einem Hofpark. Hier hatte sich eine russische Verpflegungsstelle breitgemacht. Der Austritt aus dem Schacht war riskant. Sie passten einen günstig erscheinenden Augenblick ab und lösten den Gitterring. Angenehm die frische Luft - kaum raus - wenige Meter gelaufen:

„Stoi, stoi!“

Sie rannten hintereinander durch eine Auffahrt, Schussgarben aus Sturmgewehren peitschten, bevor sie sich aus den Augen verloren. Opa Rudolf rannte allein über die Straße und die Kameraden an der gegenüber liegenden Häuserfront entlang. Sie verloren sich und sahen sich nie wieder.

Aus der Gruppe der Russen, die hinter ihnen her war, nahm einer die Verfolgung von Opa Rudolf auf. Dass nur einer hinter ihm her war, hörte er aus den Stiefelschritten, aber sicher war er sich dessen in der Schnelligkeit des Geschehens nicht.

Einschläge der Garben um ihn herum aus der Maschinenpistole machten Opa Rudolf blitzartig klar, dass das Rote Kreuz auf dem Rucksack nicht die erhoffte Schonung, sondern im Gegenteil in der Dunkelheit dem Russen eine bessere Zielerfassung bot. Sich hinzuwerfen schien ihm nur die zweitbeste Lösung, denn dann hätte der Russe ihn gehabt. Ein Torbogen neben ihm erlaubte den Richtungswechsel, raus aus der Schussrichtung. Da, mitten auf dem Hinterhof, ein Loch. Ein schweres Geschoss hatte die Kellerdecke durchschlagen. Egal wie tief und wohin - er sprang.

Eine Ebene tiefer aufgeschlagen, rappelte er sich auf, ohne Zeit für die Überprüfung seiner Glieder. Weiterlaufen konnte er nicht, weil über ihm bereits die Stiefelschritte seines Verfolgers zum Stehen gekommen waren.

Der Russe stand direkt, nur durch die Betondecke getrennt, über ihm: „Ittler kaputt!“

Als sich nichts rührte, schoss er aufs Geratewohl ins dunkle Loch. Sein Schusswinkel gefährdete Opa Rudolf nicht. Hätte der Russe auf der anderen Seite des Lochs über ihm gestanden, hätte es ihn voll erwischt. Sollte der Russe jetzt nachspringen, wäre das sein Tod – Rudolfs Hand umklammerte die entsicherte Pistole.

Der Russe verließ den Hof. Opa Rudolf bewegte sich erst nach einer Weile, um zu erlauschen, ob er allein sei. Dann leuchtete er die Räumlichkeiten aus. Den Weg, den er heruntergekommen war, konnte er nicht nach oben nehmen. Er wollte gerade einen Hof weiter durch den Kelleraufgang wieder an die Luft, als er über sich mitbekam, wie einige Russen zwei Frauen vor sich die Treppen hinunter stießen. Ihm war wichtiger zu erfassen, ob sie bis zu ihm in den Keller kommen würden, als dass er an eine Heldentat dachte. Die Russen prügelten die Frauen in das Vordergebäude und Opa Rudolf schlich zur Straße. Hier war niemand. Seine Augen tasteten in Wegrichtung mögliche Verstecke und weitere Fluchtwege ab. Langsam, immer auf dem Sprung, kam er voran - mal einige hundert Meter hintereinander, mal Haus für Haus. Das Ausweichen in Seitenstraßen wegen unübersichtlicher Feindlage kostete Zeit und ließ ihn Umwege nehmen, die oft nicht ungefährlicher waren, bevor er sich wieder auf direktem Heimatkurs befand. Die nächtliche Ruhe war von fernem Kampflärm aus der Stadtmitte begleitet und wurde immer mal durch Gewehrfeuer in Salven oder Einzelfeuer in der Nähe unterbrochen.

Er traf auch auf flüchtende und Schutz suchende Leute, wie auch er es war. Jeder hatte genug mit sich selbst zu tun, aber man mutmaßte, welche Gebäudekomplexe und Straßenseiten womöglich in russischer Hand seien. Immer wieder vernahm er Gewehrfeuer in der Nähe.

Es war noch dunkel, als er dort angekommen war, wo vor gut einer Woche die Chaussee-Brücke noch die Havel überspannt hatte. Jetzt kletterten Russen an den schräg zueinander liegenden Brückenteilen von der Britzer Seite in Richtung Neukölln. Über eine Ponton-Behelfsbrücke neben den zerbrochenen Brückenelementen rollte, von Pferdegespannen gezogen, der große Tross der Nachhut. Mittenmang russische Soldaten, die an den Brückenrändern im Gänsemarsch liefen. Es wurde langsam hell. Die Umrisse, in denen er auf Überfahrt wartende Fahrzeuge und T-34 Panzer ausgemacht zu haben glaubte, schälten sich als zu Schrott geschossenes Gerät heraus. Sollte ihnen nichts passiert sein, war er jetzt weniger als drei Kilometer von Else, Horst und Margot mit Roland entfernt. Zwischen ihm und der Familie lag nur noch der Havel-Kanal.

Die Morgendämmerung ausnutzend, lief er am Ufer entlang. Er machte einen auf der schrägen Böschung liegenden ausgebrannten Schützenpanzer aus. Einen Bogen laufend, schlich er sich an. Seitlich zum Fahrzeug tat sich ein Erdtrichter auf. Ein paar Schritte, ein Sprung - und er lag in Deckung im Erdloch. Seine neue Position ließ nun auch die Beobachtung aller Bewegungen von Mensch und Material über den Kanal hinweg zu. Dabei hing er in Gedanken seiner bedauernswerten Entscheidung nach, bei der Gepäckauswahl des Gewichtes wegen auf ein Fernglas verzichtet zu haben. Gerade hatte er ein nahes Geräusch wahrgenommen, als plötzlich jemand von hinten und direkt auf ihn drauf in die Erdkuhle sprang. Er wurde in die Erde gedrückt.

„Ruhig Kamerad, janz ruhig – ick tu dir nischt!“

Opa Rudolf ließ geschehen, was in Bauchlage-Position ohnehin nicht zu ändern war. Trotzdem hatte er die Hand an die Pistole bekommen. Langsam löste der Mann auf ihm den Druck der Klammerung. Opa Rudolf konnte sich umdrehen und blickte in das Gesicht von Eispickel. Eispickel (!) – aus der Britzer-Sanitätskolonne! Beide schauten sich an, als wenn der Leibhaftige vor ihnen stünde.

„Eispickel, was hast du denn vor? Willst mich doch nicht abmurksen?“ „Mensch, Rudi, ick will ooch übert Wassa. Bin aba nich alleene! Een paar Loch weiter liecht Egon – der hat'n verbrannten Unterschenkel. Der Vaband stinkt und seine Schmerzen, sagta, sind firchtalich. Da seh ick een Rot-Kreuz-Sack durch de Jegend hüppen. Ick tu ma denk'n, det is ' ne Schangse uff Hilfe - vastehste?“

„Verstehe, aber wo kommt ihr denn her?“

„Egon und ick war´n Volkssturm. Ham uns bis Hermannplatz zurückjezogen. Da war Ende. Bis hierher sind wa mit Ach und Krach jekommen. Jetzt hamwa nen Kahn am Ufer vasteckt. Den hamwa schon seit vorjestern. Zwee Nächte lang wolltn wa rübermachen. Is verschoben, erste Nacht war zu ville Holterdipolter am Ufer und letzte Nacht konnte Egon nich mehr!“

„Komme auch vom Hermannplatz, den Rest schaffen wir auch noch. Geht doch gar nicht anders, wirst schon sehen!“

„Nächste Nacht muss det klappen, sonst verhungern wa hier im Jras.“

„Pass auf, ich gebe dir jetzt von meinen Verpflegungsrationen. Dann kriegst du für alle Fälle schon mal zwei Mullbinden, eine Brandbinde, zwei Schmerztabletten und eine Kreislauftablette. Rührste alle gleich an. Die Kreislauftablette gibst du zuerst. Den Verband nimm ab, wenn ihr gegessen habt und ich noch nicht da sein sollte. Jetzt hau ab - ich beobachte alles.“

„Rudi, hab Dank und Jott befohln - bis gleich. Is ja nich so uffrejend, een paar Meter über dir is´n flacher Laufgraben bis zu uns.“

Eispickel robbte nach einem prüfenden Rundumblick aus der Mulde. Dann sprang er auf und verschwand unmittelbar aus Opa Rudolfs Blickfeld. Die Umgebung blieb ruhig.

Opa Rudolf wollte nichts durch hastiges Handeln gefährden Er registrierte öfter Schüsse in der Nähe des Brückenüberganges. Am Ufer gab es kleinen Grenzverkehr - raus aus der Stadt. Personen schickten sich an, schwimmend das andere Ufer zu erreichen. Jede dieser fremden Initiativen in seiner Nähe verzögerte seinen Wechsel zu Eispickel und Egon. Dann war mal weit und breit Ruhe. Er sprang in den Graben, vergewisserte sich des Geländes und lief gebückt bis in den befestigten Verbau. Der maß etwa zweieinhalb Meter im Quadrat. Er sah Egon, der auf einer Zeltplanen lag – eine zweite auf ihm.

„Rudi? Dich schickt der Himmel!“

Schon beim ersten Blick auf Egon war Opa Rudolf klar:

Eispickels Überfallaktion war die reine Verzweiflung, seinen Freund zu retten. Egons Gesicht, soweit unter einem nassen Tuch sichtbar, war kalkweiß.

„Eispickel, geh Wasser holen, sieh dich vor, danach hältst du draußen Wache. Ich kümmere mich.“

„Na denn sieh mal zu, wie et mit mir steht, fühle mich auf deutsch jesacht, beschissen. Die Wunde iset nich - die Hüfte, ick jlobe die Nieren, denn pinkeln jeht och nich. Die Tabletten ham aba geholfen.“

„Jetzt mal ruhig! Mund auf, hier das Thermometer, beiß nicht drauf!“

Opa Rudolf fühlte Egons Puls. Der war schnell und unregelmäßig.

Böse Vorahnungen schienen sich zu bestätigen - über 39° Fieber!

„Trink!“

Opa Rudi setzte ihm die Flasche an die fiebrigen Lippen. Egon saugte schwach, und das Wasser sabberte seitlich vorbei.

„Wie hat denn meine Verpflegung geschmeckt?“

„Hab keen Hunger. Nach die ersten Kekse wollt ick kotzen, hab aba nich!“

Ohne weiteren Kommentar machte sich Rudi an das Öffnen des Verbandes, der in Wadenhöhe beginnend bis zum Knie reichte. Was da zum Vorschein kam, war übel:

Die Schienbeinseite mit verkohlten Wundrändern, mosaikartige Fetzen aus Stoff oder Gewebe, verdreckt. Die Wade war aufgedunsen und sah aus wie ein gelber Butterklumpen.

„Wie ist das denn passiert?“

„Ick lieje neben eem Kameradn, da drückt der ne Panzerfaust ab. Der Rückstrahl aus dem Rohr varbrennt mir det Been. Lagen denn unta Beschuss, er tödlich jetroffen, ick bin de Steene runtajerutscht und bis uffn Vabandsplatz jehumpelt. Da hats bloss so jewimmelt, war allet in Ufflösung. Hab noch jans schnell den Verband jekricht. Det war vor fünf Tage. Da hab ick och Eispickel jetroffn.“

Das Sprechen fiel Egon schwer, aber er wollte unbedingt noch etwas loswerden.

„Übrigens Rudi, dein Bruder Ernst war ooch uffn Hermannplatz. Da issa den Russen in de Hände jefalln. Hab jesehn, wie sen zusamm mit valleicht zehn Mann abjeführt ham in Richtung Britz.“

„Na, ist ja zumindest gut zu hören, dass die überhaupt Gefangene gemacht haben.“

Später wurde berichtet, man hätte Ernst in einer Kolonne von Gefangenen an Hand seiner Prothese ausmachen können, als diese durch den Ort in Richtung Buckow geführt wurden. Mehr hat man nie über seinen Verbleib in Erfahrung bringen können.

Opa Rudolf, alter Sanitätshase, wusste über Egons Zustand genug:

„Egon, jetzt gebe ich dir eine Spritze, und wenn Eispickel wieder da ist, rühren wir dir nachher noch Tabletten an. Die Wunde verbinde ich jetzt nicht. Decke sie nur mit Mullstreifen ab, damit Luft ran kommt. Wenn alles gut geht, machen wir heute Nacht rüber.“

„Sicha, ick werd loofen, hab kaum noch Schmerzen.“

Egon wusste nicht, dass er gleich in Träume versinken würde.

Er dämmerte vor sich hin, als Eispickel wieder da war.

Mit einem seitlichen Kopfnicken deutete Opa Rudolf dem neben ihm stehenden Eispickel, dass er ihn draußen sprechen müsste. Sie flüsterten.

„Eispickel, wäre ein Wunder, wenn Egon das schafft! Klassische Blutvergiftung – Endstadium, müssen wir hinnehmen. Hat jetzt Opium gekriegt. Wenn er klar werden sollte, rühre ich noch zwei Tabletten an. Tut mir leid!“

„Wat für ne Tragik, in Sichtweite von seine Irmgard so zu krepieren!“

Sie saßen stundenlang neben dem mit dem Tode ringenden Kameraden und lauschten. Das unregelmäßige Aufbäumen seiner Atmung ließ sie immer auf der Hut sein einzugreifen, wenn die in Stöhnen übergehende Atmung laut zu werden drohte. Dabei horchten sie auch auf jedes Geräusch neben dem Unterstand. Opa Rudolf fühlte immer wieder einmal den Puls, und Eispickel wechselte wie in Trance ständig die nassen Mulllappen auf Egons Stirn und betupfte dessen trockene, fieberrissige Lippen. Es war noch nicht dunkel, als Egons Kopf zur Seite kippte und Opa Rudolf dessen Tod feststellte.

Eispickel nahm Egons Erkennungsmarke, Soldbuch, Armbanduhr und den Ehering an sich.

„Kannste wat mit seine Pistole anfangen?,“ fragte er Opa Rudolf „Nein, habe ich selber!“

„Is ejal, dann hab ick eben zwee.“

Sie legten Egons Leichnam, mit den Zeltplanen bedeckt, mitten in den Unterstand. Es sah aus, als läge er in seiner eigenen Gruft. In Anbetracht dieses Bildes summten sie die Melodie:

„Ich hat einen Kameraden - einen bessren findst du nicht…..“

„Wenn seine Irmgard lebt, sagen wa ihr, wo Egon liecht, vielleicht kann`sen holen“, meinte Eispickel

Bis zu dieser abschließenden Bemerkung hatten sich Eispickel und Opa Rudolf nur in Gedanken mit Egon beschäftigt. Jetzt ging es um die vor ihnen liegende Kanalüberquerung.

„Den Kahn hamwa umjedreht, und ick hab jedn Tach wat oben druff geschmissen. Ob der dicht is, wees ick nich. Paddel jibt it in Form von zwee Feldspaten. Hab ick ooch jefundn!“

Sie warteten, bis es richtig dunkel war.

„Los, Eispickel, Sprung auf Marsch, Marsch – du zuerst, ich sichere.“

Er bemerkte zunächst gar nicht, dass sie schon vor dem umgedrehten Kahn angekommen waren. Opa Rudolf legte seinen Rucksack ab – hell, allzu hell leuchtete das Rote Kreuz – und trug ihn zusammen mit den Klappspaten ans Ufer. Geräuschlos war die Abdeckung des kleinen Bootes nicht möglich. Als sie im Begriff waren, sie anzuheben, stand wie aus dem Nichts die Silhouette einer Person zwischen ihnen. Ein Mann, beide Hände in den Taschen eines schwarzen Ledermantels, der ohne Schulterstücke war. Der Kragen war hochgeschlagen, die Schirmmütze ließ den Offizier erkennen.

„Kameraden, kein Theater, ich will mit!“

Egon hatte die Situation sofort erfasst:

„Fass an! Wenn der Kahn dicht is, kannste mit.“

„Keine Sorge, Kamerad, die zwanzig Meter schafft der Kahn auch mit Wasser!“

Opa Rudolf sah, wie der Neue seine in dunklen Handschuhen steckenden Hände herausnahm. Ohne weiteres bückte der sich und sagte:

„Bei Drei - Eins Zwei Drei!“

Den Kahn mit den Händen krallend, rannten sie ans Wasser. Jetzt musste es schnell gehen. Egon hielt den Kahn in der Balance. Ohne zu zögern sprang der Offizier zuerst in den Kahn, dann Opa Rudolf. Egon stieß, zwei Schritte ins Wasser laufend, den Kahn ab, bevor er sich, bis zu den Knien nass, von seitwärts hinten über die Bordkante herein drehte. Der Offizier saß im Bug des Bootes, mit wachem Blick auf das gegenüberliegende Ufer. In der am Bootsrand aufgelegten Hand hielt er seine schussbereite Pistole.

Nur zwanzig Meter! Zu dritt im Kahn, und die Angst, beschossen zu werden, ließ die kurze Zeit wie eine Ewigkeit erscheinen. Als sie fast das andere Ufer erreicht hatten, landete der Offizier bei dem Versuch, springend an Land zu kommen, mit den Stiefeln im Wasser. Er drehte sich um und zog den Kahn mit Kraft etwas auf die Böschung. Schnell waren sie vom Kahn heruntergesprungen und alle warfen sich platt auf den Boden, schräg in die Böschung. Im Gras liegend sagte der Offizier:

„Danke Kameraden! Wohin wollt ihr denn weiter?“

„Wir bleiben in Britz, sind hier zuhause“, antworte Opa Rudolf.

„Ich will nach Klein-Machnow. Werde Britz umgehen, bin übrigens von Pappeln, Sturmbannführer, sage das, falls die Familie nach meinem Verbleib suchen muss.“

„Na denn, Heil Hitler, Herr Sturmbannführer!“

„Lassen Sie mal, der ist tot!“, und als er merkte, dass das für Egon und Opa Rudolf neu war, fügte er hinzu:

„Vorgestern in der Reichskanzlei gefallen!“

Opa Rudolf erinnerte sich an den Russen „Ittler kaputt!“, der ihn beinahe erschossen hätte.

Auf der Uferkrone gaben sich alle die Hand und rannten dann gebückt in entgegengesetzte Richtungen davon.

Ortskundig wie sie waren, kamen sie an die rückwärtige Häuserzeile der Chausseestraße heran, ohne bemerkt zu werden. Ihr Standort war jetzt nur etwa hundert Meter von Opa Rudolfs Laden entfernt. Sie gingen vor zur Straße, weil diese irgendwann zumindest von Egon überquert werden musste, um in seine Wohnung in der Hufeisensiedlung zu gelangen. Momentan bot sich die Überquerung aber auch für Opa Rudolf an. Zwischen den Trümmern auf der gegenüberliegenden Straßenseite war weniger mit Russen zu rechnen. Die hielt es wegen der Übersichtlichkeit auf der Straße. Dicht an den Trümmern entlang laufend kamen sie Opa Rudolfs Laden näher. Akkordeonspiel und trunkener Gesang russischer Soldaten kamen aus der angepeilten Zielrichtung der beiden. Dann sah Opa Rudolf die Ladenzeile. Vielleicht fünfzig Meter entfernt standen sie schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite in den Trümmern einer Hausruine. Keines der Geschäfte hatte Scheiben in den ehemaligen, bis zum Bodensockel reichenden Schaufenstern. In seinem Laden oder, besser gesagt, in dem, was noch von ihm übrig war, dienten die ehemaligen Schaufenster als Ein- und Ausgänge. Die zwischen den Schaufenstern im 45°- Winkel zueinander stehenden zwei Ladentüren waren in ihren Rahmen eingeklinkt, aber ihre oberen Hälften hatte keine Verglasung mehr. Die schönen schmiedeeisernen Gitter waren noch in ihren Fassungen. Russen taumelten durch die Schaufensteröffnungen von einem in den anderen Laden. Mehrmals kamen sie kurz heraus auf die Straße, ballerten aus ihren Trommelgewehren in die Luft und torkelten wieder hinein. Das machten sie anscheinend zum Refrain eines immer gleichtönend gesungenen Liedes.

„Keen Wunder, dass die da saufen. Ham die janzen Vorräte von Spiritosen-Meier jefundn“, flüsterte Egon.

Zwischen ihnen und der Ladenzeile standen ein Lastwagen und ein russischer Schützenpanzerwagen, dazwischen eine Gruppe rauchender, sich unterhaltender Russen mit dem Rücken zu ihnen. Diese waren aber so mit sich beschäftigt, dass Egon und Opa Rudolf ihre Position nicht zu wechseln brauchten. Weiter voran kamen sie aber auch nicht. Nur wenn sich einer aus der Gruppe umdrehen und in ihre Richtung kommen sollte, wären sie entdeckt worden. Auf einem Motorrad kam ein russischer Soldat angefahren und hielt bei der Gruppe. Der Fahrer breitete eine Karte auf dem Tank seines Krades aus, die er aus seiner Umhängetasche gezogen hatte. Dann kam Bewegung in die Truppe. Kommandos wurden gerufen, und die Russen stolperten mit ihrer Bewaffnung aus den Schaufenstern.

Motoren sprangen an, die Soldaten verschwanden in und auf den Fahrzeugen und fuhren in Richtung Chaussee-Übergang weg. Eispickel und Opa Rudolf verabschiedeten sich voneinander und verabredeten, so bald wie möglich miteinander Kontakt aufzunehmen.

Jetzt hielt es Opa-Rudolf nicht länger im Hausflurversteck. Die mit einem Schlag von Russen leergefegte Straße wollte er nutzen, um die letzten dreihundert Meter bis zur Wohnung zurückzulegen. Der Anblick seines Wohnhauses und der Umgebung war recht traurig. Doch im Gegensatz zu den Zerstörungen, die er in den letzten Tagen unterwegs gesehen hatte, hätte seine Umgebung auch schlimmer verwüstet sein können.

Als er schon die große Kreuzung vor seinem Haus überquert hatte, fuhren im dämmrigen Morgenlicht zwei russische Soldaten vorbei, die sich mühten, auf einem Fahrrad voranzukommen. Sie kümmerten sich jedoch nicht weiter um ihn. Das war sein Glück und sein letzter Schreck vor dem Feind.

Er hangelte sich an der in der Luft wedelnden Haustür vorbei und ging die Stufen hinauf. Im ersten Stock hielt er inne, denn aus der Wohnung vernahm er russische Wortfetzen. Dann, in der zweiten Etage, vor seiner Wohnungstür stehend, holte er tief Luft. Er sammelte sich, auf alles gefasst, in alter Vorsicht die Hand in der Manteltasche die Pistole umklammernd und klopfte als Erkennungszeichen:

„da-dada-da!“

Der Hausflur war dunkel, er hörte die klickende Bewegung des Türspions, aber der gab in der Dunkelheit dem suchenden Auge keine Information.

„Wer ist da?“, hörte er Horst flüstern.

„Vater!“

Hinter der Tür wurde geräumt, denn das Türblatt war verkeilt, weil das dem Schloss gegenüberliegende Führungsblech aus dem Rahmen gebrochen war. Eine vorgeschobene Anrichte bildete die letzte Barriere. Die Tür ging einen Spalt auf, und Opa Rudolf zwängte sich schnell durch. Horst hing an seinem Hals. Auf dem Flur standen in freudiger Erwartung Else und Margot. Die Tränen des Glücks über das Wiedersehen flossen nur so.

Bei Kerzenlicht in der Küche, das Fenster ohne Scheiben, nur mit einer Decke verhangen, brachten sie sich auf den aktuellen Stand des Geschehenen. Opa fragte die Frauen:

„Seid ihr auch…“

„Ja, Rudi, beide – einmal - am 24. April, in der Wohnung vom Zahnarzt!“

„Diese Schweine. So etwas macht kein deutscher Soldat, wenn doch, steht er an der Wand! Und Horst, wo warst du?“

„Lass mal, Horst konnte gar nichts machen. Wäre er auch bloß aufgestanden, hätten sie ihn erschossen! Die, die uns 'rausgeholt haben, waren Soldaten auf Befehl für ihre Offiziere.“

„Papa, ich kann das nicht vergessen. Hoffentlich bekomme ich meine Regel. Karl werde ich nichts erzählen.“

„Lasst uns nicht weiter darüber sprechen. Hoffentlich wiederholen sich diese Sauereien nicht!“

„Und überhaupt, ich weiß nicht, wie das alles weitergehen soll“, meinte Else.

Burschikos lenkte Opa Rudolf ab:

„Na, mir kannste erst mal Badewasser anheizen. Von allen Uniformteilen, die ich anhabe und die sich in der Wohnung befinden, werden erstmal die Knöpfe und Schnallen abgeschnitten. Alles wird so klein gerissen, dass es in den Kesselofen passt. Margot und Horst, ihr helft der Mutter!“

Die Tischgesellschaft löste sich auf und fand sich kurz darauf wieder ein. Opa Rudolf, im Bademantel, trug die dreckigen Armeeklamotten zusammen mit den aus dem Ankleideschrank stammenden Uniformteilen und lud sie auf dem Küchentisch ab. Margot befummelte sie und schnitt jedem Teil Knöpfe und Schnallen ab. Horst zerlegte, schnitt und riss die Stoffe in ofengerechte Fetzen. Während sie da so Hand zu Hand werkelten, hatte Roland den Thron eingenommen – er saß auf Opa Rudolfs Schoß. Else holte einen nach dem anderen der aufbereiteten Packen für die Ofenbeschickung ab. Zusammen mit etwas Papier qualmte die Ofenfüllung so vor sich hin. Deutsches Linnen und deutsche Wolle gaben ihr Bestes, das Wasser im Badeofen kam langsam auf Temperatur. Dann lag Opa Rudolf im warmen Wasser der Badewanne, an deren Rand sich Roland festhielt. Dank neu eingelegter Klinge gelang es in unblutiger Rasur, die tagelang gewucherten Stoppeln zu entfernen. Rolands Gesicht, beim Zuschauen vom schaumigen Pinsel quer erwischt, ließ ihn glücklich quietschen. Margot bereitete aus Opa Rudolfs letzten zwei mitgebrachten Verpflegungsrationen für alle ein kleines Mahl. Dafür lohnte es sich, am Tisch im Esszimmer einzudecken. Mit Ausnahme Rolands waren sich alle der Besonderheit bewusst, gemeinsam in solch einer Tafelrunde zu sitzen. Und dennoch, etwas war anders.

Der Kampfdonner war weg! Nur ab und zu war mal ein entfernter Knall zu hören, das war's.

In Berlin schwiegen, von einigen Widerstandsnestern abgesehen, seit dem 2. Mai die Waffen.

So ging für Opa Rudolf der Krieg noch vor dem am 8. Mai 1945 unterzeichneten Waffenstillstand zu Ende.

Getreu seinem Eid hatte er dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes und Oberbefehlshaber der Wehrmacht bis zu dessen Tod Gehorsam geleistet.

Wie viele Millionen andere Deutsche auch war er einer politischideologischen Verführung aufgesessen und würde dafür noch weitere Rechnungen als die bisherigen Menschenopfer und Kriegsschäden bezahlen müssen.

Als der Pulverdampf verflogen war,

galt es sich zurechtzufinden in dem, was noch verblieben war. Dann ging es um die Trümmerbeseitigung. Zu den Ersten, die sich allerdings befohlenermaßen verdient machten, zählten Onkel Horst und Opa Rudolf.

Durch Bekanntmachung des sowjetrussischen Bezirkskommandanten von Berlin-Britz, der sich im Haus gegenüber Rolands Wohnhaus einquartiert hatte, waren alle Männer aufgerufen, sich am 12. Mai 1945 zur Trümmerbeseitigung an der Kreuzung Chausseestraße/Ecke Gradestraße einzufinden. Die Schmach, dass der Sieger die Befehle gab, trat zurück hinter der Einsicht, überhaupt in dem Chaos geführt zu werden. Onkel Horst hatte an diesem Tag seinen 18. Geburtstag. Ausgerechnet ihm und Opa Rudolf wurde befohlen, die Steine des Pissoirs, welches ja bei den Kampfhandlungen komplett zerlegt worden war, zu beseitigen. Horst sah in Gedanken noch die in Stiefeln steckenden Beine des Soldaten darunter vorragen. Der Leichnam war inzwischen abtransportiert, und von den anderen Helfern interessierte sich keiner für Horstens Erinnerung.

In der Umgebung gab es in der Folgezeit keine weiteren Übergriffe durch die Soldaten der Roten Armee, wofür wohl auch der Kommandanten-Stab auf der gegenüberliegenden Straßenseite gesorgt hatte. In Rolands Wohnhaus, in dem Licht und Wasser wieder funktionierten, wenn nicht gerade Stromsperre war, hatten sich in der Zahnarztwohnung sowjetrussische Verkehrspolizisten einquartiert.

Mit der Bestandsaufnahme der Schäden in der Samenhandlung hatten Opa Rudolf und Horst in den vergangenen Tagen begonnen. Trostlos das Ganze, die Samenhandlung war besonders in Mitleidenschaft gezogen. Im Nachbarladen, der Filiale der ehemaligen jüdischen Ladenkette Selle, später arisiert in Meyer-Melchers, waren Spirituosen gebunkert. Den Sowjets war dieser Fund die Quelle nicht versiegenden Alkohols. In der Samenhandlung sah es auf den ersten Blick so aus, als sei jeder Gedanke an ein Wiederherrichten vertan. Das Inventar war zertrümmert. Die geplünderte Ware ergab eine Art Fußboden-Schicht. Flaschen und Scherben übersäten den Boden, der von kahlen Wänden mit unzähligen Einschusslöchern umstanden war. Stinkende Nebenräume voller menschlicher Exkremente, verkohltes Holz in einer Feuerstelle mitten in der Ladenfläche, die Decken rußgeschwärzt. Die ehemals schönen hölzernen Regalwände mit ihren Messinggriff-beschlagenen Schubladen waren aus ihren Fächern gerissen. Sie hatten wohl als Schemel gedient und lagen zerstreut und kaputt überall herum. Die Holz-Regalkonstruktion an der Wand war von Gewehrsalven zersplittert. Die treffendste Beschreibung des Ladenzustandes lieferte das Gerippe der einst mehrarmigen Deckenlampe. Nur kleinste Glasringe an den Birnenfassungen gaben den Hinweis auf vormalig vorhandene Glasschalen. Die Löcher in der Decke erklärten:

Hier hat Zielschießen stattgefunden. Das zerfetzte Metallgebilde hing an der Decke wie ein Skelett.

Opa Rudolf blickte auf sein zerstörtes Lebenswerk.

„Lass uns 'mal nachsehen, ob es unsere Utensilien in der Zwischendecke im Klo noch gibt“, versuchte Onkel Horst ihn abzulenken. Sie hatten nämlich die Präzisionswaage und das Schmuckstück der Ladentheke, eine eiserne Registrierkasse zusammen mit allerlei Ladenzubehör, wie auch das Telefon, in Höhe des Wasserkastens in der Toilette mit Brettern verschalt. Als sie diese Bastelei zu Jahresbeginn durchgeführt hatten, dachten sie nicht an Eroberung durch die Russen. Sie wollten verhindern, dass, wenn nur die Scheiben zu Bruch gingen und nicht alles durch Volltreffer zerbombt werde, sie nicht noch beklaut würden. Auf Plünderung stand zwar Erschießen, aber der Nimbus einer heilen Volksgemeinschaft war im Wandel. Es gab zu viele, die gar nichts mehr hatten.

Sie gingen nochmals ins Klo, an dem sie beim ersten Durchgang wegen des Gestanks nur flüchtig durch die offene Tür das abgerissene Handwaschbecken wahrgenommen hatten. Jetzt stellten sie fest:

Alles war, wie sie es gerichtet hatten. Es erschien ihnen wie eine Aufforderung, mit dem Anpacken zu beginnen.

Mit der Schubkarre aus dem Garten konnte der Unrat herausgebracht werden. Das Verschließen der Schaufensteröffnungen erfolgte mit Ziegelsteinen aus den Trümmern in der Straße. So kam Stein auf Stein. Von diesen musste zuvor aber vor seiner Verwendung der alte Putz abgeklopft werden, und zwar mit einem einfachen Hammer. Damit der Wand in der Schaufensteröffnung ohne Mörtel halbwegs Stabilität verliehen wurde, war die doppelte Ziegelbreite als verzahnter Verbund erforderlich.

So hatten sie ein paar Tage geschafft, als Eispickel durch die Tür in den Laden trat. Die Schaufensteröffnung war bis zum oberen Rahmen mit Ziegelsteinen fertig verschlossen. Opa Rudolf und Eispickel freuten sich des Wiedersehens. Mit Horst tauschten sie zu dritt Neuigkeiten aus:

„Meene Famijie is komplett. Erna hamse verjewaltigt. Egons Leichnam hamwa jeholt und unta de Erde jebracht. Jetzt hamwa imma noch Übergriffe von de Russen inne Siedlung.“

Der Grund seines Besuches war ein ganz praktischer:

„Ick hab meen alten Eiswagen entdeckt. Der war in eene Straßenbarrikade vabaut. Den Uffbau hat et versiebt, denn det Zinkblech is durch. Nu will ick mal kieken, ob wat von det Blech im Kühlraum von de Meyer-Melchers zu jebrauchen is. Habt doch nischt dajegen. oder?“

„Komm Eispickel, schauen wir nach! Ich habe da sowieso eine Idee. Jetzt haben wir unsere Räume soweit entrümpelt und gesichert, da stellt sich doch die Frage, was machen wir mit dem Ladenteil von Meyer-Melchers ?“

Opa Rudolf war baff über die Logik, die er so von seinem Sohn nicht kannte. Der Genossenschaft, die Eigentümerin der Ladenpassage war, vorzuschlagen, Meyer-Melchers Ladenteil mit zu übernehmen, bot sich förmlich an. Geschäftsbetreiber würden Meyer-Melchers wohl nicht mehr sein wollen, und die Selle-Juden sind weg. Der Eigentümerin konnte doch gar nichts Besseres geboten werden….

Onkel Horst brachte maßstabsgetreu die Vision „Aus zwei mach eins“ auf's Papier Die beiden Läden zusammengelegt, brächte für die „Samenhandlung Anders“ vier Schaufenster - zwei zur Hauptstraße, und die anderen zwei lägen um 90 Grad zum Hauseingang versetzt. So könnte eine Ladenfläche von gut 120 Quadratmetern entstehen. Für die Verwirklichung dieser schönen Vision machten sie sich an die Arbeit, nach dem Opa Rudolf die Zustimmung von der Genossenschaft beigebracht hatte.

Alle Erwachsenen der Familie brachten über Monate körperlich zehrende Opfer. Die für die Reparaturen erforderlichen Materialien und die üblichen Waren für das noch zu gründende Verkaufssortiment konnten nur durch Tausch besorgt werden. Zum Tauschen musste man aber auch erst einmal etwas zu bieten haben. Mutter Margot und Opa Rudolf fuhren "hamstern". Der Terminus HAMSTERN umschreibt den täglichen Aufbruch von zigtausend Stadtmenschen mit Rucksäcken und Taschen in die Vororte Berlins. Mitgenommen wurden Habseligkeiten, die nach Zerstörung, Diebstahl und Plünderung noch vorhanden waren: Silber-Bestecke, wertvolles Porzellan, Schmuck und andere wertvolle kleine Einzelstücke des Hausrats, zum Beispiel Bilder und Teppiche. Wenige, von den Russen nicht beschlagnahmte, noch fahrbereite Waggons der Deutschen Reichsbahn waren total überfüllt. Die von den hungernden Stadtbewohnern aufgesuchte Bauern im Umland verhielten sich nach dem Gesetz eines mangelhaften Angebots gegenüber einer exorbitanten Nachfrage. Man erzählte sich unter anderem von Bauern, die ihre Viehställe mit teuren Teppichen ausgelegt hatten. Selbst Opa Rudolfs aufgesuchte ehemalige Geschäftspartner machten da, bis auf eine Ausnahme, keinen Unterschied. War der Hamster-Tausch-Besuch bei den Bauern abgeschlossen, begann mit den mehr oder weniger erfolgreich getauschten Habseligkeiten im Gepäck die Rückfahrt. Dabei standen die Menschen teilweise während der Fahrt auf den durchlaufenden Trittbrettern unterhalb der Waggontüren. Man hielt sich an den Tür- und Fensterbeschlägen oder aneinander fest. Das gleiche Bild bot sich auf den Plattformen zwischen den Waggons. Die Waghalsigsten unter den Hamsterern stellten sich auf die Puffer zwischen den Waggons, und die Kräftigsten unter ihnen saßen auf den Dächern der Personenwaggons. In diesem Gedrängel kam es öfter zu Gerangel und Prügeleien. Opa Rudolf passte stets auf Mutter Margot auf. Den Gipfel des Risikos dieser Notfahrten stellten dann noch die stichprobenartigen Kontrollen der „Bahnpolizei“ dar, die das gehamsterte Gut auch in Beschlag nehmen konnte, denn Hamstern war offiziell verboten! Nach Auffassung der Kontrolleure würden die an den derzeit bestehenden Bewirtschaftungsmaßnahmen des Alliierten Kontrollrates vorbei gehamsterten Güter die allgemeine Versorgungslage noch verschlimmern. Dabei verbesserte sich die wirtschaftliche Lage der Kontrolleure stetig.

Die Hamsterfahrten von Opa Rudolf und Mutter Margot waren relativ erfolgreich. Das lag weniger an ihrem Tauschangebot, sondern eher an ihrer speziellen Suche. Im Unterschied zu den übrigen Hamsterern waren sie nicht schwerpunktmäßig auf der Suche nach Butter, Fleisch, Wurst, Käse und Kartoffeln, ganz abgesehen vom eigenen schmalen Tauschangebot. Sie tauschten Samen ein. Da Samen nicht einfach in der Küche gepresst werden konnten, sondern dies nur unter großem Druck in einer eigens hierfür konstruierten Presse erfolgen konnte, war die Zahl ihrer Tauschinteressenten begrenzt. Opa Rudolf brachte die erworbenen Samen in die Neuköllner Ölpresse, zu der noch guter alter Geschäftskontakt aus der Vorkriegszeit bestand. An und für sich standen Samen ja unisono unter dem Bewirtschaftungsgesetz, aber Opa Rudolf erklärte die eingetauschten Samen für nicht mehr keimfähig. Mit dieser fachmännischen Klassifizierung fielen sie nicht unter die Bewirtschaftungsrichtlinien und durften gepresst werden. Die Samenanlieferung in die Neuköllner Ölpresse, an den Kontrollen auf Land und Schiene vorbei, war stets eine logistische Meisterleistung. Rolands Familie erhielt ein stattliches flüssiges Öl-Deputat für sich und den kleinen Handel nebenbei. Zuhause wurde meistens trockenes Brot in das Öl getunkt – eine wunderbare Hauptmahlzeit.

Abwechselnd gingen Oma Else und Mutter Margot mit Roland auf den in der Nähe gelegenen Spielplatz, der einen Sandkasten mit fester Ummauerung hatte. Diese eignete sich vortrefflich, um auf ihr mit metallenen Kuchenformen sandige Nachbildungen auszuklopfen. Im August 1945 bekam er dort mit, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Die Frauen sprachen leise und bedrückt davon. Roland erzählte und fragte zu Hause bei Opa Rudolf nach. Der erklärte Roland vor dem Zubettgehen, dass die Erde eine Kugel sei. Roland verstand soviel: Würde man in sie hineinbohren, käme zuerst Wasser, dann würde es immer wärmer, und im Erdinneren wäre alles flüssig vor Hitze:

„Eine Bombe, die in einem weit entfernten Land von den Amerikanern abgeworfen worden ist, hat solch eine Hitze ausgelöst.“

Mit diesem Wissen kam Roland auf den Spielplatz. Er buddelte mit der Handschaufel ein Loch, in das er seinen Arm so tief hineinstecken konnte, dass seine Schulter von den Ohren bis zum Mund im Sand steckte. Der Sand war feucht. Er sorgte unter seinen Spielkameraden für große Neugier als er behauptete:

„Da ist schon warmes Wasser!“

Alle Spielkameraden wollten in das Loch greifen. Später, in der Schulzeit, hat Roland diese Episode zuordnen können:

Am 6. August 1945 wurden auf Hiroschima und am 9. August 1945 auf Nagasaki die Atombomben abgeworfen!

Die Sowjets verließen Berlin-Britz in Richtung ihres Ostberliner Sektors, die Amerikaner rückten nach. Britz war jetzt amerikanischer Sektor. Das Zeitfenster zwischen dem Russen-Abzug und dem Ami-Einzug ergab einen großen Schub im Projekt „Ladenbau“, das ins Stocken gekommen war. Das fehlende Glas für die Schaufenster konnte besorgt werden. Es stammte aus einem verwaisten Materiallager in der Barackenstadt, die von den Sowjets geräumt worden war. Auf einmal gab es so viel Glas, dass auch die Fenster der Wohnungen noch vor Weihnachten wieder verglast werden konnten. Es war fast unvorstellbar, wie im zerstörten Berlin und in der größtenteils unzerstörten Gartenstadt Berlin-Britz bereits zum Winter nach Kriegsende wieder ein Fleckchen Normalität geschaffen worden war.

Die dreijährige Ausbildung von Onkel Horst zum Flugzeugelektromechaniker zahlte sich aus. Die erworbenen Kenntnisse und seine "goldenen Hände" machten die Hamsterfahrten ab Herbst 1945 unnötig. Er hatte sich darauf spezialisiert, die häufig defekten Sprechund Funkgeräte der Amerikaner zu reparieren. Hierfür bekam er als Lohn die Erstwährung – Zigaretten - und mehr Material, als er von Fall zu Fall benötigte.

Das Wohn-und Geschäftshaus, in dem sich das Unternehmen von UrOpa Georg befand, hatte den Krieg ohne große Beschädigungen überstanden. Das Geld war nichts mehr wert, aber es konnte getauscht werden. Die alten Geschäftskontakte wurden reaktiviert. Die „Samenhandlung Robert Beist“ war wieder eröffnet und ernährte die gesamte Ur-Großvater-Familie überwiegend aus der Veräußerung noch vorrätiger Vorkriegsware.

Anfang 1946 wollten Opa Rudolf und Onkel Horst ihren Laden eröffnen. Das Warensortiment, zusammengehamstert, eingetauscht und durch Auffüllung aus dem Lager der „Samenhandlung Robert Beist“ war präsentabel. Die Anmietung der Ladenerweiterung war mit der Bau-Genossenschaft geregelt. Die beiden hatten aber in ihre Vorbereitung nicht die in Berlin-Neukölln sehr aktive ANTIFA einbezogen. In der Antifa hatten sich Verfolgte des Naziregimes zusammengetan. Sie trat in den Nachkriegsmonaten als Mittler auf, um die durcheinander geratene gesellschaftliche Struktur neu zu organisieren. An den echten Verfolgten, Sozialdemokraten und Kommunisten, klebten natürlich sofort vermeintliche Gegner des NS-Systems, die sich eingeredet hatten, eigentlich schon immer dagegen gewesen zu sein. Diese zusammengewürfelten Menschen in der Antifa hatten keine Skrupel bei Legalitätserwägungen gegenüber Nazis oder Leuten, die, aus welchen Gründen auch immer, den Nazis zugerechnet wurden. Die Antifa beschlagnahmte Wohnungen, verfügte Neueinweisungen, konfiszierte Eigentum und andere Vermögenswerte, vorbei an eigentlich bestehenden Gesetzen. Es war die Zeit der Denunziation. Alte Rechnungen, sowohl politischer als auch privater Art, wurden beglichen. So mancher wollte sich einen Startvorteil bei den Siegern sichern. Antifa-Leute erinnerten sich an die NSDAP-Aktivitäten von Opa Rudolf oder wurden von jemandem daran erinnert. Jedenfalls verbot man ihm die Eröffnung seines Ladens. Onkel Horst kam, als 18-Jähriger noch nicht volljährig, als neuer Ladeninhaber nicht in Betracht. Nach der Ablehnung gab es ein zermürbendes Hin und Her von Widerspruch, Genehmigung und wieder erneutem Verbot. Der Ortsbürgermeister von Britz war ein besonderer Aktivposten bei der Verfolgung ehemaliger Mitglieder der NSDAP. Den regte es sogar auf, dass bei der Vergabe der Hunger-Lebensmittelkarten angebliche Nazis gleichberechtigt seien gegenüber den sich als Nicht-Nazis bezeichnenden Bewohnern, und dass die Besatzungsorgane bei der Requirierung von Wohnraum auch keinen Unterschied zwischen vermeintlichen Faschisten und selbsternannten Antifaschisten machten. Trotz dieser bestehenden Querelen erhielt die altbekannte Kundschaft bei Opa Rudolf schon Ware.

Während noch die undurchsichtigen ANTIFA-Verhältnisse andauerten, kamen in den West-Sektoren Berlins die ersten CARE-Pakete aus den USA an. Es gab zwei Sorten von CARE-Paketen. Bei der einen handelte es sich um anonyme Pakete, die durch Geldspenden von Bürgern in den USA bei der Organisation CARE-Paket gekauft wurden und ihren Weg nach Berlin nahmen. Diese Pakete wurden in Westberlin besonders bedürftigen Familien ausgehändigt. Bei der zweiten Sorte CARE-Pakete handelte es sich um Sendungen, die mit Absender und Adresse versehen waren, und so dem zugedachten Empfänger übergeben werden konnten. Opa Rudolf bekam ein CARE-Paket der zweiten Sorte von seinem alten Freund Dr. Levi aus New York. Seine Freude war riesengroß:

„Da siehst Du, was wirkliche Freundschaft ist“, richtete er sich an Onkel Horst. Das erste CARE-Paket enthielt Dinge, nach denen sich Rolands Familienmitglieder sehnten – Cornad-Beaf und Pumpernickel in Dosen, Kondensmilch, Lebertran und Zigarren für Opa Rudolf. Die Bedarfsbefriedigung war aber nur die eine Funktion des ersten CARE Paketes. Es entsprach seiner Auffassung von Loyalität, als er kommentierte:

„Werde ihm berichten, wie sie mir Steine in den Weg legen, den Laden zu eröffnen.“

Sodann schrieb er also seinem Freund Dr. Levi nach New York an die nun bekannte Absenderadresse. Bald darauf konnte er sich seine Gewerbegenehmigung von der Behörde abholen. Der Laden wurde im November 1946 eröffnet.

Neue Orientierungen

Rolands Vater Karl hatte den Krieg unversehrt überstanden und sich bei seiner Familie im Schwarzwald eingefunden. Er hatte jedoch zu große Angst, durch die damalige Sowjetzone zu seiner Frau nach Berlin zu kommen. Mutter Margot wollte aber, selbst wenn sie eine Reisemöglichkeit gefunden hätte, mit dem kleinen Roland nicht aus dem zusammenstehenden Familienverband weg von Berlin. Womöglich hätte sie in den dörflichen Schwarzwald übersiedeln müssen und wäre gar bei ihr fremden Menschen gelandet. Wie Mutter Margot einige Monate später hat erfahren müssen, war Karl inzwischen eine neue Beziehung mit einer Frau eingegangen. Ein Kind aus dieser Verbindung war wohl auch schon unterwegs. Unterhalt zahlte Vater Karl für Roland keinen.

Die Situation in der Britzer Wohnung: Opa Rudolf, der Familienpatriarch, hatte das Heft fest in der Hand. Mutter Margot war mit Roland in ihre vormalige Mädchenrolle zurückgestuft, und Oma Else fungierte in diesem Sinne als der verlängerte Arm von Opa Rudolf.

Mutter Margot nahm wieder Kontakt zum Jugendfreund Grundmann-Bruder Alfred aus der alten Jugendgruppe in Berlin-Friedrichshagen auf. Von den fünf Grundmann-Brüdern waren drei im Krieg gefallen. Ein Grundmann-Bruder, Kurt, befand sich in russischer Kriegsgefangenschaft. Alfred arbeitete als Mechaniker in der Firma Hecker, einem Friedrichshagener Metallbetrieb. Die Segeljolle vom Bruder hatte er unbeschädigt über den Krieg gerettet. So konnten Alfred und Margot wie zu Vorkriegszeiten Törns auf dem Müggelsee unternehmen.

Als inzwischen Neunzehnjähriger konnte Onkel Horst etwas von der fehlenden Jugendzeit aufholen, die ihm durch die Kriegsjahre verloren gegangen war. Er besuchte in Berlin-Britz eine Tanzschule, die sich in den Räumlichkeiten des Vereinszimmers einer Britzer Kneipe eingerichtet hatte. Seine Tanzpartnerin war das sehr schöne Mädchen namens Traudchen. Onkel Horst war vom Tanzen aber mehr noch von Traudchen begeistert. Einander zugetan, bildeten beide ein Tanzpaar bei den Turnieren, die in Berlin-Britz und Berlin-Neukölln stattfanden. Die Tanz- und Ballkleider wurden von den Witwen und Müttern aus den Vorkriegs-Garderoben, mitunter auch aus Gardinenvorhängen genäht. Einmal geriet Traudchen mit ihren Tanzfreundinnen in eine abendliche Polizeirazzia. Solche Aktionen, die nur der Ergreifung junger Frauen galten, waren häufig, weil das Fraternisieren mit den amerikanischen Soldaten verhindert werden beziehungsweise sich für die Sieger nicht gesundheits-schädigend auswirken sollte. Die Frauen wurden auf einem Lastwagen in ein Polizeigebäude gebracht. Dort untersuchten Ärzte, von weiblichen Hilfskräften assistiert, rigoros und ohne Rücksicht auf Verluste die aufgegriffene Weiblichkeit auf Geschlechtskrankheiten. Bei dieser Prozedur verlor Traudchen ihre Jungfräulichkeit, noch bevor sie ihr von Onkel Horst genommen werden konnte.

Der Winter 1946/47 war der bislang kälteste des 20. Jahrhunderts. Mitte November 1946 kam die erste große Kältewelle nach Berlin. Dass hohe Frosttemperaturen und Schneemassen bis in den März 1947 hinein so überdurchschnittlich kalte Winterlandschaften erzeugte, hatte keiner geahnt. In Britz fällte man die letzten Bäume und machte selbst vor den Obstbäumen nicht halt. Die Menschen waren so verzweifelt, dass sie mit der letzten Kraft, die sie noch aufbieten konnten, aus dem vereisten Boden sogar die Baumstümpfe herauszubrechen versuchten. Von den ehemals etwa 200tausend Bäumen im Tiergarten sind gerade noch ca. 700 stehengeblieben. Auch aus den Ruinen trug man Brennmaterial in Form von Balken und Brettern zusammen. Das waren durchaus gefährliche Unternehmungen. Die Ruinen waren fragile Hausreste, die durch Wind und Wetter ihre ohnehin schwache Standsicherheit weiter einbüßten, beziehungsweise plötzlich auch in sich zusammenfielen. Beim Herausziehen der Balken, durch Gewichtsverlagerung auf irgendwelchen Überständen oder einfach nur infolge einer Erschütterung gab es dabei auch Tote und Verletzte. Demgegenüber ungefährlich, aber anderweitig auch mit Schmerzen verbunden war es, entbehrliche Regale und Schränke zu verheizen. Wenn dieser Fundus nichts Brennbares mehr hergab, ging es ans Herz - dann wurde der Buchbestand nach verzichtbaren Titeln durchforstet. Dabei sank von Mal zu Mal die Schmerzgrenze, liebgewonnene Literatur dem Wunsch nach Wärme zu opfern. In Rolands Familie traf die Auswahl Onkel Robert. Diesem Bücherwurm waren seine großen Bücherschränke im „Berliner Zimmer” und in den anderen Räumlichkeiten der Wohnung schon vor dem Krieg zu groß geworden. Er hortete deswegen seine Bücher auf dem Giebeldach-Boden. Während der Kriegsjahre hatte er deswegen Ärger mit dem Luftschutzwart. Onkel Robert rettete deshalb seinen Bücherschatz stapelweise zwischen die Pflanzen im Gewächshaus auf dem Hof, wo sie der Feuchtigkeit Tribut zahlten. Bei Kriegsende kamen die Bücher deshalb sofort wieder auf den Dachboden. Der Buchbestand lichtete sich dort wider Willen schneller, als er es je erahnt hätte. Wäre es nach ihm gegangen, hätte er im Zimmer lieber seinen Atem gefrieren lassen, als seine Bücher brennen zu sehen, um nicht vor Kälte zu zittern. Es bedurften aber seine Mutter - Ur-Großoma Anna - sein Vater – Ur-Groß-Opa Georg - seine Ehefrau Herta, schwanger mit Tochter Christel, Rolands späterer Cousine, und, nicht ganz unwichtig, die Ladenkundschaft, der Wärme! Er litt wie ein geprügelter Hund. Apropos Hund, wenn in der einen oder anderen Familie der Hund oder die Katze die Kriegswirren (mit-)überlebt hatten, konnten sie kaum noch durchgefüttert werden. Folgerichtig waren solche Vierbeiner in der Stadt selten. Sie wurden entweder von ihren Haltern, oder schlimmer noch, von darauf spezialisierten Einfängern, durch Schlachtung dem Überlebenswillen der Menschen geopfert. Trefflich und pietätvoll sprachen die Berliner bei Tisch im Angesicht angerichteter Katzen beim Verzehr von "Dachhasen".

Opa Rudolf bekam im schlimmsten Kälte-Monat, und das war der Januar 1947, wieder ein CARE-Paket von seinem Freund Dr. Levi, der Stoffe und Decken schickte. Nach den schlimmen Wintermonaten war aber die Not noch nicht vorbei. Die Schäden an der vor dem Winter gerade wieder etwas in Gang gekommenen Infrastruktur der Ver- und Entsorgung mussten erneut überwunden werden. Straßen- und sonstigen Bahnen fuhren in unregelmäßigen Abständen. Durch die lang anhaltenden sehr frostigen Temperaturen waren die meisten mehrjährigen Pflanzen im Boden erfroren. Eingelagerte Saatkartoffeln waren größtenteils unbrauchbar.

Bei Beobachtung der Freiheiten, wie sie Onkel Horst genießen durfte, und wie sie Opa Rudolf andererseits gegenüber Mutter Margot an den Tag legte, war deren Auszug aus der Britzer Wohnung absehbar. Sie zog mit Roland in den Ostsektor nach Friedrichshagen zu ihrem Jugendfreund, dem Grundmann-Bruder Alfred. Durch Scheidung und erneute Heirat wurde diese Neuorientierung zum Jahreswechsel 1946/47 legalisiert. Grundmann Bruder Alfred fand kurz darauf ein Zuhause für seine neue Familie – eine Zwei-Zimmerwohnung zur Miete in Berlin Friedrichshagen, direkt am Wasser gelegen. In der Nachbarschaft zur Rechten befand sich ein Segelverein mit Werkstatt und Vereinskneipe und zur Linken der Anlegesteg einer Dampfschifffahrtunternehmung. Der kleine Dampfer schipperte Pendler und Ausflügler zu den Ausflugslokalen am Müggelsee bis nach Neu-Helgoland und zurück. Das Spielparadies für Roland war perfekt. Mutter Margots Auszug aus der elterlichen Wohnung bedeutete hingegen für Opa Rudolf und Oma Else, dass ihnen nunmehr eine Untermieterin zugewiesen wurde. Hierbei handelte es sich um eine Kriegswitwe namens Clawitter aus Schlesien. Die Witwe verdiente sich ein paar Mark durch das Kochen von Sirup und Kohlsuppe. Aus Mutter Margots ehemaligem Zimmer kam infolge dieser Kocherei ein Geruch, der aufdringlich durch Wohnung und Hausflur zog.

Im Frühjahr 1947 wurde Opa Rudolf zum Bezirksobmann gewählt. Hierbei handelte es sich zwar um ein Ehrenamt, aber ein Besucher- bzw. Arbeitszimmer wurde ihm dennoch zugestanden. Somit fand das kurze Koch-Intermezzo in der Etage sein Ende.

Opa Rudolfs Geschäfte liefen gedeihlich. Ein sehr nachgefragter Artikel war der Tabaksamen. Den verkaufte er in Mengen (1000 Tabaksamenkörner wiegen 0,1 Gramm), kaufte aber für manufakturelle Kleinstfertigung für den Eigenbedarf und Freunde der Skatrunde die geernteten Tabakblätter wieder zurück. Diese Tabakblätter wurden zum Trocknen auf Schnüre gezogen und quer durch den Laden aufgehängt. Die verschiedenen Samen, besonders aber die Tabakblätter, ergaben zusammen einen einzigartigen Duft im gesamten Laden. Ladenbesucher und Kunden honorierten diesen Geruch durch tiefes Durchatmen. Die getrockneten Tabakblätter wurden fermentiert, entrippt und geschnitten. Opa Rudolf rauchte selbstgefertigte Zigarren. Mit der Produktionskette Tabak kam Opa Rudolf deswegen so gut klar, weil er über das Wissen der Rohstoffbehandlung sowie über die Fertigungstechnik verfügte. Besonders die Rezeptur der erforderlichen Fermentiermittel für die Tabakblätter erbrachte so etwas wie einen typischen Geschmack. Das Wickeln, Rollen und Pressen der Zigarren machte aus ihm keineswegs einen autarken Zigarren-Produzenten. Selbst baute er nämlich auf seiner Gartenfläche keinen Tabak an. Andernfalls hätte er auch gleich auf dem Grundstück schlafen müssen. Erntereife Tabakblätter waren begehrtes Diebesgut. Oft waren bei der Ernte die Diebe schneller als die Züchter Das gleiche galt übrigens auch für Kartoffeln. Die Kunden von Opa Rudolf, sofern sie überhaupt über einen Garten verfügten, bauten aus Angst und Vorsicht vor Verlust in den wenigsten Fällen ihren Tabak in den Gärten an. Tabak, Kartoffeln, Tomaten und andere Nutzpflanzen wurden in Balkonkästen oder in eigens für ihre Aufzucht hergestellten Kisten auf dem Balkon oder im übrigen Wohnungsbereich herangezogen.

Roland wohnte nun mit seiner Mutter bei Grundmann-Bruder Alfred. Die Bewältigung des Winters 1946/47 gestaltete sich im Ostberliner Bezirk Friedrichshagen nicht anders als im amerikanisch besetzten Britz. In den rund um Rolands Wohnhaus liegenden kleinen Wäldchen war es bei Strafe durch die russische Kommandantur verboten, von den letzten Bäumen Äste abzusägen. Gefällt werden durften sie schon gar nicht. Mutter Margot fuhr mit Roland in Richtung Erkner. In den dortigen Wäldern sammelten sie Kienäpfel, die etwa fünf bis zehn Zentimeter großen Zapfen der Waldkiefer. Ein großer Rucksack und eine Tasche waren stets ihr Gepäck, und ein weiterer kleiner Rucksack befand sich auf Rolands Schultern. Nicht nur über die Hilfe beim Tragen der Kienäpfel hat er zur Beheizung der Dachwohnung beigetragen.

In Richtung Friedrichshagen-Markt führte eine Straßenbahnlinie an Rolands Wohnhaus vorbei. Daneben verlief eine mit Granit-Kopfstein befestigte Straße. Über diese Straße transportierten die Sowjets auf Fuhrwerken, die meist noch einen zusätzlichen Anhänger hatten und mit Pferden bespannt oder von einem Traktor gezogen wurden, Kohle in ihre Garnison. Roland lief mit den Jungen aus der Nachbarschaft neben den Fuhrwerken her, und sie versuchten – meist besonders erfolgreich, wenn es sich um ein Pferdegespann handelte – mit langen Stöcken in die hoch geladenen Kohle zu stochern, damit seitwärts die Stücke herunterfielen. Das ging bestenfalls über eine Strecke von fast hundert Metern. Dann galt es, schnell die Beute zu sichern, bevor vorbeikommende Erwachsene die Kohle aufsammeln konnten. Die sowjetischen Soldaten waren nicht von Hause aus kinderfeindlich, aber durch Geschrei, Drohungen mit dem Trommelgewehr und Peitschenhiebe verteidigen sie ihre Ladung. Wohl aus diesem Grund saßen manchmal gleich zwei Soldaten auf dem Fahrbock. Die verfeinerte Methode, Kohle von den Wagen direkt in ihrer Klaustrecke fallenzulassen, sah so aus:

Die älteren Jungen hievten Roland als den Kleinsten auf den Wagen. Der größte und kräftigste Klaukamerad nahm ihn auf die Schultern und rannte von hinten, außerhalb des Sichtbereichs des Fahrers, an den letzten Wagen heran. Roland zog sich über den Wagenrand und stieß sich über die Schulter seines Trägers nach oben ab. Jetzt musste er ganz schnell mit Händen und Füßen die Kohle über den Rand schieben. Wenn ihn die meist betrunkenen Ivans erblickt hatten, reagierten sie mitunter, als stünden sie unter Feindangriff. Durch abruptes Bremsen und Beschleunigen des Traktors versuchten sie Roland vom Wagen zu schütteln. Bei einem Pferdegespann traf ihn einmal eine Peitsche voll am Bein. Er verlor das Gleichgewicht und wäre beinahe auf das Pflaster der Fahrbahnseite gestürzt.

Geistesgegenwärtig sprang er einen nebenherlaufenden Klaukameraden an. Der federte den Fall ab. Kontrolliert ging sein Abgang von oben so vonstatten wie der Sprung auf's Bett. Er sprang in die ausgestreckten Arme der eng zusammenstehenden Mitstreiter auf der Bürgersteigseite, deren Körper ihm die Matratze bildeten. So fielen dann alle durcheinander und trollten sich unverletzt in Richtung der auf der Fahrbahn verstreuten Kohlestücke. Die Aufteilung der Beute war nicht gerecht. Das begriff Roland aber erst später. Er war erst einmal mit dem Lob zufrieden, welches er von den Großen hörte. Als Beuteanteil bekam er nur ein oder zwei Kohlestücke. Das war immerhin schon etwas, und Mutter Margot und Grundmann-Bruder Alfred freuten sich über seine Mitbringsel. Roland erklärte die Gaben zu gesammelten Fundstücken vom Straßenrand, selbst wenn sich diese im Laufe der Zeit bis zu mehreren vollen Eimern steigerten. Die Kohlenklau-Aktionen unternahmen die Jungs ziemlich regelmäßig, und zwar mit zunehmender Raffinesse. So hielten sie Steine am Straßenrand bereit, die sie vor die rollenden Räder schoben. Beim Überrollen wurde das Gefährt dermaßen durchgerüttelt, dass die Kohlenstücke nur so herunterkullerten. Irgendwann reklamierte Roland dann gegenüber seinen größeren Klaukameraden die ungerechte Aufteilung und forderte von nun an, nicht mehr auf den Wagen klettern zu wollen, sondern wie sie ja auch, nur noch die Kohle aufzusammeln. Ob das den Ausschlag gab oder nicht - auf jeden Fall wurde im Verlaufe der Klauaktionen die Beute gerechter aufgeteilt.

Roland hatte in dieser Zeit noch eine weitere ertragreiche Unternehmung.

Der gesamte Spree-Verlauf an der Hahnsmühle wimmelte von Krebsen. Dass man Krebse essen konnte, und wie sie schmeckten, hatte er von Grundmann-Bruder Alfred erfahren. Wenn sie nämlich mit der Segeljolle abends ins Schilf glitten, um in Ufernähe zu kampieren, hatte dieser oft zum Abendessen ein paar Krebse gefangen. Die Krebse wurden dann in das über offenem Feuer kochende Flusswasser geworfen. Nach wenigen Minuten waren sie knallrot, also gar. Hinter dem Kopfpanzer wurden sie gebrochen und auseinandergezogen. Danach puhlte man den essbaren Teil, Schwanz und Scheren, aus der Chinin-Panzerung und zusammen mit Kartoffeln, Brot oder Nudeln war die Mahlzeit fertig. Krebse wurden von den Anglern, die an den Uferböschungen saßen und Köder auswarfen, nicht beachtet. Krebse zu fangen war ja auch eher etwas für flinke Jäger. In der Segler-Vereinskneipe neben dem Haus hatte Roland beobachtet, dass Krebse, die zum gelegentlichen Angebot des Wirtes gehörten, von den Seglern geschätzte Leckerbissen waren. Um Fassbrause trinken zu können so viel er wollte, musste er Krebse fangen, das war seine Idee. Er fing an im klassischen Stil zu jagen, so wie er es bei Grundmann-Bruder Alfred gesehen hatte. Ein ca. ein Meter langer Stock war auf etwa zehn Zentimeter an der einen Seite eingeschnitten und am Ende des Schnittes durch einen quer eingelegten Zweig, der als Spaltkeil diente, begrenzt. Der sich am unteren Ende des Zweiges ergebende Zwischenraum war breit genug, um über den Panzer des Krebses gedrückt zu werden. War der Krebs in den Schenkeln des breit gestellten Keils eingeklemmt, konnte er aus dem Wasser gehoben werden. Weil sich die Krebse das aber nicht so einfach gefallen ließen und durch Zusammenkrümmen und katapultartiges Zurückschnellen ihres Schwanzes in größeren Sprüngen flüchteten, stellte Roland auf Handergreifung um. Diese Methode war auch nicht erfolgreicher, weil wie zuvor immer nur ein Krebs beobachtet und gefangen werden konnte. Im Schlamm setzte Roland Fuß vor Fuß, dabei den Krebs und seine erwartete Fluchtrichtung im Blick. Das Aufwühlen des Schlamms war das Ergebnis jeder Attacke. Andere Krebse schreckten hoch und waren dann, nicht mehr in ihrer Ruhestellung, nur schwer zu fangen.

Roland kam also auf die Idee, die Krebsjagd zu "industrialisieren". Es gab Bausteine aus Ziegeln, die von zwei Röhren durchzogen waren. Von diesen Ziegelsteinen legte er unter den Bootsstegen immer zwei Steine übereinander und einige nebeneinander. Die Steine griff er dann später so, dass er mit den Händen beide Enden abdeckte. So hob er Stein für Stein aus dem Wasser, und schüttete sie auf dem Steg aus. Manchmal kamen gleich zwei Krebse aus einem Stein. Es dauerte nicht lange, bis er einen 5-Liter-Eimer mit Krebsen gefüllt hatte. Diese Jagdbeute präsentierte Roland dem Kneipenwirt und nahm neben Lob und Dank ein, zwei oder drei große Glas Fassbrause entgegen. Für den familiären Krebs-Eigenverzehr sorgte er auch vor. Er aß damals wohl zu viele Krebse, sodass er in späteren Jahren keine mehr essen mochte.

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