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Aufgang

AUFGANG

Jahrbuch für Denken, Dichten, Kunst

Band 12

Musik und Spiritualität

Herausgegeben von

José Sánchez de Murillo

Mit Beiträgen von:

Heinrich Beck, Yvonne Bockmaier, Gisela Dischner, Genja Gerber, Rüdiger Haas, Peter Michael Hamel, Stephan Heuberger, Saale Kareda, Jochen Kirchhoff, Natascha Nikeprelevic, Thomas Ogger, Heinrich Poos, José Sánchez de Murillo und Wolfgang-Andreas Schultz

INHALTSVERZEICHNIS

Vorbemerkung

Vorwort: Zur Tagung „Musik und Spiritualität“ in St. Ottilien

Eröffnung

José Sánchez de Murillo

Über Spiritualität – tiefenphänomenologisch

Jochen Kirchhoff

Ohne Musik ist das Leben ein Irrtum (Friedrich Nietzsche)
Ein Gespräch

I. Hauptthema: Musik und Spiritualität

Rüdiger Haas

Begrüßungsworte

Wolfgang-Andreas Schultz

Weltzugewandte Spiritualität. Der Weg der abendländischen Musik

Jochen Kirchhoff

Der Klangraum der Seele
Gedanken zu Philosophie und
Bewusstseinsdimension der klassischen Musik

Peter Michael Hamel

Komm Schöpfer Geist
Musik als Träger spiritueller Erfahrung

Saale Kareda

Über energetische Felder in der Musik und ihre Wirkkraft
Das Phänomen des Tintinnabuli-Stils von Arvo Pärt

Thomas Ogger

Die verborgene Sprache der Musik
Musikauffassung und -ausübung in Orient und Okzident

II. Dem Dichter das Wort

José Sánchez de Murillo

Zu Ute Zydeks Dichtung

III. Zeitgeschehen

Heinrich Beck

Maria als Vermittlerin der „weiblichen Seite“ Gottes
Eine philosophisch-theologische Betrachtung

Yvonne Bockmaier

Die Menschheit in „Geburtswehen“?
Ein Interview mit Heinrich Beck

Heinrich Poos

Kleine Apologie des Notenlesens

Gisela Dischner

Inspiration, Intuition, Muße in der Musik

Genja Gerber

Ich singe, also bin ich – stimmig!
Über die transzendierende Kraft des Gesangs

Stephan Heuberger

Olivier Messiaen –
Schöpfungsspiritualität im Orgelzyklus
„Méditations sur le mystère de la Sainte Trinité”

Natascha Nikeprelevic

Ein Leben zwischen Andacht und Ekstase
Ein Nachruf zum singenden Maler und
malenden Komponisten Michael Vetter

Buchbesprechungen

Otto Speck: Spirituelles Bewusstsein (Rüdiger Haas)

Jörg Blech: Gene sind kein Schicksal (Rüdiger Haas)

Autorenverzeichnis

Vorbemerkung: Aufgang Verlag gegründet

Mit leicht verändertem Untertitel: Jahrbuch für Denken, Dichten, Kunst (bisher: Denken, Dichten, Musik) erscheint nun Band 12 (2015) von AUFGANG im 2014 gegründeten gleichnamigen Verlag mit Sitz in Augsburg. Inhaber und Verleger ist Christoph Rinser.

Aufgewachsen mitten im literarischen Betrieb der Nachkriegszeit verfügt Rinser über fundierte Kenntnisse des deutschen Verlagswesens seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Seine langjährigen Auslandsaufenthalte in verschiedenen europäischen Ländern (Deutschland, Italien, Spanien) haben zudem seinen Blick für internationale Geschäftszusammenhänge geschult. Als Förderer und Mitherausgeber des Jahrbuchs AUFGANG (bisher 12 Bände) hat er an der regen wissenschaftlichen Tätigkeit in den Disziplinen Dichtung und Literatur, Naturwissenschaft, Philosophie und Theologie mitgewirkt, die das Jahrbuch seit 2004 entfaltet.

Die Schwerpunkte des neuen Verlags sind deutsche und romanische (französische, italienische, spanische) Sprache, Literatur und Dichtung, Natur (besonders Aspekte ökologischer Problematik); Gesellschaftskritik; die Zusammenarbeit von klassischer und alternativer Medizin; aktuelle Themen der Weltreligionen.

Die verschiedenen Aspekte des Verlagskonzeptes werden durch einen bestimmenden Faden zusammengebunden: die Ernsthaftigkeit der denkerischen Einstellung. Im Hintergrund wirkt also ein zutiefst philosophisches Anliegen: das Bedürfnis des Menschen, die problematische Befindlichkeit von Natur, Gesellschaft und Politik zu ergründen. Das Interesse des Verlages ist folglich auf die Veröffentlichung von Arbeiten ausgerichtet, die diese Zusammenhänge in einer leserfreundlichen Sprache zu erörtern vermögen.

In diesem Sinne startet der Aufgang Verlag nun mit folgenden Arbeiten:

Literatur

UTE ZYDEK, Hat wohl jemand eine Harfe in den Baum gehängt (Gedichte und kleine Prosa); erschienen, 424 S. ISBN 978-3-945732-014; Paperback € 18,90.

LUISE RINSER / HERMANN HESSE, Auf die Zukunft gespannt. (Arbeitstitel) Briefwechsel (Herbst 2015)

LUISE RINSER, Kleinere Schriften aus dem Nachlass (vorauss. Frühjahr 2016)

Monographien

AUFGANG, Jahrbuch für Denken, Dichten, Kunst. Band 12: Musik und Spiritualität (Sommer 2015)

CARMELO FAILLA, Revolutionäre Gedanken fast vergessener Philosophen. Philosophische Essays eines Künstlers. (Arbeitstitel) Italienisch-Deutsch (Herbst 2015)

JOSÉ SÁNCHEZ DE MURILLO, Die Kraft der Sehnsucht. (Herbst 2015)

Reihe: Gesellschaftskritik

Es werden wichtige, aber kaum beachtete Aspekte, Fakten und Ereignisse des geistigen Lebens (vor allem im deutschen Sprachraum) untersucht, z.B. berufliche Tragödien im Universitätsbetrieb, Willkür der Medien und ähnliches.

Darüber hinaus sollen Probleme ans Licht gebracht werden, die die unmittelbaren Bedürfnisse des Menschen betreffen, wie der kommerzielle Umgang mit Wasser und Strom in europäischen Industrieländern.

Der Herausgeber

Vorwort
Zur Tagung „Musik und Spiritualität“ in St. Ottilien

Im vorliegenden Band werden die Beiträge der Tagung zum Thema Musik und Spiritualität veröffentlicht, die in der Benediktinerabtei St. Ottilien (Bayern) vom 20. bis 22. Juni 2014 stattfand. Einige Informationen zu Konzept und Verlauf der Veranstaltung seien vorausgeschickt:

1. Konzept

Über kulturelle und religiöse Unterschiede hinaus können sich Menschen wohl am natürlichsten in der Musik begegnen. Musik vermag den Menschen schon vor der Geburt zu berühren und im Laufe seines Lebens immer wieder zu sich zu bringen. Was könnte der Grund dafür sein?

Als allgemeine Erfahrung kann gelten: Im Medium des Klanges gehen neue Dimensionen auf. Selbst wenn es sich um alltägliche Situationen handelt, werden sie musikalisch so verwandelt, dass sie den Hörer über das hinausführen, was theoretisch begriffen und in der Sprache ausgesagt werden kann.

Musik

Das Tiefenphänomen der Musik könnte so bezeichnet werden: Das Unaussprechliche wird Wirklichkeit, Unzeitliches wird in der Zeit erfahren. Der Kern der Dinge, die Grunderfahrung von Epochen, Urgefühle des Menschen, die nicht in Begriffe zu fassen sind, werden durch die Musik präsent.

Das Paradoxon: Die individuelle Situation wird transzendiert – der Mensch aber jeweils individuell in seiner Mitte getroffen. Stimmungen werden hervorgerufen, entfaltet, überwältigend zur Gestalt gebracht. Die Seele wird angesprochen, der Leib geht mit. Doch auch die Helle und Schärfe der Erkenntnisorgane werden durch die Musik potenziert. Das Ganze lebt in jedem Teil, wenn es Ton wird.

Im Hören von Musik kann der Mensch zum Erlebnis einer Freiheit gelangen, die ihn ekstatisch verwandelt. Da durch sie der Mensch in der vorbegrifflichen, vorsprachlichen Dimension angetroffen wird, können sowohl behinderte Menschen als auch Kinder und Ungeborene musikalisch erreicht werden.

Musik und Spiritualität

Das menschliche Wesen ist mehrdimensional paradox – dunkel und hell, leidenschaftlich und ruhig, niederträchtig und erhaben. So kann Musik sowohl betroffen machen, anfeuern, umwerfen, als auch besänftigen, anrühren, beglücken. Es gibt einerseits Verzweiflungsmusik, Revolutionsmusik, Kriegsmusik, – andrerseits religiöse, romantische, therapeutische Musik.

Unter Spiritualität wird die Beschäftigung mit der Innenseite des Menschen, mit seinem Drang zur Transzendenz, mit dem Reifungsprozess seines Geistes verstanden. Nennt Seele die Stimmungs- und Gefühlswelt des Menschen, so nennt Spiritualität jene Denkrichtung, welche sich mit der seelischen und geistigen Entwicklung befasst.

Musik und Spiritualität treffen sich in der Mitte. Von dieser aus kann eine menschlich fördernde, beruhigende, heilende Wirkung erzielt werden.

Wie kommt dieser transzendierende Grundzug der Musik zustande? Welche Bedeutung kann er haben für das Verständnis des Menschen, für dessen Erziehung und Gesundheit, für seine Hoffnungen und Sehnsüchte, für seine Schöpfungskraft?

2. Tagungsverlauf

Das Thema ergab sich aus Diskussionen bei der Tagung „Der siebte Schöpfungstag“ in Ávila 2010. Es wurde die Frage gestellt, wie sich Musik und Spiritualität verhalten.

Um dies zu erfahren, plante das Edith Stein Institut e.V. München in Zusammenarbeit mit der Luise Rinser-Stiftung eine einschlägige Tagung in der Benediktinerabtei St. Ottilien. Verantwortlich zeichneten Prof. Dr. Dr. José Sánchez de Murillo und Renate Bürckmann. Im Januar 2013 begannen die Vorbereitungen. Zur Sache haben sich dann vom 20. bis 22. Juni 2014 hervorragende Interpreten geäußert. Die Beiträge reichten vom Weg der abendländischen Musik über den Klangraum der Seele, die energetischen Felder in der Musik und ihre Wirkkraft bis hin zur Musik als Träger spiritueller Erfahrung und wurden mit musikalischen Beispielen erläutert. Das Kloster St. Ottilien bot für diese Tagung den idealen Rahmen.

St. Ottilien wurde 1884 vom Beuroner Benediktinerpater Amrhein im oberpfälzischen Reichenbach als Gemeinschaft gegründet, die nach mittelalterlichem Vorbild das traditionelle benediktinische Leben mit der Missionstätigkeit verbinden wollte. Die Gemeinschaft wurde 1887 nach Emming in Oberbayern verlegt. Der alte Weiler besaß eine kleine Kapelle, die der Hl. Ottilia geweiht ist, somit stand der Name des Klosters sofort fest: St. Ottilien. Bis heute ist St. Ottiliens größte Aufgabe die Unterstützung junger Kirchen im Aufbau und die Mithilfe bei der Einpflanzung benediktinischen Klosterlebens in überseeischen Ländern.

1941 hob die Geheime Staatspolizei das Kloster auf; die vertriebenen Mönche konnten erst nach Kriegsende 1945 zurückkehren. Bis 1948 diente ein Teil des Klosters als Hospital für befreite KZ-Häftlinge; ein jüdischer Friedhof ist noch heute vorhanden. Viele berühmte Äbte wie Heinrich Suso Brechter, Viktor-Josef Dammerts, Notker Wolf und Jeremias Schröder haben mitgewirkt, dass heute St. Ottilien ein Klosterdorf geworden ist, mit Gymnasium, Exerzitien- und Gästehäusern, einem Verlag, zahlreichen Werkstätten, einer großen Landwirtschaft und Gartenbau.

Die Herz-Jesu-Kirche, die sich an mittelalterliche Zisterziensermodelle anlehnt, wurde 1897-99 erbaut. Ihr massiver Turm (75m) dominiert das ganze Klostergebäude und ist von weit her sichtbar. Im Untergeschoss der Sakristei ist heute das Missionsmuseum untergebracht.1

In dieser wunderbaren Atmosphäre wurden die Tage vom 20. bis 22. Juni 2014 für die Teilnehmer zu einem ganz besonderen Erlebnis. Das Exerzitienhaus mit seinen gemütlichen Räumen, die gute leibliche Versorgung und der harmonische Geist des Hauses sorgten dafür, dass alle Teilnehmer sich rundum wohl fühlten. So entstand eine Gemeinschaft, die nicht nur von den Vorträgen und dem genialen Orgel-, Klavier- und Santurspiel begeistert war, sondern sich auch menschlich verstand. Zitat aus dem Schreiben einer Teilnehmerin: „Es war wirklich die schönste Tagung, an der ich je teilgenommen habe“.

Die Redaktion

1 Aus Geschichte von St. Ottilien: https://www.erzabtei.de/index.php?q=geschichte

Eröffnung

José Sánchez de Murillo

Über Spiritualität – tiefenphänomenologisch

Motto

Vom Geist weiß derjenige, der seine Abgründe kennt

Absicht

Beim Menschen ist das Biologische grundlegend, das Wirtschaftliche lebenswichtig; durch Überbetonung jedoch verzerrt sich deren Sinn. Der Bezug zum Ab-soluten ist wesenskonstituierend; doch personifiziert vorgestellt wird das Transzendente dinghaft zu Menschenwerk. Bekanntlich wirken diese Verzerrungen seit eh und je in der Menschheitsgeschichte. Und ebenso lang wirkt das entgegengesetzte Bestreben, die geistigen Dimensionen zu entfalten.

Doch auch hier lauert die Gefahr der Einseitigkeit. Auf den Geist hin fixiert schaut der Blick wiederum am Menschen vorbei. Gleichwohl zeigt das zunehmende Interesse für diese Dimension mitten im technischen Zeitalter die Aktualität des Problems an.

Oberflächlich aufgefasst wird das geistige Verlangen kommerzialisiert, somit im Keim erstickt. Diese Verdrehung gehört zur Tragik der epochalen Sehnsucht. Schon das Wort Spiritualität, unter dem sich die Unruhe (vielleicht philologisch etwas unglücklich) verbirgt, deutet auf Orientierungslosigkeit.

Spiritualität ist ein bescheidenes Wort für ein großes Thema, ein harmloser Ausdruck für ein tiefes Anliegen. Darauf versucht die vorliegende Abhandlung hinzuweisen.1

Inhalt:

I. Problemstellung

1. Das Wort

2. Der Begriff

3. Das Phänomen

4. Das Tiefenphänomen

II. Die Wesensfrage: Was ist Geist – Was ist Leib?

1. Über die Einseitigkeit von Definitionen

2. Elementardynamik der menschlichen Natur

3. Hauptmomente der Naturdynamik

a. Beengung, Durchbruch, Begeisterung

b. Trägheit, Langweile, Zerfall

c. Selbsterneuerung

4. Die Tendenz zu verfallen

III. Die Abgründe des Menschen

1. Über die Gier als blinde Urkraft

2. Erscheinungsformen der Gier

a) Hochmut, Neid, Völlerei, Geiz, Faulheit oder Trägheit, Zorn, Wollust

b) Die drei Geistesgifte

3. Über die Ekstasen nach unten. Genuss der Selbstauflösung

Über die Institutionalisierung des Geistes

1. Mönchtum und Ordensleben

2. Aufbruch vom Ich zum Wir

3. Die ideale Funktion von Gelübden und Chorgebet

a) Gehorsam (oboedientia),

b) Keuschheit (castitas),

c) Armut (paupertas),

d) Bescheidenheit (Zurückhaltung) (de non ambiendi voto)

e) Ortsgebundenheit (stabilitas loci) oder umgekehrt: Klösterlicher Lebenswandel (conversatio morum suorum),

f) Arbeit und Gebet (ora et labora); Meditation, Kontemplation

4. Scheitern der Idee an der Realität des Menschen

5. Ein Fall: Josef Knecht und das Glasperlenspiel

6. Die Plage der Authentizität

V. Der eigentliche Prozess

1. Umbruch, Gotteserfahrung, Neubeginn

2. Unendlichkeit im Augenblick

3. Ruf und Grundentscheidung

4. Dynamik des geistigen Lebens

5. Aufstieg

6. Ja und Nein

7. Rückfall

8. Zentrierung

9. Die Gespräche und das Gespräch

10. Essen, Lieben, Schlafen

11. Das Schweigen und die Stille

Vorbemerkung

Das Streben nach einer über die materiellen Bedürfnisse hinaus zielenden Lebensgestaltung ist vermutlich so alt wie der Mensch. Als reflektiertes Anliegen kann es auf eine lange Tradition zurückblicken. Abendländische wie morgenländische Kultur sind davon geprägt. Doch gegenwärtig schwimmt das Wort in einer uferlosen Vielfalt von Auffassungen, die den Ernst des ursprünglichen Phänomens verdecken. So stellt sich die Frage: Was kann mit „Spiritualität“ von der Sache her gemeint sein? Oder besser: Wie könnte man heute das Phänomen interpretieren? Es folgt ein Vorschlag.

I. Problemstellung

1. Das Wort Spiritualität geht auf das lateinische spiritus (Atem, Hauch) zurück. Davon leiten sich romanische Ausdrücke wie espíritu, esprit, spirito (kulturell, religiös, theologisch) ab. Das deutsche Wort Geist hat aufgrund der eigenen philosophischen Tradition ein anderes, bisweilen (wie bei Hegel) weltgeschichtliches, wissenschaftliches Gewicht, etwa: Eigenart einer Bewegung, einer Sache.

2. Der Begriff: Durch die Vielfalt hindurch lässt sich ein gemeinsamer Nenner herausstellen: Spiritualität deutet auf eine von einem bestimmten Glauben getragene eigenartige Lebensgestaltung. So sich diese auf eine religiöse Tradition beruft, wird etwa von buddhistischer, hinduistischer, jüdischer, christlicher, islamischer usw. Spiritualität gesprochen. Je nach Glaubensrichtung ändert sich zwar die praktische Form der Ausübung, die verschiedenen Auffassungen werden jedoch durch eine existenzielle Grundhaltung miteinander verbunden, die durch Abhebung von Alltäglichkeit und Materialismus gewonnen wird.

3. Das Phänomen: Die Grundeinstellung ist an sich unabhängig von konkreten Glaubensvorstellungen. So gibt es akonfessionelle, areligiöse, atheistische Formen von Spiritualität. Während der Begriff also erst durch den jeweiligen Bereich bestimmt wird (z.B. spirituelle Quantenphysik), wird unter Phänomen die Eigendynamik der gemeinten Grunddimension verstanden. Das Phänomen ist folglich theoretisch neutral, geht sowohl der begrifflichen Festlegung als auch den konkreten Prägungen voraus. Es meint: Vorrang des Geistigen im Hinblick auf das Weltverständnis und beim persönlichen Lebensvollzug.

4. Das Tiefenphänomen: Der Lebensprozess weist auf eine Höhe und auf eine Tiefe hin. Im vorliegenden Zusammenhang bezeichnet „Höhe“ das Insgesamt von Wünschen und Sehnsüchten des Menschen, sein Verlangen nach Transzendenz, seine Verbindung mit dem kosmischen Geschehen. „Tiefe“ nennt seine Verankerung in der Natur und Gattungsgeschichte, seine Triebe und Leidenschaften. Eine tiefenphänomenologische Untersuchung hat die dynamische Verbindung beider Pole herzustellen und deren Wirkung im konkreten Lebensgeschehen zu erhellen.

II. Die Wesensfrage: Was ist Geist – was ist Leib?

1. Über die Einseitigkeit von Definitionen

Aussagen engen die Phänomene ein, geben ihre Lebendigkeit nicht wieder. Trotzdem stellen Definitionen eine Stütze dar, um in einen Gedankengang einzusteigen: Was verstehen wir also unter Geist, was unter Leib beim Versuch, das Phänomen Spiritualität darzulegen?

Die meisten Auffassungen von Geist gehen entweder auf religiöse Traditionen oder auf die Philosophiegeschichte zurück, die, vornehmlich im Abendland, gelegentlich zusammenschmelzen. Bei aller Verwicklung der Problematik scheint sich ein gemeinsamer Nenner herausstellen zu lassen: Geist ist etwas anderes als der Leib, nämlich das, was sich leiblich nicht erklären lässt. Doch worin besteht diese Andersheit? Handelt es sich um ein Prinzip, eine Dimension, einen Aspekt? Ist Leib geronnener Geist – ist Geist Dynamik des Leibes? Was ist die Seele?

Ferner: Haben kognitive Tätigkeiten, seelische Gefühle, künstlerische Hervorbringungen, religiöse Erfahrungen einen biologisch lokalisierbaren Ort, z.B. im Gehirn, wie einige Wissenschaften im digitalen Zeitalter annehmen? Derartige Theorien sind alt. In manchen antiken Traditionen wurde der Sitz des Geistes als Ursprung von höheren Funktionen im Blut, im Hauch, und, konkreter, im Herzen, in der Lunge, im Kopf angesiedelt. Damit arbeiten nach wie vor Zaubermänner, Schamanen aus Gemeinschaften früherer Kulturen – mit unterschiedlichem Erfolg, genauso wie bei akademisch ausgebildeten Neurologen.

Allen gemeinsam scheint die Einsicht zu sein: Der Leib erklärt nicht alle Fähigkeiten des Menschen. Der Leib erklärt nicht einmal den Leib. Doch alle Erfahrungen des Menschen (auch die sogenannten geistigen, mystischen u.ä.) setzen – und sei es als die zu Negierenden – das Leibliche voraus.

Die Frage, was die Leiblichkeit des Leibes ausmache, kann je nach Gesichtspunkt verschieden angegangen werden. Im Hinblick auf die infrage stehende Thematik verstehen wir unter Leiblichkeit die eigenartige Dynamik des fleischlichen Gebäudes, in dem und als das der Mensch lebt. Der Aspekt, dass dieses Gebäude fühlt und seine Empfindungen teilen und mitzuteilen vermag, wird Seele genannt. Dieses seelisch-leibliche Gebilde hat Grundbedürfnisse (etwa essen, trinken, schlafen), die nach entsprechenden Gesetzen ablaufen.

Mühsamer als andere Lebewesen muss der Mensch den Umgang mit der Leiblichkeit und der Befriedigung seiner Bedürfnisse erlernen. Nun gibt es aber Menschen, für welche diese Schulung eine besondere Rolle spielt, weil sie den Drang nach höheren Dimensionen spüren, die – so die These – durch Beherrschung der unteren Naturebenen gewonnen werden. Die Fähigkeit und Kraft, das seelisch-leibliche Gebilde in eine höhere dynamische Dimension zu erheben, nennen wir Geist.

Kurzum: Geist ist nicht identisch mit Leib, kann aber ohne diesen nicht sein. Sie bedingen sich gegenseitig. Die „obere“ Dimension beruht auf der „unteren“ so, wie diese jene trägt. Stimmen beide Dimensionen miteinander überein, ereignet sich zwischen Geistigkeit des Leibes und Leiblichkeit des Geistes Einklang.

Doch wie schwierig das so einfach formulierte Verhältnis ist, zeigt die jahrtausendealte Geschichte von gesellschaftlichen Kämpfen und individuellen Bemühungen. Die Herrschaft der Niederungen erstickt den Drang nach oben. Die höheren Dimensionen meinen nur durch Unterdrückung der unteren aufgehen zu können. Stets pflegt sich die eine Seite auf Kosten der anderen zu behaupten. In der Regel gilt es als notwendig für ein würdevolles Menschsein, das Untere zu bestrafen. Warum? Vielleicht deshalb, weil die Wesensart des Basalen nicht verstanden und nicht akzeptiert wird? Doch ohne das Fundament vermag das Lebensgebäude nicht zu bestehen.

2. Elementardynamik der menschlichen Natur

Naturgemäß tendiert der Mensch in erster Linie zu sich. Der Selbstdrang ist Grundlage des Daseins und Kern seiner Dynamik. Er ergibt sich daraus, dass jeder eine Mitte ist, auf welche das Ganze zuläuft. Wenn sich also der Mensch vorreflexiv als Zentrum empfindet, so erscheint dadurch die zentripetale Kraft des Ganzen in personifizierter Gestalt.

Da dies für jeden gilt, geht von diesem Wesenszug eine unvermeidliche Energie der Selbstbehauptung aus. Der Mensch kommt also nicht in die Welt und wird dann in Konflikte verwickelt. Sein Erscheinen als Individuum ist, da Infragestellung aller anderen, eo ipso ein Problem.

Dieser schwerwiegende Umstand wird oft durch die umgekehrte Problemstellung gemildert: Dasein sei für den Menschen Mitsein; erst durch die anderen komme er zu sich. Gewiss. Doch die treffliche, aber gutwillige Formulierung verrät sogleich die andere, gefürchtete Seite. Das Ganze wird von jedem Einzelnen als Peripherie empfunden.

Der Lebensverlauf illustriert das tiefenphänomenologische Geschehen.

Anfänglich kennt und will das Kind nur sich. Durch Erziehung soll es lernen, die anderen als solche wahrzunehmen. Auch die anderen Kinder haben Mütter, Heimat, Familie, Bedürfnisse und Rechte. Rücksichtnahme bringt die menschliche Natur nicht mit. Rücksichtnehmen ist eigentlich ein unnatürliches Ziel, um das sich der Mensch durch Erziehung zunächst und dann durch Arbeit an sich zu bemühen hat.

Denn die Forderung, den anderen als solchen (nicht bloß als Projektion unserer selbst) wahrzunehmen, verlangt die Unmöglichkeit eines Sprunges weit über den eigenen Schatten hinaus. Doch ich kann niemals der andere sein noch werden.

Vor diesem Los hat der Mensch die Alternative: a) entweder sich einzubilden, es doch zu können, b) oder die Ohnmacht zu akzeptieren und die eigene Existenz entsprechend zu gestalten.

Die erste Wahl unterstreicht die große Bedeutung der Pädagogik samt Begleitwissenschaften. Da geht es nicht um die Wahrheit des Menschen, sondern darum, ihn zur Lebensbewältigung zu befähigen. Die Grenze kennt jeder erfahrene Pädagoge: Warum ein Mensch so ist und nicht anders, ist trotz genetischer und andersartiger Forschungen nicht zu beantworten. Bei jedem Kind steht der Pädagoge vor einem Rätsel.

Die zweite Wahl besteht darin, das Schicksal als Bestandteil des Daseins anzunehmen. Da ich den anderen niemals vollständig verstehen noch von ihm vollständig verstanden werden kann (ein unvollständiges Verständnis ist keines), sehe ich ein, worauf es beim Menschen ankommt. Es geht um gegenseitige Achtung, um Hilfsbereitschaft bei gleichzeitigem Seinlassen. Da ist der andere genauso eine Insel wie ich.

Der eigentliche Lebensprozess (zum Selbstsein hin) überfordert Pädagogik und Erziehung, deren Aufgabe darin besteht, den Einzelnen an die herrschenden Vorstellungen anzupassen. Dieses Ziel bleibt innerhalb der „Normalität“: Der angehende Mensch soll für gemeinschaftliche Prozesse vorbereitet, in die Mechanismen des Berufs- und Gesellschaftslebens eingeübt werden. Das Selbstsein dagegen ereignet sich in anderen Dimensionen. Von der Erziehung in die Allgemeinheit bis zur Selbstbegegnung führt ein Umbruch, wovon im Folgenden die Rede sein soll.

Spiritualität nennt die Dimension, auf welcher die unverhüllte Begegnung mit sich selbst, das Annehmen des Schicksals des Menschseins stattfindet. Dazu gehört das Paradoxon, ein unerreichbares Ziel anzustreben. Sich mit dieser Grundbefindlichkeit auseinanderzusetzen, ist nicht jedermanns Sache. Der Sprung ereignet sich infolge des Umbruchs. Dahin führen weder Natur noch Bildung. Doch beide sind wichtige Komponenten des Prozesses.

Die Natur ist wesenhaft zweideutig. Sie ermöglicht dem Menschen zu sein – und macht es ihm zugleich schwer, zu sich selbst zu kommen. Geist ist das im Menschen, was zu sich kommen will, obwohl die Natur es davon abhält. Doch wenn der Mensch die Spitze des Geistes erklimmt, dann erreicht auch die Natur ihr Ziel. Dies gehört auch zum Paradoxon dieser Bewegung.

Das Gelingen des Anliegens des Geistes wird durch Kenntnis der Eigenart des Bodens begünstigt, auf welchem der Prozess der Selbstwerdung des Menschen stattfindet.

3. Hauptmomente der Naturdynamik

a) Beengung, Durchbruch, Begeisterung: Das Leben entsteht aus der Enge – und geht durch Beengung wieder ein. Das Faktum wird empirisch immer wieder festgestellt; das Phänomen jedoch ist oft unerklärlich: Unbehagen ohne Grund, Luftmangel, Ersticken, das die Handlungsfähigkeit lähmt. Dann treibt ebenso unerwartet ein Drang nach vorne, bis es durchbricht. Bisweilen kausal unableitbar – doch stets lebensrettend. Es ist der Lebenswille – der Wille des Lebens selbst – im Menschen, der immer wieder aus der eigenen Asche hervorgeht.

Der Durchbruch kann sich biologisch als Geburt oder geistig als Neubeginn ereignen. Doch das Phänomen erfasst den ganzen Menschen, der in allen Dimensionen ab ovo zu sein anfängt. Er war gerade am Ende – keine Zukunft, kein Horizont. Nun hat er plötzlich das ganze Leben vor sich.

Dieses Aufleben erfahren wir empirisch als Begeisterung. Es ist die Fähigkeit, berührt und befruchtet und geöffnet zu werden – die urmenschliche Eigenschaft, in den Geist einer Sache einzugehen, sich davon mitreißen zu lassen. Doch zum Phänomen gehört ebenso ursprünglich die kurzfristige Dauer des Aufflammens. Man war am Ende; es ging unerwartet weiter; nun bin ich erneut lebensmüde.

b) Trägheit, Langweile, Zerfall: Dem Aufgang folgt der Untergang, der Begeisterung die Langweile, dem Aufblühen der Zerfall. Was sich bewegt, braucht irgendwann eine Pause; was produziert, verbraucht sich auch. Gegen den Drang des Lebens, immer wieder neu aus sich hervorzugehen, wirkt die Tendenz, im gleichen Zustand zu beharren. Dieses Naturphänomen – Trägheit genannt – ist genauso ursprünglich wie der Selbsthervorgang. Alles, was entsteht, will meistens fortbestehen, gegebenenfalls wachsen. Alles, was ist, muss vergehen, gegebenenfalls im Wachstum eingehen.

c) Selbsterneuerung: Aufgang und Untergang, Leben und Tod sind Seiten desselben, Momente der einen Bewegung. Sie sind nicht gegen-, sondern zueinander gerichtet. Oberflächig sind sie verschieden und folgen einander. In Wirklichkeit gehören sie zusammen, gehen ineinander, als die Spannung, die den Kern der Dinge ausmacht. Auf den Menschen angewandt: Er hält sich am Leben, indem er dem Tode zu entgehen trachtet. Er besteht, solange er sich zu erneuern vermag.

4. Die Tendenz zu verfallen

Die Selbsterneuerung kann, wie beim Mineral, kaum sichtbar sein. Beim Lebendigen ist sie augenscheinlich. Je beweglicher das Wesen, umso deutlicher erscheint das Phänomen.

Sich verbrauchen, verfaulen sind für das Leben des Ganzen notwendig. Bezüglich der geistigen Dimensionen im Bereich des Menschen dreht sich die Logik um. Altern, sich Verbrauchen von Idealen und Beziehungen, Gefühlsverflachung, berufliche Müdigkeit, Lebenslangweile, Todessehnsucht stellen eine Herausforderung dar, deren Regeln eigenartig sind.

Beim Leben des Geistes gilt:

Wer nicht wachsen will, wird immer kleiner. Wer sich nicht ständig bessert, wird zunehmend schlechter. Wer nicht aufsteigt, fällt zurück.

Stehen bleiben ist im geistigen Leben nicht fruchtbar. Während aber der Aufstieg mit Arbeit und Mühe verbunden ist, geschieht der Verfall von selbst.

Es handelt sich nicht um einen moralischen, sondern um einen seinsmäßigen Vorgang. Situationen ändern, Beziehungen verbrauchen sich. Es wird eintönig, langweilig. Der Mensch verliert den Antrieb, wird schwächer. Die Lust nimmt ab. Die kreative Stimmung schläft ein.

Nach unten geht es leichter – und jeweils anders in den verschiedenen Bereichen: Extreme Formen des Verfallens können als Pathologie bezeichnet werden, die Lustlosigkeit etwa als Depression. An sich jedoch gehört die Verflachung zum Dasein, und zwar positiv, wenn sie die Wiederaufrichtung ermöglicht.

Die Wiederaufrichtung erfolgt nicht von selbst. Die Abgründe ziehen an, drohen stets, den Geist zu verschlingen.

III. Die Abgründe des Menschen

1. Über die Gier als blinde Urkraft

Der zentripetale Drang erhält in der Menschenwelt eine eigenartige Prägung. Die lebenserhaltende Tendenz zu sich neigt instinktiv zur Übermäßigkeit, durch welche der Einzelne alles auf sich bezieht. Diesen eigentlich unkontrollierbaren Ur-Drang nennen wir tiefenphänomenologische Gier. Deren Bedeutung sei präzisiert:

Unter Gier wird gewöhnlich der Antrieb zur Aufhebung eines belastenden Mangels verstanden. Dabei werden die abgeleiteten Ausdrücke Begehren vorwiegend mit geistigen Empfindungen (Sehnsüchten, Vorstellungen, Wünschen), Begierde jedoch eher mit körperlichen Bedürfnissen (Hunger, Durst, Süchten, Trieben) in Verbindung gebracht. Ferner wird Begierde literarisch als Bezeichnung für sexuelle Lust verwendet, während Begehren (französisch désir) einen ausgezeichneten Gebrauch im Bereich der Psychoanalyse gefunden hat.

Tiefenphänomenologisch dagegen wird Gier als radikaler Grundzug, also Wurzel der Wesensdynamik des Menschen aufgefasst, der in entsprechenden Abwandlungen alle Neigungen und Handlungen des Menschen nicht nur prägt, sondern vorbestimmt. Es ist gleichsam ein ontologischer Hunger, das grundsätzliche Ungesättigtsein also, welches am Umliegenden vorreflexiv zu zehren trachtet. Ihr Kreis dehnt sich immer weiter. Das Ziel der Gier ist unendlich.

2. Erscheinungsformen der Gier

Die Gier entwickelt sich blind geradewegs: a) sie wächst über sich hinaus, b) sie sammelt übermäßig, also mehr, als sie zum Bestehen braucht, c) sie nimmt keine Rücksicht, nicht einmal auf sich selbst, dreht sich also um, wirkt zurück, verschlingt schließlich das Subjekt.

Die Gier pflegt sich vor sich selbst zu verschleiern, indem sie im Zeichen einer angeblichen Großzügigkeit im Dienste des Gemeinwohls auftritt. Dergestalt getarnt beherrscht sie die Welt – vom menschlichen Alltag über die große Politik bis zur Spitze von Kunst, Religion und Wissenschaft.

Die Gier unterscheidet keine Bereiche, überschreitet alle Grenzen, kennt kein Gewissen. Ob Besitz, menschliche Beziehungen, Familie, Vaterland, Welt oder Kosmos – die Gier will nur immer mehr haben, drängt rücksichtslos nach vorne, ohne zu beachten, dass sie dabei sogar die Voraussetzungen ihrer selbst verschlingt.

Die Abgründe des Menschen sind zahlreich. Doch sie werden alle von der hungrigen Mutter Gier geöffnet und offenbaren in ihrer Vielfalt eigentlich einen einzigen Abgrund: Den Drang nach Selbstzerstörung, welcher die Kehrseite der Sehnsucht nach Anerkennung und Liebe darstellt. Vom Unendlichen herkommend fühlt sich der Mensch mit Partialitäten früher oder später unzufrieden. Beide – Ganzheitsliebe und Selbstzerstörung – sind Seiten ein und desselben Elans, deshalb in gleicher Weise absolut. Es sind Ausdrücke der Sehnsucht nach dem Urgrund, nach Verschmelzung mit dem Ganzen, nach dem Tod, mithin als Befreiung von der Beengung der Irdigkeit.

Der Selbstauflösungsdrang wird in einer Anzahl von „Aktionen“ tätig. Allen gemeinsam aber ist das Übermäßige, das Zuviel. Entsprechend wirkt die Selbstzerstörung meistens unter dem Deckmantel der Zufriedenheit (des Abgesichert-sein-Wollens) durch zu viel Besitz, zu viel Macht, zu viel Religion, zu viel Wissen, zu viel Kunst, zu viel Essen, zu viel Trinken, zu viel Sex, zu viel Arbeit, zu viel Armut, zu viel Hunger, zu viel Gebet, zu viel Geist. Trunken vom Übermäßigen torkelt der Mensch auf der Flucht vor dem Gleichgewicht der geeigneten Proportionen.

Pädagogik, Religion, Familie und gesellschaftliche Organisationen bezwecken, den Menschen vor der Herrschaft der Gier zu schützen – offensichtlich mit geringem Erfolg. Der Grund für das Scheitern: Geistiges Leben ist kein Ergebnis von Erziehung und Bildung, kein Erzeugnis der Wissenschaft. Kämpfen ist zwar vonnöten. Aber der Kampf muss tiefer ansetzen. Denn die Gier verkleidet sich gekonnt. Salonfähig gemacht, ja institutionalisiert, mit entsprechenden Paragraphen gerichtlich beschützt, nistet sie sich im Individuum ein. Dank des durchtrainierten Einsatzes ihrer Lieblingswaffe – Neid – beherrscht Gier die Welt.2

Die Verkleidungen der tiefenphänomenologischen Gier haben abendländische und morgenländische Traditionen im Wesentlichen übereinstimmend offengelegt:

a) Im christlichen Abendland sind sie unter dem Begriff der Hauptlaster bekannt: Hochmut, Neid, Völlerei, Geiz, Faulheit oder Trägheit, Zorn, Wollust. (Mit den lateinischen Bezeichnungen: superbia, invidia, gula, avaritia, acedia, ira, luxuria.)

b) Im morgenländischen Buddhismus werden drei Geistesgifte als Wurzeln des Unheilsamen hervorgehoben: Gier, Hass und Verblendung oder Unwissenheit.

Es ist aber die eine Urkraft, die sich vervielfältigt, ihre Fangarme überallhin ausstreckt und im Rausch alles zu verschlingen droht.

3. Über die Ekstasen nach unten: Genuss der Selbstauflösung

Gier ist einziehend – blinde Lust, grenzenlos zuzugreifen. Obwohl sie voll ist, fehlt ihr immer etwas. Sie kennt nur ein Hauptziel: sich selbst.

Natur ist gierig – breitet sich aus, wuchert wesenhaft. Handelt im Menschen ausschließlich die Natur, entfaltet sich die Gier pur. Ohne Geschichte. Keine Erinnerung. Weder Ursache noch Folgen. Es herrschen nur Lust und Laune des Augenblicks.

Ekstase, die aus der Fassung bringt, nach unten zieht, nur um sich kreist. Vollrausch. Die Konturen verschwinden. Genuss der Selbstauflösung. Unbestimmtheit ist verlockend. Unerkannt, von der Anonymität beschützt, lässt es sich entgehen – rasant auf der Suche nach dem Ungrund, wo noch nichts es selbst zu sein hat.

Die Grenzenlosigkeit ist eine Urneigung im Wesen des Menschen. Bisweilen treibt sie gerade dort unwiderstehlich nach vorne, wo die äußeren Regeln am strengsten sind. Ebenso gibt es eine Kultur des Ungeregelten, die nicht minder kräftig anzieht, wie die Heiligkeit. Oder ist die Selbstauflösung nicht auch eine Form anspruchsvoller Spiritualität? Jedenfalls hat sie oft in der Geschichte – als Pendant zur herrschenden Heuchelei der institutionalisierten Moral – mitten in aufblühenden Zivilisationen treffliche Organisationsformen gefunden. In Ägypten, in Babylon, in Griechenland, in Rom. Da begründeten Gemeinschaften mythologisch sich selbst und bejubelten in orgiastischen Zeremonien die Geburt der Kreativität.

Lobpreis der ekstatischen Selbstauflösung in Elitekreisen der europäischen Neuzeit. Das Etablierte wird eng, Karrieredenken banal – die Bequemlichkeit wirkt abstoßend. Dagegen lehnt sich die Stimmung im Parnass auf: lieber kurz aber tief als lang und flach. Der Dichter Charles Baudelaire (1821– 1867) besang in Les fleurs du mal („Die Blumen des Bösen“) Ortschaften und Höhepunkte des Genies und brachte damit die französische Gesellschaft in Aufruhr. Auch danach wirken immer wieder Bemühungen, gegen die Eintönigkeit der gesetzlich geregelten Sterilität das Lebensfeuer lebendig zu halten. Anonym natürlich. Denn nicht jeder hat den Mut, sich offen zum Eigentlichen zu bekennen. Über Freiheit zu reden, kommt öfters gut an; nicht jedoch sie zu leben. Das Bestehende war und bleibt gegen Ausbrüche der Spontaneität unbarmherzig. Wer mag schon den Spiegel, der ihm das Elend der eigenen Flachheit zeigt?

Wie die Ekstasen des Geistes führen auch die Ekstasen des Fleisches auf den Urquell zurück. Es gibt Menschen, denen beides ein und dasselbe ist und deshalb sowohl mitten im Ozean als auch auf der Spitze des Berges der Eigenheit gedeihen. Andere dagegen fühlen sich sicher nur in beruhigten Gewässern. Es ist dasselbe Gebirge und derselbe Strom – aber in zwei grundverschiedenen Momenten des Geschehens.

IV. Über die Institutionalisierung des Geistes

Hauptlaster und Geistesgifte begleiten den Menschen dergestalt, dass sie von jeher als Eigenschaften seiner Natur angesehen werden. Doch ebenso altehrwürdig ist die Einsicht, dass die Sehnsucht nach dem Höheren zwar nicht so eindeutig allgemein wirkt, aber ebenso ursprünglich zum Wesen gehört. So haben sich der Kampf gegen die Verfallstendenz und der mühevolle Aufstieg von den Niederungen in höhere Gefilde zu einer elitären Lebensform gestaltet, die für die kulturelle Entwicklung der Menschheit von großer Bedeutung war und bleibt.

1. Mönchtum und Ordensleben

Durch Mönchtum und Ordensgemeinschaften hat das transzendentale Streben geradezu institutionalisierte Gestalt angenommen. Den zahlreichen Institutionen ist die Überzeugung gemeinsam, dass der Mensch in höheren Dimensionen seine wahre Heimat habe; deshalb sei er erst vom Geiste her adäquat aufzufassen; das Ziel seines Daseins bestünde folglich in der geistigen Vollkommenheit. Dass die empirische Geschichte geradezu das Gegenteil zeigt, wird nicht als Beweis gegen die These betrachtet, sondern als Bestätigung dafür, dass der Mensch an sich selbst vorbeilebt.

Dem jahrtausendealten Projekt der Institutionalisierung geistigen Lebens liegt also nicht die historische Faktizität, sondern die Idee einer höheren Bestimmung des Menschseins zugrunde. So sind die Grundsäulen monastischer Daseinsgestaltung zwar nicht ohne Weiteres auf die Gesellschaft bzw. auf das Berufs- und Familienleben zu übertragen. Aber sie haben hierfür zweifelsohne paradigmatische Bedeutung.

2. Aufbruch vom Ich zum Wir

Grundlegend ist der Gedanke, dass nur in der Gemeinschaft die Individualität zu gedeihen vermag. Er ist in der Wesenseigenart verankert.

Die erste Grunderfahrung des Menschen ist (vorreflexiv im Mutterleib) das Wir. Das Ich gestaltet sich danach in einem Selbstbehauptungsprozess, bei dem es sich von Bindungen zu lösen trachtet. Später muss es lernen, sich durch das Du als ich zu erfahren und, in einem weiteren Moment, wieder ins Ganze einzugliedern. So erreicht es in der Rückkehr zum Wir den ursprünglichen Ort seiner Entstehung.

Infolgedessen wird als die vollkommene Lebensform diejenige betrachtet, in welcher die Gemeinschaft Grundinhalt der Individualität und die Individualität im Nachvollzug dieser Identität aufgeht. Das heißt exakt: Auch empirisch konkret soll das Wir zum Inhalt des Ichs werden.

Nach dieser Vorstellung schließen sich Gemeinschaft und Einzelleben nicht aus, sondern ermöglichen sich vielmehr gegenseitig, wobei die Gemeinschaft die Grundlage darstellt. Im Dienste des Ganzen soll die Kreativität des Einzelnen gedeihen. Durch diese hierarchische Form der Zusammenarbeit werden die unfruchtbaren Extreme vermieden: die Starrheit der dogmatischen Institutionalisierung und die Enge der in sich abgekapselten Ichheit.

Doch das Zusammenwirken von Gemeinschaft und Individuum ist keineswegs vorgegeben; es ist die Aufgabe, ein Ideal. Dessen Verwirklichung geschieht aufgrund einer geistigen Dynamik, durch welche die niederen Kräfte gereinigt und nach oben gerichtet werden. Diese Verwandlung gehört zum Wesen der monastischen Idee und kommt daher in der auch rechtlichen Organisation konkret zum Ausdruck.

Der Verzicht auf natürliche Angebote des Fleischlichen und Materiellen sowie der Kampf gegen deren sich lebenslang wiederholende Sollizitation erhalten den Rang einer individuellen und kollektiven Grundentscheidung mit entsprechend feierlichem Beschluss. Phänomen und Vorgang werden durch den Begriff Gelübde erfasst.

Die Erhebung des alltäglichen Geschehens in die geistige Dimension ereignet sich durch das Stundengebet (Horen).

3. Die ideale Funktion von Gelübden und Chorgebet

Die Gelübde (in christlichen Institutionen gelegentlich Evangelische Räte genannt) stellen den Versuch dar, die Hauptbastionen der Gier zu demontieren und in Schach zu halten. Davon sind drei allgemein bekannt, die vierte jedoch genauso radikal:

a) Gehorsam („oboedientia“): Bei seiner Aufnahme in den Orden verspricht das Mitglied, gegen seinen eigenen Willen zu handeln, wenn das von ihm verlangt wird. Das setzt die Annahme voraus, der eigene Wille stelle ein Hindernis für die eigentliche Selbstverwirklichung dar. Diese bestehe darin, dass der Einzelne mit dem Orden übereinkomme. Folglich muss die Eigenwilligkeit eliminiert werden.

b) Keuschheit („castitas“): Bei seiner Aufnahme in den Orden verspricht das Mitglied, der Wollust zu widerstehen. Das setzt die Annahme voraus, die Bedürfnisse des Fleisches verdunkelten den Verstand und befleckten die Reinheit des Geistes. Folglich muss die sexuelle Betätigung ausgeschaltet werden.

c) Armut („paupertas“): Bei seiner Aufnahme in den Orden verspricht das Mitglied, auf Besitz zu verzichten. Das setzt die Annahme voraus, Besitzenwollen verhindere die innere Freiheit. Folglich darf nichts als persönliches Eigentum betrachtet werden.

d) Bescheidenheit (Zurückhaltung) im Umgang mit Ämtern („de non ambiendi voto“). Bei seiner Aufnahme in den Orden verspricht das Mitglied, niemals von sich aus ein Amt anzustreben. Das setzt die Annahme voraus, Macht verderbe den Menschen. Folglich darf der Ordensmann bei Wahlen niemals für sich werben, bei Geheimwahlen niemals für sich selbst stimmen.

e) Ortsgebundenheit (stabilitas loci), bindet das Mitglied an ein bestimmtes Kloster – oder umgekehrt: Klösterlicher Lebenswandel (conversatio morum suorum) wird nicht allgemein, sondern nur von bestimmten Gemeinschaften verlangt.

f) Arbeit und Gebet (ora et labora): Der Bezug zum Leben wird horizontal (immanent) durch Arbeit im Dienste der Gemeinschaft und durch diese im Dienste der Menschheit, vertikal (transzendent) durch Lobpreisung des Höchsten und Einkehr ins Innere bestimmt. So wird der Tag in gemeinschaftlichen Gebetseinheiten (Horen) eingeteilt, welche die Arbeit umrahmen und ihr eine übernatürliche Prägung verleihen. Dem entspricht die Verinnerlichung des geistigen Gestaltungsprozesses durch persönliche Sammlung (Betrachtung=Meditation, Beschauung=Kontemplation).

Diese Lebensform hat im Laufe der Jahrhunderte gewiss ungewöhnliche Gestalten sowie bemerkenswerte religiöse und kulturelle Werke hervorgebracht. Doch es gibt theoretische und historische Gründe, welche Zweifel aufkommen lassen: Wurde diese Vorstellung im eigentlichen Sinne je verwirklicht? Ist sie überhaupt zu realisieren? Sein oder nur Schein? Wahrheit oder Ästhetik?

4. Scheitern der Idee an der Realität des Menschen

Die irdische Vorwegnahme der jenseitig erhofften Vollkommenheit („anticipatio vitae coelestis“) ist erklärtes Ziel. Bedingung dafür: die Beherrschung fleischlicher und eigenwilliger Neigungen.

Sowohl das Ziel als auch die Mittel haben bezüglich ihrer Realisierbarkeit verständliche Skepsis hervorgerufen, da sie die Grenzen des Subjekts übersteigen, die Möglichkeiten seiner Natur sprengen. Doch die Einwände werden von den Befürwortern auf der Grundlage einer bestimmten Philosophie, meistens mittelalterlicher Prägung, abgefangen. Dabei ist die Unterscheidung zwischen Werk (opus) und Subjekt (operans) wesentlich. Denn sie offenbaren zwei zusammenwirkende, aber voneinander unabhängige Ontologien. Die Handlungen des Subjekts („opus operantis“) können fehlerhaft, gar illegitim sein; die Sache wirkt trotzdem aufgrund ihrer Eigendynamik („opus operatum“). Das Prinzip wird ausdrücklich in der Sakramentenlehre, bei Wahlen u.ä. angewandt. Doch es gilt allgemein als Grundlage für die juristische Organisation geistigen Lebens. Die Individuen können wohl versagen; der Orden bleibt dennoch als Garant für die Verkörperung der Idee von den empirischen Unvollkommenheiten unangetastet. Im Kloster bleiben die Menschen genau wie anderswo schwach, gierig und unstet; nichtsdestoweniger lebt darin durch sie die Idee – verkörpert in der Gestalt des Ordens. Die Idee wird durch die Menschen, aber nicht als die Menschen reell. Das ist eine Abwandlung des Grundsatzes „homo peccator, ecclesia tamen sancta“.

Gedanke wie Beweisführung sind bekannt. Die Konstruktion bleibt problematisch. Das Subjekt mag zwar faul sein, die Sache bliebe trotzdem echt. Das ist mehr als nur ein Trick – mehr als eine kollektive Einbildung. Warum konnten sich Menschen über die Jahrtausende hinweg vom monastischen Ideal ansprechen lassen? Vielleicht weil die Sehnsucht nach Vollkommenheit so stark ist, dass sie mit dem Wesen des Menschen identifiziert wird?

Doch die Abgründe des Menschen lassen sich nicht weginterpretieren. Die Gier lässt sich mit Versprechungen und Gebeten nicht ausschalten. Dabei geht es nicht um moralische Werte. Es handelt sich um die Frage nach dem Menschen – radikal gestellt. Wenn das Streben nach einem unerreichbaren Ziel zu seinem Wesenskern gehört, was ist dann der Mensch? Wenn sich durch ihn das Sein, ja Gott selbst offenbart, was heißt dann Sein, was bedeutet dann Gott?

Es sei gestattet, den schwerwiegenden Gedanken mit einem literarischen Beispiel zu erläutern.

5. Ein Fall: Josef Knecht und das Glasperlenspiel

Die Problematik des Dranges nach Vollkommenheit und der Unerreichbarkeit des Zieles wird in der Erzählung des Dichters Hermann Hesse Das Glasperlenspiel thematisiert. Da wird von der Gründung des imaginären Staates Kastalien berichtet, in welchem eine Eliteschule Glasperlenspieler ausbildet. Durch strenge Disziplin und Ehelosigkeit werden junge Männer befähigt, sich ausschließlich der Wissenschaft, insbesondere der Mathematik, der Sprachkunst und der Musik zu widmen. Sie bilden eine auf das Wesentliche konzentrierte Gemeinschaftlichkeit mit erlesenen Umgangsformen.

Das Projekt hat eine Ähnlichkeit mit dem monastischen Ideal, was im Vergleich und in der Beziehung mit der ebenso imaginären Benediktinerabtei Mariafels zum Ausdruck kommt. Mit einer entscheidenden Korrektur: Anders als die Abtei bekennt sich Kastalien zu keinem Gott, schließt sich keiner Religion an. Es geht vielmehr um den Entwurf eines Menschentums, das sich auf der Grundlage einer hohen wissenschaftlichen und künstlerischen Bildung zu gestalten versucht. Das Glasperlenspiel stellt die Realisierung einer universalen Wissenschaft zur Erreichung der geistigen Selbstverwirklichung dar. Angezielt ist, durch alle möglichen Kombinationen von mathematischen Formeln, Tönen, Sätzen usw. das Sein zu erhellen, in die Mitte seines Geheimnisses zu gelangen. Doch als solches ist das Glasperlenspiel eigentlich nichts an sich, sondern die Fähigkeit, Seinskonstruktionen zustande zu bringen. Sein als Spielen. Hervorbringung von verborgenen, transparent werdenden Möglichkeiten (Glas-Perlen), welche der Mensch mitgestaltet. Als Mitgestalter des unendlichen Wir im kosmischen Geschehen erreicht der Mensch den Gipfel seiner Bestimmung.

Doch diese ästhetische Welt, diese anspruchsvolle Realisierung des Wir-Phänomens scheitert. Die Hauptperson der Erzählung, Josef Knecht, der den höchsten Rang eines Glasperlenspielmeisters (Magister ludi), mithin die Spitze der Gemeinschaft erreicht, hält die Spannung eines elitären, rein geistigen Daseins nicht aus und verlässt den Orden. Daraufhin widmet er sich der bescheideneren Aufgabe eines Hauslehrers und verunglückt beim Schwimmen tödlich vor den Augen seines Schülers Titus.

Hermann Hesse lässt die Fragen offen: Nimmt sich Josef Knecht das Leben oder kommt er vielmehr um? Bedeutet dieses Umkommen im Wasser Abbruch des sinnlosen Strebens nach absoluter Vollkommenheit?

Von daher stellt sich dem Leser die weitere Frage: Wird Titus durch den tragischen Tod seines Lehrers lernen, dass der Mensch kein Wesen der Höhe, aber auch kein Kriechtier ist? Weder Adler noch Schlange noch Fisch, hätte der Mensch noch die eigentliche Dimension seines Daseins zu entdecken: die Erde, auf der er als unruhiges fleischliches und ätherisches Wesen zu gehen hat. Der Lehrer kommt im Wasser, dem Urelement, um, wo das Leben beginnt. In Kastalien spielt die Musik eine zentrale Rolle. Die Schlussfolgerung scheint auf der Hand zu liegen: Der Mensch hat die Symphonie seines Daseins von vorne, da capo, neu zu komponieren.

In der utopischen Konstruktion des Glasperlenspiels wird die Handlung im 23. Jahrhundert situiert. Wie hat Hesse dieses Datum aufgefasst? Meinte er etwa, der Mensch könnte bis dahin das Naheliegende einsehen?

Der mathematisch und musikalisch ausgebildete Josef Knecht bekennt sich schließlich zu seiner wahren Natur. Der Mensch ist eigentlich kein Vernunftwesen, sondern das Gegenteil. Er wird von Gefühlen geformt und von Gefühlen getragen und ist nur auf dem Wege der Gefühle zu erreichen. Dies unterdrücken zu wollen, führt zur Verzweiflung, zum Unglück.

In der Eliteschule zu Waldzell wurde Josef Knecht getrimmt, das Eigentliche zu vernachlässigen: das Herz. Doch nur von daher vermöchten Gesellschaftsleben, Künste und Wissenschaften zu gedeihen. Wie aber diese ersehnte Welt aussehen soll, sagt der Dichter nicht. Er zeigt nicht einmal, was das Glasperlenspiel konkret ist. Wie sollte er auch? Eine solche Welt und ein solches Glasperlenspiel hat es noch nie gegeben – nicht einmal in den Mythologien. Haben wir aber nicht vielleicht aufgrund unserer Sehnsucht eine Vor-Ahnung davon?

6. Die Plage der Authentizität:

Die Wellen von Enthüllungen, die unsere Zeit überfluten, entspringen zwar oft dem Bedürfnis nach Selbstdarstellung auf der Suche nach Ruhm und Geld. Darin bekundet sich aber nicht selten Drang nach Echtheit. Alles wird entkleidet. Das ist nicht neu. In früheren Epochen finden sich erschütternde Beispiele von schonungsloser Aufdeckung. Dantes Göttliche Komödie ist als radikale Offenlegung von Scheinhaftem kaum zu übertreffen. Der Unterschied ist allerdings gewichtig. Damals wagten dies wenige – und mussten dafür mit der Freiheit oder gar mit dem Leben bezahlen. Im Medienzeitalter kann sich fast jeder Bürger erlauben, als Richter über alle anderen aufzutreten.

Allerorts wird der Kluft zwischen Worten und Taten erbarmungslos der Prozess gemacht. Die Trennung zwischen Werk und Autor verliert an Gewicht. Dass der Autor schlecht, das Buch dagegen gut sein könnte, gilt natürlich nach wie vor. Ganz im Stile von Kirchen, die, wie angedeutet, vom Grundsatz ausgehen: homo peccator, ecclesia tamen sancta. Doch nun hat sich die Lage geändert, das Interesse verschoben. Man bewundert das Werk, aber man sucht den Menschen. Man bejubelt die Kunst, aber man braucht die Menschlichkeit. Diese Entwicklung und das zunehmende Interesse für Spiritualität hängen möglicherweise zusammen. Der Geist tut not – genauso die Wahrheit, die Aufrichtigkeit. Große Sehnsucht nach Echtheit – nach Menschen, die sich selbst suchen, irren und sich so wollen, wie sie sind. Das Zeitalter entwickelt eine immer tiefer reichende Abneigung gegen Heuchelei.

Es sind Menschen, die gehen und stolpern, fallen, sich wieder aufrichten. Menschen, die arbeiten und lieben, enttäuschen und enttäuscht werden – und zu ihren Stärken und Schwächen, zu sich selbst stehen.

Diesen Menschen, von denen hier die Rede ist, geht es um das einzig Wesentliche (unicum necessarium). So brauchen sie in ihrer strukturierten Lebensgestaltung als Hauptmoment das Schweigen. Immer wieder suchen sie die Stille auf. Denn erst hier findet das große Gespräch mit dem unsichtbarem Du statt, das ohne Worte der Seele das Gute zuflüstert.

V. Der eigentliche Prozess

Wirklich gelebt wird erst beim zweiten Mal.

„Bist du schon einmal gestorben?“, wurde jemand gefragt.

„Natürlich, wie könnte ich sonst leben?“

Die Neugeburt geht aus dem Nullpunkt eines Zusammenbruchs hervor.

1. Umbruch, Gotteserfahrung, Neubeginn

Der Mensch wird aus der Angst (angustia=Enge) geboren. Eine Bewegung engt sich derart ein, dass sie in sich selbst zu ersticken droht. Am Nullpunkt sammelt sich die Kraft. Wo nur Untergang möglich zu sein scheint, schlägt es um. Aus Enge wird Weite, Horizonte öffnen sich. Diese Erweiterung der Existenz, Luft der Freiheit, wird oft als Gotteserfahrung bezeichnet. Viele Menschen verzichten – aus welchen Gründen auch immer – auf Eigennamen. Es geht nicht um das Wort, sondern um die Urwirklichkeit, die alles transzendiert und zugleich umfasst. Wie soll Endliches Unendliches erfassen? Doch gerade dieses Paradoxon verbindet die verschiedenen Weisen des Erlebens. Gemeinsam ist ebenso die Entschlossenheit: Es fängt von vorne an.

Der Neubeginn ergibt sich nicht aus einer Willensentscheidung. Entsteht doch dabei erst das Wollen. Tief in den Niederungen versunken, vermag sich der Mensch eine andere Welt kaum vorzustellen. Nun bricht plötzlich frische Lebenslust aus ihm hervor, die sich in der Unruhe selbst verbarg – in der Unzufriedenheit, in der Verzweiflung, in der unerträglichen Langweile.

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