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Atemzug: Staatsanwalt Harry Bennet ermittelt

Weitere Werke der Autorin:

Atemzug, tredition GmbH, Neuauflage Juli 2020.

Die Zürcher Achse, tredition GmbH, Juli 2020 (vormals Rose of India)

MONTE, tredition GmbH, Juli 2020

Eveline Keller, 1959 in Zürich geboren, lebt mit ihrer Familie in Wallisellen bei Zürich, und schreibt regelmässig Kolumnen in einem Online Magazin. 2009 verfasste sie den ersten Krimi Atemzug, dies ist die Neuauflage. Es folgte der Krimi Die Zürcher Achse. Das neueste Werk ist der Kriminalroman MONTE, er erscheint im Sommer 2020. Bevor sie sich ganz der Schriftstellerei widmete, arbeitete die diplomierte Betriebsökonomin im Gemeinnützigen Frauenverein Zürich, im Amt für Justizvollzug und bis zu ihrer Pensionierung an einer Schule.

Der folgende Text enthält Helvetismen. Für Risiken und Nebenwirkungen lesen sie die Kurzbeschreibung oder fragen die Autorin.

1.

Bleierne Dunkelheit umfing die Geschäftshäuser an der noblen Einkaufsstraße in Winterthur. Ladenschluss war längst vorbei und das Quartier wirkte um diese Zeit wie ausgestorben. Eine schwere Wolkendecke überzog den Nachthimmel, da braute sich ein Gewitter zusammen. Diese Stimmung drückte den Bewohnern aufs Gemüt. Sie zogen es vor, zu Hause zu bleiben.

Bis auf einen: Pünktlich um 23: 20 Uhr bog der Nachtwächter pfeifend um die Ecke. Unbeirrt schritt er von Haus zu Haus, kontrollierte da ein Schutzgitter und dort eine Ladentür. Routiniert fuhren seine Finger über die Lochung der Schlüssel an seinem prallen Bund und zog den Passenden heraus. Er schloss auf, kontrollierte und sperrte wieder ab, hob die Taschenlampe in Richtung des nächsten Kontrollabschnittes und folgte dem Lichtkegel vor seinen Füssen.

Vom Nachtwächter unbemerkt, spielte sich indes im Untergeschoss, des von ihm gerade eben kontrollierten Juwelierladens Ungewöhnliches ab. Hier waren zwei vermummte Gestalten am Werk und gingen ihrem kriminellen Gewerbe nach. Auf das Zeichen der Kleineren duckten sie sich hinter den Tresor und hielten sich die Ohren zu. Ein Knall folgte und machte sie für einen Augenblick taub. Darauf öffnete sich knirschend die Tür des Safes.

»Kinderspiel – sag ich doch!«, lächelte Glitter-Glamy und zwang ihre Mundwinkel nach oben. Von einer weihnachtlichen Freude ergriffen, drückte die berüchtigte Safeknackerin ihre zehn Finger durch und zog beschwingt eine der fünfzig Fächer heraus. »Na ihr glitzernden Steinchen, kommt zu Mutti!«

Um im nächsten Augenblick enttäuscht aufzuschreien. Leer! Sie schnappte eine andere Lade. Auch leer. Das konnte nicht wahr sein! Und noch eine, und eine Weitere. Wütend riss sie an den Schüben im Gestell. Sie suchte darin nach Diamanten und schmiss die nutzlosen Fächer hinter sich. Da! Endlich. Ganz an den Rand gedrängt lag ein Beutelchen, mit ein paar winzigen Edelsteinen drin. Das war zu viel für die Einbrecherin. Mit einem pfeifenden Röcheln gaben ihre Knie unter ihr nach und sie sank zu Boden.

»Lass mal sehen.« Raschdi, der Mann fürs Grobe packte mit seinen Pranken zu und zerlegte alles kurzerhand. »So ein Scheiß, Mann!« Auch er fand nichts weiter.

Eine Sekunde lang schauten sich die beiden ratlos an. Hier hatte sich jemand einen bösen Scherz erlaubt. Und das mit ihr! Glitter-Glamy, der besten Safeknackerin aller Zeiten! Zorn und Enttäuschung vermengten sich zu einer Mixtur, die sich explosionsartig Luft verschaffen musste. Was nicht schon kaputt war, zertrampelte sie blindwütig. Bis langsam, mit der Erschöpfung auch die Vernunft wieder einkehrte.

Zugegeben, sie hätte misstrauischer sein müssen. Der todsichere Tipp, dass sich Diamanten im Wert von fünfzehn Millionen Franken im Tresor befinden sollten, war zu schön gewesen, um wahr zu sein. Existierten die überhaupt? Und, wenn nicht hier, wo waren sie dann?

Und ihr fiel etwas anderes wieder ein, etwas das sie völlig vergessen hatte. Der Safe war mit einer Direktleitung zur Polizei verbunden. Mit der Sprengung wurde der Alarm ausgelöst. Eigentlich wusste sie das. Und sie wären auch längst mit der Beute verschwunden, wenn sie sich da befunden hätten, wo sie hätte sein sollen. Das war eine Falle! Wenn sie nicht Tempo Teufel abhauten, würden sie den Bullen direkt in die Arme laufen.

»Raus hier!« Sie stürzte zur Tür. Raschdi im Gefolge. Wie von allen Hunden gehetzt rannten sie über den Hof und sprangen ins Fluchtauto. Ein Blick in die Runde bestätigte ihre Vermutung. Die Nacht wurde von Blaulicht durchbrochen, das über die Häuser huschte und sich in den Schaufenstern spiegelte.

Flink bogen sie in eine Seitenstraße ein und verschwanden.

Nun erhellten Blitze die Nacht, zuckten in kurzen Abständen über den Himmel, gefolgt von donnernden Wolken, die sich in einem heftigen Gewitter entluden. Im strömenden Regen hielt die Polizeistreife einige Sekunden später vor dem Juwelierladen van Hohenstett. Die Beamten sicherten erst die Lage, liefen zum Ladeneingang, prüften ihn und auch die Hintertür. Dann meldeten sie einen Einbruch an die Zentrale, worauf der Besitzer verständigt wurde.

Eine Viertelstunde später, das Unwetter war weitergezogen, schoss ein schnittiger BMW mit quietschenden Reifen in den Hof und kam schlitternd zum Stehen. Direkt vor einem Polizisten, der vor Schreck beinahe sein Funkgerät fallen ließ. »Ihre Fahrkünste lassen zu wünschen übrig. Bremsen sie immer so knapp?«, fuhr er den Lenker an.

Van Hohenstett war anfangs fünfzig und mittelgroß. Seine übliche elegante Erscheinung hatte in der Eile etwas gelitten. Sein Haar war zerzaust und ein Hemdzipfel hing ihm hinten aus der Hose.

»Wie – was - wieder ein Fehlalarm?«

Es war schon das zweite Mal diese Nacht, dass er von den Gesetzeshütern gerufen wurde. Vor genau einer Stunde war er schon mal hier gestanden und sie hatten danach gemeinsam alle Türen kontrolliert. Ihm reichte es für heute. »Wahrscheinlich war es ein Nachtfalter, der die äußerst sensible Lichtschranke touchiert hatte«, brummte er. »Am besten wir schalten die Alarmanlage ab für heute, am 19. Juli 2007. Morgen früh lasse ich sie unverzüglich von einem Spezialisten überprüfen.«

Sein dünner Oberlippenbart zitterte gereizt und seine herablassende Art war noch ausgeprägter als sonst.

Schon beim ersten Fehlalarm, gleich zu Beginn hatten sie füreinander eine natürliche Abneigung empfunden, der Juwelier und der Polizist, und seither hatte sich diese noch vertieft.

Da fragte ihn doch dieser Ignorant, nachdem er ihn aus dem Bett geholt und hergerufen hatte, ob er der Besitzer des Geschäftes sei.

»Erwarten sie sonst noch jemanden?«, hatte der ihn angeknurrt.

»Können sie sich ausweisen? Reine Formsache.«

Mit einem »Hmpf – sehr witzig?« hielt ihm Thaddäus van Hohenstett den Ausweis hin und forderte nun seinerseits, die Dienstmarke des Beamten zu sehen. »Aha! Herr Peter Kohn, ihren Namen werde ich mir merken.«

Beim anschließenden gemeinsamen Rundgang durch alle Räume des Ladens konnten sie nichts Ungewöhnliches feststellen. Der Polizist meldete daraufhin den Fehlalarm der Zentrale und alle waren sie wieder von dannen gezogen. Dass erneut ein Alarm ausgelöst worden war, konnte nur bedeuten, dass Herr Kohn das letzte Mal nicht korrekt quittiert hatte.

Doch da täuschte sich der Juwelier.

»Diesmal leider nicht. Die Einbrecher haben ein wüstes Durcheinander hinterlassen. Machen sie sich auf etwas gefasst.«

»Haben sie die Diebe wenigstens erwischt?«, wollte van Hohenstett wissen.

»Nein, sie waren schon weg.«

Zu dritt betraten sie den Laden. Die Vorankündigung war nicht übertrieben. Sie stiegen über umgeworfene Regale und zerschlagene Stühle. Der Inhaber schüttelte über die blinde Zerstörungswut der Einbrecher den Kopf. Am Eingang zu seinem Büro blieb er stehen und hielt den Atem an. Sichtlich erschüttert trat er ein.

Als später der Einsatzleiter und sein Kollege vorbeischauten, schob er verloren einige Papiere auf dem Pult zusammen und murmelte: »Das kann nicht sein. Wie ist das möglich?« Niedergeschlagen saß er am Tisch und konnte einem leidtun.

»Wer besitzt außer ihnen einen Schlüssel zum Laden? Und wer kennt den Code der Alarmanlage?«, wurde er gefragt.

Van Hohenstett hob eine Braue. »Außer mir hat nur die Nachtwächterfirma einen Schlüssel.«

Die Polizisten stellten an den Türen keine Einbruchspuren fest, also mussten die Diebe den Schlüssel und den Code gehabt haben. Das fand der Juwelier unfassbar. »Kann man denn nicht einmal mehr der Nachtwächterfirma trauen?« Und wetterte lauter: »Das sag ich ihnen: Denen hänge ich ein Verfahren an, von dem sie sich so schnell nicht wieder erholen werden. Das ist ein Skandal! Ich gehe damit an die Presse. Die stecken womöglich mit den Gaunern unter einer Decke.« Aufgebracht tippte er Herr Kohn vor die Brust. »Und Sie Herr Dings, Sie sollten hier nicht tatenlos herumstehen, sondern die Diebe fassen!«

Der Angesprochene antwortete gereizt, dass die Polizei in alle Richtungen ermitteln wird und fragte van Hohenstett, wo er heute Nacht zwischen 22: 30 Uhr und 23.30 Uhr war. Daraufhin fuhr der ihn an: »Unverschämtheit! Wollen sie damit sagen, ich hätte mich selbst bestohlen?«

Der Beamte zuckte nur die Schultern: »Glauben sie mir, wir haben schon fast alles erlebt.«

2.

Ein Tag davor, wartete im Hauptbahnhof Zürich eine Reisende in einem olivgrünen Regenmantel, das praktische Rollköfferchen neben ihren Füßen abgestellt. Amüsiert verfolgte sie das geschäftige Treiben um sie herum. Die einen Züge, abgefertigt wegfuhren oder die anderen, die mit quietschenden Eisenrädern bremsten. Kaum, dass sich die Türen geöffneten hatten, ergoss sich eine Woge von Menschen auf die Bahnsteige.

Die Passagiere schlenderten gemächlich, aber die Mehrheit eilte zur Bahnhofshalle, durchquerte sie und strömte ins Freie. Es wimmelte von Leuten, laufend und drängelnd oder gemütlich bummelnd. Die einen blickten hoch zur Anzeigetafel und suchten ihren Anschlusszug, die anderen steuerten den gewünschten Ausgang an.

Die Frau im Regenmantel war eben mit dem Nachtzug aus Hamburg angekommen und soll hier ihren Kontaktmann treffen, der sie abholen kam. Um ihren Mund lag ein verlorenes Lächeln, das jedoch nicht ihre eisig blickenden Augen erreichte. Ihre schwarzen Haare waren zu einem gescheitelten Bopp frisiert und verdeckten eine Hälfte ihres blassen Gesichtes. Sie schaute wie die Menschen vorbeihasteten und an der Vorderfrau vorbei preschten, wie eine Horde Lemminge, die auf einen Abgrund zustürzte.

Nur, dass Beste daran war, dass die Leute nicht wussten, worauf sie zu liefen. Nämlich einen Abgrund, in den alle diese Ungläubigen stürzen werden, bevor der Monat zu Ende war. Ihr Führer und Prophet hatte sie informiert.

Grinsend dachte sie an die Bombenattentate in London. Dies war ein klares Zeichen, dass das Ende der Menschheit nicht mehr lange auf sich warten ließ. Nur sie, die Auserwählten des Phalaenopsis-Ordens würden verschont bleiben.

Die Zeit würde stillstehen; die Luft trächtig vor Unheil; ein einziger Schmerz würde alle umfangen; die Opfer vom Schock wie gelähmt; Krankenwagen mit quietschenden Reifen eintreffen; Sirenen heulen; Massen würden in Panik flüchten. Doch unentrinnbar würde das Ende nahen.

Einzig die Brüder und Schwestern vom Phalaeonopsis-Orden in ihrem Bunker, zwei Stockwerke unter der Erde sollten den Weltuntergang überleben. Danach würden sie als Auserwählte von reinem Blut die Welt neu bevölkern. Sie und mit ihnen, zahlreiche andere Gruppen, die sich im Glauben zu Gemeinschaften zusammengeschlossen hatten und über den ganzen Erdball verstreut waren.

Süffisant spitzte sie ihren Mund. Sie schaute sich um. Ihr Blick blieb an einer jungen Frau hängen, die ihren Kaffee, das Handy und die Handtasche balancierend, auf einen der Ausgänge zuging. Sie sah sie und dann doch wieder nicht. Sie war ein Teil einer Masse, die durch den Bahnhof strömte.

Nicht mehr lange, dann werden sie erlöst sein, dachte die Reisende. Die Menschen waren zu einfältig, um die Zeichen zu deuten, darum hatten sie nichts anderes verdient. Sie freute sich auf ihren Auftrag. Er war die Chance für einen Neuanfang. »Oh du Fröhliche«, summte sie vor sich hin, während sie zum vereinbarten Treffpunkt bummelte.

Kurze Zeit später trat ein elegant gekleideter Mann zu ihr. »Guten Tag. Sie sind bestimmt eine Phalaenopsistin. Ich erkenne Sie an ihrer wunderschön gearbeiteten Anstecknadel.« Das besagte Schmuckstück war aus Emaille und mit winzigen Brillanten verziert.

Thaddäus van Hohenstett verbeugte sich andeutungsweise: »Sind Sie mit dem Zug aus Hamburg angereist?«

Ihr Blick taxierte den Juwelier. Er war mittelgroß, trug einen dünnen Oberlippenbart und machte eine gute Figur.

»Von Hamburg. Ja.«, antwortete sie leise. Sie nickte dabei mit dem Kopf, worauf ihre Haare zurückfielen und den Blick auf eine gezackte Narbe frei gaben, die vom Auge bis zum Kiefer reichte. Überrascht sog van Hohenstett die Luft ein. Sich räuspernd, streckte er ihr seine Hand zur Begrüßung hin: »Willkommen in Zürich.«

Doch sie übersah die Geste und legte stattdessen ihre Hand auf ihr Herz: »Sehr erfreut.«

Leicht irritiert, hob er eine Braue und ließ seine Hand fallen. »Die Freude ist ganz auf unserer Seite. Nun denn, darf ich Sie zu ihrem Hotel nach Winterthur bringen. Dort können Sie sich frisch machen. Am frühen Abend begleite ich Sie dann zu unserem Tempel. Zu Ehren ihres Besuches findet ein Empfang statt. Wir erwarten, dass alle unsere Brüder und Schwestern kommen.«

Hilfsbereit fasste er nach ihrem Rollkoffer. Doch sie legte besitzergreifend ihre Hand beziehungsweise ihre Handprothese auf den Bügel. Er zuckte zurück und wandte sich mit einem mulmigen Gefühl dem Ausgang zu. Offensichtlich gezeichnet von einer Explosion, erschien ihm die gelobte Spezialistin für Bomben, Soeur Detonation nicht mehr sehr vertrauenerweckend. Ohne weitere Worte ging er voraus in Richtung der Parkplätze und sie folgte.

Am Abend wurde zur Begrüßung der Soeur Detonation eine große Zeremonie im Glaubenstempel der Phalaeonopsisten abgehalten.

Dazu trat man durch eine Tür aus Stahlbeton, die mit einer großen Orchideenblüte bemalt war. Von da aus begab man sich in eine Bunkeranlage ins zweite Untergeschoss, deren Raumaufteilung einer Orchideenblüte nachempfunden worden war. Der geräumige Tempelraum, wo die Zeremonien stattfanden, bildete den Blütenkelch, von dem drei ovale Räume, die Blütenblättern nachempfunden waren, abgingen.

Die Ausstattung war in weißer Farbe gehalten und an den Wänden prangten große, in naiver Malerei abgebildete Szenen der Entstehungsgeschichte der Glaubensgemeinschaft. Sie zeigten, wie die weiße Orchideenblüte vom Gründer entdeckt wurde und wie er durch deren Kraft eine Erleuchtung erlebte.

Im geräumigen, halbrunden Tempelraum war die Decke bemalt mit den Visionen für den Eintritt ins Paradies. Der Weg dahin bedingte jedoch, dass vorher die Menschheit ausgelöscht wurde.

Die Soeur Detonation hatte den heiligen Auftrag, den Ungläubigen die Unabwendbarkeit des Weltunterganges vor Augen zu führen.

An diesem Abend kamen die Gläubigen wie erwartet zahlreich, so dass der Tempel bis zum letzten Platz besetzt war. Sie warteten ergeben in ihren langen Gewändern aus glänzender weißer Seide. Die eigentümliche Bekleidung am Rücken geschlitzt, ähnlich wie ein Krankenhaushemd.

Als der Führer und Prophet begleitet von seinem Gast eintrat, ging ein Raunen durch den Saal. Er begrüßte die Phalaenopsisten, stellte ihnen die Soeur Detonation. Sie beteten gemeinsam und baten um Erlösung von ihren irdischen Sorgen. Zur Messe kamen die Ordensmitglieder mit nüchternem Magen und reinigten sich in den nach Geschlechtern aufgeteilten Räumen, abwechselnd mit Dampfbädern und kalten Abgüssen. Gesäubert wurde wiederum um Erleuchtung gebeten, mit deren Hilfe sie ins Paradies eingelassen wurden.

»Meine lieben Brüder und Schwestern, bald ist es soweit, dass wir erlöst in unser Paradies eintreten können. Darum rufe ich euch auf: Entbindet euch von euren irdischen Gütern und Verpflichtungen. Denkt daran: Der Samen der heiligen Orchidee hat einen mühseligen Weg hinter sich, bis er bei uns eintrifft. Um unseren Bedarf decken zu können, benötigen wir Spenden von jedem von euch. Besonders hervorgetan dabei hat sich unser Bruder Thaddäus, dem wir herzlich für seine Großzügigkeit danken. Nehmt euch ein Beispiel an ihm. Mit seiner großzügigen Spende wurde es unserem Orden erst möglich, uns die Unterstützung der Soeur Detonation zu sichern. Mit ihrer Hilfe werden wir dem Paradies einen entscheidenden Schritt näherkommen.«

»Denn denkt daran, wenn wir euch zu wenig Samen der Phalaeonpsis abgeben können, wird der Übertritt in die neue Welt sehr viel schmerzlicher sein. Darum nehmt den Samen, lasset ihn in euch wachsen und betet um Erleuchtung.«

Die Gläubigen murmelten einen Dank. Anschließend löste sich einer nach dem anderen aus der Reihe, zog die Enden seines Gewandes auseinander, kniete nieder und ließ sich den Samen einführen. Derart bereichert, mit einem sanften Lächeln begaben sie sich dann in einen der Räume. Dort im dezenten Licht legten sie sich auf Liegestühle und oder Matten und gaben sich ihren Träumen hin, wie es sein wird, wenn sie das Paradies gelangen würden.

3.

Nach der düsteren, dumpfen Nacht strahlte die Sonne triumphierend vom tiefblauen Himmel, als wollte sie alle dunklen Ecken und üblen Machenschaften ausleuchten. Ihre Verbündete war die Putzmaschine, die sich durch die verzweigten Straßen arbeitete und eine saubere, dampfende Kriechspur zurückließ. Ein sommerliches Lüftchen säuselte um die Häuserzeilen und es roch irgendwie nach Ferien, Meer und Strand in Rimini.

Harry war wie jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit und pfiff von der Stimmung mitgerissen eine muntere Melodie. Ach Urlaub! Es war ewig her, seit er das letzte Mal in der Sonne gefaulenzt hatte? Aus einem Impuls heraus, schaute er sich um, und war für einen Moment von dem Anblick gefangen, der sich ihm bot. Schräg gegenüber, auf der anderen Straßenseite stand eine Frau und zog an ihren Strümpfen. Dabei schien die Sonne durch ihr Kleid, sodass ihre Silhouette und ihre perfekten Rundungen im Gegenlicht sichtbar geworden waren.

Venus lebt! Dachte er und sog fasziniert das Bild in sich auf. Mit den Augen der Fremden zugewandt, lief er weiter und geradewegs gegen eine Verkehrstafel. Es schepperte. Derart unsanft gestoppt, rieb er sich den schmerzenden Teil, wo sich eine Beule entwickelte.

Die Frau auf der gegenüberliegenden Straßenseite hob nervös den Kopf. Verbissen zerrte sie an einem Strumpf, um ihn festzumachen. »Geschieht dem Spanner recht!«, zischte sie. Liz Bardi hatte es an diesem Morgen eilig. Doch die verflixten Nylons hielten sie immer wieder auf. Die hochgepriesenen, festsitzenden, superkomfortablen Wunderdinger, mit dem unsichtbaren Haftband, das garantiert klebt, erfüllten die windigen Werbeversprechen nicht und rutschten bei jedem Schritt etwas tiefer. Sie befürchtete, dass sie, wenn sie mal die Mitte ihres Oberschenkels überschritten hatten, haltlos zu Boden segelten. Sie stände da wie Pippi-Langstrumpf. Das wäre peinlich für eine Leiterin der Unterwäscheabteilung und ging gar nicht.

Genervt zog sie an der Gummihaftverstärkung und griff diesmal durch den Kleiderstoff hindurch, um kein weiteres Aufsehen zu erregen. Sie schwor dem Strumpfvertreter bei seinem nächsten Besuch, die Strümpfe mit Doppelknoten, um den Hals zu knüpfen, bis er blau anlief.

Hoffend, dass die Dinger für die nächste halbe Meile hielten, richtete sie sich eilig auf und griff nach ihrer Handtasche. Sie fasste ins Leere. Sie war weg! Suchend schaute sie sich um, aber sie war nirgends zu entdecken. Ohnmacht schnürte ihr den Hals zu. Tränen schossen ihr in die Augen. Das durfte nicht sein! Hatte sich denn alles gegen sie verschworen? Und der doofe Typ auf der anderen Seite grinste auch noch.

Wütend setzte sie über die Straße. Harry hatte sich inzwischen gefasst und war stehengeblieben, als er sah, dass die Frau auf ihn zukam. Doch anstelle eines zuckersüßen Hallos verpasste sie ihm eine Ohrfeige.

»Sie blöder Kerl! Ihretwegen ist mir die Tasche geklaut worden«.

Harry war sekundenlang sprachlos. Ein für ihn ungewohnter Zustand. Dann brüllte er: »Sind sie nicht ganz dicht? Sie - Exhibitionistin. Bin ich schuld, wenn sie auf offener Straße ihre Show abziehen?«

Das war so unerhört laut, Liz hatte Ohrensausen. Geschockt zog sie den Kopf zwischen die Schultern. Und auf ihrem Gesicht macht sich Verzweiflung breit. »Haben sie wenigstens gesehen, wer es war?«

»Natürlich. Ein flinker Kerl stahl sie, während ihrer Vorstellung«, zischte er.

»Warum haben Sie mich nicht gewarnt?«

Harry hielt sich leicht verlegen an der Verkehrstafel: »Die da hat mich abgehalten.«

Er zeigte in die Richtung, in die der Dieb verschwunden war. »Wenn sie sich beeilen, holen sie ihn vielleicht noch ein.« Sein Blick glitt ihren langen Beinen entlang und blieb an ihren Stöckelschuhen hängen. Damit dürfte eine Verfolgung schwierig werden.

»Vielleicht hat er nur das Portemonnaie ausgeräumt und sie finden die Handtasche im nächsten Mülleimer wieder.«

Doch statt sie zu motivieren, dämpfte diese Bemerkung Liz' Enthusiasmus. Wenn der Dieb Geld suchte, hatte er bestimmt auch die sechs Tausender, die sie ihrem Ex-Mann bringen sollte, aus der Tasche gemopst. Was für eine Katastrophe! Ausgerechnet heute. Als hätte er gewusst, was sich darin befand. Warum hatte sie nicht besser aufgepasst?

Für sie war es unmöglich, eine solche Summe ein zweites Mal zu beschaffen. Würden ihre Kinder trotzdem sicher sein? Fragen über Fragen stürzten auf sie ein. Alles begann sich um sie herum zu drehen, und wirkte seltsam verzerrt.

Besorgt sah Harry, wie Liz aufgeregt nach Luft schnappte und japste. Er versuchte sie zu beruhigen. »Langsam! Nicht so hastig. Immer mit der Ruhe. Nicht so schnell, laangsssaaam!«

Zu spät! Schon verdrehte sie die Augen und kippte auf ihn zu. Warum er? Die Undankbare! Eigentlich sollte er sie fallen lassen. Ihr Schlag brannte immer noch auf seiner Wange. Kein Mensch konnte von ihm verlangen, diese Ziege aufzufangen. Außerdem käme sie durch den Aufschlag sicher zur Besinnung, in jeder Hinsicht.

Er mochte zwar böse Gedanken hegen, aber er würde es nicht über sein Pfadfinderherz bringen, jemanden, der offensichtlich in Not war, fallen zu lassen. Er fing Liz auf und legte sie sachte auf den Boden. Dann knüllte er seine Jacke zusammen und schob sie ihr unter den Kopf. Nun da sie dalag, konnte er sie ungestört betrachten.

Sie hatte braune, schulterlange Locken und einen leicht geschwungenen Mund. Entgegen ihrem temperamentvollen Ausbruch von vorhin waren ihre funkelnden Augen geschlossen und ihre römische Nase entspannt. Die Sorgenfältchen waren verschwunden und ihre Haut sah aus wie aus Samt. Nun war er froh, dass er sie nicht fallen gelassen hatte und ihr ebenmäßiges Gesicht nicht verletzt wurde.

Harry schaute sich unschlüssig um. Was nun? Zaghaft tätschelte er ihr die Wange, worauf ihre Augenlider zu flattern begannen.

Liz kam langsam zu sich und sah erst eine große Nase vor sich, dann ein Paar besorgt blickende goldbraune Augen, darunter nervös verkniffene Lippen in einem kantigen Unterkiefer.

Benommen bewegte sie ihren Kopf. Was war geschehen? Warum lag sie auf dem Boden? Und weshalb hielt ihr der Typ eine Hundekot-Sammeltüte hin? Wollte er sie mit Kacke beschmieren, weil sie ihn geschlagen hatte? Sie blickte ihn fragend an.

»Halten Sie sich den Beutel an den Mund und atmen sie langsam ein und aus. Keine Angst, er ist unbenutzt.«

Sie sah ihn mit großen Augen an, während sie folgsam in den Sack blies. Und sie sich Stück für Stück erinnerte: Ihre Handtasche! Das Geld! Die Abteilungskasse! Ihre Welt stürzte ein! Entsetzt ließ sie die Tüte sinken und schnappte mehrfach nach Luft.

»Hallo? Nicht so schnell. Langsam! Und atmen sie aus dem Beutel.« Harry hob ihn ihr aufmunternd wieder an den Mund. »Na los.«

Liz Augen hingen traurig an ihm, während sie seine Anweisung befolgte: Ein – und – aus. Alles war verloren! Ihre kleine, heile Welt zerbarst in tausend Stücke. Ein – und – aus. Ausgerechnet heute hatte sie sechstausend Franken eingesteckt, um das Schutzgeld für ihre Kinder zu bezahlen. Ein – und – aus. Der Betrag war diesmal ungewöhnlich hoch, mehr als sie in einem Monat verdiente. In der Not hatte sie die Hälfte davon aus der Abteilungskasse genommen, und jetzt war alles weg! Ein – und – aus. Woher sollte sie so schnell so viel Geld hernehmen? Es gab nur eines: Sie musste die Handtasche wiederfinden. Wenn herauskam, dass sie in die Kasse gegriffen hatte, verlor sie ihren Job. Tränen schossen ihr in die Augen.

Harry legte ihr tröstend einen Arm um die Schultern: »Na, kommen sie. Ich helfe ihnen.« Er zog sie auf die Beine und lief mit ihr in die Richtung, in die der Dieb verschwunden war. »Nur Mut, sie schaffen das schon. Schauen sie nur: Es ist so ein herrlicher Tag heute.«

Widerstrebend ließ sie sich mitziehen. Der hatte Nerven! Dachte Liz. Meine Welt ist gerade in die Brüche gegangen.

Das ungleiche Paar machte sich an die Verfolgung des Diebes. Harry stürmte voraus und sie eilte hinterher.

»Wenn wir den Gauner nicht finden, erstatten sie am Besten Anzeige beim nächsten Polizeiposten. Ihre Bankkarten oder Kreditkarten sollten sie unverzüglich sperren lassen. Das Bargeld ist ziemlich sicher futsch.«

Liz hörte nur halb zu, während sie sich suchend umschaute. »Können Sie beschreiben, wie er aussah?«

»Er war mittelgroß, von schlanker Statur«

»Kleider: Was trug er?«

»Etwas Dunkles, Hose und T-Shirt.«

»Haare?«

»Sandfarben.«

Liz sah ihn verblüfft an, all das hatte er sich in der kurzen Zeit gemerkt. Tief beeindruckt musterte sie ihn: Er war einen Kopf größer als sie, war gut proportioniert, sie tippte auf regelmäßiges Training. Er hatte den Gang eines Sportschwimmers, ausgreifenden Schritte, rollende Schultern mit leicht vorgebeugtem Oberkörper und sein Kopf schien dem Körper vorauszueilen.

Harry hastete weiter und zog sie nun an der Hand mit. Sie musste aufpassen, nicht zu stolpern, sonst würde sie bei dem Tempo mitgeschleift werden. Zwei Häuserblocks weiter vorne, hatten sie den Stehler eingeholt. Er schien es nicht besonders eilig zu haben. Harry ließ ihre Hand los und rannte zu ihm. Im Nu hatte er ihn eingeholt, zerrte ihn herum und griff nach der Handtasche. »Her damit!«

Der Mann schrie: »Hilfe – Diebe! Hilfe!«

Eine wilde Rangelei entstand. Harry wollte dem Langfinger die Tasche entreißen, doch der klammerte sich daran fest. Er wehrte sich geschickt, obwohl das Kräfteverhältnis zugunsten Harrys war. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er die Oberhand gewinnen würde, hatte jedoch alle Hände voll zu tun, um nicht ausgetrickst zu werden. Erleichterung überkam ihn, als er hörte, wie einige Passanten herbeieilten. Endlich. Gleich hatten sie den Spitzbuben gefasst.

Da wurden ihm die Arme auf den Rücken gerissen. Überrascht wollte er sich umdrehen und fragen, was das soll. Als ein Schmerz in der Schulter ihn zwang die Tasche loszulassen. Ehe er sich versah, drückten ihn mehrere starke Hände auf den Boden, bis er sich nicht mehr rühren konnte.

»Was soll das?«, schrie er. »Der andere ist der Gauner! Er hat die Handtasche gestohlen!«

Einer der Bezwinger schnaubte empört. »Ha! Das könnte jeder behaupten!« Ein anderer: «Was für eine Unverschämtheit!«

Zu Harrys Verblüffung glaubte ihm keiner. »Ruft die Polizei!«, schlug einer vor. Ein Mann in Dreiteiler und Krawatte zückte das Handy.

»Sie machen einen riesigen Fehler. Hören Sie: Er hat der Dame da drüben die Tasche gemopst«, erklärte Harry und wies zu der Stelle hin, wo die Frau zu sah. Doch der Gehsteig war leer. »Aber, sie war eben noch da!«

Von Männern umstellt wurde er weiter festgehalten. Ein paar Neugierige waren stehen geblieben und beobachteten das Treiben. Doch die schöne Fremde blieb verschwunden.

Bald darauf kam die Polizei und übernahm den Gefangenen. Obwohl er ihnen schwor, dass alles ein Missverständnis sei und er selbst für die Justiz arbeitete, zweifelten sie. Sie verlangten, dass er sich auswies. Nachdem er eine Hand befreit hatte, griff er selbstsicher in die Gesäßtasche, doch die war leer. Seine Brieftasche war auch weg. »Sie muss mir beim Kampf herausgefallen sein.« Suchend schauten sich alle um, aber da war nichts. »Der Dieb, bestimm hat er sie geklaut!«

Doch statt ihm zu glauben, verdüsterte sich der Blick der umstehenden Männer. Ein junger Polizist, frisch ausgebildet und übermotiviert, legte ihm die Hand auf die Schulter: »Andere Leute zu beschuldigen, rettet Sie auch nicht mehr. Sie sind verhaftet.« In Handschellen wurde Harry in den bereitstehenden Einsatzwagen geschoben. All seine Proteste und Argumente nützten nichts, oder verpufften ungehört.

Was für ein Alptraum lief hier? Fragte er sich. Er wurde für einen Gauner gehalten. Die fremde Frau hatte sich aus dem Staub gemacht. Und anstatt im Reisebüro Ferien zu buchen, kam er in eine Zelle. Und all das geschah ihm am helllichten Tag, mit den Augen weit offen. Was die Sache geradezu gespenstisch machte. Dabei hatte für ihn der Morgen so gut begonnen.

4.

Liz sah zu wie Harry mit dem Taschendieb rang. Und auch sie war überraschte, dass die zu Hilfe eilenden Passanten, anstelle des Gauners ihn überwältigten. Erschrocken wandte sie sich ab und trat in einen Ladendurchgang. Bevor man auf sie aufmerksam werden konnte.

Aus sicherer Distanz wurde sie Zeugin, wie Harry von der Polizei verhaftet wurde, obwohl er beteuerte, unschuldig zu sein. Waren es nicht oft die Falschen, die erwischt wurden? Sie kannte das nur allzu gut. Man hatte sie noch lange nach der Scheidung von ihrem Ex-Mann Arnie mit Verdächtigungen belästigt, ihre Wohnung auf den Kopf gestellt und in ihren Unterlagen herumgewühlt. Es hatte einige Jahre gedauert, bis die Kriminalisten endlich begriffen, dass sie nichts mehr mit ihm zu schaffen hatte. Ihr Unbehagen gegenüber den Gesetzeshütern war jedoch geblieben. Wer weiß, am Ende würde man noch sie verdächtigen und wissen wollen, warum sie solch eine Menge Geld herumtrug. Das hätte ihr noch gefehlt.

Da bemerkte sie aus dem Augenwinkel, wie sich der Dieb von der Menschengruppe absetzte.

Na warte! Dachte Liz, Du entwischst mir nicht so leicht.

3M, ausgesprochen 'Drei-em' war ein Kleinkrimineller. Ladendiebstahl und Einbrüche waren sein Lebensinhalt. Sein eigentümlicher Spitzname wurde ihm verliehen, weil man bei ihm wie in einem Super-Multimarkt aus einem breiten Sortiment geklauter Ware auswählen konnte und ebenso günstig. Nachdem sein Verfolger verhaftet wurde, hatte sich 3M von der Gruppe gelöst, und hielt alles auf seiner Minikamera fest.

Es würde ein Spaß sein, sich die Szene anzusehen. Ihn faszinierte es was um ihn herum geschah aufzuzeichnen und immer wieder abspielen zu können. Er hatte bereits eine ganze Sammlung solcher Filme auf CD gespeichert. Zufrieden steckte er danach sein Spielzeug ein und ging ungestört weg.

Liz beeilte sich, den Dieb einzuholen, und eine Hausecke weiter stellte sie ihn. Sie hielt ihn am Arm fest und griff nach ihrer Handtasche: »Das ist meine. Gib her!«

3M stieß sie weg. Seine Augen schielten in die Runde, ob jemand den Zwischenfall bemerkt hatte. Keiner da. Also gab er Fersengeld.

Liz folgte ihm. In ihren hohen Absätzen hatte sie keine Chance, aber sie blieb hartnäckig an ihm dran. Sie hoffte, dass sich ihr eine Gelegenheit bot, ihm die Tasche zu entreißen.

Doch der Abstand vergrößerte sich und als er eine weitere Ecke passiert hatte, war er aus dem Blickfeld verschwunden. Wie sie schimpfend auf die Schuhmacher, die Hitze und die ungerechte Welt, kurz darauf dort ankam, war er nirgends mehr zu sehen. Verdammt, hatte sich denn alles gegen sie verschworen! Sie hatte ihre Kleider durchgeschwitzt, war außer Atem und ihre Füße quälten sie von der Rennerei so sehr, dass sie eine Axt herbeisehnte, um sie abzuhacken.

Aufgeben war nicht ihre Art, aber hier blieb ihr nichts anderes übrig. Zudem musste sie zur Arbeit, es war schon spät. Noch nie war sie so bodenlos enttäuscht und ebenso wütend gewesen. Am liebsten hätte sie sich in eine Grube geworfen und wäre für den Rest ihres Lebens tot gewesen. Nur, das stand außer Frage. Sie hatte zwei Jungs, die sie niemals allein lassen würde.

Auf dem Weg zum Warenhaus, wo sie arbeitete, zerbrach sie sich den Kopf und suchte nach einem Ausweg, um das drohende Unglück abzuwenden. Wenn sie das Geld nicht schnellstens wiederbeschaffte, würde sie ihre Stelle verlieren. Und wer wusste, was sich ihr Ex-Mann Arnie noch alles ausdachte, um sie zu erpressen. Sie hatte zwei Möglichkeiten: Entweder sie meldete sich krank, floh außer Landes und begann ein neues Leben an einem anderen Ort. Oder sie beichtete alles ihrer Chefin, die sie fristlos entlassen würde. Keine der Varianten überzeugte sie. Sie konnte mit ihren zwei schulpflichtigen Kindern nicht plötzlich verschwinden. Die Großeltern, Lehrer und Nachbarn bildeten ein wichtiges Beziehungsnetz für ihre Söhne. Selbst wenn man für Liz nicht gleich einen Suchtrupp losschicken würde, das Verschwinden der Jungs bliebe sicher nicht unbemerkt. Man würde sich große Sorgen machen und befürchten, sie seien einem Verbrechen zum Opfer gefallen. Das konnte sie ihnen nicht antun.

Wie es aussah, blieb ihr keine andere Wahl als abzuwarten und auf ein Wunder zu hoffen. Liz versuchte sich mit positiven Gedanken aufzumuntern: Vielleicht war die Chefin heute von einem Auto überfahren worden, und keiner könnte mit Sicherheit sagen, wieviel Geld sie abrechnen musste. Das wäre dann, ausnahmsweise ein Glücksfall. Doch diese Aussicht war kein Sonnenstrahl. Im Gegenteil, in ihr breitete sich erst recht Hoffnungslosigkeit aus und sie schluchzte. Wie sollte sie den fehlenden Betrag bloß erklären? Sie hatte ihn nur borgen wollen, bis die Bank ihr den erneuten Kredit bewilligte. Vielleicht, wenn sie ihrer Chefin alles erzählte, würde sie mehr Verständnis aufbringen und sie nicht fristlos entlassen.

Schweren Herzens öffnete sie die Tür zum Personaleingang eines der größten Warenhäuser im Land. Die kahlen Wände und die trostlose Einrichtung täuschten. Die Verkaufsseite war für die Kunden exquisit ausgestattet, da standen Mahagoni-Auslagetische, neben klassischen Marmorsäulen und man lief über edles Parkett. Die rückwärtigen Räume für das Personal, die Büros und das Lager waren dagegen in nüchternem Sichtbeton gehalten. Für Liz schien es wie die Fassade der amerikanischen Trabantenstädte. Man wollte dem Kunden die mondäne Welt der Reichen vorgaukeln, von der sie sich hier ein Stück kaufen konnten.

Tief in Gedanken versunken grüßte sie den Portier, hielt ihre Karte in die Stempeluhr, kontrollierte die aufgedruckte Zeit und steckte sie um. Sie stieg in den Lift, drückte wie immer die Eins für ihre Etage und dachte, ob sie das heute wohl zum letzten Mal tat. Hier war ihre Abteilung, ihr persönliches Reich, auf das sie immer mit Stolz geblickt hatte. Das modische Ambiente war nach ihren Ideen zusammengestellt worden und die prosperierenden Verkaufsumsätze gaben ihr Recht.

Als junge, aufstrebende Leiterin der Lingerie-Abteilung verkaufte sie Büstenhalter, Unterwäsche und passende Strumpfhalter. Seit fünf Jahren führte sie als energische Chefin ihr Team durch hektische und durch flaue Zeiten. Sie fühlte sich manchmal wie im Zoo mit all den Affen, die frei herumliefen. Und dann wieder wie eine Flugzeugpilotin, die mitten im Dschungel notlanden muss. Ihr Erfolgsrezept bestand darin, alle Aktivitäten, Rabatte und Aktionen zu kennen. Welches waren die neuesten Modelle und welche die Besten. Und was bot die Konkurrenz an?

Sie packt regelmäßig beherzte mit an und galt als eine tüchtige Arbeitskraft. Wenn sie dabei war, ging alles etwas schneller. Wo andere schritten, dribbelte sie. Wo andere sorgfältig Geld abzählten, raschelten die Noten in ihren flinken Finger. Impulsiv wie sie war, konnte sie förmlich explodieren. Aber - niemals vor den Kunden - war ihre Devise. In so einem Fall, was nur selten vorkam, schloss sie sich in ihrem winzigen Büro ein und schrie die Wände an. Dann war außerhalb nur ein undefinierbares Gezeter zu hören, das ihre Mitarbeiterinnen mit einem Schulterzucken hinnahmen.

Andere Frauen fühlten sich neben ihren Kurven weniger gehemmt. Und die männlichen Kunden sonnten sich gerne in ihrer Gegenwart. Das alles steigerte den Umsatz und damit ihren Erfolg. Doch es gab auch Tage, wo sie unsicher war und das Gefühl hatte, alle starrten auf ihre Oberweite oder auf ihren Hintern, aber das ging vorbei.

Liz hatte einen persönlichen Ehrgeiz die Körbchen-Größen ihrer Stammkundinnen auswendig zu kennen und wünschte sich, einmal ihre Namensvetterin, die Königin von England mit Unterwäsche einkleiden zu dürfen.

Unsicheren Ehemännern half sie gerne bei der Auswahl eines hübschen Dessous für ihre Liebsten. Da war dieser Kunde, der nach der Körbchengröße seiner Frau gefragt, ihr seine Hände hinhielt. »Ungefähr so groß.« Der Kunde ging zufrieden mit einem hübschen Ensemble in der Tasche und dem Versprechen, sollte die Größe nicht passen, er es ausnahmsweise umtauschen durfte.

Doch das, worauf sie sonst mit geschwelter Brust blickte, stimmte sie heute melancholisch. Würde das heute ihr letzter Arbeitstag werden? Sie wollte sich nichts anmerken lassen und wie immer, pflichtbewusst ihren Aufgaben nachgehen, bis zum bitteren Ende. Entschlossen öffnete sie die Kasse, zählte den Inhalt, ordnete anschließend sie Prospekte und füllte das Fach für die Einkaufstüten auf. Mit geübtem Griff richtete sie alles her, bevor der Laden geöffnet wurde. Dabei legte sie sich fieberhaft eine Erklärung zurecht, falls jemand den Fehlbetrag bemerkte. Und so übersah sie, dass die Kunden vor der geschlossenen Glastür auf und ab gingen.

»Liz, willst du heute niemand hereinlassen?«, rief ihr Gerda, eine der Verkäuferinnen gutgelaunt zu. Überrascht schaute sie auf und antwortete: »Ich dachte, wir versuchen es heute mal ohne Kunden!«

Sie beeilte sich nun aber, die Türen zu öffnen.

Sobald ihr Team komplett war, besprach sie mit ihnen den Tagesablauf. Als Kaffeepausen und Mittagsablösungen besprochen waren, beriet sie mit ihrer Stellvertreterin Sereina, wie sie die neu angelieferte Ware auf der Ausstellungsfläche präsentieren wollten. Bis Sharons Wuschelkopf zwischen zwei Ständern auftauchte. »Liz hast du einen Moment Zeit? Ein Kunde fragt nach dir.«

»Natürlich. Ich komme.« Sie legte das mit Spitzen verzierte Höschen auf den Tresen und wandte sich der Umkleidekabine zu. »Da hinten, in der letzten Kabine«. Sharon zeigte zu den Umkleidekabinen. Liz nickte, ging zur Kabine und öffnete den gezogenen Vorhang.

»Da bist du ja – pflichtbewusst wie immer.« Der untersetzte Mann mit den eingesunkenen Augen, mehr Haut auf dem Kopf, wo andere Haare hatten und einem schwabbelnden Unterkinn, sprach gedämpft. Für Liz klang es wie das Zischen einer Schlange.

»Wo ist das Geld?« Arnie verstand es seine äußerlichen Mängel, mit Nonchalance zu überspielen. Er war nicht unintelligent. Er hatte in letzter Zeit etwas Pech gehabt. Das war alles. Aber auch das würde bald Geschichte sein. Darum war er hier. Heute würde er das letzte Mal seine Ex-Frau Liz abkassieren. Sie wird ihm das Reisegeld überreichen, das er benötigte, um sich ins Ausland abzusetzen. Liz war für ihn immer eine zuverlässige Geldquelle gewesen. Und heute erreichte diese fruchtbare Beziehung ihren Höhepunkt. Zumindest, aus seiner Sicht.

Für Liz war es schlicht Erpressung, was er tat. Schlimm genug, dass sie diesen schmierigen Hanswurst mal geliebt hatte und mit ihm zwei wunderbare Kinder gezeugt hatte. Eine Erinnerung, bei der es ihr flau im Magen wurde. Wie hatte sie sich doch in ihm getäuscht.

Damals als sie ihn kennenlernte, fand sie ihn sexy. Er hatte dunkle lange Haare, ein strahlendes Lächeln im stets braun gebrannten Gesicht. Die Goldketten um den Hals blitzten mit seinen Zähnen um die Wette. Er trug am liebsten Jeans und Cowboystiefel, die ihm das Flair eines verwegenen Freibeuters verliehen. Sie erlag seinem lebhaften Charme und lauschte verzückt, wenn er ihr die Welt und wie sie tickte, erklärte. Auf dem Beifahrersitz seines rot-schwarzen Mustangs fühlte sich das Leben sorglos und schwerelos an. Bis heute hatte er sich diese reizvolle Ausstrahlung bewahrt und verdrehte Frauen jeder Altersklasse damit den Kopf. Sie hatte lange nicht mitbekommen, dass Arnie deshalb so viel Freizeit hatte, weil er keiner geregelten Arbeit nachging. Aber nicht nur dass: Er hatte seine Hände überall drin, was verboten war: Einbruch, Bankraub, Betrug, Drogenhandel; alles, womit er schnelles Geld machen konnte. Das entsprach eher seinem Naturell, als die mühselige Plackerei für einen mickrigen Lohn.

Für einige Zeit bildete er mit Glitter-Glamy eine der berüchtigtsten Diebesbanden. Sie waren quasi das Traumteam des Milieus. Bis er ein privates Video, mit pikantem Inhalt und der Safeknackerin in der Hauptrolle, an seine Freunde verschacherte. Seither hassten sich die beiden leidenschaftlich.

Liz erfuhr erst nach ihrer überstürzten Heirat, von seinem kriminellen Lebenswandel. Aber da kam bereits ihr erstes Kind zur Welt und ihre ganze Aufmerksamkeit galt ihrem Baby. Trotzdem, zwischen Liz und Arnie entbrannte ein zermürbender Kampf: Er versuchte sie von seiner Sichtweise der Dinge überzeugen, beschwor sie immer wieder mit seinem Hundeblick: »Ich liebe dich so sehr. Ich täte alles für dich. Nur dieses eine Mal verlange ich einen klitzekleinen Gefallen von dir, mit dem du mir beweisen kannst, wie sehr du mich liebst.«

Im Gegenzug wollte sie ihn auf den rechten Weg zurückbringen, mit einer geregelten Arbeit und ihrer kleinen Familie. Als ehemals ausgebildeter Konditor hätte er sicher eine Stelle gefunden. Aber das war Arnies Sache nicht.

Er glaubte daran, dass man sich das Leben nur richtig zurechtbiegen musste, um sich ein Stück vom Glück sichern zu können. In einem letzten Versuch, sich zu versöhnen, wurde der zweite Sohn gezeugt. Als er das Licht der Welt erblickte, waren sie bereits geschieden.

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