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A Million Ways to Die in the West

Über den Autor

Seth MacFarlane ist Drehbuchautor, Filmregisseur, Produzent, Sänger, Comedian, Schauspieler – und einer der witzigsten Männer Hollywoods. Mit der Cartoon-Comedy-Serie Family Guy hat er ein weltweit erfolgreiches TV-Format erfunden, dessen Wert auf knapp 2 Milliarden Dollar geschätzt wird. Als Regisseur und Hauptdarsteller des Hollywood-Blockbusters Ted hat er zudem gezeigt, dass man auch mit nicht jugendfreien Familienfilmen weltweit erfolgreich sein kann.

Titel

Nach dem Originaldrehbuch
von Seth MacFarlane,
Alec Sulkin & Wellesley Wild

Aus dem Amerikanischen
von Edith Beleites

BASTEI ENTERTAINMENT

Albert Stark war ein Feigling. Kein larmoyanter Angsthase, sondern jemand, für den Feigheit etwas Vernünftiges war, ein Schutzschild, das ihm half, am Leben zu bleiben. Denn hier im amerikanischen Westen, wo der Tod allgegenwärtig war, fing sich der Mutige gern eine Kugel ein, während der Feigling überlebte.

»Alle außer dir wollen deinen Tod«, pflegte Albert zu sagen. »Und er lauert überall: in Form von Outlaws, Indianern, Spielern, Gewohnheitssäufern, Nutten, wilden Tiere, Unwettern und ansteckenden Krankheiten. Heilige Scheiße, sogar ein simpler Gang zum Zahnarzt ist hier lebensgefährlich!«

Man brauchte nur einen Blick auf die Schlagzeilen der Lokalzeitung zu werfen, um zu begreifen, wie recht er hatte:

»KLEINKIND VON STÖRRISCHER STUTE ZU TODE GETRAMPELT«

»HUNDERTE IM FRÜHLINGSNEBEL VERSCHOLLEN«

»LEHRERIN VON TUMBLEWEED UMGEWALZT«

»KEINE ZWISCHENFÄLLE BEI MASSENERHÄNGUNG«

»NEUER JAHRESREKORD FÜR MOORLEICHEN«

»FENSTERSTURZ EINES CHINESEN TÖTET HOLLÄNDISCHE FAMILIE«

»EHEBRECHERIN ZUNGE UND BRÜSTE ABGESCHNITTEN«

»BÜFFELSTAMPEDE VERWÜSTET KLEINSTADT«

»NACKTE NEGERIN KONTAMINIERT WASSERRESERVOIR«

»SCHWARZBÄREN FRESSEN KINDERGARTENGRUPPE«

»HAGELSTURM: SCHLANGEN FLÜCHTEN IN KIRCHE – GANZE GEMEINDE TOT«

»TOLLWUT FORDERT 5000 OPFER«

Ja, Angst schien Albert ein guter Ratgeber für jemanden zu sein, der im Süden Arizonas lebte.

Auch an diesem brütend heißen Tag war es Feigheit, die ihn vor seinem vorzeitigen Ende bewahrte.

Er stand mitten auf der Hauptstraße, die Hand an der Pistole. Jedenfalls sah es so aus. Die Einwohner von Old Stump säumten die Straße, um nicht zu verpassen, was im Westen als Spektakel erster Güte galt: ein Duell. Noch stand Albert aber allein auf der Straße. Von seinem Gegner war nichts zu sehen, und High Noon war schon vorbei. Niemand sagte etwas, aber hier und da begannen irritierte Zuschauer ungeduldig zu murren. Nur Männer, die ihre Farmen auf unfruchtbaren Boden gegründet hatten, bewahrten die Ruhe, weil es für sie daheim ohnehin nichts zu tun gab. Frauen fächelten sich Luft zu und hofften, dass sie durch irgendeine Ritze ihrer mehrlagigen Kleider drang. Wohlhabende Händler zückten ihre Taschenuhren und pafften dicke Zigarren, die bei Temperaturen von dreiundvierzig Grad im Schatten nur in geschlossenen Räumen schmeckten. Kinder quengelten und suchten sich etwas zum Spielen – einen Apfelkrips, ein Stück Schnur oder eine tote Maus. Hunde lagen hechelnd im Staub und schienen sich zu fragen, wie Menschen an einem so trostlosen Ort überleben konnten.

Albert mied jeglichen Blickkontakt mit den Umstehenden; nur mit einer auffallend schönen Blondine, die auf der Treppe vor dem Gemischtwarenladen stand, tauschte er einen flüchtigen Blick. Sie lächelte ihm kaum merklich zu, was wahrscheinlich als Ermutigung gemeint war, aber eher halbherzig wirkte.

Dann endlich war in der Ferne Hufgetrappel zu hören, zuerst kaum vernehmbar, dann immer lauter, bis schließlich ein Reiter am Ende der Straße auftauchte. Er brachte sein Pferd zum Stehen, indem er unsanft am Zügel zog. Das Pferd erschrak, gehorchte aber. Der Reiter stieg ab und ging aufreizend langsam zum anderen Ende der Straße.

Albert stand ganz still und beobachtete den anderen.

Charlie Blanche und Albert Stark hätten unterschiedlicher nicht sein können: Blanche war ein wettergegerbtes, grauhaariges Kraftpaket von überschäumender Aggressivität, dem das Lächeln fremd war. Er warf Albert einen Blick zu, als wollte er sagen: »Ich schieße dir gleich eine Ladung Krebs in die Eier!«

Albert räusperte sich. »High Noon heißt für dich also viertel nach zwölf?«

Charlie starrte ihn verständnislos an. »Was?«

»Na ja«, sagte Albert. Er schien so sauer zu sein, dass er seine Angst einen Moment lang vergaß. »Du wolltest um zwölf kommen, und ich war pünktlich zur Stelle, aber dann lässt du mich warten.«

Blanche kniff die Augen zusammen. »Jetzt bin ich ja da.«

»Stimmt, aber es ist so … unhöflich! Als hätten alle anderen nach deiner Pfeife zu tanzen. Schau dich um! Alle hier haben zu tun, aber sie haben sich freigenommen, um dabei zu sein.« Albert blickte in die Menge und fragte: »Stimmt doch, oder?«

Niemand antwortete. Albert sah sich unter den Umstehenden um und wartete auf Unterstützung. Vergeblich. Sein Blick blieb an einem zahnlosen Alten hängen, der nicht aussah, als hätte er etwas anderes zu tun, als hier herumzustehen. Schieläugig starrte er vor sich hin, während seine Zunge über seinen einzigen Zahn fuhr, wie ein Wachmann, der am letzten Außenposten einer geschlagenen Truppe patrouillierte.

»Zieh!«, sagte Charlie Blanche.

Ein Ruck ging durch die Menge, und wie ein einziger Mann holten alle gleichzeitig Luft. Es war Showtime!

Auch Albert holte tief Luft. Dann sagte er: »Ähm … nö.«

Perplexes Gemurmel am Straßenrand. Die hübsche Blondine warf Albert einen ebenso verwirrten wie resignierenden Blick zu.

»Wie – nö?«, fragte Blanche und kniff die Augen, wenn möglich, noch weiter zusammen.

Albert atmete noch einmal durch. »Ich … hab keine Lust. Du schießt sowieso besser als ich. So was kann böse enden. Womöglich muss sogar jemand sterben … Nein, das will ich nicht.«

»Gelb vor Neid, Stark?« Blanche verzog den Mund zu etwas, das man nur wohlwollend als Ansatz eines Halblächelns interpretieren konnte, aber in Wahrheit war es Ausdruck des Warmherzigsten, wozu Blanche in seiner abgrundtiefen Verderbtheit fähig war.

»Na ja … gelb würde ich nicht sagen …« Albert fühlte sich sichtlich unwohl. »Ich meine, das ist ziemlich rassistisch gegenüber unseren fleißigen Mitmenschen aus dem Fernen Osten. Stimmt’s, Leute?« Wieder suchte er Verbündete unter den Zuschauern, dieses Mal bei einem Grüppchen chinesischer Gleisbauer, die an der neuen Eisenbahnstrecke arbeiteten und ein wenig abseits standen. Er war sich ihrer Zustimmung ganz sicher.

Doch die meisten reagierten nicht, nur der Kleinste unter ihnen zeigte ihm den Stinkefinger.

»Okay«, sagte Albert enttäuscht. »Ihr mich auch.«

Blanche lachte, und es klang, als fiele ein Sack Kohlen zu Boden. »Sogar die scheiß Chinesen sehen, dass du gelb vor Neid bist!«

Albert wandte sich wieder seinem Gegner zu. »Hör mal, ich … Lass uns die Sache vernünftig regeln! Wir sind doch beide erwachsen, oder? Was hältst du davon, wenn ich dir den Schaden einfach bezahle?«

Blanche verzog keine Miene. »Wenn du meinst. Ich kriege fünfzig Dollar.«

»Gut, gut.« Albert wand sich. »Die Sache ist nur die … Ich habe keine fünfzig Dollar. Nicht in bar.«

Charlies Hand bewegte sich auf seine Pistole zu.

»Aber du kannst fünfundzwanzig Schafe haben«, sagte Albert schnell.

Charlies Zeigefinger war fast schon am Abzug. »Ich will keine Schafe, Stark.«

Hatte Albert bis jetzt wegen der Hitze geschwitzt, so kam nun Angstschweiß hinzu, denn ihm war klar, dass er in der Klemme steckte. »Aber das … das sind eine Menge Schafe … Ich meine, fünfundzwanzig Stück! Das ist ein ganzes Rudel … Ich meine, eine Herde. Sagt man Herde? Ja, Herde, oder?« Er lachte nervös, und vor Angst konnte er nicht mehr klar denken. »O Gott, glaubt man’s? Ich bin Schafzüchter und weiß nicht mehr, wie man diese Tiere als Gruppe nennt … Ein Schwarm? Keine Ahnung. Ha! Es gibt auch Tiere, die Schulen bilden. Delfine zum Beispiel. Schulen! Ist unsere Sprache nicht komisch? Überhaupt Sprache … Sie steckt voller verborgener Schätze …«

Ein Schuss krachte, und die Kugel landete vor Alberts Füßen. Albert machte einen Satz rückwärts und kreischte in den höchsten Tönen.

»Deine verdammten Schafe fressen mir das halbe Land kahl, Stark! Wo die waren, wächst nichts nach.«

Schafzüchter waren den Rinderbaronen des Westens verhasst, weil Schafe das Gras mit der Wurzel ausrupften. Wenn man ihnen nicht Einhalt gebot, zerstörten sie die Grasnarbe, und ganze Landstriche verödeten, sodass man neues Gras säen musste. Wo ein Schaf war, findet die Kuh kein Futter mehr, sagten die Rancher. Erbitterte Fehden zwischen Schaf- und Rinderzüchtern mit blutigen Zwischenfällen waren an der Tagesordnung. Dass die Schafzüchter als Memmen galten, entschärfte die Lage kaum.

Albert schluckte, obwohl sein Mund völlig ausgetrocknet war, als Charlie die Pistole anhob und auf ihn zielte.

»Okay, okay!« Albert hob beide Hände, um sich zu ergeben. »Ich verkaufe ein paar Schafe und gebe dir das Geld. Okay? Morgen kriegst du den Schotter.«

Einen grauenvollen Moment lang glaubte Albert, sein Gegner würde abdrücken, obwohl er sich so kulant zeigte. Doch stattdessen ließ Blanche die Waffe sinken. »Wenn nicht, bist du fällig, Stark! Drei Kugeln sind für dich reserviert: Stirn, Nase, Kinn. Ich spalte deinen Kopf wie eine reife Wassermelone.«

»Was ich dann redlich verdient hätte«, sagte Albert und stellte sich bildlich vor, was Blanche mit ihm vorhatte. »Stirn, Nase, Kinn – in der Reihenfolge? Gott-o-Gott, wie würde das bloß aussehen! So will ich nicht enden. Du kriegst dein Geld.«

Charlie Blanche steckte seine Pistole ins Halfter, Albert atmete erleichtert auf, und Blanche ging zu seinem Pferd zurück. Wenigstens habe ich mir nicht in die Hose gemacht, dachte Albert, und hatte weiche Knie, weil er wusste, wie nahe er dem Tod gewesen war. Er drehte sich um und eierte auf Puddingbeinen die Straße hinunter.

PENG!

Die Umstehenden schrien erschrocken auf.

Albert ging zu Boden, und ein unvorstellbarer Schmerz schoss ihm durch den unteren Teil der Wade. »VERDAMMT!«, schrie er und drehte sich schockiert um.

Charlie hatte ihm ins Bein geschossen.

»Nur ein kleiner Vorgeschmack«, sagte er ruhig und todernst. Wieder steckte er seine Pistole ein, stieg auf sein Pferd und ritt wortlos davon.

Die Menge ging auseinander, als wäre nichts geschehen. Die Show war zu Ende. Alle kehrten zu ihren Tagesgeschäften zurück, als hätten sie einem durchreisenden Gaukler zugeschaut. Dass vor wenigen Sekunden ein Mann beinahe das Leben verloren hätte, war ihnen nicht anzumerken.

Nur ein Mittdreißiger mit Mondgesicht und Halbglatze eilte auf Albert zu, der immer noch gekrümmt im Straßenstaub lag und sich das Bein hielt.

»Na, Albert, alles in Ordnung?«

Noch nie zuvor war Albert angeschossen worden, aber er hatte schon genug Schussverletzungen gesehen, um zu wissen, wie viel Schaden so eine Kugel anrichten konnte. Er holte tief Luft und sammelte all seinen Mut zusammen, bevor er sich das Hosenbein hochzog. Der Schmerz war unerträglich, aber zu sehen war nur eine oberflächliche Fleischwunde. Eigentlich war es nur eine harmlose Schürfwunde. Herrgott, wie muss sich erst ein tödlicher Schuss anfühlen, dachte er.

»Ich … ich glaube schon. Ist nur ein Kratzer«, sagte Albert und schob das Hosenbein wieder herunter.

»Gott sei Dank.« Edward seufzte erleichtert.

Edward Phelps war ein freundlich dreinblickender, sanftmütiger Schuster und Alberts bester Freund. Hier draußen im Westen hieß das aber nicht, dass sie ein Herz und eine Seele waren. In einer Stadt mit nicht mal fünfundsiebzig Einwohnern hatte man keine große Auswahl, was die Wahl seiner Freunde betraf. Albert mochte Edward, aber das lag hauptsächlich daran, dass Edward einer der wenigen war, die nicht gleich auf einen schossen, wenn man sie schief von der Seite ansah. Albert war sich nicht sicher, aber er glaubte, dass Edward nicht mal eine Waffe besaß. Und falls er doch eine besaß, machte er damit bestimmt eine komische Figur. Wenn es so etwas wie zwanghafte Leutseligkeit gab, so traf dieser Begriff auf Edward zu. Er war so höflich, hilfsbereit und gutmütig, dass es einem auf die Nerven gehen konnte.

Ein ungleich imposanterer Mann gesellte sich zu den beiden.

»Alles in Ordnung, Stark?«, fragte der Sheriff desinteressiert.

»Ja, ja, alles klar«, erwiderte Albert. »Ach übrigens, Sheriff … Ich wollte mich noch für Ihre Hilfe bedanken. Ich weiß es zu schätzen, dass Sie gleich eingegriffen und das Duell unterbunden haben, das genau vor Ihrem Fenster stattfand. Wirklich sehr freundlich.«

Der Sheriff sah Albert regungslos an. »Es ist nicht mein Job, mich einzumischen, Stark. Ich finde, ein Mann sollte seine Schlachten selbst schlagen.«

Albert runzelte die Stirn. Dieser Mensch verkörperte in seinen Augen alles, was hier im Westen zum Himmel stank. Alles, was amoralisch und verroht war, steckte in diesem schlecht gelaunten, hartgesottenen Kerl mit Stern auf der Brust. Schließlich sagte Albert: »Schon klar, Sie sind der Sheriff.« Er hoffte, dass es nicht klang, als spräche er mit einem Fünfjährigen.

»Stimmt genau.«

»Nur dass es da diese eine Sache gibt, für die wir Sie bezahlen und die in dieser Stadt Ihre einzige Aufgabe ist … Aber nun sagen Sie, diese eine Sache sollte von allen anderen geregelt werden?«

»Ich bin nicht dein verfickter Bodyguard, Stark.«

Wieder bekämpfte Albert den Impuls, so zu sprechen, als hätte er einen Sonderschüler vor sich. »Das … ähm … stimmt. Trotzdem ist es die Aufgabe des Sheriffs, körperlichen Schaden von mir fernzuhalten.«

»Genau. Irgendwie ist das doch Ihr Job, oder?«, schaltete Edward sich ein, ganz der treue, hilfsbereite Kumpel, der nicht wusste, wann es klüger war, die Klappe zu halten.

»Schnauze!«, bellte der Sheriff.

Edward senkte den Kopf und ging ein Stück zur Seite, während der Sheriff sich wieder an Albert wandte: »Schätze, du und ich sind da unterschiedlicher Ansicht.«

»Überlegen Sie doch mal … Angenommen, Sie würden ein Restaurant eröffnen, würden Sie dann zu den Gästen sagen: ›Ein Mann sollte sich sein Essen selbst kochen.‹?«

»Pass auf, was du sagst, sonst kannst du dir die Welt aus der Gefängniszelle betrachten!«

»Was Sie nicht sagen!« Erregt warf Albert die Hände in die Luft. Die Aufregung und der Schmerz brauchten ein Ventil. »Wenn es darum geht, sich unzufriedene Bürger vom Leib zu halten, werden Sie plötzlich aktiv!«

Der Sheriff blieb vollkommen ruhig. »Du solltest Doktor Harper dein Bein zeigen.« Dann ging er steifbeinig weiter.

Albert seufzte und rappelte sich von der staubigen Straße auf, um zum Arzt zu humpeln.

Die »ärztliche Kunst« im Westen war ein Widerspruch in sich.

Waren die Zustände in den Krankenhäusern großer Städte 1882 auch noch so schlimm, nahmen sie sich im Vergleich zu den Behandlungsmethoden des Westens als geradezu mustergültig aus.

Die Praxis von Doc Harper, dem einzigen Arzt von Old Stump, war nicht mehr als ein Schuppen mit klangvollem Namen. Das handbeschriebene kaputte Stück Schiefer vor der Tür, das als Firmenlogo diente, schaukelte quietschend im heißen, staubigen Wind und machte schon von Weitem klar, was einen erwartete, wenn man das Pech hatte, ausgerechnet hier krank oder verletzt zu werden. Im Schuppen selbst waren die schief gezimmerten Holzregale mit allerlei Medizinfläschchen bestückt, aber das konnte niemanden täuschen. Jeder wusste, dass sich darin nur Schnaps befand. Wie überall im Westen. »Medizin« war grundsätzlich nur Schnaps in Fläschchen mit fantasievollen Etiketten.

Doc Harper beugte sich gerade über eine Patientin, die erst Anfang vierzig war, aber so grau und verbraucht aussah, als sei sie zwanzig Jahre älter. Der Arzt hatte sie mit Äther betäubt, und das war gut so, denn ihr Bauchraum war weit geöffnet. Mit blutigen Händen wühlte Harper in ihren Eingeweiden, nach allen Regeln der Kunst, die er in seiner Ausbildung als Zahnarzt gelernt hatte. Ein räudiger Kater sprang auf den OP-Tisch und schnüffelte an der Patientin.

»Komm schon! Du weißt doch, dass du hier nichts zu suchen hast.« Doc Harper lachte vergnügt, griff nach dem Tier und setzte es behutsam auf den Boden. »Lauf, Jesus, hörst du? Mach, dass du wegkommst!« Das Fell des Katers war ganz blutig, wo Harper ihn angefasst hatte, und er begann, das Blut genüsslich abzulecken. Harper wandte sich wieder seiner Arbeit zu und wischte aus Gründen der ärztlichen Hygiene ein paar Katzenhaare vom Tisch.

»Hallo?«, rief jemand. »Doc Harper?«

Harper wischte sich die Hände an einem Lappen ab, warf den Lappen aufs Bein der Patientin und ging ins »Vorzimmer«. Albert hatte bereits Platz genommen und war froh, das Gewicht von seinem verletzten Bein nehmen zu können.

»Hi, Doc«, sagte er. »Ich dachte, Sie könnten mir … Heilige Scheiße!« Mitten im Satz hielt Albert inne, als er das frische Blut an den Händen des Arztes sah.

»Halb so wild«, sagte Harper. »Ich operiere gerade.«

»Ich kann ja später wiederkommen«, sagte Albert und war schon auf dem Weg zur Tür.

»Nicht nötig. Die Patientin liegt in Vollnarkose und wird noch ’ne ganze Weile weg sein. Es ist Mrs. Callaghan, die Ärmste. Das Teufelchen in ihrem Bauch war drauf und dran zu explodieren, da hab ich es lieber rausgenommen.«

Albert verstand nicht gleich, was Harper meinte, und fragte: »Ihren Blinddarm?«

»Ja, so heißt das wohl.«

Albert fragte sich, warum er überhaupt gekommen war. Ein Arztbesuch in dieser Stadt war nicht besonders ratsam. Meist ging man wegen irgendeiner Kleinigkeit hin, und hinterher war alles voll Blut, und man konnte von Glück sagen, wenn man das Massaker überlebte.

»Wo drückt denn der Schuh?«, fragte Doc Harper und genehmigte sich einen Schluck aus einem Medizinfläschchen. Da er das öfter tat, war sein zerfurchtes Gesicht blass und rot geädert, sodass man bei seinem Anblick unwillkürlich an Lukas, Kapitel 4, Vers 23 dachte: Arzt, hilf dir selbst!

»Ich habe mir einen Streifschuss eingefangen und wollte bloß, dass Sie mal einen Blick drauf werfen.«

»Immer wieder gern.« Harper grinste und sah Albert neugierig an, ohne seine Wunde zu beachten. »Wie ich höre, sind Sie gelb vor Neid, in Bezug auf Charlie Blanche. Erzählen Sie doch mal!«

»Nun, Doc, ich weiß ja, dass Ihnen eine klaffende Wunde lieber ist als ein popeliger Streifschuss, aber ich hänge nun mal am Leben. Wollen Sie sich mein Bein nun ansehen, oder soll ich in die Wüste humpeln und mich den verdammten Kojoten zum Fraß vorwerfen?«

»Okay, okay, sehen wir uns die Sache mal an.« Der Arzt lachte gutmütig, rollte Alberts Hosenbein hoch und untersuchte die Wunde. Wo er die Hose berührte, wurde der Stoff ganz blutig – ein kleiner Gruß von Mrs. Callaghan.

»Vom Händewaschen halten Sie wohl nicht so viel, was?«, sagte Albert matt, aber Harper ignorierte diese Bemerkung.

»Üble Sache«, sagte er. »Ich nehme ihn lieber ab, sonst kriegen Sie noch die Zeh- und Fersenseuche.«

Albert seufzte. »Also wirklich, Doc! Erstens gibt es die gar nicht, und zweitens war es bloß ein Streifschuss. Ich werde nicht zulassen, dass Sie mir den Fuß amputieren.«

»Wie Sie wollen. Aber ich habe schon Fälle gesehen, wo aus einer Zeh- und Fersenseuche binnen weniger Tage eine Waden-Knie-Seuche wurde.«

»Ein Verband genügt«, antwortete Albert, wild entschlossen, die Sache so schnell wie möglich hinter sich zu bringen.

Harper öffnete eine Schublade und holte eine aufgerollte Binde heraus, während Albert sich in dem winzigen Raum umsah. Die Reste eines Brathähnchens lagen neben einer offenen Flasche Laudanum, und eine erst kürzlich angezündete Zigarre, deren Mundstück gut eingespeichelt war, kippelte auf dem Rand eines Beistelltischchens. Der einzige Hinweis darauf, dass hier ein approbierter Arzt am Werk war, hing in einem Holzrahmen an der Wand.

»Texas Territory Medical College«, las Albert laut von dem handgeschriebenen Diplom ab, während Harper sich an seinem Bein zu schaffen machte. »Was ist das? Eine Elite-Uni?«

»Oh ja. Ich war der Drittbeste meines Jahrgangs«, sagte Harper stolz.

»Aha. Und handelt es sich um eine Bildungseinrichtung in einem geschlossenen Gebäude?« Albert hoffte, nicht sarkastisch zu klingen.

»So, das hätten wir«, sagte der Arzt, richtete sich wieder auf und betrachtete zufrieden grinsend den Verband. »Ein paar Tage Ruhe, und das Bein ist wie neu.«

Albert sah auf sein Bein. »Wie jetzt? Sie haben einfach nur einen Verband drumgewickelt?«

»Was hätte ich denn sonst tun sollen?«

»Die Wunde vielleicht erst mal säubern?«, schlug Albert geduldig vor. »Damit ich keine Entzündung kriege und am Ende draufgehe?«

»Also wirklich, das liegt in der Hand unseres Herrn.«

Albert konnte es nicht fassen. »Ein Experte wäre mir lieber.«

Keiner von beiden bemerkte, dass sich Jesus, der Kater, derweil über Mrs. Callaghans köstliche Eingeweide hermachte.

Meist war der Saloon von Old Stump brechend voll. Die Stammgäste waren Zocker, Gewohnheitssäufer, Bordellbesucher und durchreisende Händler, und einer stank scheußlicher als der andere. Manchmal kämpften Hunderte von Gerüchen um die Vorherrschaft in dem schlecht belüfteten Etablissement.

Um zwei Uhr nachmittags jedoch war hier nichts los. Ein paar abgehalfterte Cowboys saßen an der Bar und starrten trübsinnig in ihre Gläser, aber der Schankraum war fast leer.

Am Fuße der Treppe, die zum Bordell führte, saß Edward Phelps mutterseelenallein und still grinsend an einem separaten Tischchen und wartete geduldig. Er wünschte, er hätte sich ein Buch mitgebracht, aber es würde bestimmt nicht mehr lange dauern. In der Hand hielt er einen entzückenden Frühlingsstrauß aus Margeriten, Flieder, Narzissen und dergleichen. Aus der oberen Etage drangen die Begleitgeräusche heftigen Geschlechtsverkehrs, Edwards Freundin Ruth wurde dort gerade von einem stinkenden Cowboy gevögelt.

»Oh ja! JA!«, schrie sie und ihre Stimme hallte durch den Saloon.

»Du lässt dich gern von mir ficken, was?«, tönte der stinkende Cowboy.

»Ja, ja! Du bist der Größte!«, schrie Ruth und stöhnte ekstatisch weiter.

»Ich hab noch Dreck von der Farmarbeit am Schwanz.«

»Ich weiß. Der kratzt so schön.«

»Du magst den Dreck auf meinem Schwanz, was?«

»Und wie! Und wie! Er törnt mich so an.«

Was Ruth beim Sex von sich gab, war nie besonders geistreich, aber sie hatte das Herz auf dem rechten Fleck, und als Prostituierte war sie vorbildlich: Sie erschien stets pünktlich zum Dienst, badete nach jedem fünften Freier, und kein Fetisch war ihr fremd. Edward bewunderte ihre Arbeitsmoral. Die Ernsthaftigkeit, mit der einer seinem Job nachging, sagte viel über seinen Charakter aus, fand er, und schätzte sich glücklich, sie zur Freundin zu haben.

»Steck mir den Finger in den Arsch!«, schrie der stinkende Cowboy.

»Aber gern!«, erwiderte Ruth.

In diesem Moment kam Millie, die Puffmutter, die Treppe herunter. Sie war Anfang vierzig, hatte eine ausladende Figur und war so aufreizend gekleidet und geschminkt, dass man ihr die erfolgreiche Saloon-Nutte sofort ansah. Ihr dichtes, hoch aufgetürmtes, einst kohlrabenschwarzes Haar war mittlerweile von grauen Strähnen durchzogen. Sie winkte dem Schuster mit einer schwer beringten Hand zu.

»Hi, Edward«, sagte sie und lächelte sanft. Ihre kirschroten Lippen und kräftig geschminkten Wangen hatten zwar nichts Würdevolles, verliehen aber dem in deprimierendem braun in braun gehaltenen Raum etwas Farbe.

»Hey, Millie.« Edward grinste sie an und erhob sich respektvoll.

»Du wartest auf Ruth?«

»Ja, ich war heute eher mit der Arbeit fertig, da dachte ich, ich könnte sie zu einem Picknick ausführen.«

»Verstehe. Du bist wirklich ein Guter.«

»Man tut, was man kann.«

Millie lächelte höflich und wusste nicht recht, wie sie das Gespräch fortsetzen sollte. »Es klingt, als sei sie gleich fertig«, sagte sie mit einem Blick auf die obere Etage, wo sich das orgiastische Gestöhne zu einem dissonanten Crescendo steigerte.

»O GOTT! ICH KOMME!«, kreischte Ruth.

»Hübsche Blumen hast du da mitgebracht«, sagte Millie.

Edward blickte auf den Strauß in seinen Händen und grinste stolz. »Ich weiß. Wirklich schön, was? Sogar ein paar Tulpen sind dabei. Die sind zurzeit gar nicht so leicht zu finden, aber Ruth hat sie so gern.«

»OH JA! SPRITZ MIR DEINEN COWBOYDRECK INS GESICHT

Edward rückte seine Krawatte zurecht, als er hörte, dass Ruth fast fertig war. »Wie sehe ich aus?«, fragte er und drehte sich so, dass Millie ihn inspizieren konnte.

»Prima«, sagte sie und konnte ihre Neugier nicht länger zügeln. »Sag mal, Edward, kann ich dir eine Frage stellen?«

»Klar.«

»Macht es dir eigentlich gar nichts aus, dass dein Mädel von fünfzehn Kerlen pro Tag gevögelt wird und auch noch Geld dafür kriegt?«

»Ach, weißt du … Mein Job ist ja auch nicht gerade toll.«

»Ja, schon … aber du reparierst Schuhe.«

»Erinnere mich bloß nicht daran!« Edward lachte verlegen. »Seit der Bürgerkrieg zu Ende ist, geht das Geschäft immer schlechter.«

»Ach, wirklich?«

»Ja, klar. Denk bloß an die vielen Männer, die ein Bein verloren haben – oder alle beide!«

Millie wollte auf ihr eigentliches Thema zurückkommen, als Ruth auch schon die Treppe herunterhüpfte und sich dabei zu Ende anzog.

»Bist du das, Eddie?«, rief sie erfreut.

Er wirbelte zu ihr herum und breitete die Arme aus. »Hey, meine Süße!«

»Was tust du hier?«, fragte sie, als sie ihn stürmisch umarmte und auf den Mund küsste, worauf er ein wenig zurückzuckte.

»Puh, dein Atem ist …«

»Ich weiß, tut mir leid. Er wollte einen Blowjob.« Sie hielt sich die Hand vor den Mund, und ihre ohnehin geröteten Wangen wurden noch röter.

Edward lächelte verständnisvoll. »Ist schon gut. Ich war heute eher mit der Arbeit fertig, da dachte ich, wir könnten mal wieder am Fluss spazieren gehen.«

Ruth umarmte ihn erneut und war sichtlich gerührt. »Oh Eddie, du bist der Beste! Lass uns gleich losgehen!« Sie küsste ihn auf die Wange und sah dann Millie an. »Was sagst du, Millie? Ist er nicht der Beste?«

Millie wollte antworten, aber ihr fiel nichts Passendes ein.

»Bye, bye!« Ruth kicherte und zog den strahlenden Edward zur Saloontür. »Wann soll ich zurück sein?«, rief sie über die Schulter zu Millie zurück.

»Clyde Hodgkins wollte später noch mal vorbeischauen.«

»Und was will er?«, fragte Ruth.

»Analverkehr, wenn ich mich recht erinnere.«

Ruth wandte sich wieder Edward zu und griff ganz begeistert nach seinen Händen. »Oh Schätzchen! Das reicht für einen neuen Gürtel zu deinem Sonntagsanzug! Den kannst du dann zur Kirche tragen.«

Freudig überrascht machte Edward große Augen. »Wow! Das wäre toll!«

»Nicht wahr?« Ruth drückte ihm die Hände und schwenkte sie, als ob sie mit ihm tanzte.

»Wann brauchst du sie, Millie?«, fragte Edward. »Halb sechs oder so?«

»Nun ja … Hier geht’s nicht zu wie beim Zahnarzt, Edward. Clyde hat keinen Termin. Er kommt einfach vorbei, wenn sein Schwanz juckt und einen Hintern braucht.«

»Gut, dann sind wir sicherheitshalber um fünf zurück«, sagte Edward. Damit eilten die beiden beschwingt hinaus in den sonnigen Nachmittag, aber ihre Liebe leuchtete heller als die Sonne.

Die Deadcow Bridge verdankte ihren Namen den ersten Siedlern, die gen Westen zogen und von einem neuen Leben träumten. Zusammen mit einer Herde von zweihundert Rindern hatten sie es bis in den Südwesten Arizonas geschafft, als die Tiere von einer mysteriösen Seuche heimgesucht wurden und binnen weniger Tage verendeten. Angesichts dieses Verlustes beschlossen die Pioniere, nicht weiter nach Westen vorzudringen, sondern sich an Ort und Stelle anzusiedeln. Die Gegend war ziemlich steinig und nicht besonders einladend, aber es gab einen kleinen Fluss, und dahinter schien das Land fruchtbarer zu sein. Als der Treck den Fluss jedoch überqueren wollte, erwies sich dieser als zu tief. Weder flussaufwärts noch flussabwärts fanden sie eine Furt, und so machten sie zunächst einmal ebenso ratlos wie frustriert Rast, bis einer der Frauen eine Lösung einfiel: Die Siedler schleiften die Kuhkadaver ans Ufer und warfen sie in den Fluss. Als so viele Kühe im Flussbett lagen, dass die obersten aus dem Wasser ragten, benutzten sie sie als eine Art Brücke und erreichten trockenen Fußes die andere Seite, wo sie sich niederließen und Old Stump gründeten. Natürlich verseuchten die langsam vor sich hin rottenden Kadaver das Wasser und lösten eine Epidemie aus, der alle Siedler zum Opfer ...

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