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9 Super Western November 2017 - Sammelband

9 Super Western November 2017 - Sammelband

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker, 2017.

Inhaltsverzeichnis

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Neun Super Western November 2017: Sammelband

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Das harte Dutzend

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Das Schicksal führt sie in die Hölle

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Belindas grausame Rache

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Von Verzweiflung getrieben

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Vier Harte Wildwest-Romane: Western Sammelband November 2017

Zum Sterben nach Sonora

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Drei Kämpfer

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Gnadenlose Härte

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Abrechnung in Sheela Valley | Ein Western von R.S. Stone

Further Reading: 10 Marshal Western August 2016

Also By Alfred Bekker

Also By Larry Lash

Also By Glenn Stirling

Also By R. S. Stone

About the Author

About the Publisher

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Neun Super Western November 2017: Sammelband

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Der Umfang dieses Buchs entspricht 1000 Taschenbuchseiten.

Drei Western-Abenteuer von Glenn Stirling, einem der bekanntesten Western-Autoren Deutschlands.

Harte Männer im Kampf um Recht und Rache.

Dieses Buch enthält folgende Western:

Alfred Bekker: Das harte Dutzend

Larry Lash: Das Schicksal führt sie in die Hölle

Glenn Stirling: Belindas grausame Rache

Glenn Stirling: Von Verzweiflung getrieben

Glenn Stirling: Banditenpest

Alfred Bekker: Zum Sterben nach Sonora

Larry Lash: Drei Kämpfer

Larry Lash: Gnadenlose Härte

R.S.Stone: Abrechnung in Sheela Valley

Cover: Klaus Dill

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Das harte Dutzend

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Western von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 94 Taschenbuchseiten.

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Zwei Dutzend Reiter kamen in langsamen Tempo die Main Street von Roswell entlang. Die Männer waren gut bewaffnet. Winchestergewehre steckten in den Scubbards,

Revolvergriffe ragten aus den tiefgeschnallten Holstern. Hier und da war zusätzlich noch eine Shotgun zu sehen. Einige der Reiter trugen Patronengurte um die Schultern. Staub bedeckte die Kleidung. An der Spitze dieser finsteren Meute ritt ein Mann mit schwarzem Bart. Er trug einen Anzug mit Schleife. An der Seite hing ein Colt, in dessen elfenbeinfarbenen Griff ein Name eingraviert war. DARREN McCALL - in großen Buchstaben.

McCall zügelte in der Nähe des McMillan-Stores die Zügel. Neben ihm ritt eine dunkelhaarige Schönheit - die einzige Frau in dem Pulk von Reitern. Sie trug ein Reitkleid und fächelte sich mit ihrem Hut Luft zu.

"Ist das dieses Nest namens Roswell?", fragte sie mit deutlicher Verachtung in der Stimme.

McCall lachte.

"Jetzt ist Roswell noch ein Rattenloch. Aber das wird sich bald ändern... Wenn hier erst einmal alles mir gehört!"

Er trat seinem Gaul in die Weichen.

Die Meute bewegte sich weiter die Straße entlang. Die Passanten auf der Main Street blieben stehen, blickten teils neugierig, teils angstvoll zu den Fremden hinüber.

"Ich hoffe, es gibt hier auch 'ne Möglichkeit sich volllaufen zu lassen und preiswert ein paar nette Girls aufzugabeln!", meinte ein Rothaariger im langen Saddle Coat. Er trug statt eines Hutes eine staubbedeckte Südstaatenmütze.

McCall lachte dreckig.

"Du kommst hier sicher auf deine Kosten, Mort! Das garantiere ich dir!"

"Darauf werde ich zurückkommen, Boss!", meinte Mort. Einige der anderen Männer lachten rau.

Schließlich erreichten sie das Hotel.

Es war das einzige in der Stadt und Abe Martinson, der Besitzer, hatte schon so manches Mal daran gedacht aufzugeben.

Die Männer stiegen ab, banden ihre Pferde an die Querstange vor dem Eingang.

"Ich weiß nicht, ob ich mich in diesem Nest wohlfühlen werde", meinte die Dunkelhaarige.

McCall grinste schief. "Du kannst ja weiterreiten, Francine!"

Unter den Männern brandete Gelächter auf. Francine wurde dunkelrot. "Wie habe ich mich bloß je mit dir einlassen können, Darren!", zischte sie.

McCall tätschelte gönnerhaft ihr Hinterteil. "Bis jetzt ist es dir nicht schlecht bei mir gegangen. Besser jedenfalls, als in dem drittklassigen Bordell in Wichita, in dem ich dich aufgegabelt habe!" McCall machte seinen Männern ein Zeichen. "Mort, Bugley und Norman - ihr kommt mit. Und du natürlich auch, Francine..." Er grinste sie an. In seinen Augen blitzte es.

McCall und sein Gefolge betraten die Eingangshalle des Hotels.

Abe Martinson, ein kleiner, schmächtiger Mann mit grauen Haaren, stand hinter dem Tresen und sah die Ankömmlinge mit offenem Mund an.

McCall trat an ihn heran.

"Wohnt hier zur Zeit jemand im Hotel?", fragte er.

"Ja, ein Mann namens Smith. Er kam heute mit der Postkutsche."

"Schmeißen Sie ihn hinaus!", forderte McCall.

"Wie bitte?"

"Sie haben richtig verstanden. Werfen Sie diesen Smith aus seinem Zimmer. Ich brauche das ganze Hotel für meine Männer - bis auf Weiteres."

Martinson starrte McCall an wie ein exotisches Tier. McCall lächelte zynisch. Er griff in das Innere seiner Jacke, holte ein Bündel mit Dollarscheinen heraus. "Im übrigen bezahle ich im Voraus", fügte er hinzu und knallte dem Hotelier das Geld auf den Tresen. Ein Ruck ging durch dessen schmächtigen Körper. Mit zitternden Fingern nahm er die Dollars, steckte sie ein.

"Brook!", rief er. "Brook, verdammt nochmal, wo steckst du?" Die Stimme des Hoteliers klang heiser. Einen Augenblick später kam der Gehilfe des Hoteliers durch eine Hintertür herein. Er war groß und kräftig. Sein Gesicht wirkte aufgeschwemmt. Die verwaschene Latzhose, die er trug, war von Flicken übersät. Er musterte stirnrunzelnd McCall und sein Gefolge. Dann stierte er Francine an. Sie verzog nur das Gesicht.

"Geh nach oben und sag dem Gentleman von Nr. 5 Bescheid, dass wir ihm das Zimmer doch nicht geben können", befahl Martinson.

"Aber... ich habe doch gerade erst sein Gepäck hinaufgetragen!"

"Dann wirst du es jetzt wieder hinunterbringen und vor die Tür stellen, Brook."

"Wenn Sie meinen, Chef."

"Du siehst doch, dass die Gentlemen hier alle Räume brauchen. Wie lange werden Sie bleiben?"

"Mal sehen ", sagte McCall. "Eigentlich habe ich vor, länger hier zu bleiben..." Er grinste breit, entblößte dabei zwei Reihe blitzender Zähne. "Du wirst dir jedenfalls 'ne goldene Nase dabei verdienen!"

Brook war inzwischen die Treppe hinaufgegangen. Wenig später kehrte er zurück.

"Was ist los?", fragte Martinson.

"Mr. Smith.... Er will das Zimmer nicht räumen!"

"Was?"

"Er sagt, er hätte ein Recht darauf!" Martinson begann zu schwitzen. Er wandte sich an McCall.

"Meinen Sie nicht, dass Sie vielleicht auf ein Zimmer verzichten könnten?"

McCall steckte sich eine Zigarre in den Mund, biss die Spitze ab und zündete sie sich an. Das Streichholz riss er dabei über das Holz des Tresens.

"Mal aus dem Fenster geschaut?", fragte er dann. "Für meine Männer wird es so schon eng genug." Er wandte sich an Mort. "Sieh zu, dass du das regelst, Mort!" Der Mann mit der Südstaatenmütze nickte.

"No Problome, jefe!", knurrte er, überprüfte kurz den Sitz seines Colts und stieg dann die Treppe hinauf.

"Er ist lange in Mexiko gewesen", murmelte McCall. "Mort spricht schon besser Spanisch als Englisch." Dann deutete McCall auf Francine. "Sagen Sie Ihrem Gehilfen, dass er für die Lady hier ein Bad bereiten soll."

In diesem Moment war ein Schuss aus dem Obergeschoss zu hören.

Francine zuckte zusammen. McCall lachte. "Auf Mort ist Verlass!", grinste er.

Die anderen Männer lachten rau.

Aber ihr Lachen erstarb, als Augenblicke später ein Mann die Treppe hinunterschritt. Es war nicht Mort. Er war jung, etwa Mitte zwanzig. Er trug eine dunkle Lederweste und ein weißes Hemd. Der Revolver hing tiefgeschnallt an der linken Seite. Seine Hand berührte den Griff.

"Mr. Smith!", stieß Martinson hervor. Smith' Gesicht blieb unbewegt. Seine Lippen waren ein dünner Strich.

Die Augen wurden schmal, als er den Fuß der Treppe erreicht hatte. Er stand seitlich da, so dass sein Colt nicht zu sehen war. "Haben Sie den Kerl mit der komischen Mütze geschickt?", fragte er an McCall gewandt. Smith hatte gleich begriffen, wer hier der Boss war.

"Habe ich", knurrte McCall grimmig.

"Er war nicht schnell genug."

"Was Sie nicht sagen."

"Hat doch für Sie auch sein Gutes. So braucht zumindest schonmal einer Ihrer Männer kein Zimmer!"

"Ich stopf ihm das Maul, Boss!", meldete sich einer der anderen Männer aus McCalls Gefolge zu Wort.

"Versuch's ruhig, Norman!", ermunterte McCall ihn. Blitzartig riss Norman seinen Colt heraus. Genau damit hatte der Mann, der sich Smith nannte, früher oder später gerechnet. Er war schneller, vielleicht hatte er sogar schon vorher seinen Colt gezogen, so genau war das nicht zu sehen. Smith feuerte sofort. Norman hatte keine Chance. Der erste Schuss erwischte ihn, noch ehe er seinen Revolverhahn überhaupt gespannt hatte. Die Kugel drang in den Kopf ein, genau zwischen den Augen. Wie nach einem Faustschlag wurde der Kopf zurückgerissen. Norman taumelte rückwärts, ohne noch zum Schuss zu kommen. Smith' zweiter Schuss durchdrang seinen Oberkörper und nagelte ihn förmlich gegen die Holzwand. In der selben Sekunde hatte auch McCall seine Waffe gezogen und sofort abgefeuert. Der erste Treffer erwischte Smith am linken Arm. Smith wollte die Waffe herumreißen, aber der Arm gehorchte ihm nicht mehr. Entsetzen breitete sich in seinen Zügen aus, während McCall ihn dann mit dem zweiten Schuss in der Herzgegend erwischte. Sein weißes Hemd färbte sich rot. Die Waffe entfiel Smith. Er klammerte sich an das Treppengeländer. Der dritte Schuss traf ihn im Gesicht. Smith rutschte am Geländer herunter. Dann wandte McCall sich dem Hotelier zu.

"Sie haben mitgekriegt, dass dieser Smith zuerst gezogen hat!"

Martinson nickte nur. Er war kreidebleich geworden.

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"Nicht hier!"

Die Abwehr der blonden Dorothy Willard war nur gespielt. Clay Braden hatte von hinten die Arme um sie gelegt.

Sie befanden sich im McMillan-Store, um ein paar Besorgungen zu machen. Slim Davis, der Gehilfe, war soeben aus dem Raum gegangen - aber es konnte nur eine Frage von Augenblicken sein, dass der Junge zurückkehrte.

Dorothy hielt seine Hände fest. "Du wirst dich noch gedulden müssen, bis wir zurück auf der Sundance Ranch sind", hauchte sie.

Clay Braden grinste breit.

"Aber das wird mir schwerfallen..."

"Als Marshal und Barbesitzer in einer Person bist du für viele ja sowieso schon unmöglich, aber was meinst du, was die Leute von dir denken, wenn du jetzt anfängst, unschuldigen Frauen in aller Öffentlichkeit an die Wäsche zu gehen..."

"U n s c h u l d i g?", echote er. "Damit kannst du dann ja wohl kaum dich selbst meinen!"

"Ach, nein?"

"Ein Sundance Ranch-Girl und unschuldig!"

"Manche der Kerle, die mich besuchen, finden meine Art von Unschuld durchaus reizvoll!", lachte sie.

"Lass uns ins Marshal Office gehen."

"Und was ist mit Archie?"

"Meinen Assistant Marshal kann ich ja zu einer offiziellen Runde durch die Stadt verdonnern..."

In diesem Moment erstarrte Clay mitten in der Bewegung. Und das hatte weniger mit Slim Davis zu tun, der genau in diesem Moment wieder den Raum betrat, als mit den Schussgeräuschen.

"Das war hier ganz in der Nähe!", stellte Dorothy fest. Clay nickte. "Warte hier", wies er sie an. Dann lief er hinaus auf die Straße.

Weitere Schüsse waren zu hören. Die Geräusche kamen aus der Richtung von Martinsons Hotel, schräg gegenüber. Zwei Dutzend Pferde waren davor festgemacht worden. Die Reiter lungerten vor dem Hotel herum. Die Schüsse hatten sie elektrisiert. So viel Kundschaft dürfte Martinson seit einer Ewigkeit nicht gehabt haben!, ging es Clay durch den Kopf. Er spurtete über die Main Street.

Die Männer erstarrten, als sie den Sternträger sahen. Sie waren verunsichert.

Clay ging zwischen ihnen hindurch. Keinen von ihnen hatte er schon einmal in Roswell gesehen.

Dann stieß er die Tür zur Eingangshalle des Hotels auf. Der Colt war schon in seiner Hand, der Hahn zurückgezogen... Zwei Tote lagen im Raum.

Alle Anwesenden erstarrten. Die Männer von draußen drängten ebenfalls ins Innere.

Clay sah sich die beiden Toten an.

Dann wandte er sich an Martinson. "Was war hier los?", fragte er den Hotelier. Alles in allem erschien ihm der als der unabhängigste Zeuge. Martinson schwieg. Seine Lippen waren aufeinander gepresst.

"Sagen Sie es schon!", forderte McCall. "Sagen Sie, wie's war."

Martinson deutete auf den toten Smith. "Der Mann dort hat zuerst gezogen... Oben ist wohl noch ein Toter."

"Mein Name ist Darren McCall", riss der Anführer der Gruppe das Wort an sich. Er blies dem Sheriff Zigarrenrauch entgegen und deutete dann auf Smith' Leiche. "Dieser Mann dort hat auf meinen Kumpel geschossen. Leider war ich nicht schnell genug, um ihm das Leben zu retten." Einer der anderen Kerle grinste breit und hässlich.

"Wenn Sie wollen, schwören wir das auch alle gerne vor einem Gericht!", lachte er.

"Es war Notwehr!", mischte sich einer der anderen ein.

"Für Notwehr haben Sie reichlich viele Kugeln verbraucht, McCall!", stellte Clay fest. "Ich möchte nicht, dass es weiteren Ärger gibt!"

"Das liegt auch nicht in meinem Interesse."

"Freut mich zu hören, Mr. McCall."

Clay stellte fest, dass die dunkelhaarige Schönheit in McCalls Schlepptau ihn unverhohlen musterte. Ihre Augen blitzten. "Willst du mich dem Marshal nicht vorstellen, Darren?", fragte sie.

McCall beachtete sie nicht weiter. "Ich werde mich hier in der Gegend niederlassen", verriet er an Clay gerichtet.

"Es wäre also nicht schlecht, wenn wir uns gut verstehen würden."

"Solange Sie sich an die Gesetze halten, sehe ich da kein Problem."

McCall lachte, blies Clay dann eine Rauchwolke entgegen.

"Klingt ziemlich kleinkariert, was Sie da sagen, Marshal. Gesetze sind für die Schwachen. Die Starken machen sich ihre Gesetze selber!"

Clay blieb gelassen. "Solange Sie hier in Roswell sind, werden Sie diesen Grundsatz vergessen müssen." In diesem Moment sprang die Tür auf.

Archie Wayne, der Assistant Marshal stürmte herein. Der alte Mann hielt eine Schrotflinte im Anschlag. Um mit einem Colt umzugehen, war er zu ungeschickt, aber mit seiner Schrotflinte war es für ihn fast unmöglich daneben zu treffen. Offenbar hatte auch er die Schüsse gehört, während er im Marshal Office gesessen und seine Zeitung gelesen hatte.

"Alles in Ordnung, Clay?", fragte er.

"Wie man's nimmt", erwiderte Clay mit Blick auf die Toten. Clay wandte sich zum Gehen.

"Vielleicht sieht man sich ja mal", hauchte ihm die schöne Dunkelhaarige zu.

Eine hübsche Frau!, musste Clay anerkennen.

Aber es war klar, dass sie zu McCall gehörte.

Und Clay dachte nicht im Traum daran, die Lage noch zusätzlich zu komplizieren.

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Clay traf Dorothy vor dem McMillan-Store wieder. Sie deutete zu der McCall-Meute auf der anderen Straßenseite hinüber. "Diese Männer gefallen mir nicht", meinte sie.

"Mir auch nicht. Kaum in der Stadt und schon gibt's Tote."

"Das kann ja heiter werden..."

"Es hat diesen Smith erwischt", murmelte Clay nachdenklich.

"Diesen undurchsichtigen Gunslinger, von dem du mir erzählt hast?", vergewisserte sich Dorothy.

Clay nickte. "Ja, und ich bin nach wie vor überzeugt davon, dass sein wahrer Name nicht Smith ist..." Er fasste Dorothy bei den Schultern. "Ich werde erstmal in der Stadt bleiben müssen, um diese Meute zu beobachten..." Clay wandte sich an Archie Wayne, der der sich im McMillan-Store etwas Kautabak besorgt hatte und jetzt noch einmal misstrauisch zum Hotel hinüberschaute, bevor er sich auf den Gaul schwang.

"Wie wär's, wenn du ein bisschen hier in der Nähe bleibst und diese Meute im Auge behältst, Archie?", meinte Clay.

"Genau das wollte ich dir auch schon vorschlagen", nickte Archie.

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Eddie Cameron, der Besitzer des HAPPY SINNER Saloons, saß an einem der Spieltische und ließ die Karten knallen. Auf seine Schulter stützte sich eines der Saloongirls, dessen Ausschnitt so tief war, dass man sich nur wundern konnte, wie es Cameron gelang, sich trotzdem auf das Spiel zu konzentrieren.

Die Männer, mit denen Cameron spielte, waren Männer, die er zu seinem Schutz engagiert hatte. Das Geld für das Spiel, musste er ihnen vorstrecken. Aber Cameron ging es nicht um das Geld. Davon hatte er selbst genug. Es ging ihm um das Gewinnen. Mit einem triumphierenden Lächeln sammelte der Mann das Geld ein, das auf dem Tisch lag.

"Jetzt haben Sie all Ihre Dollars wieder...", grinste einer der Männer. Er war dunkelhaarig und trug den Revolver sehr tiefgeschnallt. Seine Linke spielte mit dem Griff des langen Bowiemessers, dass er am Gürtel hängen hatte. Unter der hässlichen Messernarbe, die Camerons Gesicht entstellte, zuckte ein Muskel.

Er blickte den Sprecher auf eine Weise an, die selbst diesen harten Kerl erblassen ließ.

Es war besser, einem Mann wie Eddie Cameron nichts zu sagen, was diesen ärgerte.

"Spar dir deine dämlichen Bemerkungen, Reilly!", zischte er zwischen den Zähnen hindurch. "Ich habe dich schließlich nicht dafür engagiert, dass du dich als Klugscheißer betätigst..."

Reilly blickte sich unter den anderen Gunslingern um, die in Camerons Diensten standen. Aber von keinem der Männer hatte er Hilfe zu erwarten, das war dem Mann mit der Wildlederjacke sofort klar. Reilly gab also klein bei.

"Ist ja schon gut, Boss. War nicht so gemeint." In diesem Moment flogen die Schwingtüren des HAPPY SINNER Saloons auseinander.

Der Bürgermeister trat ein, begleitet von Jeffrey Polland, seinem Beschützer.

Franklin J. Coldwater besaß eine Kette von Stores in der Umgebung. Das Bürgermeisteramt von Roswell übte er lediglich ehrenamtlich aus, weil es seinen Geschäften diente. Mit Cameron hatte er gemeinsam, dass ihm der gegenwärtige Marshal nicht passte. Außerdem pfiffen es die Spatzen von den Dächern, dass beide Männer in üble Geschäfte verwickelt waren. Aber solange ihnen persönlich niemand etwas nachweisen konnte, glaubten sie sich auf der sicheren Seite.

Coldwater war ziemlich aufgebracht.

Der nur etwa 1,60 Meter große Mann, den man selbst bei heißestem Wetter im Anzug und mit Melone auf dem Kopf in der Öffentlichkeit sah, trat mit weiten Schritten an den Tisch des Saloonbesitzers heran. Sonst befand sich kaum jemand im HAPPY SINNER Saloons. Für den eigentlichen Betrieb war es noch viel zu früh. Fast alle, die sich jetzt im Schankraum aufhielten, gehörten irgendwie zum Haus. Die Girls, die Bar-Keeper und die Männer, die Cameron zu seinem Schutz engagiert hatte...

Coldwater schnipste mit den Fingern.

Polland, sein Schatten, nahm einen Stuhl von einem der benachbarten Tische weg und stellte ihn so hin, dass Coldwater sich setzen konnte.

Ein schiefes Grinsen erschien auf Eddie Camerons Gesicht.

"Franklin! Was verschafft mir die Ehre dieses hochoffziellen Besuchs!", lachte er.

Coldwaters Gesicht wurde dunkelrot.

Er legte den Hut auf den Spieltisch und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

"Hast du schon gehört, was passiert ist? Im Hotel wurde jemand erschossen."

Cameron zuckte die Achseln. "Dies ist eine gesetzlose Stadt", meinte er. "Aber das Problem kennst du doch... Wir haben einen Marshal, der das Gesindel nicht in Schach hält..."

"Eddie, die Sache ist ernst! Da ist ein gewisser McCall aufgetaucht mit seiner Meute! Die haben Smith erschossen den Gunslinger, den du angeheuert hattest, um Clay Braden das Leben zur Hölle zu machen."

Camerons Gesicht veränderte sich.

"Die haben Smith umgelegt?"

"Ja, genau."

"Alle Achtung. Smith war ein erstklassiger Mann... und was sagt der Marshal?"

"Was soll er sagen? Smith hatte zuerst gezogen."

"Verdammt."

"Eddie, wir müssen etwas unternehmen. Ich kenne diesen McCall. Das ist ein schlimmer Finger."

Cameron verschluckte sich fast an dem Whisky, den er gerade leerte.

"Du kennst den Kerl?"

Coldwater nickte. "Ja. In Lordburg hatte ich einen Store... bis McCall sich dort breitmache. Wer nicht an ihn bezahlte, dem ging es schlecht. Er setzte die Geschäftsleute unter Druck, so dass sie ihn zum Teilhaber ihrer Läden machen mussten. Bald gehörte ihm die halbe Stadt... selbst der Sheriff war nur eine Marionette..." Cameron bleckte die Zähne. "Was ist mit deinem Laden passiert?"

"Ich habe ihn verkauft. Natürlich mit Verlust." Cameron stand auf. Er schob das Girl, das ihm bis dahin an der Schulter gehangen hatte, grob weg. "Und du glaubst, er will hier dieselbe Nummer abziehen?"

"Ja. Ich schätze, man hat ihn aus Lordsburg vertrieben. Und jetzt versucht er sich, eine andere Stadt unter den Nagel zu reißen..."

"Und was schlägst du vor, Franklin? Soll er eine Kugel in den Kopf bekommen?"

Der Bürgermeister griff nach seiner Melone, presste sie gegen die Brust.

"So etwas habe ich nie gesagt, Eddie!"

"Aber gedacht hast du an nichts anderes!" Ein teuflisches Grinsen erschien in Camerons Gesicht. "Ich schlage vor, wir versuchen uns mit diesem McCall zu einigen..."

"Das ist unmöglich, Eddie! Das haben schon andere versucht und dabei den Kürzeren gezogen!"

Cameron umrundete den Spieltisch. Coldwater stand auf. Cameron legte ihm gönnerhaft die Hand auf die Schulter. "Wir werden ihn benutzen, Eddie. Vielleicht tut McCall uns sogar, ohne dass er es eigentlich vorhatte einen Gefallen und beseitigt Clay Braden..."

Coldwater atmete tief durch.

"Es gibt wohl nichts, woraus du nicht einen Vorteil ziehen kannst, was Eddie?"

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Es war früher Abend, als McCall und ein Teil seines Gefolges auf der Sundance Ranch auftauchten. In scharfem Galopp kamen sie über die Brücke geritten.

Wenig später erreichten sie den Vorplatz der Ranch. Kendra Lamont, die rothaarige Französin stand an einem der Fenster in der Bar, die sich zusammen mit den Geschäftszimmern im Haupthaus der Ranch befand.

"Sieht aus, als bekämen wir Kundschaft!", stieß sie hervor. "Mon Dieu! Und gleich so viele..." Marlène und Claire-Jo alberten an der Bar mit ein paar anderen Girls herum.

Cornelius O'Mahoney, der ehemalige Butler eines schottischen Lords und jetzt Barkeeper und Mädchen für alles auf der Sundance Ranch, stand hinter dem Schanktisch und verzog nicht einmal eine Miene dabei. Er blieb stets ernst und hatte ziemlich steife Umgangsformen. Er wusste genau, was die meisten Gäste auf der Sundance Ranch bevorzugten. Zumindest, was die Getränke anging. Und so stellte der alte Cornelius schon einmal ein Dutzend Whisky Gläser auf den Schanktisch. Die Gentlemen konnten sonst ein bisschen ungeduldig werden, wenn es mit dem Einschenken nicht schnell genug ging. Augenblicke später waren Schritte zu hören. Die Schwingtüren der Bar flogen auseinander. Ein Mann mit schwarzem Bart und einem dunklen Anzug trat als Erster ein. Er war der Boss der Gruppe, das war sofort zu sehen.

Er blieb stehen, seine Männer blieben hinter ihm. Plötzlich sagte niemand im Raum ein Wort.

"Ich bin Darren McCall", sagte der Bärtige laut. "Und alles, was diese Männer verzehren oder sonstwie an Unkosten verursachen geht auf meine Rechnung."

"Habe ich verstanden, Mr. McCall", sagte Cornelius. McCall drehte sich kurz zu seinen Leuten um. "Benehmt euch wie Gentlemen. Ich will keine Klagen hören..."

"Klar Boss", meinte einer der Männer. Gemurmel entstand. McCall blickte sich um. "Schöner Laden", sagte er. "Schöner jedenfalls als der, den es in Lordsburg gibt..." Er ließ den Blick schweifen.

Seine Leute drängten sich inzwischen um die Whisky-Gläser. Die ersten waren schon schnell heruntergekippt. Die Girls begannen, die Männer zu umgarnen.

McCalls Augen blieben an Kendra Lamont haften, der rothaarigen Schönheit aus Frankreich. Die Sünde pur, wie sie mancher hinter vorgehaltener Hand in Roswell nannte.

"Mit wem habe ich die Ehre?", fragte er, nahm ihre Hand und vollführte einen formvollendeten Handkuss.

Kendra war davon derart überrascht, dass sie ins Französische verfiel. "Je m'apelle Kendra Lamont", murmelte sie. "Oh, excusez-moi!"

McCall lächelte. "Ein schöner Name", fand er.

"Wollen Sie etwas trinken, Monsieur McCall?"

"Mit Ihnen gerne, Madam. Aber nicht hier... Hier ist es mir zu laut."

"Dann gehen wir hinauf zu mir."

McCall bot ihr den Arm.

"Sie trinken wahrscheinlich Whisky, n'est-ce pas?", war Kendra überzeugt.

"Zu einer Lady wie Ihnen passt besser Wein. Wenn Sie so etwas dahaben..."

Kendra sah ihn mit ihren dunklen Augen erstaunt an - und er genoss diese Verblüffung. "Was ist los?", fragte McCall. "Hat es Ihnen die Sprache verschlagen?"

"Mon dieu, es nur so, dass..." Sie brach ab und fuhr dann einen Augenblick später fort: "Es gibt nicht viele Männer mit Kultur in dieser Gegend. Sie scheinen da eine Ausnahme zu sein..."

Mit einer Flasche Wein und zwei Gläsern gingen sie aus der Bar. In der Eingangshalle des großen Ranchhauses führte eine Freitreppe hinauf zu den Geschäftszimmern der Girls, während sich deren Privaträume in einem Nebengebäude befanden.

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Eine knappe Stunde später betraten McCall und Kendra wieder zusammen die Bar. Marshal Clay Braden saß dort an einem der Tische. Cornelius hatte ihm eine Mahlzeit serviert. Eier mit Speck. Clay stutzte kurz, als er McCall mit Kendra zusammen sah.

"Hallo, Marshal", begann McCall. "Wir müssen miteinander reden."

"Setzen Sie sich", bot Clay an.

McCall kam dieser Aufforderung nach. Er machte eine weit ausholende Handbewegung. "Was verlangen Sie für all das hier?"

"Wie bitte?" Clay glaubte sich verhört zu haben.

"Ich will Ihnen die Sundance Ranch abkaufen, Marshal. Sie haben schon richtig gehört. Nennen Sie mir Ihren Preis..." Clay Braden schüttelte den Kopf.

"Die Sundance Ranch steht derzeit nicht zum Verkauf", erklärte er.

In McCalls Augen blitzte es. Seine Stimme klirrte wie Eis, als er fortfuhr. "Das sagen Sie jetzt, Braden. Ich verstehe, dass Sie handeln wollen..."

"Ich will nicht handeln", widersprach Clay Braden.

"Ich zahle Ihnen genug, damit Sie sich eins der Girls hier aussuchen und damit irgendwo anders ein neues Leben beginnen können!" Er grinste. "Meinetwegen nehmen Sie zwei oder drei von den Frauen und gehen zu den Mormonen in Utah..."

Clay blickte auf. "Ich habe den Eindruck, Sie wollen mich aus der Stadt haben!"

"Das wäre ein durchaus willkommener Nebeneffekt", gab McCall zu. "Wir könnten natürlich auch zu einer anderen Form der Zusammenarbeit kommen..."

"Bemühen Sie sich nicht", schnitt Clay ihm das Wort ab. McCall erhob sich. "Sie werden sich meinen Vorschlag noch durch den Kopf gehen lassen und schließlich feststellen, dass er vernünftig ist!", war er überzeugt. Mit diesen Worten ging er davon. Bei Kendra blieb er kurz stehen. "Bis bald, Darling", zischte er zwischen den Zähnen hindurch.

"Warum hast du ihn so schroff behandelt?", fragte Kendra, nachdem er gegangen war.

"Hast du denn nicht gehört, was er wollte?", fragte Clay.

"Meine Güte, es ist doch kein Verbrechen, ein Kaufangebot zu machen!"

"Nein, das nicht. Aber drüben in Lordsburg hat er seine Geschäfte auf ganz besondere Weise betrieben. Wer nicht spurte, den hat er über die Klinge springen lassen..."

"Wer sagt das?"

"Ein Frachtfahrer, den ich heute traf. Er fährt für McMillans Store Richtung Lordsburg."

Kendra machte eine wegwerfende Handbewegung. "Alles nur Gerede!", war sie überzeugt.

"Du bist ja ganz eingenommen von dem Kerl", meinte Clay.

"Unsinn. Aber er hat Manieren..."

Ein versonnenes Leuchten in ihren Augen strafte sie Lügen.

"Du täuschst dich in ihm", sagte Clay. "Glaub mir."

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McCall kehrte mit einem Teil seiner Männer zum Hotel zurück. Die anderen waren noch auf den Zimmern der Sundance Ranch beschäftigt. Es war bereits dunkel. Die eine Hälfte der Mannschaft hatte es sich in der Sundance Ranch gutgehen lassen, während sich die anderen im HAPPY SINNER, dem Silvermoon oder einem der anderen Saloons in der Stadt austoben wollten.

Lediglich Francine war im Hotel geblieben.

Martinson nahm beinahe Haltung an, als McCall mit seinem Gefolge eintrat.

McCall grinste.

"Stehen Sie bequem, Martinson..." Seine Leute lachten grölend. McCall deutete auf seine Männer. "Versorgen Sie die Leute hier mit Whisky und allem, was sie sonst haben wollen...."

"Natürlich, Sir! Ich setze es dann auf Ihre Rechnung, wenn's recht ist..."

McCalls Gesicht veränderte sich. Plötzlich herrschte Stille. Keiner der Männer sagte einen Ton.

"Tun Sie das, Martinson", sagte McCall schließlich. "Was macht Miss Francine?"

"Ist hier im Haus." Martinson schluckte. "Auf ihrem Zimmer..."

"Okay..."

McCall musterte den Hotelier einen Augenblick lang nachdenklich, dann ging er die Treppe hinauf zu den Zimmern.

"Mr. McCall...", rief Martinson ihm nach. McCall blieb stehen, drehte sich halb herum.

"Was gibt's noch?"

"Ich weiß nicht, ob Sie da jetzt wirklich hinaufgehen sollten..."

"Wieso denn nicht?"

Martinson schluckte. Er wurde ganz blass. Seine Haut wirkte fast so grau wie seine Haare.

McCall drehte sich jetzt ganz herum. Seine Hand griff zum Colt an der Seite. Er zog ihn blitzschnell heraus, ließ ihn einmal um den Zeigefinger herumdrehen. Dann glitt die Waffe wieder in das Lederholster hinein.

"Sie sollten sich eins merken, Martinson: Ich bin hier der maßgebliche Mann. Ich bezahle Sie, ich entscheide auch ich über Leben und Tod... Und ganz gleich, was Sie auch über andere große Haie in der Stadt gehört haben mögen - früher oder später werden sie alle vor die Wahl gestellt werden, sich mir unterzuordnen oder ins Gras zu beißen." McCall schob sich den Hut in den Nacken. Seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen. Martinson wich unwillkürlich zurück, machte zwei Schritte nach hinten, bis er in seinem Rücken die Wand spürte.

McCall bleckte die Zähne wie ein Raubtier.

"Für manche stellt sich diese Frage eben etwas früher", zischte er.

Martinson atmete tief durch. Er lief rot an. "Es ist so... Miss Francine... Sie ist nicht allein..."

McCalls Gesicht veränderte sich zu einer steinernen Maske. Seine Hände ballten sich zu Fäusten.

Mit weiten Schritten lief McCall die Treppe hinauf, nahm immer drei Stufen auf einmal.

Wenig später hatte er Francines Tür erreicht.

Ein kräftiger Tritt ließ die Tür aufspringen.

Francine saß in der Badewanne, schreckte hoch und stieß einen spitzen Schrei aus.

Der Mann auf der Bettkante zog sich gerade die Hose hoch. Sein Oberkörper war frei.

"Greg!", stieß McCall hervor.

Greg Duncan war einer seiner Leute. Ein fast zwei Meter großer dunkelhaariger Hüne. Und verdammt schnell mit dem Revolver. Dieser befand sich im Holster, das der große Mann auf der Kommode abgelegt hatte. Aber bis dahin waren zwei oder drei Schritte.

Greg fixierte seinen Boss mit den Augen.

"Mach deine Hose zu, Greg!", forderte McCall ihn auf. "Selbst ein Schweinehund wie du sollte in Würde sterben..." McCalls Rechte ging zum Revolver. Die Linke schob die Anzugjacke zur Seite, griff nach hinten zum Rücken, wo er ein Messer am Gürtel hängen hatte. Seine Finger legten sich um den Griff, zogen es langsam heraus.

Gregs Blick wanderte zu seinem Revolverholster.

"Darren!", schrie Francine. "Es ist alles nicht so wie du denkst!"

McCalls Nasenflügel bebten. Sein Blick war starr auf Greg gerichtet. Er registrierte jede seiner Bewegungen, jede Anspannung eines Muskels... "Du hättest jedes Girl hier in der Stadt haben können, Greg. Du wusstest ganz genau, dass es da nur eine Ausnahme gab..." McCall spuckte verächtlich aus, "was hat dieses Luder nur gemacht, dass sie dich trotzdem dazu gekriegt hat..."

"Boss, ich..."

"Ihr habt wohl damit gerechnet, dass ich länger weg bin, was?"

"Mr. McCall, hören Sie..."

"Ich hab's immer gesagt, wenn einer Francine anrührt, ist er ein toter Mann. Tut mir leid, Greg. Gerade jetzt hätte ich einen guten Pistolero wie dich gut gebrauchen können..."

Greg schien einzusehen, dass jedes weitere Wort vollkommen überflüssig war. Was Francine anging, verstand der große Boss keinen Spaß. Greg sah jetzt nur noch eine einzige Chance, sein Leben zu retten. Er schnellte zur Seite, dorthin, wo sein Holster lag. Er riss den Revolver mitsamt dem Leder herum.

In der selben Sekunde schleuderte McCall ihm sein Messer entgegen.

Die Klinge traf Greg in der Herzgegend. Ohne einen Schuss abgegeben zu haben, sackte er vornüber zu Boden.

"Darren, bist du verrückt geworden!", rief Francine. Regungslos saß sie in der Wanne. Sie wagte es nicht, auch nur etwas heftiger zu atmen.

McCall drehte Gregs Körper herum, überzeugte sich davon, dass er auch wirklich tot war. Dann zog er die Klinge heraus. Er trat an die Wanne heran, wusch das Messer in Francines Badewasser ab und steckte es dann wieder ein.

"Es ist traurig", sagte er. "Man kann dich keinen Augenblick allein lassen..."

"Du vergnügst dich in dieser Bar, von der hier alle reden - aber wenn ich..." Sie stockte, schwieg dann. In Darren McCalls kaltem Blick sah sie ihren Tod.

"Ich bin es leid mit dir", sagte er. "Durch deine Schuld verliere ich einfach zu viele gute Männer..."

"Darren...", flüsterte sie. Sie begann zu zittern. McCall griff zu, packte sie und tauchte sie in das Badewasser. Sie strampelte mit den Armen und Beinen, versuchte nach ihm zu schlagen und zu treten. Aber gegen den eisernen Griff, mit dem er sie gepackt hatte, konnte sie nicht an. Er war einfach stärker.

Ihr Widerstand wurde schwächer. Schließlich bewegte sie sich nicht mehr.

McCall atmete tief durch. Er bedachte die Tote mit einem letzten Blick, dann wandte er sich um. Mit Gregs Hemd, das auf dem Bett lag, trocknete er sich die Hände ab und steckte sich dann eine Zigarre in den Mund. Das Streichholz riss er an der Schuhsohle an. Nach ein paar Zügen hatte er sich wieder etwas beruhigt.

Er ging hinaus auf den Flur.

"Collins! Bugley! Kommt mal her!", rief er so laut, dass man ihn unten in der Eingangshalle hören musste.

Collins war blond und hatte ein Doppelholster um die Hüften geschnallt. Bugley besaß eine Weste aus dunkelbraunem Leder. Seine Haare waren von derselben Farbe und fielen ihm bis auf die Schultern. Der Schnauzbart wirkte verfilzt. Das Holster trug er sehr tiefgeschnallt. Die beiden hetzten die Treppe hinauf. McCall winkte sie in Francines Zimmer. Keiner der beiden sagte ein Wort, aber es war ihnen anzusehen, dass ihnen nicht gefiel, was sie da vorfanden.

"Wie ihr seht, habe ich ein Problem." McCall sah die beiden scharf an. "Ihr reitet heute Abend noch los und lasst die beiden Toten verschwinden. Aber macht es euch nicht so leicht, sie einfach in den Fluss zu werfen, wer weiß wo sie dann angespült werden? Am besten, ihr legt sie irgendwo in den Bergen der Sierra Blanca ab... Das ist nicht weit von hier, aber es lebt dort kein Mensch. Und wenn ihr ein paar Steine drauflegt, findet man sie dort in hundert Jahren nicht."

"Boss, ich...", begann Bugley.

McCall kam ihm zuvor.

"Ihr bekommt natürlich 'ne Extra-Prämie. Versteht sich von selbst. Außerdem solltet ihr zusehen, dass ihr nicht zu vielen Leuten über den Weg lauft."

"Verstehe", knurrte Collins. Er verzog nach einem Blick auf die ertränkte Francine das Gesicht.

Er hasste Aufträge dieser Art.

"Und dann gibt es da noch eine zweite Sache..." Die Beiden sahen ihren Boss aufmerksam an.

"Worum geht es?", wollte Bugley wissen. McCall lächelte zynisch.

"Ich will, dass ihr verhindert, dass die Postkutsche hier ankommt... Erstens könnten unsere Vorräte an Kleingeld mal wieder ein bisschen aufgefüllt werden und zweitens..." In seinen Augen blitzte es. "Ich möchte, dass dieser Marshal Clay Braden in Ausübung seiner Pflichten ums Leben kommt. Bei dem Kerl beißen wir sonst auf Granit..."

"Wird gemacht, Boss", versprach Collins.

McCall grinste. "Wer weiß, vielleicht ist morgen schon einer von euch der neue Sternträger hier in der Stadt..."

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8

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Früh am Morgen erreichte ein Reiter die Sundance Ranch, mit dem um diese Zeit niemand gerechnet hätte.

Es war Darren McCall.

Clay Braden war gerade damit beschäftigt, sein Pferd zu satteln, als McCall eintraf.

Er kam allein, ohne Gefolge. Clay blickte ihm erstaunt entgegen. "Was wollen Sie, McCall? Mir ein neues Angebot für die Sundance Ranch machen?"

McCall schob sich den Hut in den Nacken. "Und wenn es so wäre?"

"Sie können sich die Mühe sparen."

"Ich bin jemand, der nicht so schnell aufgibt, Braden."

"Dasselbe trifft auch auf mich zu, McCall." McCall stieg aus dem Sattel. "Ich bin aus rein privaten Gründen hier..."

Clay wurde hellhörig. "Wegen Miss Lamont?"

"Sehr richtig."

"Um diese Zeit haben wir bei uns noch nicht geöffnet, Mr. McCall. Sie bekommen jetzt nicht einmal einen Drink in der Bar!"

McCall beachtete Clays Worte nicht weiter. Er deutete auf das Nebengebäude, in dem sich die Privaträume der Girls befanden. "Ich nehme an, Kendra wohnt auch dort..."

"Ja, aber für Sie ist dort kein Zutritt!", versetzte Clay. McCall grinste schief. "Ich schlage vor, das lassen wir Miss Kendra bestimmen, Braden! Oder ist es in Ihrer Stadt gegen das Gesetz, sich mit einer Lady zu treffen!"

"Kommen Sie zu den Geschäftszeiten wieder, McCall." McCall ignorierte den Marshal. Er trat zur Tür, klopfte an. Das Klicken eines Revolverhahns ließ ihn dann zur Salzsäule erstarren. Er drehte sich herum, blickte in die Mündung von Clay Bradens 45er Peacemaker.

"Ich habe das nicht einfach so zum Spaß gesagt, Mr. McCall. Kommen Sie zu den Zeiten wieder, wenn auf der Sundance Ranch jeder Gast willkommen ist..." McCall bleckte die Zähne. Die rechte Hand wanderte in Richtung des Coltgriffs. Die Linke fand unterdessen den unter der Jacke verborgenen Messergriff...

"Sie haben Mut, Braden! Wir sollten uns zusammentun, dann könnten wir 'ne Menge erreichen hier in Roswell. Es würde Ihr Schaden nicht sein!"

Clay steckte den Colt ein und trat näher.

"Ich komme ganz gut allein zurecht", meinte er. "Und im übrigen kann ich Sie nur warnen..."

"Warnen?" McCall lachte.

"Es sind einige üble Stories über das im Umlauf, was Sie in Lordsburg so getrieben haben... Die Leute dort haben Sie mehr oder weniger vor die Tür gesetzt, wenn ich das richtig sehe."

"Man sollte nicht alles glauben, was so geredet wird!"

"Wenn Sie hier eine krumme Tour versuchen und irgendeinen der Geschäftsleute in Roswell unter Druck setzen, um Schutzgeld oder Gewinnbeteiligung zu erpressen, dann bekommen Sie es mit mir zu tun!"

McCalls Gesichtsausdruck wurde finster.

"Wirklich schade, dass Sie so ein sturer Hund sind, McCall. Meine Erfahrung nach leben Männer mit Ihrer Einstellung nicht sehr lange..."

In diesem Moment ging die Tür des Nebengebäudes auf. Kendra Lamont trat mit etwas verschlafenem Gesicht hinaus. Sie hatte sich Jeans und ein Hemd übergeworfen. Die rote Mähne hing ihr ungebändigt über die Schultern.

"Was ist denn los?" fragte sie.

Dann wurde ihr klar, dass es McCall war, der vor ihr stand. Ihr Gesicht veränderte sich. "Darren!"

"Guten Morgen, Kendra!", sagte McCall freundlich. Seine Linke löste sich von dem Messergriff unter seiner Jacke. Ein versonnenes Lächeln flog über Kendras Gesicht. "Guten Morgen..."

"Zieh dir was schönes an, Kendra, ich möchte dich in die Stadt entführen... Selbstverständlich bezahle ich dir den Tag..."

"Den ganzen Tag?", vergewisserte sich Kendra. Ihre Augen leuchteten.

"So ist es."

"Ich bin gleich fertig!", versprach sie und verschwand wieder. McCall drehte sich mit einem triumphierenden Grinsen zu Clay Braden herum. "Habe ich irgendein Gesetz übertreten, Marshal?", fragte er spöttisch. "Ich glaube kaum. Also werden Sie sich damit abfinden müssen... Oder dürfen die Girls nicht selbst entscheiden, mit welchem Mann sie mitgehen?"

Clay Braden kochte innerlich vor Wut. Aber es gab nichts, was er tun konnte. Kendra hatte offensichtlich einen Narren an diesem Kerl gefressen. Und sein gentlemanhaftes Auftreten ihr gegenüber hob ihn sicher aus der Masse jener Männer heraus, die der Französin ansonsten begegneten.

Aber Clay traute McCall nicht über den Weg.

Wenig später war Kendra fertig. Sie trug ein blaues Kleid, das sie wie eine Grand Dame aussehen ließ. Die Haare hatte sie hochgesteckt. McCall bedachte sie mit bewundernden Blicken. "Du siehst fabelhaft aus", meinte er anerkennend. "Eine Lady, mit der man sich überall sehen lassen kann!"

Er schwang sich auf sein Pferd, streckte die Hand aus. Sie ergriff sie. Dann zog er sie hinauf, so dass sie hinter ihm im Sattel saß.

Mit Blick auf Clay Braden legte er zwei Finger an den Hut. "Also dann, Marshal. Nichts für ungut!" Er zog den Gaul herum und ritt mit Kendra Richtung der Tinto River-Brücke.

"Wohin reiten wir?", fragte sie.

"Zuerst ein bisschen einkaufen... Vielleicht finden wir eine schöne Kette zu deinem Kleid."

McCall ritt mit ihr die Main Street entlang. Die Passanten sahen sich erstaunt an, dass McCall eines der Girls der Sundance Ranch wie eine Dame ausführte. Vor dem McMillan-Store zügelte er sein Pferd. Sie stiegen ab. McCall machte sein Pferd fest.

Dann fasste er Kendra bei den Schultern.

"Hör zu, eine wie du ist viel zu schade, um ihr Leben an einem Ort wie der Sundance Ranch zu verschwenden..."

"Ich fühle mich dort aber sehr wohl!"

"Du kommst aus Frankreich..."

"Oui, Monsieur."

"Dann muss dir doch klar sein, dass es noch etwas anderes gibt. Ein anderes, größes Leben. Geld, Reichtum, Ansehen... Ich werde sehr bald eine bedeutende Rolle hier in Roswell spielen. Und ich möchte eine echte Lady an meiner Seite haben. Eine Prinzessin wie dich..."

Kendra errötete etwas. Damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. Aber es schmeichelte ihr, dass ein Mann wie Darren McCall sich so sehr für sie interessierte. Das berührte sie besonders.

"Wie ich gehört habe, gibt es bereits eine Lady an Ihrer Seite", sagte sie dann vorsichtig.

"Wer sagt das?"

"Marlène. Sie hat es von den Leuten in der Stadt gehört." McCall atmete tief durch. "Sie meinen Francine, die mit uns hier her gekommen ist. Miss Francine hat uns leider verlassen."

"So?"

"Ja, sie ist heute morgen in aller Herrgottsfrühe aufgebrochen. Ihr sagt Roswell offenbar nicht so zu."

"Das tut mir leid."

"Braucht es nicht."

"Sie lassen sie ganz allein durch die Wildnis reiten?"

McCall schüttelte den Kopf. "Nein, ein paar meiner Männer sind bei ihr und bringen sie nach El Paso. Dort hat sie Verwandte."

"Verstehe..."

McCall bedachte sie mit einem Blick, den Kendra schwer zu deuten wusste. Entschlossenheit lag darin, auch unersättliche Gier. Und noch eine andere Nuance, die Kendra etwas beunruhigte.

"Ich möchte, dass du eines Tages mir allein gehörst, Kendra!", sagte McCall dann.

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9

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Vier Männer warteten im Schutz der kleinen Baumgruppe auf dem Hügel. Es waren McCalls Leute. Collins und Bugley waren dabei. Außerdem noch ein Mestize und ein finster wirkender Mann mit dunklem Hut. Der Mestize überprüfte gerade die Ladung seines Colts, drehte die Revolvertrommel herum. Der Mann mit dem dunklen Hut blickte starr hinunter auf die Ebene. Man hatte von hier aus die gesamte Umgebung gut im Blick. Er fixierte eine Staubwolke die sich vom Horizont her näherte.

"Das ist sie!", meinte er. "Die Postkutsche!"

"Bis jetzt sehe ich nur eine Staubwolke, Sonny!", meinte Bugley, der sich neben den Mann mit dem dunklen Hut stellte. Sonny grinste schief.

"Glaub mir, sie ist es! Das habe ich im Gefühl." Sonny zog sich das Halstuch vor den Mund. Die anderen folgten seinem Beispiel. Der Mestize war der erste, der sich auf den Gaul schwang. Er zog die Winchester aus dem Scubbard, lud sie mit einer energischen Handbewegung durch.

"Immer mit der Ruhe, Loco!", grinste Collins, der Mann mit den zwei Colts. "Die Beute läuft uns nicht davon!"

"Ich hoffe, dass unter dem Gepäck wenigstens etwas Bargeld ist!", meinte Loco, der Mestize. "Drüben, in Mexiko war ich mal einer Sache dabei... Da haben wir nur Papiere erbeutet! Papiere, die angeblich etwas Wert waren! Anteilscheine an einer Frachtlinie..."

Collins lachte rau auf. "Du kannst lesen, Loco?"

"Ja. War auf Missionsschule, drüben in Chihuahua."

"Da sieht man ja, wohin eine fromme Erziehung führen kann!", lachte Bugley.

Die Staubwolke näherte sich weiter.

Es gab jetzt keinen Zweifel mehr daran, dass es sich um die Postkutsche handelte. Sie war vierspännig. Auf dem Bock saß neben dem Kutscher noch ein Kerl mit einem Gewehr in der Hand. Das Gepäckdach war so voll, dass es schon eine eigene Kunst gewesen war, die einzelnen Koffer und Taschen dort oben so festzuschnallen, dass sie nicht beim ersten Schlagloch herunterfielen. Demnach gab es auch Passagiere.

"Worauf warten wir noch?", fragte Jake ziemlich ungeduldig.

"Ich gebe hier das Signal", stellte Collins fest. "Achtet darauf, dass eure Maskierung richtig sitzt... Ihr wisst ja, dass wir einen der Passagiere durchkommen lassen sollen... Aber der darf euch nicht beschreiben können, sonst riecht der Marshal die Lunte, bevor wir ihm ans Leder können!"

"Alles klar", murmelte Bugley.

Collins ließ die Kutsche nahe herankommen.

Dann gab er das Signal.

Die vier Männer preschten aus ihrem Versteck hervor. Mit einem gezielten Schuss holte der Mestize den Mann mit dem Gewehr vom Bock herunter.

Der Kutscher trieb die Pferde voran. Die Kutsche bekam eine geradezu halsbrecherische Geschwindigkeit. Aber sie hatten keine Chance, den Reitern zu entkommen.

Bugley hatte die Kutsche überholt, richtete den Colt auf den Kutscher.

"Halt an!", schrie Bugley.

Der Kutscher gehorchte. Er hatte ohnehin keine Möglichkeit, sich zu wehren. Es war unmöglich, gleichzeitig einen Vierspänner zu führen und zu schießen.

Langsam bremste die Kutsche ab, stand schließlich. Der Kutscher hob die Hände.

"Die Waffe weg!", rief Bugley. "Los, abschnallen!"

"Nicht schießen! Ich mach ja alles, was Sie sagen!" Wenig später flog der Revolvergurt des Kutschers in den Staub.

Sonny lud indessen seine Winchester durch.

Collins stieg vom Pferd, zog seine Colts und begann auf die Passagierkabine der Kutsche zu ballern. Mit beiden Revolvern gleichzeitig. Die Kugeln gingen durch das dünne Sperrholz glatt durch, perforierten es mit einem Lochmuster. Sonny folgte Collins' Beispiel.

Loco, der Mestize, hielt derweil die Pferde des Gespanns unter Kontrolle.

Der Geschosshagel verebbte schließlich.

Collins steckte den linken Colt wieder ein, trat an die Kutsche heran, blickte durch das Fenster, um nachzusehen, ob von den Passagieren noch jemand lebte.

Dann riss er die Tür auf.

Ein Mann im dunklen Anzug fiel ihm kopfüber entgegen. Er hatte mehrere Treffer am ganzen Körper. Er war unbewaffnet. Collins schlug die Jacke des Mannes zur Seite, holte eine Brieftasche hervor und steckte sie ein.

Bugley bedeutete inzwischen dem Kutscher, vom Bock herunterzusteigen.

Zitternd kam dieser der Anweisung nach.

Als er Boden unter den Füßen hatte, wagte er einen kurzen Blick seitwärts, zur Passagierkabine...

"Keine Sorge, wir erschießen dich nicht", sagte Bugley.

"Was habt ihr vor?", stotterte er.

"Spann eins von den Pferden aus und verschwinde!", befahl Bugley. "Sechs Meilen sind es noch bis Roswell. Aber das weißt du ja wohl am besten..."

Der Kutscher schien zunächst gar nicht glauben zu können, was er gehört hatte. Bugley brannte ihm eine Kugel knapp vor die Stiefelspitzen. Der Kutscher sprang zurück.

"Na, los!", rief Bugley. "Worauf wartest du Bastard noch!" Noch einmal ließ sich das der Kutscher jetzt nicht sagen. In Windeseile hatte er eines der Pferde aus dem Gespann herausgelöst. Collins musste ihm dabei helfen, auf den Rücken des Tiere zu kommen. Ohne Sattel war das nicht so einfach. Dann ritt der Mann davon. Er schaute sich noch ein paarmal um, so als erwartete er, jeden Augenblick eine Kugel in den Rücken zu bekommen.

Collins feuerte ein paarmal über seinen Kopf hinweg, als er das sah, so dass das Pferd noch beschleunigte. Der Kutscher hatte jetzt alle Mühe, sich oben zu halten. Collins lachte rau.

Der düstere Sonny meldete sich zu Wort, zog sich dabei den dunklen Hut etwas tiefer ins Gesicht, um von der Sonne weniger geblendet zu werden. "Wir sollten sehen, dass wir unseren Job hier möglichst schnell zu Ende bringen..."

"Dazu haben wir alle Zeit der Welt", war Collins überzeugt. "Wenn Clay Braden in ein bis zwei Stunden hier auftaucht, ist er schon sehr schnell..."

Sonny grinste.

"Wird mir ein Vergnügen sein, diesen arroganten Kerl über den Haufen zu schießen."

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10

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"Dir gefällt nicht, was zwischen Kendra und diesem McCall abläuft", stellte Archie Wayne fest, nachdem er sich Clays Ausführungen angehört hatte. Die beiden saßen im Marshal Office. Archie hatte ziemlich starken Kaffee gekocht. Clay war damit beschäftigt, nach und nach die Winchester-und Spencer-Gewehre aus dem Gewehrständer zu reinigen. Es konnte ja immer mal sein, dass ein Aufgebot zusammengestellt werden musste. Und dann war es wichtig, dass die Waffen funktionsfähig waren. Archie nippte an seinem Kaffee und fuhr dann fort: "Aber du wirst nichts dagegen tun können, auch wenn dir dieser Lackaffe McCall ebensowenig zusagt wie mir!"

"Er ist ein Gangster, das liegt doch auf der Hand!"

"Ich habe mich nochmal mit einem der Frachtfahrer unterhalten, die für Coldwater fahren. Offenbar hat es in Lordsburg niemand gewagt, gegen McCall aufzumucken. Er hat dort eine ganze Weile wie ein kleiner König geherrscht, einen seiner Leute zum Marshal gemacht und das Gesetz in die eigenen Hände genommen!"

"Bis man ihn vertrieben hat!"

"Ja, Clay! Ich hoffe, Roswell bleibt dieses Schicksal erspart!"

"Ich werde es nicht soweit kommen lassen", versprach Clay Braden.

Archie Wayne machte ein zweifelndes Gesicht. "Du weißt, dass ich immer auf deiner Seite stehe, Clay! Du kannst jederzeit mit mir rechnen."

"Das weiß ich und dafür bin ich dir auch sehr dankbar, Archie!"

"Aber du bist auch nur ein Mensch und wenn du eine Kugel in den Rücken kriegst, dann ist dein Kampf zu Ende." Clay nickte. "Wenn das eintrifft, werden Cameron und McCall sich darum schießen, wem die Stadt gehört", vermutete der Marshal.

Archie Wayne hob die Augenbrauen. "Oder das Pack einigt sich und teilt alles brüderlich untereinander, weil keiner sich eine blutige Nase holen will!"

Clay stellte den Spencer-Karabiner, an dem er gerade herumgeputzt hatte, zurück in den Gewehrständer. "Verdammt, warum sieht Kendra einfach nicht, mit was für einem Wolf sie sich da eingelassen hat!"

"Jedenfalls hat dieser Wolf Geld wie Heu - und wirft um sich damit! Da wäre Kendra Lamont nur wirklich nicht die erste Frau, die sich davon beeindrucken ließe!" Archie stellte die Blechtasse auf den Tisch und fuhr dann in gedämpftem Tonfall fort. "Wusstest du, dass McCall sich bei Johnsons Freight Line eingekauft hat?"

"Nein."

"Johnsons Gehilfe hat es mir erzähl, McCall gehört jetzt die Hälfte der Linie. Und McMillan hat er auch schon ein Angebot gemacht, aber der überlegt noch... Mir gefällt das nicht, Clay!"

"Glaubst du mir?"

Von draußen drang Stimmengewirr herein.

Clay schaute aus dem Fenster. Konnte aber nichts erkennen. Einen Augenblick später trat Clay vor die Tür, blickte die Main Street entlang. Zwischen McMillan-Store und Hotel hatte sich ein Menschenauflauf gebildet.

Clay schwang sich in den Sattel seines Pferdes, das vor dem Marshal Office festgemacht hatte. Augenblicke später hatte er den Ort des Geschehens erreicht. Archie Wayne folgte seinem Beispiel und traf mit kurzer Verzögerung ein.

Die Leute bildeten eine Gasse, als sie ihren Marshal sahen. Clay sprang aus dem Sattel.

Ein Reiter bildete das Zentrum des Auflaufs. Ohne Sattel, nur mit dem Zügel war er in die Stadt geritten. Clay kannte ihn. Es war Roberts, einer der Postkutscher. Er hing mehr auf dem Pferderücken, als dass er saß. Er sah völlig verstört aus, stammelte etwas vor sich hin.

"Die Postkutsche... sechs Meilen von hier... Es waren Maskierte... Sie haben alle einfach über den Haufen geschossen... Wir hatten keine Chance."

"Und Sie sind als einziger davongekommen?", fragte Clay. Roberts sah ihn an. Er nickte stumm.

"Brauchen Sie einen Doc?", fragte Clay.

"Nein, danke, Sir!" Er ballte die Hände zu Fäusten.

"Diese Hunde! Ich fahre schon seit Jahrzehnten die Post und habe schon so manches mitgekriegt, aber so etwas Brutales habe ich noch nicht erlebt..."

"Ich werde mich darum kümmern", versprach Clay. Er wandte sein Pferd herum.

"Willst du kein Aufgebot zusammenstellen, Clay?", fragte Archie Wayne.

"Ich werde allein losreiten. Du kannst einen Trupp zusammenstellen und dann nachkommen. Aber nimm nur Leute, denen wir vertrauen können..."

"Marshal!", rief jemand.

Clay drehte sich um.

Er blickte in McCalls selbstgefälliges Gesicht. Die Leute hatten für ihn Platz gemacht. Kendra hing an seinem Arm.

"Was gibt es, McCall?", fragte Clay.

"Ich biete Ihnen meine Hilfe an! Meine Leute sind gute Revolverschützen! Wie wär's, wenn sie Sie bei der Verfolgung der Posträuber unterstützen."

Zustimmendes Gemurmel erhob sich unter den Leuten. Jeder der Männer war froh, in dem Fall nicht selbst in die Verlegenheit zu kommen, an einem Aufgebot teilnehmen zu müssen.

Aber Clays Antwort war unmissverständlich.

"Ich reite allein", erklärte er.

"Allein werden Sie kaum eine Chance haben!"

"Zerbrechen Sie sich mal nicht meinem Kopf, McCall!" Jetzt mischte sich Kendra ein. "Clay, warum lehnst du denn seine Hilfe ab?"

Clay schwang sich in den Sattel, zog sich die Hutkrempe etwas tiefer ins Gesicht. "Weil ich McCall nicht traue!", presste er zwischen den Zähnen hindurch. Dann riss er das Pferd herum und preschte die Main Street entlang.

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Clay ritt im scharfen Galopp. Es war keine Schwierigkeit für ihn, die Stelle zu finden, an der die Postkutsche überfallen worden war.

Ein Bild des Grauens bot sich ihm.

Die Bande hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, die Pferde aus dem Geschirr zu entlassen. Clay holte das nach. Sie wären elendig zu Grunde gegangen, ging es Clay bitter durch den Kopf. Offenbar waren ihnen die Gäule nicht wertvoll genug gewesen oder sie befürchteten, dass die Brandzeichen in der Gegend bekannt waren und sie überführen konnten. Das Gepäck lag verstreut in der Gegend herum. Jede Tasche hatten die Kerle durchwühlt und sich das herausgesucht, was sie für wertvoll gehalten hatten. Clay stieg aus dem Sattel.

Er blickte in die Passagierkabine, aus der einer der Reisenden heraushing. Zwei weitere Tote befanden sich drinnen. Fingerdicke Löcher hatten die Kugeln der Banditen durch die Außenwand hindurchgestanzt.

Die Skrupellosigkeit, mit der sie vorgangen waren, war beispiellos.

Clay umrundete die Kutsche, suchte nach Spuren. Er wollte herausfinden, in welche Richtung die Banditen verschwunden waren.

Warum haben sie den Kutscher davonkommen lassen?, überlegte Clay Braden dann plötzlich. Die Bande hatte dafür gesorgt, dass sonst niemand den Überfall überlebte. Nur der Kutscher...

Es war kaum denkbar, dass er geflohen war. Schließlich war die Senke, in der der Überfall stattgefunden hatte, sehr übersichtlich. Für die Banditen wäre es ein Leichtes gewesen, den Kutscher aus dem Sattel zu holen - zumal dieser völlig unbewaffnet in Roswell eingetroffen war. Nein, sie haben ihn mit Absicht entkommen lassen!, wurde es Clay klar. Und das musste auch einen Grund haben... In diesem Moment peitschte der erste Schuss.

Clay warf sich zu Boden, während sein Pferd davonstob. Ebenso die Gäule, die er aus dem Geschirr befreit hatte. Der Marshal rollte sich auf dem Boden herum, so dass er unter den Wagen geriet. Er griff nach dem Revolver, presste sich so dicht es ging auf den Boden. Von allen Seiten prasselte ein wahrer Geschosshagel in seine Richtung. Von einer Baumgruppe aus, die auf einem Hügel lag wurde geschossen. Auf der anderen Seite befanden sich ein paar Felsen, zwischen denen sich auch offenbar jemand verschanzt hatte.

Innerlich fluchte Clay.

Die haben hier auf mich gewartet!, ging es ihm ärgerlich durch den Kopf. Und er war diesen Hunden auf den Leim gegangen. Nur Millimeter hatten gefehlt, um ihn zu töten. Und genau darauf schienen es diese Banditen abgesehen zu haben.

Sie hatten alle Trümpfe auf ihrer Seite.

Vor allem hatten sie eine gute Deckung.

Clay feuerte mit seinem Revolver ein paar Mal zurück. Aber das hatte wenig Sinn. Die Kerle hatten sich so postiert, dass es fast unmöglich war, aus dieser Entfernung mit einem Colt noch genau treffen zu können.

Die Schützen, die Clay ins Visier genommen hatten, verwendeten allerdings wohl Winchester-Gewehre. Und damit waren sie immens im Vorteil, was Feuerkraft und Zielgenauigkeit anging.

Clay schoss die Trommel des 45er leer.

Dann lud er nach.

Die Einschüsse seiner Gegner ließen Staub aufwirbeln. Clay musste sich weiter unter den Wagen zurückziehen. Er konnte von Glück sagen, dass er sich im Schatten befand und seine Gegner auf die Entfernung hin vermutlich nicht so genau sehen konnten, wo er sich unter dem Wagen gerade aufhielt.

Clay schoss nicht mehr.

Mit dem Revolver hatte es einfach keinen Sinn. Und sein Pferd mit Winchester im Sattelschuh zu erreichen, war völlig unmöglich.

Also gab es nur noch eine Möglichkeit.

Er musste sie aus der Deckung holen, indem er sich tot stellte.

Die nächste Salve feuerte in seine Richtung. Die Schüsse zertrümmerten an dem Rad links vorne einige Speichen. Die Kutsche senkte sich etwas...

Wenn sie das noch ein paarmal hinkriegen, werde ich unter der Kutsche begraben!, durchzuckte es Clay. Er feuerte einmal zurück. Das wütende Feuer seiner Gegner antwortete ihm. Dann stieß Clay einen heiseren Schrei hervor.

Er wartete ab.

Das Feuer verebbte.

Clay rührte sich nicht.

Toter Mann spielen. Das war jetzt die Devise. Er hoffte, dass sie aus ihren Löchern kamen, um sich davon zu überzeugen, dass sie ihn auch wirklich erwischt hatten. Noch einmal brandete der Geschosshagel auf. Eine weitere Speiche musste dran glauben. Die Kutsche ächzte, senkte sich noch noch etwas weiter herunter. Eine weitere Speiche sprang durch das mörderische Gewicht heraus, das jetzt auf den verbleibenden Holzspanten lastete.

Die Banditen schossen noch einmal die Magazine ihrer Winchester-Gewehre leer.

Clay rührte sich nicht.

Er verharrte regungslos.

Nicht das geringste Lebenszeichen durfte von ihm ausgehen. Die Zeit erschien Clay wie unendlich gedehnt. Er wartete. Wenn er Pech hatte, dann machten sich die Kerle einfach aus dem Staub, fingen vielleicht noch sein Pferd ein, um seine Winchester zu bekommen.

Aber daran glaubte er nicht. Diese Kerle hatten einen Auftraggeber, der von ihnen verlangte, ihren Job auch zu Ende zu bringen. Clay fragte sich, ob Eddie Cameron, sein alter Feind dahintersteckte, der die Hoffnung noch nicht aufgegeben hatte, Besitzer der Sundance Ranch zu werden. Aber mit Darren McCall war da ja jemand aufgetaucht, der Cameron in jeder Beziehung Konkurrenz machen konnte. Die Minuten verstrichen.

Dann, endlich...

Das Geräusch galoppierender Pferde.

Sie kamen von verschiedenen Seiten.

Clay blinzelte. Er konnte nicht viel sehen, denn er durfte sich nicht bewegen. Zwei Reiter kamen von den Felsen. Wie viele sich von der Baumgruppe näherten, konnte er nicht erkennen.

Einen der Männer erkannte er. Ein Mestize.

Clay hatte ihn bei McCalls Männern gesehen.

Hätte ich mir ja denken können, dachte Clay grimmig. So stimmte es also. Darren McCall versuchte in Roswell genau dieselbe Nummer abzuziehen, die er schon in Lordsburg versucht hatte. Und dieser Überfall war wohl in erster Linie ein Manöver gewesen, um den Marshal aus dem Weg zu räumen. Clay wartete ab, bis die Meute den Ort des Geschehens erreicht hatte. Auf Hilfe konnte der Marshal nicht hoffen. Wenn Archie Wayne es wirklich geschafft hatte, ein paar vertrauenswürdige Männer dazu zu bewegen, sich einem Aufgebot anzuschließen, dann dauerte es wahrscheinlich noch eine Weile, bis der Trupp hier eintraf. Und selbst wenn er noch rechtzeitig erschien - diesen Schießern würden die Städter, denen man ein Gewehr in die Hand drückte, kaum gewachsen sein.

Clay rollte sich unter dem Wagen hervor, riss den Colt hoch.

Collins, der Mann mit dem Doppelholster hatte eines seiner beiden Schießeisen schon in der Hand.

Clay ließ ihn nicht zum Schuss kommen. Seine Kugel traf den Banditen im Oberkörper und riss ihn förmlich aus dem Sattel. Blitzartig schwenkte er den Lauf des 45ers herum. Das Pferd des Mestizen war genau in dem Moment auf die Hinterhand gestiegen, als dieser schießen wollte. Die Kugel ging ins Nichts. Aber Clays Schuss traf. Mit einem Schrei wurde Loco aus dem Sattel geholt. Sein Pferd stob davon. Der linke Fuß des toten Mestize hatte sich im Steigbügel verhakt. So zog der Gaul den Körper hinter sich her.

Clay duckte sich, sprang an die Kutsche heran, um dahinter Deckung zu nehmen. Die beiden anderen Kerle befanden sich auf der anderen Seite, feuerten in seine Richtung. Die Kugeln durchschlugen das dünne Holz, aus dem der Wagen gemacht war und einige von ihnen kamen sogar auf Clays Seite an, brachen aus dem Holz heraus und rissen fingerdicke Löcher hinein. Dann tauchte Clay aus seiner Deckung hervor, feuerte. Bugley bekam eine Kugel in den Kopf, riss noch einmal die Winchester hoch, aber der Schuss ging in die Luft. Er sackte vornüber, hing schlaff im Sattel.

Blieb nur noch Sonny, der Mann mit dem dunklen Hut. Sein Colt zeigt in Clays Richtung.

Er drückte ab, noch bevor Clay seinen Colt herumreißen oder wieder hinter dem Wagen verschwinden konnte. Doch es machte 'klick'.

Sonny hatte seine Revolvertrommel leergeballert.

"Keine Bewegung!", rief Clay.

Sonny saß wie erstarrt im Sattel.

"Waffe weg und absteigen!", forderte Clay. Der Colt flog in den Staub. Vorsichtig stieg Sonny aus dem Sattel. Clay näherte sich ihm.

"Wenigstens habe ich einen von euch lebend", meinte er. "Auch wenn dich der Friedensrichter wahrscheinlich zum Tod durch den Strang verurteilen wird, bei dem, was du auf dem Kerbholz hast..."

Sonnys Augen wurden schmal. Er blinzelte gegen die Sonne.

"Sie machen einen Riesenfehler, Marshal."

"Das lass getrost meine Sorge sein!" Clay atmete tief durch, klopfte sich den Staub von der Kleidung. "McCall hat euch geschickt, nicht wahr?"

Sonny verzog das Gesicht zu einem wölfischen Grinsen. "Was erwarten Sie jetzt für eine Antwort!"

"Die Wahrheit, was sonst!"

"Machen wir lieber ein Geschäft", sagte Sonny. Clay hob die Augenbrauen. "Du willst mir ein Geschäft vorschlagen! Das kann nicht dein Ernst sein..."

"Sie stecken den Colt weg, Marshal. Und dann werde ich nach Roswell reiten und Mr. McCall sagen, dass ich sie getötet habe und dass es meine drei Begleiter dabei leider erwischt hat."

Clay lächelte kühl.

"Und wo soll da der Vorteil für mich sein?"

"Ganz einfach, Sie bleiben am Leben, Braden. Glauben Sie mir, ich habe erlebt, mit welcher Hartnäckigkeit Darren McCall jemanden jagen kann. Er vergisst nichts. Und wenn er einen Mann vernichten will, dann gibt es nichts, was ihn davon abzuhalten vermag. Der würde Ihnen einen Killer bis nach Mexiko oder Alberta nachschicken. Nie wären Sie sicher. Wann immer jemand in ihrem Rücken auftaucht - es könnte jemand sein, den Darren McCall geschickt hat..."

"Ich habe keine Angst", erklärte Clay. "Und zu deinem Pech bin ich nicht bestechlich."

Sonny zuckte die Achseln. "Sie müssen es wissen, Marshal. So wie ich das sehe, sind Sie ohne Chance..."

"Dreh dich um, knie dich hin und halte die Hände auf dem Rücken zusammen. ..."

"Sie wollen mich fesseln?"

"Erraten..."

Clay pfiff sein Pferd herbei. Es kam auch, galoppierte heran. Clay brauchte das Lasso, um Sonny zu fesseln. Wenig später ritt er mit seinem Gefangenen zurück in Richtung Roswell.

Archie Wayne kam ihm mit vier Männern aus der Stadt entgegen.

"Wie ich sehe, hast du schon alles erledigt, Clay", meinte Archie mit Blick auf den gefesselten Gefangenen. Sonny saß mit düsterer Miene im Sattel. Clay hatte die Zügel an seinem Sattelknauf festgemacht.

Der Marshal musterte das Aufgebot.

"Ist nicht gerade die Kavallerie, die du mobilisieren konntest!", meinte er dann.

"Ich bin froh, dass ich wenigstens diese vier Männer dazu überreden konnte! Um diese Tageszeit sind auch keine Cowboys in der Stadt..."

"Ja, schon gut", meinte Clay. Er deutete auf den Gefangenen. "Erkennst du den wieder?"

"Ich weiß nicht genau, aber war der nicht unter McCalls Meute?"

"Sehr richtig. Und seine drei Komplizen auch. Die liegen noch bei der Postkutsche."

Archie Wayne hob erstaunt die Augenbrauen. "Was hast du jetzt vor? Willst du McCall gleich mit in die Zelle sperren?"

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Die Räume, die Darren McCall im Martinsons Hotel für sich selbst reserviert hatte, wurden allgemein 'die Suite' genannt. Im Umkreis von einem Tagesritt war es wahrscheinlich das Höchstmaß an Luxus, das man finden konnte. Kendra lag auf dem Bett. Den Kopf hatte sie auf den Ellbogen gestützt, in der anderen Hand hielt sie ein langstieliges Glas. Martinson hatte so etwas natürlich nicht vorrätig gehabt. McCall hatte das einzige Paar langstieliger Gläser aus dem McMillan-Store gekauft - und dazu jede Menge Geschenke für Kendra. Für das nächste halbe Jahr brauchte sich das Girl wohl nichts mehr zum Anziehen zu kaufen.

Darren McCall stand in der Nähe des Fensters, blickte kurz hinaus, so als ob er auf etwas wartete. Dann wandte er sich wieder Kendra zu.

"Auf uns!", meinte er, hob das Glas in seiner Hand etwas an und trank es dann aus.

"Auf uns!", erwiderte Kendra.

"Ich werde dir diese Stadt zu Füßen legen, Kendra! Roswell hat auf einen Geschäftsmann mit modernen Methoden gewartet. Und der bin ich!"

"Große Pläne..."

"Ja, ich weiß. Aber ich bin jemand, der seine Pläne auch in die Tat umsetzt." Er setzte sich auf die Bettkante. "Ich habe es gleich vom ersten Augenblick an gesehen, dass du etwas besonderes bist."

"Ja?"

"Keines dieser gewöhnlichen Girls, die man zu Dutzenden in Städten wie Roswell treffen kann. Aber du bist anders. Aus anderem Holz geschnitzt..."

"Mon dieu, wo hast du das nur gelernt, Darren?", fragte sie.

"Was meinst du?"

"Bon! Deine Süßholzraspelei natürlich? Du weißt genau, was eine Frau gerne hört..."

"Ich denke, eine Frau wie du hat es verdient, dass man sich um sie bemüht..."

Er stellte das Glas ab.

Er sah sie an. Seine dunklen Augen musterten sie sehr intensiv. Ihre Blicke verschmolzen miteinander. Und Kendra musste unwillkürlich schlucken. Sie hatte schon viel erlebt, gute und schlechte Erfahrungen in ihrem Job gesammelt. Aber so etwas wieder Mann war ihr noch nie zuvor untergekommen. Wenn du diese Chance nicht nutzt, dann kann dir keiner helfen!, meldete sich eine Stimme in ihr. Noch waren die Männer hinter ihr her wie der Teufel hinter der armen Seele. Aber irgendwann würde sich das leuchtende Rot von Kendras Haarschopf versilbern. Und wenn es schon kein Gegengift gegen das langsame Altern gab, so war es doch um einiges angenehmer, als reiche, geachtete Lady grau und faltig zu werden.

Sie dachte an die Bedenken, die Clay Braden ihr gegenüber geäußert hatte.

Was, wenn er recht hatte und sie sich wirklich in ihm täuschte! Schließlich musste es ja auch seinen Grund haben, dass McCall mit seinen Leuten aus Lordsburg wohl mehr oder weniger geflohen war.

Sie dachte an die Frau namens Francine, die mit McCall nach Roswell gekommen war. Wo war sie geblieben?

Hatte er ihr einst dasselbe versprochen?

Vermutlich ja.

Und warum war sie so plötzlich verschwunden?

Von draußen war jetzt Stimmengewirr zu hören. Eine Art Menschenauflauf schien sich vor Martinsons Hotel gebildet zu haben. McCall erhob sich. Seine Augen wirkten hellwach. Er ging zum Fenster, schob etwas die Gardine zur Seite.

Das Stimmengewirr wurde lauter, mischte sich mit den Geräuschen von Pferdehufen.

"Was ist da los?", fragte Kendra.

McCall blickte auf die Straße. Er sah Marshal Clay Braden mit einem Gefangenen. Es war Sonny, einer seiner Männer. Dahinter das mickrige Aufgebot, das der Assistant Marshal zusammengekratzt hatte. Fast hundert Leute hatte sich darum versammelt. Sie wollten offenbar alle einmal einen echten Banditen sehen.

Clay Braden lebte also!

"Verdammt!", entfuhr es Darren McCall, während sich seine Hände unwillkürlich zu Fäusten ballten. "Dieser verfluchte Bastard!"

Kendra stutzte, sah, wie sich sein Gesicht zu einer Grimasse verzogen hatte. So hatte sie ihn noch nie gesehen. Der Ausbruch dauerte nur Sekunden. Dann hatte McCall sich wieder vollkommen unter Kontrolle.

Und doch wirkte das Lächeln, mit dem er Kendra jetzt bedachte etwas gezwungen. "Du kannst gerne hier bleiben", sagte er. "Probier die Kleider an, die wir gekauft haben, wenn du Lust dazu hast..."

"Was hast du vor?"

Er bleckte die Zähne. "Nichts, womit ich eine Lady belasten würde", meinte er.

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Clay zügelte sein Pferd vor dem Marshal Office. Er wandte sich an die vier Männer, die ihm zusammen mit Archie Wayne gefolgt waren. "Es wäre gut, wenn ich euch als offizielle Assistant Marshals vereidigen könnte", meinte er. "Ich brauche ein paar Männer, die den Häftling bewachen. Schließlich wird McCall alles andere als begeistert davon sein, dass ich einen seiner Leute einloche!"

"Ich habe Frau und Kinder", sagte ein Blonder mit Schnauzbart.

Clay nickte. "Schon gut, Will. Dafür habe ich Verständnis." Er wandte sich an die anderen. "Und was ist mit euch?"

"Ich bin dabei", sagte Steve, ein großer Dunkelhaariger. Clay wusste, dass er Fahrer bei Johnson's Freight Line gewesen war und man ihn rausgeworfen hatte, weil er zu oft betrunken gewesen war.

Aber der Marshal von Roswell konnte in dieser Situation nicht wählerisch sein.

"Okay, Steve", sagte er.

Die anderen Beiden meldeten sich ebenfalls. Sie hießen Roy und Moss und waren Cowboys, die im Moment ohne Job auf einer der Ranches waren.

"Euer Job ist beendet, sobald der Friedensrichter hier her kommt, um diesem Kerl hier den Prozess zu machen. Wann das ist, weiß ich nicht. Ich werde gleich telegrafieren." Clay stieg ab und fuhr dann fort: "Eure Sterne kriegt ihr im Office."

Die anderen stiegen jetzt auch von den Gäulen. Der Gefangene wurde aus dem Sattel gezerrt und ins Office geführt. Einen Augenblick später saß er buchstäblich hinter Gitter. Mit grimmigen Gesicht setzte er sich auf die Pritsche.

Clay deutete auf die drei zukünftigen Assistants. "Schwört, dass Ihr die Gesetze des New Mexico Territorys achten werdet!"

"Ich schwöre!", sagten sie alle drei nacheinander. Clay nickte zufrieden. "Gib ihnen die Sterne, Archie - und dann teile genug Munition an jeden aus. Ich gehe inzwischen telegrafieren..."

"Du kannst dich auf mich verlassen, Clay!"

"Ich weiß."

Clay ging zur Tür. Er hatte sie gerade zur Hälfte geöffnet, da hörte er Sonnys Stimme hinter sich. Der Häftling stand am gusseisernen Gitter seiner Zelle, versetzte dem Eisen einen Tritt, so dass es schepperte.

"Sie machen einen verdammten Fehler, Clay Braden!" Clay drehte sich halb herum.

"Spar dir deine Reden, um die Jury zu beeindrucken!"

"Sie stehen auf verlorenem Posten, Marshal! Mit den halben Portionen hier werden Sie es auch nicht schaffen... Mr. McCall wird schon dafür sorgen, dass ich schneller hier herauskomme, als Sie glauben."

Ein kaltes Lächeln stand im Clays Gesicht.

"Vielleicht sollte ich mich mit McCall mal etwas näher unterhalten und ihm von dem umwerfenden Angebot erzählen, dass du mir gemacht hast!"

Sonny lief dunkelrot an. Clay verließ das Marshal Office. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.

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Clay ritt hinüber zum Hotel, stieg ab und machte den Gaul an der Querstange fest. Einer von McCalls Gunslingern lungerte vor dem Eingang herum. Es war ein Kerl mit einer Fellmütze. Er hielt eine Winchester im Arm und offenbar war seine Aufgabe, hier Posten zu stehen.

Als Clay zur Tür trat, stellte der Kerl mit der Fellmütze sich ihm in den Weg.

"Hier ist kein Zutritt, Mister"

"Ich will zu Darren McCall."

"Der ist nicht hier!"

"Davon würde ich mich gerne selbst überzeugen!"

"Tut mir leid..."

Clay fackelte nicht lang. Eine rechte Gerade landete mitten im Gesicht des Fellmützenträgers, ließ ihn rückwärts taumeln. Die Tür zum Hotel stand einen Spalt weit auf. Der Mann knallte dagegen, sorgte dafür, dass sie ganz zur Seite sprang und landete dann unsanft auf dem völlig verschossenen Teppich, der in der Eingangshalle lag.

Clay trat ein.

Drei weitere Männer aus McCalls Meute saßen an einem Tisch und pokerten.

Martinson stand hinter dem Tresen und zog den Kopf ein. Die drei Männer am Pokertisch ließen die Hände zu den Hüften fahren.

Clay war der Schnellste.

Er hatte die Waffe schon mit gespanntem Hahn in der Hand, als McCalls Schießer die ihren noch nicht einmal zur Hälfte aus dem Leder gerissen hatten.

"Lasst besser stecken", meinte Clay Braden gelassen. "Oder ihr holt euch mehr als nur blutige Nasen."

Die Männer erstarrten förmlich. Aber keiner von ihnen wagte es, sein Eisen doch noch herauszuholen und abzudrücken. Sie wussten, dass Clay Braden in jedem Fall schneller war.

"Ich will zu McCall."

"McCall...", begann Martinson.

"Ist nicht hier, das hat mir schon jemand erzählt", unterbrach Clay den Hotelier. "Aber ich überzeuge mich trotzdem gern selbst davon..."

Clay trat einen Schritt auf McCalls Leute zu.

"Schnallt eure Gürtel ab. Martinson wird sie einsammeln..."

Der Kerl mit der Fellmütze kam wieder zu sich. Er ächzte und meinte dann: "An Ihrer Stelle würde ich mir schonmal einen Platz auf dem Boothill aussuchen!" Clay brannte ihm einen Schuss dicht neben die Hand, mit der er sich aufstützte. Der Mann mit der Felllmütze zuckte zusammen.

"Spuck nicht so große Töne", meinte der Marshal. "Und im übrigen gilt für dich dasselbe wie für die anderen: abschnallen. Schließlich will ich keine unangenehme Überraschung erleben, wenn ich nach oben gehe..." Knurrend gehorchten die Männer.

Wenig später lagen die Gürtel auf einem Haufen. Der wieselartige Martinson kam hinter dem Tresen hervor, sammelte sie ein und reichte sie Clay nacheinander. Dieser hängte sie sich über die Schulter.

Clay deutete auf die Karten, die auf dem Tisch lagen.

"Nichts für ungut - spielt ruhig weiter, Jungs! Martinson, Sie begleiten mich! Nehmen Sie Ihr Schlüsselbund mit!"

"Jawohl, Sir", murmelte Martinson.

Die Männer starrten ihm regungslos nach, als Clay Braden die Treppe hinaufging.

Zimmer um Zimmer durchsuchte Clay.

Sie waren alle leer.

McCalls Leute trieben sich mehrheitlich wohl in der Stadt herum.

Dann erreichte er das, was Martinson "die Suite" nannte, auch wenn das eigentlich ein bisschen übertrieben war. Als die Tür zur Seite flog, sah er eine wunderschöne Frau in einem hellgrünen Kleid. Sie hatte es offenbar gerade anprobiert und stand jetzt vor dem Spiegel.

"Kendra!", entfuhr es Clay.

"Clay, was machst du hier!", stieß sie hervor.

"Ich will zu Darren McCall."

"Er ist nicht hier..."

"Und du hast auch keine Ahnung, wo er sein könnte?" Sie schüttelte den Kopf. "Nein. Ich spioniere ihm schließlich nicht nach."

Clay lächelte dünn. "Vielleicht solltest du das aber mal."

"Was soll das heißen?"

"Das soll heißen, dass er nicht der Gentleman ist, als der er sich dir gegenüber verhält. So steckt er zum Beispiel hinter dem Überfall auf die Postkutsche."

"Wer sagt das?"

"Ich sage das. Es waren McCalls Leute!" Kendra atmete tief durch. "Gibt es einen Beweis dafür, dass er sie geschickt hat? Clay denk doch mal nach! Warum sollte ein Mann, dessen Geschäfte so gut gehen und der buchstäblich Geld wie Heu hat, darauf angewiesen sein, Postkutschen zu überfallen..."

"Nein, du solltest mal nachdenken, Kendra. Für alles, was an diesem krummen Hund nicht zusammenpasst, findest du eine Entschuldigung."

"Ich kann mir das einfach nicht vorstellen!", meinte sie.

"Ich kann ja mal mit dir rausreiten, um dir zu zeigen, was da draußen passiert ist! McCalls Leute haben den Insassen der Postkutsche keine Chance gelassen. Einfach drauflosgeballert haben sie, von außen die Kutsche mehr oder weniger duchsiebt, bis sich drinnen nichts mehr rührte..."

Kendra atmete tief durch. "Kannst du dir nicht vorstellen, mal jemanden auf der Sundance Ranch einzustellen, von dem sich herausstellt, dass er ein Verbrecher ist? McCall bezahlt seine Leute gut, das zieht doch auch Gesindel an!"

"Komm mit mir, Kendra!"

Es war keine Bitte, die Clay Braden da vortrug. In Kendra Lamonts Ohren klang es eher wie ein Befehl. Und so etwas konnte die Französin auf den Tod nicht ausstehen. Sie stemmte die Arme in die geschwungenen Hüften, warf das Kinn in den Nacken und ging auf Clay zu. Dann deutete sie auf den Revolver in Clays rechter Hand.

"Willst du mir damit vielleicht deinen Willen aufzwingen, Clay Braden? Ich dachte immer, so etwas tut nur einer wie Eddie Cameron..."

Das saß.

Clays Blick wurde düster. Er steckte den Colt weg. "Du hast recht", sagte er. "Ich will dich zu nichts zwingen. Und das werde ich auch nicht... Ich kann dir nur raten, verdammt vorsichtig zu sein..."

Damit wandte er sich herum.

"Clay!"

Ihre Stimme ließ ihn noch einmal kurz stoppen.

"Was ist noch?"

"Kannst du mich denn nicht verstehen, Clay? So etwas wie Darren McCall - das habe ich einfach noch nicht erlebt!" Clay nickte leicht. "Ich verstehe dich doch", sagte er. "Aber du solltest den Tatsachen ins Auge sehen..."

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Die Schwingtüren des HAPPY SINNER Saloons flogen auseinander.

Darren McCall trat mit etwa einem Dutzend seiner Leute ein. Ein Aufmarsch, der sofort Aufsehen erregte. Der Piano Player kam aus dem Takt. Einige der Girls legten letzte Hand an ihr Äußeres. Der Barkeeper öffnete eine Schublade, in der ein Colt 45 griffbereit lag.

McCall und seine Leute blieben mitten im Raum stehen. Die Gespräche verebbten. Es wurde totenstill im HAPPY SINNER.

"Wo ist Mr. Cameron?", fragte McCall. Zunächst gab niemand eine Antwort. Dann erhob sich ein dunkelhaariger Mann mit tiefgeschnalltem Revolver. Er war einer der Gunslinger, die Cameron zu seiner Sicherheit engagiert hatte.

"Der Boss ist im Moment nicht da. Was wollen Sie von ihm?" McCall schob sich den Hut in den Nacken und trat etwas näher. "Wie ist Ihr Name?"

"Reilly."

"Ich muss Ihren Boss dringend sprechen. Er soll ein wichtiger Mann in dieser Stadt sein..."

Reilly grinste, klemmte die Daumen lässig hinter den Gürtel. Gleichzeitig machten sich ein paar andere Revolvermänner, die in Camerons Diensten standen auf den Weg. Sie verteilten sich strategisch günstig im Raum.

"Fragt sich nur, ob der Boss auch mit Ihnen sprechen will!", meinte Reilly.

"Natürlich will er das! Schließlich haben wir gemeinsame Interessen..."

"Dann müssen Sie schon etwas Geduld haben", meinte Reilly. McCall wandte sich an seine Leute. "Ich spendier euch 'nen Drink!", meinte er und grinste. "Einige von euch sind hier ja schon zu Hause..."

Wenig später drängte sich McCalls Meute am Schanktisch. Mit zwei seiner Männer setzte sich McCall an einen der Tische. Der Piano Player spielte wieder.

"Hey, Reilly!", rief McCall. "Wo steckt euer Boss denn so, wenn er sich nicht um den Laden kümmert?" Reilly kam an den Tisch, die Daumen noch immer hinter dem Gürtel eingeklemmt.

"Jeder hat doch ein Recht auf sein Privatleben, oder?"

"War ja nur 'ne Frage!"

"Ich habe geantwortet!"

In diesem Moment war draußen das Geräusch eines galoppierenden Pferdes zu hören. Einen Augenblick später kam Eddie Cameron durch die Schwingtüren. Als er McCall erblickte, erstarrte er.

Er warf einen fragenden Blick zu Reilly.

"Dieser Mann will mit Ihnen reden, Boss!" Cameron blickte sich um. Er sah sofort, dass seine Leute auf dem Posten waren. Wenn es hart auf hart ging hatten sie günstige Schusspositionen. Cameron kam an McCalls Tisch.

"Setzen Sie sich", meinte McCall gönnerhaft und verzog das Gesicht zur Karikatur eines Lächelns.

Cameron verzichtete darauf, das Angebot seines Gegenübers anzunehmen.

"Was wollen Sie, McCall?"

"Ich denke, wir beide haben eine Menge zu besprechen, Mr. Cameron." McCall machte eine große Geste. "Einen hübschen Laden haben Sie hier übrigens. Das muss der Neid Ihnen lassen."

"Kommen Sie zur Sache."

"Sie spielen eine große Rolle hier in der Stadt, dass habe ich schon mitgekriegt!"

"Sie täten gut daran, das zu respektieren, McCall!"

"Das tue ich, darauf können Sie Gift nehmen!"

"Um so besser!"

McCall beugte sich vor, sprach leiser. Stimmengewirr war unterdessen wieder aufgebrandet und einige Cowboys grölten 'Oh, Susannah...' mit. Allerdings sangen sie in einer anderen Tonart als der Piano Player.

"Wir haben einen gemeinsamen Feind, Cameron! Clay Braden, den Marshal! Er steht Ihnen genauso im Weg wie mir!"

"Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich lieber jemand anderen auf dem Posten sähe", meinte Cameron.

"Unglücklicherweise ist er bei den Leuten recht beliebt..."

"Lassen Sie Braden nur meine Sorge sein..." Cameron grinste. "Ich habe das Gefühl, dass ich Ihre Pläne gar nicht so genau kennen möchte!"

"Nein, das ist vielleicht auch wirklich besser. Von Ihnen möchte ich in erster Linie eins..."

"Was?"

"Dass Sie mir nicht in den Rücken fallen."

"Kein Gedanke daran."

"Und wir müssen uns über die Zeit unterhalten, wenn der Marshal von der Bühne verschwunden ist..."

Cameron setzte sich jetzt doch. Was McCall zu sagen hatte, klang interessant.

"Ich höre..."

"Ich bin dafür, dass wir die Stadt brüderlich unter uns teilen... Warum sich gegenseitig das Leben zur Hölle machen und eine Menge guter Leute ins Gras beißen lassen?" Cameron lehnte sich zurück, grinste breit. Er winkte Reilly näher. "Hast du das gehört? Er will mit uns teilen..."

"Es ist ein vernünftiges Angebot, Mr. Cameron. Wir haben alle etwas davon. Diese Stadt ist groß genug für uns beide!"

Ja, fragt sich nur wie lange!, ging es Cameron durch den Kopf. Ihm war es allerdings nur recht, wenn McCall sich mit Clay Braden anlegte. So nahm er ihm einen Job ab, den er sonst selbst hätte erledigen müssen. Sollte sich McCall an Braden ruhig die Zähne ausbeißen. Und wenn er es doch schaffte, den zähen Marshal aus dem Weg zu räumen, um so besser.

Cameron bleckte die Zähne. "Wie ich gehört habe liegt Ihnen besonders an einer Bar auf der anderen Seite des Tinto River..."

McCall wirkte einen Augenblick verwirrt. Er stutzte regelrecht.

"Woher wissen Sie das?"

Cameron konnte sich ein triumphierendes Grinsen nicht verkneifen. "Ich bin eben gut informiert, Mr. McCall. Auch über Sie..."

"Und was die Aufteilung der Stadt angeht, sollten Sie einen dritten Mitspieler in der Pokerrunde beachten."

"Ach, ja?"

"Franklin Coldwater, der Bürgermeister. Er dürfte nicht so gut auf Sie zu sprechen sein, wegen der Sache mit dem Store in Lordsburg..."

"Wäre nett, wenn Sie zwischen uns vermitteln könnten", meinte McCall. "Solange dieser Marshal noch in der Stadt ist, müssen wir zusammenhalten..."

Cameron hob die Augenbrauen.

"Und danach?"

"Danach ist hier nur Platz für uns beide, aber nicht für einen feigen Schwächling wie Coldwater."

"Verstehe!", grinste Cameron. Und dabei dachte er: Auf lange Sicht ist hier nur Platz für einen großen Hai - und das bin ich!

"Schaffen Sie diesen Marshal unter die Erde, dann überlasse ich Ihnen großzügigerweise die Sundance Ranch", kündigte Cameron an. "Und über den Rest werden wir uns sicher auch noch einig..."

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Zuerst schwiegen die Männer am Schanktisch. Plötzlich waren selbst die Girls im HAPPY SINNER Saloon nicht mehr interessant für sie. Die Hände gingen zu den Revolvergriffen.

Darren McCall brach mitten im Satz ab, starrte zu den Schwingtüren.

Cameron drehte sich herum. Reilly, sein Schatten, stand dicht bei ihm, die Hand an der Waffe.

Ein Mann war eingetreten, zeichnete sich als dunkler Umriss gegen das grelle Sonnenlicht ab, das von draußen hereinschien.

Es war Clay Braden.

Seine Schritte waren langsam, aber selbstbewusst. Er registrierte die Schießer, die Eddie Cameron an strategisch günstigen Positionen aufgestellt hatte. Einige kannte er. Bei anderen war er sich nicht sicher, ob es Leute waren, die Cameron angeheuert hatte. Es herrschte immer eine große Fluktuation unter Camerons Leuten.

McCalls Wolfsmeute hielt sich überwiegend am Schanktisch auf.

Die Girls sahen zu, dass sie aus der Schusslinie kamen. Dasselbe galt für den Barkeeper, der schnell noch ein paar Flaschen wegräumte.

Camerons Lächeln war breit und falsch. "Sieh an, unser geschätzter Marshal! Wie Sie sehen ist hier alles ruhig! Kein Ärger, keine Schießerei, kein Zechpreller!" Clay Braden beachtete Camerons Gerede nicht weiter. Er wandte sich direkt an McCall.

"Ich bin Ihretwegen hier, Mr. McCall." McCall hob die Augenbrauen, schielte zwischendurch zu seinen Leuten. Zwei seiner Männer stellten sich rechts und links neben ihn. Ihre Hände berührten die Coltgriffe. Einer spielte provozierend mit seiner Waffe, zog sie heraus, ließ sie um den Zeigefinger kreisen und dann elegant wieder zurück ins Leder gleiten. Er grinste dabei.

"Es waren Ihre Männer, die die Postkutsche überfallen haben", erklärte er.

McCalls Blick wurde düster. "Die Männer, die für mich reiten, bezahle ich! Wozu sollten sie eine Postkutsche überfallen?"

"Um mich dabei aus dem Weg zu räumen", stellte Clay fest.

"Drei der Kerle habe ich erschossen, der vierte sitzt im City Jail!"

"Dann gratuliere ich Ihnen zu Ihrer erfolgreichen Jagd, Marshal!"

"Ich habe telegraphiert. In ein paar Tagen ist der Friedensrichter hier und dann gibt es einen Prozess. Bis dahin dürfen Sie die Stadt nicht verlassen, Mr. McCall!"

"Werde ich etwa angeklagt?"

"Noch nicht. Zunächst sind Sie nur Zeuge. Aber ich glaube kaum, dass der Kerl, der jetzt im Jail sitzt, die ganze Schuld auf sich allein nimmt!"

McCalls Gesicht verzog sich.

Er sprang auf. Alles Gentlemanhafte war jetzt von ihm abgefallen.

"Sie haben nicht den geringsten Beweis dafür, dass ich den Männern den Auftrag dazu gab, die Postkutsche zu überfallen! Dass Sie auch für mich geritten sind, heißt gar nichts!"

"Das weiß ich, McCall", entgegnete Clay. "Und das ist auch der Grund dafür, weshalb Sie noch hier am Spieltisch sitzen und sich nicht drüben mit Ihrem Handlanger die Zelle teilen! Aber spätestens bei der Verhandlung wird sich herausstellen, dass die vier nicht auf eigene Faust gehandelt haben..."

"Das werden Sie bereuen, Marshal!"

"Wie gesagt: Verlassen Sie die Stadt nicht. Ich würde Sie überall finden. Aber ich glaube, Sie hatten sowieso nicht vor, Roswell sobald den Rücken zu kehren..."

"Sie haben es nicht anders gewollt, Marshal. Sie haben den Krieg gewählt und den bekommen Sie jetzt!" Clay Bradens Augen wurden zu schmalen Schlitzen. "Einen guten Tag wünsche ich Ihnen, McCall. Genießen Sie die Vorzüge des HAPPY SINNER - denn lange werden Sie dazu nicht mehr die Gelegenheit haben!"

Mit diesen Worten wandte Clay sich um, ging in Richtung der Schwingtüren. Aus den Augenwinkeln nahm er eine Bewegung war. Clays untrüglicher Instinkt für Gefahr ließ ihn blitzschnell reagieren.

Er fuhr herum, riss die Waffe heraus.

Einer der Kerle am Schanktisch hatte sein Eisen schon in der Hand.

Beide Männer feuerten beinahe gleichzeitig.

Der Kerl an der Bar schrie auf, als Clays Kugel ihn am Unterarm erwischte. Der Lauf seines Revolvers wurde dadurch zur Seite gerissen. Der Schuss zertrümmerte ein Fenster. Clay blickte mit gezogenem Revolver die Reihe der Männer an der Bar entlang, sah ihnen in die Gesichter. Die Meisten wichen seinem eisenharten Blick aus.

"Will's noch einer versuchen?", fragte er. Keine Antwort.

Clay wandte sich dann noch einmal an Darren McCall. "Ihre Männer handeln zu oft auf eigene Faust!", meinte der Marshal dann ironisch. "Sie sollten sie besser im Griff haben!"

Mit diesen Worten ging er dann hinaus, schwang sich auf sein Pferd und ritt die Main Street zurück.

McCall tobte. Jegliche Maske war jetzt von ihm abgefallen. "Tausend Dollar!", rief er so laut, dass es jeder im HAPPY SINNER hören musste. "Es ist mir egal ob der Marshal davon hört und mich dann in seine Zelle sperrt! Tausend Dollar biete ich jedem, der diesem verdammten Hundesohn eine Kugel in den Leib brennt!" McCall ging in die Mitte des Schankraums. Die Girls hielten sich scheu in den Ecken oder hinter dem Tresen. Unter den Männern entstand Gemurmel. "Na, was ist, habt ihr Mumm oder schlottern euch die Knie? Eine Kugel an die richtige Stelle gebrannt und du bist ein reicher Mann! Ich hoffe, dass es in diesem Raum noch ein paar Kerle gibt..."

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Am frühen Abend kehrte Clay Braden zur Sundance Ranch zurück. Mit Archie Wayne bewachten insgesamt vier Mann den Gefangenen. Das musste reichen. Dennoch würde Clay sobald wie möglich zum Marshal Office zurückkehren. Über die Nacht mussten Wachen eingeteilt werden.

Das Marshal Office mit dem dazugehörigen City Jail war zwar ziemlich klein, aber einer der ganz wenigen Steinbauten in Roswell. Das Gebäude war daher wesentlich besser zu verteidigen. Die Mauern boten gegen Beschuss wirksame Deckung, während die Kugeln durch die dünnen Holzwände der meisten Stadthäuser nur so durchpfiffen. Schon als Clay die Tinto River-Brücke hinter sich gelassen hatte und den Vorplatz der Sundance Ranch erreichte, merkte er, dass etwas nicht stimmte.

Ein Schrei gellte.

Es war zweifellos eines der Girls, dass da aufgeschrien hatte.

Und dieser Laut hatte absolut nichts mit dem Krach zu tun, der gewöhnlicherweise aus den Geschäftszimmern der Girls zu hören war.

Clay glitt aus dem Sattel, machte den Gaul nachlässig an der Querstange fest und trat in die Eingangshalle. Rechts ging es über eine Freitreppe hinauf zu den Geschäftszimmern der Girls. Ein weiterer Schrei kam von dort. Links befand sich eine Schwingtür, durch die man in die Bar gelangen konnte. Die Schwingtür flog zur Seite. Cornelius O'Mahoney, der Ex-Butler und jetzt das Mädchen für alles auf der Sundance Ranch, taumelte Clay entgegen. Er strauchelte mit blutender Nase zu Boden.

Ein unrasierter Mann folgte ihm durch die Tür. Er hatte einen Hut, in dem sich zwei Löcher befanden. Vermutlich hatten Kugeln diese Löcher gerissen.

Der Mann mit dem Loch-Hut stutzte, als er Clay Braden sah. O'Mahoney kam ächzend wieder auf die Beine.

"Das ist Benson!", rief der Butler. "Er ist mit drei Kumpanen hier und gerade dabei alles kurz und klein zu schlagen!"

Clay erkannte Benson.

Er hatte ihn im HAPPY SINNER gesehen. Soweit Clay sich erinnern konnte, war er nicht mit McCall in die Stadt gekommen. Aber möglicherweise hatten er und seine Kumpane sich von McCall anheuern lassen.

Aus der Bar war das Geräusch von berstendem Holz zu hören.

"Clay! Hier hält mir einer den Colt an die Schläfe!", rief eine weibliche Stimme aus der Bar heraus.

Es war Dorothy Willard.

Ein paar Schüsse fielen. Flaschen zerbarsten. Offenbar war dieser Benson mit seinen Komplizen einzig und allein aus dem Grund hier her geschickt worden, um für Ärger zu sorgen. Benson kaute auf irgendetwas herum. Er grinste hässlich.

"Wir sind nur hier, um uns zu amüsieren", behauptete er.

"Irgendetwas dagegen, Marshal?"

"Im Prinzip nicht. Aber wenn ihr unter Vergnügen versteht, mir die Ranch in Schutt und Asche zu legen, dann schon..."

"Wo gehobelt wird, da fallen Späne!", versetzte Benson. Einige Männerstimmen in der Bar lachten laut auf. Dann kamen auch Bensons drei Komplizen durch die Schwingtür und traten in die Eingangshalle. Einer von ihnen schob Dorothy vor sich her, fasste sie dabei grob am Oberarm. Den Colt steckte er in das Holster. Er gab Dorothy einen heftigen Stoß, so dass sie nach vorn stolperte.

Cornelius O'Mahoney kam wieder auf die Füße. "Diese Bande war schon letzte Woche mal hier. Aber da hatten sie kein Geld, und ich habe sie höflich gebeten wieder zu gehen", berichtete der Butler.

"Ja, mit dem Spencer-Karabiner im Anschlag", murmelte Benson gallig. "Aber heute liegt der Fall anders. Wir werden uns unser Geld gleich verdienen..."

Die Männer grinsten.

"Ja, die tausend Dollar, die auf den Kopf des Marshals ausgesetzt sind!"

Dorothy wandte sich an Clay. "Es gehört noch einer zu der Bande. Er ist mit Claire-Jo aufs Zimmer gegangen. Gegen ihren Willen..."

Wieder war ein Schrei von oben zu hören. Irgendetwas ging zu Bruch.

Einer der Kerle machte ein paar Schritte zur Seite, so das er Clay den Weg zur Treppe abschnitt. Ein triumphierendes Grinsen stand in den Gesichtern der Männer.

"Auf dich haben wir gewartet, Braden!", zischte Benson zwischen den Zähnen hindurch.

"Lasst Cornelius und Dorothy gehen", forderte Clay. "Sie haben mit dieser Sache nichts zu tun."

"Die Kleine geht die Treppe hinauf, so wie ich es gesagt habe", meinte der Kerl, der Dorothy zuvor gestoßen hatte.

"Und dieser komische alte Mann geht mit ihr, bleibt aber auf halber Treppe stehen, damit wir ihn im Auge behalten können!"

Benson spuckte aus und ergänzte: "Sonst taucht er plötzlich noch mit einer Knarre auf, die er irgendwo versteckt hat!"

"Clay...", flüsterte Dorothy Willard.

"Macht, was sie sagen!", ordnete Clay an. Dorothy und Cornelius gehorchten, stiegen einige Stufen hinauf und blieben dann stehen, als Benson sie dazu aufforderte.

"Keinen Millimeter weiter. Sonst kommt ihr auf dumme Gedanken." Dann wandte er sich an Clay Braden. "Na, was für ein Gefühl ist das, wenn man weiß, dass man gleich ins Gras beißt..."

"Keine Ahnung", erwiderte Clay. "Darüber müsstet ihr mir ja eigentlich Auskunft geben können..."

Bensons Gesicht lief dunkelrot an. Der Mund verzog sich. Benson bleckte die Zähne. Jeder Muskel und jede Sehne seines Körpers war bis zum Zerreißen angespannt. Und dann riss er den Colt heraus.

Clay hatte das vorausgeahnt.

Sekundenbruchteile bevor der Anführer dieser Gruppe das Eisen aus dem Holster gezogen hatte, war ihm bereits eine Kugel in den Bauch gefahren. Kaum zur Hälfte hatte Benson den Colt aus dem Leder gerissen, als er wie ein Taschenmesser zusammenklappte.

Clay wirbelte herum, duckte sich. Ein Schuss ging über ihn hinweg, fegte ihm den Hut vom Kopf. Ein weiterer streifte die Schulter. Der Ärmel färbte sich rot. Clay feuerte ansatzlos. Mehrfach kurz hintereinander. Schreie gellten. Getroffen sanken zwei der Kerle zu Boden. Der Vierte wich zurück in Richtung der Bar, feuerte dabei wild drauf los. Aber er war ein lausiger Schütze. Clay hechtete zu Boden, rollte sich herum. Seine Kugel erwischte den Kerl zwischen Augen. Rückwärts taumelte er durch die Schwingtür zurück in die Bar, wo er der Länge nach hinfiel.

Der nächsten Schuss kam von oben.

Clay lag auf dem Boden, drehte sich herum und blickte hinauf. Ein Mann beugte sich über die sich an die Freitreppe anschließende Balustrade.

Es musste der Kerl sein, der mit Claire-Jo aufs Zimmer gegangen war. Er war offenbar aus Claire-Jos Zimmer gestürzt, als er die Schießerei gehört hatte.

Sein Gesicht war sonnenverbrannt, das Haar so strohblond, dass man es fast für weiß halten konnte.

Er zielte mit einem langläufigen Army-Colt direkt auf Clay. Clay drückte ab.

Aber es machte nur klick.

Er hatte die Revolvertrommel leergeschossen.

Ein gemeines Grinsen spielte um die aufgesprungenen Lippen seines Gegners. "Brauche ich die tausend Dollar jedenfalls nicht zu teilen!", meinte er mit Blick auf seine toten Kumpane, legte in aller Ruhe an und zielte.

Weiß trat der Knöchel seines Zeigefingers hervor, als er den Druck auf den Stecher verstärkte.

Dann drückte er.

Blutrot sah Clay das Mündungsfeuer aus dem kalten Stahl herauslecken.

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Kendra blickte auf die Uhr an der Wand. Darren McCall war jetzt schon ziemlich lange weg. Mochte der Teufel wissen, was für Geschäfte er zu erledigen hatte.

Seitdem Clay Braden in Martinsons Hotel aufgetaucht war, war die junge Frau nachdenklich geworden. Sie hatte ihr altes Kleid wieder angezogen und plötzlich schien ihr der rosige Traum, als den sie ihre Zukunft betrachtet hatte, von düsteren Schatten verdunkelt. McCalls Männer hatten die Postkutsche überfallen. Das war eine Tatsache. Und auch wenn es keinen letzten Beweis dafür gab, dass er sie dazu angestiftet hatte. So ließ es den ach so sauberen Geschäftsmann doch in einem eigenartigem Licht erscheinen. Zwischendurch verließ Kendra die Suite, um Martinson nach etwas zu trinken und einem kleinen Imbiss zu fragen. Sie hatte die Treppe gerade erreicht, da hörte sie von unten die Stimmen jener Männer, die dort für McCall Wache hielten.

"Clay Braden ist ein harter Knochen. Mit dem wird der Boss noch einiges an Ärger auszutragen haben."

"Glaubst du nicht, dass sich jemand finden wird, der sich die tausend Dollar verdienen will, die auf Bradens Kopf stehen?"

"Die Frage ist nur, ob es auch einer schaffen wird!" Die Stimmen wurden leiser, sprachen jetzt nur noch in gedämpftem Tonfall. Kendra musste sich anstrengen, um mitzubekommen, was die Männer sagten.

"Was hältst du von der Lady, die er sich in seine Suite geladen hat?"

"Wer, der Boss?"

"Klar, wer denn sonst!"

"Bin gespannt wie lange er es mit der aushält..."

"Wo habt ihr Francine und Greg eigentlich hingebracht?

Hey, du warst doch dabei, oder?"

"Klar war ich dabei. Wir haben die Leichen der Beiden in die Sierra Blanca Mountains gebracht, einen halben Tagesritt von hier."

"Der Boss hat sie eigenhändig umgebracht, habe ich gehört."

"Du hast richtig gehört. Kein Wunder, er hat die Beiden ja in flagranti erwischt. Greg bekam sein Messer zu spüren und Francine hat er in der Badewanne ertränkt."

"Hätte McCall schon längst machen sollen. Die Kleine tanzte ihm doch schon länger auf der Nase herum und machte mit ihm, was sie wollte..."

"Trotzdem - eine Frau in ihrem Badewasser zu ertränken, dass ist selbst für jemanden wie Darren McCall ziemlich hart. Glaub mir, ich reite schon länger mit ihm als ihr..." Kendra ging die Treppe hinab.

Sie achtete darauf, dabei so viel Lärm zu machen, dass die Kerle ihr Gespräch früh genug abbrechen konnten und nicht das Gefühl hatten, dass die junge Rothaarige davon noch etwas mitbekommen hatte.

Die Männer schwiegen, als sie in der Eingangshalle ankam.

"Hallo, Jungs", sagte sie.

Die Männer grinsten. "Der Boss lässt etwas auf sich warten, was?"

Kendras Lächeln war geschäftsmäßig. "Da er euch und mir so oder so den ganzen Tag bezahlt, braucht uns das doch nicht weiter zu kümmern!", meinte sie.

Die Männer lachten heiser auf.

In Kendra herrschte ein einziges Durcheinander an unterschiedlichsten Empfindungen. Aber eines wusste sie jetzt ganz genau. Sie wollte hier weg! Und zwar so schnell wie möglich!

Eigentlich weigerte sich alles in ihr, auch nur ein einziges Wort von dem zu glauben, was sie so eben gehört hatte, aber andererseits ergab es ein logisches Bild. Den letzten Beweis würden vielleicht zwei frische Gräber in den Sierra Blanca Mountains erbringen...

Du hast dich in ihm getäuscht!, ging es ihr bitter durch den Kopf. Es war einfach so viel angenehmer, in ihm den edlen Gentleman zu sehen und die Augen vor dem zu verschließen, was eigentlich offensichtlich war!

Kendra schluckte.

Sie hatte Mühe, die Tränen zu unterdrücken.

Langsam bewegte sie sich auf die Tür zu.

"Hey, wo willst du denn hin, Kleine?", fragte einer der Männer.

"Ein bisschen frische Luft schnappen."

"Der Boss wird wütend sein, wenn er dich hier nicht findet!"

"Der Boss betrinkt sich wahrscheinlich nur im HAPPY SINNER und wird den Unterschied gar nicht bemerken!", erwiderte sie.

"Da wäre ich mir nicht zu sicher! Du hast McCall noch nicht erlebt, wenn er..."

Kendra hob die Augenbrauen. "Wenn er was?", hakte sie nach.

"Wenn er wütend wird!", meinte schließlich einer der Männer nach einem längeren Zögern.

Kendra nickte. "Keine Sorge, ich bin gleich wieder hier..."

Sie ging hinaus, hielt sich ein Stück auf derselben Seite der Mainstreet, ehe sie sie schließlich überquerte und geradewegs zum Marshal Office ging.

Archie Wayne saß mit seiner Schrotflinte im Arm vor der Tür. Er zuckte hoch, als er Kendra erkannte.

"Kendra! Was machst du denn hier?"

"Ist Clay da?"

"Nein, er ist zur Sundance Ranch geritten. Aber ich bin hier ja nicht allein. Drei frisch vereidigte Assistant Marshals passen auf, dass den Gefangenen da drinnen keiner rausholt..."

"Archie, kannst du mir dein Pferd leihen?" Der Alte runzelte die Stirn und schob sich den Hut in den Nacken. "Wieso das denn?"

"Ich will in die Sierra Blanca Mountains. Es muss dort das Grab von zwei Menschen geben, die erst vor kurzem getötet wurden. Einer der Beiden ist eine junge Frau, die mit McCall in die Stadt kam..."

"Ja, ich erinnere mich an sie...", murmelte Archie nachdenklich.

"McCall hat sie ertränkt, Archie!"

In diesem Moment hörten sie die Schussgeräusche. Steve, einer der neuen Marshal-Gehilfen stürmte aus dem Office. Er hielt die Winchester im Anschlag. "Was war das?", rief er.

"Das kam von der Sundance Ranch!", stellte Archie Wayne düster fest. Er wandte sich an Kendra. "Tut mir leid, aber meinen Gaul brauche ich jetzt ersteinmal selbst!"

"Dann nimm mich wenigstens hinten drauf, Archie!" Wieder krachten Schüsse. Eine regelrechte Schießerei schien sich auf der anderen Seite des Tinto River zu entwickeln.

"Soll noch jemand von uns mitkommen?", fragte Steve.

"Von wegen, ihr bleibt schön hier!", erwiderte Archie Wayne entschlossen. "Das könnte McCall sonst so passen..."

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Das triumphierende Gesicht des Blonden veränderte sich. Er schoss mit dem Army-Colt auf Clay. Dieser zuckte zur Seite. Die Kugel riss ein daumendickes Loch in den hölzernen Fußboden.

Ein zweiter Schuss folgte. Aber der ging ins Nichts. Der Schütze hob nämlich urplötzlich den Waffenarm. Er musste das Gleichgewicht halten, weil er von hinten einen Stoß bekam. Der Ausdruck des Entsetzens breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er über die Balustrade kippte. Clay rollte sich zur Seite. Gerade noch rechtzeitig bevor der Körper des Blonden genau dort zu Boden krachte, wo der Marshal noch einen Moment zuvor gelegen hatte. Clay blickte auf.

Oben an der Balustrade sah er Claire-Jo Jenkins. Sie atmete heftig. Ihr Kleid war zerrissen, hing ihr in Fetzen vom Körper. Außerdem war sie von blauen Flecken übersät. Der Blonde hatte sie furchtbar zugerichtet. Clay nickte ihr zu.

"Das war verdammt knapp!", meinte er. Dann wandte er sich dem Blonden zu. Er war tot, hatte sich wohl das Genick gebrochen.

"Alles in Ordnung?", fragte Dorothy an ihre Freundin Claire-Jo gewandt. Sie lief zu ihr hin. Die dunkelhaarige Schönheit nickte stumm.

"Sir, wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf...", sagte jetzt Cornelius O'Mahoney. Clay erhob sich und begann damit, die Trommel seines Revolvers nachzuladen. Cornelius fuhr fort: "Wenn das mit den tausend Dollars stimmt, dann war das hier erst der Anfang!"

Clay nickte düster.

"Schätze, McCall setzt jetzt alles auf eine Karte."

"Sir, Sie haben eine Verwundung an der Schulter!"

"Nicht der Rede wert!", meinte Clay. "Nur ein Streifschuss!"

"Sie gestatten trotzdem, dass ich Ihnen einen Verband anlege..."

"Einen Moment, Cornelius!"

Das Geräusch eines galoppierenden Pferdes war von draußen her zu hören. Clay lief zu Tür, trat ins Freie.

Auf dem Pferd, dass sich dem Vorplatz näherte saßen zwei Reiter. Clay erkannte sie, als sie sich weiter näherten. Es waren sein Assistant Marshal Archie Wayne und Kendra Lamont. Dorothy und Cornelius folgten Clay nach draußen. Und noch jemand anderes wagte sich jetzt ins Freie. Marlène. Sie kam aus dem Nebengebäude, in dem sich die Privaträume der Girls befanden. Solange Schüsse zu hören gewesen waren, hatte sie dort ausgeharrt. Jetzt, da sie Clay Braden ins Freie treten sah, kam sie hervor.

Archie zügelte das Pferd. Kendra stieg ab.

"Hallo Clay!", sagte sie.

Und Archie ergänzte: "Wir haben die Schüsse gehört! Was war hier los, Clay?"

Clay erklärte es ihnen in knappen Sätzen.

Archie pfiff durch die Zähne. "Wenn du mich fragst, dann ist hier in Roswell erst Ruhe, wenn McCall und sein Gesindel hinter Schloss und Riegel sitzen!"

"Einfacher gesagt als getan", erwiderte Clay. "Ich schätze, wir werden hier noch ein paar heiße Tage erleben..." Er wandte sich an Kendra. "Freut mich, dass du wieder hier bist", sagte er ehrlich.

Sie wollte etwas erwidern, öffnete halb den Mund. Aber Archie Wayne kam ihr zuvor.

"Kendra meint, dass McCall die junge Frau, die mit ihm in die Stadt kam und einen seiner Männer umgebracht hat."

"Woher weißt du das?", wandte sich Clay an die Rothaarige.

"Seine Leute haben darüber geredet. Clay, ich brauche ein Pferd."

"Und was hast du damit vor?"

"Ich will mit Archie Wayne in die Sierra Blanca Mountains reiten. Dort haben sie die Leichen irgendwo abgelegt. Aber Archie meint, dass man sie finden könnte. Bei der Trockenheit erhalten sich Spuren eine ganze Weile..."

"Das wäre der Strick um McCalls Hals, nach dem du suchst!", meinte Archie. "Die Jungs im Office kommen schon allein zu recht! Drei Mann müssten eigentlich auch ausreichen, um einen Gefangenen zu bewachen. Und du bist ja auch noch da!"

"Soll ich nicht besser mitreiten?", fragte Dorothy Willard. Das ehemalige Cowgirl hatte - im Gegensatz zu Kendra Lamont - hervorragend reiten und schießen gelernt.

Kendra schüttelte jedoch den Kopf.

"Nein, das muss ich selbst erledigen, Dorothy. Weißt du, ich muss einfach Gewissheit haben..."

Dorothy nickte. "Das verstehe ich."

Kendra wandte sich an Clay Braden. "Also, was ist? Gibst du mir ein Pferd oder muss ich mich zum Mietstall begeben?"

"Wahrscheinlich ist jedes Wort sinnlos, dass dich davon abzuhalten versucht", vermutete Clay.

"Exactement! Oui!", bestätigte die Französin. Clay atmete tief durch und klemmte die Daumen hinter den Revolvergurt. "Etwas in der Art habe ich mir schon gedacht..."

"Also?"

"Nimm den Braunen."

"Très bien!" Sie wandte sich an Archie. "Ich zieh mir eben was Praktischeres an und dann geht es los! Du kannst ja schonmal dafür sorgen, dass wir genügend Wasser und Proviant mitbekommen. Denn ganz so einfach wird das ja wohl nicht werden, die Stelle zu finden, an denen diese Kerle die Leichen verschwinden ließen..."

Ein selbstgefälliges Lächeln glitt über Archie Waynes Gesicht.

"Halb so schwer wie du glaubst, Schätzchen..."

"Ach, ja? Bon..."

"Mit einem so erfahrenen Fährtensucher wie mir an der Seite! Damals, auf dem großen California-Trail, da sagte mal ein Halbblut namens Joe zu mir..."

Aber Kendra war schon auf dem Weg zu ihrem Privatzimmer im Nebengebäude und so brach Archie Wayne seine Story sogleich wieder ab. Er sah Clay an und legte den Kopf dabei schief.

"Irgendwie scheint meine Story nicht ihren Geschmack zu treffen, was Clay?"

"Würde ich mir nicht weiter zu Herzen nehmen, Archie."

"Willst du sie vielleicht hören?"

"Später. Zuerst musst du dir noch über etwas anderes Gedanken machen."

"Worüber denn?"

"Was ist mit Erica, solange du weg bist?" Erica war die sechzehnjährige Tochter des ehemaligen Marshals von Roswell, der durch einen von Eddie Cameron angeheuerten Gunslinger umgekommen war. Zunächst hatte Erica eine Weile auf der Sundance Ranch gelebt, bis das Haus ihres Vaters am Rande der Stadt renoviert war. Archie Wayne wohnte auch dort und gemeinsam mit Clay empfand er die Verpflichtung, dafür zu sorgen, dass aus Erica doch noch eine richtige Lady wurde.

"Die kommt auch 'ne Weile ohne mich aus", meinte Archie. "Du weißt ja, dass sie reiten und schießen kann..."

"McCall wird bei mir nach einem Angriffspunkt suchen - und es könnte sein, dass er dabei auf Erica stößt. Schließlich hängt McCall viel mit Cameron zusammen, der könnte ihm die alte Geschichte erzählen..."

Archie runzelte die Stirn.

"Du meinst, dass er ihr etwas antun könnte? Sie vielleicht kidnappen, um dich in der Hand zu haben?"

"Wahrscheinlich mache ich mir grundlos Sorgen..."

"Du kannst ja mal zwischendurch nach ihr sehen..." Clay nickte. "Werde ich."

Neben sich hörte er, wie Dorothy Willard sich an Marlène wandte.

"Was hast du denn mit deinem Hals gemacht?", fragte Dorothy. Marlène betastete den deutlich sichtbaren roten Striemen.

"Ach das..."

"Lass mal sehen! Das sieht ja schlimm aus!" Aber Marlène wich vor Dorothy zurück. Sie schluckte und brachte dann schließlich heraus: "Alles in Ordnung", behauptete sie.

Dorothy stemmte die Arme in die Hüften.

"Also, wer immer das auch getan hat, ich würde mir so etwas von keinem Kerl bieten lassen!"

Marlène wollte offensichtlich nicht weiter darüber sprechen. Sie wandte sich ab. Dorothy akzeptierte das.

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"Was führt dich zu mir, Franklin?", grinste Eddie Cameron, als Franklin Coldwater in Eddie Camerons Büro auftauchte. Eine Etage tiefer im HAPPY SINNER Saloon tobte das pralle Leben und das war bis hier oben gut zu hören. Der Piano Player gab sein Bestes und ein paar heisere Stimmen versuchten sich mehr oder weniger erfolgreich dabei, die Lieder mitzusingen, die der Player spielte. Hin und wieder kreischte eines der Girls laut auf oder Flaschen und Gläser gingen zu Bruch. Eddie Cameron war bei der Arbeit.

Die Rechnungsbelege auf seinem Schreibtisch ließen erkennen, womit er seine Zeit verbracht hatte.

"Wir müssen reden, Eddie. Und zwar dringend!", bestimmte Coldwater.

Jeffrey Polland, der dem Bürgermeister wie ein Schatten folgte, stellte sich neben die Tür, lehnte sich lässig gegen die Wand und spielte etwas mit seinem Revolver herum.

"So?", meinte Cameron. "Worum geht's denn?"

"Es gibt Gerüchte in der Stadt. Gerüchte, die sich wie ein Lauffeuer verbreiten!"

"Ach komm schon, was gibt so ein großer Boss wie du auf das Gerede der Leute? Die erzählen viel, wenn der Tag lang ist - und ihre Frauen ihnen genug Luft dazu lassen!" Cameron lachte dreckig.

Jeffrey Polland konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Aber sein Boss verstand in diesem Augenblick keinen Spaß.

"Es heißt, du hättest dich mit mit McCall zusammengetan! Wie soll ich das verstehen?"

"Wir haben ein paar Whiskys zusammen getrunken."

"Ich denke, da war schon etwas mehr..." Polland spielte immer noch mit dem Colt herum, ließ ihn um den Zeigefinger kreisen. "Du machst mich nervös, Polland!", meinte Cameron.

Polland sah seinen Boss an. „Geh schon!", knurrte Coldwater. Das ließ sich der Schatten des Bürgermeisters nicht zweimal sagen und verließ den Raum.

"Also Klartext", sagte Cameron.

"Ich bitte darum!"

"Du brauchst keine Angst zu haben, ausgebootet zu werden!"

"Ach! Und wenn ihr die Stadt untereinander aufteilt!"

"Wir teilen nur die Arbeit untereinander auf", meinte Cameron. "Auch wenn dieser Lackaffe McCall das wohl noch nicht so richtig begriffen hat."

"So? Da bin ich aber gespannt, Eddie!"

"Er übernimmt die blutige Drecksarbeit, ich das Geldzählen!" Cameron grinste. "McCall steht unter Zugzwang. Er muss den Marshal beseitigen. Und wenn er das getan hat, entledigen wir uns seiner..." Cameron umrundete den Schreibtisch und legte dem Bürgermeister eine Hand auf die Schulter.

"Es gibt Leute, die wollen Schüsse auf der Sundance Ranch gehört haben!"

"Na siehst du, vielleicht hat sich das Problem Clay Braden schon in Wohlgefallen aufgelöst..."

"Ich weiß nicht, ob du auf die richtige Karte gesetzt hast, was McCall betrifft. Du weißt, ich kenne ihn..."

"Lordsburg ist nicht Roswell. Und jetzt behalte die Nerven! Übrigens habe ich McCall geraten, sich doch mal um Erica Forrester zu kümmern..."

"Die Tochter unseres Ex-Marshals?", echote Coldwater.

"Genau. Braden kümmert sich um sie... Und wenn sie in McCalls Hand ist, wird der eisenharte Marshal Braden vielleicht etwas weicher... Das nur, um deinen Optimismus wieder aufzurichten."

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Es war schon ziemlich dunkel, als Clay Braden zurück in die Stadt ritt. Zuerst führte ihn sein Weg zum Marshal Office. Cornelius O'Mahoney hatte Clays Wunde versorgt und für die drei Assistant Marshals etwas zu Essen zubereitet.

Ob Steve, Moss und Roy allerdings die Feinheiten der Zubereitung würdigen konnten, die der ehemalige Butler anwandte, bezweifelte Clay eher.

"Keinen Whisky?", beschwerte sich Steve, nachdem der Inhalt des Korbes, den Clay den Männern mitgebracht hatte, eingehend taxiert war.

"Kein Whisky", bestätigte Clay. "Ihr müsst schließlich hellwach sein. Übrigens - gebt dem da etwas ab!" Dabei deutete er auf den Gefangenen.

"Klar", nickte Steve.

"War irgendetwas besonderes?", erkundigte sich der Marshal.

"Moss war vorhin mal kurz beim McMillan-Store und hat das Hotel beobachtet."

"Und?"

"Irgendetwas hecken die aus, da bin ich mir ganz sicher!", meinte Steve.

"Ein paar Tage noch müssen wir durchhalten. Dann geht's dem hier" - er deutete auf den Gefangenen - "an den Kragen. Und Darren McCall auch!"

Clay wandte sich zur Tür. "Ich reite jetzt zu Erica Forrester!", meinte er. "Seht zu, dass ihr immer bereit seit!"

"Klar, Marshal", nickte Moss. Er hielt dabei die Winchester wie ein Baby im Arm und tickte mit dem Finger gegen den Lauf. "Ich werde das Ding hier noch nicht einmal beim Essen zur Seite legen!"

Clay grinste.

"Um so besser!"

"Seien Sie vorsichtig, Marshal! Die haben es auf Sie abgesehen."

"Ich weiß."

Clay ging hinaus, schwang sich wieder auf den Gaul. Es war weniger los in der Stadt als an anderen Abenden. Der Silvermoon Saloon hatte komplett geschlossen. Und dasselbe galt auch für die eine oder andere Bodega an der Main Street. Die Ruhe vor dem Sturm, dachte Clay Braden. Es lag einfach in der Luft, das bald der große Knall losbrach. Und da wollte keiner sein Mobiliar zertrümmert haben. Clay konnte das verstehen.

Es gab daher auch an diesem Abend nicht viele Passanten in den Straßen von Roswell. Und auf die wenigen, die es gab, musste man ein Auge haben...

Clay ritt an Martinsons Hotel vorbei. Ihm fiel auf, dass

lediglich zwei Pferde an der Querstange vor dem Gebäude festgemacht waren. Fragt sich, wo die ganze Meute geblieben ist? ging es ihm durch den Kopf.

Clay bog ab, ritt eine Nebenstraße entlang und hatte dann schließlich Ericas Haus erreicht.

Es befand sich ganz am Ende. Dahinter kam nur noch ein Mietstall.

Clay stoppte vor Ericas Haus. Es war klein, sah seit dem letzten Anstrich aber wieder ordentlich aus.

"Erica!", rief er "Ich bin bin's! Clay Braden!" Er erhielt keine Antwort.

"Erica!"

Möglich, dass sie unterwegs war. Der Wildfang war schließlich eine ausgezeichnete Reiterin. Und mit dem Gewehr konnte sie ebenso gut umgehen. Auch wenn sie hin und wieder auf Grund ihrer Unerfahrenheit in brenzlige Situationen stolperte, so war sie doch alles andere als schutzbedürftig. Zumindest sah sie das selbst so. Clay und Archie hatten da eine etwas andere Meinung.

Der Marshal von Roswell versuchte es noch einmal.

"Erica!"

Ein unterdrückter Laut antwortete ihm.

Er griff zum Revolver. In derselben Sekunde nahm er eine Bewegung in der Toröffnung des nahen Mietstalls wahr. Ein Mündungsfeuer blitzte in der Dunkelheit auf. Kurz hintereinander wurden vier, fünf Schüsse abgefeuert. Clay ließ sich seitwärts gleiten, so dass er den Pferdekörper als Deckung hatte. Dann glitt er zu Boden, rollte sich ab. Das Pferd stob davon. Clay feuerte in Richtung der Angreifer.

Es waren mehr oder minder Schüsse ins Ungewisse, denn alles was er von seinen Gegnern sah war das Aufblitzen von Mündungsfeuern.

Es waren mindestens zwei. Soviel war schonmal klar. Clay rappelte sich auf, stürmte auf die Tür von Ericas Haus zu. Er rammte sie mit der Schulter. Sie sprang auf. Er taumelte in einen halbdunklen Flur. Etwas Helles leuchtete auf. Es war ein weißes Hemd.

Ericas Hemd.

Ein grinsender Kerl hatte sie von hinten gepackt, ihr den Mund mit der Hand verschlossen.

In der Rechten hielt der Kerl einen Revolver.

Die Fellmütze auf dem Kopf sorgte dafür, dass Clay ihn auch bei diesen schlechten Lichtverhältnissen wiedererkannte. Es handelte sich um den Kerl, den er vor der Hoteltür niedergeschlagen hatte.

Ohne zu zögern feuerte der Mann mit der Fellmütze seinen Colt an. Clay duckte sich, die Kugel ging über ihn hinweg. Aber bevor sein Gegner zum zweiten Schuss kam, hob den Clay den Revolver und drückte ab. Wohlgezielt zog die Kugel ihre Bahn, pfiff dicht an Ericas Ohr vorbei und erwischte den Kerl mit der Fellmütze im rechten Auge. Der Griff um das Girl lockerte sich. Erica riss sich los. Der Kerl schlug der Länge nach hin und rührte sich nicht mehr.

"Clay!", stieß Erica hervor.

"Alles in Ordnung?", fragte der Marshal.

"Wenn du damit meinst, dass ich unverletzt bin - dann ja!"

"Na, das ist ja wenigstens etwas."

Clay bückte sich, hob den Colt des Toten auf. Bevor er ihn Erica reichte, lud er ihn noch nach. "Hier!", sagte er. "Die Sache ist noch nicht zu Ende! Da draußen warten noch zwei Wölfe auf mich!"

"Was wollten die hier?"

"Die haben auf mich gewartet", meinte Clay. "Vielleicht wollten sie dich auch kidnappen, um mir gegenüber einen Trumpf in der Hand zu haben..."

"Archie hat mir von deiner Fehde mit der McCall-Meute erzählt", meinte sie. "Du hast einen seiner Leute wegen des Postkutschenüberfalls festgenommen."

"Ja", bestätigte Clay. Er seufzte hörbar, ging dann vorsichtig zum nächsten Fenster um hinauszublicken. Es war nichts Verdächtiges zu sehen. Alles schien ruhig. Aber Clay war überzeugt davon, dass sie da draußen noch auf ihn warteten. "Es steht ja wohl fest, das du hier nicht bleiben kannst!", meinte Clay.

Erica stemmte einen Arm in die Hüfte.

"Aber weg kommen wir hier im Moment wohl auch nicht, was?"

"Sieht so aus. Aber das haben wir gleich."

"Was hast du vor?"

"Ich gehe hinten aus dem Haus, mache einen Bogen und knöpfe mir die Kerle vor. Sie sind irgendwo im Mietstall..."

"Und was soll ich machen?"

"Hier bleiben und jeden abknallen, der dir zu nahe kommt!" Sie zog einen Schmollmund.

"Hat wahrscheinlich nicht viel Sinn, mit dir darüber zu diskutieren, oder?"

"Nein."

"Dachte ich mir", seufzte sie.

Clay begab sich in den hinteren Teil des Hauses. Es gab dort eine Veranda. Clay öffnete leise die Tür, trat hinaus. Es war ziemlich dunkel hier. In geduckter Haltung und mit dem Revolver in der Hand schlich Clay durch die Nacht. Hinter einem Strauch nahm er Deckung, blickte sich um. Dann schlich er weiter, bis er den Hintereingang des Mietstall erreicht hatte. Die Tür knarrte, als Clay sie öffnete.

Zwei schattenhafte Gestalten wirbelten herum.

Mündungsblitze leuchteten grell auf. Schüsse krachten. Clay behielt die Ruhe, er feuerte gezielt. Kurz hintereinander gellten die Todesschreie der beiden Schützen, die darauf gelauert hatten, dass er - oder der Kerl mit der Fellmütze aus dem Haus kam. Clay blieb ruhig stehen.

Er wartete ab.

Sein Instinkt für Gefahr meldete sich unmissverständlich. Er verstand der Versuchung, jetzt aus der Deckung zu kommen und sich davon zu überzeugen, dass die Schießer wirklich tot waren.

Die Sekunden verrannen.

Und Clay behielt recht.

Ein dritter Mann tauchte plötzlich auf. Er feuerte wild in Clays Richtung. Clay duckte sich. Der Mann nahm eines der Pferde, die im Mietstall standen, hängte sich seitlich daran wie ein Indianer, so dass der Pferdekörper ihm als Deckung diente und preschte davon.

Gleichzeitig waren auch von etwas weiter entfernt noch Schüsse zu hören.

Clay erstarrte.

Es gab mehrere Erklärungen für die Schießerei. Die harmlosere Variante war eine Meinungsverschiedenheit in einer der Pokerrunden des HAPPY SINNER. Aber viel wahrscheinlicher war, dass beim Marshal Office etwas los war.

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Erica und Clay ritten aus der Stadt, schlugen einen Bogen auf den Tinto River zu. Dann zügelte Clay sein Pferd. "Ein paar Meilen weiter flussabwärts ist eine Furt. Wahrscheinlich kennst du sie. Die Cowboys der LD-Ranch benutzten sie des öfteren für ihre Herden."

"Ich kenne die Stelle."

"Geh dort über den Fluss und reite dann in einem Bogen zur Sundance Ranch!"

"Und du?"

"Ich werde zum Marshal Office reiten. Dort ist jetzt wahrscheinlich der Teufel los..."

"Clay..."

"Nun mach schon! Und geh McCalls Leuten aus dem Weg, sollten sich noch welche in der Gegend herumtreiben!" Erica atmete tief durch und nickte dann. Sie gab ihrem Gaul die Sporen. Clay sah ihr noch einen Moment lang nach. Dann ritt er wieder in Richtung Stadt.

Es war zu riskant, einfach die Mainstreet entlangzureiten. Statt dessen näherte sich Clay durch eine Seitenstraße. Er ließ sein Pferd zurück, nahm die Winchester aus dem Sattelschuh und schlich dann vorwärts. Vorsichtig bewegte er sich zwischen den Lagerhäusern hinter dem McMillan-Store her. Dann hatte er die Main Street erreicht. Er blickte hinüber zum Hotel.

Sieh an! dachte er. Sechzehn Pferde! Die ganze Mannschaft war also in der Nähe.

Auf einem der Dächer auf der gegenüberliegenden Straßenseite sah er einen von McCalls Leuten auf dem Dach eines Hauses herumlaufen. Er hielt ein Gewehr in der Hand und starrte die Main Street entlang.

Keine Frage, auf wen der wartet!, dachte Clay.

Er zog sich wieder zurück, umrundete vorsichtig den McMillan Store und schlich sich dann weiter, die Rückfronten der Häuser an der Main Street entlang.

Einer von McCalls Leuten stand bei der Rückfront des Marshall Office. Er hielt ein Spencer-Gewehr im Anschlag, patrouillierte auf und ab. Clay schlich sich von hinten heran. Ein Schlag mit dem Winchester-Kolben versetzte den Kerl ins Reich der Träume. Beinahe lautlos sackte er in sich zusammen.

Vorsichtig setzte Clay dann einen Fuß vor den anderen, den Lauf der Winchester voran. Er ging auf leisen Sohlen die Steinwand des City Jails entlang, um zur Vorderfront des Gebäudes zu gelangen.

Schließlich erreichte er die Ecke. Auf der anderen Seite der Main Street nahm er huschende Bewegungen wahr. Es war totenstill in diesem Teil Roswells.

Clay tauchte vorsichtig hinter der Ecke hervor. Ein Mann saß auf der Bank vor dem Office.

Es war Moss. Er hielt seine Winchester im Arm, wirkte so, als würde er dort Wache halten.

Aber sein Blick war starr.

Und Blut tropfte von der Bank herunter.

Diese Hunde! durchzuckte es Clay. Sie hatten Moss erschossen und ihn dann so hingesetzt, dass man denken konnte, dass er noch am Leben war!

Kalte Wut erfasste Clay.

Aus dem Office waren die Geräusche von Schritten zu hören. Aber Clay rechnete nicht damit, dass Steve und Roy noch lebten.

Verdammt, ich hätte hier sein müssen! ging es ihm bitter durch den Kopf. Aber das half jetzt nichts mehr. Er fasste die Winchester mit beiden Händen, dann stürzte er vor, trat die Tür ein. Sie sprang zur Seite. Clay stürzte in den Raum, ließ den Lauf der Winchester herumfahren.

Ein Mann mit dunklem Hut stand dort. Es war Sonny, der Häftling. Um die Hüften trug er seinen Revolvergurt. Die Zellentür stand offen.

Clay sah die beiden Leichen, die man dort abgelegt hatte. Steve und Roy.

Sonny bleckte die Zähne, verzog das Gesicht, als er Clay sah. Seine Hand hatte den Colt schon zur Hälfte aus dem Leder gerissen, als er mitten in der Bewegung erstarrte und die Waffe zurückgleiten ließ.

Er wich einen Schritt zurück.

Clay schloss mit einem Tritt die Tür.

"Sie haben keine Chance, Marshal", stellte er fest.

"Draußen warten McCalls Leute nur darauf, Ihnen den Pelz zu durchlöchern..."

"Ja, ich weiß", murmelte Clay.

Sonny hob die Hände etwas an an. "Zu dumm", meinte er.

"Einen Moment nicht aufgepasst und... Aber wer hätte auch damit rechnen können!"

"Du hast doch damit gerechnet, dass ich hier her komme!", versetzte Clay. "Wolltest dir die tausend Dollar verdienen, was?"

"Du hättest mein Angebot annehmen sollen - da draußen bei der Postkutsche..."

"Schnall den Gürtel wieder ab..."

"Schon klar..."

Sonnys Augen flackerten. Der Blick ging zur Seite, Richtung Fenster. Das Glas war bei der vorangegangenen Schießerei zersplittert.

Clay sah einen Gewehrlauf. Dann das Mündungsfeuer. Ein Schuss krachte in seine Richtung. Clay ließ sich nach hinten gegen die Wand fallen. Der Schuss zischte dicht an ihm vorbei. Der Marshall feuerte die Winchester ab. Ein Schrei gellte von draußen.

Blitzartig schwenkte Clay dann die Waffe herum. Sonny hatte die Gelegenheit genutzt und sein Eisen gezogen.

Aber sein Schuss ging ins Nichts, denn Clays Kugel erwischte ihn in der Herzgegend. Ein Ruck ging durch Sonnys Körper, ließ ihn zurücktaumeln. Die Waffe entfiel ihm. An den Gitterstäben der Zelle rutschte er zu Boden. Ein wahrer Geschosshagel prasselte Sekundenbruchteile später auf das Marshall Office ein. Die Steine schluckten die Kugeln. Clay presste sich gegen die Wand, wartete ab. Der Bleihagel verebbte schließlich. Clay stieß die Tür auf, stürmte hinaus und gab dabei Schuss um Schuss aus seiner Winchester ab. Die bleihaltige Antwort ließ nur einen Augenblick auf sich warten. Aber als die Schießerei wieder losging, hatte Clay schon die schmale Gasse erreicht, die sich zwischen dem Marshal Office und dem nächsten Gebäude befand.

Clay wartete kurz ab, dann rannte er weiter.

Minuten später hatte er die Stelle erreicht, an der er sein Pferd zurückgelassen hatte.

Er schwang sich hinauf und preschte davon.

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Clay musste denselben Umweg zur Sundance Ranch machen wie Erica. Denn er konnte davon ausgehen, dass bei der Rio Bonito-Brücke jemand auf ihn lauerte.

Er war froh, als er die Ranch endlich erreichte. Cornelius begrüßte ihn mit dem Spencer-Karabiner in der Hand und war ebenso erleichtert, seinen Boss gesund und munter wiederzusehen.

Clay stieg vom Pferd und ging dann ins Haus.

Cornelius blieb als Posten vor der Tür stehen. Er hatte von dort aus den besten Überblick über den Vorplatz bis hin zur Tinto River-Brücke.

In der Bar traf Clay Dorothy wieder.

Sie nahm Clay in den Arm.

"Ich bin froh, dass dir nichts passiert ist", meinte sie.

"Die Schießerei von der anderen Flußseite hat man bis hier gehört..."

Marlène war auch im Raum. Aber sie schien sich sichtlich unwohl in ihrer Haut fühlen, hatte schon mehrere Gläser Whisky intus und machte nicht den Eindruck, noch besonders nüchtern zu sein.

Erica saß auf einem der Hocker. Auch sie freute sich, Clay wiederzusehen. In knappen Worten fasste Clay die Ereignisse zusammen.

Dorothy hatte auf dem Schanktisch der Bar bereits einige Gewehre bereitgelegt.

"Claire-Jo ist auf ihrem Zimmer", sagte sie. "Der Kerl hat ihr ziemlich übel mitgespielt..."

"Dafür hat er bezahlt", stellte Clay fest. Dorothy Willard nickte. "Ja. Aber Claire-Jo wird eine Weile brauchen, um darüber hinwegzukommen."

Clay wandte sich an Marlène. "Kannst du mit einer Waffe umgehen?", fragte er.

Sie schüttelte den Kopf.

"Nein."

"Du denkst, dass wir hier bald Besuch bekommen, nicht wahr?", meinte Dorothy.

Clay nickte düster. "Ja. Es kann eigentlich nicht mehr lange dauern."

"Wie viele sind es Clay?"

Clay zuckte die Achseln.

"Ich habe einige von ihnen außer Gefecht gesetzt. Aber mit einem Dutzend müssen wir auf jeden Fall noch rechnen..." Marlène meldete sich zu Wort. "Was wirst du jetzt tun, Clay Braden? Du hast doch keine Chance gegen diese Meute! Dieser McCall und seine Leute werden dich erschießen und Eddie Cameron deine Leiche präsentieren..." Ein Schluckauf erfasste sie.

"Du bist betrunken", stellte Clay fest.

"Am Ende bekommt Cameron dann doch noch, wonach er immer so gierig war..."

Marlène nahm die ganze Flasche, setzte sie an den Mund. Dorothy nahm sie ihr aus der Hand. "Du hast genug, Schätzchen!"

"Mach mir keine Vorschriften, Dorothy!", gluckste sie. In diesem Moment ertönte die Stimme des Butlers, der jegliche Zurückhaltung vergessen zu haben schien. "Sir, kommen Sie! McCall und seine Leute..."

Seine Stimme überschlug sich fast vor Aufregung.

"Okay", sagte Clay. "Jetzt geht es los..." Er überprüfte noch kurz die Ladung seines Revolvers und ergriff dann eines der Winchestergewehre, die Dorothy auf den Schanktisch gelegt hatte. Dorothy nahm sich auch eine der Waffen.

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Clay stand an der Tür und blickte der Reiterhorde entgegen, die sich von der Brücke her näherte. Das Mondlicht fiel auf sie. Clay sah, dass sie sich verteilten.

"Wenn ich mir eine Bemerkung erlauben dürfte - wir werden eingekreist!", stellte Cornelius O'Mahoney fest, der sich mit seinem Spencer-Karabiner in Clays Nähe befand.

"Ja, diesmal wollen sie wohl auf Nummer sicher gehen", nickte Clay.

Auf dem Gebiet zwischen dem Vorplatz der Sundance Ranch und der Tinto River-Brücke gab es nicht viel Deckung, wohinter sich McCalls Männer verschanzen konnten. Ein paar Sträucher und Bäume, das war alles. Aber bei der Dunkelheit konnte schon der lange Mondschatten einer Baumkrone sehr wertvoll sein.

"Sir, wenn Sie mir eine Lageeinschätzung gestatten...", begann Cornelius von Neuem.

"Reden Sie!", forderte Clay.

"Wir müssen aufpassen, dass die Rückfront des Ranchhauses gesichert ist und nicht ein paar der Kerle auf die Idee kommen, sich von hinten anzuschleichen..."

"Sagen Sie Dorothy, dass sie dort aufpassen soll!"

"Sehr wohl, Sir!"

Cornelius, Erica, Dorothy und der Marshal.

Vier Personen, die mit einer Waffe umgehen konnten gegen eine Meute von bezahlten Gunslingern. Das Kräfteverhältnis könnte besser sein, dachte Clay.

"Clay Braden! Hören Sie mich?", rief eine Stimme aus der Dunkelheit. Es war McCalls Stimme. Clay vermutete ihn bei einer kleinen Gruppe von Bäumen.

"Ich höre Sie, McCall!", rief Clay zurück.

"Wir werden hier alles zusammenschießen, Clay Braden!"

"Und ich werde Sie an den Galgen bringen, McCall!", rief Clay zurück.

"Große Worte, Braden!"

"Sie bekommen einen fairen Prozess, wenn Sie sich ergeben, McCall!"

McCall lachte dröhnend. "Ich schätze Männer mit Humor, Braden! Leider haben Sie sich dafür entschieden, sich gegen mich zu stellen... Lassen Sie Kendra gehen!"

"Kendra kann gehen wohin sie will, es gibt keinen, der ihr Vorschriften macht."

"Sie soll zu mir kommen!"

"Sie ist nicht hier!"

"Nachdem diese Sache erledigt ist, werde ich der neue Herr der Sundance Ranch sein. Mir liegt daher nichts daran, die Ranch in Schutt und Asche zu legen oder die Girls zu verletzen. Ich rufe also alle auf, die mit Clay Bradens Kampf nichts zu tun haben, die Ranch zu verlassen! Ihnen wird nichts geschehen..."

Einige Augenblicke lang herrschte Schweigen.

Marlène kam durch die Tür und trat ins Freie.

Sie wirkte auf einmal wieder stocknüchtern. Clay drehte sich zu ihr um.

"Ich werde reiten", sagte sie.

"McCall wird dich nur als Geisel nehmen", stellte Clay sachlich fest.

"Nein, das glaube ich nicht", schüttelte sie den Kopf. Dann zog sie einen Revolver hinter dem Rücken hervor und richtete ihn auf Clay. "Du wirst mich nicht daran hindern. Ich kann mit dem Ding zwar kaum richtig umgehen, aber auf diese Entfernung treffe selbst ich!"

Clay senkte die Winchester.

"Du machst einen Fehler, Marlène! Diesem Hund kannst du nicht trauen!"

"Lass das mal meine Sorge sein, Clay! Nimm's mir nicht übel, aber ich habe einfach keine Lust mir deinetwegen den Schädel wegschießen zu lassen."

"Das verstehe ich ja, aber..."

"Bleib, wo du bist!"

Marlène ging zu Clay Bradens Pferd, das dieser an der Querstange festgemacht hatte, schwang sich hinauf und preschte los.

Sie hielt auf die Tinto River-Brücke zu, ritt in vollem Galopp. Als sie die Baumgruppe passierte fühlte sie plötzlich, wie sich eine Lasso-Schlinge um ihre Schultern legte. Hart wurde sie aus dem Sattel gerissen. Schmerzhaft kam sie auf den Boden, stöhnte auf. Der Revolver entfiel ihr. Jemand schleifte sie grob über den Boden. Sie schrie, aber das nützte ihr nichts. Im selben Moment brandete der Geschosshagel in Richtung der Ranch auf. McCalls Männer schossen buchstäblich aus allen Rohren.

Die Kugeln pfiffen rechts und links an Clay vorbei. Er feuerte ebenfalls aus seiner Winchester und zog sich dann ins Innere der Ranch zurück.

Erica und Cornelius schossen von den Fenstern der Bar aus. Marlène wurde inzwischen gefesselt. Sie blickte auf, sah die grinsenden Gesichter der Männer. Ihr Kleid war zerrissen. Darren McCall tauchte aus dem Schatten heraus auf. Er lächelte kalt. Seine Worte verstand Marlène nicht, denn die Schussgeräusche übertönten alles. McCall beteiligte sich nicht an der Ballerei. Dafür hatte er seine Leute. Er beugte sich zu Marlène hinunter. Der Geschosshagel verebbte irgendwann. Die Magazine der Winchesters waren wohl leergeschossen und mussten nachgeladen werden.

"Geh wieder auf deinen Posten, Ron!", wies er den Mann an, der Marlène so brutal gefesselt hatte.

"Mr. Cameron wird dir dafür bei lebendigem Leib die Haut abziehen!", zischte Marlène.

McCall hob die Augenbrauen.

"Mr. Cameron?", fragte er erstaunt.

"Ja, ich bin nämlich seine Spionin hier auf der Sundance Ranch!"

"Ach, sieh an! Dann verrate ich dir mal ein Geheimnis: Mr. Cameron wird nicht einen Finger für dich rühren! Wir haben die Stadt so aufgeteilt, dass die Sundance Ranch mir zufällt. Außerdem..."

"Boss!", wurde McCall unterbrochen.

Es war einer seiner Leute, der ziemlich abgehetzt wirkte. Er musste erst ein paarmal tief durchatmen, ehe er sprechen konnte.

"Was ist los, Ben? Du sollst doch auf der andere Seite der Ranch darauf achten, dass Braden sich nicht feige aus dem Staub macht!"

"Ich dachte, das interessiert sie vielleicht... Laker war doch früher Fährtensucher der Army..."

"Na und?"

"Er hat frische Spuren entdeckt. Zwei Pferde."

"Welche Richtung?"

Ben deutete mit der Hand. "Sierra Blanca..." McCalls Augen wurden schmal.

"Sag mal, könnte es sein, dass ihr in Kendras Anwesenheit mal 'ne Bemerkung fallengelassen habt?"

"Eine Bemerkung?" Ben schien nicht zu verstehen.

"Ja, darüber wo Francines Leiche geblieben ist." McCall machte eine wegwerfende Handbewegung. "Ist ja auch egal... Toby und Striker sollen der Spur folgen..."

"Aber wieso? Wir brauchen alle Mann hier!"

"Wir haben mehr als genug Schützen, um mit Braden fertig zu werden... Und jetzt tu, was ich sage!" Dann richtete er den Blick auf Marlène: "Wir werden deinen Boss jetzt zur Strecke bringen! Und wer weiß wie du uns dabei noch helfen wirst!" McCall lachte zynisch.

Und Marlène bereute ihren Fehler.

Aber dazu war es jetzt zu spät.

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Dorothy hatte sich bei der Rückfront des Ranchhauses postiert, blickte durch die Fenster. Hier und da glaubte sie, Bewegungen erkennen zu können. Sie wollte das Fenster hochschieben, da wurde plötzlich geschossen. Dorothy duckte sich. Die Scheiben zerbarsten unter dem Beschuss. Dann hörte sie Schritte auf der Veranda. Einen Augenblick später wurde die Hintertür des Ranchhauses eingetreten.

Dorothy wirbelte herum.

Doch der Mann, der hereingestürmt war hatte bereits auf sie gefeuert, bevor das Ex-Cowgirl hatte abdrücken können. Kaum zehn Fuß betrug die Entfernung zwischen ihnen. Eine Distanz, auf die eigentlich keiner der bezahlten Gunslinger in McCalls Diensten daneben schießen konnte.

Aber in derselben Sekunde, als er gefeuert hatte, war der Kerl selbst am Oberkörper getroffen worden.

Clay stand in der Tür zum Nachbarraum und ließ seine Winchester sprechen. Der McCall-Mann sackte in sich zusammen, schlug schwer zu Boden. Am Fenster tauchte ein Schatten auf. Dann ein Mündungsblitz.

Clay zuckte zur Seite feuerte im nächsten Moment selbst zweimal kurz hintereinander. Ein Schrei gellte von draußen. Der Schatten taumelte. Man konnte hören wie der Mann schwer auf den Bretterboden der Veranda niederging.

Dann herrschte Ruhe.

In geduckter Haltung erreichte der Marshal Dorothy.

"Alles in Ordnung?"

"Ich bin unverletzt, Clay."

"Ich werde hinausgehen und mir die Kerle kaufen..."

"Clay, du bist wahnsinnig!"

"Wenn ich McCall habe, wird die Bande auseinanderlaufen wie ein Hühnerhaufen!"

Clay wandte sich der offenstehenden Tür zu.

"Ich gebe dir Feuerschutz, wenn's nötig wird!", versprach sie.

"Okay!"

"Und noch was!"

"Was?"

"Zwei der Kerle sind nach Nordwesten davongeritten. Ich habe sie im Mondlicht gesehen..."

"Richtung Sierra Blanca...", murmelte Clay.

"Vielleicht haben sie die Fährte von Archie und Kendra aufgenommen..."

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Vorsichtig tastete sich Clay aus der Tür. Sogleich wurde auf ihn geschossen. Dorothy tauchte aus ihrer Deckung hervor, steckte den Lauf ihrer Winchester durch das zerschossene Fenster und feuerte ein paarmal kurz hintereinander. Ein Schrei gellte.

Clay lief in geduckter Haltung zur nächsten Deckung, einem halb vertrockneten Strauch. An der Ecke des Ranchhauses tauchte einer der Gunslinger auf, legte seinen Colt auf Clay an. Aber Clay war schnell genug, feuerte die Winchester aus der Hüfte heraus ab.

Der Kerl hatte nicht einmal mehr Zeit für einen Schrei. Er rutschte an der Wand des Ranchhauses zu Boden.

Clay schlich weiter, erreichte den Stall, der sich neben dem Ranchhaus befand.

Einen von McCalls Männern, die dort herumpatrouillierte, schaltete er mit einem Schlag des Winchesterkolbens aus. Dann ging er weiter, umrundete den Stall. An einem Strauch hatten ein paar der Kerle ihre Pferde festgemacht. In der Nähe befand sich einer von ihnen. Clay sah ihn im Mondlicht. Den Colt hielt er mit der Linken. Er wirkte etwas orientierungslos. "Matt, Lewis...?", rief er und blickte sich suchend um.

Clay duckte sich, schlich durch den nachtschwarzen Schatten, den der Stall warf.

Der Linkshänder sah ihn offenbar nicht. Er kam auf Clay zu, ließ den Colt herumkreisen.

Als er nahe genug heran war, sprang Clay vor und setzte ihm den Lauf seiner Winchester an die Rippen.

"Kein Laut!", zischte er.

Clay nahm ihm den Revolver aus der Hand, hielt dabei mit der anderen den Winchesterlauf auf den Oberkörper des Linkshänders gerichtet. Der Marshal öffnete die Revolvertrommel und ließ die Patronen herausrieseln. Dann gab er ihm die Waffe zurück.

"Steck ihn wieder ein."

"Warum feuerst du nicht, Braden? Ich schwöre dir, dich erwischt es dann wenig später."

"Wir gehen zu den Pferden", bestimmte Clay. "Und dann bringst du mich zu deinem Boss! Keine falsche Bewegung und kein falsches Wort, sonst blase ich dir eine Ladung Blei zwischen die Augen..."

Der Linkshänder schluckte.

"Du gehst zuerst!", befahl Clay.

Der Mann gehorchte, drehte sich um. Clay folgte ihm. Fünf Pferde. Drei Mann hatte Clay ausgeschaltet, einen hatte Dorothy erledigt. Und dann war da noch der Linkshänder.

"Steig auf!", befahl Clay. Der Linkshänder stieg in den Sattel. Clay nahm sich ein anderes Pferd. Er steckte die Winchester in den leeren Sattelschuh. Sie ritten einen Bogen, näherten sich dann schließlich der Baumgruppe, wo McCall lagerte.

Einer seiner Leute trat ihnen entgegen, hob das Gewehr.

"Ich bin's! Lester!", rief der Linkshänder. Clay zog den Hut etwas tiefer ins Gesicht und hielt sich außerdem immer etwas hinter dem Linkshänder. Bei der Dunkelheit konnte er darauf setzen, dass man ihn nicht gleich erkannte. Zumal niemand ihn auf dieser Seite der Frontlinie erwarten konnte.

"Alles klar", meinte der Posten.

Sie stiegen von den Pferden.

Clay sah McCall mit drei seiner Leute. Aber deren Aufmerksamkeit war auf die Vorderfront des Ranchhauses gerichtet. Sie waren in Stellung gegangen, hatten die Winchester-Gewehre angelegt und warteten darauf, dass sich auf der anderen Seite etwas rührte.

Marlène lag wie ein verschnürtes Bündel auf dem Boden. McCall musterte erst den Linkshänder, dann glitt sein Blick zu Clay.

"Vorsicht, Boss, das ist Braden!", rief der Linkshänder. McCall zuckte herum, riss den Colt heraus.

Clay war ebenso schnell. Er zog den Revolver.

Beide Männer schossen fast gleichzeitig.

Clays Kugel erwischte McCall in der Herzgegend, riss ihn zurück, so dass sein eigener Schuss dicht über Clays Kopf hinwegzischte.

Der Linkshänder schwang sich auf sein Pferd, gab ihm die Sporen. Er ritt wie der Teufel in die Nacht hinein. Gleichzeitig rissen McCalls Leute die Waffen herum. Sie schossen in blinder Panik drauflos. Eine Kugel traf den Linkshänder, eine andere das Pferd, mit dem Clay hergekommen war. Clay hechtete sich zu Boden, feuerte noch im Fallen. Einen der Männer tötete er mit dem ersten Schuss, den zweiten erwischte er am Arm, so dass ihm der Waffenarm nicht mehr gehorchte. Der Dritte erhob sich, warf die Winchester zur Seite, als das Magazin leergeschossen war und wollte davonrennen. Er griff zum Colt.

Clay erwischte ihn am Bein. Er stürzte nieder, riss den Revolver in Clays Richtung.

Er ließ dem Marshal keine andere Wahl.

Der nächste Schuss erwischte den Mann am Kopf.

Clay erhob sich.

Der Kerl, den er am Arm verletzt hatte, wollte gerade mit der Linken hinüber zum Revolver greifen, erstarrte dann mitten in der Bewegung.

"Das lass besser!", meinte Clay. Er trat auf ihn zu und nahm ihm Colt und Winchester ab, schleuderte sie dann ein paar Meter weiter. Dann steckte er seine eigene Waffe zurück ins Leder. "Wenigstens kommt der Friedensrichter nicht umsonst", meinte er dann und begann damit, sich um Marlène zu kümmern. Er löste ihre Fesseln.

Sie sah ihn an, errötete dabei.

"Schätze, du hattest recht, Clay", sagte sie dann schließlich. "Es war ein Fehler."

Clay nickte leicht. "Ich hoffe, du richtest so schnell nicht wieder eine Waffe auf mich", meinte er. Sie schwieg dazu.

Clay wandte sich dem Verletzten zu "Ihr habt das City Jail zwar ziemlich verwüstet, aber das Schloss wird wohl noch funktionieren", meinte er. "Und zu deinem Glück haben wir sogar einen Arzt in der Stadt..."

"Verfluchter Bastard!", zischte der Kerl zwischen den Zähnen hindurch.

Clay blickte auf McCalls Leiche. De Mond schien genau in das starr gewordene Gesicht.

"Dieser Spuk ist jetzt wohl zu Ende!", meinte er.

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"Es war von Anfang an keine glorreiche Idee, so spät noch in Richtung Sierra Blanca aufzubrechen!", meinte Archie, während sie am Feuer saßen.

"Ich dachte eigentlich auch, dass wir längst wieder zurück wären!", verteidigte sich Kendra. "Schließlich hast du behauptet, du wärst mal Fährtensucher gewesen."

"Das war ich auch!"

"Und warum haben wir dann nichts gefunden?"

"Weil das nicht so einfach ist, hier eine Spur zu finden, die schon ein paar Tage alt ist!"

Kendra atmete tief durch. Dann schenkte sie Archie etwas Kaffee in die Blechtasse und reichte sie ihm. Dabei setzte sie ihr charmantestes Lächeln auf. "War nicht so gemeint", sagte sie dann. "Aber du musst meine Ungeduld verstehen, Archie..."

"Sicher!"

"Ich dachte, dieser Mann - Darren McCall - wäre für mich das große Los. Und da höre ich, dass er ein ganz gewöhnlicher Mörder ist!"

"McCall ist ein skrupelloser Hund! Und wenn du mich fragst spielt es gar keine Rolle, ob wir hier noch zwei Gräber finden oder nicht..."

"Trotzdem danke dafür, dass du nicht darauf bestanden hast, sofort wieder umzukehren."

"Aber wenn wir morgen früh nichts finden, dann reiten wir zurück! Ich will Clay mit den drei Assistants nicht allein lassen. Wer weiß, was McCall noch alles einfällt..." Ein Geräusch ließ sie beide aufschrecken.

Galoppierende Pferde!

Zwei Reiter näherten sich. Archie griff nach seiner Schrotflinte.

Die beiden Ankömmlinge ritten bis nahe an das Lagerfeuer heran und stiegen ab.

"Guten Abend!", meinte einer von ihnen. Das Feuer beleuchtete sein Gesicht. Er hatte eine Narbe am Kinn. Den Revolver trug er mit dem Griff nach vorn.

Der andere klemmte die Daumen hinter den Revolvergurt. Er hatte eine sehr aufwendige Gürtelschnalle mit einem eingravierten Langhorn-Kopf und trug einen zusätzlichen Patronengürtel um die Schultern.

"Ich kenne euch!", sagte Archie. "Ihr gehört doch zu McCalls Leuten! Ich habe euch beim Hotel gesehen." Der Mann mit der Narbe grinste hässlich.

"Schlaues Kerlchen, was, Toby?"

"Kann man wohl sagen."

Toby riss den Colt heraus, richtete ihn auf Archie. Das geschah so schnell, dass Archie nicht mehr reagieren konnte.

"Die Waffe zur Seite, Sternträger oder dein Kopf sieht noch um einiges hässlicher aus, als ohnehin schon." Archie zögerte einen Augenblick, dann legte er das Gewehr zur Seite.

"Nimm ihm die Knarre ab, Striker!", befahl Toby, der Mann mit der Longhorn-Schnalle.

Sein Komplize setzte sich in Bewegung, hob die Flinte auf.

"Was habt ihr vor?", fragte Archie Wayne.

"Unser Boss möchte gerne mit euch reden!", meinte Striker. Er nahm das Lasso von Archies Sattel, stellte die Flinte zur Seite und begann dann, den Assistant Marshal zu fesseln. Ein paar Handgriffe und er war damit fertig.

"Was machen wir denn mit ihr?", fragte Toby und deutete mit dem Revolver auf Kendra.

"Was sollen wir schon groß mit ihr anstellen, wir bringen sie zum Boss!", meinte Striker.

Toby lachte heiser. Er beugte sich zu Kendra herunter, berührte mit dem Colt ihr Gesicht. "Der Boss war ziemlich sauer, als du plötzlich weg warst, Baby!"

"Rühr sie nicht an!", sagte Striker. "Du weißt, was mit Leuten passiert, die..."

Er sprach nicht weiter.

Die beiden Männer wirbelten herum.

Ein Reiter näherte sich dem Lagerfeuer.

"Verdammt, wer kann das sein!", knurrte Striker. Der Reiter blieb unter einem Baum stehen. Sein Gesicht wurde vom Schatten verschluckt.

Aber der Stern an seiner Brust war deutlich zu sehen. Die Kerle brauchten eine Sekunde, um zu begreifen.

"Braden!", stieß Toby ungläubig hervor. Einen Sekundenbruchteil später schon war seine Hand am Revolver. Er zog blitzschnell. Aber Clay Braden kam ihm einen Augenaufschlag zuvor. Die Kugel erwischte Toby im Oberkörper. Er sackte gegen einen Felsen, rutschte daran hinunter. Striker versuchte es ebenfalls. Der ungezielte Schuss, den er abgab, ließ Clays Pferd auf die Hinterhand steigen. Clay flog aus dem Sattel, rollte sich herum. Striker richtete den Revolver auf ihn.

Er schoss eine Sekunde früher als Clay.

Aber die Schussbahn wurde abgelenkt. Ein Ruck war genau in dem Augenblick durch seinen Körper gegangen, in dem er abgedrückt hatte. Er drehte sich noch halb herum, blickte zu Kendra, die vorgeschnellt war und sich Tobys Revolver gegriffen hatte. Sie umfasste den Griff mit beiden Händen. Striker fiel zu Boden, bedeckte mit seinem Körper das Feuer und wirbelte Glut auf.

Clay erhob sich, atmete tief durch.

"Danke, Kendra", meinte er.

"Was ist passiert?", fragte sie. "Warum sind diese Männer uns gefolgt?"

"Eine lange Geschichte", sagte Clay. "Vielleicht ahnte McCall, wonach ihr gesucht habt..."

"Wenn es stimmt, was die Männer gesagt haben, dann müssen sich die Gräber der beiden Ermordeten hier irgendwo befinden..."

"Es spielt keine Rolle mehr, ob sie je gefunden werden", meinte Clay. "Der Richter, vor dem McCall jetzt steht, wird kaum in Beweisnot kommen..."

"Er ist tot?", fragte Kendra.

Clay nickte. "Er hat versucht, die Sundance-Ranch mit seinen Männern zu stürmen...

"Vielleicht machst du mich hier langsam mal los, Clay! Also ich sag dir eins, wenn ich nicht so zusammengeschnürt gewesen wäre, dann hätte ich..."

Clay unterbrach Archie lächelnd.

"So wie damals in Wichita, Archie, was?" Archie runzelte die Stirn.

"Woher weißt du davon? Komisch, ich war überzeugt davon, dir diese Story noch gar nicht erzählt zu haben..."

ENDE

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Das Schicksal führt sie in die Hölle

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Roman aus dem amerikanischen Westen

von Larry Lash

Der Umfang dieses Buchs entspricht 176 Taschenbuchseiten.

Jorge Mitschock kehrt nach langer Zeit in seine Heimat zurück. Seine beiden Trail-Partner Ray O'Baster und Roger Haman hatten ihn seinerzeit schwer verletzt und mehr tot als lebendig gefunden. Sie konnten ihn zwar gesund pflegen, aber Jorges furchtbar entstelltes Gesicht hatten sie nicht wiederherstellen können. Auch die tiefen unsichtbaren Narben, die die grausame Verstümmelung und der hinterhältige Angriff, der ihn eigentlich töten sollte, hervorgerufen haben, konnten nicht heilen – so lange nicht, bis Jorge die unbekannten Täter fand und sich bei dem Mann rächte, der ihm Marry, seine erste große Liebe, wegnahm. In Dagoga-Falls soll sich endgültig das Schicksal für alle erfüllen ...

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover  by Klaus Dill mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1.

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Kalt jagte der Wind böige Regenschauer herab. Grau war der Himmel, erschreckend düster – Wolken jagten tief über den Kuppen, Kämmen und Gipfeln, prallten an den Wänden der Mesa Magollon ab. Südlich von diesen gewaltigen Bergen reihten sich von Nordwesten nach Südosten wie aneinandergeklebt zahlreiche Hochgebirgsketten.

Durch die grauen Regenschwaden tauchten sie nur ab und zu in das Blickfeld des Reiters, der windzersaust, tief geduckt auf seinem kleinen Rotschecken saß.

Seit Stunden ritt Jorge Mitschock seinen beiden Freunden um eine Nasenlänge voraus, so, als hätte er es besonders eilig, den schwach sichtbaren Spuren zu folgen, die der Regen bereits auszulöschen begann.

Der weitkrempige, dunkelgraue Stetsonrand hing regenschwer zu beiden Seiten herab. Die Haut einer Klapperschlange war als Kordel geflochten und hielt den Stetson, bewahrte ihn davor, vom Wind davongetragen zu werden. Sie lag um ein energisch ausgeprägtes Kinn.

Yeah, man muss es jetzt erwähnen, Jorge Mitschock besaß nur noch das Kinn und die wundersam hellen Augen, die ihn nicht entstellten ... sonst aber? Allmächtiger – wer in sein Gesicht blickte, bekam das kalte Grausen oder es überlief ihn heiß und man schaute nur einmal hin. Der Anblick seines Gesichtes wirkte wie eine überraschende kalte Dusche, wie etwas, was gallig schmeckte und im Herzen eine Wunde schlug, die nie mehr heilte.

Jorge Mitschocks Antlitz war von Messernarben gezeichnet. Nichts ließ mehr ahnen, dass der Träger dieser schrecklichen Maske einstmals ein hoffnungsfroher Cowboy war, ein Mann, mit einem hübschen, scharf geschnittenen Gesicht, dass auch er, wie alle anderen, gerne in den Spiegel blickte, es gerne sah, wenn in den Rinderstädten die Tanzhallengirls sich nach ihm umblickten. Wenn nach langem Treiben am Ende eines Trails ein Mädchen ihm zulachte, wenn dunkle Glutaugen zu ihm aufleuchteten.

Yeah, wenn Marry Hills bei seinem Anblick rot wurde – denn die Tochter seines Ranchers liebte ihn damals ...

Er erinnerte sich der Mainächte. Damals war alles so verlockend und betörend gewesen. Die Prärie blühte, Rinderherden zogen über die grünen Weiden. Am Espenhain, nur eine Meile von der Hufeisen-Ranch entfernt, hatte er sie heimlich getroffen, und schon bei der ersten Begegnung hatten sie beide keine Worte gefunden, waren sich schweigend in die Arme gesunken, hatten sich und die Umwelt vergessen. Der Frühling rumorte in ihrem Blut, die lauschige Nacht, die Liebe, die ihre Herzen bis zum Bersten ausfüllte.

Hart lachte Jorge vor sich hin. Der Wind zerpflückte dieses abgerissene, seltsame Lachen, trug es weiter, den nachfolgenden Reitern zu, die Bügel an Bügel ritten und tief geduckt fast auf den schwingenden Pferdehälsen lagen. Oh, Roger Haman und Ray O'Baster kannten dieses Lachen. Sie hatten es zum ersten Mal gehört, als sie Jorge aus den Black Mountains holten. Yeah, wenn er so lachte, dann fraß und nagte es an ihm, dann war er mit unheimlichen Gedanken erfüllt, mit Gedanken, die weit zurück in jene Jahre tasteten, als er noch als junger Cowboy hinter den Kühen der Hufeisen-Ranch ritt ...

Damals, als sie ihn dort in den Black Mountains fanden, war er eigentlich ein toter Mann, und sie hatten damit gerechnet, dass er unter ihren Händen sterben würde. Doch er starb nicht. Das blieb selbst für den Doc, der ihn damals pflegte, ein Wunder. Jorge Mitschock lag drei Monate ohne Besinnung, brauchte ein Jahr, um wieder auf die Beine zu kommen, dann aber war er wieder in Ordnung.

In Ordnung? Allmächtiger, wie konnte man das von einem Mann sagen, der derart gezeichnet war. Der solcherart dem Tod von der Schippe gesprungen war und der das Schrecklichste und Grauenvollste hinter sich hatte, dem das Leid in der Seele brannte.

„Partner, willst du nun zur Hufeisen zurück?“, hatte sich Roger Haman damals erkundigt, als Jorge wieder so weit hergerichtet war, dass er sich ohne Sorge in einen Sattel schwingen konnte. „Ich frage nur, weil du irgendeine Arbeit annehmen musst, Sonny. Rays und auch meine Barschaft hat dein Krankenlager und der Doc geschluckt – wir sind am Ende.“

„Ich weiß, ihr habt alles für mich getan, was in euren Kräften stand. Ihr habt mich als Fremden aufgenommen und hochgepäppelt. Yeah, ihr habt mich ins Leben zurückgerufen, warum? By Gosh, ich will euch keinen Vorwurf machen, aber vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ihr mich in den Black Mountains gelassen hättet ...“

„Sonny, auch für dich wird das Leben noch etwas bereit halten, es war noch nicht die Seite im großen Buch des Lebens aufgeschlagen, auf der dein Ende steht.“

„Yeah“, unterbrach Jorge, „ich soll den Leuten das Gruseln beibringen.“

Er schluckte schwer und in seinen hellen Augen brannten gelbe, rätselhafte Lichter. „Well, ich werde eine unheimliche Rolle spielen, und ich weiß nicht, ob ich sie ertragen kann, ohne zu zerbrechen. Was bis jetzt war, ist ein Kinderspiel gegenüber der Belastung, die mir das Schicksal nun aufgebürdet hat.“

„Das Schicksal? Hölle und Teufel ...“, fauchte Roger ihn an. „Willst du nicht endlich sagen, wer die Kerle waren, die es taten, wo man jene Schufte finden kann, die dich so zurichteten?“

In dem verwitterten Gesicht Roger Hamans lag eine unheimliche Spannung. Zum x-ten Male stellte er diese Frage, hatte immer wieder versucht, Licht in diese dunkle Sache zu bringen, aber weder er noch der Sheriff oder Ray O'Baster bekamen ein Wort zu hören. Jorge Mitschock schwieg. Es war, als pralle man vor eine unüberwindliche Mauer. Mitschock schwieg – yeah, er schwieg wie das Grab über jene Vorgänge, die ihn zum Gezeichneten machten.

Vielleicht war es sein Stolz, der sich dagegen auflehnte, vielleicht die Ehre eines Mannes, der es nicht duldete, dass andere die Sache übernahmen, die nur ihn anging. By Gosh, was es auch sein mochte – das undurchdringbare Geheimnis blieb.

Es wurde auch nicht gelüftet, als Roger auf eigene Faust zur Hufeisen-Ranch aufbrach und Erkundigen anstellte.

Welche Fragen er auch stellte, kein Cowboy gab ihm eine Auskunft. Er stieß überall auf Ablehnung, auf starres Schweigen, auf eine Mauer, die mit nichts zu durchstoßen war. Selbst jene Marry Hills, die Jorge ihr Herz und ihre Liebe geschenkt hatte, tat, als ob es niemals im Mannschaftsbuch der Hufeisen-Ranch den Namen Jorge Mitschock gegeben hätte ...

Yeah, nur einer, der Mietstallbesitzer aus Dagoga-Falls, hatte einige Andeutungen gemacht, aus denen viel oder gar nichts hervorging. By Jove, Roger Haman traute es sich zu, eine Sache nüchtern und logisch beurteilen zu können, doch als er aus Dagoga-Falls hinausritt, wusste er, dass er vierzehn Tage vergeudet hatte, vierzehn Tage, die ihn um nichts weitergebracht hatten.

Das waren seine Gedanken, als er Jorge Mitschocks Lachen durch den Wind hörte. Er rief sich die verflossenen Monate von Utah zurück ins Gedächtnis, dachte an das Entsetzen, das Jorge, wohin er auch kam, auslöste. Die Kinder wichen bei seinem Anblick von den Straßen, verkrochen sich, als hätten sie den Leibhaftigen oder den Tod selbst gesehen. Frauen erblassten und selbst starke Männer rissen die Augen auf, ließen schnelle Blicke über den Verstümmelten gleiten, dem die Colts tief an den Schenkeln baumelten, so tief, dass man ihn sofort in die richtige Klasse einstufen konnte. Damny, yeah – von dieser Sorte gab es nur wenige. Man konnte es ihnen an den Augen ablesen, ob sie zu den Killern, den Möchtegernen oder zu den eisig kalten, wandelnden Kanonen gehörten, zu jener Gruppe also, die einer glimmenden Zündschnur am Pulverfass glichen. Wenn man jedoch von dem grausig zugerichteten Gesicht absah, musste man Jorge für eine der prächtigsten Männererscheinungen halten, die jemals ihre Stiefelsohlen und ihre Sporen durch den Westen trugen. Breit waren seine Schultern, schmal die Hüften. Er mochte seine hundertachtzig Pfund haben, jedoch war kein Gramm überschüssiges Fett an seinem Körper, nur Muskeln, Knochen und Sehnen.

Roger blinzelte zu Ray O'Baster hin, dem alten Gefährten, mit dem er schon die Gipfel der Yellow-Gebirge in Eis und Schnee erklommen hatte, mit dem er kreuz und quer durch den Kontinent trailte, durch die Wüsten im Süden, die Steppen im Westen, durch das Felsengebirge und die blumenreichen Prärien – alles hatten sie durchkreuzt, das Land an der Biegung, mit den undurchdringlichen Buschgebieten, sowie die weiten Wälder des Nordens, wo die Tannen zu einem einzigen, großartigen Dom Gottes wurden.

Mit Ray war Roger dem Glück nachgejagt. Sie hatten nach Erzen gesucht, waren Trapper und Scouts gewesen, hatten in der Armee gedient, und sie hatten eine der ersten Postkutschen gefahren. Oh yeah, dem alten Gefährten hatte das Erleben tiefe Falten ins Gesicht gegraben, Furchen, die nicht mehr auszulöschen waren. Oh, Hölle, yeah, sie glichen zwei scharfen Eisen, hatten oft genug dem Tod ins Auge geblickt und manche Scharte davongetragen, und an ihren Körpern zeigten sich die Spuren wilder Kämpfe. Und nun, da sie alt geworden waren und sich zur Ruhe setzen wollten – fanden sie Jorge. Er, der Boy, wurde der Dritte in ihrem Bunde. Yeah, sie ließen nicht von ihm, als er genesen, sich wieder in die Welt wagen wollte. Nein, Jorge war kein Mensch mehr, er war verbittert, verstockt, nur langsam fand er sich mit der Freundschaft der beiden ab. Obwohl sie nichts von ihm wussten – yeah, keine Ahnung hatten, was er war, bevor er als Cowboy auf der Hufeisen-Ranch ritt, und yeah es musste in seinem Leben noch etwas Besonderes geben, das weit vor der Cowboyzeit lag – schenkten sie ihm ihre Freundschaft. Die beiden Alten, mit allen Wassern Gewaschenen, fanden bald heraus, dass es mit ihm eine besondere Bewandtnis haben musste, denn Jorge beherrschte mehrere Sprachen, hatte ein Wissen, das man schlechthin bei einem gewöhnlichen Cowboy nicht vermutete.

Roger Haman strich sich resigniert über den grauen Bart, wischte mit dem Handrücken die Regentropfen aus seinem hageren Gesicht, blinzelte zu seinem Partner hin. Ray O'Baster war klein, hatte unwahrscheinlich krumme O-Beine, die sich vorzüglich dazu eigneten, den Bauch eines Pferdes zu umklammern. Jetzt grinste Ray wütend vor sich hin, zog die runden Schultern hoch und stemmte seinen schweren Körper gegen den Wind und den Regen an. Seine Knollennase zeigte eine rot-blaue Färbung, von der man jedoch nicht genau wusste, ob sie vom Genuss des vielen Whiskys, den er sich im Laufe der Jahre immer tüchtig hinter das ungewaschene Halstuch gegossen hatte, oder von Wind und Wetter kam. Er selbst behauptete zwar immer, dass seine Nase die sonderbare Färbung vom vielen Ärger über seine davongelaufene Frau erhalten habe. Yeah, Ray O'Basters Frau war mit einem Kartenhai auf und davon gegangen ...

Ray suchte den Kerl schon seit Jahren – jedoch vergeblich. Immer wieder verlief seine Fährte im Sande. Trotzdem hatte er es nicht aufgegeben und blieb auf dem großen Trail, gehörte zu den Männern vom heißen Sattel, oder wie es im Westen hieß, er war ein Langreiter, ein Mann, der immer nach dem Horizont Ausschau hielt, der hinter die Berge blicken musste, durch Täler zog, der nirgendwo Ruhe fand, den das unruhige Blut vorwärtstrieb.

Ah, yeah, es gab eine Menge Leute, die im Sattel blieben, die den Sternenhimmel, die Unendlichkeit der sanften Prärie, die Giganten der Berge, die Steppen und Weiden als ihre Heimat betrachteten.

Heimat – by Jove, welch ein Wort ...

Lag die Bedeutung dieses Wortes in dem, was sie an köstlichem Gut in ihren Herzen trugen? War es all das großartige Erleben, das jeder neue Tag ihnen schenkte? Egal, ob es heiter oder traurig, gut oder schlecht war, geschluckt musste beides werden, die herbe sowie die süße Kost. Beides bot das Leben in reicher Fülle an und jeder bekam seinen Teil serviert.

Rogers Augen wurden dunkel, tief senkten sich die Lider herab. Ein bitterer Zug erschien um seinen schmalen Mund. Yeah, der Westen war ihm Heimat geworden – das hatte er so recht erst empfunden, als er vor Jahren dem wilden Leben für immer ade sagen wollte und seine Ausbeute als Digger im Osten anlegte.

Yeah, da hatte er feststellen müssen, dass die große Wolfsmeute nicht in den Steppen und Prärien und auch nicht in den Bergen und der Einsamkeit zu suchen war. Nein, die nervenfressenden Bestien hausten in den großen Städten, dort, wo die steinernen Häusermeere sich gegen den Himmel bäumten und Menschen wie in einem Ameisenhaufen zusammenwohnten.

In einem Monat zerrann sein Gut. Es schmolz ihm in den Händen.

Geschminkte Frauen, betörend aufgemacht, schenkten ihm ihr Lächeln und ihre Gnade, und sie waren nicht kleinlich, versetzten ihn in einen Rausch ohne Ende, in einen Rausch, bei dem es den Agenten, Bettlern und Vertretern aller Art leicht gemacht wurde, ihre Opfer zu rupfen.

Yeah, so lange das Gold reichte, währte der Rausch. Immer wieder waren es Frauen in Samt und Seide, glutvolle und sanfte, schwarz-, rot- oder blondhaarig, schlanke und mollige, die an seiner Seite waren.

Roger seufzte bei der Erinnerung. Yeah, die Ernüchterung war dann sehr schnell gekommen. Der Sturz aus dem Himmel in die Hölle. Oder? Oh nein, es war richtig gesehen der Flug aus der Hölle in die Freiheit. By Gosh, yeah, nur so konnte man es bezeichnen, wenn auch hin und wieder die Gedanken nach jenen tollen Tagen Rückschau hielten, als er als Dollarkönig eine ganze Stadt in Atem hielt.

Das Lächeln der Weisen blieb ihm und auch hin und wieder die Sehnsucht, eine neue Dummheit zu machen. Die Sehnsucht nach dem Zauber schmeichelnder, weicher Frauenhände, nach dem Born roter, geschwungener Lippen, nach den Augen, die die Welt und die Seligkeit versprachen.

Nein, er blieb im Grunde seines Herzens ein großer Junge, jederzeit bereit, Dummheiten zu machen, ohne sich irrenden Illusionen hinzugeben, dass all die Liebe, die ihm gegeben wurde, aus dem Herzen floss, dass auch nur eine Frau ihn aus dem Grunde ihrer Seele, um seiner selbst willen geliebt hatte. By Gosh, yeah, er wusste, dass es der goldene Schein war, der ihn umgab, das Irrlicht des Metalls, nach dem die Welt bebte und in wilder Gier sich verzehrte ...

Ein gutes Beispiel hierfür bot der Partner Ray O'Baster, dessen Frau die Treue gebrochen hatte und mit einem anderen in eine Welt zog, die ihr aufregende Abenteuer versprach. Die einen Schlussstrich unter das ewige Einerlei setzte. Yeah, aber auch einen Schlussstrich unter das Leben Rays, denn mit dem Fortgang seiner Frau war ihm der kleine Store in Vicksburg, am unteren Mississippi, verleidet. Aus einem achtbaren, angesehenen Kleinkrämer, der gewissenhaft und streng seiner Arbeit nachging, wurde ein Satteltramp, ein Mann, der gleichgültig wurde, der nicht viel auf sein Aussehen gab, der sich einen Deut daraus machte, was man über ihn sagte.

Vielleicht wurde er dadurch erst ein echter Mann, der seltsam plötzlich die Hüllen der Gesellschaft abstreifte, in der er sich vor der Trennung von seiner Frau mit Würde bewegte, ein Mann, der endlich den echten Kern seines Ichs fand und auf der Suche nach jenem Don Juan war, der ihm die Frau genommen hatte.

„Wir sind ein seltsames Gespann“, brammelte Roger in seinen Bart hinein.

„Heh?“, erwachte Ray aus der Lethargie des Reitens. „Gibt es Whisky?“

Er warf den Kopf hoch und schaute Roger mit einem schiefen Blick von der Seite an. „Du hast doch noch etwas in deiner Feldflasche.“

„Aber nicht für dich, mein Bester! Heute Morgen hast du einen so tiefen Schluck genommen, dass ich den Boden fühle.“

„Ich war völlig ausgebrannt, Freund“, lenkte Ray ab, „ich hätte ohne große Anstrengung den Mississippi leer trinken können.“

„Um das zu tun, musst du verteufelt weit reiten“, schnaufte Roger bissig.

Ray hob die Rechte, schlackerte sie hin und her, krächzte mit einem erstaunten Augenaufschlag: „Noch weiter reiten ...? Einige Monate sind wir nun unterwegs und der Trail nimmt kein Ende. Nur weil uns Jorge in die Sättel getrieben hat, unsere alten Knochen strapazieren will, der gute Junge kann nicht sehen, wenn wir beide uns mal einen guten Tag machen wollen!“

„Er hat vor drei Tagen mit dir seine liebe Last gehabt, Freund“, unterbrach ihn Roger schmunzelnd. „Wenn er dich nicht vor den drei Cowpunchern bewahrt hätte, dann würdest du wohl in irgendeiner Hütte liegen und deine Knochen sammeln ...“

Ray zog den Kopf tief in die Schultern, drehte den Kopf nach dem Vorreiter, raunte:

„Ich hatte einen schlechten Tag.“

„Nein, du warst so voll, dass du den Sheriff für ein Tanzhallengirl gehalten hast und ihm einen Kuss auf die Stirn gabst. Yeah, so besoffen, dass du auf einem Stuhl quer durch die Bar geritten bist und in deiner verteufelten Trunkenheit glaubtest, bei der Kavallerie zu sein. Du hast mit einer Whiskyflasche vor Jorge präsentiert, und bist dann in einer Attacke gegen das Flaschenregal geritten. Nun, und was dann kam, brauche ich dir nicht groß auf den Präsentierteller zu legen, oder?“

„Oh, ich entsinne mich dumpf“, schnappte Ray, wobei er sich das Halstuch aufzerrte, als sei es ihm plötzlich zu eng geworden. „Ich hatte wohl einige lichte Minuten ...“

„Sekunden, willst du wohl sagen“, nahm Roger ihm das Wort. „Yeah, in diesen Sekunden versuchtest du aus Jorge herauszubringen, ob er nach Dagoga-Falls reiten und Marry Hills einen Besuch abstatten wollte. Du warst ganz erpicht darauf, von ihm zu hören, ob er die Rancherstochter von der Hufeisen immer noch liebt. Teufel noch mal – liebst du denn deine Frau noch?“

„Yeah“, bekannte Ray dumpf und nickte schwer, stierte dabei auf die schwingenden Köpfe der beiden Braunen. „Ich habe immer nur eine Frau geliebt ...“

„Lass gut sein, aber Jorge ist kein Narr“, zischte Roger. „Er weiß, was er will. Hättest du es damals auch gewusst, so wärest du heute noch der Kramladenbesitzer in Vicksburg, hättest deine Angestellten und dein gutes Geld. Alle Leute würden vor dir den Hut ziehen – so aber hat dich eine einzige Frau ruiniert, du bist zum Satteltramp geworden, mein Bester!“

„Ich fühle mich wohl dabei.“

„Wohl? Ach du lieber Himmel, streu mir keinen Sand in die Augen. Nachts sprichst du im Schlaf und redest von Ladies und Gentlemen, gibst Parties und himmelst deine liebe Frau an. Oh, yeah, in deinem Kopf spuken noch immer die längst vergangenen Tage ...“

„Sam Brutter ist auch ein Tramp“, grollte Ray böse, „und er hat, soviel ich weiß, in allen Tanzhallen einen Namen.“

„Sam Brutter hatte stets zu viel Frauen“, stellte Roger sachlich fest. „Sage dir, dass unser Boy mit dieser Marry nichts mehr zu tun hat. Ich habe sie mir damals während der vierzehn Tage ganz genau angesehen. Sie gehört nicht zu den Frauen, die einen Mann um seiner Seele willen lieben. Himmel und Hölle, unter tausend ist es vielleicht eine. Aber so ist es im Leben, jeder Mann glaubt, in seiner Frau diese eine gefunden zu haben – heh, so hast auch du gedacht. Du hast nicht logisch vor deiner Ehe über diese Dinge nachgegrübelt, denn sonst wäre es für dich keine Enttäuschung geworden. Nun, jeder Mann schaufelt sich selbst die Grube“, schnaufte Roger bitter, nahm die Zügel vom Sattelhorn. „Unser Boy ist besser dran als wir beide, ihn wird keine Frau reinlegen. By Gosh, was ist das ...?“

Er steilte in den Steigbügeln auf, trieb sein Tier mit einem schwachen Schenkeldruck an den Rotschecken Jorges heran, stoppte mit hartem Zügelruck, sodass sein Tier leicht anstieg, mit den Hufen scharrte.

„Sonny, was gibt's?“

Jorge Mitschocks helle Augen blickten vom Boden auf. Er wartete, bis auch Ray herangeritten war, erklärte düster:

„In all den Wochen war ich mir nicht darüber im Klaren ... Yeah, ich ahnte es nur irgendwie, dass der Kerl, der mich dreimal aus dem Hinterhalt abknallen wollte, sich auf den Weg nach Arizona machen würde. Nun, dort – nur wenige Meilen vor uns liegt die Grenze und die Hufeisen-Ranch.“

„Die Hufeisen?“, schluckte Roger, wischte sich über die Augen, sah sich um. „Aus dieser Richtung kenne ich sie nicht“, schnappte er mit einem wilden Knurren. „Aber das macht nichts, wir werden den Kerl finden, der dir das Blei in den Rücken servieren wollte. Zum Teufel, nun geht mir ein Licht auf. Boy, auf der Hufeisen begann das Übel, das dich in den Abgrund stürzte, und hier musstest du noch einmal hin. Sonny, willst du nicht endlich sagen, aus welcher Gegend du kommst, was du tatest, bevor du als Cowpuncher auf der Hufeisen sesshaft wurdest?“

Jorges helle Augen schweiften in die Ferne, zu den dunstigen Schroffen und Bergen hin. Seine Hände krallten sich um das Sattelhorn, dann starrte er wieder auf die kaum sichtbare Fährte im Grase.

„Jener Bursche dort glaubte, dass der Regen die Fährte verlöschen würde. Yeah, drei Wochen Regen müssten dazu ausreichen. Er hat aber nicht damit gerechnet, dass wir ihm so dicht auf den Fersen sind.“

„Eine Frage: Hast du dir den Kerl genau angesehen?“, schnappte Ray bissig, wobei er in seine Rocktasche griff, seinen Tabakbeutel herauszog und Zigaretten rollte.

„Du packst reichlich spät aus, mein Junge, bisher wussten wir nicht einmal, dass man dir dreimal das Leben in den Jagdgründen ermöglichen wollte. Hölle, deine Schweigsamkeit in allen Ehren, aber ...“

„Ich habe euch vor die Wahl gestellt“, unterbrach Jorge ihn scharf. „Ihr seid freiwillig in den Sattel geklettert.“

Über sein grausig verstümmeltes Gesicht lief ein Zucken. Kerben gruben sich in seinen Mundwinkeln fest.

„Es soll ja auch kein Vorwurf sein“, dehnte Ray. „Aber schließlich muss man doch wissen, weshalb man im Sattel sitzt und ob er kalt oder heiß ist ...“

„Er ist sogar höllisch heiß“, nahm ihm Jorge das Wort aus dem Mund. „Alles, was mit mir zu tun hat, ist verteufelt heiß, und man kann sich leicht die Finger daran verbrennen.“

„Well – und wenn es durch die Hölle selbst ginge“, knurrte nun Roger Haman. „Wir haben dich nicht aus den Black Mountains geholt, damit du dich allein in den Sattel klemmst. Doch höre mir einmal zu, Boy. Ich kann mir nur denken, dass der Killer dir von der Hufeisen-Ranch auf den Hals gehetzt wurde. Vielleicht fand man heraus, dass du mit dem Leben davongekommen bist. Yeah, nur so kann es sein, denn als ich damals in Dagoga-Falls nach dir fragte, war es verteufelt seltsam – bei einem Toten wäre der Fall einfacher gewesen und man hätte eine klare Auskunft bekommen. Nun, ich habe mir meine Gedanken gemacht, mein Junge. Habe immer wieder gegrübelt und denke, dass ich etwas sagen kann!“

„Tu es“, sagte Jorge leise, ohne sich im Sattel zu rühren.

Ray verteilte seine Zigaretten, gab Feuer, grunzte: „Nun, rück schon heraus mit deinem Song, alter Knabe, lass uns nicht so lange zappeln.“

Roger warf ihm einen verweisenden Blick zu, räusperte sich, nahm den Glimmstängel aus dem Mund.

„Jorge, ich habe lange geschwiegen, aber ich denke, dass man das, was man dir antat, nicht tut, wenn es nur eine Liebschaft mit der Rancherstochter gewesen ist.“ Er machte eine Pause. „Selbst wenn es einen eifersüchtigen Rancher oder Cowboy gab, der zwischen dir und Marry stand, dann hätte die Sache mit dem Colt ausgetragen werden müsse. Es muss also noch etwas anderes dahinterstecken, Boy. Nun, ich will nicht in dich dringen, du musst selbst wissen, ob du uns davon Mitteilung machen kannst oder nicht ...“

„Ich werde es euch sagen“, murmelte Jorge. „Aber nicht heute und auch nicht morgen, lasst mir noch ein wenig Zeit ...!“

„By Gosh, weil du den verteufelten Stolz eines Mannes in dir trägst, der seine Abrechnung allein austragen will. Ah, winke nicht ab, ich glaube, ich kann deine Gedanken lesen. Jorge Mitschock, ich weiß ungefähr, wie es dir zumute sein muss und dass du uns beide anfangs als Ballast empfunden hast, dass du auch jetzt noch nicht froh darüber bist, uns an deiner Seite zu haben ... Yeah, du möchtest uns Oldtimer hinter irgendeinem Ofen in sicherer Obhut wissen, aber das eine sage ich dir: Wir beide, Ray und ich, haben noch nie die Hände in den Schoß gelegt, wenn es hart und rauchig wurd, wir haben unsere Lektionen hinter uns und sind trotzdem mit dir geritten. Ich sagte es dir bereits, uns wirst du nicht los, und wenn wir dir bis in die Hölle folgen müssten!“

Rogers Stimme hatte vor Erregung einen schrillen Klang bekommen und heiser fuhr er fort:

„Wir sind ein Dreigespann, das weißt du so gut wie Ray und ich. Well, wir bilden eine Einheit und wir beiden alten Narren haben dich zu unserem Kopf gemacht – du brauchst nur die Pfeife anzusetzen und wir tanzen jeden Walzer oder Marsch, den du bläst, wir tanzen jeden Reigen. Hölle, wir sind noch schnell genug mit den Colts und wenn wir sie auch nicht mit der gleichen Zauberei wie du aus dem Holster bringen, so genügt es immerhin, um uns an jedem Konzert zu beteiligen.

Nun gut, wir sind damit einverstanden, dass du uns eines Tages deinen Song in die Ohren bläst, aber eines merke dir: Von deiner Seite bekommst du uns nicht, Boy. Es sei denn, dass dich eine betörende Frau angelt und mit dir weiter durchs Leben gehen will.“

Er brach ab, musste vor dem schrecklichen Leuchten in Jorges Augen verstummen, biss sich auf die Lippen. Hölle und Teufel, er hatte zu viel gesagt, hatte die verwundbarste Stelle getroffen.

Doch das Aufblitzen währte nur einige Sekunden, dann waren die hellen Augen des Partners wieder klar und sanft.

Yeah, alle Gemütsbewegungen konnte man ihm von den sprechenden Augen ablesen, das Gesicht selbst blieb eine grauenvolle Maske, war unfähig zu reagieren. Freud oder Leid zu verraten, als eine Maske, wie sie abschreckender nicht sein konnte.

Roger Haman beugte sich weit im Sattel vor, strich sich die Regentropfen aus dem Gesicht sagte hart:

„Reiten wir weiter!“

„Yeah, reiten wir“, stimmte Ray O'Baster zu. „Ich habe gehört, dass es in Dagoga-Falls einen besonders scharfen Whisky geben soll, einen Tropfen, der selbst einen Elefanten auf die Bretter legt. Nun, ich möchte ihn bald probieren ...“

„Bevor wir weitertrailen, prüft eure Eisen, haltet sie bereit und haltet auch die Augen offen, Freunde“, gab Jorge zu verstehen.

„Mit jedem Yard, den wir weiterreiten, kann es Flammenzungen und heißes Blei regnen. Man wird in Dagoga-Falls nicht darüber erbaut sein, wenn man mich sieht ...“

„Das kann ich mir vorstellen“, grinste Ray. „Ich schätze jedoch, dass man uns trotzdem aufnehmen müssen wird. By Gosh, ich wusste nicht, dass so ein Kuhnest wie Dagoga-Falls auch auf mich so eine ungeheure Anziehungskraft ausüben würde. Wollte schon immer mal einen netten Luftkurort besuchen und mich dort von allen Strapazen erholen. Vorwärts, Männer! – Boy, mach dir keine Sorgen, man war überall nicht sonderlich erbaut von deinem Anblick. Aber so sind wir Menschen nun einmal, lassen uns immer wieder allzu gerne vom Schein blenden, achten zu sehr auf die Äußerlichkeiten eines Menschen, fragen zu wenig danach, was der Mensch in sich trägt, und deshalb fallen wir auch immer wieder herein und werden gehörig gerupft. Yeah, man müsste so sein, wie die Berge dort, so fest und stark, allen Gewalten Trotz bietend. Yeah, schau dir die Berge an, mein Junge, sie tragen das Antlitz so wie du, zernarbt und zerklüftet und sind dennoch aufrecht und werden ewig bleiben!“

„Und sie sind es auch, die deine verteufelte Sonntagspredigt schweigend mit anhören“, zischte Roger Haman ergrimmt. „Hölle, du hast wahrlich deinen Beruf verfehlt, als Wanderprediger hättest du manches verirrte Schäflein wieder auf die richtige Bahn bringen können.“

„Dann müsste ich mit meinem Whiskytrinken aufhören“, murmelte Ray zwischen den Zähnen. „Nein, das kann man nicht von mir verlangen, Feuerwasser ist für mich Medizin.“

„Yeah, eine, die dir den Verstand auf Stunden aus dem Hirn bläst“, bleckte ihn Roger offen an, zog die Unterlippe herunter.

„Ach, ich sehe, du hast keine Ahnung. Es ist das beste Mittel, um sein Elend zu vergessen“, sinnierte Ray beharrlich vor sich hin.

„Hört, hört, wenn ein Kerl in deinem Alter von Elend spricht, dann hat er in all den Jahren nichts gelernt. By Jove, wann ist die Sache mit deiner Frau passiert?“

„Vor fünfzehn Jahren“, klang es dumpf, „und ich glaube, ich hätte sie kaum vermisst, wenn sie nicht meine kleine Tochter mitgenommen hätte. Oh, yeah, ich hätte sie sicher vergessen können ...“

„Hell and devil, in all den Jahren hast du mir nichts von deiner Tochter erzählt“, fuhr Roger überrascht auf, „warum eigentlich nicht?“

Ray nickte stumpf vor sich hin. Scharfe Falten standen in seinem Gesicht. Falten, die ihn plötzlich zu einem alten Mann machten.

„Du hast mich nie danach gefragt“, stieß er rau hervor.

„Allmächtiger ...“, schnappte Roger. „Fünfzehn Jahre reite ich nun mit diesem Kerl durch die Gegend. Fünfzehn Jahre durch Dick und Dünn, durch Not und Gefahr. Ich habe ihn einige Male zusammenflicken und mit Whisky abreiben müssen, habe einmal einen Doc mit vorgehaltener Pistole mitten in der Nacht aus der Town geholt, damit er dir zwei Kugeln aus dem Fell schnitt – und da behauptet nun dieser Mensch, ich hätte ihn nie danach gefragt. Donner und Doria, ich hatte immer meine liebe Last mit dir und erst jetzt findest du es für nötig, so ganz am Rande zu erwähnen, dass du auch noch eine Tochter hast. Damny, das schluck ich fast nicht.“

„Oh, würg es nur hinunter, Fellow“, brammelte Ray.

„Yeah, ich bin dabei ...“, grimmte Roger zornig, „aber das eine kann ich dir sagen: Es ist ein verdammt harter Brocken. Warum um Himmels willen hast du darüber Stillschweigen bewahrt, als wäre es ein Verbrechen?“

„Weil ich immer hoffte, sie zu finden und dann wollte ich dir damit eine Überraschung bereiten. Ich habe sie aber in all den Jahren nicht gefunden, Partner. Weder sie noch meine Frau, noch den Spieler, der mein Glück zerstörte. Und nun habe ich dir alles gesagt, weil ich jegliche Hoffnung, sie jemals wiederzufinden, aufgegeben habe – yeah, ich glaube nicht mehr daran!“

„Hm, das Mädel müsste demnach ungefähr neunzehn Jahre alt sein, Fellow“, murmelte Roger, wobei er einen schnellen Blick auf Jorge warf, der seinen Rotschecken bereits erneut in Bewegung brachte. „Yeah, ein schönes Alter für ein Mädel. Und man soll seine Hoffnung nie aufgeben – nie, Partner, Hörst du!“

Resigniert hob Ray die Arme, murmelte heiser: „Weißt du, es wäre zu schön, um wahr zu sein – und an Märchen glaube ich nicht mehr so recht!“

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