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8 Tage im Juni

Über die Autorin

Brigitte Glaser ging nach ihrem Studium der Sozialpädagogik in Freiburg nach Köln, wo sie seitdem lebt. Bevor sie sich fürs Schreiben entschied, war sie einige Jahre in der freien Jugendarbeit tätig. Ihr Debüt war 1996 der Krimi Kölsch für eine Leiche. Von 2001 bis 2008 schrieb sie für den Kölner Stadtanzeiger Kurzkrimis, in denen jeweils ein anderes Kölner Veedel im Mittelpunkt stand. Inzwischen hat Brigitte Glaser zahlreiche Krimis und zwei Jugendthriller veröffentlicht. 8 Tage im Juni ist das erste Jugendbuch der Autorin im Boje Verlag.

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BASTEI ENTERTAINMENT

Sonntag, 10. Juni

Von jetzt auf gleich krachte ein Wolkenbruch aus dem schwarzen Nachthimmel. Der Regen fiel in harten Tropfen, die unbeschädigt vom Pflaster hochzuspringen schienen. Lovis hielt sich die Jacke über den Kopf und stürmte los. Das blaue Leuchtschild der U-Bahn-Haltestelle war kaum zu erkennen, dabei war es keine vierhundert Meter entfernt. Es mischte sich mit den Rücklichtern später Autos und dem Regen zu einem schlierigen rotblauen Streifen. Lovis steigerte sein Tempo, in drei Minuten kam seine letzte Bahn. Ein dicker Van spritzte eine Ladung Regen vor seine Füße und ein Mädchen auf einem wackeligen Fahrrad streifte ihn beim Überholen. Egal, Hauptsache er erwischte die Linie 5 noch. Den nächsten Schwall Wasser bescherte ihm ein tiefer gelegter BMW. Angeber-Auto, dachte Lovis und rannte weiter. Viel zu schnell für das Wetter schoss der BMW die Ringe hinunter, zweigte ohne abzubremsen in die schmale Straße vor der U-Bahn-Station ab und nahm dabei der wackeligen Radlerin die Vorfahrt, die ihr Vorderrad zur Seite riss und hinfiel. Der BMW fuhr einfach weiter.

»Feiger Hund!«, rief Lovis, als er bei dem gestürzten Mädchen stoppte. »Alles okay?« Er beugte sich zu ihr hinunter, dann hob er das Fahrrad auf und stellte es auf den Bürgersteig. Das Mädchen strich sich eine nasse Strähne aus dem Gesicht und nickte. Lovis reichte ihr die Hand und half ihr auf die Beine. Sie war ein paar Jahre älter als er, vielleicht eine Studentin, unglaublich dürr und trug einen bunten Mix aus Röcken und Hose. Ihre Hose war zerrissen, ein Knie aufgeschlagen. »Wirklich?«, fragte er besorgt.

»Ja«, sagte sie und humpelte zu ihrem Rad.

»Dann bin ich weg. Die Bahn. Du verstehst?«

»Klar.« Sie probierte ihr Rad aus. Es schien noch zu funktionieren.

Lovis rannte los. Kurz vor der Haltestelle überholte ihn das Mädchen. »Danke auch!«, rief sie ihm zu. Lovis nickte kurz und hastete dann die Rolltreppe hinunter. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, legte er auf dem Zwischendeck einen Sprint der Extraklasse hin. Die nächste Rolltreppe. Jetzt drei Stufen. Unter ihm quietschte schon bremsend die Bahn. Sie fuhr an, als er mit rasendem Herzen gegen die geschlossene Tür des letzten Wagens polterte.

»Verdammt«, keuchte er und sah schnaufend den Schlusslichtern nach, die im Tunnel verschwanden.

Als er wieder normal atmete, wühlte Lovis sein Kleingeld aus der Hosentasche. Noch siebzig Cent. Damit würde er im Taxi nicht weit kommen. Was nun? Die elektronische Anzeige über den Bahngleisen zeigte in acht Minuten noch eine Linie 12 an. Damit konnte er zumindest bis zum Ebertplatz fahren. Von dort müsste er noch ein Stück zu Fuß gehen, aber lange nicht so weit, wie wenn er von hier aus nach Hause lief.

Acht Minuten. Lovis sah sich um. Der Bahnsteig auf der gegenüberliegenden Seite war komplett leer, auf seiner Seite entdeckte er nur ein Mädchen, das auf einem der mintfarbenen Plastikstühle saß und mit einem alten Handy spielte. Wie alt mochte sie sein? Vierzehn? Fünfzehn? Sie trug ausgeleierte Ballerinas und eine tannengrüne Jacke, ein billiges Teil von H&M. Immerhin musste sie vor dem Wolkenbruch hier angekommen sein, denn Kleidung und Schuhe waren nicht nass. Er dagegen hatte kein trockenes Kleidungsstück am Leib, mal abgesehen von der Unterhose. Er zog die Jacke aus und ging ein bisschen auf und ab, damit ihm nicht kalt wurde. Das Wasser in den Schuhen quietschte, die Jeans klebte an Schenkeln und Waden. Er hasste nasse Klamotten und er hasste es, nachts auf eine Bahn zu warten. Noch sieben Minuten. Auf der Gegenfahrbahn hielt die Linie 5. Die letzte in dieser Nacht, das wusste Lovis. Ein Mann und zwei Frauen stiegen aus. Sie unterhielten sich lebhaft über irgendwas, bis sie auf der Rolltreppe aus Lovis’ Sichtfläche verschwanden. Noch sechs Minuten. Lovis zählte die orangeroten Plastikstühle auf der einen und die mintgrünen auf der anderen Seite. Jeweils elf. Wieso ausgerechnet elf?, fragte er sich. Noch fünf Minuten. Er sah wieder nach dem Mädchen. Karottenrote Haare hatte sie, glatt wie die einer Chinesin, und eine Haut, durchsichtig wie Porzellan. Ungewöhnlich. Hatte er das Mädchen schon einmal gesehen? Bestimmt nicht. Das Gesicht hätte er sich gemerkt. Ob ihre Augen grün waren? Wenn sie mal zu ihm herübersehen würde, könnte er das überprüfen. Aber das Mädchen beachtete ihn nicht. Sie tippte weiter auf ihr Handy ein. Es schien ihr nichts auszumachen, mitten in der Nacht allein auf die Bahn zu warten.

Er hatte kein Handy. Bedauerte er, dass er keines besaß? Immerhin könnte er damit jetzt spielen und die Wartezeit überbrücken. Oder zu Hause anrufen und hören, ob sein Vater schon zurück war. Quatsch! Jeder hatte ein Handy. Da war es einfach cooler, wenn man keines hatte.

Noch vier Minuten. Die Plakatwände auf der gegenüberliegenden Seite warben für die Türkei als Urlaubsland. Blauer Himmel, türkisfarbenes Wasser, eine weiß getünchte Hotelanlage direkt am Strand gelegen. Einmal war er mit seinem Vater in der Türkei gewesen, Cluburlaub in Antalya. Nicht schlecht, aber Cluburlaube glichen sich wie ein Ei dem anderen. Lovis fand es viel spannender, ein Land wirklich zu entdecken. Er freute sich deshalb, dass Gustav dieses Jahr Geld für eine Reise in die USA springen ließ. Mit einem Mietwagen wollten sie gemeinsam die Westküste herunterfahren. San Francisco, Los Angeles, vielleicht New Orleans. Wenn bei Gustav nicht wieder ein wichtiger beruflicher Auftrag dazwischenkam! Noch drei Minuten.

Lovis hörte sie, bevor er sie sah. Das Grölen, das Stolpern, das Klirren einer Flasche. Es waren drei und sie kamen genau auf ihn zu. Lovis sah sich nach dem Mädchen um. Es war verschwunden. Kein Mensch weit und breit, den er hätte um Hilfe bitten können. Stattdessen die drei: kahlrasierte Schädel, Tattoos, Muscleshirts. Durchtrainiert, angetrunken, hohl in der Birne. Die drei und er: der pure Horror, ein Albtraum, die Hölle. Er blickte auf die elektronische Anzeige. Zwei Minuten musste er sie hinhalten können. Sie standen jetzt direkt vor ihm.

»Haste mal ’ne Kippe?« Der Kleinste der drei zeigte grinsend ein paar kaputte Zähne.

»Ich rauch nicht.«

Höhnisches Lachen aus drei Kehlen. Sein panischer Blick auf die Anzeige. Immer noch zwei Minuten.

»Aber ’nen Euro haste doch für uns, besser fünf. Damit wir uns Kippen kaufen können.« Der mit den breitesten Schultern schubste ihn in Richtung Bahngleise. Wo war das Mädchen hin, verdammt? Die hatte doch ein Handy.

»Sorry, ich, ha-hab nur noch siebzig Cent.« Scheiße, dachte Lovis, weil er jetzt anfing zu stottern. Fiebrig fingerte er in seiner Hosentasche nach dem Geld. Die Jacke rutschte ihm von den Schultern und glitt zu Boden. Er hielt dem mit den breiten Schultern die Münzen hin.

»Willst uns verarschen, was? Los, rück dein Handy raus!« Das war der Dritte. Groß, dürr, eine sanfte Stimme, aber der grausame Blick eines Psychopathen.

»Ich ha-ha-hab k-k… kein Handy.« Lovis spürte, wie ihm die Hitze in den Körper schoss. Glühende Ohren, feuchte Hände, nasse Achseln, Schweißtropfen auf der Stirn, die Füße auf dem Boden festgenagelt. Wahrscheinlich roch er meilenweit nach Angst. Wieder ein Blick auf die Anzeige. Noch zwei Minuten. Ein Blick auf die Bahnsteige. Niemand, der die letzte Bahn nehmen wollte.

»Fred-Perry-Klamotten, aber kein Handy.« Der Psychopath.

Die drei verständigten sich mit kurzen Blicken. Dann ging alles ganz schnell. Sie schlugen zu. In den Magen, auf die Nase, in die Kniekehlen. »Hö-hö-hört auf«, schrie Lovis und schützte abwechselnd Kopf und Magen vor den Schlägen, bevor er zu Boden ging. Tritte in den Hintern, in die Rippen, auf den Kopf. Immer härter, immer schneller schlugen sie, immer weiter drängten sie seinen Körper in Richtung Gleise. Lovis krampfte die Hände um die Bahnsteigkante. Ein kräftiger Tritt von hinten und er fiel. Steine bohrten sich in seine Knie, sein Kopf krachte auf kaltes Metall. Deutlich hörte er das Grollen der nahenden Bahn.

Jenny sah sich auf dem Handy die Fotos der Katzenbabys an. Das Getigerte hatte ums Auge herum einen schwarzen Fleck, so als hätte das Kleine schon direkt nach der Geburt eins auf die Nase bekommen. Das musste einfach Rocky heißen. Rocky wie der Boxer. Bei dem Grauen krönte ein weißer Puschel die Schwanzspitze. Vielleicht Flöckchen? Süß waren die zwei. So winzig, so verspielt. Und so witzig, wenn sie einem Wollknäuel hinterherrannten oder sich darin verhedderten. Gut, dass Mimusch nur zwei geworfen hatte! Ob sie die wohl behalten konnten? Mit Rintintin, den Meerschweinchen, dem Hamster und den Kanaris brachten sie es dann immerhin auf zehn Haustiere in ihrer Familie. Verdammt viel für die kleine Zweizimmerwohnung. Aber so früh konnten sie die Babys sowieso nicht weggeben. Sie brauchten noch Muttermilch und waren viel zu klein, um irgendwo anders klarzukommen.

Jenny sah auf. Die 5 fuhr ein. Ein Typ sprintete in einem Affenzahn die Rolltreppe hinunter. Trotzdem zu spät. Pech gehabt, die Bahn fuhr ohne ihn weiter. Wo der wohl hinwollte? Bestimmt nicht in ihre Gegend, das war klar. Der sah nach Schotter und wohlbehütet aus. Mit goldenen Löffeln im Mund geboren oder so. Jenny rief sich ihr Prepaid-Guthaben auf. Noch zwei Euro dreiundfünfzig. Ab jetzt hieß das, jeden Anruf genau zu überlegen. Das Geld musste noch bis Ende des Monats reichen.

Der Typ lief auf dem Bahnsteig auf und ab. Ein paar Jahre älter und mindestens zwei Köpfe größer als sie. Keine Angeber-Muckis, trotzdem irgendwie sportlich. Einer, der erst auf den zweiten Blick gut aussah. Mit einer Hand fuhr er sich durch die kurzen Haare, schüttelte sie aus. Himmel, der war richtig nass geworden! Sie hatte es grade noch bis zur Haltestelle geschafft, bevor es anfing zu schiffen. Noch sieben Minuten bis zur Ankunft der Linie 12. Ihr Blick fiel auf die Plakatwand mit der Türkeiwerbung. Sah toll aus der Strand. Echte Palmen, klares Wasser, immer blauer Himmel und das Hotel superschick. Da würde sie gerne mal Urlaub machen. Selmin aus ihrer Klasse war schon dreimal in so einer Ferienanlage gewesen, weil sie Verwandte hatte, die dort arbeiteten. Sie hatte leider keine Verwandten in einem Land mit Sonne, Strand und Meer. Nur eine Oma mit einem Wohnwagen an der Sieg.

Jenny trainierte noch eine Runde Snake auf dem Handy. Damit sie ihren kleinen Bruder Joe-Joe bald schlagen konnte, der das Spiel besser beherrschte als sie. Und sie holte auf. Ihre Schlange wurde von Mal zu Mal länger. Dann steckte sie das Handy weg und zog stattdessen ihren Schülerausweis aus der Tasche. Furchtbares Foto! Das Klirren von Glas ließ sie aufhorchen. Getrampel auf der Rolltreppe. Schnell schob sie den Ausweis in ihre Jackentasche und suchte hinter einer Betonsäule Schutz. Drei Typen, die schwer getankt hatten, stolperten auf den Bahnsteig. Alarmstufe rot. Sie umklammerte den Kuli in der anderen Jackentasche. Damit konnte sie zur Not zustechen. Hey, der Kleine war ja Toni. Ihr Toni aus der Roten Burg, mit dem sie ausprobiert hatte, wie Lakritzküsse schmecken. Was hatte der mit diesen Typen zu schaffen? Jenny waren beide fremd. Keiner von denen wohnte in der Roten Burg. Zufallsbekannte einer Sauftour? Oder trieb sich Toni jetzt mit einer Straßengang herum? Besser in Deckung bleiben. Aber die drei hatten sich eh schon den Typen mit den goldenen Löffeln ausgeguckt.

Am besten du rückst Knete und Handy sofort raus, dachte Jenny, dann lassen sie dich vielleicht in Ruh. Sie traute ihren Augen nicht, als sie sah, wie das goldene Löffelchen die drei mit ein paar Münzen besänftigen wollte und behauptete, kein Handy zu haben. Wie kann man nur so blöd sein! »Junge, die sind zu dritt und auf Krawall gebürstet«, hätte sie am liebsten gerufen, aber sie traute sich nicht.

Sie gingen gemeinsam auf den Jungen los. Auch Toni. »Was tust du da? Warum hältst du die nicht zurück?«, wollte sie rufen, tat es aber nicht. Toni war doch ein Ruhiger, einer, der sich, wenn irgendwie möglich, darum kümmerte, dass eine Keilerei nicht aus dem Ruder lief. Jetzt aber verpasste er dem Jungen einen Kinnhaken. Musste er sich vor den anderen beweisen oder war’s der Suff? Die beiden anderen standen Toni in nichts nach. Das war keine Abreibung, die sie dem Jungen verpassten, das war mehr. Einer wollte brutaler sein als der andere, bescheuertes Imponiergehabe. Immer diese dämliche Machonummer, Jenny wusste, wie das enden konnte. Zittrig griff sie nach ihrem Handy und wählte die 110. »Schlägerei Haltestelle Friesenplatz«, flüsterte sie ins Telefon und legte schnell wieder auf.

Der Junge hielt sich die Hände vors Gesicht und duckte sich. Als wär’s eine Einladung, droschen die drei weiter auf ihn ein. Auch als er zu Boden ging, hörten sie nicht auf. Immer weiter knüppelten sie auf den Wehrlosen ein. »Ihr Arschlöcher«, fluchte Jenny leise. »Dumpfbacken, feiges Pack.« Einen Schritt vor, einen zurück, sie traute sich nicht aus der Deckung. »Toni, hör auf«, piepste sie hinter dem Betonpfahl. Mehr als ein Piepsen brachten ihre Stimmbänder nicht zustande. Toni hörte sie nicht. Keiner hörte sie, die drei waren im Blutrausch, traten dem Jungen auf die Hände und schubsten ihn schließlich grölend auf die Bahngleise.

Von der Straße her drang das Heulen einer Polizeisirene an Jennys Ohren. Auch die drei Schläger horchten auf. Den Sirenen-Ton kannten sie genau, so ’ne Art inneres Alarmsystem, den Ton hörten sie immer. Jenny wusste, was sie jetzt tun würden. Abhauen, denn sonst hatten die Bullen sie am Haken. Der lange Dürre pflückte die teure Jacke vom Boden auf, dann sprangen die drei auf die Gleise, über den Körper des Jungen weg und kletterten auf der anderen Seite wieder hoch. Für einen Augenblick atmete Jenny auf, aber dann hörte sie die nahende Bahn. »Steh auf!«, brüllte sie in Richtung der Bahngleise, aber der Junge rührte sich nicht. Sie hastete auf die Gleise zu, sprang zu dem Jungen hinunter, zerrte ihn hoch, lehnte ihn an die Bahnsteigkante. Er atmete mühsam und bewegte sich wie in Zeitlupe, aber er lebte. Schon sah sie die Lichter der Bahn im Tunnel. Sie kletterte wieder nach oben und griff nach seinen Armen. Gott, war der schwer! Jetzt fuhr die Bahn in die Haltestelle ein. Jenny konnte das entsetzte Gesicht des Fahrers sehen. »Hilf mir!«, schrie sie den Jungen an. »Pack fester zu!« Jenny spürte die verzweifelte Kraft, mit der er ihre Unterarme umklammerte. Sie atmete tief durch und dann zog sie. Das Gewicht des Jungen riss ihr fast die Arme ab. Aber sie ließ nicht los und auch der Junge ließ nicht los. Wirklich in allerletzter Sekunde zog sie ihn auf den Bahnsteig. Die Schuhe des Jungen waren gerade mal ein paar Millimeter von den Waggons entfernt, als die Bahn quietschend zum Stehen kam.

Eine halbe Stunde lief Jenny nun bereits. Frische Blasen drückten auf die Ballen, an den Fersen scheuerte die Naht der Ballerinas die Haut auf. Denk nicht mehr dran, beschwor sie sich und marschierte weiter. Wenigstens hatte es aufgehört zu regnen. Am Himmel zeigten sich sogar ein paar Sterne. Sie lief am Fluss entlang. Ob sie am Reichenspergerplatz noch eine Bahn erwischte? Halb zwei, zeigte ihr das Handy an, und das hieß nein. Die nächste, die kam, war die für die Frühschicht bei Ford, morgens um 4 Uhr 34, und ob die sonntags überhaupt fuhr, wusste sie nicht, also musste sie weiter zu Fuß gehen. Es waren noch mindestens fünf Kilometer bis zur Roten Burg.

Was war ihr auch anderes übriggeblieben? Auf dem Bahnsteig war plötzlich so ein Gewusel gewesen: die Bullen, die die Rolltreppe herunterstürmten, der Fahrer, der leichenblass aus der Bahn stolperte, die Fahrgäste, die sich um den Jungen scharten. Bevor einer sie ansprechen konnte, nutzte Jenny das Durcheinander und schlüpfte in die Bahn. Vom letzten Wagen aus sprang sie zurück auf den Bahnsteig und verdrückte sich durch den Hinterausgang. Der Junge lebte, mehr interessierte sie nicht. Mit der Bullerei wollte sie nichts zu tun haben. Von wegen Zeugenaussage und so. Da hätte sie bestimmt ihre Adresse nennen müssen. Und den Blick, den die Bullen aufsetzten, wenn sie Burgmauerweg lasen, kannte Jenny zur Genüge. Am Burgmauerweg lag die Rote Burg, wer da wohnte, war assi-proll-brutal-gemeingefährlich-doof. Einem aus der Roten Burg schob man gerne was in die Schuhe. Nicht auszuschließen, dass sie am Ende ihr die Schuld an der Schlägerei gegeben hätten. Deshalb hatte sie sich dünne gemacht, deshalb musste sie jetzt den weiten Weg zu Fuß gehen.

Als sie den Fluss überquerte, hing über dem Hafen ein halber Mond, der die Frachtkähne, die dort über Nacht vor Anker lagen, in sein milchiges Licht tauchte. Das friedliche Bild schenkte Jenny für ein paar Sekunden Ruhe, aber dann wurde sie auch schon weitergetrieben. Wiener Platz, hier schnell weitergehen, bevor irgendein Besoffener sie anmachte. Der Mond beschien den Weg am Bahndamm. Endlich sah sie die Siedlung vor sich, dunkel und trutzig wie eine Burg ragte der Häuserblock in den Nachthimmel. Vor dem Blauen Tor nahmen ein paar Tartaren einen alten Benz auseinander. Die Männer mochten es nicht, wenn man sie bei der Arbeit störte, deshalb schlich Jenny sich hinter den Mülltonnen auf der anderen Straßenseite an ihnen vorbei. Die Tartaren waren Meister im Zerlegen, Auseinandernehmen und Weiterverwerten, ungekrönte Könige des Schrotts. Morgen früh würde von dem Auto nur noch ein Gerippe hier stehen. Darauf würden dann tagsüber die Kinder der Siedlung herumturnen, und nachts würden sich die Busch-People, die hinten am Bahndamm hausten und wirklich alles gebrauchen konnten, den Rest holen. Jenny huschte geschwind durch das Blaue Tor auf den großen Innenhof der Roten Burg. Gleich war sie zu Hause. Die drei Pappeln am Bolzplatz rauschten leise und die Blüten der Holunderbüsche am Spielplatz sprenkelten die Luft mit einem süßlich frischen Frühlingsduft. Die alte Schaukel quietschte im Nachtwind.

Obwohl der Weg quer über den Spiel- und Bolzplatz viel kürzer war, ging Jenny nachts immer an den Häusern entlang zu ihrem Wohnblock. Vorsichtsmaßnahme. Hier war es nicht klug, bei Dunkelheit einen unbeleuchteten, hinter Büschen verborgenen Platz zu überqueren. Auf dem Weg entlang der Häuser funktionierte zumindest jedes zweite Außenlicht. Oft traf Jenny beim nach-Hause-kommen noch die eine oder andere, weil fast alle Mädchen aus der Siedlung nachts diesen Weg benutzten. Dann erzählte man sich, wo man gewesen war und was man gemacht hatte, aber heute begegnete ihr niemand mehr. Das war ihr sehr recht, denn über heute Abend würde sie sowieso nicht reden wollen.

Auf Höhe ihres Hauses trat sie ein paar Schritte auf das Grasstück mit den Wäscheleinen, von wo aus sie hoch zu ihrer Wohnung im dritten Stock sehen konnte. Kein Licht mehr. Ihre Mutter schlief schon. In Jennys Erleichterung mischten sich die Bilder vom Friesenplatz. Toni, dann der Dürre mit den grausamen Augen, die Todesangst im Blick des Jungen, und schließlich die nahende Bahn. Sie musste das alles ganz, ganz schnell vergessen.

Während sie drei ausgebleichte Kittelschürzen streifte, die noch auf der Wäscheleine hingen, nahm sie einen Schatten hinter dem alten Holunderbusch wahr. Sofort umklammerte sie den Kugelschreiber in ihrer Jackentasche und zückte mit der anderen Hand ihren Schlüssel. Langsam, ohne den Schatten aus den Augen zu lassen, schritt sie rückwärts auf die Haustür zu. Die Geräusche, die mit einem Mal hinter dem Busch hervordrangen, kannte Jenny. Da kotzte sich einer die Seele aus dem Leib. Einer, der so würgte und röchelte, war nicht gefährlich. Sie brauchte sich nicht sofort in Sicherheit zu bringen. Neugierig blieb sie noch einen Moment stehen. Sie wollte zu gerne wissen, wem es da so mies ging. Die Schürzen an der Leine rochen nach der alten Fedotowa aus dem ersten Stock, die manchmal vergaß, ihre Wäsche abzunehmen. Aber so hässliche Schürzen klaute sowieso keiner. Die Würggeräusche verstummten. Ausgerechnet Toni trat jetzt auf den Rasen und grinste sie schief an. Jennys Herzschlag beschleunigte sich. Wo waren die beiden anderen? Erleichtert stellte sie fest, dass er alleine war.

»Scheiß Abend, scheiß Nacht, aber jetzt geht es mir besser«, erklärte Toni. Mit den Händen hielt er sich an ein paar Holunderzweigen fest und mit den Beinen wackelte er hin und her, als wäre der Rasen unter seinen Füßen ein schwankendes Schiff. Nüchtern war der noch lange nicht. Wo hatte er die beiden Schläger gelassen? Lungerten sie weiter hinten beim Bolzplatz herum oder war er alleine nach Hause gekommen? Funktionierte sein Gedächtnis oder hatte er einen Blackout?

»Morgen wird’s dir so richtig dreckig gehen«, prophezeite Jenny.

»Was machst du denn so spät noch unterwegs?«, stakste er sich mühsam zusammen.

»Nichts Besonderes!« Jenny zuckte mit den Schultern und stiefelte zum Hauseingang. Zu gerne hätte sie Toni ins Gesicht gesagt, dass sie ihn nach der Schlägerei am Friesenplatz für eine richtig miese Ratte hielt, aber wegen der beiden anderen Typen musste sie vorsichtig sein. Was, wenn die erfuhren, dass es eine Zeugin gab?

»Man sieht sich«, lallte Toni.

Wird sich nicht vermeiden lassen, dachte Jenny und schloss die Haustür auf. Sie würde sich später überlegen müssen, wie sie in Zukunft mit Toni umging. Das Flurlicht in Parterre war kaputt, im Dunkeln schlängelte sich Jenny an den Kinderwagen vorbei ins Treppenhaus. Obwohl sie ganz sacht auftrat, knarrte bei der alten Holztreppe jede Stufe. Als sie den Schlüssel in die Wohnungstür steckte, hörte sie von drinnen Rintintins Begrüßungshecheln und ihr wurde warm ums Herz. Egal, wann sie nach Hause kam, Rintintin war immer zur Stelle. »Ja, da bin ich, mein Guter«, begrüßte sie den alten Schäferhund und streichelte ihm den Kopf. Erst dann machte sie das Licht an. Sofort kugelten die Katzenbabys vor ihre Füße, maunzten um die Wette und tapsten nach den Schleifen ihrer Ballerinas. »Schluss jetzt«, flüsterte sie. »Es ist mitten in der Nacht, spielen könnt ihr morgen wieder.« Sie packte die zwei behutsam am Nacken und legte sie in das Katzenkörbchen neben dem Badezimmer. Leise öffnete sie die Tür zum Kinderzimmer. Joe-Joe umklammerte mit beiden Armen sein Kopfkissen und schlief fest. Im Wohnzimmer allerdings war das Schlafsofa ihrer Mutter zwar ausgezogen, aber leer. Jenny fand Jasmin in der Küche, wo sie im Dunkeln saß und ein Kaninchen streichelte, das auf ihrem Schoß saß. »Warum schläfst du nicht, Mama?«, fragte Jenny und knipste das Licht an.

»Theo Kaminski ist mit besoffenem Kopf auf die Pfote von Träumerchen getrampelt. Da hat Ria mir das arme Tierchen direkt vorbeigebracht. Ich hab’s geschient, mal sehen, ob es wieder auf die Beine kommt.« Jasmin deutete auf die verbundene rechte Vorderpfote.

Jenny nickte. Alle aus der Roten Burg brachten ihre verletzten Tiere zu ihrer Mutter. Sie war billiger und besser als ein studierter Tierarzt und konnte echte Wunder vollbringen. »Aber deswegen musst du doch nicht die ganze Nacht aufbleiben« meinte Jenny. »Du kannst Träumerchen doch neben dein Bett in einen Karton legen.«

»Wenn du so spät nach Hause kommst, kann ich sowieso nicht gut schlafen. Hast du was gefunden?«

Jenny schüttelte den Kopf. »Es hat aus Kübeln geschüttet. Keiner raucht bei so einem Wetter im Freien.« Wenn sie U-Bahn fuhr, suchte sie für ihre Mutter in den Aschenbechern vor den Haltestellen nach in Eile weggeworfenen, nur angerauchten Zigaretten. Manchmal entdeckte sie dabei auch eine ganze, die unbemerkt aus einer Schachtel gefallen war.

Jasmin nickte fahrig und Jenny durchwühlte die kleine Vorratskammer nach einem Schuhkarton. Sie fand einen und polsterte ihn mit ein paar Blatt Haushaltsrolle. Dann nahm sie das Kaninchen vorsichtig vom Schoß ihrer Mutter und bettete es in die Kiste. »Ich stell ihn dir neben dein Bett«, sagte sie. »Damit du jetzt schlafen gehen kannst.« Aber die Mutter rührte sich nicht. »Ich brauche unbedingt noch eine Zigarette, Kleines« quengelte sie. »Sonst kann ich nicht schlafen.«

Jenny schloss die Augen, um Jasmins zitternde Hände nicht zu sehen. »Mama, wir haben kein Geld mehr für Zigaretten.«

»Doch. Ria hat mir fünf Euro gegeben, für Träumerchen.« Jasmin hielt ihr den Geldschein hin.

»Weißt du, wie spät es ist? Weißt du, dass ich um die Uhrzeit bis zur Tanke am Clevischen Ring laufen muss?«

»Ich würde ja selbst gehen, aber du weißt doch, dass ich nachts nicht mehr vor die Tür kann«, flüsterte Jasmin. »Wenn du nicht gehst, muss ich aufbleiben, bis um sechs in der Früh Gürkan unten im Hof den Kiosk aufmacht. Weil schlafen kann ich ohne Zigaretten auf gar keinen Fall.«

Jenny biss die Zähne zusammen und schluckte die Mischung aus Sorge und Wut herunter, die in ihr hochkochte. Wut, weil sie nach dem Gewaltmarsch nicht mehr vor die Tür wollte. Sorge, weil sie wusste, dass Jasmin bei Schlaflosigkeit immer von Ängsten geplagt wurde. Und wenn die Ängste die Mutter ein paar Nachtstunden traktiert hatten, dann musste sie wieder diese Pillen nehmen, die sie so dumpf machten. »Clevischer Ring kannst du knicken, aber ich sehe mal beim Heimlichraucher nach.«

»Du bist ein Schatz, Kleines!« Ihre Mutter stand auf und schloss Jenny in ihre Arme.

Jenny hätte heulen mögen, weil diese Arme ihr schon so lange keinen Schutz mehr gewährten. Stattdessen schlich sie sich wenig später wieder die knarzenden Stufen hinunter. Vielleicht fand sie tatsächlich einen Zigarettenstummel vor dem Haus IVb. Dort wohnte der Heimlichraucher, der oft hastig vor der Tür eine austrat, weil seine Frau ihm verboten hatte, drinnen zu rauchen. Wenn sie da nichts fand, könnte sie die Tartaren um eine Kippe anschnorren. Die qualmten wie die Schlote, scheuchten aber jeden weg, der in ihre Nähe kam. Vielleicht hatte Jenny Glück. Und wenn nicht, dann war Schluss. Weiter würde sie heute Nacht für Jasmins Scheißzigaretten nicht gehen.

Draußen empfingen sie wieder die rauschenden Pappeln, der duftende Holunder und die Kittelschürzen der Fedotowa. Keine Schatten, keine menschlichen Geräusche, die Rote Burg schlief. Das hätte Jenny auch zu gerne getan. Sie stolperte fast über Toni, der es zwar noch bis zu seiner Haustür geschafft hatte, dann aber einfach umgekippt war. Er schnarchte, wie nur Besoffene schnarchen, und stank nach Bier und Zigaretten. Zigaretten! In seiner hinteren Hosentasche zeichnete sich eine Packung ab. Dass sie so schnell fündig werden würde, hatte Jenny nicht zu hoffen gewagt. Sie rüttelte ihn wach. »Hey Toni, hast du noch eine Zigarette?«

»Was’n los?«, brachte er mühsam heraus.

»Eine Zigarette!« Jenny half ihm auf die Beine und lehnte ihn an die Hauswand. Sein penetrantes Deo nahm ihr fast den Atem. Eins von der Sorte männlich-herb-unwiderstehlich. Toni fiel wirklich auf die doofste Werbung rein.

»Du rauchst doch gar nicht«, nuschelte er.

»Ist für meine Mutter.«

Er schaffte es nicht, die Packung aus der Hose zu nesteln. Jenny half ihm. Sie hielt die Schachtel hoch und zog eine Zigarette heraus. »Dreißig Cent, okay?«

»Schenk ich dir.«

Er drohte wieder umzukippen. Jenny presste ihn mit einer Hand an die Hauswand und steckte ihm mit der anderen die Münzen in die Hosentasche. »Nicht nötig. Ich will nichts geschenkt. Wo ist dein Schlüssel?«

In Zeitlupe bewegte sich seine Hand auf die rechte vordere Hosentasche zu, und nach etlichen Fehlversuchen kriegte er endlich den Schlüssel zu fassen.

»Ich sperr dir die Tür auf, okay? Nach oben musst du dann alleine kommen.«

»Ich hab Scheiße gebaut, totale Scheiße, Jenny«, nuschelte er. »Und ich weiß nicht, wie ich da wieder rauskomme.«

»Schlaf erst mal deinen Rausch aus.« Jenny schob ihn ins Haus und drückte Toni den Schlüssel in die Hand. Sie hörte noch zu, wie er die Treppe hochstolperte und war heilfroh, als hinter ihm die Tür zufiel. Ein zusammengestammeltes Geständnis im Suff war das Letzte, was sie hören wollte. Nüchtern würde Toni das bitterlich bereuen. Wer wollte schon einen Mitwisser für eine Sache, die ihn in den Knast bringen konnte? Am besten, sie ging ihm in den nächsten Tagen aus dem Weg. Am besten, sie vergaß, was am Friesenplatz passiert war.

Die Entspannung, die sich wenig später auf Jasmins Gesicht abzeichnete, als diese die Zigarette anzündete, erleichterte Jenny. Sie spürte wieder, wie müde sie war. Ihr Handy zeigte schon drei Uhr morgens an.

»Ich weiß wirklich nicht, was ich ohne dich machen würde, Kleines«, flüsterte Jasmin, und ihr Blick umspülte Jenny mit einer Woge der Dankbarkeit. »Aber sag, warum ist es bei dir heute so spät geworden?«

»Ich habe einem Jungen das Leben gerettet.« Schon in dem Augenblick, in dem Jenny den Satz aussprach, wusste sie, dass es ein Fehler war. Auch Jasmin durfte nichts von der Schlägerei erfahren.

»Du musst mich nicht anlügen, Kleines«, hauchte die Mutter mit Enttäuschung und frisch inhaliertem Nikotin in der Stimme. »Musst keine Geschichten erfinden. Du kannst ruhig zugeben, wenn du mit einem rumgeknutscht hast. Bist jung, die Hormone spielen verrückt, jeder muss seine eigenen Fehler machen.« Und dann kam die alte Leier, dass man keinem Mann trauen durfte und dass die stillen Säufer die Schlimmsten waren. »Weiß ich doch alles, Mama.« Jenny war heute ausnahmsweise froh, dass die Mutter ihr nicht richtig zuhörte, denn Jasmin fragte mit keinem Wort nach dem Jungen, den sie gerettet hatte. »Mach dir keine Sorgen. Geh jetzt schlafen«, redete Jenny ihr gut zu.

Rauchkringel über dem Küchentisch, noch ein paar hastige Züge, dann drückte Jasmin die Zigarette aus und ging endlich ins Bett. Jenny leerte den Aschenbecher und sah sich in der Küche um. Halbvolle Töpfe auf dem Herd, schmutziges Geschirr auf der Anrichte. Immer öfter vergaß ihre Mutter aufzuräumen. Jenny ließ Spülwasser ins Waschbecken laufen. Sie wollte wenigstens morgens in eine saubere Küche kommen.

Es war halb vier, als sie endlich in ihr Hochbett über Joe-Joe kroch. Noch einmal musste sie die Bilder vom Friesenplatz aus ihrem Kopf scheuchen. Vergiss das Ganze, befahl sie sich wieder. Und dann dachte sie, dass sie dem Jungen wirklich das Leben gerettet hatte. Als sie die Augen schloss, sah sie seine Augen vor sich. Braun, so hell wie das Fell eines Hamsters. Als sie die Finger einrollte, spürte sie die Finger des Jungen. Fest verhakt, zusammengeschweißt mit den ihren. Hand in Hand hatten sie noch einen Moment erschöpft auf dem Bahnsteig gelegen. Vergiss alles, wiederholte sie und wickelte sich in ihre Bettdecke.

Ich lebe! Das Adrenalin, das Lovis bei dieser Erkenntnis durch den Körper strömte, vertrieb alle Schmerzen. Er spürte die Schläge und Tritte nicht mehr, fühlte nicht das kalte Metall der Schienen, hörte nicht das Grollen der nahenden Bahn, sah nicht in das von Anstrengung verzerrte Gesicht des Mädchens, das ihn nach oben auf den Bahnsteig zog. Stattdessen tanzten Sternchen vor seinen Augen, schossen Endorphine durch seinen Körper, bollerte sein Herz im Takt des Glücks.

»Ich lebe!«, wollte er den Leuten entgegenschreien, die auf dem Bahnsteig standen, aber er brachte keinen Ton heraus. Er lag auf dem Boden, konnte nicht aufstehen. Was war mit seinem Kopf? War wenigstens der in Ordnung? Lovis sah geblümte Gummistiefel, rote Turnschuhe und eine neugierige Hundeschnauze. In seinen Ohren brauste ein Gewirr aus fremden Stimmen. Er roch Feuchtigkeit, Männerschweiß und nasses Hundefell. Seine Sinne funktionierten. »Lovis Urban, fast siebzehn Jahre, Blumental 15, ich wohne bei meinem Vater.« Gut so, er wusste, wie er hieß und wo er wohnte, war bei klarem Verstand. Aber was war mit seinen Beinen? Was mit seiner Stimme?

»Platz da, gehen Sie zur Seite!« Eine energische Stimme drang zu ihm durch, die Schuhe verschwanden aus seinem Sichtfeld, ein Gesicht beugte sich zu ihm hinunter. Er registrierte einen wachen Blick und die blaue Uniform eines Streifenpolizisten.

»Was ist passiert?« Lovis starrte auf einen bleistiftdünnen Bartstreifen, der sich bei dem Mann wie bei diesem Fußballer Kurányi von Ohr zu Ohr zog. »Einen Krankenwagen«, rief der Kurányi-Bart nach hinten und wandte sich wieder Lovis zu. »Was ist passiert?«

Lovis’ Lippen formten das Wort Überfall, konnten es aber nicht aussprechen.

»Immer mit der Ruhe, mein Junge. Hast du ein Schülerticket? Einen Ausweis?«

Lovis hob eine Hand und deutete auf seine hintere Hosentasche. Der Polizist nickte und zog den Schülerausweis vorsichtig heraus, warf einen kurzen Blick darauf. »Wer war das, Lovis?«

Lovis streckte drei Finger in die Luft.

»Drei? Sind die Täter noch hier?«

Lovis zuckte mit den Schultern. Er wusste es nicht.

»Waren es Jugendliche?«, fragte der Kurányi-Bart weiter.

Lovis nickte.

»Kanntest du sie?«

Lovis schüttelte den Kopf. Was sollte diese Fragerei? Sicher hatten sich die drei ganz schnell aus dem Staub gemacht, als die Polizei auftauchte. Nur er lag immer noch auf dem kalten Bahnsteig. Wollten sie ihn hier ewig liegen lassen?

Als hätte er diese Frage laut ausgesprochen, wurde jetzt eine Trage neben ihm aufgeklappt. Ein neues Gesicht beugte sich zu ihm hinunter, Hände tasteten Kopf, Körper, Arme und Beine ab, irgendwas wurde ihm in die Brusttasche seines Hemdes gesteckt, das Licht einer Taschenlampe blendete seine Augen. Notarzt, dachte Lovis.

»Kannst du mich hören, Lovis? Verstehst du, was ich sage?«

Lovis nickte zweimal. Hände griffen nach Schultern und Beinen, hoben ihn hoch und legten ihn wieder ab. Er lag jetzt auf etwas Weichem, Warmen. »Wir bringen dich ins Krankenhaus.«

Das Rattern der Räder dröhnte in seinen Ohren, der türkische Strand verschwamm vor seinen Augen, sein Bauch rumorte, als sie im Aufzug nach oben schwebten. Frische Luft stieg ihm in die Nase, eine Tür klapperte, die Trage wurde in den Krankenwagen geschoben. Der Notarzt setzte sich neben ihn. Kein Blaulicht. Ganz so schlimm stand es also nicht um ihn.

Im Krankenhaus kehrte der Schmerz in seinen Körper zurück. Er wollte schreien, stattdessen wimmerte er wie ein zahnloses Baby. Wieder hob man ihn hoch, legte ihn auf eine andere Trage. Neue Hände befühlten seinen Kopf, arbeiteten sich langsam an seinem Körper hinunter. Höllenqualen beim Druck auf Rippen, eiskalt das Gel auf der Haut, eine Mördermaschine das Teil, das dann über seinen Bauch fuhr. »Ultraschall«, sagte eine Stimme. Seine Beine, die nach oben und unten, nach rechts und links gebogen wurden, spürte er nicht. Querschnittslähmung, schoss ihm durch den Kopf. »Röntgen«, hörte er die Stimme sagen.

Krankenhausflure und Aufzüge, dann Warten.

Als die Gleise unter ihm plötzlich vibrierten und sein Körper ihm nicht gehorchte, hatte er gedacht, dass jetzt alles vorbei sei. Wie ein schwerer Sack hatte er auf den Gleisen gelegen, als hätte man ihm Arme und Beine abgehackt – ein Sack, den gleich die Bahn überfahren würde. Hatte er in diesem Augenblick wirklich daran gedacht, dass er sich keine Sorgen mehr wegen seines siebzehnten Geburtstags zu machen brauchte? Präsentierte einem das Gehirn im Angesicht des Todes etwas so Banales? Wo blieb die Show über die Highlights des Lebens? Wo war das weiße Licht, das ins Jenseits führte?

Wieder schob man ihn, diesmal in den Röntgenraum und dann zurück über Flure und Aufzüge.

»Kannst du mich hören?«, wurde er erneut gefragt, und diesmal blickte er in ein Frauengesicht, umrahmt von Engelshaar. Engel hatte er in seiner Todesangst auch keine gesehen. »Ich bin Dr. Morgenstern«, sagte die Frau, als er nickte. »Du hast verdammtes Glück gehabt, Lovis. Nichts gebrochen, sogar deine Rippen sind heil geblieben. Keine inneren Organe verletzt, nicht mal einen Zahn hast du verloren.«

Die Beine waren also in Ordnung. Aber was war mit seiner Stimme los? Er brachte nur ein wütendes Krächzen heraus.

»Ich weiß, dass dich das im Augenblick nicht trösten kann«, fuhr die Ärztin fort, »weil du furchtbare Schmerzen hast. Schwere Prellungen tun mehr weh als mancher Bruch. Eine Zeit lang wirst du verboten aussehen, aber alles wird heilen. Du brauchst nicht im Krankenhaus zu bleiben, du darfst nach Hause. Soll ich deine Eltern anrufen oder kannst du das schon selbst?«

Lovis schüttelte den Kopf und die Ärztin zog ein Telefon aus der Jackentasche. »Kannst du mir die Nummer geben?«

Anstelle von 01765 und so weiter kam ein Nnchhrrsseefff aus Lovis’ Mund.

»Mach dir keine Sorgen, deine Stimme wird schnell wiederkommen, das ist der Schock.« Dr. Morgenstern runzelte kurz die Stirn, setzte dann aber diesen professionellen Alles-wird-gut-Blick auf und zog Papier und Kuli aus der Brusttasche. Mit angeschwollenen, blutverkrusteten Fingern schrieb Lovis krakelig wie ein Erstklässler Gustavs Handynummer auf. Verzweifelt sackte er auf die Liege zurück. Nichts würde gut. Er hatte seine Stimme verloren. Genau wie damals.

»Dein Vater ist noch unterwegs. Er wird in einer Stunde hier sein.« Dr. Morgenstern steckte das Telefon zurück in die Tasche. »Die Polizei möchte dich sprechen. Fühlst du dich dazu in der Lage?«

Lovis zuckte mit den Schultern, was für den Kurányi-Bart eine Aufforderung war, sich neben sein Bett zu setzen. Er stellte sich als Polizeiobermeister Sennefeld vor. »Um die Täter zu finden, sind wir auf deine Mithilfe angewiesen. Von den Zeugen, die wir auf dem Bahnsteig befragt haben, hat keiner drei Jugendliche gesehen. Kannst du sie genauer beschreiben?«

Lovis bat um Papier und Stift und versuchte die drei mit wenigen Stichworten und verkrampften Strichen zu charakterisieren. Sennefeld besah sich das Bild, so wie man sich die Krakeleien von Kleinkindern anschaut, nickte und steckte es in die Jackentasche. »Kannst du dich an ein rothaariges Mädchen erinnern?«, fragte er dann.

Natürlich konnte er. Er probierte es wieder mit einer Mischung aus Zeichnungen und Worten, dieses Bild studierte der Polizist genauer. »Das Mädchen war bereits da, als du auf den Bahnsteig gekommen bist. Ihr wart allein, bis die drei auftauchten. Dann ist das Mädchen verschwunden.«

Lovis nickte. Diesmal hatte er sich auf Papier verständlich machen können.

»Hatte das Mädchen etwas mit den Tätern zu schaffen?«, wollte Sennefeld wissen. »Haben die vier miteinander gesprochen? Blicke ausgetauscht?«

Lovis schüttelte energisch den Kopf. »Sie hat mir das Leben gerettet«, schrieb er auf das Papier.

»Das eine schließt das andere nicht aus«, meinte Sennefeld. »Immerhin ist sie genau in dem Augenblick verschwunden, als die drei aufgetaucht sind.«

»Bestimmt hatte sie Angst«, schrieb Lovis auf. Und sie ist zurückgekommen und hat mir das Leben gerettet, fügte er in Gedanken hinzu.

»Kann sein, kann aber auch nicht …« Sennefeld brachte den Satz nicht zu Ende, weil in dem Moment Gustav in den Raum polterte.

»Was wollen Sie von meinem Sohn?«, fuhr er den Polizisten an, drängte ihn zur Seite und beugte sich zu Lovis hinunter. »Mensch, Großer, du hast mir vielleicht einen Schreck eingejagt.« Er checkte Lovis’ sichtbare Verletzungen und fuhr dann mit der Hand über sein Gesicht, zog sie aber sofort zurück, als Lovis vor Schmerz zusammenzuckte. »Alles wird gut«, murmelte er und drückte ihm die Hand.

»Aaahaah«, stöhnte Lovis und war froh, als Gustav seine Hand losließ.

Gustav stellte Aktentasche und Laptop ab und sah herausfordernd von Polizeiobermeister Sennefeld zu Dr. Morgenstern und wieder zurück. Sennefeld berichtete von der Schlägerei, Dr. Morgenstern von den Verletzungen. Gustav hörte zu, fragte nach, lief dabei auf und ab. Energiegeladen, konzentriert, so wie Lovis den Vater kannte. Für Gustav war im Leben alles eine Frage der Organisation und des Kampfgeistes. Mit Kampfgeist konnte man jedes Problem angehen und mit Organisation bekam man jedes Problem in den Griff. Lovis konnte nicht aufzählen, wie oft sein Vater versucht hatte, ihm diese Sicht der Dinge einzubläuen. Jedes Mal war Gustav enttäuscht, wenn es Lovis an Kampfgeist für bessere Schulnoten mangeln ließ oder in seinem Zimmer mal wieder völliges Chaos herrschte.

»Selbstverständlich wird Lovis morgen auf die Wache kommen, um auf Ihren Fotos nach den Tätern zu suchen«, erklärte er Sennefeld. »Wir werden alles tun, damit Sie die Schläger fassen können, und erwarten dies auch von Ihnen.« Ein energischer Händedruck zum Abschied, dann reichte Gustav Sennefeld die Mütze, die dieser auf dem Fensterbrett abgelegt hatte. Sennefeld wandte sich Lovis zu. »Bis morgen«, sagte er, bevor er die Mütze aufsetzte und ging.

Gustav bekam das nicht mit. Er war schon in ein Gespräch mit Dr. Morgenstern vertieft.

»Ich gebe Ihnen ein Schmerzmittel für Lovis mit«, erklärte sie, »und da ist noch etwas, das ich mit Ihnen besprechen muss.« Sie senkte die Stimme. Lovis sollte nicht verstehen, was sie sagte.

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