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7 Kriminalromane für den Herbst 2017 (Alfred Bekker's Krimi Stunde, #10)

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Jesse Trevellian und der Polizistenmörder

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Krimi von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 118 Taschenbuchseiten.

Ein Police Lieutenant in Queens wird tot aus dem East River geborgen. Ermittler Jesse Trevellian und sein Kollege Milo Tucker ermitteln in diesem Fall. Die Kugeln, die ihren Kollegen niedergestreckt haben, stammen aus einer Waffe, die zuvor bereits einmal in einer Schießerei im Zusammenhang mit dem organisierten Verbrechen benutzt wurde.Und dann wird plötzlich der nächste Polizist ermordet...

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

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1

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Fredo’s Fish Bar in der 5th Street in Queens hatte 24 Stunden geöffnet. Man bekam dort die besten Fishburger des Big Apple. Lieutenant Brian O’Rourke, Detective bei der Homicide Squad, hatte eine anstrengende Nachtschicht hinter sich. Jetzt war es vier Uhr morgens und O’Rourke hatte den toten Punkt längst überwunden.

Er bestellte einen Kaffee, zwei Fishburger und eine Portion Chips. O’Rourke trank als Erstes den halben Kaffeebecher leer.

Sein Handy klingelte. O’Rourke nahm den Apparat ans Ohr.

„Was gibt es?“

„Hier spricht Harry Gonzales.“

„Verdammt, wo bleiben Sie?“

„Ich werde nicht zu Ihnen hereinkommen.“

„Was soll das Theater?“

„Kommen Sie raus an die Pier.“

Die Verbindung wurde unterbrochen.

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2

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O’Rourke blickte auf die Fishburger, verschlang einen davon mit ein paar Bissen und trank den Kaffee aus. Die Chips ließ er liegen. Er hatte sie probiert und festgestellt, dass sie ihm nicht knusprig genug waren.

Wenig später ging er in die Nacht hinaus. Das Kreischen der Möwen mischte sich mit dem Verkehrslärm des Big Apple.

Der East River wirkte wie ein breites, lichtloses Band. Dahinter waren die Lichter Manhattans. Es war eine klare Nacht. Das Hauptquartier der Vereinten Nationen war deutlich zu sehen.

Mitten im Wasser ragte der Delacorte Geyser empor, ein Leuchtturm am südlichen Ende der Franklin D. Roosevelt Island.

O’Rourke schlang auch den zweiten Fishburger herunter und wischte sich die Finger an einem Taschentuch ab. Dann  überprüfte er kurz den Sitz seiner Waffe. Sie steckte in seinem Schulterholster. Darüber trug er einen dunklen Blouson. Die Jacke war weit geschnitten, sodass sich die Waffe nicht abzeichnete.

O’Rourke ging auf die Pier zu, die ganz in der Nähe ein Stück in den East River hineinragte.

Ein dunkler Schatten hob sich gegen das Lichtermeer von Manhattan ab. O’Rourke zögerte einen Moment, dann betrat er die Pier. Von der Gestalt am Ende war nichts Näheres zu erkennen.

Das muss er sein!, dachte O’Rourke. Er sah auf die Uhr. Vier Uhr und zehn Minuten. 

Die Gestalt bewegte sich nun und kam O’Rourke entgegen.

In einer Entfernung von ein paar Schritten blieb er stehen. Das Licht einer Laterne fiel auf seinen Körper vom Hals abwärts. Das Gesicht blieb im Dunkeln.

Die rechte Hand war tief in seiner Manteltasche vergraben.

„Lieutenant O’Rourke?“ 

„Ja?“

Der Mann zog eine Waffe mit Schalldämpfer unter seinem Mantel hervor. Der Strahl eines Laserpointers tanzte durch die Nacht. Der Schuss war kaum zu hören. Zweimal blitzte das Mündungsfeuer auf.

Die erste Kugel traf Lieutenant O’Rourke in die Brust und riss ein Loch in den Stoff seines Blousons. Die zweite Kugel traf ihn dicht darüber.

Das graue Kevlar einer kugelsicheren Weste kam darunter zum Vorschein.

O’Rourke taumelte zu Boden. Er griff unter den Blouson, um seine Dienstwaffe zu ziehen.

Erneut blitzte die Schalldämpferpistole in der Hand des Killers auf. Fünf Schüsse in rascher Folge ließen den Körper des Lieutenants zucken. Ein Schuss traf den Kopf, noch ehe er seine eigene Waffe abdrücken konnte.

Regungslos lag er in seiner Blutlache.

Der Killer trat aus dem Schatten.

Mit dem Fuß stieß er den regungslos daliegenden Körper an. Er steckte seine Waffe ein. O’Rourkes Pistole nahm er vom Boden auf und warf sie im hohen Bogen in den East River. Anschließend bückte er sich und packte die Leiche bei den Schultern. Dann schleifte er den Toten zur Kaimauer und ließ ihn ins Wasser rutschen. Der Killer atmete tief durch. Er streifte die Latexhandschuhe ab, mit denen er seine Hände vor Schmauchspuren geschützt hatte und warf sie hinterher.

Innerhalb von wenigen Augenblicken hatte das dunkle Wasser des East River alles bedeckt.

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3

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Dr. Brent Claus führte uns in die Leichenhalle des gerichtsmedizinischen Instituts der Scientific Research Division. Dieser zentrale Erkennungsdienst aller New Yorker Polizeieinheiten hatte seine Labors in der Bronx.

Dr. Claus öffnete eins der Kühlfächer. Anschließend zog er das weiße Laken, das den Toten bedeckte, so weit zur Seite, dass man das Gesicht sehen konnte.

Es war bleich und aufgedunsen. Auf der Stirn war die Eintrittswunde eines Projektils zu sehen. Anhand der Fotos, die mein Kollege Milo Tucker und ich zuvor in unserem Field Office zu Gesicht bekommen hatten, hätte ich ihn nicht wieder erkennen können. 

„Dies ist Lieutenant Brian O’Rourke von der Homicide Squad I des 54. Revier der City Police in Queens. Dass er etwas anders aussieht als auf den offiziellen Fotos in seiner Dienstakte, liegt einfach daran, dass er eine ganze Weile im Wasser gelegen hat. Captain Del Mar, sein Chief bei der Homicide Squad hätte ihn auch nicht wiedererkannt, obwohl er tagtäglich mit ihm zu tun hatte.“

„Was können Sie uns darüber sagen, was geschehen ist?“, fragte Milo.

„O’Rourke wurde von mehreren Kugeln getroffen. Er trug eine Kevlar-Weste, die einige davon auffing. Die Hämatome am Oberkörper sind deutlich zu sehen.“ Dr. Claus zog das Laken noch ein Stück zurück. Die Blutergüsse befanden sich in Herznähe und inzwischen so groß wie Untertassen. „Der Treffer in den Hals ging glatt durch. Dasselbe gilt für einen Streifschuss an der Schulter. Mindestens diese beiden Projektile müssten sich noch am Tatort befinden.“

„Bislang wissen wir noch nicht, wo der sein könnte, aber vielleicht sind Ihre Untersuchungsergebnisse das entscheidende Mosaikstein, das uns weiterhilft!“, sagte ich.

„Der tödliche Schuss ging in den Kopf, durchdrang mitten auf der Stirn die Schädeldecke und blieb an der Halswirbelsäule stecken.“

„Also wurde der Schuss von schräg oben geführt“, schloss ich.

„Ja“, nickte Dr. Claus. „Ich könnte mir vorstellen, dass Lieutenant O’Rourke durch die Wucht der Treffer, die von der Kevlar-Weste aufgehalten wurden, zu Boden taumelte, während der Killer weiter auf sein Opfer geschossen hat. Als der Kopftreffer ihn erwischte, muss er sich gekrümmt haben. Der ballistische Bericht liegt ja bereits vor und danach sind die Kugeln aus einer Entfernung von mindestens fünf Metern abgefeuert worden. Aber ich nehme an, Sie haben den Bericht bereits gelesen.“

„Er ist ein Grund dafür, dass wir den Fall übernehmen“, erklärte ich. „Der Abgleich des untersuchten Projektils hat nämlich ergeben, dass die verwendete Waffe zuvor bereits einmal in einer Schießerei im Zusammenhang mit dem organisierten Verbrechen benutzt wurde.“

Dr. Claus zuckte die Schultern. „Die Kollegen von der Ballistik waren diesmal deutlich schneller als ich. Aber ich konnte ihnen leider auch nur ein einziges Projektil bieten – nämlich jenes, das in der Halswirbelsäule stecken geblieben ist. Sie können also von Glück sagen, dass der Täter zufällig aus diesem Winkel getroffen hat, sonst wäre die Kugel durch die hintere Schädelwand wieder ausgetreten und Sie könnten jetzt in der ganzen Stadt nach ein paar Kugeln suchen, an der vielleicht noch etwas DNA-testfähige Hirnmasse haftet.“ Dr. Claus deutete auf den Oberkörper. „Die Projektile, die von der Kevlar-Weste aufgefangen wurden, liegen wahrscheinlich auf dem Grund der Upper Bay. Das stundenlange Wasserbad, dem die Leiche ausgesetzt war, muss sie weggespült haben.“

Ich deutete auf die Achseln des Toten, um die herum dunkle Stellen zu sehen waren.

„Druckstellen eines zu eng geschnallten Schulterholsters und – Schleifspuren. Der Täter muss den Toten unter den Achseln angefasst und weggeschleift haben.“

„Dann war es nur eine Person“, schloss ich.

Dr. Claus nickte. „Sagen wir so: Es hat nur einer mit angepackt.“

„Gibt es Spuren, die darauf hindeuten, dass der Tote in einem Kofferraum transportiert wurde?“

„Nein. Wahrscheinlich geschah der Mord in der Nähe des Wassers. Der Täter musste ihn nur ein paar Meter weiter schleifen und hineinwerfen.“

„Wann war der Todeszeitpunkt?“

„Lieutenant O’Rourkes Leiche wurde gestern Mittag am Ufer des East River Parks angespült. Ich denke, dass der Tote mindestens sechs Stunden im Wasser war. Also würde ich schätzen, dass Lieutenant O’Rourke gestern zwischen drei und fünf in der Früh starb. Aber Sie bekommen natürlich noch meinen ausformulierten Bericht, wo Sie das alles nachlesen können.“

„Erst mal danken wir Ihnen, Dr. Claus“, sagte ich.

Der Gerichtsmediziner schob den Toten zurück in seine vorläufige Ruhestätte, nachdem er das Tuch wieder über sein Gesicht gebreitet hatte.

„Rufen Sie mich an, falls Sie noch Fragen haben.“

„In Ordnung.“

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4

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Von der Bronx aus machten wir uns zum 54. Revier in Queens auf. Dort waren wir mit Captain Nelson Del Mar, dem Leiter der Homicide Squad I sowie Captain Lucius J. Lantanaglia, dem Chief des Reviers verabredet.

Inzwischen lief die Suche nach dem möglichen Tatort längst auf Hochtouren. Die Hafenpolizei war alarmiert worden. Außerdem sollten sowohl Kollegen des FBI Field Office New York als auch der City Police sich in der Nähe der Piers umhören, ob jemand dort Lieutenant O’Rourke in der Nacht seines Todes gesehen hatte.

Wir fuhren über die Interstate 278 nach Queens und erreichten schließlich das Revier in dem O’Rourke zuletzt seinen Dienst verrichtet hatte.

Chief Lantanaglia empfing uns in seinem Büro. „Captain Del Mar ist noch nicht hier. Er wurde zwischenzeitlich zu einem Tatort gerufen, aber ich nehme an, dass Sie mit sprechen können, sobald wir hier fertig sind.“

„In Ordnung“, sagte ich. „Erzählen Sie uns am besten alles, was Ihnen zu O’Rourke einfällt. Wir stehen ganz am Anfang unserer Ermittlungen. Alles, was wir wissen ist, dass er in Ufernähe erschossen wurde, eine Kevlar-Weste trug und die Kugel, die ihn tötete, aus einer Waffe stammt, die bei einer Schießerei im Club ‚El Abraxas’ verwendet wurde.“

„Und das ‚Abraxas’ steht unter Kontrolle von Benny Vargas, einem der aufstrebenden Syndikatsbosse in der Bronx“, ergänzte Chief Lantanaglia. Er hatte sich offenbar gut informiert.

„Die genauen Hintergründe der Tat konnten nie wirklich aufgeklärt werden“, fuhr ich fort. „Tatsache ist, dass es damals fünf Tote und mehrere Schwerverletzte gab, darunter auch der Anführer einer Drogengang.“

„Sieht ganz nach geschäftlichen Differenzen aus, wenn man das so bezeichnen will“, sagte Chief Lantanaglia. „Aber was O’Rourke angeht, könnte es da noch eine alte Rechnung geben. Er war schließlich erst seit ein paar Monaten hier bei uns im Revier. Vorher gehörte er zu Drogenabteilung eines Reviers in der Bronx.“

„Bei uns sind die Akten noch nicht angekommen“, gab ich Auskunft. „Ich kenne nur die Kurzfassung, die uns Mister McKee gegeben hat.“

„Die Sache ist ganz einfach: O’Rourke wurde verdächtigt, kleine Drogendealer und Mitglieder von Gangs erpresst zu haben, indem er ihnen Drogen unterschob und Beweismittel manipulierte. Es lief ein Verfahren der Abteilung für Inneres gegen ihn. Dieses Verfahren ist inzwischen eingestellt worden, aber man hielt es für besser, O’Rourke trotzdem in ein anderes Revier zu versetzen.“

„Und in eine andere Abteilung!“, ergänzte ich.

„Ja, er sollte nichts mehr mit Drogen zu tun gaben.“

„Dann war seine Weste vielleicht doch nicht so rein, wie das eingestellte Verfahren vermuten lässt?“, fragte ich.

Lantanaglia zuckte die Schultern. „Jemand, der in der Drogenfahndung arbeitet, vollführt täglich einen Tanz auf der Rasierklinge. Man sieht wie die Dealer mit Millionen jonglieren und der Cop denkt an die Hypotheken für sein Haus und daran, dass sein Wagen noch nicht abgezahlt ist und sich seine Kinder beklagen, dass schon im zweiten Jahr nacheinander keine Urlaubsreise drinsitzt, während der Drogenboss mit dem Privatjet mal kurz nach Miami Beach hinüber fliegen kann. Da braucht man schon einen stabilen Charakter, um auf der richtigen Seite zu bleiben.“

Ich hob die Augenbrauen. „Wem sagen Sie das!“

„Glauben Sie, O’Rourke besaß nicht den nötigen Charakter?“, mischte sich Milo ein.

„Wie gesagt – die Untersuchung konnte den Verdacht gegen ihn nicht erhärten.“

„Das ist keine Antwort auf meine Frage.“

Lantanaglia lächelte dünn. „Ja, Sie haben Recht. Aber wer von uns kann schon in den Schädel eines Kollegen hineinschauen?“ Lantanaglia machte eine kurze Pause, erhob sich aus seinem Schreibtischstuhl und füllte seinen Kaffeebecher wieder auf. Nachdem er einen Schluck genommen hatte, sagte er schließlich: „Ich will ehrlich sein. Am Anfang war ich sehr skeptisch, was O’Rourke anging. Dafür kann ich Ihnen noch nicht einmal einen greifbaren Grund angeben. Es war einfach mein Bauchgefühl – und in all den Jahren, in denen ich als Cop hier in Queens meinen Mann stehe, habe ich gelernt, dass es einem das Leben retten kann, wenn man sich auf dieses Gefühl verlässt. Aber was O’Rourke angeht, hat mich mein Instinkt wohl getrogen. Jedenfalls gab es keinen Ärger, so lange er hier war und soweit ich das beurteilen kann, hat er gute Arbeit geleistet.“

„Ich danke Ihnen für Ihre Offenheit“, sagte ich.

Lantanaglia nickte. „Vielleicht kann Ihnen Captain Del Mar etwa mehr dazu sagen, schließlich arbeitete er mit O’Rourke direkt zusammen.“

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Captain Del Mar ließ auf sich warten, so aßen wir eine Pizza, die vom Express Service für das ganze Revier geliefert wurde. Captain Del Mar, der Leiter der Homicide Squad I traf schließlich doch noch ein. Er bat uns in sein Büro.

„Tut mir Leid, dass es etwas später geworden ist, aber ich war bei einem Tatort und bin auf dem Rückweg leider in einen Stau geraten.“

„Ist schon in Ordnung“, sagte ich.

„Sie sind Trevellian und Tucker, nicht wahr?“

„Ja – und wir suchen zurzeit den Mörder Ihres Kollegen Lieutenant Brian O’Rourke“, bestätigte Milo.

„Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, weshalb der Fall nicht in unserer Zuständigkeit geblieben ist!“

„Weil die Tatwaffe im Zusammenhang mit organisierter Kriminalität benutzt wurde“, gab ich Auskunft.

Del Mar zuckte mit den Schultern. „Meiner Ansicht nach sagt das nicht viel aus. Diese Waffen gehen doch von Hand zu Hand. Andererseits könnte da natürlich ein Zusammenhang bestehen. Über O’Rourkes Vergangenheit in der Drogenabteilung des 87.Reviers in der Bronx wissen Sie ja sicher inzwischen Bescheid oder?“

„In Ansätzen. Es gab da wohl mal einen Verdacht gegen O’Rourke, wonach er Verdächtige erpresst haben soll.“

„Deswegen war er auf unserem Revier. Die Sache ist niedergeschlagen worden, es kam nicht einmal zu einer offiziellen Anklage. Aber wie heißt es so schön? Es bleibt immer etwas hängen. Ganz besonders, wenn es um einen Cop geht. Der kleinste Flecken auf der weißen Weste kann schon dazu führen, dass man wie ein Paria behandelt und bei Beförderungen übergangen wird.“ Del Mar zuckte die Schultern. „So ist das nun einmal und bevor man sich auf das Spiel einlässt, informiert man sich am besten über die Regeln und akzeptiert sie.“ 

„Wollen Sie damit sagen, dass O’Rourke etwas angehängt wurde?“

„Mir gegenüber hat er in diese Richtung ein paar Andeutungen gemacht. Ist doch klar, wenn ich ein Drogenhändler wäre und hätte mit einem Cop eine Rechnung offen, kann ich ihm doch am besten schaden, in dem ich seine Gesetzestreue in Frage stelle!“

„Aber wenn das wirklich so gewesen ist, dann hatten diese Leute doch ihr Ziel erreicht. O’Rourke war kalt gestellt. Wozu ihn noch ermorden?“

„Das würde ich auch gerne wissen.“

„Was wissen Sie über O’Rourkes Privatleben?“, fragte Milo.

„Ehrlich gesagt, war er ein ausgeprägter Einzelgänger. Ihm fehlte der Teamgeist, wenn Sie verstehen, was ich meine. Wenn die Beamten einer Schicht zum Bowling gingen, fuhr er nach Hause, oben in Riverdale. Er hat mal erwähnt, dass er dort ein Haus hat. Und ich nehme an, dass er gar nicht daran dachte, hier in die Gegend zu ziehen. Vielleicht nahm er auch an, dass die Versetzung irgendwann zurück genommen werden würde.“

„Wie waren die Chancen dafür denn?“

„Gar nicht so schlecht. Wahrscheinlich hätte er hier noch ein halbes Jahr abreißen müssen und wäre dann wieder zurück in sein altes Revier gekommen, falls nicht zwischenzeitlich doch noch Beweise aufgetaucht wären, dass er irgendwie Dreck am Stecken hatte. Aber dafür gab es keine Hinweise.“

„Wir brauchen die Anruflisten seines Telefons hier im Revier“, sagte ich.

„Die können Sie haben“, versprach Captain Nelson Del Mar.

„Zeigen Sie uns bitte noch seinen Schreibtisch.“

„Ich führe Sie hin.“

„An was für einem Fall arbeitete er im Moment?“

„Denken Sie, dass seine Ermordung damit zusammenhängt?“

„Wir müssen allen Spuren nachgehen, Captain.“

„In der Crescent Street wurde eine Rentnerin von ein paar Jugendlichen ausgeraubt und niedergestochen. Sie ist an den Folgen der Verletzungen gestorben. O’Rourke bearbeitet den Fall zusammen mit Lieutenant Tomasino und Lieutenant Wolfe, die Sie beide gerne dazu befragen können.“ 

Del Mar führte uns zu O’Rourkes Schreibtisch. Das Dienstzimmer teilte er sich mit den Lieutenants Wolfe und Tomasino. Die beiden berichteten uns von dem Fall, an dem sie mit O’Rourke zuletzt gearbeitet hatten. Es schien sich um Routineermittlungen zu handeln.

„Er hat ziemlich viel mit seiner neuen Flamme telefoniert“, berichtete uns Lieutenant Tomasino noch.

„Wissen Sie, wer das war?“, hakte ich nach.

„Sie heißt Christine. Den Nachnamen kenne ich nicht, aber ich nehme an, dass sie die Telefonlisten überprüfen und anhand der Daten werden Sie das leicht herausfinden.“

Der Schreibtisch selbst bot nichts, was auf den ersten Blick ins Auge fiel. Wir packten dennoch den Inhalt in einen Pappkarton und nahmen ihn mit. Insbesondere alles das, was persönlichen Charakter hatte. Ein Telefonregister und einen voll geschriebenen Notizblock zum Beispiel. Außerdem beschlagnahmten wir seinen Rechner. Sollten die Kollegen im Labor mal den Email-Verkehr unter die Lupe nehmen.

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Wir waren gerade in den Sportwagen eingestiegen, als uns ein Anruf aus dem Field Office erreichte. Mr Jonathan D. McKee, der Chef des New Yorker FBI, war am Apparat.

„Es hat sich jemand gemeldet, der O’Rourke in der Nacht seines Todes gesehen haben will“, berichtete uns Mr McKee. O’Rourkes Bild war mit der Frage an die Bevölkerung über die Medien verbreitet worden, wer den Lieutenant der Homicide Squad in der Mordnacht gesehen hatte, um auf diese Weise nach  und nach rekonstruieren zu können, was sich vor der Tat ereignet hatte. Vor allem ging es uns natürlich um den Tatort, denn dort waren möglicherweise noch Spuren zu finden. „Der Mann heißt Jamie Fredo und betreibt eine 24-Stunden-Snack Bar mit Fischgerichten. Der Laden liegt an der 5th Street in Queens, das dürfte nicht allzu weit von Ihrer gegenwärtigen Position entfernt sein.“

„Wir sind schon so gut wie dort“, versprach ich. Von O’Rourkes Revier aus waren das maximal zehn Minuten.

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Als wir Fredo’s Fish Bar in der 5th Street erreichten, waren dort bereits zwei Einsatzfahrzeuge des NYPD.

Wir stiegen aus. Möwen kreischten. Man hatte einen direkten Blick auf den East River und Franklin D. Roosevelt Island. Die lang gezogene Insel teilte den East River zwischen dem UNO-Hauptquartier und dem Carl Schurz Park in West Channel und East Channel. Etwas weiter südlich lag Belmont Island, eine unbewohnte Insel, auf der sich, abgesehen von einem Leuchtturm, keine Gebäude befanden.

Eine Pier ragte etwa hundert Meter weit ins Wasser hinein. Ein Frachter lag dort vor Anker.

Mehrere uniformierte Kollegen der City Police sahen sich dort bereits um.

Wir betraten Fredo’s Fish Bar.

Es herrschte kaum Betrieb.

Eine junge Polizistin saß zusammen mit einem Mann mit weißer Schürze und Matrosenmütze an einem der Tische. Wir traten hinzu.

„Jesse Trevellian, FBI. Dies ist mein Kollege Milo Tucker“, stellte ich uns vor.

„Sergeant Rebecca DeHunt“, nannte die junge Polizistin ihren Namen. „Mister Fredo hat uns angerufen und wir haben gleich Ihr Field Office verständigt.“

„Danke.“ Wir setzten uns dazu. „Sie haben Lieutenant O’Rourke wiedererkannt“, wandte ich mich an Jamie Fredo.

Der Besitzer von Fredo’s Fish Bar nickte. „Ja. Er aß regelmäßig hier. Fast täglich. Die Uhrzeit war wochenweise verschieden. Ich nehme an, dass er immer nach seiner Schicht hier vorbei kam. Zwei Fishburger und eine Tasse Kaffee, dazu Chips. Das war seine Standard-Bestellung.“ Jamie Fredo atmete tief und fuhr schließlich fort: „Sein Bild wurde im Lokalfernsehen gebracht. Ich habe ihn gleich wiedererkannt.“

„Schildern Sie uns, was geschehen ist.“

„Es war ungefähr vier Uhr morgens. Er saß am letzten Tisch dort hinten, in der Ecke. Dort ist er immer hingegangen. Er gähnte dauernd, weil er wohl eine Nachtschicht hinter sich hatte. Er hat seine Bestellung aufgeben, angefangen zu essen und wurde dann über das Handy angerufen.“

„Konnten Sie etwas verstehen?“

„Ja, er war der einzige Gast um die Zeit und ich habe mitbekommen, dass sich mit dem Typ am anderen Ende der Leitung verabredet hatte. Er war etwas ungehalten darüber, dass der Kerl noch nicht da war. Vielleicht sollte er auch in der Fish Bar auf ihn warten.“

„Woraus schließen Sie, dass es ein Mann war?“

Jamie Fredo zuckte mit den breiten Schultern und hob die Augenbrauen. „Also, wenn Sie mich so fragen...“

„Ja?“

„Ich habe das einfach nur angenommen. Jedenfalls verließ er kurz nach dem Anruf das Lokal und verschwand draußen in der Dunkelheit.“

„Sie haben nichts mehr gesehen oder gehört?“

„Nein. Wenn es dunkel ist, spiegeln die Scheiben. Man sieht fast nichts.“

„Wir danken sehr für Ihre Auskünfte“, mischte sich Milo ein.

Jamie Fredo schluckte. „Hoffentlich konnte ich Ihnen weiterhelfen. Ich verliere ungern Stammkunden auf diese Weise. Dass er ein Cop war, habe ich übrigens erst in den Nachrichten gehört.“

„Meine Kollegen suchen die Umgebung nach Hinweisen ab“, sagte Sergeant DeHunt.

„Ich hoffe, sie finden etwas“, antwortete ich. „Wenn man den Tatort nicht kennt, stochert man mit seinen Ermittlungen ziemlich im Nebel herum.“

Wir erhoben uns. Ich wandte mich noch einmal an Jamie Fredo, der ziemlich nervös wirkte und sich die schwitzigen Hände an seiner Schürze abwischte. „Eine Frage noch...“

„Ja, Sir?“

„Sie meinten, dass er jemanden hier erwartet hat.“

„Genau.“

„Hat er sich zuvor mal mit jemandem hier getroffen oder war er immer allein, wenn er seine Fishburger aß?“

„Er war eigentlich immer allein. Zumindest, wenn ich dabei war, aber ich muss gestehen, dass zwar meine Fish Bar 24 Stunden geöffnet hat, aber ich nicht rund um die Uhr hinter dem Tresen stehen kann.“

„Könnten wir Ihre Angestellten dazu befragen?“

„Sicher.“

Es stellte sich heraus, dass Jamie Fredo insgesamt fünf feste Angestellte hatte, dazu drei Aushilfskräfte, die stundenweise engagiert wurden. Von den fest angestellten fehlte eine und von den Aushilfskräften zwei Personen, deren Arbeitszeiten in der Fish Bar erst später begannen.

Eine als Aushilfskraft angestellte junge Frau namens Jessica Liao wollte gesehen haben, dass sich O’Rourke einmal mit einem Mann um die dreißig und einmal mit einer Blondine getroffen hatte. Die Blondine war auch noch einem anderen Angestellten aufgefallen, der Mann hingegen nicht.

„Der Mann, mit dem er sich traf, war ziemlich groß, schlaksig und hatte gelocktes, dunkles Haar“, berichtete uns Jessica Liao. „Er wurde wohl eingeladen. Jedenfalls ist er mir schon deswegen in Erinnerung geblieben, weil er vier Fishburger geschafft hat.“

„Haben Sie einen Namen oder irgendetwas von dem Gespräch der beiden mitbekommen?“, fragte ich.

Jessica Liao schüttelte den Kopf und strich eine Strähne ihrer schulterlangen, blauschwarzen Haare aus Gesicht. „Nein, tut mir leid. Aber es gab Streit zwischen den beiden, woraufhin der Mann mit dem gelockten Haar wutentbrannt hinausgelaufen ist. Er hätte mich fast umgerannt. Ach, übrigens, er trug ein Goldkettchen mit einem Kreuz auf der Brust.“

„Bis wann sind Sie hier in der Fish Bar?“

„Heute bis fünf Uhr am Nachmittag.“

„Dann wird vorher noch einer unserer Kollegen hier vorbeikommen und mit Ihnen zusammen ein Phantombild anfertigen. Er heißt Agent Prewitt.“

„Glauben Sie, dass dieser Lockenkopf den Mann umgebracht hat?“

„Er ist bislang nur ein Zeuge. Jeder, der in den letzten Tagen und Wochen mit ihm zu tun hatte, kann uns vielleicht wertvolle Informationen darüber geben, wer einen Grund gehabt haben könnte, O’Rourke umzubringen.“

„Und was können Sie uns über die Frau sagen?“, fragte Milo.

„Ich glaube, die beiden hatten was miteinander – so wie die sich angesehen haben“, lautete die Meinung von Jessica Liao. „Ihr Blond war nicht echt, die Brüste auch nicht und ich nehme an, sie hat sich auch die Lippen machen lassen. Ich frage mich, was sie mit ihrem Körper angestellt hat, dass Sie das in dem Alter schon nötig hatte!“

„Wie alt würden Sie sie schätzen?“

„Mitte zwanzig. Sie war so groß wie ich, also unter 1,70 m. Unter ihrem Mantel trug sie ein ziemlich edles, aber knappes Kleid. Irgendwie passte sie überhaupt nicht hier her. Dementsprechend war auch ihr Appetit. Sie hat eine Tasse Kaffee genommen, aber der war ihr wohl auch nicht recht. Jedenfalls hat sie ihn stehen lassen. Ach ja, am Arm, da trug sie ein Armband, das mir sofort aufgefallen ist.“

„So?“

„Es war geformt wie zwei kleine Schlangen, die sich um das Handgelenk winden. Sah schon aus wie was ganz Besonderes.“

„Agent Prewitt wird auch von ihr ein Bild anfertigen“, kündigte ich ihr an.

Über Funk meldete sich einer der NYPD-Cops vom Pier bei Sergeant Rebecca DeHunt.

„Hier Sergeant Gollito. Wir haben hier vielleicht etwas gefunden.“

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Milo und ich gingen ins Freie. Zusammen mit Sergeant DeHunt liefen wir zur Pier. Auf der linken Seite passierten wir dabei ein kleines Lagerhaus und erreichten schließlich ganz am Ende des Piers die uniformierten Kollegen, die dort den Boden absuchten.

Einer von ihnen stellte sich mir als Sergeant Ernest Gollito vor und deutete auf einen dunklen Fleck auf dem Boden. „Das könnte Blut sein“, meinte er. „Genau kann man das natürlich nur sagen, wenn man einen Hämoglobin-Schnelltest oder Luminol zur Hand hat – in dem eingetrockneten Zustand. Aber fürs Erste können Sie meiner Erfahrung als Cop trauen – das hier ist meiner Meinung nach Blut.“ Er deutete zur Kaimauer, wo sich zwei weitere Kollegen auf dem Boden umsahen.

„Ich rufe unsere Spurensicherer an“, kündigte Milo an. 

Sergeant Gollito deutete in Richtung seiner Kollegen. „Dort an der Mauer gibt es noch weitere Blutspuren.“ 

„Das könnte passen“, stellte ich fest. „O’Rourke wurde hier erschossen und dann zum Wasser geschleift! Dann fehlen uns eigentlich nur noch die Projektile.“

„Da sehe ich wenig Hoffnung“, meinte Gollito. „Wahrscheinlich sind die ins Wasser gefallen.“

„Kommt auf die Schussposition an“, widersprach ich. „Wenn wir Glück haben, finden wir dort hinten an der Uferböschung noch etwas.“

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Zur gleichen Zeit erreichten unsere Kollegen Clive Caravaggio und Orry Medina O’Rourkes Eigenheim in Riverdale, Bronx. O’Rourke hatte sich einen schmucken Bungalow in der Jesper Street gekauft, einer breiten Allee mit Häusern, die der oberen Mittelklasse entsprachen.

Unsere Kollegen parkten ihren Chevy aus den Beständen unserer Fahrbereitschaft am Straßenrand, gingen durch die offene Hofeinfahrt zur Garage und standen schließlich vor der Haustür.

Ein Team der Scientific Research Division war ebenso auf dem Weg hier her wie FBI-Agenten Fred LaRocca und Josy O'Leary, deren Aufgabe es sein würde, Clive und Orry bei der Hausdurchsuchung zu helfen.

Clive und Orry stutzten.

Das Haus war ziemlich bald, nachdem man O’Rourke am Ufer des East River Parks an Land geholt und identifiziert hatte, von Kollegen der City Police versiegelt worden.

Aber das Sigel war gebrochen.

Clive griff nach seiner Dienstwaffe. Orry folgte seinem Beispiel.

„Hier war offenbar jemand schneller als wir!“

„O’Rourke war unverheiratet und lebte allein. Eigentlich dürfte niemand hier gewesen sein!“

Clive holte den Schlüsselbund hervor, der mit einem Karabinerhaken an O’Rourkes Gürtel befestigt gewesen war. Er war zusammen mit dem Teil, der bei der Leiche gefundenen persönlichen Habe, der nicht mehr im Labor untersucht zu werden brauchte, am Morgen per Kurier ins FBI Field Office gesandt worden.

Clive öffnete die Tür.

Geräusche waren zu hören.

Orry ging mit der Waffe in der Hand voran, durchschritt beinahe lautlos den Empfangsraum und erreichte schließlich die halb geöffnete Tür zum Wohnzimmer. Clive folgte.

Mit einem Tritt öffnete Orry die Wohnzimmertür.

„Waffe weg! FBI!“, rief er.

Ein durchdringender Schrei ertönte.

Eine junge Frau stand mitten im Raum. Sie war blond, trug Jeans, T-Shirt und einen Blouson.

Das einzig auffällige an ihrem Outfit war das Armband mit den zwei das Handgelenk umschmeichelnden Schlangen.

Sie stand wie erstarrt da, in der Rechten hielt sie einen 22er Revolver und richtete ihn auf Orry.

„Die Waffe weg!“, wiederholte unser indianischer Kollege.

Sie schluckte und zitterte. Auf ihrer Stirn perlte der Angstschweiß.

„Okay!“, flüsterte sie schließlich. „Ich gebe auf! Wer immer Sie auch sind, tun Sie mir nichts!“

„Wir sagten, wer wir sind!“, hielt Clive ihr entgegen. Der flachsblonde Italoamerikaner machte ein paar schnelle Schritte nach vorn, nahm ihr die Waffe aus der Hand und legte ihr anschließend Handschellen an.

Sie setzte sich auf die Couch.

„Ich bin Agent Dillagio und dies ist mein Kollege Agent Medina. Wir kommen vom FBI Field Office New York und untersuchen den Tod von Police Lieutenant Brian O’Rourke. Und jetzt möchte ich gerne wissen, wer Sie sind!“

„Christine Vistano“, sagte sie.

„Und was tun Sie in Brian O’Rourkes Wohnung?“, fragte Clive.

„Brian und ich waren seit einiger Zeit ein Paar“, erklärte Christine Vistano. „Wenn Sie mal in meiner Jacke nachsehen, dann werden Sie feststellen, dass ich einen Wohnungsschlüssel besitze  - so wie sich umgekehrt auch an Brians Schlüsselbund ein Schlüssel zu meiner Wohnung finden müsste.“

„Angenommen, es stimmt, was Sie sagen...“

„In seiner Brieftasche trug er ein Foto von mir mit sich herum. Brian war eben ein Romantiker.“

„Das können wir leider nicht mehr überprüfen“, bedauerte Clive. „Brian O’Rourkes Brieftasche befindet sich nämlich sehr wahrscheinlich auf dem Grund des East River, falls sie ihm nicht von seinem Mörder entwendet wurde.“

„Ihre Beziehung erklärt aber noch nicht, weshalb Sie das Siegel der Polizei ignoriert haben“, mischte sich Orry ein. „Was wollten Sie in der Wohnung?“

„Also, ich will ehrlich sein.“

„Darum möchte ich doch gebeten haben“, erwiderte Clive.

Sie nickte und blickte zur Seite. Den direkten  Augenkontakt mit einem der beiden G-men mied sie.

„Wir hatten uns gestritten. Ziemlich heftig sogar. Also habe ich mich zunächst auch nicht gewundert, dass Brian  nicht bei mir anrief. In dieser Hinsicht war er ohnehin ziemlich unzuverlässig. Aber dann habe ich die Meldung im Radio gehört.“

„Unseres Wissens haben Sie sich aber nicht bei der Polizei gemeldet“, hielt Orry ihr entgegen.

„Ich wollte zuerst ein paar Privatsachen aus der Wohnung holen. Das ist der Grund dafür, dass ich hier bin.“

„Um ein Polizeisiegel zu brechen, ist das trotzdem eine ziemlich dünne Erklärung“, meinte Clive.

„Ach wirklich? Sie sehen ja, was jetzt passiert ist. Ich sitze in Handschellen hier. Eigentlich wollte ich in diese Sache nicht hineingezogen werden.“

„Nach der großen Liebe hört sich das mit Ihnen und O’Rourke ja nicht an“, entgegnete Orry. „Es scheint Ihnen ziemlich gleichgültig zu sein, wer Ihren Freund umgebracht hat.“

Wenig später trafen Josy und Fred ein. Etwa zeitgleich war auch das Team der SRD am Tatort.

Josy führte eine gründliche Durchsuchung bei ihr durch.

Außerdem wurden Fingerabdrücke genommen.

Christine Vistano protestierte dagegen zwar ziemlich lautstark, aber zwecklos. Als die irischstämmige Agentin Josy O'Leary Christine gegenüber klarmachte, dass die erkennungsdienstliche Behandlung auch im Bundesgebäude an der Federal Plaza durchgeführt werden könnte, ließ sie ihren Protest verstummen.

„Juristisch gesehen war das, was Sie getan haben, ein Einbruch und ein bewaffneter Angriff auf zwei FBI-Agenten. Hinzu kommt noch ein Verstoß gegen das Waffengesetz“, erklärte Josy.

„Ich habe den 22er, um mich verteidigen zu können!“

„Die Gesetze sind für alle gleich und verbieten in New York das Tragen von Waffen in der Öffentlichkeit! Sie werden sich auf einigen Ärger einstellen müssen und kümmern sich am besten schon mal um einen Anwalt. Aber vielleicht unterstützen Sie uns ja auch noch ein bisschen bei der Suche nach dem Mörder des Mannes, den Sie als Freund bezeichnet haben.“

„Vielleicht werden Sie und Ihre Kollegen für diese unrechtmäßige Festnahme sich auch noch vor einem Richter verantworten müssen!“, fauchte sie.

„Es steht Ihnen jederzeit frei, sich zu beschweren oder rechtliche Schritte einzuleiten. Aber ich empfehle Ihnen dringend, sich vorher juristisch beraten zu lassen“, lautete Josys ausgesprochen kühle Erwiderung.

Fred LaRocca führte in einem Nebenraum mit seinem Laptop eine Online-Abfrage über das Datenverbundsystem NYSIS durch.

Clive Caravaggio sah ihm dabei über die Schulter.

Josy kam herein, ging zu den beiden Agenten hin und fragte: „Was machen wir jetzt mit ihr?“

„Irgendetwas stimmt nicht mit ihr“, meinte Clive. „NYSIS zeigt uns mehrere Verurteilungen wegen Prostitution an. Einmal hat sie einen Freier ausgeraubt und dafür auch eine Weile auf Rikers Island gesessen...“

„Es könnte sein, dass Habgier bei diesem Einbruch das Motiv war“, glaubte Fred LaRocca.

„Aber ich habe nichts bei ihr gefunden, das darauf hindeutet“, wandte Josy ein.

„Dann sind wir ihr eben zuvor gekommen“, entgegnete Clive. „Sie kommt mit auf das Field Office. Die Waffe wird beschlagnahmt und ballistisch überprüft. Durch das, was wir bei ihr an Vorstrafen haben, ist ihre Version, wonach sie O’Rourkes liebende Gefährtin war, wohl ziemlich zweifelhaft.“

„Spätestens morgen ist sie gegen Kaution wieder draußen“, gab Josy zu bedenken.

„Ja, aber bis dahin haben wir vielleicht ein paar Punkte geklärt.“

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Die Maschinenpistole ratterte. Harry Gonzales hob die Hände. Die Schüsse zischten über ihn hinweg und stanzten Löcher in die Wand. Ein Muster, das Ähnlichkeit mit einer Sinuskurve hatte.

Der MPi-Schütze riss das Magazin aus der zierlichen Waffe vom israelischen Typ Uzi heraus, warf es zur Seite und steckte ein neues hinein.

Harry Gonzales zitterte vor Angst. Er musste die Kiefer fest aufeinander pressen, um nicht mit den Zähnen zu klappern, so schlimm war es. Der Puls schlug ihm bis zum Hals. Kalter Angstschweiß perlte ihm über die Stirn.

Der MPi-Schütze stellte sich breitbeinig auf. Er trug eine Military-Hose und eine Lederjacke. Darunter ein T-Shirt mit V-förmigen Ausschnitt. Unterhalb des Halsansatzes war eine Tätowierung zu sehen. Drei ineinander greifende Ringe.

Der Kerl trat näher. Die kurze Mündung der Uzi war auf Harry Gonzales’ Kopf gerichtet.

„Schrei ruhig. Hier wird dich niemand hören, Harry! Die Polizei traut sich in dieses Viertel ohnehin nur in Mannschaftsstärke – und hier hat sie schon gar nichts zu suchen.“ Der MPi-Schütze lachte rau.

Harry Gonzales war nur zu gut bewusst, wie Recht sein Gegenüber hatte. Man hatte ihn auf eine abgelegene Industriebrache gebracht. Dieses Lagerhaus rottete seit Jahren vor sich hin. Der Untergrund war mit Giftmüll verseucht, die Firma war Bankrott gegangen und jetzt stritt man sich vor Gerichten darüber, wer für die Schäden aufzukommen hatte. Ein Ort, an dem man wahrscheinlich sogar seine Leiche erst nach Wochen finden würde.

Wenn überhaupt.

Der MPi-Schütze beugte sich zu Gonzales herab.

„Wie nennt man mich, Harry? Cómo?“

„El Rey... den König.“

„Muy Bien – und seinen König verrät man doch nicht oder?“

„Ich habe es nicht freiwillig getan!“

„Du hast es getan! Und das ist das Einzige, was zählt.“

„Erschieß mich nicht!“

„Deinetwegen sitzt mein Bruder auf Rikers Island!“

„Bitte! Ich tu alles, was du willst, El Rey!“

El Rey lachte zynisch. „Keine Sorge, Harry. Ich werde dich noch nicht erschießen. So einen Wurm wie dich, der sich vor Angst in die Hosen macht und innerlich ohnehin schon tot ist, weil er sich dauernd an seinem eigenen Stoff vergreift! Du bist ein Stück Dreck, Harry! Aber das ist dir nicht klar. Keine Sorge, ich werde dir das schon richtig beibringen.“ El Rey wandte sich um und brüllte: „Dónde está la chica, muchachos?“

Schritte waren zu hören.

Zwei maskierte Männer brachten eine junge Frau in den Raum. Ihre Hände waren auf den Rücken gefesselt, die Augen verbunden.

„Maria!“, stieß Harry hervor. „Was habt ihr mit meiner Schwester vor?“

El Rey stieß sie vorwärts. Sie taumelte Harry entgegen. Die Uzi knatterte los. El Rey hielt die Waffe hoch, sodass Schultern und Kopf der jungen Frau getroffen wurden. Ihr Körper zuckte unter den Treffern. Sie fiel Harry Gonzales entgegen und landete direkt auf ihm. Sie lebte schon nicht mehr. Überall war Blut. Harry Gonzales war vollkommen damit besudelt. Völlig fassungslos nahm er Maria in die Arme.

Ein dicker Kloß saß ihm im Hals.

Harry Gonzales konnte noch nicht einmal schreien.

„Warum sie?“, flüsterte Harry.

„Jetzt bist du dran, Harry!“

El Rey warf einem seiner Leute die Uzi zu. Der Maskierte fing sie sicher auf. Dann griff El Rey unter seine Jacke und holte eine Automatik vom Kaliber 45 hervor und setzte sie Harry Gonzales an den Kopf. „Weißt du, was mit dem Gehirn geschieht, wenn ich den Stecher durchziehe?“, fragte er mit breitem Grinsen. Gonzales schloss die Augen.

El Rey drückte ab.

Es machte nur klick.

„Gar nichts geschieht!“, lachte El Rey. „Ich werde dich nicht töten, Harry. Noch nicht. Erst sollst du noch leiden. Deine Strafe ist es, vorerst weiter zu leben. Weiter zu leben in dem Bewusstsein, dass du an all dem Schuld bist. Maria hätte nicht sterben müssen, wenn du uns nicht verraten hättest. Und wenn du zufällig in nächster Zeit mal wieder deine Eltern besuchen solltest... Na ja, vielleicht hat man sie auch schon gefunden!“

„Nein!“, brüllte Harry.

„Du bist schuld daran, Harry! Nur du ganz allein – so wie du auch schuld daran bist, dass mein Bruder und fast alle Führungskräfte der ‚Matadores de la Bronx’ verhaftet wurden!“

„Nein!“, schrie Harry Gonzales noch einmal.

„Aber irgendwann werde ich zuschlagen und auch dein Leben ausknipsen. Aber vorher wird dich die Schuld innerlich aufgefressen haben. Wenn ich dich töte, wirst du innerlich längst tot sein.“

„Hey, was ist mit Ihnen los?“, drang eine Stimme wie aus weiter Ferne in Harry Gonzales’ Bewusstsein. Hände fassten ihn bei den Schultern. „Soll ich einen Arzt holen?“

Erst jetzt begriff Harry Gonzales, dass es nur eine Erinnerung gewesen war, die ihn so sehr in Beschlag genommen hatte, dass er sie für real hielt. Ein Flashback. Er blickte auf seine Hände und starrte sie ungläubig an. Von Marias Blut war nirgends etwas zu sehen. Stattdessen sah er auf dem Grab, das sich vor ihm befand, Marias Namen. Ihren und die seiner Eltern. Die Erinnerungen drohten ihn wieder zu übermannen. Er sah sich erneut die Wohnung seiner Eltern betreten. Sah das Blut an den Wänden. Den Geruch...

„Hören Sie, Sie sehen wirklich so aus, als wäre Ihnen nicht gut. Soll ich nicht doch besser den Emergency Service rufen?“, fragte der stämmige, grauhaarige Mann mit den wachen, dunkelbraunen Augen. Auf seiner hohen Stirn hatte sich eine tiefe Furche gebildet.

Harry Gonzales wandte den Kopf.

In dieser Sekunde nahm er den Grauhaarigen zum ersten Mal bewusst wahr.

„Es geht schon“, behauptete Gonzales.

„Wirklich?“

„Wirklich.“

Der Grauhaarige zuckte mit den Schultern. „Wie Sie meinen.“ Irritiert ging er davon und drehte sich nach ein paar Dutzend Yards noch einmal um.

Harry Gonzales stand in sich versunken da und beachtete den Mann schon gar nicht mehr.

Die rechte Hand steckte in der tiefen Tasche seines Mantels und umfasste den Griff einer Pistole.

Sie hätten mir helfen können, Lieutenant O’Rourke!, dachte er. Aber Sie haben es nicht getan.

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Am nächsten Tag fanden wir uns im Büro unseres Chefs zur Besprechung ein. Außer Milo und mir waren auch unsere Kollegen Clive Caravaggio und Orry Medina sowie eine ganze Reihe weiterer Agenten unseres Field Office anwesend. Darunter auch Max Carter, ein Innendienstler aus unserer Fahndungsabteilung und Dave Oaktree, der Chefballistiker des FBI New York.

„Guten Morgen“, begrüßte uns Mr McKee, nachdem alle anwesend waren. Seine Sekretärin Mandy hatte uns Kaffee serviert und ich nippte an dem heißen, aber unvergleichlich guten Gebräu. „Wer von Ihnen Lokalnachrichten gehört hat oder schon dazu gekommen ist, eine Zeitung zu lesen, wird bemerkt haben, dass der Fall O’Rourke hohe Welle geschlagen hat. Einige Medien scheinen die Sache für ihre Zwecke ausnutzen zu wollen. Das Ganze geht etwa in die Richtung, dass man sich in der Stadt wohl nicht mehr sicher fühlen kann, wenn schon Polizisten umgebracht werden. Das ist natürlich Unsinn. Jeder weiß, dass die Verbrechensraten in New York seit Jahren konstant rückläufig sind. Ich fürchte nur, dass von dieser Wahrheit in der Öffentlichkeit kaum etwas durchdringen wird!“

„Andererseits hat uns der Gang an die Öffentlichkeit den Hinweis auf Fredo’s Fish Bar beschert“, hielt Max Carter dem entgegen.

Mr McKee nickte. „Ja, das ist richtig, Max“, räumte er ein. „Aber ich denke, auch Sie sind erschrocken darüber, welche Folgen dieser Gang an die Öffentlichkeit darüber hinaus hatte. Ich bin weit davon entfernt, die Maßnahme für falsch zu halten. Schließlich habe ich sie selbst nach reiflicher Überlegung angeordnet. Ich will nur, dass jedem von Ihnen klar ist, was für ein zweischneidiges Schwert es sein kann, die Öffentlichkeit in die Fahndungsarbeit mit einzubeziehen. Die Sache gleitet einem schneller aus der Hand, als einem lieb ist.“ Mr McKees Gesichtsausdruck wirkte sehr ernst, während er das sagte. Für einen kurzen Moment herrschte absolute Stille im Büro. Dann wandte er sich an Max. „Es liegen tatsächlich ein paar neue Erkenntnisse vor. Vielleicht fassen Sie den Kollegen kurz die Lage zusammen.“

„Ja, Sir. Auf jeden Fall ist die Pier an der 45th Street in Queens tatsächlich der Tatort. Erstens besteht kein Zweifel mehr daran, dass der Fleck auf dem Asphalt eine Blutlache war, zweitens, dass es so gut wie unmöglich wäre, allein diesen Blutverlust zu verkraften und dass drittens der Tote zum Wasser geschleift worden ist.“ 

„Außerdem konnte ein Projektil in der Uferböschung sichergestellt werden“, ergänzte Dave Oaktree. „Der Untersuchung nach stammt es aus derselben Waffe, mit der O’Rourke getötet wurde, sodass wir das Ergebnis der DNA-Analyse wohl nicht abwarten brauchen, um davon ausgehen zu können, dass wir tatsächlich den Tatort gefunden haben.“

„Was ist mit den Zeugenaussagen von Jamie Fredo und seinen Angestellten?“, hakte Mr McKee nach.

„Daraus sind Phantombilder hervorgegangen“, erläuterte Max Carter und präsentierte uns das erste dieser Bilder mit Hilfe eines Beamers in überdimensionaler Größe an der Wand. Es zeigte einen Mann mit gelocktem Haar. „Die haben wir mit Personen abgeglichen, die in irgendeinem Zusammenhang mit O’Rourke standen und sind bei beiden fündig geworden. Wir haben eine mindestens 85-prozentige Übereinstimmung zwischen dem Mann, mit dem sich O’Rourke einmal in der Fish Bar getroffen hat, einem gewissen Harry Gonzales. Gonzales war ein kleiner Dealer und Mitglied einer puertoricanischen Drogengang mit der Bezeichnung ‚Los Matadores de la Bronx’. Mit seiner Hilfe wurde Ethan Benitez, der Anführer der Gang zusammen mit dem Großteil seines Führungspersonals verhaftet.“

„Lass mich raten: Brian O’Rourke war maßgeblich an der Verhaftung beteiligt!“, glaubte Clive.

Max bestätigte dies. „So ist es. Angeblich versucht Benitez’ Bruder Langdon – genannt ‚El Rey’ – die Gang wieder aufzubauen. Tatsache ist, dass Harry Gonzales’ Eltern und seine Schwester kurz nach Ethan Benitez’ Verhaftung ermordet wurden.“

„Der Schluss liegt nahe, dass es sich da um einen Rachefeldzug handelt“, meinte Mr McKee. „Ist Harry Gonzales im Zeugenschutzprogramm?“

„Nein. Den Grund dafür müssen wir noch herausfinden.“

„Auf jeden Fall gehörte Gonzales nicht zu den Fällen, in denen O’Rourke wegen des Unterschiebens von Beweismaterial und Erpressung von Spitzeldiensten ins juristische Kreuzfeuer kam“, stellte Mr McKee mit Blick auf seine Unterlagen fest.

„Die Tatsache, dass Gonzales O’Rourke nicht angezeigt hat, heißt nicht, dass es in seinem Fall nicht auch so gewesen sein könnte“, gab Milo zu bedenken. „Vielleicht hatte Gonzales einfach nur kein Vertrauen in die Polizei.“

„In dem Fall hätte Gonzales ein erstklassiges Motiv, um O’Rourke umzubringen“, glaubte Orry. „Er könnte O’Rourke für den Tod seiner Eltern und Schwester verantwortlich gemacht haben.“

„Allerdings ist ja wohl noch nicht erwiesen, dass Gonzales tatsächlich die Person war, mit der O’Rourke an dem Abend telefonierte“, gab ich zu bedenken. „Sein Handy wurde ja leider nie aufgefunden.“

„Wir gehen der Spur auf jeden Fall weiter nach“, entschied Mr McKee. „Ist Gonzales Aufenthaltsort bekannt?“

„Leider nicht“, sagte Max. „Er scheint untergetaucht zu sein.“

„Er wird zur Fahndung ausgeschrieben, aber wir gehen nicht an die Öffentlichkeit damit“, bestimmte unser Chef. „Was ist mit der Frau?“

Max Carter projizierte ihr Phantombild an die Wand und überblendete es anschließend mit dem Foto, das anlässlich einer Festnahme gemacht worden war.

„Hier ergibt sich eine hohe Übereinstimmung mit Christine Vistano, einem mehrfach verurteiltem Callgirl.“

„Auf O’Rourkes Revier in Queens glaubte man, Christine sei seine Freundin“, ergänzte ich.

Clive Caravaggio zuckte mit den Schultern und warf ein: „Wer weiß, vielleicht glaubte O’Rourke das sogar selbst.“ In knappen Worten informierte er uns darüber, wie und unter welchen Umständen Christine Vistano in O’Rourkes Haus aufgegriffen worden war.

„Unsere Verhörspezialisten Dirk Baker und Mell Horster haben sich die halbe Nacht mit ihr befasst und versucht, etwas aus ihr herauszubekommen, das über ihre Standard-Aussage hinausging, mit der sie bereits uns abgespeist hatte. Heute Morgen ist ihre Kautionsverhandlung. Ihr Anwalt ist ein gewisser Mike Bandella, der zuvor häufiger mal für Benny Vargas tätig war.“

„Das ist ein interessantes Detail“, murmelte ich.

„Es kommt noch besser“, mischte sich nun Dave Oaktree ein. „Die konfiszierte Waffe vom Kaliber 22 wurde  bei derselben Schießerei in Benny Vargas’ Club ‚El Abraxas’ benutzt, wie die 45er mit der O’Rourke ermordet wurde.“

„Dann wird es Zeit, dass wir Vargas mal näher auf den Zahn fühlen!“, meinte Milo.

Max zeigte uns ein Foto von ihm. Ein geckenhafter Mann mit dunklem Teint, feinem Oberlippenbart in schneeweißem Anzug. Am Revers trug er eine Rose. „Das ist Vargas! Ein Dutzend Clubs dürfte unter seiner Kontrolle stehen. Außerdem gilt er als einer der Großverteiler von Drogen in der Bronx“, erläuterte Max. „Die ‚Matadores’ sollen zu seinem Verteilernetz gehört haben, nur konnte man das im Prozess leider nicht nachweisen. Die Kollegen von der Drogenfahndung des zuständigen Reviers vermuteten, dass es damals zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Benny Vargas und den ‚Matadores’ kam. Vermutlich konnte man sich über Gewinnmargen nicht einig werden, woraufhin einige Mitglieder der ,Matadores’ mehrfach in Vargas Club ziemlich rustikal aufgetreten sind und die Gäste verscheucht haben. Es ist zu vermuten, dass dies der Hintergrund der Schießerei ist, die dann stattfand und bei der mindestens ein Mitglied der ‚Matadores’ ums Leben kam.“

„Ich schlage vor, Vargas’ Club heute Abend mal einen  kleinen Besuch abzustatten“, meinte Clive.

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Max Carter hatte uns alles, was er herausgefunden hatte, zu einem Datendossier zusammengestellt.

Milo und ich saßen im Anschluss an die Sitzung in unserem gemeinsamen Dienstzimmer und arbeiteten die Unterlagen durch. Ich sah mir vor allem die Liste der Personen an, die damals bei der Schießerei verdächtigt worden waren, daran beteiligt gewesen zu sein. Der Einzige, in dessen Fall es immerhin eine Anhörung vor der Grand Jury gekommen war, hieß Ray Barros. Er war mehrfach wegen Körperverletzung und illegalem Waffenbesitz vorbestraft und war damals Türsteher im ‚Abraxas’ gewesen. Inzwischen galt er als rechte Hand und Mann fürs Grobe in Benny Vargas’ Organisation. Da seine letzte Bewährung wegen einer Schlägerei erst in einem Monat auslief, war seine Adresse bekannt.

„Steht da irgendwo, weshalb es nicht zum Prozess gekommen ist?“, fragte Milo.

„Vermutlich reichten die Beweise einfach nicht aus“, erwiderte ich.

Gegen Mittag fuhren wir zu O’Rourkes ehemaligem Revier in der Bronx und besprachen uns mit seinem direkten Vorgesetzen Captain Rudy Cassavetes, dem Leiter der Drogenabteilung. 

„Brian O’Rourke war ein hervorragender Polizist, der gute Erfolge verbuchen konnte“, sagte Cassavetes. „Es ist schade, dass seine Karriere diesen Knick bekam und man ihn nach Queens abschob. Aber da war er ja nicht allein betroffen.“

„Es wurde noch ein Lieutenant namens Sean McKenzie verdächtigt, Beweismittel manipuliert und Kleinkriminelle zu Spitzeldiensten erpresst zu haben“, sagte ich.

„Ja. McKenzie verrichtet heute in der Lower East Side seinen Dienst. Ich habe ihn neulich beim Schieß-Training getroffen. Er arbeitet jetzt im Innendienst. Und das, obwohl gegen keinen der beiden auch nur ein Prozess eröffnet worden ist!“

„Den Kollegen der Inneren Abteilung erschien es wohl besser, die beiden aus der Schusslinie zu nehmen.“

„Ja, so kann man das auch nennen!“, erwiderte er gallig.

„Die Innere Abteilung hatte bei Ihren Ermittlungen noch einen dritten Beamten im Visier“, stelle ich fest. „Sein Name war Lieutenant Tom Atkins.“

„Tom ist noch hier im Revier. Allerdings können Sie heute nicht mit ihm sprechen.“

„Warum nicht?“

„Er ist zu einer Fortbildung nach Quantico gefahren. Ihre Kollegen bringen da den Angehörigen von Drogenabteilungen im ganzen Land die Anwendung neuer Drogen-Schnelltests bei.“

„Dann ist er morgen wieder hier?“

„Er hat zwei Wochen Urlaub genommen. Ich glaube, der Tod von O’Rourke hat ihn sehr mitgenommen.“

„Die beiden standen sich nahe?“

„Ja, sie waren eng befreundet und arbeiteten im Dienst als Team zusammen, McKenzie, O’Rourke und Atkins. Und ich hatte selten ein so erfolgreiches Team in meiner Abteilung.“

„Sie haben dafür gesorgt, dass Ethan Benitez und die Führungsriege der ‚Matadores’ hinter Gitter kamen!“

Cassavetes machte einen etwas überraschten Eindruck. Sein Lächeln wirkte verkrampft. „Sie scheinen ja bereits gut informiert zu sein.“

„Ein Informant namens Harry Gonzales spielte dabei eine entscheidende Rolle.“

„Schon möglich!“, murmelte Cassavetes. „Worauf wollen Sie hinaus? Die Sache war sauber. Gonzales hat sich – im Gegensatz zu ein paar anderen, die sich erst bezahlen und nachher von Erpressung und Manipulation herumschwadronieren – nie an die Justiz gewandt.“

„Vielleicht, weil er gesehen hatte, dass die anderen Verfahren nicht einmal durch die Grand Jury gingen.“

„Verwundert es Sie, dass die Geschworenen, wenn sie auf der einen Seite die verworrene Aussage eines Junkies und Drogendealers haben, während auf der anderen Seite die Karriere eines Musterpolizisten auf dem Spiel steht, sich dafür entscheiden, letzterem zu glauben?“

„Ja, das könnte Gonzales auch gedacht haben.“

„Fangen Sie jetzt auch an, uns irgendetwas anzuhängen?“, fragte Cassavetes etwas ungehalten. Eine tiefe Furche erschien auf seiner Stirn.

„Ich frage mich, warum Sie sich angegriffen fühlen, es ging doch um O’Rourke – und nicht um Sie!“, erwiderte Milo.

„Und letztlich versuchen wir nur, die Sache aufzuklären, um seinen Mörder zu fassen. Daran sollte doch auch Ihnen gelegen sein – gleichgültig, was da vielleicht noch nachträglich über Ihren Musterpolizisten ans Tageslicht kommen mag“, ergänzte ich.

Cassavetes atmete tief durch.

„Wissen Sie, auf einem Revier wie diesem, können Sie nur zurechtkommen, wenn das Team zusammenhält“, sagte er dann.

„Ich hoffe, dass schließt nicht ein, Straftaten zu decken“, hielt ich ihm entgegen.

Er zögerte mit seiner Antwort und erklärte schließlich. „Sie können mir glauben, dass ich mindestens ebenso daran interessiert bin, O’Rourkes Mörder zu fassen wie Sie!“

„Kommen wir zu Harry Gonzales zurück. Hatten auch McKenzie und Atkins Kontakt zu ihm?“

„Soweit ich weiß, ja.“

„O’Rourke hat sich nachweislich nach seinem Ausscheiden aus diesem Revier noch mit Gonzales getroffen. Haben Sie dafür irgendeine Erklärung?“

Cassavetes runzelte die Stirn. „Nein, das wundert mich.“

„Weshalb?“

„Gonzales gilt sein ein paar Wochen als spurlos verschwunden. Glauben Sie, dass er was mit Brians Tod zu tun hat?“

„Seine Eltern und seine Schwester wurden im Gefolge der Verhaftung von Ethan Benitez und seinen ‚Matadores’ umgebracht.“

„Die Morde konnten leider nicht aufgeklärt werden, sonst säße Ethans Bruder Langdon, der sich großspurig ‚El Rey’ – der König – nennen lässt, längst auf Rikers.“

„Aber wenn Gonzales für seine Dienste erpresst wurde, hätte er allen Grund, auch sauer auf O’Rourke zu sein.“

„Das ist allerdings wahr...“, murmelte Cassavetes nachdenklich.

„Warum ist Gonzales nicht ins Zeugenschutzprogramm gekommen?“, fragte jetzt Milo. „Eigentlich wäre das doch in seinem Fall üblich.“

Cassavetes vollführte eine ruckartige Bewegung mit dem Kopf und sah erst Milo und dann mich einen Moment lang an. „O’Rourke meinte, er hätte ihm das angeboten, aber Gonzales wollte das nicht. Er würde der Polizei, der Staatsanwaltschaft und allen anderen, die mit dem Staat zu tun hätten, nicht trauen. Einem Puertoricaner würden die sowieso nicht helfen...“

„Und für dieses Gespräch gibt es keine Zeugen?“, fragte ich. „Oder waren Atkins und McKenzie dabei?“

„Es tut mir leid, aber ich habe keine Ahnung.“

Ich holte ein paar zusammengefaltete Computerausdrucke aus der Innentasche meiner Jacke und reichte sie Cassavetes.

„Was ist das?“, fragte er, noch ehe er die Blätter auseinandergefaltet hatte.

„Die ausgedruckten Datenblätter jener Personen, auf deren Anzeige hin die Innere Abteilung ihre Ermittlungen eingeleitet hat. Vielleicht können Sie uns etwas dazu sagen. Schließlich sind alle wegen Drogendelikten vorbestraft und  hatten verschiedentlich mit Beamten Ihrer Abteilung zu tun.“

Cassavetes warf einen Blick auf die Blätter. „Mickey Moreno war die treibende Kraft. Ein Kleindealer, der uns wiederholt ins Netz gegangen war. Ich erinnere mich genau an den Fall. O’Rourke und McKenzie haben ihn als Informanten angeworben, nachdem er mit einer kleinen Menge Crack verhaftet wurde. Später behauptete er, O’Rourke und McKenzie hätten ihm gedroht, sie könnten die Beweismittel so manipulieren, dass er für zwanzig Jahre in den Knast wandern würde. Nur deswegen habe er als Informant gedient!“

„Und die beiden anderen?“, fragte ich.

„Victor Beinhower und Benjamin Brown kamen erst aus ihren Löchern, als die Ermittlungen schon liefen. Zu einer Zeugenaussage vor der Grand Jury kam es nie.“

„Weshalb nicht?“

„Beinhower war plötzlich verschwunden und tauchte erst zwei Monate nach der Verhandlung wieder auf, als er nach einer Prügelei festgenommen wurde.“

„Könnte ihn jemand überzeugt haben, dass es besser für ihn wäre, nicht auszusagen?“, hakte ich nach.

„Das ist reine Spekulation, Agent Trevellian.“

„Aber möglich.“

Cassavetes zuckte die Schultern. „Vielleicht entsprach es auch einfach nicht der Wahrheit, was er behauptete und da hat er kalte Füße bekommen.“

„Und was ist mit Nummer drei?“

„Benjamin Brown? Der hat seine Aussage offiziell zurückgezogen. War eine ziemlich große Blamage für die Anklage vor der Grand Jury.“

„Wenn die Sache so eindeutig war, dann verstehe ich nicht, weshalb McKenzie und O’Rourke in andere Reviere versetzt wurden!“

Cassavetes lachte heiser auf. „Auf meinem Mist ist das nicht gewachsen, dass können Sie mir glauben. Das kam von ganz oben aus dem Rathaus. Man wollte wohl nicht den Anschein erwecken, dass wir die Augen zumachen, wenn einer von uns mal einen Fehltritt begeht.“ 

„Mal ganz ehrlich, Captain Cassavetes. Würden Sie denn die Augen in einem solchen Fall schließen?“, mischte sich jetzt Milo ein.

Cassavetes schluckte. Er stand von seinem Platz auf, ging zum Fenster, blickte kurz hinaus und kratzte sich am Kinn.

„Über allem steht immer noch das Gesetz“, sagte er schließlich. „Auch über einem Cop.“

„Es freut mich, dass Sie so denken, Captain“, erwiderte ich.

Er hob die Augenbrauen.

„War es das? Wir haben hier nämlich auf diesem Revier einen Job zu erledigen!“

Ich nickte. „Das war’s.“

Wir wandten uns zum Gehen. Kurz vor dem Ausgang von Cassavetes’ Büro fragte ich noch: „Hatte O’Rourke eigentlich eine Freundin?

„Nichts Festes. Jedenfalls nicht in den letzten zwei Jahren. Davor hatte er eine längere Beziehung und ich glaube, die beiden wollten auch heiraten. Ich glaube, der Job hat sie dann wohl auseinander gebracht. Es ist für eine Partnerin nicht unbedingt angenehm, mit einem Cop verheiratetet zu sein. Die Überstunden, die unregelmäßigen Arbeitszeiten, und die ständige Gefahr, dass man den geliebten Menschen nicht wieder sieht, weil irgendein Irrer ihm eine Kugel in den Kopf knallt...“

„Sagt Ihnen der Name Christine Vistano etwas?“

„Nein, tut mir leid, Agent Trevellian. Jedenfalls nicht aus dem Stegreif.“

„Sie hat behauptet, mit O’Rourke eine Beziehung geführt zu haben.“

„Fragen Sie Atkins und McKenzie. Die kannten Brian O’Rourke noch etwas besser als ich.“

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Christine Vistano ging in Begleitung ihrs Anwaltes Mike Bandella die Stufen des Gerichtsgebäudes hinunter. Bandella war ein untersetzter Mann mit hoher Stirn und ziemlich beleibt. Sein Hals war so dick, dass er den obersten Hemdknopf stets offen und die Krawatte gelockert tragen musste. Aber vor Gericht pflegte Bandella äußerst überzeugend und sehr energisch aufzutreten.

„Eigentlich können Sie mit dem Verlauf zufrieden sein – und die Kaution bewegt sich doch in einem annehmbaren Bereich.“

„Wenn ich sie selbst bezahlen müsste, wäre ich ruiniert!“, erwiderte Christine.

Mike Bandella lächelte breit. „Jetzt übertreiben Sie aber, Christine! Ich soll Ihnen übrigens Grüße von Mister Vargas ausrichten.“

„Danke...“

Ein blauer Ford hielt vor dem Gerichtsgebäude. Zwei Männer stiegen aus. Einer von ihnen war flachsblond, der andere dunkelhaarig.

„Miss Christine Vistano?“

„Wer zum Teufel ist das denn?“, fragte Mike Bandella.

Die beiden Männer kamen auf Christine Vistano und ihren Anwalt zu.

„Clive Caravaggio, FBI“, sagte der Blonde und hielt seinen Ausweis sowohl Christine als auch Bandella entgegen.

„Sie wieder?“, schimpfte die junge Frau.

„Meinen Kollegen Medina kennen Sie bereits ebenfalls!“, sagte Clive.

„Das grenzt schon an Schikane, was Sie hier machen!“, ereiferte sich die junge Frau. „Erst nehmen Sie mich mit fragwürdiger Begründung fest, lassen mich eine Nacht in einer Ihrer Gewahrsamszellen schmoren und von penetranten Idioten verhören, ehe ich endlich vor einem Richter stehe, der mich freilässt – und jetzt tauchen Sie schon wieder auf! Soll das ganze Spiel vielleicht von vorne beginnen!“

„Beruhigen Sie sich, Miss Vistano. Den Grund dafür, dass Sie festgenommen wurden, kann Ihnen Ihr Anwalt erklären.“

„Ich bin Mike Bandella und möchte, dass Sie meine Mandantin bis zur Hauptverhandlung in Ruhe lassen. Sie hat alles, was es zur Sache zu sagen gibt, zu Protokoll gegeben. Im Übrigen tut es ihr ausdrücklich leid, Sie in irrtümlicher Notwehr attackiert zu haben, Agent Caravaggio, was ich hiermit im Auftrag meiner Mandantin vortragen möchte.“

„Wir möchten Miss Vistano ein paar Fragen stellen, die im Zuge neuer Ermittlungsergebnisse aufgetaucht sind.“

„Meine Mandantin braucht sich nicht selbst belasten und wird keine Aussage machen“, erklärte Mike Bandella.

„Ihre Mandantin behauptet, die Lebensgefährtin von Mister Brian O’Rourke gewesen zu sein, aber es scheint ihr ziemlich gleichgültig zu sein, was mit O’Rourke geschehen ist.“

„Ich beantworte Ihre Fragen, wenn Sie mich dann in Ruhe lassen!“, entschied Christine Vistano.

„Ich habe Ihnen davon abgeraten!“, stellte Bandella noch einmal klar. „Aber Sie müssen ja wissen, was Sie tun.“

„Der 22er Revolver, den wir Ihnen abgenommen haben, wurde bei einer Schießerei im Club ‚El Abraxas’ verwendet - genau wie die Waffe, mit der O’Rourke ermordet wurde.“

„Worauf wollen Sie hinaus? Dass meine Mandantin etwas mit dem Tod an O’Rourke zu tun hat? Es handelt sich um unterschiedliche Waffen, wenn ich das richtig verstanden habe und mir ist schleierhaft, wie Sie da einen Zusammenhang konstruieren können, Agent Caravaggio!“

„Zwei Waffen mit einer Gemeinsamkeit. Da glaube ich nicht an einen Zufall, Miss Vistano. Sie waren als Callgirl tätig und sind mehrfach deswegen vom Gericht verurteilt worden.“

„Das tut nichts zur Sache“, behauptete Bandella.

„Das tut sehr wohl etwas zur Sache“, widersprach Clive. „Es wäre nämlich denkbar, dass die Beziehung zwischen Ihrer Mandantin und O’Rourke keineswegs eine reine Liebesbeziehung war, sondern Miss Vistano auf O’Rourke angesetzt wurde.“

„Wer sollte so etwas tun? Und aus welchem Grund?“, ergriff nun Christine Vistano das Wort und verzog ihren Mund zu einem geschäftsmäßigen, kalten Lächeln. „Das ist doch alles vollkommen absurd, Agent Caravaggio. Ich habe einen Mann verloren, bei dem ich gerade geglaubt habe, die Liebe meines Lebens zu finden und Sie behandeln mich wie einen potentiellen Täter. Dabei bin ich ein Opfer.“ Sie schluckte. Ihr Gesicht wurde dunkelrot. Sie bedeckte kurz die Augen mit der Hand und fasste sich im nächsten Moment wieder.

„Wenn das der Wahrheit entspricht, dann gibt es doch keinen Grund, uns nicht zu sagen, von wem Sie die Waffe haben.“

Sie schluckte.

„Diese Waffen werden unter der Hand verkauft. Sie wissen doch, wie das ist.“

„Sagen Sie keinen Ton mehr, die wollen Sie nur herein legen!“, mischte sich Bandella ein. „Die haben nichts gegen Sie in der Hand!“

„Illegaler Waffenbesitz ist keine Kleinigkeit“, sagte Clive. „Wenn Sie uns weiterhelfen, dann wird sich das sicher günstig auswirken und Ihnen vielleicht eine Bewährung einbringen. Trotz Ihrer Vorstrafen!“

„Ich kann Ihnen dazu nichts sagen“, erklärte sie.

„Meine Mandantin hat alles gesagt, was es dazu zu sagen gibt!“, fügte Bandella hinzu. Er hakte sich bei ihr unter und führte sie davon.

Clive atmete tief durch. Er wandte den Kopf in Orrys Richtung, der nur mit den Schultern zuckte.

„Einen Versuch war es wert“, meinte unser indianischer Kollege.

„Christine Vistano muss die Waffe von jemandem aus dem Umkreis von Benny Vargas bekommen haben. Jemandem, der irgendetwas mit der Schießerei damals zu tun hatte.“

„Ach, Clive, du weißt, über viele Ecken diese illegalen Schießeisen oft verkauft werden!“

„Es lohnt sich vielleicht trotzdem, in Vargas Umgebung herumzustochern.“

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Wir riefen auf dem Revier in der Lower East Side an, in das Sean McKenzie strafversetzt worden war, um mit ihm einen Gesprächtermin zu vereinbaren. Wir verabredeten uns für fünf Uhr in einem Coffee Shop an der Suffolk Street.

„Vorher kann ich leider nicht. Hier geht es mal wieder drunter und drüber!“, meinte er.

„In Ordnung. Wir werden pünktlich sein, Lieutenant McKenzie“, versprach ich und unterbrach die Verbindung.

„Große Worte, Jesse!“, lautete Milos Kommentar.

„Wieso?“

„Um die Zeit ist Rush Hour, da ist es fast unmöglich pünktlich zu sein, zumal wir einmal von Nord nach Süd durch den Big Apple fahren müssen!“

„Alles eine Frage der Planung, Milo. Wir fahren einfach früh genug los, dann stellt sich das Problem nicht. Außerdem wollte ich in erster Linie sicherstellen, dass er pünktlich ist.“

Ich sah auf die Uhr. „Wir könnten unterwegs Ray Barros einen Besuch abstatten. Seine Bewährung läuft noch und deswegen haben wir auch eine aktuelle Adresse von ihm in Yorkville.“

„Barros war damals der einzige Verdächtige bei der Schießerei im ‚Abraxas’. Soll er uns mal erklären, wie zwei Waffen, die damals eingesetzt wurden, plötzlich wieder in Gebrauch sind!“

„Falls er bereit ist, uns darauf eine Antwort zu geben.“

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Wir erreichten das Ende der East 85th Street, wo Ray Barros eine Traumetage mit Ausblick auf den Carl Schurz Park  und den East River bewohnte.

„Barros’ Geschäfte scheinen nicht schlecht zu gehen“, meinte Milo. „Aber vom Türsteher zur rechten Hand von Benny Vargas, das ist ja auch eine steile Karriere.“

„Letzteres müssen wir ihm erst einmal nachweisen“, meinte ich.

„Das letzte Mal, dass ihm jemand was nachweisen konnte war, als er vor zwei Jahren wegen Körperverletzung angezeigt und verurteilt wurde.“

„Es wundert mich, dass er noch Bewährung bekommen hat!“

„Mit einem guten Anwalt. Wer hier wohnt, kann sich auch eine gute Verteidigung leisten.“

Ich hatte die dazu vorliegenden Unterlagen nur kurz überflogen. Offenbar war Barros vor zwei Jahren im Kampf um einen Parkplatz ausgerastet und hatte den Fahrer eines Lieferwagens aus dem Wagen gezerrt und verprügelt.

Die Bewährung endete in vier Wochen und seit seiner Verurteilung hatte er sein cholerisches Temperament offenbar besser unter Kontrolle gehabt.

Das Gebäude, in dem Barros residierte, hatte zwanzig Stockwerke. Der Sicherheitsstandard war hoch. Es gab überall Kameras und in der Eingangshalle musste man sich bei den Angehörigen eines privaten Sicherheitsdienstes anmelden, wenn man jemanden besuchen wollte.

Wir wandten uns an den diensthabenden Security Guard, der hinter einem Würfel aus Panzerglas seinen Platz hatte und zeigten ihm unsere Ausweise.

„Trevellian, FBI. Dies ist mein Kollege Agent Tucker. Wir möchten mit Mister Ray Barros sprechen.“

„Einen Augenblick.“

Der Security Guard fragte über eine Sprechanlage bei Barros an. Die Antwort konnten wir nicht verstehen, da der Security Guard sie über einen Ohrhörer empfing.

Es folgte ein kleiner Wortwechsel.

„Ich verstehe“, sagte der Uniformierte schließlich und wandte sich anschließend an uns: „Es tut mir leid, Mister Barros ist nicht zu Hause. Wenn Sie weitergehende Befugnisse haben, stehen wir Ihnen gerne mit einem elektronischen Generalschlüssel zur Verfügung.“

„Mit weitergehenden Befugnissen meinen Sie wohl einen Durchsuchungsbefehl“, schloss ich.

„Zum Beispiel.“

„Nein, den haben wir leider nicht“, sagte ich.

„Mit wem haben Sie denn gerade gesprochen?“, fragte Milo.

„Mit Mister Barros’...“ Der Mann zögerte und schien nach dem passenden Begriff zu suchen. „...Dauerbesuch“, brachte er schließlich hervor.

„Eine Frau?“

„Ja, Mister Barros hat ihr einen eigenen elektronischen Schlüssel für seine Wohnung anfertigen lassen und sie kann hier ein- und ausgehen, als ob Sie eine Hausbewohnerin wäre.“

Ich zog ein Foto von Christine Vistano aus der Jackentasche und zeigte es meinem Gegenüber. „Ist sie das?“

„Das Gesicht stimmt. Sie ist übrigens gerade erst eingetroffen und in ihre Etage gefahren. So ungefähr vor zehn bis zwanzig Minuten. Warten Sie, ich schau mal nach, wie sie heißt...“

„Wir kennen sie als Christine Vistano“, sagte ich. „Und wir möchten jetzt mindestens ebenso gerne mit ihr sprechen wie mit Mister Barros.“

„Soll ich Miss Vistano noch mal anrufen?“

„Nein, wir gehen hinauf. Ich bin überzeugt davon, dass sie uns öffnen wird!“, erwiderte ich.

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Wir nahmen den Aufzug und fuhren in den sechzehnten Stock, wo sich Ray Barros’ Traumetage befand.

An der Tür klingelten wir.

Surrend suchte uns ein Kameraauge.

Eine Frauenstimme meldete sich an der Sprechanlage.

„Ja, bitte?“

„Jesse Trevellian, FBI - Miss Christine Vistano? Wir möchten mit Ihnen sprechen und wissen, dass Sie hier sind! Also machen Sie auf!“

Es machte klick in der Leitung.

Einige Augenblicke lang standen wir ziemlich dumm da. In wie fern es für uns überhaupt eine rechtliche Handhabe gab, in die Wohnung zu gelangen, wollten wir im Moment beide nicht erörtern. Schließlich meldete sich Miss Vistano noch einmal und verlangte von uns, die Ausweise so in die Kamera zu halten, dass sie diese sehen könnte.

Das taten wir.

Im nächsten Augenblick wurde die Tür geöffnet.

„Ich hatte bereits mit Ihren Kollegen Caravaggio und Medina zu tun. Vielleicht haben Sie beide ja bessere Manieren.“

Ich lächelte. „Ehrlich gesagt hat daran noch kaum jemand etwas auszusetzen gehabt“, erwiderte ich. „Dürfen wir hereinkommen? Es wird sicher nicht lange dauern.“

Sie atmete tief durch. Dann machte sie eine Handbewegung. „Kommen Sie! Lasse Sie die Tür einfach ins Schloss fallen. Hier geht alles vollautomatisch.“

Sie führte uns in ein sehr großes Wohnzimmer. Die Aussicht auf den Carl Schurz Park und den Hudson war phantastisch. Man konnte bis hinüber nach Queens blicken.

„Schon eigenartig, dass wir Sie hier antreffen“, sagte ich. „Wir wollten uns eigentlich mit Mister Barros unterhalten.“

„Ray ist im Moment geschäftlich unterwegs. Genaueres kann ich Ihnen nicht sagen. Sie müssen sich also gedulden.“

„Haben Sie den 22er Revolver, den Ihnen meine Kollegen in O’Rourkes Wohnung abgenommen haben, von Barros?“

Sie sah mich verdutzt an. „Wie kommen Sie denn darauf?“

„Ist doch ziemlich naheliegend. Die 45er mit der O’Rourke umgebracht wurde und Ihr 22er wurden beide während einer nie wirklich geklärten Schießerei im Club ‚Abraxas’ benutzt, wie unsere Ballistiker herausgefunden haben.“

„Ihre Kollegen haben mir das mindestens schon zehn Mal unter die Nase gehalten, aber ich habe weder mit der Schießerei etwas zu tun, noch weiß ich überhaupt, worum es da ging!“

„Aber Sie kennen die einzige Person, die damals angezeigt wurde ziemlich gut: Ray Barros! Ich kann da ehrlich gesagt nicht an einen Zufall glauben, Miss Vistano. Und jetzt heraus mit der Sprache, woher kam die Waffe?“

„Ich möchte, dass mein Anwalt dabei ist“, sagte sie schließlich nach einer etwas längeren Pause.

„Das können Sie haben. Ich schlage vor, wir fahren zur Federal Plaza.“

„Wollen Sie das ganze Theater wirklich von vorne beginnen?“, fragte sie. „Morgen bin ich erneut auf Kaution draußen und Sie haben nicht das Geringste in der Hand gegen mich oder Ray.“

„Packen Sie einfach aus, dass ist auch für Sie das Beste“, sagte ich.

„Ihr Kollege Caravaggio hat in dieser Hinsicht schon bei mir auf Granit gebissen.“

„Ich zähle jetzt einfach mal zwei und zwei zusammen. Mister Barros werden Verbindungen zum Drogenhandel nachgesagt.“

„Mister Barros ist ein Geschäftsmann, Agent Trevellian!“

„Barros hat Sie auf  O’Rourke angesetzt. Warum? Sollten Sie irgendwelches Beweismaterial verschwinden lassen, als Sie in O’Rourkes Wohnung aufgegriffen wurden? O’Rourke soll Kriminelle erpresst haben. Vielleicht hatte er auch etwas gegen Barros in der Hand.“

„Das ist Unsinn!“

„Dann kam es zum Streit und er hat seine Erpresser aus dem geräumt – oder räumen lassen!“

„Agent Trevellian, das sind nur haltlose Verdächtigungen! Sie haben noch nicht einmal einen Durchsuchungsbefehl!“

„Aber den bekommen wir, nachdem wir Sie hier angetroffen haben“, mischte sich Milo ein. „Ich werde mal mit dem Field Office telefonieren.“

„Warten Sie!“, rief Christine. Sie atmete tief durch und verschränkte dabei die Arme vor der Brust. „Ich werde Ihnen einiges erklären“, versprach Sie. „Aber wenn Ray zurückkommt und hier alles von Ihren Leuten durchwühlt wurde, bekomme ich großen Ärger!“

„Dann reden Sie!“

„Ich weiß, dass Sie das mir jetzt nicht glauben werden, aber meine Beziehung zu Brian O’Rourke war tatsächlich eine Liebesbeziehung. Wir haben uns in einer Bar kennen gelernt und es hat gleich gefunkt. Für ein paar Monate waren wir ein Herz und eine Seele. Brian war ziemlich niedergeschlagen, als man gegen ihn wegen Erpressung von Informanten und dergleichen ermittelte und er schließlich sogar das Revier wechseln musste. Er war von ganzer Seele Polizist! Dass wir Streit miteinander hatten, habe ich Ihnen ja gesagt. Wir trennten uns. Ich behielt aber noch einen Haustürschlüssel. Irgendwie schob ich es immer wieder vor mir her. Es waren auch noch ein paar private Sachen bei ihm in der Wohnung, die ich eigentlich hätte abholen müssen, aber ich scheute mich, diesen endgültigen Schlussstrich zu ziehen.“

„Und dann sind Sie gleich zu Ray Barros übergelaufen? Erzählen Sie uns keinen Mist. Wir können den Security Service hier im Haus dazu befragen, seit wann Sie eine Chip Card für die Wohnung von Mister Barros besitzen.“

Sie schwieg einige Augenblicke lang. 

„Was wollen Sie mir eigentlich vorwerfen? Ich habe diese Chip Card vor zwei Wochen bekommen. Da können Sie gerne den Security Service befragen.“

„Das werden wir!“, versprach ich. „Verlassen Sie sich darauf!“

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Die Wohnungsdurchsuchung bei Ray Barros wurde richterlich genehmigt. Der Verdacht, dass sich die Tatwaffe vielleicht in Ray Barros Wohnung befand, erschien schwerwiegend genug, um eine derartige Maßnahme durchzuführen. Die Kollegen Josy O'Leary und Fred LaRocca trafen etwas später in Barros’ Wohnung ein und reichten den schriftlichen Befehl nach. Außerdem halfen sie uns dabei, Barros’ Traumetage auf den Kopf zu stellen. 

Christine Vistano bestand darauf, ihren Anwalt anzurufen.

Als wir beinahe fertig waren erschien Mike Bandella zusammen mit Ray Barros, der von Bandella wohl inzwischen verständigt worden war.

Barros – ein großer, breitschultriger Mann mit Kinnbart und dunklem Teint – war tiefrot angelaufen. Es war ihm anzusehen, wie sehr er sich beherrschen musste, um nicht seinen Gefühlen mit den Fäusten freiren Lauf zu lassen.

„Mein Mandant wird gar nichts zur Sache sagen und protestiert gegen die Durchsuchung!“, sagte Bandella.

Schließlich waren wir fertig. Jeden Winkel der Wohnung hatten wir durchsucht. Selbst Wände waren abgeklopft und auf Hohlräume untersucht worden. Aber wir hatten nichts gefunden.

Barros Stimmung wurde im Lauf der Zeit etwas entspannter.

McKenzie rief mich zwischenzeitlich auf dem Handy an.

„Agent Trevellian?“

„Am Apparat.

„Hier McKenzie. Ich kann den Termin in Billy’s Coffee Shop an der Suffolk Street nicht wahrnehmen. Tut mir Leid.“

„Hören Sie, Mister McKenzie, das ist kein Spaß, was wir da machen. Wir versuchen den Mord an Ihrem Kollegen aufzuklären und sind dabei dringend auf Ihre Mithilfe angewiesen.“

„Ich weiß und ich bin ja auch völlig auf Ihrer Seite, Agent Trevellian.“

„Dann verstehe ich nicht, wie...“

„Ein dringender privater Termin, der sich nicht aufschieben lässt. Wir treffen uns morgen früh im gleichen Coffee Shop. Sagen wir gegen zehn. Ich habe mir zwei Tage Urlaub genommen. Wir haben also Zeit genug.“

Die Verbindung wurde unterbrochen.

„Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass dieser McKenzie gar nicht so einen großen Wert darauf legt, sich mit uns zu unterhalten!“, lautete Milos Kommentar, der zumindest meinen Anteil am Gespräch mit angehört hatte.

Ich zuckte mit den Schultern. „Die paar Stunden bis morgen früh machen den Kohl auch nicht fett.“

In der Zwischenzeit besprach sich Bandella mit Ray Barros.

Dann kam Bandella schließlich auf uns zu und erklärte: „Mister Barros will eine Aussage machen.“

„Sind Sie jetzt der Anwalt von Mister Barros oder der von Miss Vistano?“, fragte ich. „Das müssen Sie schon entscheiden, schließlich ist ja ein Interessengegensatz zwischen beiden durchaus möglich.“

„Jetzt lassen wir mal die Bürokratie bei Seite und reden Klartext“, sagte Barros, dessen Verfassung jetzt fast schon entspannt war. Ich fragte mich, was diesen Wechsel verursacht hatte. „Ich habe wegen einer dummen Unbeherrschtheit eine Bewährung laufen und bin nicht in irgendwelchem Ärger interessiert.“

„Das kann ich gut verstehen“, gab ich zurück.

„Also werde ich offen sagen, was los ist.“

„Bitte, reden Sie!“

„Mit der Schießerei im ‚Abraxas’ habe ich nichts zu tun. Das ist auch gerichtlich geklärt worden. Sie haben meine Wohnung nach einer Waffe durchsucht, mit der ein Polizist getötet worden sein soll. Da Sie nichts gefunden haben, sollte dieses Kapitel auch erledigt sein.“ Er öffnete sein Jackett und spreizte es. „Durchsuchen Sie bitte auch mich und meinen Wagen, damit die Sache endlich aus der Welt ist. Ich bitte darum!“

Fred LaRocca tastete ihn ab. Er hatte keine Waffe bei sich. Außerdem gab Barros meinem Kollegen den Wagenschlüssel. „Es ist ein Porsche - Platz 333 im Parkdeck C. Sie kommen mit dem Aufzug hin!“ Er grinste. „Hat mich tausend Dollar gekostet, mir die Nummer reservieren zu lassen!“

Fred machte sich also auf den Weg. Niemand von uns nahm an, dass er etwas finden würde – so wie uns Barros die Durchsuchung aufdrängte.

Er streckte uns seine Hände entgegen.

„Wenn Sie ganz sicher sein wollen, dann sollten Sie meine Hände noch auf Schmauchspuren untersuchen. Soweit ich weiß, lässt sich unter Umständen noch Tage später feststellen, ob jemand eine Waffe benutzt hat. Also bitte! Oder führen Sie solche Untersuchungen immer nur dann durch, wenn es den Betreffenden belasten könnte?“

„Wir kommen auf Ihr Angebot gerne zurück“, sagte Milo.

„Fein. Wenn Sie damit fertig sind, können Sie mich von der Liste Ihrer Verdächtigen streichen. Dieser O’Rourke war ein Cop und der Ex-Lover von Christine – beides Eigenschaften, die ihn in meinen Augen nicht gerade sympathisch machten, aber das ist noch kein Grund für mich, ihn umzubringen.“

„Es bleibt noch die Waffe von Miss Vistano“, stellte ich fest.

„Richtig. Und ich sehe ein, dass ich jetzt nicht länger schweigen kann. Miss Vistano wollte mich nicht belasten, darum hat sie geschwiegen.“

„Worüber geschwiegen?“

Barros atmete tief durch und fuhr sich mit einer fahrigen Geste über das Gesicht. „Sie fühlte sich nicht sicher. Man hört so viel von steigender Kriminalität und dergleichen da wollte sie vorbereitet sein und hat mich gefragt, ob ich ihr eine Waffe besorgen könnte. Das habe ich natürlich von mir gewiesen. Ich selbst besitze keine Waffe und brauche so etwas auch nicht. Als Träger des schwarzen Gürtels in Karate kann ich mich jederzeit meiner Haut wehren. Aber ich gebe zu, dass ich Christine die Nummer von Kenneth Jakobs gegeben habe. Kenneth handelt mit Waffen aller Art. Ich kenne ihn aus meiner Zeit als Türsteher. Einige der Gangs in der South Bronx sollen gute Kunden bei ihm sein.“

„Wie soll der Handel denn abgelaufen sein.“

„Damit habe ich nichts mehr zu tun. Ich nehme an, dass Kenneth so wie üblich vorging. Er bestellt den Kunden in eine Bar oder einen Club oder an irgendeinen anderen Ort. Da findet dann die Übergabe statt. Man bezahlt und geht mit einer Waffe davon.“

„Wo finden wir diesen Kenneth Jakobs?“, fragte Milo. 

„Ich habe nur seine Nummer.“

„Da meldet sich lediglich eine Mail Box“, erläuterte Christine Vistano. „Er meldet sich dann bei einem.“

„Oder auch nicht“, grinste Barros. „Der ist ziemlich wählerisch was seine Kundschaft angeht.“

„Wir werden das überprüfen“, kündigte ich an. „Kennen Sie eigentlich einen Mann namens Harry Dominguez?“

Er zögerte mit der Antwort.

„Nie gehört!“, behauptete er.

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Anderthalb Stunden später saßen wir im Besprechungszimmer von Mr McKee und hielten Manöverkritik.

„Barros dürfte aus der Liste der Verdächtigen zu streichen sein“, glaubte unser Chef.

„Ich glaube ihm nicht ein einziges Wort – allerdings könnte er von jetzt an wahrscheinlich eine Sammlung von Maschinengewehren anlegen und es würde sich kein Richter mehr finden, der einen Durchsuchungsbefehl unterschreibt!“

„Bewerten Sie die Aktion nicht als Fehlschlag“, erwiderte Mr McKee. „Wir wissen jetzt, dass Barros offenbar nicht im Besitz der Tatwaffe ist. Und was seine Erklärung für die Herkunft von Christine Vistanos Waffe angeht, werden wir diesen Jakobs finden müssen, um sie zu überprüfen.“

Es klopfte an der Tür.

Max Carter kam herein.

„Ich habe über Jakobs zusammengetragen, was sich auf die Schnelle finden ließ“, erklärte er. „Kenneth Jakobs, 42 Jahre alt, wurde seinerzeit im Zusammenhang mit der Schießerei im Club ‚El Abraxas’ nur als Zeuge vernommen. Er gilt als ein Mann von Benny Vargas. Bisher ist er nur wegen Drogenhandels, Körperverletzung und dergleichen verurteilt worden. Dass er mit Waffen dealt ist neu.“

„Adresse?“, fragte Mr McKee.

„443 Beckinridge Road, South Bronx. Die Angabe ist drei Jahre alt. Seitdem hat er sich nicht mehr erwischen lassen. Ich habe versucht, den zur Adresse gehörenden Festnetzanschluss anzurufen, aber da meldet sich nur eine Frauenstimme, die ausschließlich Spanisch sprach.“

„Wir könnten Jakobs’ Bild mal herumzeigen, wenn wir den Club ‚El Abraxas’ besuchen!“, schlug Milo vor.

„Es gibt übrigens noch ein paar Neuigkeiten zu O’Rourke“, erklärte Max Carter. „Bei der Hausdurchsuchung wurden seine Kontoauszüge sichergestellt, die keinerlei Auffälligkeiten verrieten. Aber laut Auskunft seiner Bank besaß er ein Guthaben auf den Cayman Islands von mehreren Millionen Dollar. Dazu gehört auch eine auf seinen Namen eingetragene Immobilie.“

„Soll das bedeuten, dass sich O’Rourke darauf vorbereitet hat, auf die Cayman Islands überzusiedeln und dort einen sonnigen Lebensabend zu verbringen?“, fragte Clive.

„Ja, wobei natürlich die Frage ist, wann das geplant war“, nickte Max. „Es sind bis kurz vor seinem Tod regelmäßig Bar-Überweisungen dorthin gemacht worden. Immer nur Beträge, die nicht gemeldet werden müssen – aber dafür regelmäßig.“

„Das könnte bedeuten, dass er sein Erpresser-Geschäft weiter betrieben hat“, vermutete ich.

„Dafür spricht auch die Auswertung der Anruflisten seines Apparates auf dem Revier in Queens“, ergänzte Max. „Er hatte intensiven Telefonkontakt zu mehreren Prepaid-Handys, die sich nicht weiterverfolgen lassen. Außerdem sprach er häufig mit seinen Kollegen McKenzie und Atkins. Mit ihnen hielt eroffenbar auch über die Versetzung hinaus regen Kontakt. Zu letzt übrigens in der Mordnacht.“

„Mit beiden?“, wunderte ich mich.

„Ja. Kurz bevor er das Revier verließ, wurde er vom Anschluss einer gewissen Donata Rivelli Gonzales aus Spanish Harlem angerufen.“ 

„Eine Verwandte von Harry Gonzales?“, fragte Mr McKee.

Max zuckte mit den Schultern. „Sie ist in unseren Dateien nicht als eine seiner Angehörigen aufgelistet und der Name Gonzales kommt nun wirklich sehr häufig vor.“

„Bevor wir uns heute Abend im Club ‚El Abraxas’ umsehen, könnten wir das doch abklären“, schlug ich vor. „Liegt doch ohnehin auf dem Weg.“

„Wenn Sie und Milo das übernehmen wollen – gerne“, sagte Mr McKee.

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Der letzte Fleck auf Barros Weste ist der Ausraster auf dem Parkplatz vor drei Jahren. Ansonsten ist da leider nichts, Milo! Und gleichzeitig gilt er als einer der Aufsteiger in Vargas’ Organisation! Wie kann das sein?“

„Wäre doch nicht das erste Mal, dass jemand, der innerhalb des organisierten Verbrechens aufsteigt, sich nicht mehr selbst die Hände schmutzig macht, Jesse!“

„Und das im wahrsten Sinn des Worts, denn der Schmauchspurentest war ja negativ...“

„Er könnte natürlich die Waffe irgendwo anders als in seiner Wohnung deponiert und Latexhandschuhe beim Schuss getragen haben – aber das ist doch alles recht weit hergeholt, Jesse, Ray Barros mag ein Gangster sein, aber ich glaube mit dem Mord an O’Rourke hat er nichts zu tun.“

„Das einzige, was ihn im Moment noch mit dem Fall in Verbindung bringt ist Christin Vistano und die Herkunft ihrer Waffe. Die Rolle, die diese Lady in dem Fall spielt, durchschaue ich ehrlich gesagt noch nicht so recht.“

„Vielleicht sehen wir klarer, wenn wir den Mann auftreiben, der ihr nach Barros’ Aussage die Waffe verkauft hat.“

„Dann sehen wir auch, wie glaubwürdig Ray Barros ist!“, meinte ich.

Milo zuckte mit den Schultern. „Nicht unbedingt! Dieser Kenneth Jakobs wird doch alles abstreiten und es wird schwer sein, ihm irgendetwas zu beweisen.“

„Konzentrieren wir uns auf Gonzales.“

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Wir erreichten die im sechsten Stock eines Brownstone-Hauses gelegene Mietwohnung von Donata Rivelli Gonzales.

Eine Frau in den Dreißigern öffnete uns. Zwei Jungs im Alter von sieben oder acht Jahren tobten auf dem Flur herum. Die Mittdreißigerin rief ihnen etwa auf Spanisch zu, woraufhin sie uns zunächst scheu ansahen und anschließend in einem Nebenraum verschwanden.

„Jesse Trevellian, FBI. Dies ist mein Kollege Milo Tucker?

„FBI? Madre de Dios! Ich habe nichts verbrochen! Was wollen Sie hier? Meine Jungs sind noch Kinder und...“

„Einen Moment, wir sind nicht hier, um Sie zu beschuldigen“, versicherte ich ihr. „Wir wollen nur unsere Fragen stellen und etwas abklären. Vielleicht können Sie uns dabei helfen.“

Sie musterte uns misstrauisch. „Helfen?“, fragte sie. „Wie sollte ich ihnen helfen?“

„Dürfen wir hereinkommen?“

„Kann ich mir Ihre Ausweise noch einmal ansehen?“

„Bitte!“

Ich gab ihr meine ID-Card. Sie betrachtete sie eingehend und gab sie mir anschließend zurück. „In Ordnung, kommen Sie ins Wohnzimmer. Aber beklagen Sie sich nicht darüber, dass hier nicht aufgeräumt ist! Das sind die Jungs gewesen!“

Wir folgten ihr ins Wohnzimmer. Abgesehen von ein paar Spielsachen, die auf dem Boden lagen, herrschte keineswegs Chaos. Die beiden Jungs spielten dort mit Autos und Action-Puppen.

„Hola Señor! Que tal?“, sprach mich einer der beiden an. „Eres un hombre de la policia?“

„Policia“, bestätigte ich.

„Es sind nicht meine Jungs, sondern die Söhne meiner Kusine Isabella, die gerade aus Puerto Rico hier angekommen ist. Die Jungs sprechen deshalb auch nur Spanisch, aber das wird sich rasch ändern sobald sie in der Schule. Solange Isabella einen Job sucht, lässt sie die Kinder bei mir. Ich habe mir extra Urlaub genommen.“

„Sie haben viel Familiensinn.“

„Man muss sich gegenseitig unterstützen – gerade wenn jemand neu in diese Stadt kommt. Für mich war es damals auch nicht einfach. Aber mein Großcousin Harry hat auf mich aufgepasst.“

„Harry Gonzales?“

„Si. Seine Großeltern waren schon hier in New York und seine Eltern haben ihm bei der Geburt einen Namen gegeben, der besser hier her passt.“

Ich holte ein Foto von Harry Gonzales hervor, um mich zu vergewissern, schließlich gab es allein New York vermutlich mehrere hundert Personen mit genau dieser Namenskombination. „Wir sprechen von diesem Mann hier, ja?“

Sie sah sich das Foto an, bei dem erkennbar war, dass es bei einer Verhaftung aufgenommen worden war. Ihr Blick wurde ernst.

„Tía Donata! Quiero beber!“, quengelte einer der Jungs.

„Du kannst gleich was trinken“, murmelte Donata Rivelli Gonzales und dabei bemerkte sie nicht einmal, dass sie Englisch sprach und der Junge sie gar nicht verstehen konnte. Sie ließ sich in einen der Wohnzimmersessel fallen.

Ihr Gesicht wirke kreideweiß.

„Was hat er getan? Warum wurde er verhaftet?“

„Das Bild ist schon älter und er wurde damals wegen eines Drogendelikts festgenommen. Im Augenblick suchen wir ihn als Zeugen in einem Mordfall.“

„Mord? Was hat Harry damit zu tun?“

„Ich sagte, wir suchen ihn als Zeugen, um mit ihm zu sprechen“, wiederholte ich, als ich merkte, dass meine Gesprächspartnerin mich offenbar missverstanden hatte.

Sie schluckte.

„Am zwölften dieses Monats um halb drei Uhr in der Nacht hat jemand von Ihrem Telefon aus in einem NYPD-Revier in Queens angerufen. War Harry zu dieser Zeit hier bei Ihnen?“

„Ja. Ich habe aber von dem Anruf nichts bemerkt. Warum er ausgerechnet mitten in der Nacht die Polizei verständigt hat, weiß ich nicht.“

„Wir nehmen an, dass er sich mit Lieutenant Brian O’Rourke treffen wollte.“

„Harry war für ein paar Tage hier. Ein paar üble Typen sind hinter ihm her. Aber es ist besser, wenn ich nicht darüber rede...“

„Sie sollten darüber reden!“, forderte ich.

Sie zögerte.

„Harry war also hier“, wiederholte Milo. „Wissen Sie, ob er nach dem Anruf das Haus verlassen hat?“

„Ich habe geschlafen und nichts mitbekommen. Aber als er am Morgen hier auftauchte, wusste ich, dass er nachts unterwegs gewesen war.“ Sie seufzte. „Madre de Dios y Jesús Christo! So oft habe ich ihm gesagt, er soll sich an die Polizei wenden. Das hat er dann ja wohl getan.“

„Der Kollege wurde am vermutlichen Treffpunkt erschossen“, stellte ich klar. „Und jetzt sagen Sie uns bitte, weshalb Harry die Polizei verständigen sollte!“

„Wegen den ‚Matadores’. Das war seine Gang. Es ging um Drogen und üble Geschäfte, drüben in der Bronx. Harry ist dort aufgewachsen und schon früh auf die schiefe Bahn gekommen.“ Sie blickte auf. „Diese Bastardos denken, dass Harry sie verraten hat! Dabei hat er Ehre und würde so etwas nie tun! Deswegen haben sie Harrys Mutter, seinen Vater und seine Schwester erschossen! Und ihn werden sie sich auch irgendwann holen, haben sie ihm angekündigt. Wenn er genug gelitten hätte...“

Nicht einmal Donata gegenüber, die ihm Unterschlupf gewährte, hatte Harry Dominguez offenbar zugegeben, dass er ein Polizeispitzel gewesen war!

Ich verzichtete darauf, es zu erwähnen. Schließlich war nicht abschätzbar, an wen Donata die Informationen – auch unbeabsichtigt – weiter gab – und das konnte für Harry Dominguez schließlich lebensgefährlich werden.

„Wissen Sie, wo Harry jetzt ist?“, fragte ich.

„Nein. Keine Ahnung. Seitdem die ‚Matadores’ ihn bedrohen, schläft er alle paar Tage irgendwo anders. Ich sagte ihm, die Polizei würde ihm helfen. Aber das wollte er nicht glauben.“

„Hat er irgendwann mal die Namen O’Rourke oder McKenzie erwähnt?“

„Nein. Aber er sagte einmal, dass er die Sache vielleicht bald bereinigen und seine Ehre bei den ‚Matadores’ zurückgewinnen könnte.“

„Was hat er damit gemeint?“

„Das habe ich ihn auch gefragt, aber darauf hat er mir nicht geantwortet.“

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Gonzales will seine Ehre bei den ‚Matadores’ zurückgewinnen?“, fragte Milo völlig fassungslos, als wir im Sportwagen saßen und auf dem Weg zum Club ‚El Abraxas’ in der Bronx waren. „Das ist doch nicht zu glauben! Wenn er wirklich denkt, dass diese Leute seine Familie ermordet haben, dann...“

„Vielleicht will er einfach nur überleben und nicht auf Dauer ein Gejagter sein“, unterbrach ich Milo.

„Was soll das heißen? Er bringt O’Rourke um und wäscht sich damit rein?“

„Keine Ahnung. Wir wissen noch zu wenig, Milo. Das Einzige, was jetzt wohl feststeht ist, dass Gonzales kurz vor Brian O’Rourkes Dienstschluss noch mit ihm telefoniert hat. Ob sie sich dabei an der Pier vor Fredo’s Fish Bar verabredet haben, ist schon Spekulation.“

„Trotzdem habe ich das Gefühl, dieser Gonzales ist die Schlüsselfigur in dem ganzen Fall.“

„Wenn wir morgen mit Lieutenant McKenzie sprechen, wissen wir vielleicht besser Bescheid.“

Milo lachte heiser. „Glaubst du, der hält diesmal seinen Termin ein? Ich wette, der will gar nicht mit uns sprechen und das Ganze war eine Ausrede!“

„Er ist selber Cop und weiß, dass er sich letztlich nicht vor einer Vernehmung drücken kann“, widersprach ich.

„Du glaubst auch noch an das Gute im Menschen, Jesse!“

„Du nicht?“

„Sicher. Sonst könnte ich diesen Job nicht machen. Aber, ob ich an das Gute in Lieutenant McKenzie und seinen Kollegen O’Rourke und Atkins glauben soll, weiß ich noch nicht so recht!“

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Wie lange wirst du bleiben, Harry?“

„Nur ein paar Tage, Eddie! Bis sich der Ärger gelegt hat, in den ich hineingeraten bin.“

Harry Gonzales stellte seine Sporttasche auf den Boden und blickte sich kurz um. Er trat zum Fenster. Aus Eddie Vincentes Wohnung im fünften Stock hatte man einen Blick bis zur Subway Station DeKalb Street, Brooklyn. Harry fühlte den Druck der großkalibrigen Automatik, die er unter seiner Jacke verborgen im Hosenbund trug.

„Hey, du weißt, dass ich schon eine Ewigkeit nicht mehr oben in der South Bronx war“, sagte Eddie. „Wie ist das? Gibt es eigentlich die ‚Matadores’ noch? Bei denen war doch immer so ein gerne großes Arschloch, das sich ‚El Rey’ nannte! Toller König!“ Eddie grinste.

Aber Harry erwiderte dies nicht.

Ihm war der Humor in letzter Zeit gründlich vergangen.

„Ja, die gibt es noch“, sagte er tonlos.

„Aber mit denen hast du nicht zufällig Ärger, oder?“

„Eddie, willst mich ausfragen oder mir aus der Patsche helfen, in dem du mir für ein paar Tage erlaubst, in deiner Bude zu schlafen?“

„Ist ja schon gut!“, sagte Eddie Vincente beschwichtigend und hob die Hände dabei.

Eddie Vincente und Harry Gonzales waren zusammen in der South Bronx aufgewachsen. Aber Eddie hatte den Absprung aus dem Crack-Sumpf geschafft. Mit 14 hatte man ihn mit einer beträchtlichen Menge Rauschgift erwischt, woraufhin er die nächsten Jahre in einem Erziehungsheim verbracht hatte. Ein Förderprogramm für Hochbegabte in Kombination mit der Quote für benachteiligte Minderheiten hatten ihm sogar den Besuch des College ermöglicht. Inzwischen arbeitete er in der Kreditabteilung einer Bank in der Wall Street. Mit seiner Herkunft und dem Leben in der Bronx hatte er abgeschlossen. Seinen Vater hatte er ohnehin nie gekannt und nachdem seine Mutter am Crack-Konsum gestorben war, hatte es auch keinerlei Anlass mehr für ihn gegeben, diesen Stadtteil aufzusuchen.

Der Besuch von Harry Gonzales kam zwar überraschend, aber Eddie freute sich ehrlich, den Freund von damals wieder zu sehen.

„Ich wette von den feinen Leuten, denen du heute Kredite gibst, weiß keiner, dass wir zusammen früher mal etliche Autos geknackt haben“, meinte Gonzales. „Weißt du noch? Zehn in einer Nacht, das war der Rekord!“

„Ja, das waren noch Zeiten“, murmelte Eddie.

„Liegt für dich alles ziemlich weit weg, oder?“, brachte es Harry auf den Punkt. Er gab Eddie einen freundschaftlichen Stoß gegen den Oberarm. „War ‚ne ziemlich harte Zeit damals für mich, nachdem sie dich hops genommen hatten!“, erinnerte er sich.

„Für mich auch“, meinte Eddie. „Aber letztlich war es mein Glückstag, als die Handschellen klickten. Ich dachte, diese verdammten Cops verderben dir den Deal deines Lebens - aber ich glaube, sie haben es mir in Wahrheit gerettet, indem sie mich aus dem Verkehr zogen.“

„Hey, Mann! Weißt du, dass ich ganz in der Nähe war und alles beobachtet habe?“

„Nein.“

Harry lachte. „Ich konnte immer schneller rennen als du, deswegen haben sie dich gekriegt und mich nicht. Scheiße, ich könnte jetzt auch in einem Anzug durch die Wall Street flanieren, wenn ich ein bisschen lahmere Beine gehabt hätte, Eddie!“

„Schon möglich.“

„So etwas nennt man wohl Schicksal, was?“

Harry Gonzales blickte von plötzlicher Hektik erfüllt auf die Uhr. Dann griff er unter seine Jacke und holte sein Handy hervor. Ein Piepton ertönte. „Der Akku ist fast leer. Kann ich dein Telefon benutzen?“

„Bitte! Steht da drüben!“

Harry ging zum Apparat und wählte eine Nummer, während Eddie im Nebenraum verschwand.

Nervös tickte Harry mit den Fingern auf der Kommode herum, während das Freizeichen ertönte.

Dann kam endlich die Verbindung zu Stande.

„Lieutenant McKenzie?“, vergewisserte sich Harry.

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Wir erreichten den Club ‚El Abraxas’ in der Bronx. Er war in einem ehemaligen und aufwendig hergerichteten Lagerhaus untergebracht. Ein für New Yorker Verhältnisse  außergewöhnlich großzügig angelegter Parkplatz umschloss das Gelände. Wir stellten den Sportwagen dort ab und stiegen aus.

Clive und Orry waren ebenfalls gerade eingetroffen.

„Hören wir uns mal ein bisschen um“, meinte Clive. „Es würde mich nicht wundern, wenn Gonzales, O’Rourke oder sonst jemand, der in diesem Fall eine Rolle spielt, hier bestens bekannt ist.“

Die beiden Türsteher waren breitschultrige Schränke und mindestens zwei Meter groß. Das tägliche Training sah man ihnen an. Ihre Bodybuilderarme waren kräftiger als bei vielen anderen Männern die Oberschenkel.

Einer von ihnen hatte den Schädel kahl rasiert und trug einen schwarzen Kinnbart.

Der andere trug das dichte blonde Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst.

„Ihr kommt hier nicht herein!“, meinte der Blonde. „Eure Kleidung ist nicht cool genug.“

„Wird sie durch das vielleicht etwas cooler?“, fragte Clive und hielt ihm die ID-Card des FBI entgegen.

„Wir sind nicht zum Vergnügen hier“, fügte Milo hinzu.

„Der Boss wird nicht begeistert sein.“

„Wenn Sie mit ‚Boss’ Mister Vargas meinen, dann sagen Sie ihm, dass wir uns gerne mit ihm unterhalten würden.“

„Gehen Sie rein!“, murmelte der Kahlkopf. „Mal sehen, was wir für Sie tun können.“

Im Inneren des ‚Abraxas’ herrschte bereits Hochbetrieb. Glitzerlicht flimmerte über die Tanzflächen. Go-go-Girls räkelten sich in Käfigen und ein dumpfer, stampfender Beat ließ den Boden erzittern.

Eine Freitreppe führte hinauf zu einer Balustrade.

Ray Barros stand dort.

In seiner Linken hielt er ein Glas Champagner.

„Sieh an, ein bekanntes Gesicht!“, meinte ich an Milo gewandt.

Barros hatte uns längst entdeckt. Ein zufriedenes Lächeln spielte um seine Lippen, als er uns sah.

„Wie wär’s, wenn wir ihm einen guten Abend wünschen“, schlug ich vor.

„Der hatte doch schon heute Nachmittag in seiner Wohnung genug von uns.“

„Wir sehen uns hier unten um“, kündigte Clive an.

Milo und ich gingen die Freitreppe hinauf. Man hatte einen guten Überblick über den Raum. Von den Gesichtern der Gäste konnte man in dem Laserlicht-Geflacker allerdings kaum etwas erkennen.

„Wir laufen uns aber ziemlich häufig über den Weg, Gentlemen“, begrüßte uns Ray Barros. „Wie steht’s? Wollen Sie hier nicht auch eine kleine Durchsuchungsaktion starten?“ Er grinste. „Manche Leute können gar nicht genug davon kriegen, sich zu blamieren!“

„Gehört zum Berufsrisiko“, erwiderte ich.

„Tja, wem sagen Sie das! Wie gefällt Ihnen übrigens das ‚Abraxas’?“

„Sind Sie an dem Laden beteiligt?“

„Mister Vargas war so freundlich mir ein paar Anteile zu überlassen. Es ist eine reine Goldgrube, kann ich Ihnen sagen. Sie sehen ja, was hier los ist!“

„Ist Mister Vargas heute Abend auch hier?“

„Noch nicht, aber ich denke, dass er noch auftauchen wird, Agent Trevellian! Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte!“

Er ging die Freitreppe hinunter.

„Der Kerl macht sich über uns lustig!“, meinte Milo ziemlich ärgerlich.

„Lassen wir ihm den Spaß. Hauptsache, wir finden ein paar Hinweise auf Gonzales.“

Wir fragten überall herum und zeigten unsere Bilder umher. Eine der Go-Go-Tänzerinnen glaubte sich an Gonzales zu erinnern.

„Der war schon mal hier“, sagte sie.

„Wann?“

„Könnte zwei Wochen her sein. Er ist ein Junkie. So gut wie auf dem Bild sah er da nicht mehr aus.“

„Woher wollen Sie wissen, dass er ein Junkie ist?“

Sie zögerte, wischte sich eine Strähne aus dem Gesicht und sah sich um. Ihr Auftritt war gerade zu Ende und bis sie das nächste Mal dran war, war eigentlich Zeit genug.

„Hören Sie, ich möchte keine Schwierigkeiten bekommen.“

„Mit wem sollten Sie Schwierigkeiten bekommen. Mit Mister Barros oder Mister Vargas?“

„Mister Vargas schmeißt mich vielleicht raus, wenn er erfährt, dass ich...“

„Von uns erfährt er nichts“, mischte sich Milo ein.

Sie atmete tief durch und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Der Junkie, den Sie mir da gerade gezeigt haben, war nicht während des Abends hier. Er wäre auch sofort aufgefallen, so abgerissen wie der ist.“

„Die Türsteher legen wert auf cooles Outfit“, bestätigte ich.

„Er war nachmittags hier, als wir die Abstimmung der einzelnen Auftritte geprobt haben. Außerdem wollte sich Mister Vargas ein paar Girls ansehen, die neu dabei sind. Um so etwas kümmert er sich gerne selbst.“

„Verstehe.“

„Dann tauchte dieser Kerl auf. Ich dachte erst, der wäre angestellt worden, um die Mülleimer zu leeren oder etwas in der Art. Aber er war für Mister Vargas offenbar so wichtig, dass er mit ihm sofort in einem Nebenraum verschwand.“

„War Barros auch dabei?“

„Nein. Kann ich mich jedenfalls nicht daran erinnern.“

„Sie haben mir noch immer nicht gesagt, wieso Sie Harry Gonzales für einen Junkie halten.“

Sie hob die Augenbrauen und zögerte. Schließlich sagte sie: „Als wir fertig waren, habe ich ihn in seinem Wagen gesehen. Er hatte sich gerade eine Spritze gesetzt und saß völlig high hinter dem Steuer.“

„Ich danke Ihnen. Wir brauchen noch Ihren Namen und Ihre Personalien.“

„Ist das wirklich nötig?“

„Ja.“

„Aber ich werde das, was ich ausgesagt habe, vor keinem Gericht der Welt wiederholen, Mister...“

„Agent Trevellian.“

„Ich heiße Melanie Brown und wohne ein paar Blocks weiter,  443 Thackeray Street.“

Ich zeigte ihr noch ein Foto von O’Rourke.

„Ist das nicht der Cop, der ermordet wurde?“, fragte sie.

„Ja, genau der.“

„Er war des Öfteren hier – zusammen mit zwei anderen.“

„Aber ich nehme an, das war nicht dann, wenn Sie geprobt haben“, warf Milo ein.

Sie schüttelte den Kopf. Ein verhaltenes Lächeln erschien in ihrem Gesicht. „Nein, natürlich nicht. Die drei waren abends hier. Manchmal, drei, viermal die Woche. Sie haben sich gut amüsiert und hatte offenbar ziemlich viel Geld.“

„Wer waren die anderen beiden?“

„Der eine wurde immer Sean genannt. Das weiß ich noch, weil mich das an Sean Connery, den James Bond-Darsteller,  erinnerte.“

„Sean McKenzie?“

„Den Nachnamen weiß ich nicht.“

Ich zeigte ihr ein Bild und sie erkannte McKenzie wieder. „Der dritte Mann hatte ziemlich viele Sommersprossen im Gesicht. Aber das ist auch schon alles, was ich Ihnen sagen kann.“

Ich gab ihr meine Karte. „Vielleicht fällt Ihnen ja im Laufe der Zeit noch etwas ein. Dann rufen Sie mich an – egal wann.“

„Mal sehen“ murmelte sie. Sie blickte sich um wie ein Ladendieb der befürchtete, dass ihn jemand gesehen haben könnte. Offenbar befürchtete sie, dass man ihr unangenehme Fragen stellte, wenn sie sich zu lange mit uns abgab.

Einen Augenblick später war sie auch schon auf und davon.

„Vargas kennt Gonzales – das ist doch immerhin ein Anfang, Milo.“

„Ein Anfang wovon? Das bringt uns nicht wirklich weiter.“

„Hat Vargas Gonzales den Stoff gegeben, von dem das Go-Go-Girl uns gerade berichtete?“

„Fragen wir ihn selbst, sobald er auftaucht.“

„Ich fürchte, der denkt nicht dran, Jesse.“

„Schon möglich.“

„Aber wenn das Motiv tatsächlich Rache ist, dann müssen wir ihn schleunigst stoppen, Jesse!“

„Das ist noch nicht gesagt, Milo.“

„Aber es spricht einiges für diese Hypothese. Und vielleicht könnten wir diesmal eingreifen, bevor etwas geschieht!“

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Wir hörten uns noch etwas um und versuchten insbesondere etwas über Kenneth Jakobs, den Waffenverkäufer herauszubekommen. Einer der Barkeeper wollte ihn vor ein paar Tagen noch gesehen haben. Jemand anders war überzeugt, ihm sogar am heutigen Abend über den Weg gelaufen zu sein.

Ich dachte an die Statistiken über die Unzuverlässigkeit von Zeugenaussagen. 

Der breitschultrige Kahlkopf, dem wir schon am Eingang begegnet waren, tauchte plötzlich in unserer Nähe auf.

„Kommen Sie bitte mit, Mister Vargas ist gerade eingetroffen und empfängt Sie.“

„Welche Ehre“, sagte Milo.

Wir folgten ihm die Treppe hinunter. Dann ging es durch einen Nebenausgang. Wir passierten einen Korridor und wurden schließlich in einen recht großen Clubraum mit Billardtischen geführt.

Clive und Orry waren bereits dort.

Vargas war nicht zu übersehen. Er trug einen seiner schneeweißen Anzüge.

„Wollen Sie einen Drink?“, fragte er.

„Nein danke“, antwortete Clive für uns alle.

Vargas grinste. „Verstehe, Sie sind ja alle im Dienst. Ich hoffe, Sie versuchen nicht wieder, mir Drogengeschäfte anzuhängen, so wie es die Vice-Abteilung des hiesigen Polizeireviers seit Jahren vergeblich versucht.“ Er lachte rau. „Ich habe gehört, Sie ermitteln in meinem Club. Da interessiert mich natürlich, worum es geht!“

„Es geht um eine Schießerei vor fünf Jahren, hier im ‚Abraxas’“, sagte ich. „Ich nehme an, Sie erinnern sich.“

„Allerdings. Das war ein schwarzer Tag für dieses Lokal. Die gesamte Inneneinrichtung war erst wenige Wochen zuvor erneuert worden, wir hatten eine völlig neue Lichtanlage, die damals natürlich richtig hip war – alles im Eimer!“

„Ich denke, das war nicht der schlimmste Schaden.“

„Nein, Sie haben natürlich Recht. Es gab Tote und Verletzte.“ Benny Vargas zuckte mit den Schultern. „Damals hat die Polizei nicht viel herausgefunden! Haben Sie jetzt etwa neue Erkenntnisse?“

„Mit einer Waffe, die damals benutzt wurde, ist jetzt ein Polizist namens O’Rourke erschossen worden“, ergriff jetzt Clive Caravaggio das Wort. „Und nun erzählen Sie mir nicht, dass das für Sie noch eine Neuigkeit ist!“

Vargas verzog das Gesicht. „Waffen wechseln den Besitzer, das ist nun mal so. Daran werden weder Sie noch ich etwas ändern.“

„Kennen Sie einen Mann namens Kenneth Jakobs? Er soll sich ab und zu hier aufhalten und einem eine Waffe besorgen, wenn man sie braucht!“ sagte Clive.

„Ich kenne meine Gäste nicht persönlich“, antwortete Vargas. „Warum fragen Sie?“

„Eigentlich ist es unsere Aufgabe, die Fragen zu stellen“, erwiderte Clive.

Benny Vargas grinste, schnipste mit den Fingern und hielt Clive seinen Zeigefinger entgegen. „Klare Regeln – Sie sind gut, Mann!“ Er griff in die Innentasche seines Jacketts und holte eine Zigarre hervor. Bevor er sie in den Mund steckte, sagte er: „Ich möchte feststellen, dass dies kein öffentlicher Ort und ich deswegen nicht gegen die strengen Anti-Raucher-Gesetze verstoße, wenn ich mir hier eine Zigarre anstecke!“

„O’Rourke soll kleine Dealer erpresst haben“, sage ich. „Er hat sich dabei nicht nur in Dollars, sondern auch mit Informationen bezahlen lassen.“

„Davon habe ich nichts gehört.“

„Aber Sie hatten nichts dagegen, dass O’Rourke sich hier mit seinen Kollegen gut amüsiert!“

Vargas’ Gesicht wurde eisig. „Man kann sich seine Gäste nicht immer aussuchen.“

„Und wozu haben Sie dann Ihre Türsteher engagiert?“

„Ich bin ein friedlicher Mensch, Mister...“

„Agent Trevellian.“

„Aber wenn Sie mir was anhängen wollen, werden Sie Ihres Lebens nicht mehr froh! Ich habe Beziehungen, die weit nach oben reichen.“

„Ihre Drohungen beeindrucken mich nicht.“

„Das werden wir sehen.“

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Ich hielt mich im weiteren Verlauf der Befragung etwas zurück. Anscheinend hatte ich bei Vargas einen wunden Punkt erwischt. Anders war es nicht erklärlich, dass er so ungehalten reagierte. Milo versuchte aus ihm herauszukitzeln, wie viel er über O’Rourke  und seine Machenschaften wusste. Aber Benny Vargas wich geschickt aus. Und wir hatten nichts, womit wir ihn festnageln konnten. Auf die Aussage des Go-Go-Girls konnten wir nicht bauen.

Wir blieben noch eine ganze Weile im ‚Abraxas’, aber es kam nicht viel dabei heraus. Immerhin überwogen jetzt die Aussagen, die der Meinung waren, dass Kenneth Jakobs sich schon eine ganze Weile nicht mehr im ‚Abraxas’ hatte blicken lassen.

Es war bereits nach Mitternacht, als wir uns auf den Weg nach Hause machen.

„Mich wundert, dass Vargas nicht die Chance ergriffen hat, ein paar Polizisten, die ihm in der Vergangenheit mit Sicherheit das Leben schwer gemacht haben, mal richtig anzuschwärzen!“, meinte ich.

Milo stimmte und ergänzte: „Zumal einer davon sich gar nicht mehr wehren könnte.“

Eine Weile sagte keiner von uns ein Wort. Schließlich brach ich die Stille. „Hast du noch Appetit auf einen Fish Burger, Milo?“

„Ist das jetzt dein Ernst oder machst du Witze?“

„Das ist mein voller Ernst, Milo. Ich möchte noch mal nach Queens fahren – zu Fredo’s Fish Bar.“

„Es ist schon ziemlich spät. Morgen im Büro weckt mich nicht einmal mehr Mandys Kaffee richtig auf!“ Milo seufzte. „Mal ehrlich, was immer dich um diese Zeit in Fredo’s Fish Bar treiben mag, ich denke, das hat auch bis morgen Zeit.“

„Eben nicht, Milo. Ich möchte mich dort gerne mal um diese Zeit umsehen. Wer treibt sich da jetzt herum und könnte vielleicht auch in der Tatnacht etwas bemerkt haben?“

„Du meinst, der Aufwand lohnt sich?“

„Keine Ahnung. Aber wenn du nicht willst, bringe ich dich erst an die bekannte Ecke. Um diese Zeit ist ja auf den Straßen New Yorks nicht mehr ganz so viel los.“

Milo machte eine wegwerfende Handbewegung. „Nicht nötig“, meinte er. „Ich komme mit.“

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Es war halb drei, als wir 45th Street in Queens erreichten. Wir stellten den Sportwagen vor Fredo’s Fish Bar ab und stiegen aus. Das Gekreische der Möwen war wohl rund um die Uhr zu hören.

In der Fish Bar trafen wir ein halbes Dutzend Gäste an. Wir befragten sie der Reihe nach. Eine Krankenschwester war darunter, zwei Männer, die bei der Fire Brigade waren und ein Nachtwächter, eines nahe gelegenen Wohnblocks.

Menschen, die arbeiteten, wenn andere längst schliefen.

Manche von ihnen gaben an, regelmäßig in Fredo’s Fish Bar zu sein. Der Mann vom Fire Service und eine der Krankenschwestern waren auch in jener Nacht hier gewesen als O’Rourke ermordet wurde.

Aber sie waren ihm nicht begegnet.

„Wenigstens haben wir jetzt den Zeitpunkt des Mordes noch etwas mehr eingrenzen können“, meinte Milo, als wir ins Freie traten. Die kühle Luft hier draußen sorgte dafür, dass ich wieder etwas wacher wurde.

„Überlegen wir mal, was geschehen ist, Milo“

„Muss das sein, Jesse?“

„O’Rourke wurde angerufen. Nehmen wir mal an von Gonzales, der ihm vielleicht gesagt hat: Ich warte auf dich hier draußen!“

„Er wollte nicht in die Fish Bar, um später nicht identifiziert werden zu können.“

„Genau, Milo. Gonzales war wahrscheinlich schon auf der Pier und hat dort auf O’Rourke gewartet.“

Wir gingen in Richtung der Pier, wo noch immer die Blutlache zu sehen war und kamen dabei an dem Lagerhaus auf der linken Seite vorbei.

Als wir schon ein paar Meter vorbei waren, hörten wir ein Geräusch, das aus dem Gebäude drang. Irgendetwas schepperte.

„Da ist jemand drin!“, stellte ich fest.

„Sicher nur eine streunende Katze oder so etwas, Jesse...“

Ich ging zurück zum Lagerhaus. Das Haupttor war verschlossen. Aber der Seiteneingang, der nur für Personen gedacht war, ließ sich leicht öffnen. Ich nahm die Waffe aus dem Holster und ging hinein.

„FBI! Ist hier jemand?“

Es war kaum etwas zu sehen. Durch ein paar hohe Fenster fiel etwas Licht. Wieder war ein Geräusch zu hören. Ich wirbelte herum. Eine Bewegung war in der Dunkelheit zwischen zwei großen, zwei Meter hohen Cargo-Kisten zusehen. Milo fand unterdessen den Lichtschalter.

Die Neonröhren blitzten grell auf.

Ein Mann in einem fleckigen Wollmantel stand zwischen Cargo-Kisten. Er hielt ein Messer in der Hand. Die Augen waren weit aufgerissen. Er zitterte leicht. Offenbar hatten wir einen Obdachlosen gestört, der sich in dem Lagerhaus einquartiert hatte.

„Ganz ruhig“, sagte ich. „Es wird Ihnen niemand etwas tun.“ Der Mann schien das nicht so ohne weiteres glauben zu wollen.

Er blieb in Abwehrstellung.

Ich steckte die Waffe ein und zeigte ihm meine Hände.

„Es ist alles in Ordnung, Sir. Wir sind hier vorbeigekommen und haben ein Geräusch gehört. Dass ist alles.“

„Lassen Sie mich einfach gehen“, sagte der Mann.

„Wir wollen Sie nicht mal vertreiben“, sagte Milo. „Schließlich sind wir vom FBI – und für die Piers ist die Hafenpolizei zuständig.“

Der Obdachlose atmete tief durch und ließ das Messer sinken.

„Übernachten Sie öfter hier?“, fragte ich.

Erst druckste er etwas herum, dann gab er zu, ab und zu in dem Lagerhaus zu übernachten.

Ich fragte ihn nach der Nacht, in der O’Rourke ermordet wurde. Wieder druckste er ziemlich herum. Ich ging vorsichtig auf ihn zu. „Wir wollen einfach nur wissen, ob Sie etwas gesehen haben. Ein Polizist wurde in dieser Nacht auf dem Pier ermordet. Wenn Sie da waren, konnten Sie die Blutlache sehen. Auch jetzt ist der Asphalt dort noch immer verfärbt.“

Der Obdachlose schien sich nicht ganz schlüssig zu sein, ob er nun etwas sagen sollte oder nicht. Aber ich hatte sofort das Gefühl, dass er etwas wusste. Er wollte nur nicht in die Sache hineingezogen werden. Vielleicht hatte er schlechte Erfahrungen mit der Polizei gemacht oder fürchtete, wegen irgendwelcher kleinkriminellen Delikte belangt zu werden.

Er atmete tief durch.

„Zeigen Sie mir mal Ihren Ausweis?“, fragte er schließlich.

Ich gab ihm meine ID-Card und er sah sie sich eine Weile nachdenklich an. Eigentlich hatte ich nicht das Gefühl, dass er tatsächlich an unserer Identität als FBI-Agenten zweifelte. Er wollte Zeit gewinnen. Schließlich gab er mir den Ausweis zurück. „Ich war in der Nacht hier. Ich weiß nicht, welcher Wochentag oder welches Datum es war, da ich keinen Kalender besitze und diese Dinge für mich keine Rolle spielen.“ Er schluckte. „Trotzdem weiß ich genau, welche Nacht Sie meinen. Ich werde sie nämlich nie vergessen. Dazu hat sich alles zu sehr in mein Gedächtnis gebrannt!“

Er blickte förmlich durch mich hindurch. Mit seinen Gedanken schien er wieder in jene Nacht zurückversetzt zu sein, in der Brian O’Rourke ums Leben gekommen war. „Ich war drin und habe dort hinten, auf der anderen Seite des Raums am Fenster gestanden. Da lungerte ein Typ herum. Zwischendurch nahm er eine Waffe heraus und fingerte daran herum.“

„Können Sie den Mann beschreiben?“

„Dunkles, gelocktes Haar. Außerdem trug er eine Kette um den Hals mit einem ziemlich großen Kreuz.“

„Das konnten Sie bei der Dunkelheit sehen?“, fragte Milo verwundert.

„Ja, als er sich gegen die Laterne lehnte und direkt im Licht stand. Probieren Sie es aus! Stellen Sie sich ans Fenster und der andere von ihnen kann sich da draußen genau dort hinstellen, wo der Typ stand.“

Ich zeigte ihm ein Foto von Gonzales.

„War das dieser Mann?“

„Genau!“

„Erzählen Sie, was geschah.“

„Ich habe mich versteckt. Und einfach abgewartet. Nachdem ich die Pistole gesehen hatte, wollte ich mich nur noch verkriechen. Später habe ich Schritte und Stimmen gehört.“

„Einen Schuss?“

„Nein, da war kein Schuss. Aber es fuhr zweimal ein Wagen davon. Das weiß ich genau. Und der letzte Wagen war mit Sicherheit ein Sportwagen. Ich tippe auf Porsche.“

„So etwas hören Sie?“, fragte ich verwundert.

Er nickte. „Ich war früher mal Mechaniker, bevor... Aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls habe ich mich schließlich wieder hervorgewagt. Aber da war niemand mehr.“

„Sie haben uns sehr geholfen, Mister...“

„...Thorndyke. Marvin Thorndyke.“

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Sean McKenzie lenkte seinen Porsche nach rechts und fuhr auf den Parkplatz an der Interstate 79, etwa auf halbem Weg zwischen Jersey City und Bayonne.

McKenzie stoppte den Wagen.

Ein weiteres Fahrzeug befand sich etwa zwanzig Yards entfernt. Der Motor war abgeschaltet, aber die Scheinwerfer nicht. Eine Gestalt hob sich gegen das grelle Licht dieser Scheinwerfer wie ein Schattenriss ab.

McKenzie schaltete den Motor seines Porsches aus, öffnete die Tür und ging ins Freie. Ein kühler Wind wehte aus Richtung des noch etwa 15 Meilen entfernten New Yorker Stadtteils Staten Island herüber.

„Was soll das Theater?“, rief McKenzie aufgebracht.

Die Gestalt trat dem Police Lieutenant entgegen.

McKenzie stutzte und erstarrte augenblicklich wie eine Salzsäule, als er die Waffe in der Hand seines Gegenübers sah.

Einen Augenblick lang dachte er daran, zu seiner Dienstpistole zu greifen. Sie steckte in einem Gürtelholster auf der linken Seite. Der Griff der SIG Sauer P 226 zeigte nach vorn.

Aber McKenzie wusste, dass er nicht schnell genug sein würde.

In dem Augenblick, in dem er gerade die Waffe gezogen hatte, würde ihm sein Gegenüber bereits die zweite Kugel in den Schädel jagen. Auf die geringe Distanz konnte McKenzie kaum damit rechnen, dass die Schüsse daneben gingen.

Der Bewaffnete trug in der Linken eine Flasche Bourbon. Die warf er McKenzie zu.

„Trinken Sie!“, lautete der knappe Befehl.

„Wieso?“

Der Lauf der Waffe hob sich und zeigte nun direkt auf McKenzies Stirn.

„Trinken Sie so viel Sie können. Hören Sie nicht auf, Sie bekommen sonst eine Kugel in den Kopf.“

„Was haben Sie vor, verdammt noch mal?“

„Warten Sie es ab!“

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Wir haben genau 4.30 Uhr und hier ist Ben Smith mit der Sendung ‚Night Talk’ – und wenn Sie mich jetzt hören, dann sind auch einer von den Nachteulen, die einfach keinen Schlaf finden...“

Die Stimme des Radiomoderators drang wie von Ferne in Jason Hayes’ Bewusstsein.

Hayes saß hinter dem Steuer seines Zwanzigtonners.

Er unterdrückte ein Gähnen und stellte das Radio lauter.

Nicht viel hätte gefehlt und er wäre eingeschlafen.

Es wird Zeit, dass ich nach Hause komme!, dachte er. Aber zuerst musste die Ladung noch nach Staten Island gebracht werden. Das Geschäft war hart und Jason Hayes wusste nur zu gut, wie schnell man draußen war, wenn man die Termine nicht halten konnte.

Hayes war ein selbständiger Trucker, der auf eigene Rechnung fuhr. Der Truck war sein ganzes Kapital.

Erneut musste er gähnen. Im Radio wurde eine flotte Rock’n Roll-Nummer gespielt. Hayes ließ das Seitenfenster hinunter. Die kühle Nachtluft sorgte dafür, dass er wieder etwas wacher wurde. Bis Staten Island schaffe ich es noch!, nahm er sich vor.

Dann tauchte im Kegel der Scheinwerfer plötzlich etwas auf, das wie ein menschlicher Körper aussah.

Jason Hayes trat reflexartig auf die Bremse. Der Truck rutschte über den Asphalt und zermalmte den Körper unter sich. Erst ein ganzes Stück später kam das Gefährt endlich zum Stehen. Mitten auf der Interstate – das war selbst zu dieser nachtschlafenden Zeit gefährlich. Hayes war immerhin noch geistesgegenwärtig genug und schaltete die Warnblinkanlage an. Er stieg aus der Fahrerkabine.

Ein Wagen brauste heran, wich dem Truck in letzter Sekunde aus und fuhr anschließend weiter.

„So ein verfluchter Mist!“, rief Jason Hayes laut aus. Er kletterte aus der Fahrerkabine und lief auf den Toten zu.

Die Räder des Trucks hatten vor allem Kopf und Oberkörper zerquetscht. Der Tote war in einem furchtbaren Zustand.

Hayes’ Blick fiel auf das Gürtelholster mit der Waffe. Daneben hing die Polizeimarke am Gürtel.

„Nein“, flüsterte Hayes und sank dabei auf die Knie. „Das darf nicht wahr sein!“

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Am nächsten Morgen warteten wir in dem Coffee Shop an der Suffolk Street auf Sean McKenzie. Wir leisteten uns ein Frühstück und Milo rief zwischendurch in McKenzie neuem Revier an. Er hatte sich tatsächlich Urlaub genommen. Sein privates Festnetztelefon wurde nicht abgenommen, sein Handy verwies uns an eine Mailbox.

Schließlich erreichte uns ein Anruf aus der Zentrale. Max Carter war am Apparat und informierte uns darüber, dass Sean McKenzie auf der Interstate 78 von einem Truck überfahren worden war.

„Das darf nicht wahr sein!“, stieß ich hervor.

„Ist es aber leider“, gab Max zurück. „Die Leiche ist schon in der Gerichtsmedizin. Da wir für den Fall zuständig sind, werden die Kollegen der SRD die Sektion vornehmen und in drei oder vier Stunden wissen wir vielleicht näheres.“

Wir ließen uns die genaue Position des Tatorts angeben und machten uns sofort nach New Jersey auf, um zu erfahren, was es mit dem Unfall auf sich hatte.

„Das kann einfach kein Zufall sein!“, meinte ich.

„Du denkst an einen Mordanschlag, der wie ein Unfall aussehen sollte“, schloss Milo.

„Auf jeden Fall werden wir uns die Umstände genau ansehen. Aber wenn du mich fragst, passt das doch alles zusammen. McKenzie stirbt, bevor er reden kann!“

„Wer sagt dir denn, dass er uns gegenüber wirklich den Mund aufgemacht hätte?“, fragte Milo.

Ich zuckre mit den Schultern. „So etwas hängt immer davon ab, wie hoch dem Betreffenden das Wasser steht!“

„Bei McKenzie war es offenbar noch nicht hoch genug. Aber nehmen wir mal an, dass O’Rourke und McKenzie ihre krummen Geschäfte auch nach ihrer Versetzung einfach weiter betrieben, wofür zumindest O’Rourkes finanzielle Verhältnisse ein Beleg sein könnten und dieser Gonzales wollte sich an den beiden rächen, dann müsste McKenzie doch spätestens nach O’Rourkes Tod gewusst haben, dass er selbst auch in Gefahr ist!“

„Vielleicht hat er das auch, aber er konnte sich niemandem offenbaren. Schließlich wäre er dann selbst an der Reihe gewesen, Milo.“

„Könnte dieser Tim Atkins noch in der Sache mit drinhängen?“

„Wir werden ihn noch befragen. Heute ist er ja von seinem Lehrgang in Quantico zurück, wenn ich das richtig verstanden habe.“

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Wir waren mit Captain Donald Maskoviak von der New Jersey Highway Patrol auf einem Parkplatz an der Interstate 78 verabredet. Spurensicherer der Polizei von Jersey County waren damit beschäftigt, die Umgebung abzusuchen und Mr McKee hatte unsere Kollegen Sam Folder und Mell Horster hier her beordert, um die Kräfte aus New Jersey zu unterstützen und insbesondere darauf zu achten, ob es irgendwelche Zusammenhänge zum Fall O’Rourke gab.

Wir stellten den Sportwagen auf einen der Stellplätze und stiegen aus. Ein Abschleppwagen zog gerade einen Porsche die Böschung hinauf.

Captain Maskoviak begrüßte uns freundlich.

„Sie müssen Trevellian und Tucker vom FBI sein.“

„Das ist richtig“, bestätigte ich.

„Hat der Porsche etwas mit dem Fall zu tun?“, fragte Milo.

„Das hat er“, nickte Captain Maskoviak und schob sich den Hut mit dem Emblem der Highway Patrol ein Stück weiter in den Nacken. „Der Tote heißt Sean William McKenzie Jr und ist Polizist in New York – aber das wissen Sie sicher. Heute Nacht meldete ein Trucker, dass er einen Mann überfahren hätte. Seiner Aussage nach lag McKenzie einfach auf der Fahrbahn. Der Fahrer gab an, keine Chance zum Ausweichen oder Bremsen gehabt zu haben. Der Mann hätte reglos auf der Straße gelegen. Ob das eine Schutzbehauptung ist, wird sich hoffentlich durch die Obduktion zweifelsfrei ergeben.“

„Die Frage ist doch, was McKenzie mitten in der Nacht zu Fuß auf einem Highway zu suchen hat“, gab ich zu bedenken.

„Allerdings“, gestand Maskoviak zu. „Der Tote roch stark nach Alkohol. Er scheint betrunken gewesen zu sein.“ Der Highway Patrol Captain deutete auf den Porsche, der jetzt wieder mit allen vier Rädern auf dem Parkplatz stand und vom Haken des Abschleppwagens genommen wurde. „Das ist McKenzies Wagen. Für uns stellt sich das Ganze folgendermaßen dar. McKenzie war auf dem Highway unterwegs und muss schon ziemlich angetrunken gewesen sein. Er hat hier eine Pause eingelegt und wollte schließlich wieder fahren. Aber da er das Fahrzeug nicht mehr so richtig beherrschte, hat er die Abfahrt auf den Highway verpasst und ist die Böschung hinuntergerutscht.“

„Und Sie meinen, anschließend hat er versucht zu Fuß weiterzukommen“, schloss ich.

„Ja, genau.“

„Warum hat er nicht sein Handy genommen und jemanden angerufen, der ihn abholt. Ein Taxi zum Beispiel.“

„Wir haben kein Handy gefunden“, berichtete Maskoviak.

Ich wechselte mit Milo einen ziemlich verdutzten Blick. „Hören Sie, McKenzie war Polizist, da hat man das Handy immer dabei!“

„Wie gesagt, weder im Wagen noch bei der Leiche war ein Handy.“

„Seltsam.“

„Auf dem Highway ist er dann vom Truck überrollt worden. Ob er da bereits auf dem Boden lag oder nicht, weiß ich nicht. Ich persönlich tippe auf eine Schutzbehauptung des Fahrers.“

„Welche Verletzungen wies die Leiche auf?“

„Dr. Maxwell, der Gerichtsmediziner, der die Erstuntersuchung durchgeführt hat, meinte, er sei wahrscheinlich an den enormen Quetschungen des Oberkörpers gestorben, die durch das linke Vorderrad des Trucks verursacht wurden.“

„Wir möchten uns gerne den Wagen mal ansehen“, kündigte ich an.

„Nichts dagegen einzuwenden.“

Wir zogen uns Latexhandschuhe über und öffneten die Tür. Milo durchsuchte das Handschuhfach, fand aber nichts Besonderes.

Ich nahm mir den Kofferraum vor. Ein Parka war dort zu finden. Ich nahm mir die Jacke heraus und durchsuchte die Taschen. Ein Zettel fiel mir auf, auf dem notiert war, wie man zu dem Parkplatz gelangte, auf dem wir uns befanden.

Ich zeigte ihn Milo.

„Er scheint sich hier mit jemandem verabredet zu haben.“

„Mit Gonzales?“

„Das wird er uns leider nicht mehr sagen können.“

„Es war gestern ziemlich spät, als wir mit dem Mann sprachen, der im Lagerhaus bei Fredo’s Fish Bar übernachtete... Aber war der sich nicht hundertprozentig sicher, einen Porsche gehört zu haben?“

„Du meinst, McKenzie war auch am Tatort?“ Milo überlegte. „Ich weiß nicht.

„Angenommen, nicht Gonzales war der Mörder, sondern jemand anders.“

„Und Gonzales Aufgabe war es nur, das Opfer an den Tatort zu bestellen?“

„Ich habe keine Ahnung.“

„O’Rourke, McKenzie, Gonzales – zwei Polizisten und Informant. Alle drei in dubiose Machenschaften verstrickt...“

„Da gibt es doch noch einen, der dazu passt.“

„Du meinst, diesen Lieutenant Tom Atkins?“

„Ja.“

„Fahren wir zu seinem Revier in der Bronx?“

Ich schüttelte den Kopf. „Nein, wir sollten uns erst in McKenzies Wohnung umsehen. Dann wissen wir vielleicht etwa besser, wo wir bei Atkins ansetzen müssen!“

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McKenzie bewohnte eine Wohnung in Chelsea. Das Haus war im Cast Iron Stil gehalten und so groß, dass wahrscheinlich zwei Drittel des Polizistengehalts monatlich für die Miete draufgingen.

Die Wohnanlage wurde von einem Sicherheitsdienst bewacht. Einer der Uniformierten öffnete uns die Wohnung mit einer Chip Card, die als elektronischer Generalschlüssel fungierte.

Wir sahen uns um.

„Das Wohnzimmer ist allein schon größer als die Wohnungen von uns beiden zusammen“, meinte Milo.

„Neidisch?“

„Nein. Ich bin ohnehin kaum dort. Und wenn ich daran denke, dass das alles hier wahrscheinlich mit schmutzigem Geld finanziert wurde...“

Auf dem Wohnzimmertisch lag ein Handy. Es war auf stumm geschaltet. Ich zog mir Latex-Handschuhe über und nahm es an mich.

„Warum hat er es hier liegen lassen?“, fragte Milo.  „Vergessen?“

„Ein Cop vergisst so etwas nicht“, sagte ich. „Oder hast du schon mal dein Handy vergessen?“

„Genauso wenig wie meine Waffe.“

„Er wollte, dass das Gerät hier bleibt, Milo.“

„Wieso das denn?“

„Nehmen wir an, jemand hat McKenzie zu dem Parkplatz an der Interstate 76 bestellt.“

„Gonzales?“

„Vielleicht. Jedenfalls war es vielleicht jemand, mit dem er nicht gesehen werden wollte. Er lässt also sein Handy hier zurück. Wenn jemand anruft, lässt sich nachher noch feststellen, über welchen Funkmast das Gespräch ging. Er hat dadurch ein Alibi. Sein Handy war nachweislich hier – und nicht in New Jersey.“

„Oder er hat damit gerechnet, dass es angepeilt wird.“

„Auch möglich.“

„Einen Beweis nenne ich so etwas aber nicht. Wir wissen noch nicht einmal, ob McKenzie nicht doch betrunken war und versucht hat, bei Nacht auf einer Interstate spazieren zu gehen.“

Ich untersuchte das Menue und sah mir die Anruflisten an. Dann rief ich Max Carter in unserem Field Office an, damit er einige Nummern überprüfen konnte. Die meisten gehörten zu Prepaid Handys und waren nicht ohne weiteres zu identifizieren. Es gab fünf Anrufe in Abwesenheit, darunter auch einer, der von meinem eigenen Handy ausging, als ich versucht hatte ihn anzurufen.

Aber der letzte Anruf, den McKenzie entgegen genommen hatte, war nicht von einem Prepaid Handy aus geführt worden, sondern erstaunlicher Weise von einem Festnetzanschluss.

„Eddie Vincente, 223 De Kalb Street, Brooklyn“, gab Max Carter die Adresse des Teilnehmers an.

„Ist das ein bekannter Name?“, fragte ich.

„Die Schnellabfrage über NYSIS ist negativ. Es gibt hier zwar insgesamt acht Personen mit dem Name Eddie Vincente, aber die sitzen entweder im Gefängnis, sind tot oder stehen unter Bewährung und haben eine andere Adresse.“

„Dann scheint unser Mann sauber zu sein. Ich hatte gehofft, dass es sich um einen von McKenzies Informanten handelt.“

„Sieht nicht so aus. Keine Vorstrafen, nichts mit Drogen. Es könnte natürlich sein, dass eine Verurteilung als Jugendlicher vorliegt, die inzwischen gelöscht wurde.“

„Vielleicht kannst du mal nachhaken. Irgendeine Zusammenhang zu McKenzie muss es geben.“

„Und vielleicht auch zu Gonzales!“, sagte Max.

Ich war perplex. „Wie kommst du darauf, Max?“

„Eine der Nummern, die du mir angegeben hast, gehört Donata Rivelli Gonzales. Nicht wieder erkannt?“

„Jedenfalls hat Gonzales McKenzie vom Anschluss seiner Tante aus angerufen, als er dort gewohnt hat“, stellte ich fest.

„Ich habe hier auch etwas!“, sagte Milo und hielt einen Ordner mit Kontoauszügen hoch. „Lag ganz offen auf dem Schreibtisch. McKenzie scheint, was seine Finanzen betraf, sehr viel weniger vorsichtig gewesen zu sein als O’Rourke.“

Milo blätterte die Auszüge kurz durch. „Es fällt sofort auf, dass zahlreiche Bareinzahlungen in erheblicher Höhe durchgeführt wurden – aber immer knapp unter der Grenze, die diese Bareinzahlungen meldepflichtig gemacht hätte.“

„Das bedeutet, McKenzie hatte ein Geschäft laufen, das ihm regelmäßig zusätzliche Einnahmen verschaffte.“

„So ist es.“

„Wann war die letzte Einzahlung?“, fragte ich.

Milo schaute nach. „Vor einer Woche“, lautete die überraschende Antwort. „Ich nehme den Ordner mit. Soll unser Kollege Nat sich darum kümmern. Der sieht bestimmt noch ganz andere Sachen aus diesen Zahlen!“

Agent Nat Norton war im FBI Field Office New York der Spezialist für Betriebswirtschaft und wann immer es um Konten, Geldströme oder verdeckte Zahlungen ging, dann trat er in Aktion.

Aber das Wichtigste wussten wir jetzt.

McKenzie und O’Rourke hatten vermutlich bis vor kurzem noch von Verdächtigen Geld erpresst.

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Wir fuhren Richtung Bronx, um Tom Atkins zu treffen. Atkins bewohnte einen Bungalow in einem schmucken Wohngebiet am Mount Vernon, etwa eine Meile von der New Yorker Stadtgrenze entfernt.

Wir stellten den Wagen bei der Einfahrt zu seiner Garage ab, stiegen aus und betraten das Grundstück. Ein Geländewagen vom Typ Ford Maverick stand mit offenen Türen in der Einfahrt. Ich sah Angelzeug, Proviant, einen zusammengerollten Schlafsack und eine Anglerhose aus Gummi.

Von Atkins’ Dienstvorgesetzten Captain Cassavetes wussten wir, dass Atkins zwei Wochen frei genommen hatte.

Ein Mann von Anfang vierzig kam aus der offen stehenden Haustür und trug in jeder Hand eine Kiste mit Mineralwasserflaschen.

„Lieutenant Tom Atkins?“, fragte Milo.

Der Mann erstarrte.

Ich zog meine ID-Card. „Jesse Trevellian, FBI. Dies ist mein Kollege Milo Tucker. Wir haben ein paar Fragen an Sie, die den Mord an Ihrem Kollegen Brian O’Rourke betreffen und den bisher ungeklärten Tod von Lieutenant Sean McKenzie betreffen.“

Atkins runzelte die Stirn.

Er stand einen Augenblick ziemlich unschlüssig da, dann kam er zögernd näher und packte die beiden Mineralwasserkisten in den Maverick.

„Sean ist tot?“, fragte er.

„Ja. Da mit O’Rourke hat man Ihnen gesagt?“

„Captain Cassavetes hat mich in Kenntnis gesetzt und mir auch angekündigt, dass Sie mir noch einen Besuch abstatten würden. Allerdings kann ich Ihnen zur Sache nicht viel sagen.“

„Das glaube ich schon“, erwiderte ich.

„In wie fern?“

„Vielleicht gehen wir besser ins Haus“, schlug ich vor. Ich deutete auf die gepackten Sachen in seinem Maverick. „Im Übrigen hätten wir auch gerne, wenn Sie sich für die Ermittlungen zur Verfügung halten könnten.“

„Bin ich ein Verdächtiger? Haben Sie irgendeinen richterlichen Beschluss, der es mir untersagt, die Grenzen meiner Gemeinde zu verlassen?“

„Nein, das nicht.“

„Na also. Im Übrigen habe ich auch keineswegs eine Weltreise vor, Agent Trevellian.“

„Wohin geht es denn?“

„Ich besitze ein Ferienhaus am Lake Tappan – das ist keine zwanzig Meilen Luftlinie von der Stadtgrenze New Yorks entfernt! Und falls Sie Fragen haben und nicht so viel Krach machen, dass Sie die Fische vertreiben, können Sie mich dort gerne besuchen!“

„Sehen wir erst mal zu, was wir hier und jetzt klären können“, schlug ich vor.

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Wir folgten Tom Atkins ins Haus. „Einen Platz kann ich Ihnen anbieten, aber keinen Drink. Es ist nichts im Haus. Aber, so wie ich Sie einschätze würden Sie ohnehin während der Dienstzeit keinen Schluck zu sich nehmen.“

„Richtig“, nickte ich.

„Also fragen Sie! Was wollen Sie wissen?“

„Zum Beispiel, ob Ihr Kollege McKenzie ein Trinker war?“

„Er war trockener Alkoholiker.“

„Er wurde auf der Interstate 76 von einem Lastwagen erfasst und roch nach Alkohol. Wie viel er tatsächlich getrunken hatte, versucht die Gerichtsmedizin noch herauszufinden. Aber wenn er trockener Alkoholiker war...“

„...dann wurde er wohl rückfällig“, vollendete Atkins den Satz und verschränkte dabei die Arme vor der Brust. „Da wäre er nun wirklich nicht der Erste!“

„Haben Sie eine Idee, was der Anlass dafür sein könnte? Hatte er Sorgen?“

„Keine Ahnung, so gut kannte ich ihn nun auch wieder nicht.“

Jetzt mischte sich Milo ein. „Sollen wir Captain Cassavetes hinzuziehen und die Befragung in seinem Büro fortsetzen? Sie standen sich sehr nahe und waren das Dream-Team Ihres Vorgesetzten.“

„Ja, wir hatten einige Erfolge“, gab er zu.

„Erfolge, die vielleicht nicht alle auf saubere Weise entstanden sind.“

„Sie spielen auf die Anschuldigungen gegen Sean und Brian an, nicht wahr? Die Sache ist geklärt und ich werde dazu nicht einen Ton sagen! So wie die Dinge nun einmal liegen, können Sie mich dazu auch nicht zwingen!“

„Wann haben Sie Harry Gonzales das letzte Mal gesehen?“, fragte ich.

„Gonzales? Keine Ahnung, das ist gerade in der Bronx ein häufiger Name.“

„Jetzt hören Sie auf mit dem Versteckspiel. Er war Ihr Informant. Er war nachweislich beim Mord an O’Rourke am Tatort, dafür gibt es einen Zeugen. Und...“

„Dann suchen Sie ihn doch!“

„Wir dachten eigentlich, Sie könnten uns helfen, ihn zu finden“, sagte Milo.

„Tut mir leid, ich habe keine Ahnung, wo er sich befindet.“

„Seine Eltern und seine Schwester wurden umgebracht. Man vermutet, dass die ‚Matadores’ dahinter stecken.“

„Leider ist unser Revier bei den Ermittlungen nicht sehr weit gekommen“, gab Atkins zu.

„Hat Gonzales Ihnen danach weiterhin Tipps gegeben?“

„Gelegentlich ja. Aber es war immer weniger Verlass auf ihn. Ich glaube, er hängt jetzt an der Nadel.“

„Hören Sie, zwei der drei Mitglieder Ihres Dream-Teams sind tot“, versucht ich ihm klarzumachen. „Ehrlich gesagt, glaube ich da nicht an Zufälle.“

Er verzog das Gesicht. „Glauben Sie doch, was Sie wollen!“

„Eine unserer Theorien sagt, dass Gonzales vielleicht Ihr Trio für den Tod seiner Familie verantwortlichen machen könnte!“

Atkins ließ sich in einen der Sessel fallen. „Ist das wirklich Ihr Ernst? Glauben Sie, Brian und Sean sind einem Racheakt von Gonzales zum Opfer gefallen?“

„Es spricht einiges dafür“, gab Milo zu bedenken.

„Das ist doch Unsinn! Verantwortlich für den Tod seiner Eltern und der Schwester ist dieses Gesindel aus der Bronx!“

„Aber sie wären vielleicht noch am Leben, wenn Gonzales nicht zu seinen Spitzeldiensten erpresst worden wäre, die schließlich ...

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