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7 Heimat-Romane um Liebe in den Bergen: Bergroman Sammelband 7019

G.S.Friebel, Dieter Adam, Glenn Stirling, A.F.Morland

7 Heimat-Romane um Liebe in den Bergen: Bergroman Sammelband 7019

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Inhaltsverzeichnis

  • 7 Heimat-Romane um Liebe in den Bergen: Bergroman Sammelband 7019
  • Copyright
  • Er wollte ihr die Welt zu Füßen legen
  • Hörbi vertraut auf seine blauen Augen
  • In Grüntal ist der Teufel los
  • Rückkehr ins Hochtal
  • Wem der Berg zürnt
  • Hochmut kommt vor dem Fall
  • Barbaras Flucht in den Pfarrkeller

7 Heimat-Romane um Liebe in den Bergen: Bergroman Sammelband 7019

G.S.Friebel, Dieter Adam, Glenn Stirling, A.F.Morland

Dieser Band enthält folgende Romane:


G.S.Friebel: Er wollte ihr die Welt zu Füßen legen

G.S.Friebel: Hörbi vertraut auf seine blauen Augen

Dieter Adam: In Grüntal ist der Teufel los

G.S.Friebel: Rückehr ins Hochtal

Glenn Stirling: Wem der Berg zürnt

Dieter Adam: Hochmut kommt vor dem Fall

A.F.Morland: Barbaras Flucht in den Pfarrkeller





Der Thomas war ein lieber kleiner Kerl, aber trotzdem mied ihn Jedermann im Dorf. Sein Vater saß im Zuchthaus und seine Mutter war kurz nach seiner Geburt gestorben. Niemand wollte ihn wirklich haben und so hatte der Bürgermeister ihn zu einer alten Frau gegeben, die ihn für ein Ziehgeld großzog. Nur einen Freund hatte er, den Hansi. Der war nicht ganz so schlau und wurde genau wie der Thomas von den anderen Kindern gehänselt und verjagt. So spielten die beiden zusammen oben am Berg, dort wo der Hof von Thomas' Vater stand. Niemand störte die beiden dort, und sie hielten den Garten in Ordnung und fischten im Bergsee, bis eines Tages ein Fremder zum Hof kam...



Er wollte ihr die Welt zu Füßen legen


Bergroman von G. S. Friebel


Der Umfang dieses Buchs entspricht 112 Taschenbuchseiten.


Liebe auf den ersten Blick: Kann es das wirklich geben? Viktor hat es erwischt. Auf dem Weg zu seiner Tante sieht er ein Auto mit einer Reifenpanne und der schönsten Frau darin,die er je gesehen hat. Sie ist mit ihrem Vater auf Reisen und dieser bietet Viktor einen Job als Führer für die Berg an. Nur zu gerne willigt Viktor ein und als er Diane sagt, wie sehr er sie verehrt, lässt die sich bereitwillig auf ein romantisches Abenteuer ein.


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Ihre blauen Augen durchbohren mich. Ich habe das Gefühl, als versuche sie, mich zu hypnotisieren. Doch ich gebe diesen Blick in gleicher Stärke zurück. Jetzt flackern und zittern die langen Wimpern. Früher war ich entzückt darüber, aber schon lange weiß ich, dass sie sie sich jeden Morgen mit viel Geduld anklebt.

Sie wendet den Kopf zur Seite. Ihr Gesicht ist starr, und ich weiß nicht, was sie jetzt über mich denkt. Aber ist mir das nicht eigentlich gleichgültig?

Die elegante Krokotasche schnappt zu. Sie klimpert mit den Wagenschlüsseln.

»Eines Tages wirst du es bereuen«, sagt sie und schiebt eine Strähne des blonden Haares aus dem Gesicht.

»Wirklich?«, sage ich, runzle die Stirn und lege meinen rechten Arm hinter meinen Kopf.

Sie wird sogar ein wenig rot. Das sehe ich mit Staunen. Diese schöne, makellose Haut läuft rot an. Als sie merkt, dass ich es sehe, wird sie wütend.

»Ja!«, sagt sie unbeherrscht. »Das wirst du! Ich weiß es jetzt schon. Wer zuletzt lacht...«

Das hätte sie nicht sagen dürfen. Das nicht. Nach allem, was passiert ist. Meine Gesichtsmuskeln spannen sich. Ich fühle, wie der Schmerz in mir hochzukriechen beginnt. Jetzt sitzt er schon in meiner Brust. Ich bekomme keine Luft mehr. Mir ist so elend zumute. Der Schweiß bricht mir aus allen Poren. Wie erschöpft und hilflos man doch sein kann.

Hat sie Mitleid mit mir? Ich meine, weil sie das gesagt hat? Sie muss doch begreifen, erfassen, wie gemein sie war.

Ich öffne die Augen. Zuerst kann ich Diane nicht mehr sehen. Sie ist schon an der Tür, den kostbaren Pelzmantel eng um die Schultern gezogen. Ihre hochmütigen Augen schießen Blitze.

»Euch wäre es wohl sehr lieb, wenn ich sterben würde, nicht wahr?«, sage ich mit heiserer Stimme.

Sie schweigt.

»Vielleicht tue ich euch noch den Gefallen. Ich weiß es noch nicht so genau. Vielleicht...« Meine Zähne schlagen aufeinander; das Fieber beginnt zu steigen.

Sie öffnet die Tür und geht dann doch nicht. Worauf wartet sie noch?

Glaubst sie tatsächlich, ich würde es tun?

»Geh!«, zische ich zwischen den Zähnen hervor. »Geh, verdammt noch mal! Ich kann dich nicht mehr sehen.«

Da geht sie endlich. Die Tür klappt laut zu; ich höre ihre Schritte auf dem Gang. Sie werden immer leiser, dann ist es still. Mein Bett steht so, dass ich die Auffahrt übersehen kann. Es dauert nicht lange, bis ich sie unten auf dem Kies bestreuten Weg sehe. Sie dreht sich nicht einmal um, obwohl sie weiß, dass ich sie sehen kann. Sie muss es wissen, denke ich spröde.

Ich presse meine linke Hand auf das Herz. Es schlägt heftig, und ich habe Schmerzen. Komisch, denke ich, vor gut einer Stunde habe ich hier gelegen und war froh und glücklich. Ich konnte den Augenblick nicht erwarten, in dem Diane endlich mein Zimmer betreten würde.

Diane! Wie Musik war ihr Name für meine Ohren. Immerzu sagte ich ihn vor mich hin. Diane, sie war der rettende Hafen, das Glück, die Freude.

Und jetzt ist sie fort. Und ich bin froh, froh, nein, ich bin nicht froh, ich hasse sie. Noch nie habe ich einen Menschen so gehasst wie Diane. Furchtbar ist das. Ich möchte nicht hassen; niemanden möchte ich hassen. Ich bin eine Frohnatur! Als ich das denke, wird mir wieder schwarz vor den Augen. Frohnatur, und bittere Galle steigt in mir hoch. Das war alles einmal. Vor langer Zeit, vielleicht vor hundert Jahren. Nie mehr werde ich lachen können, nie mehr.

Bis jetzt hat mich das Warten auf Diane am Leben gehalten. Ich habe die Zähne zusammengepresst und alles über mich ergehen lassen. Jetzt habe ich nichts mehr, auf das ich mich freuen kann. Mein Leben ist nichts mehr wert.

Ich bin verzweifelt. Sich einfach fallenlassen, ganz tief, irgendwo wird dann das Ende sein. Vielleicht spürt man es gar nicht. Einfach in den Tod hinübergleiten, ganz sanft, ohne Schmerzen. Nicht mehr denken müssen. Auch die Schmerzen werden aufhören.

Meine Glieder entspannen sich langsam. Ist das der Anfang?

»Darf man stören?«

Nur schwer lassen sich meine Augenlider öffnen. Vor mir steht ein fremder Mann. Ich kenne ihn nicht. Er trägt einen Bart, und sein Gesicht ist gerötet. Er kommt also von draußen. Dann weiß ich, er ist ein Priester.

»Was wollen Sie?«, sagte ich mit spröder Stimme.

»Ich möchte Sie besuchen. Das tue ich übrigens bei allen Patienten. Aber wenn Sie sich noch zu schwach fühlen, dann gehe ich selbstverständlich.« Er wartet.

Schon möchte ich ihn fortschicken. Warum lässt man mich nicht allein? Ich kann keine gesunden Menschen mehr sehen. Sie ekeln mich an. Verstehen sie das denn nicht?

»War das Ihre Verlobte, die Sie eben verlassen hat?«

Das bringt meinen Zorn zurück.

»Nein!«, sage ich wütend. »Das war Diane Ackermann!«

»Ach«, sagt er leichthin, »die Tochter von Leo Ackermann?«

Ich starre ihn an.

»Was wissen Sie denn darüber?«, frage ich erstaunt.

»Eine ganze Menge. Hier bleibt doch nichts verborgen. Sie kennen doch die Leute. Und Sie? Nun, von Ihnen spricht man doch schon seit Tagen.«

»Was wollen Sie von mir?«

»Vielleicht kann ich Ihnen helfen«, sagte er ruhig.

»Mir helfen? Sie?«

Und dann bricht es aus mir heraus. Ich kann nicht anders, ich muss lachen, lachen und nochmals lachen. Es ist ein schreckliches Lachen, und mir tut alles weh. Aber ich kann nicht aufhören.

Plötzlich spüre ich eine kühle Hand auf meinem Arm. Meine Stimme erstickt, ich würge und falle in die Kissen zurück.

»Herr Hofstätter«, sagt er mit ruhiger Stimme.

Mein Atem geht schwach.

»Ich kann Ihre Bitterkeit verstehen, Herr Hofstätter. Bestimmt, Sie müssen mir glauben. Aber es ist auch Christenpflicht, dem anderen zu verzeihen. Denn, wenn Sie das nicht können, findet Ihre Seele keine Ruhe. Hören Sie, man muss verzeihen können. Selbst Jesus hat das getan ...«

»Hören Sie auf!«, schreie ich ihn an.

Jetzt sind es wieder zwei blaue Augen, die mich durchbohren.

»Sie«, stoße ich hervor. »Wenn Sie nur gekommen sind, um mich mit Moralsprüchen vollzupumpen, dann verschwinden Sie gefälligst sofort! Mann, Sie begreifen ja nicht, Sie wissen ja nicht, was Sie da sagen. O mein Gott!«

Der Priester ist nicht böse. Er ist es gewöhnt und schweigt darum. Ich bin wütend, dass er schweigt. Es macht mich hilflos, zeigt mir, wie unbeherrscht ich eben gewesen bin.

Als er immer noch nichts sagt, stammle ich: »Verzeihen Sie mir. Es tut mir leid.«

»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen.«

»Sie können ja nicht wissen, was sich eben hier abgespielt hat«, sage ich mit zuckenden Lippen. »Es war so schrecklich, so grausam. Jetzt habe ich keinen Lebensmut mehr. Ich...«

»Sie sehen sehr müde aus. Vielleicht sollten Sie doch erst ein wenig schlafen«, sagt er gütig. »Zwei Besuche auf einmal sind im Augenblick noch etwas zu viel für Sie.«

Meine Augen schwimmen in Tränen. Früher hätte ich mich deswegen geschämt. Doch jetzt nicht.

»Bleiben Sie«, sage ich mit gebrochener Stimme. »Sie dürfen mich jetzt nicht im Stich lassen. Vielleicht, wenn Sie nur ein wenig an meinem Bett sitzen und nur da sind? Ich, ich brauche das, ich muss das Gefühl haben, dass ich noch nicht ganz ausgestoßen bin, bitte!«

»Ja«, sagt er und lächelt ein winziges Lächeln.

Ich drehe den Kopf zum Fenster. Draußen wird es dämmrig. Ich kann die Berge nicht mehr sehen. Nebel steigt aus den Tälern. Diese Nacht wird es wieder schneien. Hier im Hochgebirge beginnt der Winter sehr früh. Schon im Herbst, wenn anderswo noch Blumen in den Gärten aufblühen, haben wir mit Schnee zu kämpfen.

Er sitzt immer noch an meinem Bett und wartet darauf, dass ich zu sprechen beginne. Warum tut er das, denke ich. Wir kennen uns doch gar nicht. Er soll gehen und mich in Frieden lassen! Ich brauche keine Bibelsprüche. Die können mir schon gar nicht helfen. Wenn ich so nachdenke, kann mir nichts helfen, das ist ja so schlimm. Ich bin völlig ohne Hoffnung.

Es vergeht eine halbe Stunde. Jetzt beginne ich mich zu schämen.

»Bitte, verzeihen Sie mir«, sage ich leise.

Er sieht mich ruhig an.

»Ich möchte Ihnen meine Geschichte erzählen, Herr Pfarrer. Nicht, damit Sie Mitleid mit mir haben, sondern weil ich einfach reden muss. Vielleicht verschwindet dann der dicke Stein von meinem Herzen, und ich kann wieder freier atmen. Ich muss es erzählen. Werden Sie Zeit haben?«

»Beginnen Sie ruhig. Ich habe sehr viel Zeit.«

»Danke.«

Ich schließe die Augen. Im Dunkeln kann man besser reden, denke ich unwillkürlich. Aber meine Geschichte braucht das Tageslicht nicht zu scheuen.

Und so beginne ich ...



2

Ich muss ziemlich weit ausholen, damit er die ganze Tragik versteht. So liege ich in meinem Bett und lasse die Gedanken zurücklaufen, immer schneller und schneller. Mir ist, als fiele ich selbst in die Vergangenheit der letzten Wochen zurück. Ja, ich erlebe es so intensiv, dass ich sogar die Wärme wieder spüre, die auf meiner Haut liegt.

Ich komme aus Innsbruck. Dort studiere ich Soziologie. Drei Monate Semesterferien. Mein Studium muss ich mir selbst verdienen. Die Eltern leben nicht mehr. Ich habe nur noch die Tante Therese, die in Aschau eine kleine Frühstückspension unterhält. Grad so viel, wie sie selbst bewirtschaften kann, aber auch genug, um damit ihr Leben zu fristen. Aschau liegt im Zillertal, zwischen hohen Bergen eingebettet, nicht weit von Zell am Ziller entfernt.

Zwei Monate habe ich in Innsbruck in einer Ziegelei gearbeitet. Den letzten Monat will ich mich ein wenig erholen und dabei meine Bücher aufarbeiten.

Ach, hätte ich damals geahnt, was auf mich zukommen würde, ich wäre gewiss in Innsbruck geblieben und hätte weiter Steine geschleppt.

Die Sonne brennt vom Himmel, und ich mache mich auf Schusters Rappen. Um diese Zeit sind immer viele Urlauber unterwegs, und so hoffe ich, ein Stück mitgenommen zu werden. Die Bahnfahrt wollte ich mir sparen. Sie hätte nämlich ein zu großes Loch in meine karge Kasse gerissen. Und ich bekomme auch eine Gelegenheit. Wir fahren über die Inntal Autobahn, und ich mache zum Dank den Reiseführer und erkläre den Leuten vom Auto aus die Burgen und anderen Sehenswürdigkeiten.

In Wiesing, dem Autobahnkreuz, verlasse ich sie. Wenn ich mich gut zu Fuß halte, würde ich in ein bis zwei Stunden bei meiner Tante sein. Ich packe meinen Rucksack und tippel los. Ich freue mich schon auf die freien Tage. Ich will nur in der Sonne liegen, Tourist spielen und mich von Tantchen verwöhnen lassen. Ja, ich sehe schon alles ganz deutlich vor mir. Sogar die urgemütliche Giebelstube, in der ich immer wohne, wenn ich bei der Tante bin.

Aber wie gesagt, es soll sich alles ändern. Und ich Schaf halte mich auch noch für den glücklichsten Menschen der Welt.

Ich nehme eine kleine, schmale Straße entlang der Ziller, so brauche ich nicht die Auspuffgase auf der Hauptstraße einzuatmen. Es ist mehr ein Bauernweg. Kurz vor Har stoße ich in einer Kurve auf einen pompösen Superwagen. Ich pfeife durch die Lippen. Donnerwetter, so etwas müsste man besitzen! Jedes Mädchen würde sich den Hals ausrenken. Der Chrom blendet mich förmlich, und so dauert es ein Weilchen, bis ich den dicken Herrn mit der qualmenden Zigarre bemerke.

»Grüß Gott«, sage ich höflich.

»Himmel, endlich kommt einer! Und ich dachte schon, ich müsst bis nächstes Jahr warten«, knurrt er mich an.

Ich bin verdutzt.

»Wie bitte?«, sage ich.

Aber dann bleibt mir der Mund offen stehen, denn jetzt bemerkte ich erst das Mädchen. Noch nie habe ich eine so vollkommene Schönheit gesehen. Zart, aber rassig gebaut, mit blauen Augen und dann erst die Haare! Sonnengelb. Sie entzünden mein Herz auf der Stelle. Sie sieht mich herausfordernd an. Als sie meinen Blick bemerkt, lacht sie perlend. Und ich werde knallrot. Stotternt will ich etwas sagen, aber da legt der dicke Kerl seine Pranke auf meine rechte Schulter und fragt mich: »Können Sie ein Autorad wechseln?«

Ich befinde mich noch immer im siebten Himmel und sage deswegen ganz gedankenlos: »Warum denn?«

»Weil es platt wie eine Wanze ist. Glauben Sie, ich stehe hier aus lauter Freude herum?«

Ich reiße meinen Blick von der Schönen und betrachte mir den Mann näher. Teufel, denke ich bei mir, wenn das nun der Ehemann ist, dann kriege ich noch Ärger. Aber so recht kann ich mir das nicht vorstellen. Er ist scheußlich dick und auch nicht mehr der Jüngste. Aber dass er reich ist, sieht man durch jedes Knopfloch.

»Ich dachte, Sie würden sich die Gegend ansehen«, sage ich schnell.

Er schnauft wie eine alte Dampflok.

»Wir wollen nach Hintertux. Und wenn das verdammte Rad nicht geplatzt wäre, säßen wir schon längst im kühlen Hotel und würden ein anständiges Mittagessen einnehmen. Junger Mann, wieso kommt hier keiner vorbei? Ist das hier wirklich so verdammt einsam?«

»Nein!«, lache ich. »Aber warum haben Sie denn nicht die Hauptstraße genommen? Sie ist gut ausgebaut und breit. Dort rauscht es nur so von Autos. Dort hätten Sie nur eine Sekunde stehenbleiben müssen, und sofort hätte sich ein Stau gebildet.«

»Siehst du, Papi«, flötet das Engelswesen, »ich habe dir ja gleich gesagt, dass wir hier falsch sind. Aber du glaubst mir ja nie.« Sie macht einen entzückenden Schmollmund.

Ich schätze sie auf neunzehn. Viel später weiß ich, dass sie fünfundzwanzig Jahre alt ist.

»In der Tat, Sie haben sich wirklich verfahren«, sage ich und lächle dem Mädchen zu.

Der Dicke flucht, wischt sich den Schweiß ab und holt dann erst mal einen Flachmann aus der Innentasche seiner Jacke und nimmt einen gewaltigen Schluck. Dann bietet er ihn mir an. Aber ich lehne ab. Schnaps am Mittag, und dann noch bei dieser Hitze, na, er muss ja wissen, was er seinem Herzen zutrauen darf.

»Selbstverständlich wechsle ich Ihnen das Rad«, sage ich, aber nicht, weil ich ein ausgemacht höflicher und zuvorkommender Mensch bin, sondern weil das Mädchen mich wie ein Magnet festhält. In Hintertux also wollen sie absteigen.Teufel, das ist von Aschau ein ganz hübsches Stück entfernt. Aber irgendwie werde ich es schon schaffen, hinzukommen, um sie wiederzusehen.

Sie geben mir eine alte Decke, ich knie mich auf den Boden und bocke den Superschlitten hoch. Natürlich mache ich alles sehr gründlich, um Zeit zu gewinnen.

Der Dicke stellt sich jetzt als Leo Ackermann aus Hamburg vor. Er ist Fabrikant. Bald fragt er mich aus. Wahrscheinlich nur aus Langeweile, um sich die Zeit zu vertreiben.

So wissen sie bald meinen Namen, Viktor Hofstätter, und dass ich Student bin. So nebenbei lasse ich einfließen, dass ich mir mein Studium selbst verdiene.

»Junger Mann, Sie werden es noch zu was bringen«, sagt er lobend. »Ich halte viel davon. Nur nicht unterkriegen lassen, immer alles bei den Hörnern packen und nicht mehr loslassen. Das ist meine Devise. Sie müssen wissen, ich habe auch mal ganz unten angefangen, und jetzt, sehen Sie mich an, ich habe es geschafft, ich stehe ganz oben. Und wenn Leo Ackermann etwas sagt, dann hört man auf ihn, so ist das!«

Im stillen denke ich: Also packe ich das Mädchen bei den Hörnern und halte es fest. Ihre Augen haben die Wirkung von Gewehrkugeln; ständig schießen sie tiefe Löcher in mein verliebtes Herz.

»Herr Hofstätter, Sie sagten eben, Sie kämen aus dieser Gegend. Wir wollen vierzehn Tage in Hintertux bleiben. Der Arzt hat mir Ruhe verordnet. Sagen Sie mal, junger Mann, von dort aus kann man doch schon die Gletscher sehen?«

»Ja, sogar vom Hotelfenster aus. Wenn Sie wollen, können Sie sogar im Sommer Ski laufen.«

»Wirklich?«, jubelt die junge Dame und sieht mich wieder eigenartig an.

»Gewiss.«

»Ich habe mehr an Wanderungen gedacht. Gletscher und so. Vielleicht auch eine kleine Bergtour, wenn sie nicht zu anstrengend ist.«

Ich muss mir ein Grinsen verkneifen. Wie stellt er sich das vor? Mit seinem Bierbauch?

»Wissen Sie nicht zufällig einen verlässlichen Führer, der sich um meine Tochter kümmern könnte? Sie ist nämlich so übermütig und braucht einen Aufpasser. Freie Kost und ein hübsches Handgeld verstehen sich von selbst. Sagen wir, zweihundert pro Woche?«

Der Schädel braust mir. War das nicht ein Fingerzeig vom Himmel? In ihrer Nähe bleiben dürfen! Vielleicht würde sie sich in mich verlieben, und ich könnte sie für immer gewinnen?

Mein Gott, ich habe einen Blutdruck wie noch nie.

»Ich wüsste schon jemanden«, sage ich mit belegter Stimme.

»Ja, das ist wunderbar.«

»Ich selbst würde gern diesen Posten übernehmen. Im Augenblick habe ich nichts Besonderes vor.«

»Was meinst du, Diane, sollen wir ihn nehmen?« Er zwinkerte ihr zu.

Sie sieht mich skeptisch an. Dann nickt sie etwas hochmütig.

»Warum nicht? Sind sie nicht alle gleich? Von mir aus.«

Er quetscht meine rechte Schulter zusammen. »Also, junger Mann, dann sind Sie hiermit bei Leo Ackermann als Bergführer eingestellt.«

»Und Skilehrer«, sagte Diane.

»Selbstverständlich«, erwiderte ich und packe die Sachen zusammen.

»Sie fahren sofort mit?«

»Da ist noch eine Kleinigkeit zu regeln. Ich muss meiner Tante Bescheid sagen. Wir kommen sowieso durch Aschau. Es ist kein Umweg.«

»Gut, steigen Sie ein. Mit Ihnen im Wagen werden wir uns hoffentlich nicht mehr verfahren.«

Das Verdeck ist zurückgeschlagen. Ihr Haar weht im Wind. Ich sehe ihr Profil. Mein Blut perlt wie Sekt. Wie kann sie nur so ruhig dasitzen, denke ich verzweifel. Merkt sie denn nicht, wie mein Herz in Flammen steht?

In Aschau tröste ich meine Tante. Den Rest von vierzehn Tagen will ich aber ganz bestimmt zu ihr kommen. Sie winkt mir zu, und ich steige wieder in den Wagen.

Herr Ackermann versteht nichts von Autos. Er wählt die Gänge, wie es ihm gefällt. Es knackt und kracht im Getriebe. Mir gefriert das Blut in den Adern.

Natürlich haben sie sich im besten und teuersten Hotel eingemietet. Leo muss jedem zeigen, wie reich er ist. Sein Reichtum hindert ihn aber nicht daran, für mich das kleinste und schäbigste Zimmer zu mieten. Auch gibt er mir zu verstehen, dass ich nicht mit an ihrem Tisch sitzen soll.

Meine, Wangenmuskeln werden steif. Für einen Augenblick möchte ich ausspucken. Aber dann sehe ich Dianes Augen und schlucke meinen Ärger hinunter. Ich darf sogar ihre Koffer nach oben bringen. Zum ersten Mal sind wir allein.

»Sie dürfen meinem Vater nicht böse sein«, sagt sie mit ihrer klingenden Stimme. »Er ist ein roher Klotz, meint es aber nicht so, Herr Hofstätter.«

Ich möchte ihr die Hände küssen. Tue es natürlich nicht.

»Schon vergessen«, murmle ich.

Und ich denke: Sie ist nicht nur ein schönes Mädchen, sondern auch ein Mädchen mit Herz.

Dann ziehe ich mich auf mein Zimmer zurück und mache mich frisch. Während ich mich rasiere, betrachte ich mich im Spiegel. Übel sehe ich wirklich nicht aus: braungebrannt, markantes Gesicht, gute Zähne, hohe Figur, kein Gramm Fett zu viel. Sportlich durchtrainiert. Und tanzen kann ich auch. Und soweit ich gemerkt habe, soll man sich auch mit mir unterhalten können. Außerdem besitze ich eine Menge Humor.

Ich bin verliebt. Scheußliches Gefühl. Vor allem, wenn man weiß, dass der andere nichts merkt. Schnell bin ich fertig und gehe wieder nach unten. Diane ist noch nicht da. Hier ist alles teuer und vornehm. Noch nie habe ich in so einem schönen Hotel wohnen dürfen. Es macht wirklich Spaß, sich alles leisten zu können.

»Möchten der Herr vielleicht unsere Bar aufsuchen?«, werde ich von einem Angestellten munter gefragt.

Ich runzle die Stirn. Doch dann fällt mir ein, dass ich zweihundert pro Woche ausgeben kann. Damit habe ich nicht gerechnet.

Ich nicke kühl, schlendere durch den Felsengang und bleibe dann erst mal am Ausgang stehen. Das Herz klopft mir bis in den Hals. Zuerst muss ich mal die Preise sichten, das ist wichtig. Und dann tue ich einfach so, als käme ich aus Langeweile, könnte aber Alkohol in großen Mengen leider nicht vertragen.

In einer romantischen Nische sitzt ein Ehepaar mit seiner Tochter. Sie ist an die siebzehn, schätze ich. Sie hat aschblondes Haar und wirkt farblos. Ihr Blick kreuzt sich mit dem meinen. Sie errötet. Ich schmunzle in mich hinein. Sieh mal an, denke ich amüsiert, ich wirke also auf Frauen. Bei meiner Schufterei in Innsbruck ist mir das gar nicht aufgefallen. Ich trage einen Trachtenanzug, und der ist in Österreich überall erlaubt. Frack wirkt lächerlich. Und ich bin froh, dass ich nicht in Wien bin, denn da muss man ganz anders handeln, um zu wirken.

Ich setze mich auf einen leeren Barhocker und beginne ein Gespräch mit dem Kellner.

»Was können Sie mir empfehlen? Aber etwas leichtes bitte. Mein Arzt hat mir Alkohol verboten. Doch ich bin der Ansicht, man soll Verbote auch mal übertreten.«

Er grinst mich an. Ist also auf den Leim gegangen. »Würde ich aber nicht tun. Ich rate zu einem Martini, der ist leicht und richtet keinen Schaden an.«

»Dann bringen Sie mir mal das Zeug. Ich weiß schon gar nicht mehr, wie das schmeckt.« Das ist wahr.

Hinter mir füllt sich die Bar. Aber es sind meistens Ehepaare oder Verliebte. Einzelgänger gibt es wenige. Und die kommen nur, um ihre Ruhe zu genießen. Das macht mich froh, so brauche ich keinen Rivalen zu bekämpfen. Komisch, denke ich, jetzt denke ich schon so, und dabei weiß ich noch nicht einmal, ob sie sich etwas aus mir macht.

Und dann kommt Diane. Sie steht in der Tür. Das Mädchen versteht es wirklich, alles auf sich aufmerksam zu machen. Einen Augenblick denke ich: Das hat sie bestimmt in Hamburg geübt. Sie lächelt strahlend, und die kleine Blonde in der Nische wird weiß. Diane blickte sich um, dann sieht sie mich und kommt mit wiegenden Hüften zu mir. Das Herz will mir in die Hose rutschen.

»Hallo, Herr Hofstätter, darf ich mich zu Ihnen setzen?« Ihre Stimme ist jetzt tiefdunkel und samtig.

Ich springe von meinem Hocker und schiebe ihr einen zurecht.

»Aber sicher doch! Wie mich das freut«, stottere ich.

Sie lächelt mich strahlend an. In ihren Augen liegt ein Flimmern, das mich fast wahnsinnig macht.

Ich weiß nicht, dass Diane sich nur zu mir gesetzt hat, weil es sonst keine andere Möglichkeit gibt. Alle Tischchen sind besetzt, und sonst scheint kein Herr den Mut aufzubringen, sich um sie zu kümmern. Ich bin nur ihr Ersatzmann, aber das weiß ich natürlich nicht.

Diane ist ganz Weltfrau und weiß sich zu benehmen. Sie hat keine Angst, sich etwas zu bestellen. Und das Gebräu habe ich noch nie beim Namen gehört. Der Kellner mixt vieles zusammen, und nachher sieht es rot wie Blut aus.

Die Bar ist jetzt voll, und auf einmal ist da auch eine Kapelle. Ich habe noch nicht viel mit Diane gesprochen, weil ich einfach nicht weiß, was ich sagen soll.

Sie sieht mich an und fragt: »Sollen wir tanzen«

»O ja!«, sage ich eifrig wie ein kleiner Hund, der apportieren soll.

Sie tanzt ausgezeichnet, und ich kann es auch nicht schlecht. Ich glaube, ohne übertreiben zu müssen, dass wir das schönste Paar in der Bar sind.

Im Spiegel sehe ich uns vorübergleiten, Das giftgrüne, duftige Kleid meiner Begleiterin umhüllt mich. Ich fühle mich im siebten Himmel.

»Warum sagen Sie nichts?«, fragt sie mich lächelnd.

»Was soll ich denn sagen?«

»Sind Sie immer so stumm, wie ein Fisch?«

»Nein«, stoße ich hervor. »Ich bete Sie an!« Nun habe ich es gesagt.

Sie lacht perlend. »Wirklich, Sie müssen es mir glauben. Ich möchte, dass dieser Tanz nie zu Ende geht, Diane. Sie sind wundervoll, die Schönste und Strahlendste hier im Raum. Sie überflügeln alle. Und dass ich mit Ihnen tanzen darf, verwirrt mich so, dass ich nicht weiß, was ich sagen soll.«

Ist das nicht, den Stier bei den Hörnern packen? Mein Gesicht muss jetzt knallrot sein. Eigentlich wollte ich mich nicht so kopfüber in die Fluten stürzen. Aber es ist plötzlich und ganz von selbst gekommen.

Sie sieht mich heiter an, aber an ihrem Blick sehe ich, dass sie meine Anbetung genießt. Welche Frau hört das nicht gern. Aber ich mache keine Komplimente, ich meine das wirklich so. Und Diane weiß es.

»Sie sind auch sehr nett«, sagt sie heiter und lacht dann wieder perlend.

»Ja?«, sage ich eifrig. »Oh, Sie machen mich zum glücklichsten Menschen der Welt.«

Da sehe ich Leo in der Tür stehen. Er hat eine dicke Zigarre zwischen den Fingern und sucht seine Tochter. Als er sie bei mir entdeckt, macht er ein mürrisches Gesicht und kommt auf uns zu.

»Hör, Diane, ich sitze in der Halle und langweile mich zu Tode! Hast du mir nicht versprochen, dich um mich zu kümmern?«

»Ja, Vater«, sagt sie heiter. »Wollen wir zusammen tanzen?«

Ich muss sie loslassen. Während ich mich traurig durch die Tanzenden zwänge, hörte ich ihn sagen:

»Was machst du nur für Sachen? Hör zu, das ist nur ein kleiner Fisch; wirf dich nicht weg. Außerdem vergiss nicht, er steht in unseren Diensten, wird bezahlt. Du brauchst überhaupt nicht nett zu ihm sein.«

Was Diane darauf entgegnet, hörte ich nicht mehr. Mir ist elend zumute. Ja, zum Teufel, denke ich wütend, wer ist er denn, dass er sich so etwas erlauben darf? Die alten Zeiten sind vorbei. Personal kann man nicht mehr irgendwo in eine Ecke schieben, und es hervorholen, wenn man seiner bedarf. Wieder einmal bin ich so wütend, dass ich am liebsten meinen Job aufgegeben hätte. Aber gleich wird mir siedendheiß, weil mir einfällt, dass ich sie dann nicht mehr wiedersehen kann.

Trübsinnig hänge ich an der Bar und weiß nicht, was ich tun soll. Fortgehen? Mich in mein Zimmer verkriechen? Diane sitzt mit ihrem Vater in einer Nische. Neben mir sitzt plötzlich die kleine Blonde. Sie sieht mich schüchtern lächelnd an. Wenn ich hier sitzenbleibe, muss ich mir was zu trinken bestellen. Und dies ist doch der erste Abend! Ich muss mit meinem Geld haushalten. So bleibt mir nichts anderes übrig, als wieder zu tanzen. Wenn ich es mit Diane nicht darf, nun denn, fragen wir mal das kleine Mädchen. Die Eltern haben nichts einzuwenden, und sie sieht mich strahlend an. Während des Tanzes himmelt sie mich an. Das hebt ein wenig meine Stimmung, und ich bin nett zu ihr.

Und sie ist auch nicht mal dumm; im Gegenteil. Ich erfahre auch ihr Alter. Sie ist nicht siebzehn, so sieht sie nur aus, in Wirklichkeit ist sie zweiundzwanzig und an irgendeiner Zeitung als Volontärin angestellt. Ihr Traum ist es, Reporterin zu werden. Und ich denke mir: Du liebe Güte, da muss sie aber ihre Schüchternheit ablegen.

Natürlich bemerkt Diane uns und durchbohrt meinen Rücken. Es macht mich froh. Sie soll ruhig sehen, wie begehrt ich bin. Je höher die Trauben hängen, um so süßer sind sie. Ich gehe nicht zu ihr, denn Leo sitzt als Wächter an ihrer Seite. Wenn sie nicht kommt, nun denn, ich habe netten Ersatz. Nach dem Tanz laden mich ihre Eltern an den Tisch ein. Auch sie sind sehr nett und liebenswert.

Und als Marianne Hof, so heißt die Kleine, einmal hinaus geht, höre ich von der Mutter, dass sie einen schweren Autounfall hatte. Ob ich das Zucken im Gesicht nicht gesehen hätte? Nein, antworte ich wahrheitsgemäß.

Ja, seitdem sei sie so scheu geworden, und deshalb wären sie mit ihr hierher gefahren. Aber ich solle um Gottes willen nicht sagen, dass ich etwas davon weiß. Die Ärzte hätten ihr zwar versichert, diese kleine Lähmung würde mit der Zeit immer weniger, aber sie will nicht daran glauben, hält es für eine barmherzige Lüge. Mir tut das Mädchen schrecklich leid; und ich verspreche gern, mich ein wenig um sie zu kümmern. Wenn ich Diane nicht kennengelernt hätte... Sie ist wirklich ein ganz nettes Mädchen. Als sie wieder zurückkommt und allein quer durch den Raum gehen muss, da sehe ich, wie nervös und schüchtern sie ist, und bemerke das Zucken. Es sieht aus, als würde sie ständig komische Grimassen machen.

An diesem Abend tanze ich nicht mehr mit Diane. Sie ist plötzlich wie vom Erdboden verschluckt.

Ich tanze noch dreimal mit Marianne, und wir unterhalten uns dabei über ihren Beruf. Doch dann fühle ich mich müde und verabschiede mich von den Hofs.



3

Beim Frühstück treffe ich mit Diane zusammen. Ihr Vater will auf dem Zimmer frühstücken. Sie macht ein zorniges Gesicht.

»Na? Hat man sich gut amüsiert?«

Ich stehe auf und schiebe ihr einen Stuhl zu. »Diane«, sage ich weich, »glauben Sie mir, viel lieber hätte ich den Abend mit Ihnen verbracht. Aber Sie sind ja nicht mehr gekommen.«

Das scheint sie ein wenig zu trösten. Sie dreht sich um. Nicht weit von unserem Tisch entfernt sitzt Marianne mit ihren Eltern. Sie lächelt mir hilflos zu. Ich lächle zurück. Warum auch nicht?

»Wollen Sie sich nicht lieber zu Ihrer kleinen Freundin setzen?«, zischt sie mir ins Ohr.

Ich blicke sie überrascht an und lache auf. »Aber Diane, soll das vielleicht heißen, dass Sie eifersüchtig sind? Geliebte Diane, ich bete Sie an.«

Ihr Gesicht wird wieder weich. Sie bestellt das Frühstück. Dann lacht sie mich an.

»Sie sind mein Angestellter und müssen tun, was ich sage!«

»Gewiss, Gebieterin«, gehe ich auf den scherzhaften Ton ein. »Was belieben Herrin heute zu unternehmen?«

In mir ist alles ganz leicht und hell.

»Kann man hier Ski leihen?«

»Gewiss doch.«

»Gut, dann besorgen Sie uns zwei Paar und lassen Sie es auf unsere Rechnung schreiben. Dann kommen Sie zurück, und wir fahren hinauf.«

Wir schauen gemeinsam aus dem breiten Panoramafenster. Das Hotel ist der letzte Bau in der Talsenke, nicht weit von ihm entfernt heben sich die steilen Berge in den Himmel. Wir können die Gletscherbahn sehen. Daneben geht auch ein Sessellift hinauf, sehr steil hinauf.

»So nehmen wir also die Gondel«, sage ich heiter.

»Sind Sie ein Feigling?« Wieder flirren mich ihre Augen seltsam an.

»Ich weiß nicht«, sage ich ehrlich zögernd. »Ich bin hier groß geworden und fahre nicht das erste Mal hinauf. Es hängt nicht mit Mut zusammen, Diane«, sage ich ernst.

»Ich fahre mit dem Sessellift«, sagt sie und erhebt sich anmutig. »In einer Vierteilstunde stehe ich unten auf der Terrasse. Bis dahin müssen Sie die Ski beschafft haben.« Das klingt ziemlich herrisch.

Erhobenen Hauptes geht sie stolz durch den Raum. Viele verstohlene Blicke folgen ihr. Als ich ihr nachgehen will, muss ich am Tisch der Hofs vorbei.

»Guten Morgen, Herr Hofstätter«, sagt Frau Hof.

Ich erwidere den Gruß. Seltsamerweise sieht Marianne mich nicht an. Sie beschäftigt sich mit ihrem Brötchen.

»Wollen Sie auch zum Skifahren rauf?«

»Ja«, sage ich.

»Wir auch. Das heißt, ich und meine Tochter. Würde es Ihnen sehr viel ausmachen, für uns ein paar Ski zu besorgen?«

Ich denke an Diane, dann sehe ich Mariannes gebeugten Nacken. Warum soll ich ihr den kleinen Liebesdienst nicht erweisen, denke ich.

»Ja, natürlich. Ich bin gleich wieder zurück.«

Und ich bin früher zurück als Diane. Marianne und deren Mutter warten schon auf der Terrasse. Dann kommt Diane.

Ich denke, jetzt wird sie wieder wütend. Doch ich täusche mich. Ganz Weltfrau, begrüßt sie die beiden Frauen und gibt sich freundlich und nett. Marianne wirkt fade und unscheinbar neben der strahlenden Gestalt. In Zukunft wird Diane sich sehr viel mit ihr beschäftigen. Später weiß ich, dass sie es nur tut, um den richtigen Hintergrund für ihre Schönheit zu haben.

Die Hofs nehmen die Gondelbahn und sehen Diane ein wenig erstaunt an, als sie in den Sessellift steigt. Ich folge ihr mit den Skiern. Zuerst fahren wir zum Taxer-Joch. Hier sieht man nur vereinzelte Gletscherpartien. Wenn man Skifahren will, muss man noch höher hinauf. Dreimal müssen wir noch umsteigen, dann haben wir die Olperer Hütte erreicht. Wir sind am Ziel. Hinter uns ragt die Weißspitze mit ihren 3431 Metern auf. Es ist ein wundervoller Anblick. Der Himmel ist strahlend blau. Um uns herum dehnt sich eine weiße Welt aus. Hier oben gibt es nur die Skiläufer. Weiter unten sind die Sommerurlauber, die nur mal rauffahren, um die Gletscher zu sehen.

Von der Olperer Hütte aus kann man auch wunderbare Wanderungen über die Gletscher machen. Und ich muss daran denken, dass Leo so etwas vorhat. Ich hoffe nur, dass sein Herz diese Höhe verträgt. Ich frage Diane danach, doch sie lacht nur und sagt: »Was Vater sich vornimmt, das schafft er auch. Um den müssen Sie sich wirklich nicht kümmern.«

»Sollen wir nicht auf die Hofs warten?«

»Wieso denn? Sie sind mein Angestellter, Viktor!«

Zum ersten Mal nennt sie mich bei meinem Vornamen, und darüber vergesse ich ihr herrisches Wesen und bin schrecklich stolz. Ich bücke mich und helfe ihr, die Ski anzulegen. Dann mache ich mich selbst fertig. Ein wenig habe ich Angst, dass sie diese Abfahrt vielleicht nicht schafft. Aber Diane ist wie in vielem perfekt.

Herrlich! Für kurze Zeit vergesse ich sogar Diane. Alles berauscht mich. Da lebe ich in dieser zauberhaften Landschaft und komme fast nie dazu, sie zu erleben. Es sind sicher schon über zwei Jahre vergangen, seit ich auf den Brettern gestanden habe. Mit Genuss mache ich mich an die Abfahrt.

Weit, weit bleiben alle zurück. Ich fliege ihr nach, und dann sehe ich wieder das leuchtend blonde Haar, und mein Herz wird weit und froh. Ist das nicht Seligkeit, denke ich. Sie muss doch spüren, wie sehr ich sie liebe. Wir gleiten bis zum Taxer-Joch Haus hinunter. Atemlos stehen wir voreinander. Unser Gesichter sind erhitzt.

»Schön«, sage ich weich. »Es war wirklich schön.«

Diane wirft ihre Haare zurück und lacht aus vollem Halse.

»Sehen Sie sich das an, Viktor, dort kommt Ihre Freundin!«

Sie ist nicht meine Freundin, will ich sagen, aber unwillkürlich drehe ich mich um. Jetzt kommt Marianne den Hang herunter. Sie macht wirklich keine gute Figur. Sie fährt nicht schlecht, aber man spürt, dass sie Angst hat. Und wenn es ein wenig schneller wird, bremst sie gleich ab. Ich muss an den Unfall denken, vielleicht sind das noch die Nachwirkungen. Ich will mit Diane darüber sprechen, aber dann denke ich: Bestimmt wird sie dann denken, die interessiert mich wirklich.

»Komm«, sagt sie ein wenig herrisch. »Fahren wir wieder hinauf!«

Ich muss ihr folgen, obwohl ich gern auf das Mädchen gewartet hätte. Wenn sie auch nicht nah genug ist, so weiß ich doch, dass jetzt ihre Augen traurig aussehen.

Den ganzen Morgen halten wir uns oben auf, und wir sehen Marianne nicht mehr wieder. Sicher ist sie wieder ins Hotel zurückgefahren. Diane genießt es, von allen bewundert zu werden. Hier oben sind viele Gäste ohne ihre Frauen, und jetzt haben sie Schneid. Ich komme jetzt um vor Eifersucht.

Diane sieht es und will sich fast totlachen. Ich bin wütend darüber.

»Aber«, lacht sie und duzt mich zugleich, »nimm es doch nicht so schwer. Es ist doch alles nur Spaß, wirklich. Ich genieße das Leben und du bist ein Brummbär.«

Wir sind für Augenblicke allein, und ich lege meinen Arm um ihre Schulter.

»Diane«, stöhne ich, »du weißt, wie es um mich steht, nicht wahr? Bitte, verzeih mir, aber ich bin nun einmal so.«

Ihre blauen Augen schillern mich an. Ich möchte darin lesen, wissen, was sie denkt, aber natürlich geht das nicht. Komisch, denke ich, bei Marianne, die mich doch nichts angeht, konnte ich das sofort.

»Du bist ein dummer Junge, Viktor«, sagt sie und fegt weiter.

Müde und hungrig kommen wir gegen Mittag wieder im Hotel an. Leo sitzt auf der Terrasse und lässt sich von der Sonne bescheinen. Diane läuft auf ihn zu und küsst ihn.

»Es war herrlich, Vater! Und er passt wirklich gut auf!«

Er sieht sie skeptisch an. »Was ist los?«, brummte er.

»Gar nichts?«, lacht sie laut und läuft davon.

Ich weiß nicht, wieso, aber auf einmal darf ich bei ihnen am Tisch sitzen. Das habe ich Diane zu verdanken. Ich bete sie an. Sie ist ein wundervolles Mädchen! Marianne sitzt bedrückt auf ihrem Platz. Irgendwie habe ich ein schlechtes Gewissen, aber Diane versteht es, meine dummen Gedanken fortzustreichen.

Am Nachmittag soll ich mit Leo eine kleine Tour machen. Diane will nicht mitkommen. Mein Herz wird unruhig. Ich möchte sie keine Sekunde aus den Augen lassen. Ich kann es einfach nicht ertragen, wenn sie mit anderen Männern flirtet.

Leo steht vor dem Hotel. Ich darf den Rucksack tragen. Lachend frage ich ihn, ob er vielleicht über Nacht bleiben wolle. Der Rucksack ist ziemlich schwer.

»Ich sorge immer vor. Leo Ackermann denkt an alles«, sagt er nur und stapft davon.

Ich habe ihn unterschätzt, er ist zäh und ausdauernd. Zwar keucht er wie eine altersschwache Dampflokomotive, aber er schafft es tatsächlich. Und die Wege hier sind recht steil. Auch ich komme ins Schwitzen.

»Hoffentlich verliere ich ein paar Pfündchen dabei«, grunzt er und kraxelt vor mir weiter.

Als wir oben sind, lässt er sich hinfallen, seufzt und verlangt den Rucksack. Das erste, was er herausholt, ist wieder der Flachmann. Er grinst mich an. »Den hab ich immer bei mir. Mein Lebenselixier, verstehste!«

Ich möchte ihn warnen. Das ist wirklich nicht gut, und wenn er abnehmen will, auch nicht die richtige Medizin. Aber ich kenne meinen Arbeitgeber schon so gut, dass ich weiß, dass nur seine Meinung gilt. Er hat es nicht gern, wenn man gegen seine Meinung redet. Und so unterlasse ich es.

Befriedigt schaut er sich um.

»Nicht übel«, sagt er und pafft eine Zigarre an. »Wirklich, nicht übel. Müssen mal nach Hamburg kommen, da werden Sie staunen. Die Berge sind schön, aber die Weite, Donnerwetter, wenn man so am Meer steht und gucken kann, bis einem die Augen aus dem Kopf fallen, Sie, das ist wirklich fein.«

Ich sage: »Jeder liebt seine Heimat, das ist ganz natürlich.«

»Und die vielen Möglichkeiten, die man bei uns hat. Hier die Berge, da verändert sich doch nichts.«

»Ist das nicht schön?«

Er sieht mich schräg an. »Sie wollen wohl nicht in die Industrie, was?«

»Doch, natürlich. Wir brauchen sie ja auch. Österreich hat sie auch. Aber wir brauchen auch Orte wie diese, zum Ausruhen.«

Wieder sieht er mich an.

»Ist doch ein kleines, muffiges Örtchen. Hab mir viel versprochen, ehrlich. Mehr Häuser, mehr Hotels, ich seh das schon alles vor mir. Der Ort würde richtig aufleben.«

»Und keine Touristen würden mehr kommen«, sage ich. »Na, wir haben schon so manche Gegend verschandelt. Ich hoffe, die Regierung begeht nicht wieder den Fehler. Die Menschen, die zu uns kommen, die wollen Ruhe haben und die Natur genießen. Und wenn wir die verbauen, dann können sie ja gleich daheim bleiben und brauchen sich nicht auf den weiten Weg zu machen.«

Wie ich gesagt habe, jetzt ist er verschnupft. »Das verstehen Sie nicht! Sie werden nie einen guten Geschäftsmann abgeben!«

Überrascht sehe ich ihn von der Seite an. Hat Diane vielleicht von mir gesprochen? Weiß er, dass wir uns lieben? Soll das etwa heißen, dass er mich schon als Schwiegersohn sieht? Aber er weiß doch, was ich studiere. Für Augenblicke schließe ich die Augen und sehe Diane vor mir. So sehr ich sie auch liebe, aber ihretwegen den Beruf aufgeben, mein Studium? Nein, das wird sie auch nicht von mir verlangen.

»Machen wir uns wieder an den Abstieg?«

Ich stopfe alles in den Rucksack. Dabei sehe ich auch, dass er einen Regenmantel und Brote mitgenommen hat. Er ist wirklich ein Pedant, und ich muss lächeln.

Der Abstieg geht schnell, und wir sind zum Kaffeetrinken wieder im Hotel. Meine Augen suchen Diane. Aber sie ist nicht da. Man sagt ihrem Vater, dass sie nach Mayrhofen gefahren sei, mit dem Wagen.

»Himmelkreuzdonnerwetter!«, poltert er los. »Bei diesen Straßen! Sie wird ihn mir zuschanden fahren.«

Unwillkürlich denke ich: Kann man denn noch schlechter fahren als Leo? Aber er hat recht, die serpentinenartigen Straßen erfordern wirklich sehr viel Geschick. Ich werde unruhig. Schon sehe ich sie in einer Schlucht liegen.

»Und man kann nichts machen«, knurrt der Vater. »So ist sie, tut immer was ihr gefällt; fragt gar nicht, ob ich mich darüber aufrege. Macht sich einen Spaß daraus.«

Warum hat sie nicht gewartet, denke ich verzweifelt. Wie gern wäre ich mit ihr gefahren. Ich hätte ihr die Stadt gezeigt, und wir hätten viel Spaß miteinander gehabt.

Als ich auf mein Zimmer gehen will, treffe ich Marianne. Mir ist nicht ganz wohl in meiner Haut.

»Grüß Gott, Fräulein Marianne! Entschuldigen Sie, dass wir heute morgen nicht gewartet haben. Sie müssen wissen, ich bin als Führer eingestellt worden, muss mich nach den Herrschaften richten.«

Wirklich, ich bin ein blöder Kerl. Wieso entschuldige ich mich, das brauch ich doch gar nicht. Aber irgend etwas zwingt mich dazu.

»Ach so«, sagt sie leise und geht weiter.

Ich bleibe auf der Treppe stehen. Irgendwie habe ich das Gefühl, ziemlich schlecht gehandelt zu haben. Ich habe Diane bloßgestellt. Ob sie mir das je verzeihen kann?

Aber dann verscheuche ich meine Gedanken und laufe in mein Zimmer. Da ich nicht weiß, was ich mit meiner freien Zeit beginnen soll, greife ich zu meinen Büchern. Aber ich finde keine Ruhe. Immer wieder springe ich auf und stürze zum Fenster, wenn ein Auto vorüberfährt. Aber die, die ich so sehnsüchtig erwarte, kommt nicht. Es wird dunkel, und ich gehe unter die Dusche.

In Halle und Speiseraum brennen die Kerzen. Als wäre nichts gewesen, sitzt Diane mit ihrem Vater am Tisch.

Sie trägt ein zauberhaftes Dirndl. Es steht ihr ausgezeichnet. Ich finde es nur ein wenig tief ausgeschnitten.

Als ich näherkomme, höre ich Diane gerade zu ihrem Vater sagen: »Hältst du mich wirklich für so dumm? Keine Angst, ich bin doch nicht verrückt. Es macht mir Spaß, und die Langeweile vergeht, mehr nicht, hörst du?« Und dann lacht sie herzlich auf.

Ich sage: »Grüß Gott, Diane.«

Schlagartig verstummt sie und sieht mich böse an. »Wie lange stehst du denn schon hier herum?«

»Gar nicht«, sage ich und wundere mich ein wenig über ihr seltsames Wesen.

Sie sieht mich von der Seite an, scheint mir dann zu glauben und lacht weiter. Jetzt lacht Leo auch. Ich möchte gern wissen, worüber die beiden lachen. Aber ich wage nicht zu fragen. Auch möchte ich ihr ein klein wenig Vorhaltungen machen, dass sie ohne mich fortgefahren ist.

Diane ist so anders. Wenn ich sie nicht verstimmen will, muss ich sie an der langen Leine halten, das spüre ich. Mir tut es weh, aber ich kann mich nicht von ihr lösen.

Das Abendessen wird serviert. Leo ist aufgeräumter denn je, und es macht ihm nichts mehr aus, dass ich seine Tochter anbete. Ein Blinder muss schon merken, wie verliebt ich bin. Sein Stillschweigen ermuntert mich noch.

Diane sonnt sich im Licht meiner Liebe und genießt es. Ich merke, dass man schon zu uns herübersieht. Heute Nachmittag sind wieder neue Gäste eingetroffen. Und mit Stolz stelle ich fest, dass ich so manchen Blick einheimsen kann. Das lässt meine Brust noch mehr anschwellen.

Nach der anstrengenden Bergtour will Leo sich ausruhen und geht mit uns in die Bar, um sich mit einem Herrn, den er in der Hotelhalle kennengelernt hat, in eine Nische zu setzen. Dort unterhalten sie sich über Geschäfte.

Ich tanze mit Diane. Heute wird sie mir den ganzen Abend gehören.

»Liebste, ich glaube, dein Vater mag mich inzwischen auch. Er ist schon viel netter zu mir.«

»Wirklich?«, sagt sie und wirft ihre Haare zurück.

»Ach, ich weiß ja gar nicht, was ich sagen soll. Seit ich dich kenne, hat sich mein Leben grundlegend verändert. Obwohl ich meine Heimat über alles liebe, werde ich jetzt wohl sehr oft nach Hamburg fahren«, seufzte ich elegisch.

Sie wirbelt mich herum.

»Schau, dort ist ja wieder deine kleine Freundin!«, sagt sie lachend. »Weißt du eigentlich, dass sie dich anbetet? Sie ist in dich verschossen, bis über beide Ohren.«

»Aber Diane!«, sage ich vorwurfsvoll, nicht, weil ich merke, dass sie mir gar nicht zugehört hat, sondern weil ich es einfach nicht vertragen kann, wenn sie über Marianne spricht.

»Woher willst du das wissen? Ach, du ziehst mich nur auf! Ich soll mich wohl ärgern, wie?«, rufe ich lachend.

»Ihr Männer seid Holzklötze«, sagt sie ein wenig grob. »Ihr merkt gar nichts. Ich weiß das. Sollen wir sie fragen?« Schon will sie mich an die Bar ziehen.

Jetzt werde ich ernstlich böse, und sie merkt es. Dann findet ihr Blick ein anderes Opfer. Es ist ein junger Mann, der sie heute morgen oben an der Gletscherhütte ununterbrochen angestarrt, sozusagen von weitem den Hof gemacht hat. Er ist mit seiner Frau hier; und natürlich tut er jetzt so, als kenne er Diane nur ganz flüchtig.

»Das ist mir ja einer!«, sagt sie lachend. »Du, dem werde ich es zeigen! Oben so zu tun, als wäre er in mich verliebt, und hier unten eine Miene aufsetzen, als könne er kein Wässerchen trüben!«

Ich lache mit Diane. Nie im Leben halte ich es für möglich, dass sie es tatsächlich tut. Man sagt ja so vieles daher. Aber nicht Diane, wie ich sehr schnell erfahren soll. Ehe ich noch etwas erwidern kann, hat sie sich von mir gelöst und geht zu ihm hinüber. Strahlend blickt sie ihn an. Und laut fragt sie ihn, ob er denn morgen auch wieder oben sei. Heute wäre es ja wundervoll gewesen. Und sie würde ganz bestimmt auf ihn warten.

Seine Frau wird schneeweiß; und er hat ein Gesicht, als würde er jeden Augenblick einen Schlaganfall bekommen. Nein, bei aller Übermütigkeit, das ist doch zu viel! Unwillkürlich schaue ich zu Marianne hinüber. Sie ist auch weiß geworden. Alle in der Bar haben es mitgehört. Für Sekunden ist es totenstill. Ich weiß nicht, was Diane erwartet hat, aber diese Reaktion bestimmt nicht. Vielleicht mag man in Hamburg so etwas anders auffassen, vielleicht sogar als einen lustigen Scherz. Aber hier...

Sie steht mitten in der Bar, und jetzt merke ich, dass auch sie sich nicht ganz wohl in ihrer Haut fühlt. Die Musik beginnt wieder zu spielen. Für Sekunden denke ich daran, fortzugehen. Ich brauche jetzt Luft, frische Luft.

Ich bin noch nicht bis an die Tür gekommen, da ist Diane schon bei mir. Sie macht ein zerknirschtes Kleinmädchengesicht und ist voller Reue.

»Aber ich wollte doch nur einen Spaß machen!«, sagt sie kleinlaut. Woher soll ich wissen, dass das alles nur gespielt ist? Niemand sagt mir, dass sie ein Herz aus Stein hat, nur sich und nochmals sich liebt und grausam zu anderen ist. Niemand sagt mir das. Ich Trottel sehe nur immerzu die äußere Hülle, und glaube ihr aufs Wort. Wenn ich auch manchmal erschrecke und instinktiv das Richtige tun möchte, wenn sie dann zu mir zurückkommt, verzeihe ich ihr immer wieder. Ja, dass sie zu mir kommt, das halte ich auch noch für die große Liebe.

Ich packe sie bei den Schultern.

»O Diane, Diane du bist noch manchmal ein sehr, sehr großes, kleines Mädchen«, sage ich.

»Es tut mir ja so leid«, sagt sie zerknirscht.

Und dann presst sie ihren weichen Körper an meinen; und meine Sinne schwinden mir.

»Diane!«, keuche ich und schlinge meine Arme um ihren Körper. Ich spüre ihr Haar auf meinem Gesicht, ihren Duft. Ich bin voller Zärtlichkeit.

Wir stehen auf der Terrasse. Niemand ist da. Über uns der tiefdunkle Himmel mit den vielen vielen Sternen. Ich fühle das Glück in mir hochsteigen. Kann man das noch ertragen? Kann man das wirklich?

»Ach, mein kleines dummes Mädchen. Ich glaube, ich muss dich wohl beschützen, Diane.«

»Ja, Viktor, ja«, seufzt sie und hebt ihren Kopf.

Und ich blicke ihr in die Augen. Warum ist es jetzt nicht hell? So gern möchte ich wissen, ob sie jetzt strahlen, ob ich jetzt in ihnen die Liebe lesen kann!

Ich beuge mich über sie, und dann küssen wir uns. Eine heiße Flamme springt in mir hoch, kitzelt meine Nerven. Kaum kann ich mich noch beherrschen. Aber dann, im höchsten Glückstaumel denke ich unwillkürlich: Woher kann sie so gut küssen? Das ist ein Kuss, der mir alles Leben aus dem Körper ziehen will. Sie ist doch nicht mehr so unschuldig, wie ich denke.

Ein ganz klein wenig abgekühlt, hebe ich den Kopf und sehe sie wieder an.

Diane scheint zu begreifen, was in mir vorgeht. Sie lacht wieder ihr perlendes Lachen.

»He, ich bin ein Großstadtkind, Viktor! Ich lebe nicht hier in den Bergen. Bei uns, weißt du, ein Kuss, du liebe Güte, das zählt doch nicht. Wir tun es so aus lauter Freude. Wir küssen alle, die Freundinnen auch.«

»Wirklich«, murmele ich leise.

»Jetzt bist du mir wieder böse«, sagt sie schmollend. »Ach Viktor, woher sollte ich denn wissen, dass ich dich einmal kennenlerne.«

»Wirklich, Diane, ich bin ein Tölpel«, gebe ich zerknirscht zu und küsse wieder den roten Mund.

Dann habe ich das Gefühl, dass man uns beobachtet, und ich höre auf. Hinter der Scheibe sehe ich einen blassen ovalen Fleck. Und in dem Augenblick, als ich hinschaue, verschwindet er wieder. Schon will ich an eine Täuschung glauben, da sagt Diane: »Sie spioniert dir nach, Viktor.« Und wieder lacht sie perlend.

»Wer?«, frage ich verdutzt.

»Wer schon! Du bist wirklich dumm.«

»Bitte, hör auf.«

»Langsam glaube ich, dass du sie liebst und nicht mich«, gibt sie pikiert zurück. »Immer wenn ich von ihr rede, verteidigst du sie.«

»Hör zu, Diane, ich wünsche nicht, dass du so von ihr sprichst. Sie ist ein sehr nettes Mädel; und du weißt ganz genau, dass ich nur dich liebe. Nur dich, und das wird sich nie ändern. Marianne tut mir herzlich leid. Sie hat vor gar nicht langer Zeit einen schweren Unfall gehabt und leidet noch immer darunter. Deshalb möchte ich nicht, dass du so abfällig von ihr sprichst.«

»Ach, sie hat sich also schon an deinem Busen ausgeweint! So eine Schlange ist das also! Nein, wirklich, das hätte ich ihr nicht zugetraut«, sagt sie mit böser Stimme.

»Marianne hat mir gar nichts erzählt. Es war ihre Mutter. Sie ahnt nicht, dass ich alles weiß«, gebe ich ruhig zurück. Aber seltsamerweise ist mir gar nicht so ruhig zumute.

Ich möchte wieder hineingehen. Diane hat nichts dagegen. Der junge Mann und seine Frau sind aus der Bar verschwunden. Marianne sitzt in der Nische bei ihren Eltern. Als sich unsere Blicke zufällig kreuzen, stelle ich mit Bestürzung fest, dass sie mich unsagbar traurig ansieht.

Ich habe das dumpfe Gefühl, als hätte sie unsagbares Mitleid mit mir. Das verstehe ich nicht. Verwirrt blicke ich fort. Wieso, denke ich. Ich habe das schönste Mädchen für mich gewonnen, und reich ist sie außerdem. Das spielt aber keine so große Rolle für mich. Die Liebe ist wichtiger. Ich würde es verstehen, wenn sie traurig ist, weil ich nicht sie erwählt habe. Warum aber hat sie Mitleid mit mir?

Diane kommt wieder zurück, und wir tanzen die ganze Nacht miteinander. Sie lacht perlend und ist ausgelassen und übermütig. Aber sie eckt nirgendwo mehr an. Brav hält sie sich an meiner Seite. Immer wieder treten wir mal auf die Terrasse hinaus nicht um den dunklen Nachthimmel zu bewundern, sondern wir küssen uns dann leidenschaftlich.

Aber dann sind die Musiker müde, und wir müssen auf unsere Zimmer gehen. Ich habe einen kleinen Schwips und finde das Leben wunderbar. Vielleicht, denke ich, können wir sehr bald heiraten. In Hamburg gibt es auch eine Universität, dort könnte ich dann zu Ende studieren. Ach, Diane, lächle ich im Traum.



4

Am nächsten Morgen steigt die Sonne wieder klar und hell über die Berge. Diane will wieder hinauf und Ski laufen. Ihr Vater will sich diesmal anschließen.

»Soll ich noch ein paar Ski besorgen?«, frage ich höflich.

»Nein, ich will mir die Haxen nicht brechen«, lacht Leo schallend. »Ich gehe nur mit hinauf und sehe mir den Gletscher an.«

»Ja, die sind wirklich sehenswert.«

»Und übermorgen spazieren wir dann los«, sagt er. »Diane, willst du auch mit?«

»Nein, das ist nichts für mich. Ich bleibe dann unten. Oder ich geh allein Ski laufen.«

Das höre ich gar nicht gern. Dumpf spüre ich, dass sie sich dann anderen Männern zuwenden wird. Und so sage ich schnell: »Es ist gar nicht gefährlich, wirklich nicht. Wenn man sich entsprechend kleidet und auf den Führer hört, dann ist so eine Gletscherwanderung ein hübscher Spaziergang.«

Sie sieht mich mit ihren grünen Augen sprühend an. »Für euch mag das schön sein, für mich ist das nur langweilig.«

Und dann sagt der Vater etwas, das mir eigentlich zu denken geben müsste aber wie gesagt, ich habe ein Brett vor dem Kopf: »Diane macht nur Dinge, bei denen sie bewundert werden kann. Sie braucht immer Zuschauer, sonst macht ihr das Leben keinen Spaß.« Leo findet das furchtbar lustig und lacht mit seiner Tochter.

Ich muss wohl ein ziemlich dummes Gesicht machen.

Diane steht auf, ohne zu fragen, ob ich fertig bin oder nicht.

»Komm, fahren wir hinauf.«

Wie ihr ergebener Diener tue ich alles, was sie von mir verlangt. Ich bin ja schon froh, wenn sie nur in meiner Nähe ist. Sehr wohl merke ich, dass sie nie von sich aus zeigt, wie sehr sie mich liebt. Aber ich sage mir: So sind nun mal die Mädchen, scheu und zurückhaltend in der Öffentlichkeit. Aber auch wenn wir allein sind, tut sie es nicht.

Diesmal fahren wir mit der Gondelbahn nach oben. Die gestrige Fahrt mit dem Sessellift hat mir gereicht. Oben hat man mir schwere Vorwürfe gemacht. Diane war ganz weiß gewesen. Man will hier keinen Unfall; das ist nicht gut fürs Geschäft. Diane willigt ein. Vielleicht tut sie das auch nur, weil im Augenblick nicht viel Volk hier ist.

Bald sind wir auch wieder an der Olperer Hütte. Es wird bald Herbst; in der letzten Nacht ist hier schon ein wenig Schnee gefallen. Diane sieht das mit Staunen.

»So verschieden ist bei uns die Natur«, sage ich. »Unten ist noch Sommer, und hier oben wirds bald Winter. Aber wir hier im Zillertal sind es gewöhnt, recht früh eingeschneit zu werden. Weißt du, Diane, früher, als es die breite Straße noch nicht gab, da kam es vor, dass wir oft monatelang von der Außenwelt abgeschnitten waren. Das ist noch gar nicht so lange her. Nach dem letzten Krieg war das noch der Fall. Erst als die Touristen allmählich nach Österreich kamen, hatte unser Staat Geld genug, Straßen und Tunnel durch die Berge zu bauen.

Wenn früher einer krank wurde, war das sehr schlimm. Da musste sich dann ein ganzer Trupp aufmachen, über die Berge hinüber ins Inntal. Es gingen immer mehrere zusammen, damit wenigstens eine Gruppe ankam. Und dann musste man in den nächsten größeren Ort wandern, wie Rattenberg oder Wörgl. Dann kam der Arzt mit, und das dauerte natürlich auch seine Zeit.

Wenn jemand starb, musste man bis zum Frühjahr warten, um ihn beerdigen zu können, weil die Erde zu hart war, um ein Grab zu schaufeln. Aber jetzt ist das schon längst nicht mehr so. Sicher, hin und wieder werden wir noch eingeschneit, besonders das Stück zwischen Mayrhofen und Länersbach mit den vielen Serpentinen und den steilen Strecken und Schluchten. Aber höchstens ein, zwei Tage sind wir abgeschnitten, dann kommen die Schneeräumer und die Gäste können wieder bis nach Hintertux kommen. Schließlich ist nach Tirol das Zillertal der bekannteste Flecken von Österreich.«

Ich glaube, das alles interessiere sie. Aber dieser Eindruck verfliegt rasch, und so breche ich meinen Vortrag ab und sage: »Sicher bist du nur die Weite gewöhnt. Dein Vater sprach einmal davon. Die Berge für den Urlaub, ja, aber immer hier wohnen? Sag, könntest du das?«

»Hier in diesem Nest?«, sagt sie verächtlich. »Bist du verrückt?«

»Aber Diane«, sage ich weich, »gibt es nicht den schönen Satz: Wo du hingehst, da will ich auch sein?«

Sie sieht mich erheitert an.

Ich werde rot. Jetzt habe ich mich richtig dumm benommen, und das noch vor einem Stadtmädchen! So etwas kann man vielleicht zu unseren hiesigen Mädchen sagen, aber nicht zu Diane.

»Ich liebe dich«, sage ich zärtlich. »Diane, ich liebe dich sehr. Nicht wahr, du glaubst mir doch?«

»Himmel, Viktor, hör auf zu reden! Ich will jetzt Ski laufen und sonst gar nichts.« Und schon fegt sie davon.

Mir bleibt nichts anderes übrig als ihr zu folgen. Bald ist es hier oben so voll, dass ich Mühe habe, sie wiederzufinden. Und dann habe ich sie wirklich aus den Augen verloren. Da sie aber eine gute Skiläuferin ist, mache ich mir keine Sorgen. Sie ist nun einmal so frei erzogen, denke ich. Aber wenn ich dann andere Liebespaare hier oben sehe, dann gibt es mir doch einen kleinen Stich ins Herz. Warum kann sie nicht so weich und anschmiegsam sein? Nur weil sie aus dem kühlen Norden kommt?

Ich stoße auf Mariannes Vater. Wir stehen eine Weile zusammen und sehen uns das Treiben an.

»Heute allein?«, fragt er und sieht mich ruhig an.

»Nein«, sage ich, »wir haben uns verloren.«

»Ach so.«

Plötzlich werde ich wütend. Wenn du mir jetzt deine Tochter an den Hals wirfst, dann haue ich aber ab, denke ich zornig. Was geht mich deine Tochter an!

Aber er spricht gar nicht von Marianne, sondern er weiß die Natur zu würdigen. Und er hört gern, was ich ihm über das Zillertal erzähle. Gemeinsam gehen wir zurück zum Taxer-Joch Haus. Dort setzen wir uns auf die breiten Holzbänke und lassen uns einen Enzian servieren. Der wärmt uns hübsch auf. Wenn die Sonne hinter der nächsten Bergspitze verschwindet, dann wird es recht kalt hier oben. Langsam lichtet sich auch das Menschenbündel. Um vier Uhr fährt die letzte Gondel nach unten.

Diane ist nirgends zu finden. Herr Hofer scheint meine Gedanken lesen zu können.

»Sie kommt nicht unter die Räder. Sie nicht«, sagt er mit fester Stimme.

»Nein«, sage ich, »sie kann hervorragend fahren.«

Er sieht mich von der Seite an. »Das habe ich gerade nicht gemeint.«

»Was dann?«

Aber er kann mir nicht mehr antworten. Wir müssen einsteigen und stehen zwischen anderen Menschen dicht gedrängt und fahren nach unten ins Tal.

Hier erst finde ich meine Diane wieder. Ein Sonderbus ist angekommen. Viel junges Volk ist zu einem Tagesausflug nach Hintertux gekommen. Und mitten in diesem Gewühl, zwischen ein paar jungen Männern, steht meine Diane. Ihr Gesicht strahlt, und sie sprüht nur so. Seltsamerweise werde ich nicht eifersüchtig, sondern bin furchtbar stolz. O ja, ich bilde mir eine Menge darauf ein! Welcher Mann hat es nicht gern, wenn er sieht, dass sein Mädchen von anderen Männern bewundert wird!

Ich trete hinzu und sage: »Hallo, Diane, da bist du ja!«

Die jungen Männer treten sofort einen Schritt zur Seite. »Ja, dann müssen wir wohl«, sagen sie und gehen fort.

Diane wendet sich mir zu und ist wütend.

»Was fällt dir ein!«, zischt sie mir zu.

»Diane«, sage ich entsetzt, »ich habe dich gesucht.«

»Und das hältst du für einen Grund, mich zu stören? Hast du nicht gesehen, dass ich mich unterhalten habe?«

Mein Schweigen macht sie nervös.

»Ich bin kein kleines Kind mehr! Du brauchst mich nicht auf Schritt und Tritt zu begleiten!«, faucht sie.

Und ich denke: Jetzt ist sie wieder das ungezogene kleine Mädchen. Im Augenblick kann man kein vernünftiges Wort mit ihr reden. Ich drehe mich um und gehe zum Hotel zurück.

Diane wirft den Kopf in den Nacken und freut sich. Aber dann sieht sie, dass man einen großen Bogen um sie macht und sie verstohlen von der Seite ansieht. Diese blöden Einheimischen, denkt sie wütend und stapft hinter mir her. Ich höre ihren Schritt, tue aber so, als wisse ich nicht, wer das ist. Und so muss sie ihre Ski selbst heimtragen.

Und als wir dann noch in der Halle hören, dass heute in der Bar nichts los ist, wird sie wieder wütend und verlangt von ihrem Vater, dass er mit ihr nach auswärts fährt.

»Nein mein Mädchen, das tue ich nicht. Ich bin zum Ausruhen hier. Das hat mir der Onkel Doktor verschrieben. Und außerdem gehe ich heute früh ins Bett. Morgen wollen wir ja rauf in die Gletscher, und da will ich hübsch frisch und munter sein. Ist ja kein Pappenstiel.«

Jetzt bin ich ihr wieder gut genug. Wäre das vorhin nicht passiert, dann wäre ich wieder weich geworden. Aber ich habe auch meinen Stolz. Sie soll nur nicht denken, ich wäre ein Hampelmann.

»Ihr seid langweilig, stinklangweilig!«, schreit sie uns an und rennt dann die Treppe hinauf.

»Auweia, die hat mal wieder ihre Mucken«, brummt der Vater und geht ihr nach.

Am liebsten möchte ich ihm sagen, dass er sie verzogen hat, dass das sein Werk ist. Ja, ja, wenn einfach Leute plötzlich zu viel Geld kommen, steigt ihnen das zu Kopf.

Ich kann noch nicht so früh schlafen gehen. Und so verlasse ich das Hotel und gehe in Hintertux in eine kleine Gaststube. Dort treffe ich Leute von Aschau, und es gibt eine stürmische Begrüßung.

»Ja, dass man dich auch mal wiedersieht! Was machst du denn hier? Ich denk, du studierst in Innsbruck? Oder hast du keine Lust mehr und kommst als einfacher Mensch zurück?«

Ich sage dem Sepp, warum ich hier bin, und er pfeift durch die Zähne.

»Du hast es schon immer verstanden, dir die besten Rosinen aus dem Kuchen zu holen. Na ja, ich gönn sie dir«, grinst er mich an.

Wir reden die halbe Nacht und trinken so manche Maß. Jetzt habe ich meinen Ärger hinuntergespült und gehe leicht beschwingt zum Hotel zurück. Über der Kaiserspitze liegt eine dunkle Wolke. Es wird doch dort nicht schneien, denke ich unwillkürlich. Damit rechnen muss man natürlich.

Ich bin müde, und so mache ich mir keine Gedanken mehr, werfe mich auf mein Bett und bin bald eingeschlafen.


5

Am Frühstückstisch sind wir wieder vereint. Diane ist ein wenig still und wartet darauf, dass ich beginne. Leo tut, als merke er nichts von unserer Verstimmung, er ist wie ein Bergsteiger angezogen, und sein Rucksack ist arg geschwollen. Mit anderen Worten, ich muss mich mit diesem Gepäck abplagen.

»Wir sind am Nachmittag wieder unten, Diane«, sagt Leo. »Was wirst du inzwischen tun?«

Sie zuckt die Schultern. »Weiß ich noch nicht. Erst Karten an meine Freundinnen schreiben. Ich krieg die Zeit schon tot.«

Dabei meidet sie meinen Blick. Spürt sie denn nicht, wie sehr ich mich freuen würde, wenn sie mitkäme? Aber ich schweige. Betteln will ich nicht.

Dann machen wir uns an den Aufbruch. Wie gesagt, ich darf den schweren Rucksack schleppen. An den Gletschergondeln ist noch nicht viel los.

»Wo solls denn hingehen?«, fragt uns der Bergwart munter.

»Rauf, eine Gletscherwanderung«, sage ich.

»Aha. Na, dann viel Spaß. Ich glaub, oben liegt frischer Schnee. Musst halt ein bissel aufpassen, Viktor.«

»Geh ja nicht das erste Mal rauf«, sage ich und steige ein.

»Wann seid ihr denn wieder unten? Weißt doch, die letzte Gondel fährt um vier ab.«

»Werden wir schon nicht verpassen, Lois. Heut Abend ist ja wieder Tanz, und den möcht ich nicht verpassen.« Und ich lache herzlich auf.

Während wir mit der Gondel hinauffahren, wir sind ganz allein, und Leo pafft seine Zigarre, fragt er mich, wieso ich denn aufpassen müsste.

»Das ist so: Wenn frischer Schnee gefallen ist, sieht alles gleich aus, aber unter der Schneedecke sind breite Gletscherspalten, und die sind nicht ungefährlich.«

»Aha«, brummt er gelangweilt. »Na ja, bist ja ein guter Führer. Umsonst geb ich mein Geld nicht aus.«

Ich schaue ins Tal hinab. Die Häuser werden immer kleiner. Jetzt sind sie nur noch kleine Punkte. Ich frage mich, was Diane jetzt wohl macht. Vielleicht steht sie am Fenster und schaut zur Frauenwand hinauf. Dort ist unsere erste Station. Hier liegen noch nicht viele Gletscher. Wir verlassen den Lift, ich schultere den Rucksack.

»Es liegt tatsächlich frischer Schnee«, sage ich und prüfe wie viel am Boden liegt.

Leo Ackermann, der gewichtige Fabrikant aus Hamburg, steht da und schaut sich um. Hier oben verstummen alle hässlichen Gefühle. Mir ist jedenfalls so zumute. Hier oben fühlt man sich dem Himmel ein Stück näher.

Er holt tief Luft und sagt »Schön.« Mehr nicht.

Er hat eben auch noch das Gefühl in sich, denke ich unwillkürlich. Und dann marschiere ich los. Immer weiter und weiter wandern wir über die Gletscher. Vorbei an Gletscherbrüchen, die oft recht seltsame Gestalten angenommen haben. In der Sonne wirken sie fast durchsichtig. Und einmal stehen wir auch an einer breiten Spalte. Von unten kommt kalte Luft herauf und schlägt uns ins Gesicht.

Wir sind ganz allein, und es ist wunderschön. Plötzlich habe ich alles abgestreift. Für Minuten vergesse ich meine Liebe, meine Sehnsucht und die Sucht, das Leben nicht zu verpassen. Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt, und bis jetzt habe ich nur Arbeit und Lernen gekannt. Einmal muss doch auch für mich das wirkliche Leben beginnen. So denke ich oft, aber nicht in diesem Augenblick. Ich sehe nur die Schöpfung, und die ist großartig, macht mich stumm und ehrfürchtig.

Hinter den spitzzackigen Gipfeln liegt Tirol. Heute ist eine wunderbare Sicht! Zauberhaft schön!

»Machen wir weiter?«

Leo bringt mich auf die Erde zurück. Ihn habe ich auch vergessen.

»Ja«, sage ich zögernd.

Vor uns türmt sich ein Gebirge aus Kristallen. Es schimmert bläulich grün. Leo stapft vor mir her. Damit wir uns nicht verlieren, haben wir uns angeseilt. Das ist auch Vorschrift. Lose hängt das Seil zwischen uns. Er geht rasch. Ich bin noch immer in Gedanken. Aber plötzlich höre ich ein seltsames Geräusch. Sofort bleibe ich stehen und lausche.

»Bleiben Sie stehen!«, rufe ich Leo zu.

Er grunzt und wendet sich unwillig um. »Warum? Ich will die komischen Figuren da hinten fotografieren. Schließlich sollen sie in Hamburg sehen, wo ich war!«

»Nein, das geht nicht.«

»Wie?« Er sieht mich böse an. »Warum nicht?« Sein Gesicht rötet sich.

»Ich weiß nicht«, sage ich. »Ich glaube, hier sind Spalten.«

»Ach, Sie glauben das nur?« Er lacht dröhnend. »Sie wollen sich wohl wichtig machen? Nun schön, ich weiß, dass Sie ein guter Führer sind. Aber das mit Spalten ... Ich seh hier nur eine weiße Fläche. Vorhin, ja da hab ich sie mit eigenen Augen gesehen.«

Wir sind sehr weit gewandert. Bis hierher kommen gewöhnlich keine Touristen. Aber ich bin ein Kind der Berge. Schmale Spalten werden oft mit einer ganz dünnen Schnee und Eisschicht bedeckt. Dann kann man sie nicht mehr von ihrer üblichen Umgebung unterscheiden.

Leo stapft schon wieder los. Er will fotografieren. Natürlich sind die gezackten Säulen wunderschön anzusehen. Und besonders, als in diesem Augenblick die Sonne dahintersteht.

Das Seil strafft sich. Zögernd gehe ich ein paar Schritte mit, aber wieder ist so ein eigenartiger Ton in der Luft. Es hört sich an, als zerbreche Glas. Und dann... Ach, ich weiß nicht mehr, hat es nur Sekunden oder eine Ewigkeit gedauert? Plötzlich wirft der dicke Mann vor mir die Arme in die Luft. Er schreit auf, dass es von den Bergen zurückhallt. Er taumelt und will sich halten. Das Seil ist zum Zerreißen gespannt. Und jetzt weiß ich: Er ist eingebrochen. Meine Vermutung war also richtig. Ich habe mich nicht getäuscht. Dann geht alles furchtbar schnell. Er ist größer und viel, viel schwerer als ich. Er sinkt in die Tiefe. Ich stemme mich im letzten Augenblick in den harten Gletscherschnee, aber ich werde wie eine Feder weggeschleudert. Nirgends ist für mich ein Halt. Und ich werde mit in die Tiefe gezogen. Schon sehe ich den gezackten Rand.

Ich stürze! An der Wand entlangrutschend, stürze ich hinter Leo in die Tiefe. Polternd kommt noch eine Schneeladung hinter mir her. Aber sie ist pulverig und erstickt mich nicht. Ich rudere mit den Armen. Der Rucksack ist furchtbar schwer; ich schnalle ihn los, rutsche das letzte Stück hinunter, und dann sehe ich auch Leo. Er ist auf den Bauch gefallen.



6

»Hallo, Herr Ackermann!« Ich drehe mich herum. Er hält die Augen geschlossen. Doch ich spüre, dass er nur benommen ist, nicht ohnmächtig. Nach einer Weile öffnet er die Augen und sieht mich etwas dümmlich an.

»Verflucht, verflucht!«

Er muss seinem Herzen Luft machen. Das kann ich verstehen. Ich möchte es auch gern tun, aber das wäre gleichzeitig eine Anklage. Er hat nicht auf mich gehört. Und er war auch vorgegangen. In dem Augenblick, als ich stand und mir die Gletscher betrachtete, hatte er die Vorhut übernommen.

»Sakra, verflucht noch mal...!«, schimpft er.

Seltsam hohl und dünn kommen die Worte als Echo zurück.

»Sind Sie verletzt?«

»Ich glaube nicht.«

Er rappelt sich hoch und wischt sich den Angstschweiß von der Stirn. Etwas unsicher blickt er nach oben. Wir scheinen zehn Meter tief in einer Spalte zu stecken. Mir ist auch ziemlich mulmig zumute. Er sieht mich an. Leo weiß ganz genau, dass wir wegen seines Starrkopfes hier unten gelandet sind.

»Ich bin ein verdammter, blödsinniger Idiot, dass ich nicht auf Sie gehört habe«, knurrt er böse. »Ich hielt Sie für einen Wichtigtuer, einen Aufschneider, nun ja, Sie wissen schon, was ich meine.«

Ich bin sekundenlang ein wenig verblüfft. Da hat dieser Mensch doch wirklich gedacht, ich wollte mich hervortun, wegen Diane, um ihm zu zeigen, welch ein großartiger Kerl ich sei. Unwillkürlich muss ich auflachen.

»Das kann man doch wirklich bei einer anderen Gelegenheit beweisen«, sage ich. »Und überhaupt, das habe ich gar nicht nötig.«

»Nein?« Er sieht mich giftig an. »Diane kriegen Sie so oder so nicht. Weil sie nämlich gar nicht will. Sie sind nur ein kleiner Urlaubsspaß, verstanden?«

Ich sehe ihn ruhig an. »Herr Ackermann, sollten wir nicht lieber versuchen, hier herauszukommen?«

»Geht das denn?«

»Wir haben das Seil; ich muss es riskieren.«

Wieder sehen wir die Wand hinauf. Sie ist sehr steil, und oben am Rand hängt sie noch ein beträchtliches Stück über. Meinen Pickel habe ich verloren. Der hätte mir jetzt von Nutzen sein können. Leo bleibt unten, und ich versuche den Aufstieg. Wenn ich es schaffen würde, brauchte ich ihn nur heraufzuziehen. Aber die Wand ist zu glatt und zu hart. Immer wieder versuche ich, mit meinen Schuhspitzen Stufen hineinzuschlagen. Aber hier scheint wirklich alles aus Kristall zu sein. Erschöpft lasse ich von meinem Tun ab. Mir ist heiß geworden.

»Schreien Sie mich doch schon an, spucken Sie es aus, dass ich schuld an unserer Lage bin«, schreit er auf mich ein.

»Das würde auch nichts daran ändern«, sage ich mürrisch und schaue auf die Uhr. »Jetzt haben wir zwei Uhr mittags. Noch scheint die Sonne; es ist also noch nicht sehr kalt. Um vier fährt die letzte Bahn nach unten. Diane wird sofort merken, dass wir nicht mitgekommen sind und Alarm schlagen. Man wird einen Hubschrauber mit einem Suchtrupp losschicken. Solange es noch hell ist, werden sie unsere Spuren im Schnee sehen und ihnen folgen. Wir brauchen also wirklich keine Angst zu haben. Jetzt heißt es nur, die Nerven zu bewahren.«

Ich kann ihn wirklich beruhigen. Leo ist voller Zuversicht. Er holt sich eine Zigarre aus der Tasche und steckt sie an.

»Nun ja«, grunzt er. »Der Arzt hat mir ja Ruhe verschrieben, aber es ist schon verdammt still hier«, meint er lachend.

Bin ich auch so voller Zuversicht? Ich kenne Geschichten, viele Berichte, wo Menschen in Gletscherspalten erfroren sind. Ja, viele sind bis heute noch nicht gefunden worden. Aber bei uns ist das etwas anderes. Man weiß, wohin wir gegangen sind. Hier gibt es auch nicht so viele unbekannte Spalten. Sicher ist diese auch bekannt. Und dann, sie können sich ja ausrechnen, wie weit wir gekommen sind.

Unsere ganze Hoffnung hängt an Diane. Sie ist unser rettender Engel. Sie wird auf uns warten; und wenn wir nicht kommen, im Hotel Bescheid geben.

Leo spaziert in der Spalte hin und her. Sie ist sehr lang. Einmal meint er, ob wir ihr nicht nachgehen sollten, vielleicht fänden wir einen Ausgang? Ich muss lachen.

»Das ist doch kein Berg.«

»Richtig, Hofstätter, dumm von mir.« Und wieder tippelt er auf und ab. Ich tue es auch. Wir dürfen einfach nicht sitzen und stehenbleiben, das könnte gefährlich werden. Aber dann schweifen meine Gedanken wieder zu Diane, und ich muss daran denken, was Leo vorhin gesagt hat. Quatsch, denke ich, er bildet sich das ein, weil er Diane nicht hergeben will. Wie kann er auch wissen, dass wir uns lieben? Wir haben es ihm ja noch nicht gesagt.

Es vergeht eine Stunde, die Schatten werden länger und kälter. Ich kann ausrechnen, wann wir vollkommen im Schatten sein werden. Und dann kommt die große Kälte. Hunger habe ich übrigens auch. Leo leckt sich auch ständig die Lippen. Plötzlich bleibt er vor mir stehen und starrt mich an. So habe ich ihn noch nie gesehen. Seine Lippen zittern.

»Wo ist mein Rucksack?«

»Wie?«, sage ich.

»Du Hund hast ihn versteckt! Jawohl! So ein gemeines Aas bist du! Und du glaubst, ich würde es nicht merken!«

Ist das Wut? Aber seine Augen sind voller Angst.

»Der Rucksack? Ach ja, jetzt fällt es mir wieder ein. Den habe ich wirklich vergessen. Beim Sturz habe ich ihn abgeschnallt. Er muss da hinten irgendwo liegen. Warten Sie, ich hole ihn.«

»Bleib stehen, wo du bist! Ich gehe selbst«, sagt er mit grollender Stimme.

Hass steht wie eine Wand zwischen uns. Ich sehe ihm nach. Schnell stolpert er über den unebenen Boden und ist dann genau an der Stelle, wo wir heruntergekommen sind. Mit bloßen Händen wühlt er im nachgefallenen Schnee und hat auch bald den Rucksack. Fast zärtlich zieht er ihn heraus. Schnell wirft er einen Blick auf mich. Ich bewege mich nicht.

Leo nimmt seinen Rucksack und geht ein ganzes Stück damit weiter. Langsam folge ich ihm. Wir dürfen uns nicht verlieren.

»Wir haben jetzt halb vier. Bald ist es soweit. Vielleicht noch eine Stunde, und wir sind wieder frei«, sage ich fröhlich.

»Wirklich?«, fragt er zweifelnd. In diesem Zweifel liegt die Angst, es könnte möglicherweise doch nicht so sein. Seine Augen flackern.

»Bestimmt. Auf Ihre Tochter ist doch Verlass, oder?«

»Selbstverständlich. Die lässt mich nicht im Stich. Mich nicht, nur Sie.«

»Wir wollen uns nicht streiten, Herr Ackermann. Später wollen wir über Diane reden.«

»Es gibt kein Später, Kerlchen. Das können wir gleich hier abmachen. Diane schlagen Sie sich mal hübsch aus dem Kopf!«

»Aber wir lieben uns! Werden Sie auch hart bleiben, wenn Diane Ihnen das persönlich sagt?«

Die Situation erscheint mir unsinnig. Wie zwei Kampfhähne stehen wir uns gegenüber, über jede Schulter blickt der Tod mit fletschenden Zähnen. Der andere hält seinen Rucksack fest umklammert und funkelt mich an. Ich stehe mit hängenden Armen vor ihm und bitte ihn um seine Tochter, von der ich glaube, dass sie mich genauso liebt wie ich sie.

Kalter Frosthauch überzieht unsere Gesichter. Grünlich blau scheinen jetzt die Wände von allen Seiten auf uns herab. Über uns befindet sich noch immer der blaue Himmel, aber so weit, unendlich fern. Meine Füße werden vom Stehen und Laufen langsam müde. Ich möchte mich setzen. Meine Jacke ist auch nicht die wärmste, und die Schuhe lassen allmählich die Kälte durch. Zitternd schleppe ich mich weiter.

Jetzt steht der Zeiger genau auf zwölf. Es ist vier Uhr. Im Geiste sehe ich, wie unten die Gondel hält. Diane steht auf dem Vorplatz und wartet. Erregt fragt sie den Angestellten, sie schüttelt den Kopf. Jetzt läuft sie zum Hotel zurück, spricht mit allen möglichen Leuten und bedrängt sie. Sie laufen zum Telefon, holen die Suchmannschaft. Man fährt noch einmal mit der Gondel nach oben. Bald wird der Hubschrauber über unserem Kopf kreisen. Wir werden ihn sehen und hören können, aber wir können uns nicht melden. Wie ein Verzweifelter hängt mein Blick am Zeiger. Nun ist es schon halb fünf. Langsam bricht die Dämmerung ein.

Diane, denke ich zitternd. Geliebte, heißgeliebte Diane, ich liebe dich, liebe dich über alles. Spürst du nicht, dass ich jetzt in großer Gefahr bin? Ich und dein Vater? Hilf uns, hilf uns doch, liebste Diane.

Am Himmel bleibt alles still.



7

Leo sitzt weit von mir abgerückt. Immer wieder sieht er mich von der Seite an. Dann kann er es plötzlich nicht mehr aushalten. Furchtbar eilig schnallt er den Rucksack auf und wühlt mit den Händen darin. Er hat ein riesiges Stullenpaket eingepackt.

»Hast immer über mich gelacht, jawohl!«, sagt er mit rauer Stimme. »Jetzt siehst du selbst, wie gut es ist, wenn man vorsorgt. Jawohl!«

Der Hunger springt mich an wie ein wildes Tier. Meine Gedärme knurren laut. Wir haben uns mächtig angestrengt und seit dem Frühstück nichts mehr zu uns genommen. Ursprünglich wollten wir eine Wanderung machen, zur Olperer Hütte zurückkehren, dort essen und nachher wieder hinunterfahren. So war es geplant. Warum sollte man etwas mitnehmen? Meine Aufgabe war, für ein gutes Seil und Pickel zu sorgen. Und das habe ich auch getan. Überhaupt, einen Rucksack hätte ich gar nicht mitnehmen können, da ich ja den von Leo Ackermann tragen musste.

»Hast immer über mich gelacht. Wer zuletzt lacht, lacht am besten«, sagt er und packt die Stullen aus. Aber seine Augen sind noch immer voller Angst.

Ich schweige. Mir ist schon schwach vor Hunger. Der Anblick macht mich krank. Dumpf denke ich: Lass ihn reden, er kann dich auch ruhig beschimpfen; Hauptsache, ich darf etwas essen.

Leo steht auf, und ich denke er kommt zu mir, um mit mir zu teilen, wie es das Gesetz der Berge vorschreibt. Aber Leo steht auf und geht davon. Und als er nach kurzer Zeit wiederkommt, sind seine Hände leer. Er hat alles allein aufgegessen! Gesättigt sitzt er auf dem Rucksack und zündet sich die letzte Zigarre an. Seine Hände zittern. Weiß er, was er getan hat? Seine Angst muss unermesslich sein.

»Jetzt könnten sie wirklich bald kommen. Es wird allmählich kalt hier drin.«

Der Herr Fabrikant ist gut verpackt. Er spürt noch nicht die Kälte. Und seltsamerweise trägt er jetzt auch noch eine Strickjacke aus Wolle. Die muss er wohl auch im Rucksack gehabt haben. Und ich durfte das alles tragen!

Es wird langsam dunkel; und mein Herz weiß, heute wird keiner mehr kommen, um uns zu suchen. Es wäre Wahnsinn und würde zu nichts führen. Wir müssen also die Nacht in der Spalte verbringen. Kälte dringt an mein Herz.

Nein, denke ich bestürzt, sie können uns doch nicht einfach im Stich lassen! Warum sind sie denn nicht sofort aufgebrochen? Warum nicht?

Meine Beine werden müde. Ich darf nicht mehr stehen bleiben, mich nicht mehr setzen. Ich muss laufen, laufen, mein Blut in Bewegung halten. Aber ich fühle mich so müde, so schwach, so müde.

Seit Stunden haben wir schon nicht mehr miteinander gesprochen. Manchmal meine ich, Leo wäre gar nicht mehr da. Meine Augen versuchen, die Dunkelheit zu durchdringen. Aber dann sehe ich ihn wieder als dunklen Schatten. Er geht immer auf und ab, bleibt stehen, geht dann wieder hin und her.

Mein Verstand begreift das nicht. Ich bin doch ein junger Mann, wieso macht ihm das keine Mühe? Warum wird er nicht müde?

Der Himmel ist tiefschwarz. Die Sterne sehen mich tröstend an, so meine ich. Meine Beine sind schwer wie Blei, ich taumle nur noch hin und her.

Wenn der Durst schrecklich wird, stecke ich mir eine Handvoll Schnee in den Mund.

»Du darfst dich nicht setzen«, sage ich mit schwerer Zunge zu meinem Begleiter. »Du musst immer in Bewegung bleiben, hörst du, Leo. Morgen früh werden sie kommen. Sobald es hell wird hörst du? Wir werden gerettet, ganz bestimmt.«

»Siehst du denn nicht, dass ich hin und hergehe?«, ruft er zurück.

»Hier ist es so dunkel und verschwommen. Manchmal kann ich dich gar nicht richtig sehen, Leo.«

»Macht nichts. Leo geht nicht unter. Keine Sorge«, gibt er laut zurück. »Leo weiß sich immer zu helfen, immer.«

Und jetzt fängt er auch noch an zu singen. Dieser Mann ist mir wirklich ein Rätsel. Ich habe ihn unterschätzt. Himmel, wie schafft er das nur? Er muss doch bald sechzig sein, und ich bin fünfundzwanzig und stamme von hier. Warum kann ich das nicht? Warum falle ich immer wieder um?

Gegen Morgen ist es dann soweit. Die Sterne verblassen am Himmel, ich stürze über einen Eissockel und falle mit dem Gesicht nach vorn. Ich kann nicht mehr aufstehen. Ich kann nicht mehr.

Ganz, ganz langsam bricht das Tageslicht sich Bahn in unser Gefängnis. Ich hebe den Kopf und sehe Leo vor mir stehen.

»Kannst du mir aufhelfen?«, frage ich mit zitternder Stimme. »Allein schaffe ich es nicht mehr.«

»Dir jungem Schnösel soll ich aufhelfen? Wohl bisschen schwach auf der Brust, wie?«

»Ich bin am Ende«, murmle ich mit aufgesprungenen Lippen.

»Kann nicht. Muss mit meinen Kräften haushalten. Weiß der Teufel, deine Versprechungen taugen nichts.«

»Diane«, murmele ich. »Diane, warum tut sie nichts?«

»An Diane liegt es nicht. Die Dickschädel können sich mal wieder nicht einigen«, gibt er bissig zurück.

Ich liege immer noch auf der Erde, und die Kälte dringt durch meine Kleidung. Mit letzter Kraft kann ich mich hochziehen und sitze nun gegen diese Eiswand gelehnt. Ich müsste aufstehen und laufen, immer nur laufen. Meine Füßen fühlen sich so seltsam an. Ich bin so sehr müde.

Leo stapft an mir vorüber. Er geht in die Ecke. Ich öffne die Augen und schaue ihm nach. Und da sehe ich, wie er eine Flasche Schnaps aus seiner Innenjacke zieht und aus ihr einen kräftigen Schluck nimmt. Sie ist noch halbvoll!

Ich schließe die Augen, und ein Stöhnen dringt über meine Lippen. Nun weiß ich auch, warum er noch nicht müde ist, warum er noch so munter herumläuft.

»Leo!«, krächze ich.

»Er zuckt herum und wir starren uns an. Seine Augen sind kalt, eiskalt und voller Angst.

»Gib mir einen winzigen Schluck, dann komm ich wieder auf die Beine. Der Schnaps wird mich von innen aufwärmen, und meine Müdigkeit verfliegt. Nur einen winzigen Schluck, bitte ...«

Er schraubt die Flasche zu und geht zum anderen Ende der Schlucht. Meine Augenlider sind so schwer. Kaum kann ich sie noch aufhalten. Ich bin so müde.

Und jetzt bricht der Tag an. Die grausige Nacht ist überstanden. Nun muss der Hubschrauber kommen. Im Tal müssen sie sich jetzt rüsten. Bald sind sie hier und werden uns finden. Es ist kein neuer Schnee gefallen. Sie müssen uns finden!

Mit den Augen suche ich den klaren Himmel ab. Lausche angestrengt. Aber nichts. Tot und still ist alles um uns herum. Leo singt wieder; er ist betrunken. Immer wieder greift er zur Flasche. Sie wäre mein Lebensretter. Ich weiß, wenn ich nur einen Schluck bekäme, dann würde ich es schaffen.

Mit letzter Kraft krieche ich ihm nach. Ich will ihn noch einmal anbetteln. Er muss doch ein Herz haben, muss doch sehen, dass er mir helfen kann.

»Streng dich nicht an, du kriegst nichts ab!«, sagt er böse auflachend. »Hab ich dir nicht gesagt, Leo schafft es. Ein Ackermann beißt sich durch. In allen Lebenslagen.«

»Kennst du denn keine Barmherzigkeit?«

»Du hättest dir ja was einstecken können«, sagt er brutal. »Es ist allein deine Schuld. Den Schnaps kriegst du nicht, den behalt ich für mich. Vielleicht müssen wir noch Stunden warten.«

»Ich will doch nur einen Schluck...«

»Flenn nicht so!«

Ich lasse mich fallen. Jetzt liege ich auf dem Rücken. Schlafen, denke ich, ich möchte nur noch schlafen. In meinem Kopf ist völlige Leere. Ich habe kein Hungergefühl, keine Schmerzen, ich bin nur so furchtbar müde.



8

Was ich jetzt schildere, das habe ich erst viel später erfahren. Aber ich erzähle es jetzt schon, damit man den Handlungsablauf besser verstehen kann.

Wir Eingeschlossenen haben auf Diane gesetzt. Sie musste Hilfe herbeiholen, den Männern im Dorf sagen, wir wären nicht zurückgekommen. Die Bergwacht wäre sofort aufgebrochen. Ich kenne meine Landsleute. Nichts hätte sie zurückgeschreckt. Und wäre alles nach unseren Vorstellungen verlaufen, so wären wir auch nach Stunden gefunden worden. Ja, später sagt man es mir. Viel, viel später.

Und warum wurden wir nicht gefunden? Weil Diane nicht da war! Kaum, dass wir am Morgen die Gondel bestiegen hatten und ihren Blicken entschwunden waren, hatte sie den Wagen genommen und war damit nach Innsbruck gefahren. Sie wollte mal wieder etwas erleben. In einer guten Autostunde war sie dort. Diane wollte zum Abend wieder in Hintertux sein, das hieß, bevor wir unten waren. Der Vater sollte nichts davon merken. Er wurde immer wild, wenn sie das Auto ohne sein Einverständnis nahm.

In Innsbruck war es schön und aufregend. Sie lernte einen jungen Mann kennen. Die beiden gingen nicht nur gemeinsam essen und bummeln. Plötzlich hatte sie alles andere vergessen. Sie besuchten ein Kino und später noch ein Tanzcafe.

Es war schon recht spät, als sie sich mit vielen Gewissensbissen auf den Heimweg machte. Vorsichtig betrat sie das Hotel, und da sie uns nirgends sah, glaubte sie, wir wären von der Gletscherwanderung so müde, dass wir uns zur Ruhe begeben hätten. Froh, dass sie heute nicht ausgeschimpft werden konnte, amüsierte sie sich mit zwei neu angekommenen jungen Männern.

Einmal fragte Marianne Hof sie nach Viktor. Aber sie zog nur hochmütig die Schultern in die Höhe und sagte: »Bin ich sein Kindermädchen?« Als sie den erstaunten Blick daraufhin gewahrte, setzte sie etwas unsicher werdend hinzu:

»Schlafen wird er halt! War mit meinem Vater auf Gletschertour.«

Sie durchtanzte die Nacht, kam als letzte ins Bett und schlief sehr lange. Außerdem wollte sie dem Vater nicht so früh unter die Augen treten. Es war schon bald elf Uhr, als ein Kellner ihr ausrichtete, da wäre ein Gespräch aus Hamburg, ob sie ihm sagen könnte, wo er ihren Herrn Vater finden könne.

»Ist er denn noch nicht unten gewesen?«

»Nein.«

»So gehen Sie zu ihm rauf!«, murrte sie.

»Wir haben über das Haustelefon versucht, Ihren Vater zu wecken, Fräulein Ackermann. Aber er meldet sich nicht.«

Nun bekam sie doch einen kleinen Schrecken. Der Vater war morgens nie spät aufgestanden.

So will ich doch mal nachsehen, was er macht. Vielleicht sitzt er in der Badewanne und hat das Telefon nicht gehört, beruhigte sie sich selbst.

Doch als sie sein Zimmer betrat, sah sie sofort das unberührte Bett. Nirgends auch nur ein Anzeichen, dass er die Nacht in diesem Zimmer verbracht hatte.

Der Kellner sah sie fragend an.

»Das verstehe ich nicht«, sagte Diane erschrocken. »Wieso ist er nicht hier?«

»Herr Hofstätter ist auch noch nicht gesehen worden.«

»Wann haben Sie die beiden zuletzt gesehen?«, wollte nun Diane wissen.

»Warten Sie mal, das war gestern morgen beim Frühstück. Seitdem nicht mehr.«

Jetzt wurde sie doch sehr, sehr unruhig.

»Das gibt es doch nicht! Mein Vater kommt immer zurück. Mit dem Wagen konnte er doch auch nicht fort.« Sie hielt ein Selbstgespräch.

»Wohin wollte er denn? Ich meine, Ihr Herr Vater und der junge Herr Hofstätter?«

»Gestern sind sie rauf gefahren. Sie wollten eine Gletscherwanderung unternehmen.«

»Und Sie haben Sie noch nicht wiedergesehen?«

»Nein«, sagte sie etwas unsicher. »Ich dachte doch, sie wären müde und würden schlafen.«

»Mädchen, Sie sind wohl völlig naiv, was? Wussten als einzige, wohin die beiden gingen und haben uns nicht gemeldet, dass sie überfällig waren? Ja, in Teufels Namen, man sollte Sie ...«, fluchte der Kellner.

»Welchen Ton erlauben Sie sich mir gegenüber!«, schimpfte sie nun auch los.

»Rücksichtslos, nennt man so was!«, sagte er weiter. »Warum haben Sie es nicht gleich gemeldet!«

»Weil ich nicht hier war. Ich habe es schon einmal gesagt. Und mit Ihnen rede ich gar nicht mehr!«, rief sie mit erhitztem Gesicht.

»Sie werden noch ganz anders reden«, sagte er böse, packte sie am Arm und schleppte sie ins Hotelbüro. Dort gab er kurz an, was er wusste.

Sofort entstand eine große Aufregung. Von allen Seiten regnete es nur Vorwürfe auf sie herab. Diane hatte sich noch nie so elend gefühlt. Jetzt nützte nicht ihr Aussehen, noch ihr Charme.

Alle in Frage kommenden Berg und Gletscherhütten wurden angerufen. Aber niemand hatte die beiden gesehen. Nur zwei Skifahrer wussten so ungefähr die Richtung anzugeben, in die sie gewandert waren.

»Wenn da ein Unglück geschehen ist, wird es uns alle Gäste vergraulen!«, schimpfte der Eigentümer des Hotels. »Sakra, dem Mädchen sollte man das Fell über die Ohren ziehen!«

Von Innsbruck wurde ein Hubschrauber angefordert. Ein Suchtrupp von guten Bergsteigern wurde zusammengestellt und hinaufgeschickt. Natürlich konnte man es jetzt nicht mehr geheim halten. Alle Gäste standen auf der Hotelterrasse und verfolgten mit ihren Ferngläsern die Männer.

Marinne Hof stand auch da und war blass. Diane fühlte sich furchtbar. Kein gutes Wort, nur Vorwürfe. Und wenn der Vater wirklich umgekommen war? Du lieber Himmel!

Doch plötzlich fiel ihr ein, Viktor war ja eigens als Führer eingestellt worden. Ihm musste man die Schuld geben, ihm allein. Und sofort begann sie, allen denen, die es hören wollten, zu erzählen, dass, wenn ein Unglück geschehen sei, dies nur der Hofstätter zu verantworten habe.

»Mein Vater hat ihn extra eingestellt und ihm Geld dafür gegeben. Wenn einer davon nichts versteht, ist es doch gemein, dass er diesen Job annimmt, nicht wahr? Und jetzt ist mein Vater vielleicht schon tot!« Und sie drückte sich ein paar Tränen heraus.

Fräulein Hof, die in ihrer unmittelbaren Nähe stand, sagte: »Das ist so gemein, was Sie da sagen. Ich glaube nicht, dass Herrn Hofstätter irgendeine Schuld trifft. Und ich warne Sie, wenn Sie Lügen verbreiten, werde ich nicht tatenlos zusehen. Darauf können Sie gefasst sein.«

Diane wurde dunkelrot. Doch dann hatte sie sich wieder gefasst und sagte mit ätzenden Worten: »Sie, Sie, meinen Sie nicht, ich hätte nicht bemerkt, wie Sie ihn angehimmelt haben? Sie sind hinter ihm her! Aber er mag Sie nicht, hat sich nicht einen Deut um Sie gekümmert!«

»Ja, ich liebe ihn«, sagte sie ruhig.

»Das stimmt, da haben Sie vollkommen recht. Und er ist ein wunderbarer Mensch. Sie haben ihn nur verblendet, ihm Liebe vorgegaukelt, die nicht da ist. Und jetzt sind Sie so gemein. Sie wissen noch gar nicht, was passiert ist, und schon bewerfen Sie ihn mit Schmutz.«

»Hauen Sie doch endlich ab! Wieso unterhalte ich mit überhaupt mit Ihnen!«, schimpfte Diane. »Machen Sie, dass Sie weiterkommen! Ich schenke Ihnen den Kerl! Ja, mit Kusshand können Sie den Einfaltspinsel bekommen! «

Marianne drehte sich um und ging ins Hotel zurück. Aber sie konnte nicht verhindern, dass Dianes Worte sich verbreiteten. Es gibt immer Menschen, die neidisch sind und sich freuen, wenn es einem anderen schlecht ergeht. Bald wurde die ganze Geschichte furchtbar aufgebauscht.

Eines hatte sie damit ganz gewiss erreicht: Sie selbst wurde nicht mehr ausgeschimpft. Über allem vergaß man sie ganz. Und sie war zufrieden. Lässig lag sie im Liegestuhl, sonnte sich und wartete auf die Dinge, die da kommen mussten.

Was konnte ihr denn schon groß passieren? Wenn der Vater wirklich tot war, würde sie alles erben. Keiner würde ihr mehr Vorhaltungen machen, wenn sie mal verschwenderisch mit dem Geld umging, und keinen guten Lebenswandel führte, wie der Vater es nun einmal gern sah.

Er hatte sich nämlich in den Kopf gesetzt, dass sie einen jungen Mann aus vornehmer Hamburger Familie heiratet.

Aber wie gesagt, dies und vieles mehr erfuhr ich erst viel später.



9

Es ist schon Mittag, die Sonne steht am höchsten. Und noch immer regt sich nichts. Mir ist plötzlich alles gleichgültig. Die meiste Zeit döse ich vor mich hin.

Leo stapft weiter auf und ab und flucht. Zwischendurch kippt er immer wieder einen Schnaps. Ich habe das Gefühl, als hätte er mich vollkommen vergessen, obwohl er immer an mir vorübergehen muss.

»Verflucht, die Hunde lassen uns doch krepieren! Sie holen uns nicht!«

Ich sehe nur in den blauen Himmel und denke: Vielleicht ist Sterben gar nicht so schwer?

Dann werde ich bei den Schultern hochgerissen. Ich sehe in Leos hervorquellende Augen.

»Du hast gesagt, sie kommen uns suchen! Sie suchen immer nach Überfälligen! Dazu ist ja die verdammte Bergwacht da! Wieso kommen die nicht? Ich will raus, raus hier! Ich halt es nicht mehr aus! Ich will nicht sterben, verstanden!« Todesangst steht in seinen Augen.

Ich reiße meine Gedanken zusammen. Es fällt mir schwer.

»Diane«, murmele ich, »Diane muss es nicht gesagt haben.«

»Verdammter Bastard! Ich könnte dich umbringen, meine Tochter schlecht zu machen. Halt dein Maul, hörst du!«, schreit er und lässt mich wieder zurückfallen.

»Du, du wolltest doch eine Antwort haben«, lalle ich.

Er knirscht mit den Zähnen und ballt die Hände.

Und dann hören wir es beide. Ein Geräusch. Erst ist es noch sehr weit entfernt. Aber es kommt näher. Zuerst ist es nur ein kleines Summen, aber dann hören wir den Propeller.

»Ein Hubschrauber!«, keucht Leo. »Ich hab ihn gesehen! Sie suchen uns!« Er wirft die Arme in die Luft und schreit.

»Er hört uns nicht«, sage ich leise. »Er kann uns ja gar nicht hören. Bei dem Lärm.«

»Er fliegt weg! Er dreht ab! Verdammt, er dreht wieder ab!«, schreit Leo.

»Vielleicht hat er unsere Spur gefunden und sagt Bescheid. Sie müssen auch einen Suchtrupp raufgeschickt haben.«

Seltsam, ich sage das alles wohl, aber in mir ist keine Freude. Ich freue mich nicht, dass die Rettung bevorsteht. Mir ist so eigenartig zumute. So leicht wie eine Feder fühle ich mich. Schon lange habe ich mich nicht mehr bewegt. Vielleicht, vielleicht bin ich schon tot, denke ich. Und ich sehe das von oben. Ich bin tot und sehe mich hier selbst liegen.

»Hallo, Haaalllooo!«

»Sie rufen, Sie rufen!«, kreischt Leo auf. »Sie sind da!« Er wirft seine Mütze in den Schnee und trampelt darauf herum.

»Sie sind gekommen! Herrgott, ich könnte vor Freude platzen!«

Und dann ist auch der Hubschrauber wieder da. Er muss etwas weiter weg gelandet sein.

»Hallo! Ist alles in Ordnung?«

Sie stehen oben an der Gletscherspalte.

»Ja, ja, natürlich! Mann, das hat aber lange gedauert«, ruft Leo hinauf. »Los, holt uns raus! Schnell, ich halte es nicht mehr aus!«

»Wir lassen ein Seil hinunter.«

»Gut, ich warte.«

Ich liege da und höre alles. Ich möchte sie auch begrüßen, aber meine Stimme ist so schwach. Nur noch ein Krächzen kommt heraus.

Meine Augen verfolgen das Seil. Es kommt langsam heruntergeschwebt. Die Rettung! Wir müssen nicht erfrieren, nicht sterben. O Diane, ich komme wieder. Und jetzt wird mir wieder etwas wärmer. Die Sehnsucht nach dem geliebten Mädchen lässt mein Blut noch einmal aufwallen.

Leo packt das Seil. Ich habe ihm, bevor wir losgingen, genau gesagt, wie man sich abseilen muss, falls das mal erforderlich sein sollte. Und jetzt profitiert er davon.

Dann dreht er sich um und sieht mich an. Und er wirft mir die halbvolle Schnapsflasche zu. Sie rollt heran, aber nicht nah genug, dass ich sie holen kann.

»Jetzt kannst dich vollsaufen!«, sagt er lachend und macht sich an den Aufstieg.

Ich sehe ihn immer kleiner und kleiner werden. Leo hat es also geschafft. Dann ist er oben, und die Männer von der Bergwacht werfen ihre Mützen in die Luft und freuen sich, dass sie es mal wieder geschafft haben, Menschen vor dem weißen Tod zu retten. Sie umarmen ihn und klopfen ihm auf die Schulter.

Dann lassen sie wieder das Seil herunter. Jetzt soll ich kommen. Das Seil baumelt vor meiner Nase, aber ich bin so schwach, dass ich es nicht einmal mit den Händen fassen kann, geschweige, es um meinen Körper zu knoten, mich hinaufzustemmen.

»He, Viktor! So mach doch schon! Nimm dir ein Beispiel an dem Hamburger. Der hat das wirklich schnell gekonnt!«, spornen sie mich an.

Tränen schießen mir in die Augen. Ich möchte ihnen zurufen: Holt mich doch! Ich bin doch so schwach. Aber meine Zunge ist dick und mein Mund so trocken.

Leo ist schon in den Hubschrauber gebracht worden. Die Bergleute sehen sich ratlos an.

»Warum kommt er nicht? Ich verstehe das nicht. Viktor ist doch sonst so ein fixer Junge. Herrgott, Viktor, nun mach doch schon! Wir schaffen es schon. Wir halten dich. Jetzt ist doch alles gut, hörst du?«

Sie glauben, ich hätte einen Koller. Das kommt oft vor. Wenn man so verzweifelt auf Rettung wartet und sie dann endlich da ist, dann glaubt man einfach nicht daran. Das habe ich selbst schon erlebt. Außerdem, hatte nicht auch Leo hier unten so etwas wie einen Koller?

»Ich steig mal runter. Mir kommt das unheimlich vor«, sagt Seppel. »Ich seh mal nach.«

»Gut, nimm ein zweites Seil mit. Dann geht es schneller.«

»Mach ich.«

Seppel kommt herunter. Ich sehe ihn steigen. Aber solange er in der Eiskristallwand steckt, kann er sich nicht umdrehen, und so sieht er mich auch nicht.

Aber dann ist er unten und sieht mich am Boden liegen.

»Viktor!«, ruft er erschrocken. »Was ist denn los? Hast du vielleicht Brüche?«

Ich schüttle den Kopf.

»Was ist denn los? So sprich doch endlich!«

Ganz leise schwingen sich die Worte von meinen Lippen. Seppel kniet sich hin und legt ein Ohr an meine Lippen. Und ganz schwach hört er dann die Worte:

»Ich kann nicht, ich bin halbtot gefroren. Hilf mir!«

Seppel richtet sich auf und starrt mich an.

»Viktor, der Hamburger war doch in Ordnung. Prächtiger Bursche, trotz seines Alters keine Schwäche. Wieso bist du nicht in Ordnung? Da stimmt doch was nicht. Was ist los?«

Ich schließe die Augen. Das Sprechen fällt mir unendlich schwer.

»Er, er hatte zu essen, und den Schnaps«, kommt es dann wieder ganz schwach von meinen Lippen.

»Waaas?«, sagt Seppel fassungslos.

Ich wende den Kopf zur Seite. Seppels Blick fällt auf die halbvolle Flasche. Er seufzt einmal tief auf, greift sie und hält sie dann in Händen.

»Viktor, Viktor, soll das heißen, er hat dir nichts gegeben? Er hat zugesehen, wie du hier liegst und erfrierst und dir nichts gegeben?«

Ich nickte, dann sage ich leise: »Er hat vor Angst einen Koller bekommen. Sein Verhalten war nicht normal.«

»Das ist hart, das ist verflucht gemein. Himmel Kreuz Donnerwetter, das ist ja fast Mord«, keucht er. »Schau, Viktor. Es hätte für euch beide gereicht. Lange Zeit, hörst du? Hast du ihm denn nicht gesagt, dass du was brauchst, damit du nicht erfrierst?«

»Ich, ich hab ihn angefleht, Seppel. Könnt ihr mich noch rausholen? Oder ist es zu spät?«, flüstere ich leise.

Dem Seppel laufen Tränen übers Gesicht. Ganz behutsam streichelt er mich.

»Viktorchen, wirst schon rauskommen. Keine Sorge, kennst uns doch. Vertrau uns.«

»Aber ich lieg schon so lange hier«, stammle ich.

Sein Gesicht wird hart und kantig. Er steckt die Flasche ein und geht dann zum Seil zurück. Er ruckt in kurzen Abständen daran. Wir haben unsere unsichtbare Sprache.

Oben wird sie sofort verstanden, und sie sehen sich betroffen an. Seppel hat gefunkt: Noch einer runterkommen. Und eine Trage herablassen.

»Jesus Maria, den Viktor hat’s also erwischt.«

Zwei laufen zum Hubschrauber zurück und holen die Trage. Leo Ackermann sitzt breitbeinig da und murrt, dass er noch nicht ins Tal geflogen wird.

»Wie lange dauert es denn noch?«

»Müssen erst den Viktor holen«, gibt man ihm kurz zur Antwort.

Er zuckt die Schultern.

Während der Andreas mit der Trage runterkommt, spricht Seppel weiter mit mir. Er weiß, ich darf nicht einschlafen, sonst könnte ich vielleicht nie mehr aufwachen. Und er will von mir wissen, wie das gekommen ist.

»Weißt doch so gut Bescheid, Viktor. Grad du!«

Mit schwerer Zunge versuche ich ihm zu erklären, wie alles gekommen ist.

»Diese verfluchten Touristen!«, schimpft er dann los. »Hören nie, wenn man ihnen was sagt. Und wir sind auch noch auf sie angewiesen, das macht die ganze Sache ja so blöd.«

Seppel geht dem Andreas entgegen und sagt ihm, was er von mir weiß. Andreas will und kann es einfach nicht glauben. Kann ein Mensch wirklich so unbarmherzig sein?

»Hat uns nichts davon gesagt, dass der Viktor nicht allein raufkommen kann. Der hat nur an seine Haut gedacht. Und ich dachte, der Viktor lässt ihn vor, weil es sich eben so gehört.«

»Eine verdammte Schweinerei ist das!«

»Herrgott, ich könnt ihm den Hals umdrehen. Der Mann ist doch nicht zurechnungsfähig.«

Dann schauen sie die Gletscherwand hinauf.

»Mit der Trage wird es schwer gehen. Der Rand steht zu weit vor. Ich muss ihn mir aufschultern, Andreas.«

»Wirst du es schaffen? Der Viktor ist groß und stämmig.«

»Weiß ich. Hast du einen anderen Rat?«

»Der Hubschrauber! Er muss das Seil runterlassen! Wir hängen die Trage daran, und aufi gehts!«

Seppel macht sich wieder an den Aufstieg, soweit, bis er seinen Kollegen oben an der Spalte zurufen kann, was sie tun sollen. Sie nicken ihm zu. Seppel kommt wieder nach unten. Vorsichtig werde ich auf die Trage gelegt und dann festgeschnallt.

»Wird alles klappen, Viktor. Brauchst keine Angst zu haben. Bald bist du im Krankenhaus.«

»Ja«, sage ich und versuche ein klägliches Lächeln.

Ich spüre gar nichts. Komisch ist das, nicht einmal Hunger habe ich. Sie haben auch Schnaps bei sich, wollen mir etwas geben, aber Seppel meint zögernd:

»Ich weiß nicht, vielleicht ist das jetzt nicht gut. Lassen wir es. Bald ist er in Mayrhofen.«

Über unseren Köpfen in der Luft steht der Hubschrauber. Der Lärm bricht sich in der Spalte zu einem tausendfachen Echo. Langsam sehe ich, wie ein Seil heruntergekurbelt wird. Andreas fasst es, zieht es zu sich heran. Sie können es teilen und verbinden es mit den Vorrichtungen an meiner Trage. Dann heben sie die Arme über den Kopf: das Zeichen, dass man mich hochziehen soll.

»Alles Gute ...«

Der Nachhall klingt mir noch in den Ohren. Ich schwebe. Immer höher und höher werde ich gezogen, verlasse die Eishölle, sehe jetzt im Sonnenschein wieder die wundersame Schönheit. Dann ist der Rand erreicht. Die Bergmannschaft winkt mir zu. Neben ihnen steht Leo Ackermann. Ich sehe ganz deutlich sein unwilliges Gesicht. Schon hat er im Hubschrauber gesessen, und dann wurde er ziemlich unsanft herausgezogen.

Dann bin ich im Hubschrauber. Helfende Hände ziehen mich hinein. Ein Arzt ist auch da. Er fragt mich so viel, und ich kann keine Antworten geben. Plötzlich ist mir übel. Sie ziehen mir eine Maske über den Kopf. Alles ist jetzt dunkel. Dann ist da ein Loch, so tief und schwarz und am Ende steht ein riesiger Kerl und ruft immer wieder:

»Du liebe Güte, du liebe Güte, mein Gott...«



10

Während ich in tiefer Ohnmacht liege, fliegt man mit mir nach Mayrhofen. Über Funk hat man das Krankenhaus schon verständigt. Seppel erzählt mir später, was sich danach ereignet hat. Nach mir sind die anderen, von ihren Kollegen gezogen, auch hinaufgestiegen. Diesen haben sie sofort Mitteilung gemacht. Kein Wunder, dass sie schrecklich wütend auf den Hamburger waren.

Und als dieser noch fragte: »Wann kommt der Hubschrauber denn zurück?«

Da haben sie ihm zu verstehen gegeben, er solle zu Fuß mitkommen.

Und sie waren einfach losmarschiert. Im Talkessel hatte sich inzwischen viel Volk gesammelt. Schlimme Nachrichten verbreiten sich ja schnell. Und es gab keinen, der nicht auf mich zügellosen Burschen schimpfte. Ich glaube, wenn ich dort angekommen wäre, hätten sie mich gesteinigt. Hängt doch alles, Gegenwart und Zukunft, von den Fremden ab.

Aber ich kam nicht. Nur Leo kehrt in das Tal zurück, ein ziemlich kleinlauter und stiller Leo Ackermann. Die Männer der Bergwacht haben wirklich kein Blatt vor den Mund genommen und ihm vorgeworfen, wie gemein und herzlos sein Tun gewesen ist. Ja, sie drohen sogar damit, ihn vors Gericht zu bringen, wegen unterlassener Hilfeleistung.

Dann hält die Gondel in Hintertux. Die Leute jubeln Leo entgegen. Sogar Reporter sind zur Stelle. Wo die so schnell hergekommen sind, weiß keiner.

Diane steht an der Spitze der vielen Menschen. Und als sie ihren Vater erblickt, begrüßt sie ihn überschwänglich. Alles jubelt ihnen zu. Oh, sie hat die Reporter sehr wohl bemerkt und hofft nun, dass ein Bild von ihr in der Zeitung veröffentlicht wird.

Als sie ihn ausgiebig begrüßt hat, dreht sie sich um und ruft laut: »Wo ist denn Herr Hofstätter! Der drückt sich wohl, wie? Aber ich werde dafür sorgen, dass er nicht so leicht vergisst, was er meinem Vater angetan hat!«

Leo versucht sie zu beschwichtigen, doch sie hört nicht auf ihn. Erst als er ihr den Mund zuhält, sieht sie ihn verwundert an.

»Verdammt noch mal, so hör doch endlich auf!«, flüstert er entsetzt.

Hinter ihm stehen die Retter.

Aber die Menge will den Übeltäter. Sie ruft nach mir.

»Jetzt kneift er also! Wo ist er? Er ist es nicht mehr wert, einer der unseren genannt zu werden!«

Die Leute erhitzen sich immer mehr. Jeder will persönlich mit mir abrechnen.

Da ergreift Seppel das Wort.

»Ihr wollt also den Viktor? Nun gut, dann müsst ihr euch beeilen, im Augenblick befindet er sich auf dem Weg nach Mayrhofen.«

»Wie? Mit dem Hubschrauber? Ich sag doch, er kneift! Ein Feigling ist der!«

»Franzi, nenn es wie du es willst«, sagt Seppel wütend, »ich kann nur eines sagen: Wenn der mit dem Leben davon kommt, hat er Glück, wahnsinniges Glück.«

»Wie? Was hast gesagt?«

Plötzlich ist es totenstill.

»Ich will damit sagen, dass Viktor in diesem Augenblick mit schweren Erfrierungen ins Krankenhaus geflogen wird.«

Langsam wendet sich die Menge zu Leo Ackermann um. »Wie kann das sein? Er ist doch gesund und munter! Wie ist das möglich?«

»Ich sage die reine Wahrheit. Und wenn ihr wissen wollt, wie das passieren konnte, müsst ihr schon ihn selbst fragen.«

Leo bahnt sich hastig einen Weg durch die Menge. Diane begreift langsam, dass sich das Blatt wieder gewendet hat. Aber die Reporter wollen jetzt die Wahrheit wissen. Sie laufen den beiden geschwind nach. Doch Leo ist schneller und verkriecht sich in seinem Zimmer. Außer seiner Tochter lässt er niemanden herein.



11

Mein Leben ist im Moment keinen Groschen wert. Aber ich weiß es nicht. Ich dämmre zwischen Traum und Tag, und oft werde ich von schlimmen Dämonen geplagt, will aufspringen und fortlaufen. Sie haben mich ans Bett gebunden, zu meiner Sicherheit.

Tante Therese haben sie geholt. Aber ich weiß es noch nicht. Irgendwann erwache ich. Ich befinde mich in einem Glaskasten, und über mir sind die seltsamsten Geräte und Apparate. Da baumeln Flaschen und Röhrchen.

Verschwommen sehe ich die Gesichter der Ärzte und Schwestern. Tagelang schwebe ich zwischen Leben und Tod. Aber meine Natur ist stärker. Eines Nachts bin ich vollkommen wach und schaue mich um. Sofort ist ein Arzt bei mir.

»Möchten Sie etwas, Herr Hofstätter?«

»Ich habe großen Durst.«

»Sicher bekommen Sie etwas zu trinken. Warten Sie einen Augenblick.«

Er geht fort, und diese Minuten erscheinen mir wie eine Ewigkeit. Ich habe einen Brand in mir, der fürchterlich ist. Vielleicht kann man ihn gar nicht mehr löschen. Komisch, denke ich, was man doch für seltsame Gedanken hat.

Dann ist der Arzt wieder da, eine Schnabeltasse in der Hand. Vorsichtig stützt er meine Schultern, und ich trinke in gierigen Zügen. Der Tee tut mir gut. Ich fühle mich wesentlich besser.

Der Arzt steht an meinem Bett und sieht mich forschend an.

»Das Geräusch«, murmele ich. »Dieser Ton. Was ist damit? Ich kann ihn nicht mehr ertragen.«

»Leider können wir ihn noch nicht abstellen, Herr Hofstätter. Das ist Ihre Herzmaschine. Wenn sie unregelmäßig wird, dann ist das für uns das Signal, sofort etwas zu tun, verstehen Sie? Sie sind doch vernünftig und werden alles tun?«

»Ich weiß nicht«, sage ich mit schwacher Stimme. »Mir kommt das alles so komisch vor. Warum bin ich eigentlich hier?«

»Erinnern Sie sich denn nicht mehr daran, was vor einer Woche geschah? Haben Sie alles vergessen?«

Eine Woche, denke ich bestürzt. Mein Gott, dann wird Diane ja bald abreisen! Und ich liege hier! Mein Körper bäumt sich auf.

»Ich bin doch gesund. Wie lange muss ich noch bleiben?«

Der Arzt legt seine Hand auf meine rechte Schulter.

»Sie sind jetzt müde. Denken Sie nicht mehr. Wir haben jetzt viel Zeit. Sehr viel Zeit. Alles wird wieder werden.«

»Nein«, presse ich hervor. »Sie fährt dann fort! Und das darf sie nicht! Bitte, Sie müssen ihr sagen, dass sie nicht fortfahren darf!«

»Das tut sie auch nicht«, sagt er und meint damit meine Tante. Aber ich glaube, dass er von Diane spricht und bin glücklich. Sie geht nicht fort! Dieser Gedanke macht mich friedlich und müde zugleich, und ich fühle mich wieder leicht und glücklich.

Und dann träume ich. Diesmal sind es wunderschöne Träume. Ich sehe mich wieder über das Eis wandern. Aber nicht Leo ist bei mir, sondern Diane. Wir sind so glücklich. Ganz zauberhaft ist dieses Gefühl.

Ich muss wohl sehr lange geschlafen haben, denn als ich erwache, ist es schon Tag. Dass ich sechsunddreißig Stunden geschlafen habe, sagt mir niemand.

An der Glastür steht Tante Therese und wischt sich immerzu über die Augen.

»Warum kommst du nicht näher?«, frage ich verwundert.

»Das darf ich nicht, mein Junge.«

Ich sehe die Glaswände, die vielen Schwestern und langsam begreife ich, dass ich sehr sehr krank sein muss. Ein Kloß ist in meiner Kehle.

»Tante«, würge ich hervor, »bitte, wein doch nicht immerzu. Es wird schon wieder werden. Der Arzt hat es mir gesagt.«

»Ach, mein lieber, lieber Junge. ..«, schluckt sie.

Ich bin ein klein wenig wütend auf die Tante. Wenn sie immerzu weint, kann ich nicht mit ihr reden .

Warum kommt Diane nicht? Ich warte so verzweifelt auf sie, warum kommt sie nicht? Vielleicht lässt man sie nicht vor? Sie machen alle so abweisende Gesichter, da hätte ich auch Angst. Verflixt, denke ich, wieso liege ich hier? Ich war doch nur müde, jetzt bin ich ausgeschlafen und möchte aufstehen.

»Tante, wirst du mir einen Gefallen tun? «

»Jeden, lieber Junge.«

»Ich habe da ein Mädchen kennengelernt. Diane Ackermann heißt sie. Zur Zeit wohnt sie im größten Hotel in Hintertux. Würdest du wohl zu ihr gehen und ihr ausrichten, sie möge doch zu mir kommen. Du siehst ja, im Augenblick kann ich nicht fort. Wirst du das tun, Tantchen?«

Ihre Augen werden unnatürlich groß.

»Junge«, stammelt sie, »Junge, muss das sein?«

»Ja«, sage ich fest. »Wir lieben uns, Tante, wirklich. Sie ist das wunderbarste Mädchen der Welt. Bitte, ich flehe dich an. Bestimmt hat man ihr nicht gesagt, wo ich bin. Sonst wäre sie schon längst gekommen.«

Die Tante ist furchtbar nervös. Dann kommt der Arzt, und sie sehen sich an. Die Tante lächelt etwas kläglich.

»Kann ich Sie einen Augenblick sprechen?«, flüstert sie.

»Ja, sicher.«

Sie gehen etwas weiter weg. Ich kann sie nicht mehr sehen, aber doch hören. Eindringlich sagt die Tante: »Sie müssen es ihm sagen, Herr Doktor! Jetzt können Sie nicht mehr warten! Bitte, ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich bin ja so verzweifelt. Der Bub, ach ...«

»Gut«, höre ich die Stimme des Arztes. Sie ist tief und dunkel und strahlt Zuversicht aus. »Ich glaube, ich kann es jetzt wagen. Wenn er sich so gut hält, können wir ihn morgen oder übermorgen schon in ein normales Krankenzimmer verlegen. Und dann dürfen Sie auch zu ihm hineingehen. Hier herrschen strenge Vorschriften, das wissen Sie ja, zum Schutz unserer Kranken.«

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