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6 Mitternachts-Thriller Sammelband 6001 Juli 2019: Romane um Geheimnis und Liebe (Alfred Bekker Thriller Sammlung, #43)

Inhaltsverzeichnis

Titelseite

6 Mitternachts-Thriller Sammelband 6001 Juli 2019: Romane um Geheimnis und Liebe (Alfred Bekker Thriller Sammlung, #43)

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Im Bann der Puppe

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Wenn dich der Totenvogel ruft

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Das Eiskastell

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Prolog

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Jägerin der Dämonen

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Dein Albtraum wird zur Wirklichkeit

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Jägerin der magischen Winde

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About the Author

About the Publisher

Dramatische Romantic Thriller in einem Band: Dunkle Geheimnisse, übernatürliche Bedrohungen, mysteriöse Begebenheiten - und eine Liebe, die sich dem Grauen widersetzt. Darum geht in diesen packenden romantischen Spannungsromanen.

Dieses Buch enthält folgende Romane:

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TIMOTHY STAHL: IM BANN der Puppe

Timothy Stahl/ W.K.Giesa: Wenn dich der Totenvogel ruft

Jan Gardemann: DAS EISKASTELL: Eine Gruppe von Wissenschaftlern bricht zur Erkundung eines mysteriösen Gebäudes, verborgen unter dem Eis der Westantarktis, auf. Doch keiner von ihnen hätte geahnt, welche Gefahren dort lauern. Als schließlich zwei Frauen vermisst werden, stellt sich die Amulettforscherin Brenda Logan der Gefahr und begibt sich in die geheimnisvollen Gemäuer...

Alfred Bekker: JÄGERIN DER DÄMONEN: Die übersinnlich begabte Patricia Vanhelsing und ihr mysteriöser Gefährte Tom Hamilton sind auf der Spur grausamer Walddämonen...

Alfred Bekker: DEIN ALBTRAUM WIRD ZUR WIRKLICHKEIT: Linda wird von Albträumen geplagt, in denen sie von einer Gestalt in eine Burgruine gehetzt wird. Ist sie nur überarbeitetet oder schon dem Wahnsinn nahe? Als sie dann dieselbe Burgruine auf einem Reiseprospekt entdeckt und sie ihren scheinbar grundlosen Ängsten auf den Grund zu gehen versucht, wird ihr Albtraum zur Wirklichkeit...

Alfred Bekker: JÄGERIN DER MAGISCHEN WINDE: Ihr Name ist Jarmila, und sie gebietet mit magischen Kräften über die Winde, die unter dem Einfluss der Sturmhexe zu einer tödlichen Waffe werden. Aber Patricia Vanhelsing und Tom Hamilton treten den Mächten der Finsternis entgegen. 

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Im Bann der Puppe

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Ein Romantic-Thriller von Timothy Stahl

Der Umfang dieses Buchs entspricht 101 Taschenbuchseiten.

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Zum Blog des Verlags geht es hier:

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Vor langer Zeit

"Tod durch den Strang!"

Dreizehnmal war das Urteil, richterlich gefällt im Namen des Gesetzes und des Volkes, an eben diesem Galgen vollstreckt worden. Dreizehnmal hatte der Henker die Schlinge geknüpft und dreizehn Mörder gehängt. Kein einziger von ihnen hatte sein Verbrechen bereut, nicht einmal im Angesicht des Todes. Niemand zweifelte daran, dass ihre Seelen allesamt zur Hölle gefahren waren...

Bevor die vierzehnte Hinrichtung angesetzt wurde, schlug der Blitz ein in den Galgen und sprengte die klobige Konstruktion gleichsam. Die hölzernen Trümmer gingen in weitem Umkreis nieder, die meisten brennend, andere binnen eines Augenblicks schwarz verkohlt – und einige fast unversehrt.

Ganz gewiss waren die Überreste des Galgens zu nichts mehr gut. Wohl aber für manchen Zweck geeignet...

So nahm es seinen Lauf, das Unheil, und für lange Zeit kein Ende mehr.

Bis heute nicht.

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Heute

Der Himmel zerbarst in tausend Scherben, donnernd, wie unter dem Hammerschlag eines zürnenden Gottes. Das Geäst eines monströsen und weißglühenden Baumes schien um schwarze Wolkenberge zu wuchern. Blitz und Donner lösten einander in rastloser Folge ab, und der Himmel hatte nicht einfach nur alle Schleusen geöffnet, nein, sie mussten schier geborsten sein unter der Gewalt dieser Wassermassen, die sturzbachartig niedergingen auf diesen kleinen Flecken Erde, etliche Meilen jenseits vom Rest der Welt.

In Crimson Creek sprachen die Leute von einer neuen Sintflut an diesem Tag, da Reena Rystorm in der Stadt ankam, die ihre neue Heimat werden sollte.

Reena selbst wünschte sich, der Regen wäre tatsächlich mächtig genug, alles Übel wegzuspülen. Sie wünschte sich, dass diese Flut ihre düstere Vergangenheit ertränken könnte. Und jede böse Erinnerung daran...

Vor vier Tagen hatte Reena Rystorms früheres Leben aufgehört. Vor vier Tagen hatten sie New York verlassen, das kleine Haus in Queens, in dem Reena für eine kurze Zeit glücklich und dann viel zu lange unglücklich gewesen war.

Sie wünschte sich, es hätte anders geendet. Weniger drastisch, nicht so traurig. Nicht mit Zacharys Tod.

Jetzt, nachdem es so geendet hatte, wünschte sich Reena, die Uhr zurückdrehen zu können. Sie hätte ihren Mann längst verlassen sollen, damals schon, als sie dahinter gekommen war, dass Zachary Rystorm sie belog und betrog und wie schlecht es seinetwegen um ihre Finanzen stand.

Doch Zachary hatte Besserung gelobt und versprochen, fortan die Finger vom Glücksspiel und von anderen Frauen zu lassen.

Er hatte seinen Schwur gebrochen und Reena immer dreistere Lügen aufgetischt.

So hatte sie beispielsweise herausgefunden, dass er, der angeblich aufstrebende Schauspieler, nicht etwa auf kleinen Theaterbühnen im amerikanischen Hinterland gestanden, sondern meist an den Spieltischen und -automaten der Casinos in Las Vegas gesessen hatte, wenn er New York und seine Familie für ein paar Tage oder Wochen verließ.

Er hatte in Pfandhäusern und schließlich bei Kredithaien zu Geld gemacht, was sich auch nur halbwegs hatte versilbern lassen. Und wenn er einmal gewann, dann hatte Zachary Rystorm meist gleich wieder alles aufs Spiel gesetzt, in der Hoffnung, seine Glückssträhne möge anhalten. Aber das hatte sie nie getan, kein einziges Mal.

Nach Zacharys Tod waren Reena fast ausnahmslos Schulden geblieben, und es schien ihr selbst wie ein kleines Wunder, dass sie letztlich mit halbwegs heiler Haut aus dieser Misere herausgekommen war.

Dennoch, sie hätte sich schon vor Zeiten von Zachary trennen sollen, wenn schon nicht um ihrer selbst willen, so doch Aspens wegen. Vielleicht hätte sie mich dann niemals weinen sehen, dachte Reena bitter, während sie ihre fünfjährige Tochter im Rückspiegel des Wagens betrachtete.

Wann immer sie Aspen ansah, hatte Reena den Eindruck, Kinderbilder ihrer selbst zu sehen. Ihre Tochter war ihr so ähnlich, hatte das gleiche kupferfarbene Haar und diese tiefgrünen Augen, die Reenas Vater 'Nixenseen' genannt hatte. Dazu den ganz dezent bronzenen Teint, weil ein klein wenig Indianerblut in ihren Adern floss und der sowohl Aspen als auch ihr selbst diesen leicht exotischen Look verlieh, stand er doch im krassen Gegensatz zur blassen und bisweilen sommersprossigen Haut vieler Rothaariger.

Der Anblick des Mädchens im Kindersitz ließ Reena lächeln, und sie beneidete Aspen um ihren tiefen Schlaf. Das Unwetter vermochte sie nicht zu wecken.

Reena seufzte.

Wann hatte sie selbst zum letzten Mal so fest geschlafen? Sie erinnerte sich nicht.

Es musste Jahre her sein, in der Zeit wohl, da Zachary Rystorm noch nicht vom Spielteufel besessen und kein Schürzenjäger, sondern einfach nur der Mann ihres Herzens und ihrer Träume gewesen war –

Vorbei! mahnte sich Reena im stillen, um ihre Gedanken daran zu hindern, noch tiefer in die Vergangenheit abzudriften. Schau nicht mehr zurück, nur noch nach vorn!

Reena riss sich zusammen.

Tatsächlich war es angeraten, nach vorn zu schauen.

Die Scheibenwischer kämpften fast vergebens gegen den strömenden Regen, und die Sturmwolken verwandelten zudem noch den Tag in finstere Nacht. Die Sicht reichte gerade ein paar Meter über die Haube des altersschwachen Buick hinaus, und Reena tat gut daran, sich auf die Straße zu konzentrieren, anstatt über frühere Fehler und versäumte Gelegenheiten nachzugrübeln. Sonst konnte es leicht passieren, dass ihr neues Leben endete, noch ehe es recht angefangen hatte.

Heute sollte es beginnen. Und hier sollte es beginnen.

Crimson Creek

Where Neighbors Are Friends – if we like them!

Das Ortsschild tauchte am Fahrbahnrand aus den dichten Wasserschleiern auf, aber es entschwand Reenas Blick, bevor sie die darauf vermerkte Einwohnerzahl von Crimson Creek lesen konnte.

Etwas nahm Reena ganz plötzlich die Sicht!

Wie von Geysiren ausgespien schoss flüssige Röte in die Höhe und schwappte dumpf gegen die Scheiben des Dodge.

Gerade so, als sei Reena mitten hineingefahren in einen See aus schierem Blut.

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Crimson Creek.

Der Karmesin-Bach.

Jenes Flüsschen, nach dem das Städtchen einst von den ersten Siedlern benannt worden war.

Der Bach entsprang in den Red Rocks, der Bergkette westlich von Crimson Creek, und er hatte sich sein Bett über weite Teile in roten Fels gewaschen. Das Gestein färbte das Wasser, sodass man meinen konnte, der Bach führe statt dessen Blut.

Der Dauerregen hatte den Crimson Creek vom idyllischen Bach zum reißenden Fluss gemacht und ihn stellenweise über seine Ufer treten lassen.

Hier, auf Höhe des Ortsschilds hatten Schlamm und Wasser die Straße überspült und einen sumpfigen See gebildet, einen See wie aus halb geronnenem Blut. In dessen Mitte ein Buick Kombi stand, der vor zehn oder mehr Jahren zumindest noch einigermaßen neu gewesen sein mochte.

In zähen Schlieren rann karmesinrotes Schlammwasser an den Scheiben des Wagens herab. Regen und Scheibenwischer halfen nach und wuschen das Glas schließlich halbwegs sauber.

Reena Rystorm wusste um das rote Wasser des Crimson Creek. Schließlich war diese Besonderheit so ziemlich das einzige gewesen, was sie vor ihrer Abfahrt aus New York über ihr Ziel in Erfahrung hatte bringen können. Interessanteres schien es in und um Crimson Creek nicht zu geben, zumindest waren andere Informationen nirgendwo vermerkt gewesen, weder in der Bücherei noch im Internet.

Reena wollte sich insgeheim auslachen, weil sie so erschrocken war, als sie – mit zu hohem Tempo, wie sie sich eingestand – in den flachen See, der die Straße verschlungen hatte, hineingefahren und das Wasser hochgespritzt war. Aber es hatte so... echt ausgesehen.

Wirklich wie Blut.

Und unbewusst fragte sich Reena, ob der Crimson Creek seinen Namen tatsächlich nur deshalb trug, weil er durch roten Fels floss, oder ob es da nicht noch eine ganz andere Geschichte gab –

"Mommy?"

Reena drehte sich nach ihrer Tochter um, fast dankbar dafür, dass Aspen aufgewacht war und sie aus ihrer Grübelei riss.

"Was gibt's, Schätzchen?"

Aspen rieb sich die Augen und schaute nach draußen. Zu sehen gab es nichts außer dem Regen, dessen Fäden sich wie zu silbrigen Schleiern verwoben, die der Wind hin- und herwallen ließ.

"Sind wir schon da?", fragte Aspen verwirrt.

"Noch nicht", antwortete Reena. "Aber bald, mein Schatz."

"Warum bist du dann hier stehengeblieben?", fragte das Mädchen weiter.

"Es war – ach, nichts."

Reena winkte ab.

In ihrem Schrecken hatte sie gebremst und den Motor abgewürgt, jetzt versuchte sie ihn wieder zu starten. Die Maschine mahlte träge.

Reena schloss die Augen und betete stumm darum, dass der Motor anspringen möge – und irgendjemand musste ihr Flehen wohl erhören. Der Buick setzte sich ruckelnd in Bewegung.

Ein gutes Zeichen, dachte Reena und lächelte in vager Zuversicht.

Wenn auch alles weitere so gut klappte, wenn sie nur ein bisschen Gottvertrauen brauchte, dann mochte ihr neues Leben vielleicht unter einem günstigeren Stern stehen als ihr früheres – andererseits, schlimmer konnte es kaum werden.

Davon war Reena jedenfalls überzeugt.

Bis sie das Haus sah.

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Zachary Rystorm hatte Reena das Haus in Crimson Creek hinterlassen. Wahrscheinlich ohne es zu wissen oder sich noch daran zu erinnern.

Sie – beziehungsweise Onkel Scoobert, der sich in seiner Eigenschaft als Anwalt und Reenas einziger noch lebender, wenn auch entfernter Verwandter um die Erbschaftsangelegenheit kümmerte – hatte die Besitzurkunde im Durcheinander von Zacharys Unterlagen gefunden.

Es stand anzunehmen, dass er das Haus irgendwann einmal beim Zocken im stickigen Hinterzimmer irgendeiner Kneipe gewonnen hatte. Den Namen des Vorbesitzers, der im Vertrag genannt war, hatte Reena nie gehört, und vermutlich hatte auch Zack den Mann kaum näher gekannt.

Wie auch immer, Vertrag und Urkunde waren legal, und so wurde Reena wenigstens einmal zur Nutznießerin der Spielbesessenheit ihres Mannes.

Das Haus in Crimson Creek gehörte jetzt rechtmäßig ihr, und somit hatten sie und Aspen wenigstens ein Dach über dem Kopf. Das Häuschen in Queens hatte sie nämlich verkaufen müssen, um den Schuldenberg abzutragen, den Zachary angehäuft und hinterlassen hatte.

Geblieben waren Reena neben ein paar Möbeln, die sie mit einer Spedition nach Crimson Creek geschickt hatte, der alte Buick und ein paar Habseligkeiten, die problemlos in den Kofferraum des Kombis passten.

So war sie mit Aspen nach Crimson Creek aufgebrochen, um neu anzufangen, im Herzen wenigstens den Keim von Hoffnung, dass sie es irgendwie schaffen würde – aber dieser Keim erstarb beinahe spürbar in ihrer Brust, als Reena nach einer kleinen Odyssee durch die menschenleeren Straßen der Stadt das Haus endlich fand.

Sie wollte sich einreden, dass es nur am Regen und am düsteren Zwielicht lag. Aber sie wusste, dass das Haus selbst in strahlendem Sonnenschein einen heruntergekommenen Eindruck machen würde, und dass es genauso unheimlich und abweisend aussehen würde wie jetzt.

Zwischen der Fotografie des Hauses, die den Unterlagen beigelegen hatte, und dem tatsächlichen Anblick klafften Welten – oder Jahre jedenfalls; deren zwanzig, schätzte Reena, eher mehr als weniger.

Auf dem Bild waren die Holzfassade des zweistöckigen Hauses weißgetüncht und der Garten gepflegt gewesen. Gardinen hatten sich in den offenen Fenster gebauscht, und darunter hatten Blumenkästen gehangen, in denen die Farbenpracht eines Regenbogens blühte. Die verspielten Giebel und Türmchen auf dem Dach des Hauses wirkten wie eine kleine, märchenhafte Stadt für sich.

Heute war die Farbe von der Fassade abgeblättert, und darunter war ein schmutziges Grau zum Vorschein gekommen, das sich kaum vom Regen und Zwielicht unterschied. Deswegen wirkte das Haus seltsam konturlos, beinahe so, als würde es seine Größe fortwährend verändern oder sich hin und her bewegen.

Die Fenster waren dunkle Löcher, links und rechts hingen so schiefe wie farblose Läden. Der Garten war verwildert, und zwischen den Giebeln und Türmchen auf dem Dach nisteten Schatten, die im Sturm wogten wie rußgeschwärzte Geister.

Reena glaubte nicht länger, dass Zachary das Haus vergessen hatte. Wahrscheinlich hatte er durchaus versucht, es loszuschlagen, nur hatte er wohl keinen Dummen gefunden, der auch nur einen Dollar für diese alte Bude zu zahlen bereit gewesen war.

"Ist es nicht wunderschön?", hörte Reena da die Stimme ihrer Tochter vom Rücksitz her.

Sie drehte sich nach Aspen um. "Was?", fragte sie verwirrt.

Aspen lächelte, strahlte geradezu. "Das Haus. Sieht es nicht aus wie ein Schloss?"

Reena verbiss sich die Antwort, die ihr auf der Zunge lag: Ja, wie ein verdammtes Spukschloss! Statt dessen rettete sie sich in ein halbherziges "Sicher, Schätzchen.".

Regen und Wind fauchten in den Wagen und ließen Reena erschrocken auffahren. Sie hatte sich wieder dem Haus zugewandt und nicht gemerkt, dass Aspen sich aus ihrem Kindersitz befreit und die Fondtür des Buick geöffnet hatte.

"Bleib hier!", rief Reena automatisch.

"Wieso?", gab das Mädchen zurück. "Hier ist es nass und igitt! Lass uns reingehen. Komm schon!" Und ohne eine Antwort ihrer Mutter abzuwarten, lief Aspen los.

Notgedrungen vergaß Reena die Idee, die ihr eben noch durch den Kopf gegangen war: im Wagen sitzen zu bleiben und einfach weiterzufahren, irgendwohin. Nur nicht aussteigen und versuchen, in diesem Haus zu wohnen, geschweige denn, darin ein neues Leben anfangen zu wollen.

Jetzt allerdings konnte sie nicht anders. Reena musste aussteigen.

Durch den strömenden Regen folgte sie ihrer Tochter. Auf halbem Wege zum Haus war sie schon völlig durchnässt. Der zerrende Wind und das kniehohe Gestrüpp des Gartens hinderten sie im Vorankommen.

Es schien ihr ewig zu dauern, bis sie endlich die wenigen Stufen zu der Veranda hochlaufen konnte und unter deren Dach zumindest dem Regen halbwegs entkam. Die Klauen des Sturms freilich reichten auch hier mit unverminderter Kraft hin.

"Aspen?"

Wo war ihre Tochter? Angst sprang Reena an, einem wilden Tier gleich, das sich aus der Dunkelheit jenseits der Eingangstür auf sie stürzte.

Kein Grund zur Sorge, mahnte sie sich. Aspen ist schon reingegangen, und du würdest gut daran tun, ihr zu folgen. Wie es da drinnen auch aussehen mag, es dürfte zumindest trocken sein.

Dennoch zögerte Reena, den entscheidenden Schritt über die Schwelle zu tun. Und als sie ihn endlich getan hatte und einen weiteren noch dazu, schrie sie auf!

Ein donnerndes Krachen. Das Scheppern und Klirren von Glas. Dann Ruhe.

Ein gequältes Lachen entrang sich Reenas Kehle.

Der Wind, nur der Wind, beruhigte sie sich. Der Sturm hatte die Haustür zugeworfen.

"Aspen?" Reena wollte rufen, aber ihre Stimme zitterte und klang zaghaft und leise.

Jeder Quadratzoll des Hauses schien in Bewegung. Überall ächzte und knarrte es. Der Sturm schien wie mit unsichtbaren Händen an jedem Balken zu rütteln, als wolle er das Haus abreißen.

Keine üble Idee, dachte Reena, vielleicht sogar die beste...

"Aspen?" Diesmal kam ihr der Ruf lauter über die Lippen. Und diesmal erhielt sie Antwort.

"Mommy!"

"Wo bist du, Aspen? Komm zu mir, schnell."

Trippelnde Schritte klangen auf, und im Dunkeln war es Reena unmöglich zu sagen, aus welcher Richtung sie kamen. Aspen stand urplötzlich neben ihr, wie von der Finsternis ausgespuckt.

Rasch fasste Reena nach dem Mädchen und zog es an sich. "Du kannst doch nicht einfach – "

Wieder krachte und schepperte es. Diesmal erzitterte spürbar der Boden unter Reena. Und diesmal erschrak sie noch heftiger als zuvor. Weil der Sturm, der durch die wieder aufgesprengte Tür hereinfuhr, ihr wie mit Riesenfäusten in den Rücken drosch.

"Mommy?"

"Was, Liebling?" Reena versuchte sich der Tür zu nähern, um sie wieder zu schließen. Vielleicht fand sie irgendetwas, das sie davor schieben konnte. Der Schlüssel befand sich noch im Wagen, und sie hatte keine Lust, noch einmal durch den Regen zu laufen, um ihn zu holen.

"Da ist jemand", sagte Aspen.

Reena hielt inne. "Wo?"

Sie sah sich um und zur Tür hinaus in den immer dunkler werdenden Tag, sah aber niemanden, nicht einmal einen Schatten oder eine Bewegung, die auf eine Person hingedeutet hätten.

Trotzdem zweifelte Reena nicht daran, dass ihre Tochter recht hatte. Aspen hatte ein... nun, ein besonderes Gespür, wohl das, was man einen 'siebten Sinn' nannte; Reena hatte sich stets geweigert, es anders, konkreter zu benennen.

Das Mädchen wusste bisweilen um Dinge, bevor sie geschahen oder jemand anderes sie wahrnahm. Nichts Großes freilich; Aspen war nicht in der Lage, irgendwelche Ereignisse zu weissagen, nein. Aber wenn beispielsweise das Telefon klingelte, wusste Aspen meist, wer der Anrufer war, noch bevor sie den Hörer abnahm.

Sie selbst schien sich dieses Talentes nicht wirklich bewusst zu sein, sie fasste das Ganze als Spiel auf, indem sie etwa meinte: "Wetten, dass das Onkel Scoobert ist?", und wenn dann tatsächlich Scoobert Fairchild am anderen Ende der Leitung war, grinste Aspen so entzückend wie triumphierend.

Reena war nie näher auf diese Sache eingegangen. Aus Angst, dass die 'falschen Leute' auf Aspens besonderes Talent aufmerksam werden könnten. Diese Befürchtung mochte zwar barer Unsinn sein, aber Vorsicht schien ihr besser als Heilen, und außerdem hörte, sah und las man ja so viel über geheime Forschungen von Geheimdiensten...

Wie auch immer, wenn Aspen meinte, da sei jemand, dann mochte das durchaus so sein.

"Wo denn?", hakte Reena nach und wandte sich nach ihrer Tochter um.

"Da", sagte das Mädchen nur und wies mit ausgestrecktem Finger an ihrer Mutter vorbei zur Tür.

Reena ruckte herum – und fuhr mit einem leisen Aufschrei zurück!

Im Türrahmen, eben noch leer, stand eine Gestalt, pechschwarz und ohne Gesicht.

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Der Eindruck täuschte.

Der Fremde wirkte lediglich im Gegenlicht eines Blitzes schwarz und gesichtslos. Als das grelle Licht erlosch und Reenas Augen sich ein wenig erholt hatten, vermochte sie sehr wohl Details auszumachen.

Unheimlich blieb die Gestalt dennoch. Nicht nur, weil sie wie aus dem Nichts gekommen schien.

Der Fremde trug einen knöchellangen Mantel, von dem der Regen troff. Langes Haar, klatschnass, floss ihm gleichsam bis über die Schultern, und auch aus dem dichten Vollbart, der wenig von seinem Gesicht sehen ließ und ihm bis zur Brust hinabreichte, rann die Nässe.

"Wer – ?", setzte Reena endlich an, doch eine knappe Handbewegung des anderen ließ sie verstummen.

"Gehen Sie."

Seine Stimme klang dumpf, und er sprach auf eine Art leise, als fürchte er, sie könnten belauscht werden.

"Wie bitte?", erwiderte Reena. "Ich – "

"Sie sollen gehen. Bleiben Sie nicht hier."

"Aber warum – ?" Reena trat unbewusst einen Schritt vor. Der Fremde wich um die gleiche Distanz zurück.

"Dieser... Ort", sagte er dann, "ist nicht gut. Nicht für Sie und nicht für – ", er sah an Reena vorbei und irgendetwas veränderte sich in seinem Blick, " – Ihr Kind."

"Was reden Sie denn da?", wollte Reena wissen. Ihr Tonfall wurde ungehalten. Sie folgte mit ihrem Blick dem des Fremden, schaute über die Schulter zurück in Richtung ihrer Tochter – oder vielmehr dorthin, wo Aspen eben noch gestanden hatte...

...jetzt war sie verschwunden!

"Wo ist sie?"

Reena drehte sich wieder nach dem unheimlichen Besucher um, genau in dem Moment, da ein weiterer Blitz den Himmel in Weißglut tauchte. Geblendet schloss Reena die Augen, und als sie die Lider wieder hob, sah sie nichts. Niemanden.

Der Fremde war verschwunden.

So rasch und überraschend wie er gekommen war.

So plötzlich und spurlos wie –

"Aspen?"

Diesmal erhielt Reena keine Antwort. Nicht von ihrer Tochter.

Nur der Sturm heulte unvermindert und ließ das Haus wispern. Wie mit Gespensterstimmen.

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Aspen?

"Ja?"

Du kannst mich hören?

"Ja..."

Aspen... Ein hübscher Name. Für ein hübsches Mädchen.

"Du kannst mich sehen?"

Ja. – Möchtest du mich sehen?

"Wo bist du?"

Komm... Komm zu mir.

Aspen ging. Ohne zu zögern lief sie ins Dunkel, das mit jedem Schritt weit genug vor ihr zurückwich, dass sie sehen konnte, wohin sie ging. Und sie wusste, wohin sie zu gehen hatte. Die Stimme führte sie.

Die Stimme... Sie klang wie die eines Jungen. Wenn auch ein wenig heiser, als brüte der Junge eine handfeste Erkältung aus. Und schrill war sie zu dem noch, wie die Stimme von jemandem, der nie richtig sprach, sondern stets nur schrie oder schreien musste, um sich Gehör zu verschaffen.

Vielleicht hielt sich der Junge hier im Haus versteckt, vielleicht hatte er auch nur Zuflucht vor dem Sturm gesucht, der ihn beim Spielen draußen überrascht haben mochte.

Aspen lächelte, und ihre Augen glänzten.

Es musste toll sein, draußen im Garten zu spielen. Er musste hundert Verstecke bieten und tausend Geheimnisse bergen.

Aspen klatschte begeistert in die Hände bei dieser Vorstellung. Vielleicht würde ja der Junge draußen mit ihr spielen, wenn der Regen vorbei war – aber erst einmal musste sie ihn finden.

Hierher. Komm.

Die Stimme kam von oben. Aspen stand am Fuß der Treppe, die in den zweiten Stock hinaufging. Sie endete dort droben im Dunkeln, als führe sie ins Nichts.

Du brauchst keine Angst zu haben, Aspen.

"Hab' ich auch gar nicht", gab sie trotzig zurück und stieg die Stufen hoch.

Am Ende der Treppe lag ein Gang, der sich nach beiden Seiten fortsetzte. Links und rechts gingen Türen ab.

Hier entlang, wisperte es von links.

Aspen ging, langsam.

"Komm doch raus", bat sie. "Bitte, meine Mommy wird böse, wenn ich – "

Du musst zu mir kommen, Aspen. Du musst mir – helfen.

"Wobei?"

Ich sitze in der Falle. Du musst mich befreien.

Aspen ging ein wenig schneller, und Sorge klang in ihrem Ton, als sie fragte: "Oh, hast du dir wehgetan?"

Ja. Ja, es tut weh, hier eingesperrt zu sein. Ich musste lange warten, viel zu lange, auf jemanden wie dich. – Geh durch diese Tür.

Aspen blieb stehen. Sie wusste, welche Tür gemeint war, wusste es ganz einfach und öffnete sie.

Dahinter schraubte sich eine weitere Treppe in die Höhe, schmal und düster. Von oben drang die Ahnung von Licht herab. Dort mochte es ein Fenster geben, in einem der kleinen Türme, die Aspen von draußen gesehen hatte.

Die Stufen knarrten selbst unter Aspens Leichtgewicht. Instinktiv hielt sie sich an ihrem Rand, bis die letzte hinter ihr lag.

Die Treppe mündete in ein rundes Zimmer mit hohen Wänden. Unter der Decke gab es schmale Luken, durch die graues Zwielicht hereinfiel. Überall stapelten sich Kisten und alle möglichen Dinge, die jemand vor langer Zeit hier abgestellt und dann vergessen haben musste.

Aspen glaubte sich in einer versteckten Schatzkammer. Aber bevor sie sich daran machen konnte, die Schätze zu entdecken, musste sie dem Jungen helfen. Es schien ihr wie ein geheimer Pakt, der galt, ohne je ausgesprochen worden zu sein.

"Ich bin hier", rief sie halblaut ins Dämmer.

Und ich bin hier.

"Wo?" Aspen sah sich nach allen Seiten um. Nirgends rührte sich etwas. "Ich kann dich nicht sehen."

Sie lauschte. "Und nicht hören", ergänzte sie dann.

Such mich. Hol mich.

Aspen schluckte. "Sag mal... du bist doch nicht etwa ein Geist oder so was?", fragte sie dann. "Ich meine, weil ich dich nicht sehen kann..."

Nein, ein Geist bin ich nicht. Ich bin nur..., der unsichtbare Junge zögerte kurz, ...aus ganz besonderem Holz.

Und dann kicherte er und lachte schließlich. So kalt, dass Aspen fror.

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"Aspen?!"

Im Zwielicht lief Reena den Flur hinab. Sie stolperte hie und da, geriet ins Straucheln, weil hier ein Dielenbrett lose war und dort etwas im Wege stand, Kisten und Schachteln.

Die offenbar weittragende Akustik des Hauses erweckte den Eindruck, die Wände würden flüstern. Ein Zischeln und Wispern war um Reena her, wie von Geistern, die unter den feuchten Tapeten, in Nischen und Ecken und im Dunkeln hausten.

Aber es war Aspens Stimme, die Reena da hörte, von irgendwoher und nur ganz leise.

Das hätte Reena eigentlich beruhigen sollen. Aber die Wirkung blieb aus.

Denn sie hörte noch eine zweite Stimme. Eine fremde, und sie sprach mit Aspen. Worüber, das konnte Reena nicht verstehen, nicht einmal der Tonfall der beiden ließ entsprechende Schlüsse zu. Reena vermochte nicht einmal zu sagen, ob es die Stimme eines Mannes oder einer Frau war, möglicherweise auch die eines anderen Kindes. Die Wände und Winkel des Hauses verzerrten jeden Laut in solchem Maße, dass selbst Aspens Stimme fast fremd klang.

Reena dachte an den unheimlichen Kerl, der ihr vorhin seine Aufwartung gemacht hatte. Natürlich dachte sie an ihn, die ganze Zeit über.

War er es, dessen Stimme sie außer Aspens noch hörte?

Die bloße Vorstellung, ihr Kind könnte mit diesem merkwürdigen Mann irgendwo allein sein, fuhr Reena wie eine Nadel aus Eis in die Brust und trieb sie zu noch größerer Eile – mit dem Ergebnis, dass sie ein weiteres Mal stolperte und diesmal wirklich fast stürzte, hätte sie nicht am Geländer der nach oben führenden Treppe eben noch Halt gefunden.

Abermals rief Reena den Namen ihrer Tochter und: "Wo bist du? Komm zu mir, sofort!"

Gegen das spinnwebenbehangene Geländer gestützt, vernahm Reena ein Kichern, das ihr einen Schauer über den Rücken jagte. Der Laut war beinah schmerzhaft schrill. Und er kam von oben.

Reena stürmte die Treppe empor. Ihr Blick flog hin und her und fing sich schließlich an einer spaltbreit offenen Tür. Im Halbdunkel sah es aus, als liege dahinter nichts als ein pechschwarzes Loch.

Erst als Reena die Tür aufzog, gewahrte sie das unangenehm graue Licht, das von oben kam. Wie etwas Zähes floss es über die Stufen einer engen Wendeltreppe herab.

Und dort oben, am Ende der Treppe musste Aspen sein. Von dort hörte Reena ihre Stimme – und diese andere, die jetzt plötzlich anders klang als eben noch...

Reena stieg die Treppe hinauf. Aspens kleine Fußspuren zeichneten sich im Staub auf den Stufen ab. Nur ihre.

Die Stiege mündete in einen kleinen, runden Raum, ein Turmzimmer.

Wer immer die Kisten und all den Schrott hier heraufgeschafft hatte, musste ein Idiot gewesen sein, ging es Reena durch den Kopf. Aus welchem vernünftigen Grund sollte sich jemand die Mühe machen, diesen Müll die enge Treppe hinaufzuschleppen – nur, um ihn irgendwann wieder hinabtragen zu müssen?

Der Grund fiel Reena noch im selben Augenblick ein: Weil sie diejenige war, die dieses Zimmer (wie auch den Rest des Hauses) würde entrümpeln müssen. Wer immer das Zeug hergebracht hatte, es brauchte ihn nicht länger zu kümmern, was daraus wurde und wer sich damit abplagen würde –

Reena wunderte sich über zweierlei in einem einzigen Gedanken: Zum einen stellte sie fest, dass sie unbewusst wohl schon beschlossen hatte, hier zu bleiben. Denn warum sonst würde sie sich Gedanken über eine Entrümpelung des Hauses machen? Und zum anderen – sie hatte Aspen gesucht, in fast panischer Hast, und jetzt, da sie ihre Tochter endlich gefunden hatte, sagte sie kein Wort, stellte das Mädchen weder zur Rede noch schloss sie es in die Arme. Nein, sie stand hier, auf der letzten Treppenstufe, sah sich um und stöhnte innerlich jetzt schon der Plackerei wegen, die es bedeuten würde, all diese Kisten und Sachen aus dem Haus zu schaffen.

Das war... seltsam. So seltsam wie das Gefühl, diese belanglosen Gedanken würden ihr eingeflüstert, von –

Weiter kam Reena nicht. Die Überlegungen verliefen im Nichts, lösten sich auf, kaum dass Reena sich ihrer wirklich bewusst geworden war. Tatsächlich meinte sie, etwas wie einen Ruck zu verspüren, mit dem die Wirklichkeit wieder einrastete, mit dem sie selbst zurückfand auf den Boden der Realität.

Staub stieg ihr in die Nase und feuchter Modergeruch. Hie und da nahm sie im schattenhaften Licht huschende Bewegungen wahr, von Spinnen und anderem Kleingetier, das Reißaus nahm vor den Eindringlingen, die die jahrzehntelange Ruhe dieses Hauses störten.

Aspen hockte am Boden, zwischen zwei Kistenstapeln auf der anderen Seite des Zimmers. Sie wandte ihrer Mutter den Rücken zu, und sie sprach immer noch. Immer noch allerdings so leise, dass Reena kein Wort verstand.

Und immer noch war da diese andere Stimme, die Reena aber auf einmal nicht mehr so anders vorkam wie vorhin. Vielmehr unterschied sie sich kaum noch von Aspens...

Sie trat hinter ihre Tochter, ließ sich auf die Knie nieder und fasste nach den Schultern des Mädchens.

"Was tust du hier? Ich habe nach dir gerufen. Hast du mich denn nicht gehört?"

"Doch, Mommy", antwortete Aspen und drehte sich im Sitzen um.

Reena konnte einen leisen Aufschrei mit Mühe verhindern, aber sie prallte doch erschreckt zurück.

Aspen schien ihre Reaktion nicht zu bemerken, oder sie überging sie einfach. Wahrscheinlich war letzteres der Fall, denn das Augenmerk des Mädchens war einzig auf das konzentriert, was sie in der Armbeuge hielt.

Eine Puppe.

Keine gewöhnliche Puppe jedoch, sondern eine von der Art, wie Bauchredner sie gebrauchten, wenn sie ihr Talent für Bühnenauftritte nutzten.

Reena hatte diese Puppen stets abscheulich gefunden.

Und hässlich.

Diese hier, die Aspen im Arm hielt und von der sie die Augen nicht ließ, war mehr noch.

Sie war ... unheimlich hässlich.

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"Er sagt, dass er mein Freund ist", behauptete Aspen, ohne den Blick von der Bauchrednerpuppe abzuwenden.

"So", machte Reena, "sagt er das?"

Es kostete sie Überwindung, ihren Abscheu nicht offen zu zeigen.

Die Puppe musste alt sein, uralt vielleicht. An ihren Kleidern, die irgendwann einmal einem Anzug mit Schwalbenschwanz nachgeschneidert worden waren, hatten sich im Laufe vieler Jahre ganze Generationen von Motten gütlich getan. Löcher so groß wie Daumenkuppen klafften in dem Stoff, und er roch nach Ungeziefer.

Aber das eigentlich Abstoßende an der Puppe war ihr Gesicht.

Eine garstige Visage, mit einem breiten, impertinenten Grinsen voller Zähne, die irgendwann einmal weiß gewesen sein mochten, jetzt allerdings gelb waren wie die eines alten Mannes. Schwere hölzerne Lider über riesigen Augen, in die sich Holzwürmer gefressen hatten, ebenso wie in den gesamten Schädel der Puppe.

Reena musste an Tote denken, die in ihren Gräbern lagen, dem hungrigen Getier dort drunten ausgeliefert, und sie schauderte.

Das brandrote Haar der Puppe mochte echt sein, zumindest bestand es nicht aus Wolle oder irgendwelchen Kunstfasern, wodurch sie in Reenas Augen noch widerwärtiger wurde.

Und wieder hätte sie ums Haar aufgeschrien, diesmal, weil die Puppe ihr plötzlich zuzwinkerte! Die Lider senkten sich träge und schabend über die Augen, schlossen sich mit leisem Klacken und hoben sich wieder.

Aspen lachte glockenhell, und dann bewegte sie den Mund der Puppe, indem sie ihre Hand, die in der Puppe steckte, schloss. Die Zähne der Puppe schlugen aufeinander.

Klack, klack, klack.

Für Reena sah es aus, als würde das... Ding nach ihr schnappen wollen.

"Hör auf damit", sagte sie, schärfer als gewollt.

"Warum?", fragte Aspen. "Freckles möchte dir doch nur etwas sagen."

"Freckles?"

"Das ist sein Name", nickte Aspen und ließ die Puppe abermals blinzeln, wie zur stummen Bestätigung.

Freckles – Sommersprossen. Ein ungewöhnlicher Name, aber passend, fand Reena. Die hölzernen Wangen der Puppe waren gesprenkelt mit winzigen Punkten, dunkelrot...

...wie altes Blut, dachte Reena. Und endlich riss sie sich zusammen, schalt sich im Stillen eine Närrin.

Nun hör aber auf! So hässlich dieses Ding auch sein mag, es ist eine Puppe. Nichts weiter! Nur eine alte Puppe, stinkend und abscheulich, ja, aber nur ein Ding aus Holz – und echtem Haar...

Reena verbat sich kurzerhand, weiterzudenken. Sie stand auf – oder wollte es tun, hielt aber inmitten der Bewegung inne.

Weil die Puppe sprach. Zu ihr diesmal, und der Blick ihrer wurmzerfressenen Augen glitt in die Höhe, bis er den ihren traf.

"Willkommen in meinem Haus, Mrs. Rystorm."

Reena fröstelte. Sie zweifelte nicht daran, dass es Aspens Stimme gewesen war, die die Worte gesagt hatte, verzerrt und gepresst, verstellt eben.

Aber Aspens Lippen – das hätte Reena in diesem Augenblick geschworen! – hatten sich nicht bewegt.

Bewegt hatte sich nur der Mund der Puppe. Und das tat er immer noch. Wenn auch, ohne etwas zu sagen außer...

...klack. Klack. Klack!

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Am nächsten Morgen sah die Welt freundlicher aus.

Die Welt draußen jedenfalls...

Das Haus indes blieb düster und voller Geräusche. Und Reena musste sich zwingen, ihre Versuche, das Haus in etwas zu verwandeln, das einem Heim wenigstens ähnelte, nicht kurzerhand aufzugeben und statt dessen das Weite zu suchen.

Das Unwetter hatte sich über Nacht verzogen, und nach einer Weile hatte sogar das Licht im Haus funktioniert. Scoobert Fairchild hatte dafür Sorge getragen, dass zumindest die Strom- und Wasserversorgung des Hauses funktionierten.

Doch kaum hatte sie das Licht eingeschaltet gehabt, da wünschte sich Reena auch schon, Onkel Scooberts Angebot, eine Reinigungsfirma mit der Säuberung des alten Hauses zu beauftragen, in Anspruch genommen zu haben. Sie hatte die Kosten gescheut. Aber jetzt, da sie sich selbst mit dem Chaos konfrontiert sah...

Sie würde Tage, vielleicht sogar Wochen brauchen, allein, um das Haus zu putzen und zu entrümpeln. Und selbst dann würde es noch nicht wirklich wohnlich sein, sondern immer noch groß ud unheimlich, und jedes Knacken und Knarren im Gebälk würde Reena aufhorchen lassen. Es würde eine Weile dauern, bis sie sich daran gewöhnt hatte.

Andererseits, was blieb ihr übrig? Schließlich war es nicht so, dass sie eine große Auswahl an anderen Möglichkeiten hatte. Genaugenommen hatte sie gar keine...

Reena gab sich alle Mühe, ihren über die Jahre mit Zachary verkümmerten Optimismus zu reaktivieren. Und schließlich fand sie sogar etwas, woran sie ihre Hoffnung darauf, dass doch alles gut werden würde, festmachen konnte: die letzte Nacht.

Sie hatte gut geschlafen. Endlich wieder in ihre eigenen Bett. Auch wenn dieses Bett in einem fremden Haus gestanden und Reena eine geschlagene Stunde lang auf Geräusche im Dunkeln gelauscht hatte, ehe sie endlich eingeschlafen war. Aber es war ein besseres Gefühl gewesen, als es ihr die billigen Motelzimmer-Betten vermittelt hatten, in denen sie die Nächte während ihrer Herfahrt verbracht hatten. Ihr eigenes Bett hatte einfach diesen Geruch von... zu Hause.

Damit fanden die angenehmen Erfahrungen in diesem neuen Leben allerdings auch schon ein Ende. Und in den Stunden, die Reena nun schon mit Putzen und Aufräumen zubrachte, und während der Berg von allem möglichen (und unmöglichen) Trödel, den sie an der Grundstücksgrenze auftürmte, wuchs und wuchs, musste Reena sich alle paar Minuten mit Gewalt daran erinnern, dass sie immerhin gut geschlafen hatte in diesem Haus.

Und weil sie in einer Tour fluchte, war Reena ganz froh darüber, dass Aspen sich schon kurz nach dem Aufstehen und ihrem gemeinsamen, aus Keksen und kaltem Tee improvisierten Frühstück abgesetzt hatte.

Mit dieser schrecklichen Puppe.

Freckles...

Reena hielt unwillkürlich inne, als sie an die Bauchrednerpuppe dachte. Die Hände auf den Besenstiel gestützt, das Kinn darauf, sah Reena ins Nichts und sah doch, vor ihrem geistigen Auge, die hässliche Visage der Puppe.

Und sie fragte sich, warum sie Aspen nicht kurzerhand verbot, damit zu spielen, weshalb sie ihrer Tochter dieses widerwärtige Spielzeug nicht einfach wegnahm.

"Weil es albern wäre", beantwortete Reena sich die Frage selbst. "Und ich würde mich lächerlich machen vor mir selbst. Wenn ich das nicht ohnehin schon mache."

Nur weil ihr die Puppe nicht gefiel, weil sie diesen Freckles abstoßend fand, musste Aspen ja nicht gleicher Meinung sein. Nicht in einer Angelegenheit, die so sehr vom ganz eigenen Geschmack und ästhetischen Empfinden abhing.

Das war es jedenfalls, was Reena denken wollte.

Tatsächlich aber wünschte sie sich nichts mehr, als dass Aspen die Puppe nie gefunden hätte. Darüber, dass sie Freckles gefunden hatte, wunderte sich Reena nicht wirklich. Kinder hatten bisweilen diesen besonderen Sinn für 'versteckte Schätze' – auch wenn Reena geneigt war, diesen Schatz als fluchbeladenen anzusehen...

Was freilich noch viel alberner war als alle anderen Vorbehalte dieser dummen Puppe gegenüber!

Reena seufzte und versuchte sich in ein Lächeln zu retten, mit dem sie sich selbst beruhigen wollte. Es gelang ihr leidlich, und um sich weiter abzulenken, begann sie wieder damit, den Küchenboden zu fegen. Was ihr noch geringeren Erfolg beschied – zum einen schien dieser verdammte Boden nicht sauber werden zu wollen, und zum anderen dachte sie immer noch an die Puppe.

Es gab kein Schlüsselerlebnis, auf das sich ihre Abneigung gegenüber der Puppe gründen ließ. Nichts in ihrer Kindheit, was sie – wie nannten die Psychologen es noch gleich? – traumatisiert hätte. Nein, es entsprang ganz einfach nur ihrem Schönheitsempfinden. Und das sagte Reena, dass Freckles (und alle Bauchrednerpuppen) abgrundtief hässlich waren, und wer auch immer die allererste irgendwann einmal gebaut hatte, musste unter völliger Geschmacksverirrung gelitten haben.

Schon als Kind hatte Reena das so empfunden. Auf Jahrmärkten und im Fernsehen hatte sie Bauchredner mit ihren Puppen gesehen. Und während alle anderen über die Scherze und die rollenden Augen der Puppen gelacht hatten, hatte Reena nur den Kopf schütteln – und nie länger als ein paar Minuten hinsehen und zuhören können.

Sie musste allerdings zugeben, dass Aspen ein erstaunliches Geschick im Umgang mit 'ihrer' Puppe zeigte. Sie bewegte Freckles' Augen, dass es aussah, als würde er sich wirklich aufmerksam umschauen, und sie öffnete und schloss seinen Mund synchron zu den Worten, die sie mit verstellter Stimme aus den Mundwinkeln presste. Was sie wiederum so gekonnt tat, dass man wirklich glauben konnte, die Puppe würde sprechen.

Schaudernd erinnerte sich Reena daran, wie sie gestern im Turmzimmer dieser Täuschung zum Opfer gefallen war. Wenn es denn eine gewesen war...

"Jetzt reicht's aber endgültig!", stieß Reena hervor, fast wütend, wenn auch nur auf sich selbst. Aber sie malträtierte Besen und Boden mit solcher Biestigkeit, als flüsterten sie ihr all den Unsinn ein.

Und tatsächlich schaffte sie es, ihre Gedanken auf ein anderes Thema zu lenken. Doch leider erwies es sich als ebenso unerfreulich –

Sie dachte an den unheimlichen Fremden, der gestern aus dem Regen aufgetaucht und wieder darin verschwunden war. Nachdem er seine unheilvollen Worte hatte fallenlassen.

Bisher hatte Reena es erfolgreich vermieden, allzu viel über den Kerl nachzudenken. Es hatte ganz gut geklappt, sich einzureden, dass es sich um irgendeinen Spinner gehandelt hatte, vielleicht einfach nur um einen unfreundlichen Nachbarn, der mit jedem und über alles Streit suchte. Solche Typen fand man schließlich überall.

Nur... irgendwie hatte dieser Typ nicht streitlustig geklungen.

Reena versuchte sich seine genauen Worte in Erinnerung zu rufen und den Tonfall, in dem er sie gesagt hatte. Sie schaffte es nicht. Alles, was sie heraufbeschwor, war der unheimliche Anblick, den der Fremde geboten hatte, als er plötzlich unter der Tür gestanden hatte, in seinem dunklen Regenmantel, triefend nass, das Gesicht hinter einem wilden Bart und langem Haar verborgen.

Nein, streitlustige Nachbarn sahen anders aus, sie traten anders auf und sie hörten sich anders an.

Etwa so wie die keifende Stimme, die Reena jetzt hörte!

Jemand schimpfte und fluchte wie ein Seemann und rief im selben Atemzug den Allmächtigen und alle Heiligen an.

Und mit "Elendes Teufelsbalg!" meinte die schrille Stimme offenbar Aspen!

Denn Aspen begann in diesem Moment selbst zu schreien.

Und zu fluchen, wie Reena noch nie jemanden hatte fluchen hören!

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Reena stürmte aus dem Haus. Auf der überdachten Veranda blieb sie stehen, um sich zu orientieren.

Die Stimmen – jetzt, da Reena das Haus verlassen hatte, waren sie noch lauter zu hören – kamen von rechts. Von wo genau, das konnte Reena nicht erkennen. Der Garten um das alte Haus war verwildert, Bäume, mannshohes Gebüsch und dichtes Gestrüpp verwehrten ihr die Sicht.

Sie ging los, zwängte sich durch Buschwerk und Sträucher. Dornen hakten sich in ihrer Kleidung fest, und Reena begann selbst zu fluchen, wenn auch leiser und weit weniger wüst als Aspen und die Frau mit der keifenden Stimme. Beide wurden lauter mit jedem Schritt, den Reena vorankam.

Und dann endlich hatte sie das Nachbargrundstück erreicht.

Welch ein Unterschied zu ihrem Garten und Haus!

Dieses Haus war bestens in Schuss, der schneeweiße Fassadenanstrich so neu, dass ein Hauch von frischer Farbe noch zu riechen war. Bunt blühende Blumenkästen hingen unter den Fenstern, so akkurat und penibel bepflanzt, dass die Farben der Blüten harmonierten und kleine Muster bildeten. Und der Rasen rings um das Haus sah aus, als würde er nicht einfach nur gemäht, sondern hinterher noch mit der Nagelschere getrimmt.

Was nicht in dieses idyllische Bild passte, war die ältere Frau, die am Verandageländer stand und sich so weit hinüber lehnte, dass ihr Hals lang und dürr wie der eines hässlichen Vogels aussah. Ihr fliehendes Kinn und die spitze Nase unterstrichen diesen Vergleich noch, ebenso ihre schrille Stimme.

Sie schimpfte auf Aspen herab. Das Mädchen stand auf dem Rasen, seinen hässlichen Spielgefährten im Arm – und es war die Puppe, die sich mit der Nachbarin zankte!

Jedenfalls sah es so aus, denn Aspens Hand führte die Puppe, bewegte Freckles' Mund und Augen, und sie legte der Puppe Worte in den breiten Mund.

Worte, wie Reena sie nie zuvor von ihrer Tochter gehört hatte!

"Hässliche Schnepfe!", schien Freckles zu krähen. "Dir sollte jemand den Kragen umdrehen, verdammte Hexe!"

"Scher dich davon, du verfluchtes Ding!", keifte die Frau zurück. "Runter von meinem Grundstück! Hau ab!"

So ging es hin und her, und Reena brauchte ein paar Sekunden, um sich zu fassen, ehe sie zu ihrer Tochter gehen konnte und selbst ein Wort hervorbrachte. Sie war entsetzt, so sehr, dass sie regelrecht fror.

"Aspen!", rief sie dann endlich, doch ihrem Ton fehlte die Strenge. Sie fühlte sich fast benommen, wie vor den Kopf geschlagen. "Halt sofort den Mund! Noch ein solches Wort und – !"

" – und? Was dann?"

Die Puppe wirbelte herum, wie von selbst, gerade so, als lebe sie, als sei sie eine eigenständige kleine Kreatur. Sie starrte Reena aus ihren großen, wurmlöchrigen Augen an, eine geschlagene Sekunde lang; erst dann drehte sich auch Aspen nach ihrer Mutter um. Und im Gesicht ihrer Tochter las Reena nichts von dem Trotz, der in den Worten eben gelegen hatte. Und auch keine Spur von der Wut, mit der Aspen die Nachbarin beschimpft und beleidigt hatte.

Im Gesicht des Mädchens las Reena nur... Angst. Und tiefen Schrecken. Für eine Sekunde zumindest. Dann verflog dieser Eindruck, und schließlich senkte Aspen den Blick, wie auch die Hand, mit der sie Freckles führte. Es sah aus, als weiche diese seltsame Lebendigkeit aus der Puppe. Reena glaubte sehen zu können, wie sich die Puppe in ein Ding aus altem Holz und zerrissenem Stoff gleichsam zurückverwandelte.

"Es... es tut mir leid, Mommy", hörte Reena das zaghafte Stimmchen ihrer Tochter. "Ich... ich wollte nicht – "

"Entschuldige dich", verlangte Reena. Ihre Worte klangen lahm vor Schrecken.

"Ich hab doch gesagt, dass es mir leid tut."

"Du sollst dich nicht bei mir entschuldigen, sondern bei der Lady."

Reena zeigte in Richtung der Veranda des Nachbarhauses, folgte ihrem ausgestreckten Finger mit eigenem Blick – und fand die Veranda leer vor. Die Frau war verschwunden.

"Hallo?", rief Reena.

"Hauen Sie ab, verdammt noch mal!", kam es aus dem Innern des Hauses. Die Frau musste noch hinter der Tür stehen.

"Hören Sie, es tut mir leid. Ich möchte mich bei Ihnen entschuldigen...", begann Reena, wurde aber unterbrochen.

"Ich pfeife auf Ihre Entschuldigung! Verschwinden sollen Sie – mitsamt dieses verdammten Dings!"

Reena stemmte die Hände in die Hüften, den Blick energisch dorthin gerichtet, wo sie die Nachbarin vermutete.

"Ganz gleich, was meine Tochter getan und gesagt hat – ich lasse nicht zu, dass Sie oder irgendjemand mein Kind 'verdammtes Ding' nennt, ist das klar?"

"Wer redet denn von Ihrem ungezogenen Kind?"

Reena stutzte. "Wie meinen Sie das?"

"Gehen Sie!", keifte die andere, Reenas Frage ignorierend.

"In Ordnung, wir gehen", erwiderte Reena resignierend. Sie nahm Aspen bei der Hand. "Vielleicht können wir ja später einmal in Ruhe über alles reden, wenn Sie möchten."

"Das möchte ich bestimmt nicht! Und ich meine auch nicht, dass Sie einfach nur dort hinüber gehen sollen", zweifelsohne meinte sie das alte Haus nebenan, "Sie sollen ganz und gar gehen, weit weg! Verschwinden Sie aus dieser Stadt!"

Irgendetwas schepperte und klirrte. Offenbar hatte die Frau die Tür mit Wucht zugeschmettert.

Reena antwortete trotzdem, wenn auch nur leise: "Das scheint der einzige Rat zu sein, den man in dieser Stadt zu hören bekommt..."

...und vielleicht solltest du ihn annehmen, fügte ein flüsterndes Stimmchen in ihrem Kopf dazu.

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Aspen schlief.

Und Reenas Entrüstung über das Verhalten ihrer Tochter hatte sich gelegt. Obwohl Aspen es nicht wirklich erklärt hatte. Genaugenommen hatte sie überhaupt nicht viel gesagt, als Reena sie fragte, was um alles in der Welt nur in sie gefahren war!

Aspen hatte ihren eigenen Worten zufolge im Garten gespielt, mit Freckles natürlich, war dann in den Garten des Nachbarhauses geraten und dort von der Besitzerin entdeckt worden, die daraufhin zu schimpfen begonnen hatte. Mit welchen Worten sie das getan hatte, war Reena nicht entgangen. Und wenn sie Aspens Reaktion auch ganz und gar nicht gutheißen oder auch nur billigen konnte, so brachte sie es doch auch nicht fertig, ihrer Tochter aus vollem Herzen böse zu sein.

Frühzeitig ins Bett hatte Reena das Mädchen trotzdem geschickt, nachdem sie es dazu verdonnert hatte, ihr beim Putzen und Herrichten ihrer beider Schlafzimmer zur Hand zu gehen.

Jetzt also schlief Aspen in ihrem neuen Zimmer, und Reena saß am Küchentisch.

Und darauf lag die Puppe. Die Glupschaugen weit offen, die Zähne in diesem starren Grinsen gebleckt. Reena kam es vor, als würde sie von der Puppe voller Hohn angestarrt.

Und sie glaubte, Freckles flüstern zu hören, ganz leise und boshaft – und mit Aspens Stimme.

"So ein Unsinn!", entfuhr es Reena, fast schon wütend, und sie versetzte der Puppe einen Stoß, die sie bis an die gegenüberliegende Tischkante beförderte.

Reenas Hoffnung, die Augen der Puppe würden endlich anderswohin glotzen, erfüllte sich nicht. Wie der Zufall es wollte, kam Freckles so zu liegen, dass sein Blick auf Reena gerichtet blieb. Und sein breiter Mund klaffte noch ein bisschen weiter auf, als würde er gleich anfangen, lauthals zu lachen.

Wieder glaubte Reena zu hören, was Aspen – durch die Puppe – der Nachbarin an den Kopf geworfen hatte. Unflätigkeiten, von denen Reena nicht einmal angenommen hätte, dass ihre Tochter sie kennen könnte!

Natürlich ließ es sich nicht vermeiden, dass Kinder Worte aufschnappten, die ihre Eltern nicht hören wollten. Aber wo Aspen diese Beleidigungen, diese scheußliche Gossensprache gelernt haben sollte, blieb für Reena ein Rätsel.

Wie auch die Tatsache, dass Aspen so völlig außer sich geraten war, dass Reena ihr eigenes Kind nicht wieder erkannt hatte.

Dafür jedoch glaubte Reena eine Erklärung parat zu haben. Oder zumindest hatte sie sich eine zurechtgebastelt.

Sie hatte davon gelesen, in ach so klugen Büchern über Erziehung, dass Kinder bisweilen 'unsichtbare Freunde' erfanden, auf die sie alle eigene Schuld abwälzten und die sie dann vorschoben, wenn ihnen selbst Strafe drohte. Das war nicht außergewöhnlich, und Reena erinnerte sich, dass Aspen genau das getan hatte. Sie hatte nicht nur einen unsichtbaren Freund gehabt, Dustin mit Namen, nein, in ihrer Phantasie hatte Dustin sogar eine Familie gehabt und eigene Freunde, die er manchmal zum Spielen mitgebracht hatte. Und war dann etwas kaputtgegangen oder hatte sich Aspen über ein Verbot ihrer Mutter hinweggesetzt, hatte das Mädchen stets behauptet, es sei Dustin gewesen oder einer seiner Freunde.

Das war einige Zeit lang so gegangen, bis Dustin irgendwann – sozusagen – richtig verschwunden war. Aspen hatte ihn nicht mehr erwähnt, und Reena hatte nicht nach ihm gefragt.

Aber vielleicht erlebte Dustin, der unsichtbare Freund, ja nun in Freckles so etwas wie eine Wiedergeburt. Möglicherweise projizierte Aspen jetzt ihr (Reena schmunzelte unwillkürlich bei dem Gedanken; er klang so düster und albern in einem) 'dunkles Ego' auf diese Bauchrednerpuppe, um es auszuleben, ohne die Konsequenzen tragen zu müssen.

Reena seufzte und zuckte die Achseln.

Vielleicht war es so. Sicher weniger dramatisch, aber das Denkprinzip mochte stimmen. Und Reena war nicht willens, dieses Verhalten ihrer Tochter zu fördern oder auch nur zu dulden.

Dem ließ sich auf ganze einfache Weise ein Riegel vorschieben.

Und das tat Reena.

Das glaubte sie zumindest.

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Ethel Claiborne war allein zu Hause. Das war nichts Besonderes. Ihr Mann Jacob arbeitete Nachtschicht in einem der wenigen Geschäfte in Crimson Creek, die rund um die Uhr geöffnet waren.

Er hätte es mit fast siebzig Jahren nicht mehr nötig gehabt, noch arbeiten zu gehen, aber er sagte, dass er die paar Dollar, die er damit machte, brauchte, um sein Hobby zu finanzieren. Und tatsächlich investierte Jacob Claiborne jeden so verdienten Cent in seine immense Zinnfigurensammlung, mit der er im Keller ihres Hauses aufwendig Schlachten aus dem Civil War nachstellte, sowie in seine historische Bibliothek.

Trotzdem wusste Ethel, dass dieser Grund nur zur Hälfte der Wahrheit entsprach. Tatsächlich genoss Jacob es, seine Nächte außer Haus (und damit nicht in ihrer Gesellschaft) zu verbringen. Aber damit konnte sie nach gut vierzig Jahren Ehe leben.

Und es machte ihr nichts aus, allein zu sein. Bis jetzt jedenfalls war das so gewesen.

Heute Nacht hasste Ethel Claiborne das Alleinsein. Das große Haus mit den vielen Zimmern, die sie kaum einmal genutzt hatten. Den riesigen Garten draußen mit seinen Büschen und Bäumen, deren Schatten die Nacht noch dunkler machten.

Und die neuen Nachbarn nebenan.

Die Stille im Haus bekämpfte Ethel, indem sie die Lautstärke des Fernsehers weiter hochgefahren hatte als sonst. Ganz entgegen ihrer sonstigen Sparsamkeit, die Jacob als Geiz bezeichnete, hatte sie alle Lichter im Haus eingeschaltet. Und gerade eben hatte sie zum wiederholten Male überprüft, ob auch alle Türen nach draußen ordentlich abgesperrt waren.

Sie waren es. Oder doch nicht...?

Ethel wollte schon zu einer weiteren Runde aufbrechen, mahnte sich aber im stillen, sich nicht so kindisch anzustellen, und ließ sich, wenn auch zögernd, in den alten Lehnsessel fallen, der kaum drei Schritte vom Fernsehapparat entfernt stand. Aus dieser Nähe war die Lautstärke fast schmerzhaft. Ethel stellte das Gerät leiser.

Und schon glaubte sie, andere Geräusche zu hören. Am Rande des Wahrnehmbaren nur, aber von überall her, und im Versuch, ihre Quellen auszumachen, ruckte Ethels Kopf hin und her, mit kleinen, abgehackten Bewegungen. Wie ein aufgescheuchtes Huhn sah sie dabei aus.

Aber es war niemand da, der sie so sehen konnte.

Und es gab keine Geräusche im Haus, die nicht immer schon da gewesen wären. Da waren nur das Knacken im alten Gebälk, der Wind, der die Blumen vor den Fenstern leise rascheln ließ und singend um die Ecken fuhr, ein unregelmäßiges Klopfen in den Leitungen hinter den Wänden, und in der Küche tropfte der Wasserhahn.

Einen Moment lang war Ethel froh, dass Jacob nicht daheim war. Er hätte sie ausgelacht. So wie er sie ausgelacht hatte, als sie ihm von ihren Befürchtungen erzählte.

Jacob war ein Idiot, in dieser Hinsicht jedenfalls. Er hatte damals nicht an die wahren Hintergründe der schrecklichen Ereignisse geglaubt, und infolgedessen tat er Ethels Worte jetzt natürlich auch als Unsinn ab. Als noch größeren sogar!

Im Fernsehen lief diese Sendung, in der drei Frauen auf einer Couch saßen und sich für moderne Hexen hielten. Zuschauer konnten anrufen und über die drei Frauen (die nicht wie Hexen, sondern wie Supermarktkassiererinnen aussahen) die Geister von verstorbenen Verwandten und Freunden befragen. Die Ergebnisse waren mitunter erstaunlich, für Ethel jedenfalls, die offen war für solchen Spuk. Die drei Frauen taten bisweilen Dinge kund, die sie unmöglich wissen konnten – wenn nicht die Geister aus dem Jenseits höchstselbst sie ihnen einflüsterten.

Ethel überlegte, ob sie selbst dort anrufen sollte, wählte schließlich die eingeblendete Telefonnummer, kam aber nicht durch. Sie legte den Hörer wieder auf, erhob sich, trat ans Fenster und spähte durch den Spalt zwischen den Vorhängen hinaus in die Nacht.

Draußen rührte sich nichts. Und auch dort drüben nicht.

Das Haus, das so lange Zeit leer gestanden hatte, lag im Dunkeln. Soweit Ethel es sehen konnte. Der verwilderte Garten bildete einen natürlichen Wall und ließ keinen Blick auf das Erdgeschoss des Hauses zu. Aber hinter den Fenstern im oberen Stockwerk brannte kein Licht.

Ethel zog die Übergardinen fest zu und wandte sich schaudernd ab.

Wie konnte jemand nur in dieses Haus einziehen? fragte sie sich. Die Antwort war einfach: Nur jemand, der nichts über dieses Haus wusste, konnte es tun. Jemand, der nicht wusste, was dort passiert war, wer dort gelebt hatte...

...immer noch lebte!, korrigierte sich Ethel Claiborne in Gedanken. Schließlich hatte sie mit eigenen Augen gesehen... dass es noch nicht vorbei war!

Dass all die Jahre über Ruhe geherrscht und die Angelegenheit von damals fast in Vergessenheit geraten war, machte die Sache in Ethels Augen nur noch unheimlicher. Und beunruhigender.

All die Zeit über war es da gewesen. Ganz in ihrer Nähe, nur den berühmten Steinwurf entfernt. Es hatte gewartet, und jetzt war das Warten vorbei.

Was würde jetzt geschehen?

Ethel ballte die mageren Hände zu Fäusten. Sie wollte es gar nicht wissen. Sie wollte... dass Jacob recht hatte! Sie wollte albern sein, sich lächerlich machen, sich irren. Ethel Claiborne wollte, dass all das, was seinerzeit manche glaubten, aber niemand laut oder gar offiziell ausgesprochen hatte, nur dumme Geschichten waren, blanker Aberglaube, Hokuspokus und Nonsens eben – !

Aber sie konnte es nicht.

Die Furcht nistete zu tief in ihr, als dass sie sich so leicht vertreiben ließ. Diese Angst war immer da gewesen, wie ein Klümpchen Eis, das nicht schmelzen wollte. Sie hatte nur seine Kälte ignoriert. Aber jetzt spürte Ethel diese Kälte wieder. Und sie weckte ihre Sinne auf eine Weise, die sie zur Rastlosigkeit trieb und ihre Nervosität ins Uferlose steigerte.

Ethel konnte weder still sitzen noch stehen. Sie ging auf und ab, wanderte durchs ganze Haus, sah hier zu einem Fenster hinaus und lauschte dort.

Aber weder sah noch hörte Ethel Claiborne etwas, das sie wirklich beunruhigen musste.

Und als es dann tatsächlich geschah, wurde sie völlig davon überrascht.

So sehr, dass Ethel nicht einmal schrie.

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"Das... war ein Fehler, Mommy."

Aspen sprach die Worte mit einem Ernst, wie er im Ton eines Kindes nichts zu suchen hatte. Er stand bestenfalls einem Erwachsenen zu, und selbst dann hätte er noch pathetisch geklungen.

Aus dem Mund ihrer Tochter jedoch empfand Reena ihn als unheimlich. Zudem er sich nicht nur in ihrem Tonfall fand, sondern auch in ihrem Blick, ihrer ganzen Mimik niederschlug.

Und tatsächlich, wenn auch nur einen Moment lang, war Reena überzeugt, etwas ganz Dummes getan zu haben...

Aspen hatte sie, natürlich, gefragt, wo Freckles sei. Aber Reena hatte den Eindruck gehabt, ihre Tochter habe es gewusst, noch bevor sie es ihr gesagt hatte.

"Ich möchte nicht, dass du damit spielst", hatte Reena erklärt, "und deswegen habe ich die Puppe weggeschafft."

"Du hast Freckles auf den Müll geworfen, den du gestern aus dem Haus geschafft hast, stimmt's?"

"Ja... richtig."

Aspens Frage war nur rhetorischer Natur gewesen. Das Kind hatte gewusst, was Reena mit der Puppe gemacht hatte. Und diese Erkenntnis beunruhigte Reena auf einer Ebene, die sich dem verstandesmäßigen Zugriff entzog.

"Da ist Freckles nicht mehr", fuhr Aspen fort. "Der ganze Müll ist weg."

Reena nickte. "Ja, ich habe gestern jemanden angerufen und beauftragt, das alte Zeug abzuholen."

Und daraufhin hatte Aspen diese andere, diese unheimlich erwachsene und ernste Miene aufgesetzt und Reena vorgeworfen, einen Fehler gemacht zu haben.

Bevor sie darauf jedoch etwas erwidern konnte, geschah zweierlei: Aspen wandte sich um und lief davon, und es klopfte an der Tür.

Reena sah Aspen noch eine Sekunde lang nach, den Mund offen, um etwas zu sagen, aber ihr wollte nichts einfallen, was sie hätte sagen können. Als es abermals klopfte, ungestümer diesmal, war sie deshalb fast dankbar für diese Ablenkung.

Sie machte die Tür auf, und im ersten Moment hatte Reena das Gefühl, ein Tor in eine andere Zeit geöffnet zu haben. In die Ära des Wilden Westens. Denn vor ihr stand ein Mann, der aussah, als sei er eben dieser Epoche entsprungen. Im allerersten Augenblick zumindest.

Er trug ausgebleichte Jeans, ein kariertes Baumwollhemd, eine Lederweste und wadenhohe Stiefel und um die Hüfte einen breiten Gürtel, in dessen Holster ein Revolver steckte. Als Reena die Tür öffnete, nahm er seinen breitkrempigen Hut ab. Darunter kam schlohweißes, dichtes Haar zum Vorschein, heller noch als sein Schnauzbart, der eher silbrig aussah – dieselbe Farbe wie der metallene Stern, der matt auf Brusthöhe an seiner Weste schimmerte.

"Sheriff?", fragte sie ganz automatisch.

"Kennen wir uns, Ma'am?", fragte ihr Gegenüber, und seine buschigen Augenbrauen schien aufeinander zuzuwandern, als er die Stirn runzelte.

"Äh... nein, natürlich nicht." Reena deutete mit dem Kinn auf den Stern. "Aber es war nicht schwer zu erraten."

"Oh ja, verstehe." Der Sheriff lächelte fast großväterlich. "Mrs. ...?", fragte er dann.

"Rystorm", stellte sich Reena endlich vor. "Sheriff...?"

"Starling. Ichabod Starling."

"Ichabod? Ein..."

"Selten hässlicher Name, ich weiß." Sheriff Starling winkte ab. "Meine Eltern haben ihn wohl in einem weniger glücklichen Moment ausgesucht. Stammt aus der Bibel. Es nennt mich auch kaum jemand Ichabod."

"Sondern? Einfach nur Sheriff?"

"Entweder so oder Ike."

"Ja, das ist besser." Reena nickte lächelnd.

"Viel besser sogar."

"Aber Sie sind doch sicher nicht gekommen, um einen Antrittsbesuch zu machen und sich vorzustellen, oder? Was führt Sie zu mir, Sheriff?"

Ichabod 'Ike' Starling wandte den Blick und schaute in Richtung des Nachbarhauses, das des Wildwuchses im Garten wegen kaum zu sehen war. Dabei schlossen sich seine Finger fester um die Krempe seines Hutes.

"Ich komme wegen Ethel Claiborne", sagte er dann. Seine Stimme klang um zwei, drei Nuancen dunkler als eben noch.

"Unserer Nachbarin wegen?", fragte Reena, den Blick des Sheriffs interpretierend. Sie versuchte ihre Beunruhigung hinter einem Lächeln zu verstecken. Es gelang ihr nicht recht.

"Hören Sie, Sheriff", fuhr sie rasch fort, "ich weiß ja nicht, was Ihnen Mrs. Claiborne erzählt hat, aber die Sache war wirklich nicht so schlimm, als dass man die Behörden damit belästigen – "

Der seltsame Blick, mit dem Starling sie plötzlich maß, ließ Reena innehalten, bevor sie zu Ende gesprochen hatte. Der Sheriff hatte den Kopf schief gelegt und kniff die Augen zusammen.

"Sache?", hakte er nach. "Von welcher Sache reden Sie, Mrs. Rystorm?"

"Aber..." Reena sah sich aus dem Konzept gebracht und suchte nach Worten. "Ich meine... ich dachte, Sie wären wegen dieses albernen Streits gekommen."

Heute, nachdem sie eine Nacht darüber geschlafen hatte, betrachtete Reena die leidige Angelegenheit tatsächlich als albern.

"Alberner Streit?", wiederholte Ike Starling nachdenklich. "Darüber würde ich gerne mehr erfahren, wenn Sie gestatten. Darf ich reinkommen?"

"Oh, natürlich, Sheriff", Reena trat ungeschickt zur Seite, "kommen Sie, bitte."

Starling trat an ihr vorbei, mit dem wiegenden Schritt des Westmanns, dem er so sehr ähnelte.

Reena wies zum Küchentisch. "Nehmen Sie doch Platz, Sheriff. Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?"

"Nein, danke", Starling hob die Hand. "So spät am Tag trinke ich keinen Kaffee mehr."

"Spät?", wunderte sich Reena. "Es ist doch noch nicht einmal Mittagszeit?"

"Ziemlich spät für jemanden, der noch vor den Hühnern aufsteht, um den Hahn zu wecken." Starling zwinkerte ihr zu, wurde aber übergangslos wieder ernst.

"Erzählen Sie mir von Ihrem Streit mit Mrs. Claiborne", forderte er sie auf.

Reena wartete darauf, dass Starling sich setzte. Aber er tat es nicht. Sie selbst lehnte sich gegen die Spüle, lächelte nervös und wand die Finger ineinander. In erster Linie allerdings empfand sie Ärger, zumindest aber Entrüstung darüber, dass diese Mrs. Claiborne offensichtlich den Sheriff benachrichtigt hatte wegen dieses dummen Zwischenfalls von gestern.

"Nun", begann sie schließlich, "eigentlich war es nicht mein Streit mit Mrs. Claiborne. Meine Tochter, Aspen, hatte draußen gespielt und dabei das Grundstück unserer Nachbarn betreten. Und deswegen geriet Mrs. Claiborne völlig außer sich, und Aspen reagierte etwas... nun ja, ungezogen." Und nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu: "Okay, zugegeben – sehr ungezogen. Allerdings möchte ich festhalten, dass ich auch Mrs. Claibornes Reaktion für vollkommen überzogen halte. Sie beschimpfte meine Tochter auf ganz üble Art und Weise – "

Der Sheriff hob kurz die Hand, um ihr Einhalt zu gebieten, und Reena verstummte. Der Mann verströmte eine Autorität, der man kaum widerstehen konnte. Trotz des großväterlichen Eindrucks, den er machte – aber er wirkte eben auch wie ein Mann, dem man zutraute, im rauen Amerika des vorigen Jahrhunderts für Recht und Ordnung gesorgt zu haben.

"Hatten Sie nach diesem Streit noch Kontakt zu Mrs. Claiborne?", wollte er wissen.

Reena schüttelte den Kopf. "Nein. Ich hätte ja vielleicht ein weiteres Gespräch gesucht, aber Mrs. Claiborne hatte uns nachgerufen, dass wir verschwinden sollten – nicht nur aus ihrem Garten, sondern aus der Stadt."

"So, hat sie das?", murmelte der Sheriff wie im Selbstgespräch. "Sieht ihr gar nicht ähnlich." Dann hob er den Blick und sah Reena wieder an. "Sind Sie ganz sicher, dass der Streit um nichts anderes ging als um... na, sagen wir mal 'unberechtigtes Betreten von fremdem Grund und Boden'?"

Reena hob die Schultern. "Wie ich schon sagte, es sind sehr heftige Worte gefallen zwischen Mrs. Claiborne und meiner Tochter. Kann sein, dass die Emotionen da übermäßig hochkochten."

Starling schüttelte kaum merklich den Kopf. Sein Blick ging durch Reena hindurch, als sei er in Gedanken ganz woanders. Schließlich lief ein fast sichtlicher Ruck durch seine kräftige Gestalt, und Ike Starling ließ den Blick umher schweifen. Dann nickte er anerkennend.

"Für die kurze Zeit, die Sie hier sind, haben Sie das Haus ganz ordentlich auf Vordermann gebracht, Mrs. Rystorm."

"Oh, danke, ich – "

"Ist Ihnen irgendetwas aufgefallen, Mrs. Rystorm? Irgendetwas Ungewöhnliches?"

Starlings abrupter Themawechsel überraschte Reena. Und die Art, wie sein Blick sich plötzlich wieder auf sie richtete, sie regelrecht einfing und binnen einer halben Sekunde intensiver wurde, war ihr unangenehm. Fast kam sie sich vor, als würde Ichabod Starling sie –

"Was ist das, Sheriff?", fragte sie. "Ein Verhör? Ich verstehe Ihre Frage nicht ganz – "

"Sie ist doch ganz einfach zu verstehen", meinte Starling. "Haben Sie etwas bemerkt, das Ihnen seltsam vorgekommen ist? Und um auf Ihre Frage zurückzukommen: Es könnte eines werden."

"Was?", machte Reena.

"Ein Verhör", erinnerte sie der Sheriff.

"Aber... warum?"

"Weil Ihre Nachbarin, Mrs. Ethel Claiborne, in der vergangenen Nacht ermordet wurde."

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Reena fühlte sich wie von einem riesigen Hammer getroffen. Sie spürte, wie ihre Knie nachgeben wollten, fand Halt am Küchentisch und ließ sich dann schwer auf einen der Stühle fallen.

"Das... das glaube ich nicht", brachte sie schließlich tonlos hervor. Sie schüttelte den Kopf, eine ganze Weile lang, als säße er zu locker auf ihrem Hals. Dann sah sie Ichabod Starling an, als suche sie in seinem Gesicht nach einem Anzeichen dafür, dass er sich einen Scherz erlaubt hatte, einen ausgesprochen geschmacklosen.

Aber sie fand nichts. Die Miene des Sheriffs schien wie aus Stein gemeißelt, die Linien darin tief und dunkel.

"Ermordet, sagen Sie?", fuhr Reena fort, als Starling keine Anstalten machte, etwas zu sagen. "Wie... wer...?"

"Wir kennen den Täter nicht", erklärte der Sheriff. "Aber aus diesem Grund bin ich hier – "

"Aber... Sie glauben doch nicht etwa, dass – !", setzte Reena voller Entrüstung an.

Abermals brachte Ike Starling sie mit einer knappen Geste zum Verstummen.

"Es geht nicht darum, was ich glaube. Ich möchte zunächst nur einmal wissen, ob Sie etwas bemerkt haben."

"Was sollte ich denn bemerkt haben?" Reena hob die Schultern. "Ich stehe nachts nicht am Fenster, um meine Nachbarn zu beobachten, wissen Sie?"

"Das wäre auch eine schlechte Angewohnheit", meinte Starling und lächelte sparsam. "Auch wenn sie in diesem Fall nützlich sein könnte."

"Ich habe nichts gesehen", sagte Reena, "und nichts gehört." Sie hielt kurz inne, dann brachte sie ein winziges Lächeln zustande und fügte hinzu: "Das klingt, als stamme es aus einem Roman oder Film, nicht wahr?"

"Ich wünschte, das wäre nur ein Film oder eine Geschichte", seufzte Ike Starling. Er drehte seinen Hut in Händen und konzentrierte seinen Blick darauf. Als er wieder hochsah und Reena anschaute, geschah das so schnell, dass Reena den Eindruck hatte, er würde eine Waffe ziehen und auf sie richten.

"Ich möchte mit Ihrer Tochter sprechen, Mrs. Rystorm." Seine Worte kamen wie aus der Pistole geschossen.

"Mit Aspen? Aber warum denn?"

"Vielleicht hat das Mädchen ja etwas gesehen?", meinte Starling.

"Meine Tochter hat geschlafen", behauptete Reena.

"Ach ja? Haben Sie ihr denn die ganze Nacht dabei zugeschaut?"

"Nein, natürlich nicht. Aspen hat ein eigenes Zimmer..."

"Woher wollen Sie dann wissen, dass Ihre Tochter nicht aufgewacht ist im Laufe der Nacht und möglicherweise etwas gesehen oder gehört hat? – Mrs. Rystorm, bitte rufen Sie Ihre Tochter. Es ist wichtig. Es geht um Mord, verstehen Sie?"

Reena nickte fahrig. "Ja, natürlich, Sheriff. Bitte, entschuldigen Sie, aber... ich bin einfach schockiert."

"Das war Jacob Claiborne auch, als er seine Frau tot auffand. Wahrscheinlich noch ein bisschen mehr als Sie. Wenn Sie jetzt bitte – "

"Mommy?"

Ike Starling und Reena wandten synchron den Kopf.

Aspen war in der Tür, die aus der Küche in den Flur führte, aufgetaucht. Und ihrem Gesicht nach zu schließen, hatte sie schon eine ganze Weile hinter der Ecke gestanden und den größten Teil des Gesprächs mitangehört.

Aspens Worte bestätigten diese Annahme.

"Diese Frau...", das Mädchen sah zum Küchenfenster und damit in die Richtung, in der das Haus der Claibornes lag, "...ist tot?"

Reena stand auf, ging zu ihrer Tochter und nahm sie hoch. "Ja, Schätzchen, Mrs. Claiborne ist tot."

"Ermordet...", wiederholte Aspen das Wort, das sie aufgeschnappt hatte. Sie sprach es aus, als wüsste sie nicht genau, was es bedeutete. "Heißt das, dass jemand...?" Sie stockte.

Reena nickte. "Ja, Darling, das heißt es. Jemand hat Mrs. Claiborne getötet. Ein... böser Mensch."

Sie sah keinen Sinn darin, ihrer Tochter gegenüber zu verharmlosen, was geschehen war. Aspen lebte in dieser Welt, und diese Welt war alles andere denn heil. Gewalt war ein Teil dieser Welt, und Kinder mussten darauf vorbereitet werden, weil sie irgendwann damit konfrontiert sein würden, in irgendeiner Form.

Aspen erwiderte nichts. Aber sie sah ihre Mutter an, und sie tat es mit jenem sonderbaren, beinahe unheimlichen Ausdruck, den Reena schon einmal an diesem Tag im Gesicht ihrer Tochter gesehen hatte. Und auch diesmal zeitigte dieser Ausdruck die gleiche Wirkung: Reena fühlte sich unbehaglich, fast so, als sei ihr eigenes Kind ihr fremd.

"Hallo, Aspen."

Reena fühlte sich sonderbar erleichtert, als Ichabod Starling zu ihnen trat und das Wort an ihre Tochter richtete. Er reichte ihr die Hand. Aspen griff zögernd danach.

"Ich bin Sheriff Starling. Hier, siehst du?" Er zeigte ihr seinen Stern. "Und ich würde dir gerne ein paar Fragen stellen, okay?"

"Okay", nickte das Mädchen, schlang aber die Arme fester um den Nacken seiner Mutter.

Ike Starling setzte seine großväterliche Miene auf und schlug einen dazu passenden Ton an. Aber seine Bemühungen blieben fruchtlos. Aspen konnte ihm nicht weiterhelfen. Sie habe die ganze Nacht fest geschlafen, sagte sie, sei nicht aufgewacht und habe weder etwas gesehen noch gehört.

"Tja dann...", machte Starling schließlich. Er hatte sich während der Unterhaltung ein klein wenig vornüber gebeugt, jetzt richtete er sich auf. Reena konnte das Knacken seiner Gelenke hören.

"...könntest du mir vielleicht deine Puppe zeigen?"

Reena erschrak. Nicht nur der überraschenden Frage Starlings wegen, sondern auch, weil Aspen erstarrte. Steif und schwer wie aus Stein hing sie plötzlich in den Armen ihrer Mutter, und Reena konnte das Mädchen nicht länger halten. Aspen rutschte aus ihrem Griff, funkelte den Sheriff einen Augenblick lang fast wütend, in jedem Falle aber trotzig an, dann rief sie "Nein, kann ich nicht!" und lief davon, zur Küche hinaus und die Treppe hinauf.

Reena musterte Ike Starling aus geschmälten Augen. Die Art und Weise, wie er Fragen stellte, wie er ganz unvermittelt die Richtung wechselte, erinnerte sie an einen hakenschlagenden Hasen.

"Woher wissen Sie...?", begann sie, unterbrach sich aber und sagte statt dessen: "Sie wussten es die ganze Zeit über. Sie wussten von dem Streit mit Mrs. Claiborne."

"Jacob hat ihn erwähnt. Seine Frau hatte ihm davon erzählt, bevor er gestern Abend zur Arbeit ging."

"Dann haben Sie nur mit mir gespielt!" Reenas Ton war purer Vorwurf.

Ike Starling zuckte nur die Achseln. Nennen Sie es, wie Sie wollen, hieß das wohl, ich tue nur meinen Job.

"Wo ist die Puppe?", fragte er dann.

"Was...?" Reena schüttelte verwirrt den Kopf. "Ich meine, was wollen Sie mit der Puppe?"

"Ich möchte sie sehen", erwiderte der Sheriff.

"Ich habe sie weggeworfen. Und bevor Sie weiterfragen: Ich habe die Puppe zu dem Müll gegeben, den ich aus diesem Haus geschafft habe. Und dieser Müll wurde inzwischen abgeholt."

Es hätte Reena nicht ernsthaft gewundert, würde Starling gefragt haben, wer den Müll abgeholt hatte. Aber wahrscheinlich wusste er das; dem Eintrag im Telefonbuch nach gab es nur einen Schrotthändler in Crimson Creek. Und überhaupt schien Ichabod Starling vieles zu wissen. Oder er schien das zumindest zu glauben...

"Kann ich mit Mr. Rystorm sprechen?", erkundigte er sich.

Reena gab sich Mühe, nicht zu zeigen, wie unangenehm sie von dieser Frage berührt wurde.

"Nein, das können Sie nicht", antwortete sie frostig.

"Und warum nicht?"

"Es gibt keinen Mr. Rystorm."

"Dann hat Ihre Tochter keinen Vater?" Starling wies mit dem Kinn zu der Tür, durch die Aspen verschwunden war.

Reena fand seine direkte Art nachgerade unverschämt. Aber sie fühlte sich davon zugleich auch provoziert. Und zu spät erkannte sie, dass es offenbar genau das war, was Starling wollte...

"Er ist tot", stieß sie hervor. "Mein Mann ist tot."

"Oh", machte Ike Starling. "Das tut mir leid. Wie tragisch. Unfall oder Krankheit?" Seine Anteilnahme war aufgesetzt, und er spielte sie nicht einmal überzeugend.

"Zachary wurde ermordet, wenn Sie es genau wissen wollen." Reenas Stimme bebte. "Jemand hat ihm die Kehle durchgeschnitten!"

"Ach, das ist ja interessant...", meinte der Sheriff.

"So, finden Sie?"

"In der Tat", nickte Ichabod Starling. Er setzte seinen Hut auf und rückte ihn gewissenhaft zurecht, ehe er fortfuhr: "Genau das hat jemand", seine eigenartige Betonung war nicht zu überhören, "heute Nacht auch mit Mrs. Claiborne getan. – Ma'am."

Er tippte mit dem Finger gegen seine Hutkrempe und ging.

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Reenas erster Gedanke war, Aspen zu suchen und sie zur Rede zu stellen. Irgendetwas ebenso Merkwürdiges wie Beunruhigendes ging mit dem Kind vor, und Reena wollte, nein, sie musste wissen, was es war.

Aber dann blieb Reena doch einfach nur stehen, wie festgenagelt. Sie war an die Tür getreten, nachdem Sheriff Starling sie hinter sich geschlossen hatte, und sah ihm durch das Glas hindurch nach. Er ging durch den Garten zur Straße. Dort parkte ein betagter Geländewagen, der Starling gehören musste, aber er stieg nicht ein, sondern ging weiter. Er überquerte die Straße und steuerte auf der anderen Seite ein Haus an. Es war kleiner als Reenas und auch kleiner als das der Claibornes, aber ansonsten eine ähnlich verwinkelte Konstruktion.

Ichabod Starling blieb vor der Tür des Hauses schräg gegenüber stehen und klopfte. Aber niemand öffnete. Er wiederholte sein Klopfen, wartete noch kurz, dann ging er zu seinem Wagen und stieg ein. Aber er fuhr nicht weg. Er wartete.

Offenbar wollte er die Nachbarn gegenüber ebenfalls wegen des Mordes an Ethel Claiborne befragen. Und seine Geduld war groß genug, um abzuwarten, bis dort drüben jemand nach Hause kam.

Sheriff Starling kam Reena vor wie ein Bluthund. Hatte er eine Fährte erst einmal aufgenommen, blieb er dran.

Es hätte sich nicht im mindesten erstaunt, wenn Starling schon gewusst hätte, dass Zachary Rystorm ermordet worden war, noch bevor sie es ihm gesagt hatte. Und wenn es so war, dann wusste Ike Starling sicher auch, dass sie, Reena, etliche Male von der Polizei verhört worden war in dieser Sache – und dass der Mörder ihres Mannes noch immer nicht verhaftet werden konnte.

Welchen Schluss Ichabod Starling aus diesen Informationen zog, lag auf der Hand. Reena konnte es ihm nicht einmal verübeln. Was ihr den Mann jedoch nicht sympathischer machte. Andererseits musste sie sich eingestehen, dass sie den in Ehren ergrauten Mann auch nicht wirklich unsympathisch fand. Er flößte ihr Respekt ein, gehörigen sogar, und das mochte es sein, was wie eine Wand aus Eis zwischen ihnen stand.

Reena rieb sich die Oberarme mit den Händen, als würde sie frieren.

Endlich wollte sie sich abwenden, um sich um Aspen zu kümmern und dann damit fortzufahren, dieses Haus wohnlicher zu gestalten – als Sheriff Starling draußen wieder aus seinem Wagen ausstieg.

In der Auffahrt des Hauses gegenüber stoppte ein Fahrzeug, ein dunkler Kleinbus mit getönten Scheiben. Starling ging über die Straße und trat an die Fahrerseite des Vans. Der Fahrer stieg nicht aus, aber er öffnete die Seitenscheibe. Sein Gesicht konnte Reena nicht erkennen, weil Starling ihr die Sicht verwehrte.

Die beiden sprachen miteinander, dabei deutete der Sheriff ein- oder zweimal in Richtung des Hauses der Claibornes. Der andere stieg während des Gesprächs nicht aus dem Wagen, und schließlich kehrte Starling zu seinem Fahrzeug zurück und fuhr davon.

Dann erst wurde die Tür des Vans geöffnet. Der Fahrer stieg aus.

Und Reena dachte unweigerlich an die Unterzeile, die sie bei ihrer Ankunft auf dem Ortsschild von Crimson Creek gelesen hatte.

Wo Nachbarn Freunde sind – wenn wir sie mögen!

Dieser Nachbar, das wusste Reena, würde definitiv nicht ihr Freund sein. Weil sie ihn nicht mochte.

So wenig wie er sie mochte. Das hatte er ihr schließlich, mehr oder weniger direkt, zu verstehen gegeben, kaum dass sie hier angekommen waren.

Sein Gesicht konnte Reena jetzt, da er aus dem Wagen gestiegen war, zwar immer noch nicht erkennen. Aber das lag nicht an der Entfernung –

– sondern an seinem langen Haar und dem wilden Bart, hinter dem sich sein Gesicht regelrecht versteckte.

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Crimson Creek war ein sauberes Städtchen. Ein Ort, an dem Verbrechen (fast) noch ein Fremdwort war. Wo Recht und Ordnung noch etwas galten.

Und Sheriff Ichabod Starling war stolz darauf, dass er sich das als sein Verdienst anrechnen durfte. Oder zumindest hatte er nicht unerheblichen Anteil daran, dass es in Crimson Creek gesittet zuging.

Seit er das Amt des Sheriffs bekleidete, hatte es in der Stadt drei Mordfälle gegeben. Und in allen drei Fällen hatte Ike Starling den Täter binnen 48 Stunden geschnappt, einen davon buchstäblich zur Strecke gebracht. Hätte er es nicht getan, hätte der Bastard ihm eine Kugel verpasst...

Insgesamt also herrschte Ruhe in Crimson Creek, Sheriff Ichabod Starling sorgte dafür. Nichts kratzte an der Idylle, am beinah schon klischeehaften Bild der typischen amerikanischen Kleinstadt.

Und die alten Kratzer in diesem Bild waren längst verschwunden.

Das jedenfalls hatte Ichabod Starling bislang geglaubt. Jeder hatte das geglaubt; jeder, der damals dabei gewesen war oder mitbekommen hatte, was seinerzeit wirklich passiert war.

Jetzt allerdings schien es, als hätte der Staub der Zeit diese hässlichen Spuren lediglich zugedeckt gehabt. Und aus irgendeinem Grund waren sie plötzlich wieder zum Vorschein gekommen.

Vielleicht...

Ike Starling wollte sichergehen. Er wollte , nein, er musste es genau wissen. Um gegebenenfalls den Anfängen wehren zu können.

Wenn es dazu nicht schon zu spät war...

Ein verkniffener Zug legte sich um Starlings Mund. Ein gepresster Fluch drang zwischen seinen Lippen hervor. Seine Hände schlossen sich fester um das Lenkrad, und sein Fuß senkte das Gaspedal eine Spur tiefer. Die Tachonadel kletterte eine Winzigkeit über die zulässige Höchstgeschwindigkeit, die Starling sonst penibel einhielt. Weil er das von jedem Autofahrer in seiner Stadt erwartete.

Aber heute war ihm etwas anderes wichtiger. Heute spürte er ein Drängen in sich, dem er, das wusste er, besser nicht widerstand.

Und abgesehen davon hatte er es eilig, an dem alten Varieté-Theater vorbeizukommen, das ganz am Rande von Crimson Creek lag und seit langem leer stand...

...seit – Starling schauderte – damals.

Chance Walstons Schrottplatz lag außerhalb der Stadt, war aber schon von weitem zu sehen. Bizarre Türme und Berge aus allen möglichen und allen unmöglichen Dingen ragten hoch über die doppeltmannshohe Bretter- und Drahtumzäunung des Areals auf und warfen in der Mittagssonne Schatten wie tatsächliche Gebirge. Bei schlechtem Wetter und Nebel konnte man dagegen den Eindruck haben, auf eine Stadt zuzufahren, die von einem Architekten entworfen worden war, der zu viele Endzeit- und Science-Fiction-Filme gesehen hatte.

Das Rolltor in der Umzäunung stand offen, wie immer. Und wie immer liefen die beiden Rottweiler frei herum. Als Starling seinen Wagen auf das Gelände und durch die Täler im Schrottgebirge lenkte, folgten ihm die Hunde laut kläffend, wilden Wölfen gleich, die Beute jagten.

Chance Walstons Büro- und Wohngebäude lag inmitten des Schrottplatzes und verdiente die Bezeichnung Gebäude kaum. Ursprünglich war es eine Bretterhütte gewesen, die Walston im Laufe der Jahre vergrößert hatte, indem er ebenso schlichte Anbauten errichtete, wenn ihm der Platz nicht mehr genügte. Insofern fügte sich die Konstruktion nachgerade nahtlos in das Gesamtbild des Schrottplatzes ein.

Ike Starling stoppte sein Fahrzeug vor dem abenteuerlichen Bauwerk und drückte auf die Hupe, drei, vier Sekunden lang. Was die Hunde zu schierer Raserei trieb. Sie sprangen zu beiden Seiten des Wagens hoch, ihre Pfoten hinterließen Dreckspuren auf den Fenstern, ihre Zähne klackten gegen das Glas und Geifer verschmierte den Schmutz.

Sonst rührte sich nichts. Chance Walston ließ sich nicht blicken. Mochte sein, dass er sein Mittagsschläfchen hielt.

Starling hupte wieder, noch länger diesmal, und endlich erklang ein schriller Pfiff, so laut, dass er sogar den Lärm der Hupe übertönte.

Die Rottweiler ließen von Starlings Wagen ab und verschwanden hinter den Hütten, jedoch nur, um wenig später wiederaufzutauchen. Lammfromm allerdings, gerade so, als seien sie hinter dem Gebäude ausgetauscht worden.

Die Hunde flankierten einen jungen Burschen in abgetragener Latzhose. Auf dem Kopf hatte er eine alte Baseballmütze, sonst trug er nichts, sah man von dem riesigen Schraubenschlüssel in seiner Hand ab, der so schwer schien, dass er den Arm des Jungen in die Länge zog.

Ike Starling wusste, dass dem nicht so war. Billy-Bobs Arme waren immer schon lang gewesen wie die eines Affen, und sein Denkapparat funktionierte ein bisschen langsam. Aber er war geschickt mit den Händen, und deshalb beschäftigte Chance Walston den Jungen auf dem Schrottplatz. Billy-Bob schlachtete alte Maschinen und Fahrzeuge aus oder richtete sie wieder her, und damit verdiente der alte Walston nicht übel.

Starling wusste, dass ihm jetzt von den Hunden keine Gefahr mehr drohte, und so stieg er aus.

"Howdy, Billy-Bob! Was macht die Arbeit?"

Der Junge winkte ab. Seine Hand schlenkerte dabei, als sei sie an einem Gummiseil befestigt. "Viel zu tun, Sir, viel zu tun, Sheriff, Sir. Vier Hände bräuchte ich." Er grinste schief.

"Sollst mich doch Ike nennen, Junge, wie oft muss ich dir das noch sagen?"

"Werd's mir merken, Ike, Sheriff, Sir."

Starling bezweifelte das, aber es war nicht wichtig.

"Wo steckt dein Boss, Billy-Bob? Hat er sich auf die faule Haut gelegt und lässt dich den Laden hier alleine schmeißen?"

"Ja, Sir, so ist es, genau so", gluckste der große Junge belustigt.

"Bullshit! Was redest du da für'n Müll, Billy-Bob?"

Chance Walstons Stimme klang wie das Brüllen eines Bären, der aus dem Winterschlaf gerissen worden war, und damit passte sie gut zu seiner Erscheinung. Es ging die Sage, dass Chance Walston seine Laufbahn als Schrotthändler begonnen hatte, indem er Altautos mit bloßen Händen zerlegt hatte. Ichabod Starling hatte das zwar nie mit eigenen Augen gesehen, konnte es sich aber lebhaft vorstellen. Stand man Chance Walston gegenüber, gehörte nicht viel Phantasie dazu, sich auszumalen, was er mit seinen riesigen Händen anstellen könnte.

Nichtsdestotrotz war Chance Walston ein ausgesprochener Gemütsmensch; wenn auch einer mit dem Gesicht eines Fleischerhundes.

Starling und Walston wechselten die üblichen Floskeln, wie's denn so ginge und wie die Geschäfte liefen. Keiner von beiden konnte klagen; zumindest taten sie es nicht.

"Was gibt's, Ike?", schloss der Schrotthändler schließlich den formellen Teil ab.

"Eine Leiche gibt's", erwiderte Starling. "Mord."

Walston nickte. "Schon von gehört." Nachrichten jeder Art sprachen sich in und um Crimson Creek schnell herum. "Was habe ich damit zu schaffen? Ich kannte Ethel Claiborne kaum."

"Du warst gestern Abend dort", sagte Starling.

Walstons Augenbrauen wanderten in die Höhe. "Ich war was – ?" Seine Brauen rutschten wieder auf Normallevel herab. "Oh, ja... so könnte man sagen."

Der Sheriff nickte. "Hast altes Zeug abgeholt, das vor... dem Nachbarhaus stand." Sein Zögern ließ annehmen, dass er etwas anderes hatte sagen wollen.

Walston überging es. "Yep, das Mädel, das dort eingezogen ist, hat mich angerufen und zum Abholen bestellt."

"Wo sind die Sachen? Ich würde gerne mal einen Blick drauf werfen."

"Was denn?" Chance Walston grinste. "Meinst du vielleicht, die Tatwaffe wäre in dem Müll versteckt?"

Ike Starling hob die Schultern. "Weiß man's?"

"Ich habe das Zeug noch nicht mal abgeladen", sagte Walston. "Ist alles noch hinten auf'm Truck. Komm mit und schau's dir an, wenn's dich glücklich macht."

Der Schrotthändler stapfte voraus, führte Starling um die Hütten herum zu einem Platz, auf dem zwei Lastwagen standen, daneben eine Planierraupe, weiter hinten eine monströs anmutende Schrottpresse, und überragt wurde alles von einem Kran, der vor allem vom Rost zusammengehalten zu werden schien.

Walston bedeutete Billy-Bob, der ihnen gefolgt war, die Ladefläche des einen