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50 Jahre – da hilft nur noch Humor

Alexandra Lingk

50 Jahre – da hilft nur noch Humor

Fünfzig Themen, die mit 50 bewegen

Inhalt

Denkwürdig: Der 50. Geburtstag in Corona-Zeiten

Der 50. Geburtstag im Allgemeinen

Aus Kindern werden Leute

Silvester in Corona-Zeiten

Regenbogenpresse

Gedanken zum Wendler

Von Corona-Leugnern und Querdenkern

Donald Trump

Prioritäten

Wo ist der Respekt geblieben?

Was bleibt vom positiven Denken?

Gleichberechtigung im Haushalt

Im Supermarkt

Gutmütigkeit

Die deutsche Sprache

Gendern

Political Correctness

Wenn der Amtsschimmel wiehert

Lachen ist gesund

Schwarzer Humor

Galgenhumor

Nostalgie

Sentimentalität

Wellness

Wein

Die Macht der Gewohnheit

Auto fahren

Influencer

Essen und Genießen

Das sonnige Gemüt

Perfektionismus

Ungeschicklichkeit

Zeit zum Entschleunigen

Ausmisten

Balsam für die Seele

Kalendersprüche und Aphorismen

Missionieren

Meinungsfreiheit

Lieblingsfilmzitate

Verantwortungsbewusstsein

Stress und Hektik

Vorbilder ab 50

Rituale und Traditionen

Radio hören

Erinnerungen

Vertrauen

Wann ist man glücklich?

Das Beste draus machen

Was kommt nach dem Lockdown?

Ein erklärtes Lebensziel

Vorwort

Die Idee zu diesem Buch entstand kurz vor dem 50. Geburtstag der Autorin. Die Umsetzung erfolgte in den Tagen und Wochen danach, als die Corona-Pandemie einen weiteren Höhepunkt erreicht hatte, Deutschland sich im Lockdown befand und die Zeit trotz sich überschlagender Ereignisse ein wenig stillzustehen schien. In dieser Phase der angezogenen Handbremse waren das Sortieren von Gedanken und das Niederschreiben derselben mehr als nur ein angenehmer Zeitvertreib. Durch dieses neue Projekt erreichte vielmehr die Kommunikation mit einzelnen Beteiligten eine völlig neue Dimension.

Der Austausch verschiedener Perspektiven im immer wieder spontanen Brainstorming war daher nicht nur fruchtbar, sondern beinahe schon eine therapeutische Maßnahme, denn während „da draußen“ ungute Nachrichten nicht abreißen wollten und die Gesamtsituation phasenweise schon sehr bedrückend war, konnte „drinnen“ völlig losgelöst von alledem viel und herzlich gelacht werden. So hatte die erweiterte Selbstisolation dann doch ihr Gutes.

Denkwürdig: Der 50. Geburtstag in Corona-Zeiten

Wie begeht man den 50. Geburtstag in Zeiten von Corona? „Richtig“ feiern geht nicht, das steht seit Wochen fest, unabhängig, ob Lockdown oder Shutdown, ob „light“ oder „heavy“. Also gilt es wohl, die Floskel „im kleinsten Kreis“ sehr wörtlich zu nehmen. Alles andere wäre in Zeiten wie diesen undenkbar und vollkommen verantwortungslos. Dennoch soll so ein Tag nicht so völlig sang- und klanglos verstreichen. Also muss das Besondere daran auf andere Weise entdeckt werden.

Das fängt vielleicht schon beim selbst gewählten Dresscode an. Angesichts fehlender Feier-Masse wäre ein Tag im „Rudolph-the-red-nosed-reindeer“-Schlafanzug nicht nur denkwürdig, sondern überdies sehr gemütlich. Aber ein solcher Aufzug ist für einen solchen Anlass dann doch kaum angemessen; schließlich wird man nur einmal 50 (49 auch, 51 auch, aber egal …). Alternativ könnte man sich so richtig aufbrezeln. Ja, das ist besser!

Auch genusstechnisch sollte es kein Tag wie jeder andere sein. Wenn schon keine große Feier, dann wenigstens alles vom Feinsten. Selbst wenn die Zahl der möglichen Gäste als äußerst überschaubar bezeichnet werden darf und ich normalerweise keine Buffets für die Mitglieder meines eigenen Haushalts bestelle: Nach dem Motto „Klein, aber fein“ wollte ich es mir nicht nehmen lassen, für den Fall, dass doch jemand vorbeikommt, edlen Champagner und tolles Fingerfood zu kredenzen – zur Not auch „to go“, wozu gibt es schließlich Tupperdosen? Soweit die Überlegungen im Vorfeld.

Und dann war er da, dieser Tag, von dem jeder schon seit Langem sagte: Ist ja schon blöd, dass du nicht richtig feiern kannst. Er begann, wie es sich gehört, um Punkt 0 Uhr. In diesem Moment knallte es, und – dem geschickten Timing der Kernfamilie sei Dank –der Inhalt einer Konfetti-Kanone ergoss sich über mein Haupt und im Umkreis von fünf Metern bedeckten goldene und silberne „50s“ und „Happy Birthdays“ den Fußboden. Dann plöppte auch schon ein Korken (es sollte nicht der letzte an diesem Tag sein) und ich stieß das erste Mal im biblischen Alter von nunmehr 50 vollendeten Jahren mit meiner Familie an. Dazu wurde der obligatorische Geburtstagskuchen angeschnitten (begleitet von großem Geschimpfe, weil die M&Ms, die als Deko auf dem Schokoguss thronten, nur ein popeliges „Happy Birthday“ zierte und nicht – wie bestellt – auf der Rückseite auch noch ein Foto von mir).

Nach einer Nacht mit nicht so viel Schlaf, wie ich für ein halbwegs knitterfreies Antlitz benötigt hätte, warf ich mich dann bereits morgens ins Cocktailkleidchen. Und fühlte mich gut damit. Und dann ging es Schlag auf Schlag. Gratulationen allüberall. Via WhatsApp, via Facebook, per Telefon, hier stand ein Päckchen vor der Tür, da klingelte es „Ich wollte nur ganz kurz gratulieren“. Erneutes Korkenknallen, erneutes Anstoßen. Einzeln. Draußen. Mit Abstand. Und Maske. So hätte es auch auf dem Parkplatz des Supermarktes passieren können. Aber natürlich war das hier viel besser. Drinnen im Wohnzimmer ordnungsgemäß nur die kleinste erlaubte Anzahl an Familie und ich turnte zwischen drinnen und draußen hin und her.

Und plötzlich standen sie im Garten. Über Wochen hatten liebe Menschen sich online getroffen, hatten gedichtet, was das Zeug hält und dann die zwei stimmgewaltigsten Sängerinnen als Abordnung geschickt, die mit gebührendem Abstand zueinander und zu mir ein ebenso schönes wie originelles und vor allem berührendes Ständchen darbrachten. Der „Rest“ der Kreativen war via Video dazugeschaltet. Pipi in den Augen und Gänsehaut.

Später am Tag noch ein Vortrag meiner Kinder, der mir den Mund offen stehen ließ. Ich hatte zwar mitbekommen, dass sie irgendetwas ausgeheckt hatten und schon befürchtet, dass ich in ungeahntem Ausmaß mein Fett wegbekommen würde (dem lauten Gackern nach zu urteilen, das Tage zuvor durch verschlossene Türen gedrungen war), aber nun saß ich da und war begeistert und höchst amüsiert und sprachlos und gerührt – alles gleichzeitig.

Fazit: Dieser Tag war alles, nur nicht sang- und klanglos. Im Gegenteil: Dieser Tag war etwas ganz Besonderes, und mehr als einmal habe ich mich inzwischen gefragt, ob ein „normaler“ 50. Geburtstag mit einer Riesenfeier und vielen Menschen von einer solchen Intensität hätte sein können, wie es dieser Tag in der denkbar ungünstigsten Zeit mit Kontaktsperren und Lockdown nun war.

In einer Zeit, in der es so viele schlechte Nachrichten gibt, auf dem bisherigen Höhepunkt der Pandemie, waren da so viele Menschen, denen es ein Bedürfnis war, mir durch einen kurzen Besuch „auf Abstand“, eine besondere Aufmerksamkeit oder eine originelle Idee diesen Tag schön und unvergesslich zu machen. Das ist ihnen definitiv gelungen. Dafür bin ich von Herzen dankbar.

Der 50. Geburtstag im Allgemeinen

In normalen Zeiten, wenn nicht gerade eine Pandemie das gesamte gesellschaftliche Leben lahmlegt, ist ein 50. Geburtstag nicht selten Anlass für eine Riesenfeier. Vielfach wird dieser Tag als DAS Wiegenfest schlechthin gesehen, allzu häufig fallen Sätze wie „Die Hälfte ist jetzt erreicht“ oder „Auf die nächsten 50 Jahre“. Da muss ich dann schon ein wenig schmunzeln, denn bei meiner Lebensweise von einem erreichbaren Alter von hundert Jahren auszugehen, ist wirklich optimistisch. Aber man wird sehen. Wie heißt es doch so schön: Man soll nicht dem Leben Jahre geben, sondern den Jahren Leben. So sehe ich das auch – ich bin lieber Genussmensch als Asket, wenngleich ich schon versuche, mich halbwegs ausgewogen zu ernähren und ausreichend zu bewegen. Aber ein bisschen über die Stränge schlagen ab und zu muss einfach sein.

Was sind dann also meine Pläne für die nächsten Jahre? Nun, rein zellmäßig geht es schon lange nur noch bergab. Ehrgeizige Ziele in Richtung Selbstoptimierung sind daher eher fehl am Platze und überdies vergebene Liebesmüh. „50 ist das neue 30“, tönt es zwar gerne aus eher überzeugtem als überzeugendem Mund, aber das finde ich ehrlich gesagt ein bisschen albern, um nicht zu sagen, das grenzt dann doch schon an groben Realitätsverlust. Viel cooler, als den Blick für die Realität zu verlieren, ist es doch, sich ihr einfach zu stellen. Denn eigentlich habe ich mit der Zahl 50 kein Problem. Das Älterwerden an sich gestaltet sich insgesamt recht gnädig, weil es meist gemäßigt und eher schleppend vonstattengeht. Man sieht nicht von heute auf morgen aus wie eine Mumie und fühlt sich im günstigsten Fall auch nicht so. Die kleinen Veränderungen kommen vielmehr peu à peu, manche schleichen sich zum Teil hinterhältig an und sind dann einfach plötzlich da – „Wir sind gekommen, um zu bleiben“. Mit den Falten ist es irgendwie genauso wie mit Kratzern in einem Auto: Beim ersten ist man total entsetzt, kann sein Unglück überhaupt nicht fassen und denkt, das Leben sei zu Ende, beim zweiten ist man ebenfalls nicht glücklich, aber nachdem man kurzzeitig ein dumpfes Grummeln im Magen verspürt hat, geht es bald wieder und irgendwann nimmt man neue Exemplare mit stoischer Gelassenheit hin, weil man es eh nicht ändern kann. Irgendwann hört man dann auch auf zu zählen. Irgendwann ist eben alles in der Kategorie „gebraucht“ angekommen.

Um speziell das Altern der Haut zu verhindern oder zumindest zu verlangsamen, müsste man sich im Prinzip schon, sobald man aus dem Kindergartenalter raus ist, um eine permanent angemessene Durchfeuchtung der Epidermis bemühen. Was einmal vertrocknet ist, hinterlässt halt einfach Spuren. Wer wie ich zu spät damit begonnen hat, muss umso mehr arbeiten, um Schadensbegrenzung zu betreiben. Ich für meinen Teil klebe mir dazu glitschige grüne ellipsenförmige Silikon-Pads unter die Augen. Deren hochgelobte Inhaltsstoffe, wie Waldmoos und ähnlich klingende – natürlich natürliche – Zutaten, sollen Schwellungen am Morgen beseitigen und für nagelneue Spannkraft der Haut sorgen.

Mit einem kleinen Schmunzeln im Gesicht erinnere ich mich bei der Prozedur immer an eine Begebenheit, die sich ungefähr 30 Jahre zuvor in einer Parfümerie zugetragen hat. Als wäre es gestern gewesen, höre ich eine zwar perfekt geschminkte, aber in diesem Moment wirklich besorgt aussehende Püppi vorwurfsvoll zu mir sagen, ich müsse nun aber dringend mit einem Anti-Aging-Produkt beginnen, wenn ich es später nicht bereuen wolle. 30 Jahre später denke ich, okay, das, was man schmeichelhaft als Lachfalten bezeichnet, wirkt auf mich nach einer schlechten Nacht auch schon mal wie Lachgräben, und die Wangen haben auch schon ein wenig vor der Schwerkraft kapituliert und bewegen sich inzwischen „muttimäßig“ schon ein wenig nach unten. Doch alles in allem kann ich mit meinem Spiegelbild noch ganz gut leben. Nun gut, ich kenne es ja auch schon seit 50 Jahren. Ungefähr die Hälfte dieser Zeit falle ich auch schon regelmäßig auf die Versprechungen der Schönheitsindustrie herein. Gerade erst wieder: „Du brauchst einen Neustart deiner Haut?“, steht motivierend auf der Verpackung und schon landet eine Tuchmaske, die die Haut von täglichen Umweltbelastungen befreien soll, auf meinem Gesicht. Als Alltagsmaske in Pandemiezeiten übrigens gänzlich untauglich, weil sie Mund und Nase freilässt. Doch in diesem Fall ist DETOX das Zauberwort! „Atme tief ein, schließe deine Augen und lehne dich zurück – genieße deinen Detox-Moment“, motiviert mich der Werbetext. Oh jaaaa, ich fühle mich augenblicklich so unglaublich entgiftet. Das ist der Start in ein neues Leben.

Ganz oben auf meiner To-do-Liste für die nächsten Wochen steht im Übrigen die Anschaffung einer Lesebrille. Auch ich habe zwischenzeitlich eingesehen, dass weder meine Arme kürzer geworden sind, noch dass das Tageslicht langfristig an Qualität verloren hat.

Auch der Rest des Körpers meldet in regelmäßigeren Abständen kleinere oder größere Negativrekorde. War es beispielsweise bis vor ein paar Wochen noch eher der innere Schweinehund, den es einfach nur zu überwinden galt, um eine insgesamt noch als recht erfreulich zu bezeichnende Fitness zu erhalten, hat sich jetzt ein weiteres Hindernis in Form eines knackenden Knies hinzugesellt, und man nimmt Buchstabenkombinationen wie MRT in seinen Wortschatz auf. Ab hier ist positives Denken dringend erforderlich. Immerhin ist das Knacken zum jetzigen Zeitpunkt (meistens) nicht von Schmerzen begleitet und das ist doch wirklich die Hauptsache. Wen stört es da schon, dass man, sobald ich eine Treppe hinaufgehe, an Käpt'n Ahab denken muss, der – getrieben von dem Wunsch, es Moby Dick endlich heimzuzahlen – wieder einmal keine Ruhe findet und auf dem Oberdeck umherhumpelt?

Doch zurück zum runden Geburtstag. Mehr denn je befasst man sich ab diesem Zeitpunkt auch mit dem Thema Älterwerden und ignoriert nicht mehr geflissentlich und ständig alle Nachrichten dazu. Stattdessen erinnere ich mich just in diesem Moment gerade an einen Netzfund. Der Text der Anzeige lautet sinngemäß: „Ja, sieh es endlich ein, du wirst jeden Tag ein bisschen älter. Und auch dein Gedächtnis lässt früher oder später nach. Natürlich wünschen wir uns alle, möglichst lange ein gutes Gedächtnis zu haben.“ Richtig, und umso fröhlicher stimmt mich, dass es bei dieser Bestandsaufnahme auch eine gute Nachricht gibt: „Wir können unser Gehirn aktiv unterstützen, um es lange leistungsfähig zu halten. Schon kleine Übungen sind wirkungsvoll und bringen unsere grauen Zellen in Schwung.“

Früher hätte ich so etwas weggeklickt. Heute schaue ich mir interessiert an, ob da zufällig etwas dabei ist, das sich mit wenig Aufwand in meinen Tagesablauf integrieren lässt. Und ich lasse mich gerne beruhigen von Sätzen wie „Gelegentliche Vergesslichkeit ist beim Älterwerden normal“ und nehme mir vor, den Ratschlag zu befolgen, dass man sich am besten möglichst frühzeitig mit den Begleiterscheinungen des „alternden Gedächtnisses“ auseinandersetzen soll. Aber heißt das nun, dass ich mir keine Gedanken darum machen muss, dass ich quasi permanent auf der Suche nach meinem Handy bin, sondern mich einfach aufrichtig darüber freuen sollte, dass ich es bislang immerhin stets wiedergefunden habe, wenngleich zuweilen auch an äußerst merkwürdigen Orten? Also noch mal: Angeblich ist gelegentliche Vergesslichkeit ein normaler Prozess im Körper.

Das Gehirn möchte sich dadurch offenbar vor Überlastung schützen. Am Ende sollen dann nur solche Informationen weiterverarbeitet werden, die als „wichtig“ klassifiziert wurden. Mein Gehirn unterliegt da aber offenbar einer Fehlinformation, wenn es mich ausgerechnet vergessen lässt, wo ich mein Handy wieder einmal abgelegt habe, denn das ist so ziemlich das Wichtigste, was mich in meinem Alltag begleitet, weil es quasi mein ganzes Leben in Daten, Fakten, Abläufen, Terminen und Bildern enthält. Traurig, aber leider wahr und daher auch eines der vielen Dinge, die man mit Humor nehmen sollte.

Offenbar kann gelegentliche Vergesslichkeit aber auch an einer Durchblutungsstörung liegen. Ich merke mir also schleunigst, dass mit regelmäßiger Bewegung das Gehirn ausreichend Nährstoffe und Sauerstoff erhält und durch die dadurch besser versorgten Nervenzellen die Gedächtnisleistung gesteigert wird. Da kann ich mich erst einmal beruhigt zurücklehnen, denn genügend Bewegung habe ich im Allgemeinen (also, wenn keines der ebenfalls alternden Gelenke Ärger macht …) definitiv. Es macht mich zwar ein wenig stutzig, dass ich dennoch immer wieder mein Handy verlege, doch wer weiß, was sonst noch alles abhandenkommen würde, wenn ich mich nicht ausreichend bewegen würde.

Nun gut, ich nehme mir vor, Körper und Geist mit fünf einfachen Tipps in Schwung zu halten: Ich bleibe in Bewegung und ich trainiere mein Koordinationsvermögen, indem ich mich mit neuen Situationen auseinandersetze (würde ich also nicht den angestammten Parkplatz gleich vor der Tür des Supermarktes nehmen, sondern stattdessen vielleicht sogar mit dem Fahrrad fahren, hätte ich da gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen). Außerdem nehme ich mir vor, mein Gedächtnis künftig mit pflanzlichen Produkten wie Ginkgo oder Ähnlichem zu unterstützen. Dazu arbeite ich noch daran, dass sich aktive Phasen und Erholungsphasen abwechseln und ich beste Voraussetzungen für einen guten Schlaf schaffe. Das wäre doch gelacht, wenn ich damit nicht doch mindestens hundert Jahre alt würde.

Hat man sich einmal etwas ausführlicher mit einem Thema des Schwerpunktes Alterungserscheinungen befasst und beispielsweise Google dazu befragt, wird man auf einmal permanent zugeballert mit unterschiedlichsten Infos aller Art. Das Zauberwort in diesem Zusammenhang heißt wohl „Algorithmus“. Dieses böse Internet behält nämlich, um das einmal sehr grob vereinfacht darzustellen, im Gegensatz zu mir alles in seinem virtuellen Gedächtnis, wonach ich dann und wann suche und bietet mir dementsprechend Ähnliches oder vermeintlich dazu Passendes an. Im Rahmen einer Studie hat man herausgefunden, dass Algorithmen offenbar Menschen in allen möglichen Lebensbereichen manipulieren können. Mich natürlich auch, aber was soll´s. Hat ja auch einen gewissen Unterhaltungswert, wenn mir ohne eigenes Dazutun ein Artikel aus einer Frauenzeitschrift angeboten wird, dessen Verfasserin sich über den Umgang mit ihr als 50-Jähriger beim Arztbesuch beklagt. Offenbar kommt sie sich beim Gynäkologen zum Beispiel seit dem persönlichen Dekadenwechsel vor wie ein Fossil, weil ihr nun ganz andere Fragen gestellt werden als in anderen Lebensphasen.

Ja du lieber Himmel, das ist dann eben so. Jammern bringt da aber doch nichts! An diesem Punkt denke ich energisch: NEIN! Viel besser, als sich dem heulenden Elend hinzugeben, weil man eben keine zwanzig mehr ist, ist es doch, die Dinge mit Humor zu nehmen. Oberstes Ziel für die nähere und entferntere Zukunft kann für mich daher nur sein, auf eine ganz persönliche Weise das Kind und vor allem auch den Kindskopf in mir zu bewahren. Lachen, wann immer es geht und worüber auch immer es möglich ist. Lachen über andere und über mich und mit anderen.

Aus Kindern werden Leute

Da waren sie doch gerade erst im Kindergarten- und Grundschulalter und hatten doch erst gestern den Wechsel aufs Gymnasium reibungslos über die Bühne gebracht, und schwupps – sind aus ihnen junge Erwachsene geworden und die Eltern-Kind-Beziehung ist eine komplett andere. Der kleine Sohnemann ist nun zum jungen Mann und das Töchterlein zur jungen Frau herangewachsen, und der Einfachheit halber werden sie im Folgenden als „er“ und „sie“ bezeichnet.

Besonders auffällig ist die Veränderung bei ihm zu beobachten, da er lange Jahre überaus zierlich und von eher kleiner Statur war, als seine Schulkameraden schon längst in die Höhe schossen. Sein Entwicklungsschub kam erst ein wenig später, aber dafür umso ausgeprägter. Doch die Entwicklung hat rückblickend lange vor dem Zeitpunkt begonnen, an dem er mir buchstäblich über den Kopf gewachsen ist und mich in die unfreiwillige Rolle des staatlich anerkannten Familienzwergs gedrängt hat. Man merkt es zunächst gar nicht, aber spätestens, wenn sich statt der andächtig und mit hohem Stimmchen ausgesprochenen Anrede „Mama“ irgendwann ein in tiefstem Bass gedröhntes, reichlich gönnerhaftes „Muddi“ etabliert hat, ist klar, dass das Ende der Kindheit schon lange da ist.

An das Ergebnis der ebenfalls rasanten Entwicklung der um zwei Jahre älteren Schwester, die ein bisschen gezwungenermaßen und ein bisschen freiwillig auch noch zu Hause lebt, hatte man sich zu diesem Zeitpunkt bereits gewöhnt. Dennoch ist es zugleich interessant und belustigend zu beobachten, was für ein eingespieltes Team beide sind, wie sie sich einerseits gegenseitig beeinflussen und wie sie aber andererseits dennoch mit ihren unterschiedlichen Charakteren jeder auf seine Weise ihren Weg machen.

Sie hat als unglaublich gewissenhafte Studentin in ihrem mittlerweile zweiten Semester (von dreien), das sie ausschließlich online bewältigen kann, ihren Tagesablauf so perfekt strukturiert, dass einem angst und bange werden könnte. Sie hat nach ihren Lehrveranstaltungen feste Zeiten zum Lernen, macht zudem ihr Workout und pflegt darüber hinaus (in Corona-Zeiten online) ihre Freundschaften. Dabei wirkt sie fröhlich und ausgeglichen (solange genug zu essen im Haus ist).

Bei ihm hat man hingegen manchmal den Eindruck, er bewältige viele seiner Aufgaben eher spontan und eigentlich nur deshalb, weil es ihm gerade noch rechtzeitig eingefallen ist, dass er da noch etwas zu erledigen hat. Daher habe ich tatsächlich in Erwägung gezogen, ihm eines dieser T-Shirts zu schenken mit dem Aufdruck „Ich höre nichts, ich zocke“. Da ich mir jedoch über seine Reaktion im Klaren war (ein Augenverdrehen, das sowohl Genervtheit als auch Fassungslosigkeit darüber signalisiert, wie geistlos manche Menschen doch sein können), habe ich es gelassen. Erfreulicherweise bleibt festzuhalten, dass er sein schulisches Pensum offenbar problemlos zu bewältigen und die Lockdown-Phase an ihm bislang keinen bleibenden Schaden zu hinterlassen scheint, obwohl er teilweise die Nacht zum Tag macht und zuweilen eine beinahe unheimliche Symbiose mit seinem Computer einzugehen scheint.

Außerhalb seines Zimmers zeigt sich jedoch manchmal eine weitere, wirklich nicht zu unterschätzende Kompetenz: Er ist in der Lage, eine volle Spülmaschine mit bereits gereinigtem Geschirr zu erkennen und diese dann sogar auch noch eigenständig auszuräumen, wohingegen seine Schwester zum Beispiel nach erfolgreicher Kochorgie und dem Verzehr eines vitamin- und nährstoffhaltig ausgewogenen Mahls auf wundersame Weise zu vergessen scheint, dass da noch hier und da und dort Überbleibsel ihres Arbeitsganges in der Küche herumstehen, wodurch allen später eintretenden Personen der Anblick eines traurigen Schlachtfelds nicht erspart bleibt. Ihr Bruder spricht in diesem Zusammenhang auch gerne von „Mixermassaker“.

Dafür aber ist die Kommunikation mit ihr manchmal etwas geschmeidiger als mit ihm. Während sie als End-Teenager schon mit Besonnenheit beispielsweise über argumentative Schwachpunkte meinerseits hinwegschauen kann, macht er es sich zur regelmäßigen Aufgabe, mir diese unter die Nase zu reiben, kaum dass sie ausgesprochen sind. Vielleicht sind die darauf nicht selten folgenden Diskussionen Grund dafür, dass er, als er die Themenliste für dieses Buch zu Gesicht bekam, beim Thema „mangelnder Respekt“ gleich fragte, ob er damit gemeint sei. Da musste ich natürlich ein wenig schmunzeln. Ich konnte ihm dann guten Gewissens sagen, dass meine Intention dabei in eine ganz andere Richtung gegangen ist, aber innerlich hat es mich doch ein wenig gefreut, dass er offensichtlich in einem Anfall von Selbsterkenntnis an den nicht so hundertprozentig geeigneten Ton gedacht hat, den er seinen Eltern gegenüber zuweilen anschlägt (und damit meine ich nicht das Prädikat „alte Schachtel“, das er mir in einem bestimmten Zusammenhang einmal verliehen hat – das aus seinem Munde zu hören, ließ mich vielmehr schallend lachen).

Aber auch ich habe im Erwachsenwerden meiner Kinder einen Entwicklungsschub durchlebt. Anstatt mich also beleidigt zurückzuziehen, wenn er mich beispielsweise wieder einmal in seiner jugendlichen Großartigkeit mit der Nase auf meine technische Inkompetenz stößt, halte ich ihm mit wenig schmeichelhafter Wortwahl im Gegenzug seine charakterliche Untauglichkeit vor. Der Vergleich hinkt zwar ein wenig, denn die mir angekreidete Inkompetenz ist unbestritten, während die an ihm kritisierte noch zu verifizieren wäre, aber es wirkt trotzdem.

Abgesehen davon ist so etwas nicht der Dauerzustand. Meistens – ausgenommen, es gilt tatsächlich noch einmal verbal zu verdeutlichen, was es mit dem Terminus Erziehungsberechtigte auf sich hat und wie ich diesen Begriff inhaltlich zu füllen gedenke – lebt es sich mit diesen quasi erwachsenen Kindern wie in einer WG. Das Zusammenleben findet auf Augenhöhe statt, die regelmäßigen Unterhaltungen lassen erkennen, dass die Jugend interessiert, reflektiert und durchaus kritisch die Dinge des Zeitgeschehens wahrnimmt.

Vollkommen versagt habe ich leider in meiner Erziehungsarbeit, was den Bereich Ordnung betrifft. Diesbezüglich habe ich in den vergangenen Jahren wirklich alles versucht: Ich habe an ihr Verantwortungsgefühl appelliert („Du kannst doch nicht wollen, dass ich hier stundenlang deine Sachen bügle und dann wirfst du sie achtlos in den Schrank und lässt sie wieder vollkommen knittrig werden“) und dafür Totschlagargumente kassiert („Muddi, du musst die Sachen doch gar nicht bügeln, das ist echt nicht nötig“). Ich habe getobt und gedroht, und ich habe es nicht bei leeren Drohungen belassen, sondern ihnen mit zusammengebissenen Zähnen Konsequenzen vor Augen geführt. Irgendwann siegte dann aber auch bei mir die Erkenntnis, dass ich mir selbst mit einer großen Portion Gelassenheit den größten Gefallen tue.

Seither betrete ich ihre Zimmer mit einer seltsamen inneren Ruhe. Ich lasse sie einfach in ihrem Chaos leben. Ich selbst war früher keinen Deut besser, fällt es mir dann auch wieder ein. Irgendwann relativiert sich das alles. Wenn ich gut drauf bin, nehme ich nun also wortlos Schmutzwäsche mit (auch wenn mir natürlich bewusst ist, dass sie selbst für das Waschen ihrer Wäsche sorgen könnten, aber logistisch und monetär erscheint mir das dann doch eher unsinnig), und wenn ich nicht so gut drauf bin, lasse ich alles liegen und weise allenfalls mit spitzen Fingern und einem süffisanten Spruch auf eventuelle Missstände hin („Oh, Socken!“), jedoch ohne diese zu beheben. Inzwischen reagieren sie sogar öfter einmal und bringen dann doch tatsächlich alles in Ordnung. Nein, ich war noch nie ein Freund drakonischer Strafen, ich habe es immer schon lieber mit feiner Übertreibung versucht („Haben wir denn auch noch Geschirr im Küchenschrank oder steht das jetzt alles hier bei dir rum?“).

Am wichtigsten finde ich, dass es im täglichen Miteinander trotz unterschiedlicher Auffassungen in bestimmten Bereichen und trotz vieler Gespräche mit ernstem Inhalt auch immer genug zu lachen gibt. Daran ändert auch eine Pandemie nichts. Die Zeit der Einschränkungen hat allenfalls einen verstärkenden Effekt, was die eine oder andere „gestörte“ Verhaltensweise betrifft und dann und wann die Frage provoziert: „Warum sind wir eigentlich so?“ Doch was vielleicht auf den ersten Blick philosophisch anmutet, ist lediglich die Bewertung einer Situation, die übel entgleisen kann, wenn vier erwachsene Menschen gerade nichts Sinnvolles zu tun haben und ihrer ganz persönlichen Kreativität und teilweise wirklich verrückten Anwandlungen freien Lauf lassen. Wenn ich ehrlich sein soll, mag ich gerade so etwas ganz besonders.

Man hat im Netz Videos gesehen von Menschen, die sich mit einem in einer Einzimmerwohnung gebauten Hindernisparcours sportlichen Herausforderungen gestellt haben, die Kleinkinder über Stühle und Tische klettern und auf improvisierten Trampolinen herumspringen ließen, um ihrem Bewegungsdrang gerecht zu werden, man hat Menschen gesehen, die auf einem Skateboard liegend in voller Schwimmermontur ihr fehlendes Training kompensierten oder allerhand andere lustige Dinge veranstalteten, um der Tristesse des Lockdowns zu entfliehen. Auch hier kann man sich die Frage stellen „Warum sind die so?“ und die Antwort kann nur lauten: „Weil sie es können.“ Ein Segen, wenn man über die Gabe verfügt, aus Situationen das Beste zu machen, selbst wenn man dabei manchmal auch eher unkonventionelle Wege einschlagen muss.

Mit Humor und ein bisschen Verrücktheit lässt sich die gelegentliche Konfrontation mit den eigenen Schwächen im Übrigen viel besser ertragen. Um wieder zurück auf die Kinder zu kommen, aus denen Leute geworden sind: Es kann schon schlimm werden, wenn man selbst ins Fadenkreuz ihrer Lästereien gerät. Da sind sie einfach gnadenlos. Meine Repliken hingegen, die ich selbst eigentlich auch schon einmal ganz originell oder gar witzig finde, finden dann nur bedingt und dann auch nur dank einer temporären, größtmöglichen Toleranz Anklang.

Umso mehr habe ich mich gefreut, dass sie ihren Geburtstagsvortrag, den sie mir zum Runden gehalten haben, so ausgewogen gestaltet haben. Ich hatte schon im Vorfeld die Befürchtung, ich könne übelst mein Fett wegbekommen. Habe ich dann auch, sie haben wirklich nichts ausgelassen, um mich aufzuziehen, aber gleichzeitig haben sie es geschafft, sehr viel Liebe, Respekt und Anerkennung in ihre Zeilen zu legen. Das und die Tatsache, wie gut sie mich doch kennen, hat mich wirklich am meisten fasziniert.

Sie haben den Vortrag als „Bucket List in Gedichtform“ gehalten. Das leitet sich von dem englischen „kick the bucket“ ab, was so viel bedeutet wie „den Löffel abgeben“. In Reimform haben sie mir also erläutert, was ich dringend in meinem Leben noch erledigen muss, und das, obwohl ich 50 und nicht 95 geworden bin. Aber genau diese Liste macht auch deutlich, warum ich dennoch drüber lachen kann, wenn sie sich mal wieder auf mich eingeschossen haben. Ich weiß einfach, dass sie es niemals böse meinen und beide einfach nur absolut herzensgut sind (ich sehe genau ihre schmerzlich verzogenen Gesichter vor mir, falls sie das irgendwann mal lesen sollten). Das zeigt sich zum Beispiel in deutlich geäußertem Mitgefühl, wenn sie sehen, dass ich humpelnd eine Treppe hinaufwackele, weil mein Knie nicht mitmacht. Es kann dann natürlich sein, dass sie mich zuerst mit meinem Alter aufziehen, aber ich weiß trotzdem, dass sie sich eigentlich um mein Wohlbefinden sorgen und einfach nur wollen, dass es mir gut geht.

Aus diesem Grund verzeihe ich auch großzügig andere Ausreißer, wie zum Beispiel kürzlich, als es um das Tischabräumen ging. Eigentlich sind sie schon zu alt für solche Kindereien, aber es wird regelmäßig diskutiert, warum gerade der eine oder die andere das machen solle. Als ich dann in den Raum werfe, warum denn ausgerechnet ich das dann machen solle, kam dann doch tatsächlich wie aus der Pistole geschossen die Antwort: „Du bist die Frau.“ Für den Bruchteil einer Sekunde war ich wirklich konsterniert. Aber gut, ich hätte jetzt die Wahl gehabt, mich zu vergraben und mich zu fragen, an welchem Punkt in der Erziehung ich so grenzenlos versagt habe, dass ich ein chauvinistisches Monster herangezüchtet habe. Ich hätte ihm auch schmallippig einen Vortrag über Gleichberechtigung halten können. Oder ich hätte ganz einfach darüber lachen und es als den üblichen Humor abhaken können. Ich habe mich dann guten Gewissens für Letzteres entschieden.

Silvester in Corona-Zeiten

Auch für den letzten Tag eines insgesamt eher bescheiden daherkommenden Jahres stellt sich wieder die Frage aller Fragen: Gammellook oder in Schale werfen? Wie tritt man diesem Jahr 2020 am würdevollsten in den Hintern? Ich entscheide mich für „in Schale werfen“ – der Gammellook war in der letzten Zeit zu häufig an der Tagesordnung, und wenn wir später einmal Fotos von dem Übergang in ein hoffentlich deutlich besseres Jahr 2021 anschauen, sollen nicht die ersten Dinge, die ins Auge stechen, der ausgebeulte Pulli und die Leggings sein. Dass es von diesem Tag Fotos geben sollte, stand längst fest: Man benötigt schließlich einen visuellen Beweis dafür, dass das Jahr 2020 auch wirklich weg ist.

In den vergangenen Jahren war es an Silvester nicht selten darum gegangen, möglichst viele Leute und ihre noch vielfältigeren Interessen unter einen Hut zu bekommen, in diesem Jahr geht es darum, zu reduzieren, wo immer es auch geht. Die Vorgaben sind – nach genauerem Lesen, Suchen nach weiteren Quellen und Vergleichen des Wortlauts, hinreichenden Überlegungen, wie „öffentlicher Raum“ genauer definiert werden könnte und schließlich unter Zuhilfenahme aller zehn Finger und im Besinnen auf Vernunft und gesunden Menschenverstand – klar und eindeutig: Zum Jahreswechsel sollten sich maximal fünf Personen aus zwei Haushalten zusammenrotten.

Daher ist die Feierkonstellation in meinem Fall ziemlich klar: Nach dem Motto „Wir bleiben zu Hause“ begeht also ausschließlich die Kernfamilie (erstmals seit Jahren wieder einmal gemeinsam) den Übergang in das Jahr 2021. Das hat etwas Denkwürdiges und Besonderes, habe ich im Vorfeld gedacht. Und ich bin – auch wenn das ein wenig egoistisch anmutet – froh, dass dank der fortgeschrittenen Jugend der beiden der Unterhaltungswert des Abends gesichert sein dürfte. Das Fernsehprogramm spielt uns sicher ebenfalls in die Karten. Ich muss nur sehen, dass ich nicht gerade später am Abend TV schaue, sondern dann irgendwie anderweitig aktiv werde, sonst schlafe ich aus Gewohnheit auf dem Sofa ein, noch bevor das neue Jahr seine erste Minute erlebt.

„Erst einmal in Ruhe essen“, lautet die Losung, die das Familienoberhaupt schon im Vorfeld ausgegeben hat. Das bedeutet in unserem Fall, so viel ist bereits vorab sicher, wir werden beim Raclette sitzen, einer isst Stunde um Stunde immer weiter und drei schauen ihm dabei zu, weil sie schon längst fertig sind. Aber auch das kann nett und mit den richtigen Getränken auch in jedem Fall unterhaltsam sein. So viel zur Planung.

Am Tag selbst wird nun mehr als deutlich, dass dieser sonst feste Feiertermin im Kalender in diesem Jahr tatsächlich anders sein wird. Während zum Beispiel der Familienvater um die frühe Nachmittagszeit normalerweise ein Nickerchen hält, um sich auf die bevorstehenden Strapazen angemessen vorzubereiten, begegnet er mir jetzt mit einer Flasche Politur und einem weichen Tuch, und wenig später sehe ich ihn das Messingschild unserer Klingel auf Hochglanz polieren. Es geschehen schon seltsame Dinge an diesem Tag. Erst später sollte ich übrigens erfahren, dass er das nicht allein aus einem übersteigerten Reinlichkeitsempfinden heraus gemacht hat, sondern, um ein Vorher-Nachher-Bild in seinen WhatsApp-Status zu packen mit den Worten: „So, der Dreck von 2020 ist weg, 2021 kann kommen. Einfallsreich isser ja, das muss man ihm lassen!

Während er das Klingelschild verschönert, versuche ich dasselbe mit meinem Gesicht. Statt Politur verwende ich dazu meine neueste Errungenschaft der Marke „Man gibt die Hoffnung niemals auf“. Mit den Ringfingern klopfe ich vorsichtig und zart ein garantiert naturreines „Kaffee Augen Lift Serum“ in die Haut um meine Augen herum ein, um dem Jahr 2020 wenigstens auf diese Weise noch durch einen spontanen Verjüngungseffekt ein gewisses Strahlen zu entlocken.

Als der Vater das Klingelschild wieder draußen befestigen will, fällt er fast über eine Flasche Sekt, die wohlmeinende Freunde uns mit lieben Silvestergrüßen vor die Tür gestellt haben. In der Not weiß man doch immer, auf wen man sich verlassen kann. Wir schreiben umgehend zurück, dass wir die Flasche natürlich nur gemeinsam leeren werden, und zwar, sobald das wieder möglich sein wird. Aber apropos Flasche leeren: Zwischenzeitlich haben der Zweitgeborene und ich uns darauf verständigt, dass ein ungewöhnlicher Tag auch ungewöhnliche Handlungen rechtfertigt und weil das so ist, beschließen wir bereits nachmittags um 14 Uhr, uns einen ersten Drink zu genehmigen. Doch damit wir das Ende des Tages auch noch erleben, lassen wir dabei noch ein wenig Vernunft walten und teilen uns einfach einen für zwei.

Mit wohliger Wärme im Bauch geht es dann weiter mit dem obligatorischen Fernsehprogramm. Da wäre zunächst die Silvesterfolge von „Ein Herz und eine Seele“ zu nennen. Alle Jahre wieder braut Ekel Alfred hier seinen Silvesterpunsch. Durch das jahrelange Schauen kennt man die Dialoge aus dem Effeff und unter Lachen und Johlen rufen immer alle einstimmig, wenn es dann endlich so weit ist: „Punsch, es heißt Punsch, du dusselige Kuh.“ Denn vor lauter Probieren und Abschmecken ist Alfred Tetzlaff schon so angetrunken, dass er seine (auch sonst nicht allzu ausgeprägten) guten Manieren ganz vergisst. Dieser und viele andere Sätze des Hauptcharakters lassen deutliche Rückschlüsse auf die Gesinnung und das Weltbild dieses Prototyps aller deutschen Spießbürger zu. Er vereint alle Vorurteile dieser Welt in sich und meckert und schimpft über alles und jeden. Damit ist der in der Serie beschriebene Charakter (oder vielleicht auch der fehlende Charakter) heute aktueller denn je, will mir scheinen. Meckerer, Nörgler, Schwarzseher und Miesmacher sind dank der unbegrenzten Möglichkeiten gerade in den sozialen Medien immer stärker auf dem Vormarsch.

Doch auf der anderen Seite gibt es heute ein fast schon überbordendes Problembewusstsein, das lautstark und auf allen Gebieten eine so ausgeprägte Korrektheit in Denken und Handeln fordert, dass es mich ehrlich gesagt stark verwundert, dass diese Sendung noch nicht auf dem Index gelandet ist bei all dem noch nicht mal latenten Rassismus und Sexismus, den man innerhalb einer halben Stunde erleben darf. Ich für meinen Teil bin froh für diese unzensierte Form von Satire – das wirkt zumindest auf mich echter und ich kann mich darüber ausschütten vor Lachen, ohne betroffen zu überlegen, wem jetzt wer ans Bein gepinkelt haben könnte. Denn wenn es ganz übel kommt, ist da ja immer noch Else, die Gutmütige, Schlichte, die mit ein bisschen Zuneigung schon vollkommen zufriedenzustellen ist und schließlich beim Abschlusstango mit ihrem völlig betrunkenen Göttergatten glücklich ausruft: „Wie das noch geht, wie in alten Zeiten!“

Im Anschluss daran wird das Pflichtprogramm mit „Dinner for One“ und – für mich als Rheinländerin natürlich gar nicht mehr aus dem silvesterlichen Tagesablauf wegzudenken – „Dinner op Kölsch“ mit dem großartigen Ralf Schmitz und der kongenialen Annette Frier fortgesetzt. Diese drei Sendungen sind immer die Grundlage für ein gelungenes Silvesterfest, selbst wenn es so gediegen und ruhig angedacht ist wie in diesem Jahr.

Wie gefühlt tausend andere Menschen begeben wir uns also zum Raclette-Essen. Wieder einmal stelle ich fest: Es ist wirklich förderlich für das gemeinschaftliche Miteinander, wenn man sich während des Essens nicht nur mit der reinen Nahrungsaufnahme befasst, sondern sich kleine Portionen selbst zubereitet und dann darauf warten muss, bis sie fertig sind, allenfalls hie und da ein wenig nascht und ein Schlückchen nimmt. Gemütlichkeit, dieses typisch deutsche Wort, das so schwierig in andere Sprachen zu übersetzen ist, dass es der Einfachheit halber vielfach übernommen wurde, kommt einem hierbei spontan in den Sinn. Und genau das ist es auch: richtig gemütlich. Hinterher bleibt man einfach sitzen und erzählt weiter. Und trinkt noch ein Schlückchen. Und später, sehr viel später (wenn auch das Familienoberhaupt endgültig fertig ist mit Essen und Trinken), wird dann noch gespielt, dabei Musik gehört und gelacht.

Um Mitternacht gibt es ABBAs „Happy New Year“ aus dem Smartphone statt Böller aus Polen. In der näheren Umgebung werden offenbar Reste aus dem Vorjahr noch in den Himmel geschossen, aber es hält sich alles in Grenzen, und es ist überhaupt nicht schlimm, dass es insgesamt viel ruhiger ist. Im Gegenteil, das passt viel besser zu den Flocken, die auf einmal durch die Luft tanzen und das Jahr 2020 jetzt auch optisch und endgültig mit einer weißen Schicht zudecken.

Was am Ende gleich bleibt bei aller aktuellen Veränderung, sind die Gedanken, die man sich macht, wenn das neue Jahr gerade begonnen hat. Natürlich fragt man sich auch dieses Mal, was es bringen wird. Vermutlich wünscht sich jeder in erster Linie wieder etwas mehr „Normalität“, was immer der eine oder andere damit verbinden mag. Normalerweise endet mit Silvester die besinnliche Zeit und zumindest im Rheinland entsteht ein nahtloser Übergang in die fünfte Jahreszeit. Doch auch das ist in diesem Jahr anders, sodass man bei den Planungen für die nächsten Monate nicht wie üblich sagt „Erst einmal kommt Karneval“, sondern man sagt stattdessen „Erst einmal kommt kein Karneval“, und verbunden mit dieser Erkenntnis fällt es einem dann auch ...

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