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5 Extra harte Western Dezember 2018

Alfred Bekker, John F. Beck, Peter Dubina, Pete Hackett, Heinz Squarra

5 Extra harte Western Dezember 2018

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Inhaltsverzeichnis

  • 5 Extra harte Western Dezember 2018
  • Copyright
  • Heinz Squarra: Kein Gesetz in Elk Town
  • Pete Hackett: McQuade und der Deserteur
  • Peter Dubina: ​JENSEITS DER HÖLLE
  • John F. Beck: Layla und die Flusspiraten
  • Alfred Bekker: Im Land von El Tigre

5 Extra harte Western Dezember 2018

Alfred Bekker, John F. Beck, Peter Dubina, Pete Hackett, Heinz Squarra

Dieses Buch Enthält folgende Western:



Heinz Squarra: Kein Gesetz in Elk-Town

Pete Hackett: MacQuade und der Deserteur

Peter Dubina: Jenseits der Hölle

John F. Beck: Layla und die Flusspiraten

Alfred Bekker: Im Land von El Tigre



Major Reilly reitet über die Grenze nach Mexico - und versucht El Tigre, den ungekrönten König der schlimmsten Banditen, die je das unsichere Grenzland heimgesucht haben, zu stellen.




Heinz Squarra: Kein Gesetz in Elk Town







Lincoln Dobbs und seine Söhne regieren mit Faust und Colt in Elk Town. Aus der kleinen Stadt in West-Texas ist eine Banditenstadt geworden. Und die Dobbs-Bande lässt keinen ungeschoren davonkommen, der sich ihr in den Weg stellt. Vor allem Smallrancher und die Kiowas, in deren Jagdgebiet sich diese Stadt befindet, sind vor den schießwütigen Outlaws nicht sicher. Und es heizt die Stimmung auf beiden Seiten zusätzlich auf. Höchste Zeit also, dass die Texas Ranger sich um diese Sache kümmern. Und einer der besten von ihnen bekommt den Auftrag, für Ordnung zu sorgen. Sein Name ist Jess Calhoun.





Jess Calhoun lenkte das Pferd in den Schutz eines überhängenden Felsens, als er die Reiter im Canyon unter sich bemerkte. Er sprang ab und hielt dem Tier die Nüstern zu.

Die letzten Sonnenstrahlen spielten am Felsen über dem Plateau. Der gewaltige Feuerball schien auf den Hängen der Berge zu liegen und wurde langsam in dunkler werdende Röte getaucht. So weit das Auge reichte, stand von Nord bis Süd das flammende Abendrot am Himmel und gaukelte fernen Feuerschein vor.

Aber Jess Calhoun achtete nicht auf das gigantische Naturschauspiel, sondern er beobachtete die rund zehn Reiter im Canyon. Sie strebten nach Osten, dahin, woher er selbst kam.

»Weiße«, murmelte er, verwundert über die große Zahl, die er nur mit der Stadt Elk Town in Zusammenhang bringen konnte.

Die Reiter verschwanden jenseits einer Biegung. Rasch verklang ihr vom Hufschlag untermischtes Gelächter, das bei Jess den Verdacht erweckte, dass sie gehörige Mengen Hochprozentiges in sich geleert haben mussten.

Er wendete das Pferd auf dem Plateau, saß auf und kehrte in den Hohlweg zurück, den er heraufritt. Den Canyon hatte er auch von dort aus unter sich gesehen.

Tatsächlich bemerkte er sie schon drei Minuten später erneut. Noch immer bewegten sich die Pferde beinahe müde vorwärts Eine grüne, dickbauchige Flasche wurde von einem Mann dem jeweils nächsten nach einem kräftigen Schluck zugeworfen.

Jess hielt an der überhängenden Felswand. Sie war ihm in dieser Minute noch näher als bei der ersten Begegnung, und er vermochte sie besser zu erkennen. Unter alten, schweißdurchtränkten Hüten erkannte er stoppelbärtige Gesichter. Ihre abgerissene Kleidung mit dem grauen Staub darauf verriet, dass sie hier irgendwo in der Einsamkeit lebten.

Plötzlich brüllte der Anführer etwas und schlug mit dem Gewehrkolben auf die Hinterhand seines Braunen. Das Tier wieherte erschrocken und streckte sich. Mit wildem Geheul sprengte der Rest der Horde hinterdrein. Sie lachten und feuerten in die Luft.

Das Pferd von Jess Calhoun scheute.

Der letzte Halunke warf die grüne Flasche gegen die Felswand. Sie barst, Scherben spritzten umher und ein Whiskyrest lief über das heiße Gestein und verdunstete.

Die zehn Reiter sprengten aus dem Canyon und einem Gehölz vor den Hügeln entgegen. Davor standen ein paar geduckte Hütten, die karge Maisfelder umgaben.

»Was soll denn das bedeuten?«, murmelte Jess entsetzt. »Vorwärts!« Seine Sporen trafen die Flanken des Pferdes. Er sprengte den Hohlweg weiter hinunter und eine Viertelstunde später aus den Bergen.

Im Westen versank die Sonne gerade über den Gipfeln. Grau wie ein Leichentuch kroch das Dämmerlicht über das Land. Nur noch undeutlich ließ sich der Waldsaum hinter den Feldern erkennen.

Knatternde Gewehre verrieten Jess, dass seine Annahme kein Trugschluss war. Diese zehn Halunken fielen über das kleine Anwesen in der Wildnis her, in dem sie kaum ernstzunehmenden Widerstand zu erwarten hatten.

Er ritt am Rand des Maisfeldes entlang. Doch als er die Farm erreichte, waren zu viele der kostbaren Minuten verstrichen.

Hart stoppte er den Hengst, noch bevor der Schutz des Maisfeldes hinter ihm lag. Er sprang ab, drängte das Pferd zurück und hielt ihm die Nüstern zu.

Die Reiter sprengten gerade mit Gelächter und knatternden Colts wie eine Indianerhorde auf dem Kriegspfad an der Hütte vorbei. Einer warf eine Flasche durch die Luft. Sie traf die Wand und barst auseinander. Glas und eine Flüssigkeit spritzten umher.

Einer der nachfolgenden Schurken hatte eine brennende Fackel in der Hand und schleuderte sie gegen die Wand.

Jess riss den Colt aus der Halfter, vermochte sich aber zu stoppen. Es wäre der helle Wahnsinn und praktisch Selbstmord gewesen, hätte er das sichere Versteck verlassen. So viele Kugeln hatte er nicht in der Trommel, um gegen sie Sieger sein zu können.

Die Flammen folgten den Petroleumspuren über das trockene Holz und fraßen es wie Zunder auf.

Beim Schuppen kehrten die Reiter um und galoppierten schießend zurück. Das letzte Stück des kleinen Fensters ging zu Bruch. Der Reitwind peitschte die Flammen zusätzlich an und jagte sie über das Strohdach hinweg. Feuerbündel fielen in die Hütte.

Als die Reiter abermals umkehrten, lief eine Indianerin aus der Hütte.

Jess hatte irgendwann einmal .davon gehört, dass auf dieser Seite der Brasada ein Weißer mit einer Indianerin eine Farm betreiben sollte. Aber es hatte ihn damals so wenig interessiert, dass er nicht einmal nach dem Namen des Mannes fragte.

Die Frau mochte dreißig Jahre alt sein. Sie trug ein altes Wildlederkleid mit Fransen daran. Zöpfe flatterten um ihren Kopf. Sie wollte fliehen, aber die Halunken ritten schießend über sie hinweg.

Im Feuerschein, Rauch und Staub blieb die verkrümmte Gestalt reglos zurück. Die Reiter sprengten davon.

Jess biss sich in die Lippe, um festzustellen, dass er nicht etwa nur träumte. Nein, er spürte den Schmerz.

Der trommelnde Hufschlag und das Gelächter der trunkenen Horde entfernten sich rasch.

Jess vermochte immer noch nicht zu glauben, was er erlebte und nun als Resultat dieses Terrors sah.

Die Indianerin schien sich zu bewegen. Als Jess das bemerkte, ließ er den Hengst los. Er ging vorwärts, erreichte die Gestalt und sah, dass es nur die Schatten des Feuers waren, die sich zuckend über den Körper bewegten. Er beugte sich hinunter, griff nach dem Arm der leblosen Frau und zog sie herum.

Steif fiel sie auf den Rücken. Das dunkle Gesicht mit den hochstehenden, breiten Wangenknochen sah verzerrt aus. Jess drückte der Toten die Augen zu, richtete sich auf und schaute zu den Bergen im Westen.

Das Dickicht davor hatte die wilde Reiterschar aufgenommen, aber der Hufschlag schallte immer noch in das Knistern des Feuers hinein.

Das Strohdach stürzte ins Innere. Balken brachen. Funken wurden vom heißen Rauch in den Himmel getragen.

Das Pferd schnaubte am Maisfeld und schlug mit einem Huf heftig auf den Boden.

Jess richtete sich auf und schaute wieder dahin, wo die Reiterhorde verschwand. Tatsächlich hielt einer zwischen den Büschen, das Gewehr in der Hand.

Das Feuer tobte zwischen den brennenden Wänden wie in einem Kamin.

Weiter teilten sich die Scrubbüsche, und der abgerissene Halunke näherte sich.

Jess wartete hinter der Leiche, obwohl er sicher noch die Zeit gefunden hätte, am Maisfeld Deckung zu suchen.

Der Reiter lief langsam und hielt rund sechs Yards entfernt an. Sein Gewehr deutete noch auf Jess. Ein Grinsen lag um seinen Mund. In den Augen schien Feuerschein wie in der Hütte zu flammen. »Wer bist du denn?«

»Mein Name ist Jess Calhoun.« Jess beobachtete den ziemlich abgerissenen, stoppelbärtigen Halunken, dessen Gewehr auf ihn zielte, der ihm aber so betrunken erschien, dass er sich leicht eine gute Chance gegen ihn ausrechnete.

»Und du?«, fragte er zurück.

Das Grinsen des Kerls wurde noch breiter. »Custer. Wie ein berühmter General, von dem man sagt, er wäre in zu großen Stiefeln herumgelaufen. Aus Elk Town, mein Freund. Bin so etwas wie die rechte Hand der Dobbs-Sippe.«

»Und wer sind die Dobbs?«

»Dobbs ist der Boss in Elk Town. Und seine Söhne sorgen für Ordnung.«

»Wie praktisch.«

»Was?« Der Kerl verzog das Gesicht.

»Ich meine, es ist doch ungeheuer praktisch, wenn ein Clan alles in der Hand hat. Nur so darf er sicher sein, es auch zu behalten.«

»Kommst dir wohl ziemlich komisch vor, was?«, knurrte der Reiter finster.

»Warum bist du noch mal umgekehrt? Will Dobbs wissen, ob ihr auch wirklich ganze Arbeit geleistet habt?«

Langsam schlich sich das böse Grinsen in das stoppelbärtige, abstoßende Gesicht. »Du scheinst ja ein ganz Schlauer zu sein, Calhoun. Wieso bist du eigentlich hier? Gehörst doch nicht in die Hütte des Squawmans!«

»Ich weiß nicht, wer hierher gehört und wer nicht.« Jess trat um die Tote herum und näherte sich dem Reiter zwei Schritte, »ich war zufällig in der Nähe.«

»Wann?«

»Warum fragst du das?« Jess beobachtete den Kerl und näherte sich ihm noch einen Schritt.

»Vielleicht ist es wichtig für dich.«

Im Feuerschein sah Jess, wie das Grinsen des Halunken bösartiger wurde.

»Sollst du nicht sowieso jeden mundtot machen, den dein Freund Dobbs übersehen haben könnte? Sie schickten dich doch nur zurück, weil sie zu hastig wegritten. Ohne sich zu versichern, ob nicht doch jemand in der Nähe ist, der euch eventuell beobachtete.«

»Wie schlau du bist. Aber um genau zu sein, ich will mich nur versichern, ob es den Strohkopf schon in der Hütte erwischte, oder ob er sich nur nicht herauswagte.«

»Soll im Feuer wirklich noch etwas zu finden sein?« Jess beobachtete jede Bewegung und jeden Blick des Schurken. »Oder wusste Dobbs nur nicht, wie schnell so eine Hütte niederbrennt?«

Der Kerl ließ sich nicht ablenken.

»Nur seine Söhne Slim und Sean. Du weißt nicht sehr viel.«

In diesem Augenblick brachen die brennenden Hüttenwände zusammen. Feuer und Rauch breiteten sich aus. Funken stoben auseinander. Das Pferd scheute. Und der Bandit blickte nun doch einen Moment zur anderen Seite.

Jess nutzte die Chance. Mit zwei Schritten erreichte er das Pferd, stieß den Gewehrlauf zur Seite und riss den Kopf des erschrockenen Tieres nach unten. Der Reiter fluchte. Jess drehte die Faust im Kopfgeschirr herum. Scharf wieherte der Braune und sprang mit der Hinterhand bockend in die Luft. Mit einem Schrei stürzte der Mann aus dem Sattel. Jess hatte das Gewehr in der Hand, schleuderte es zur Seite und stand links des Pferdes, als sich der Bursche aufrappelte. Ein Kinnhaken traf ihn mit solcher Wucht, dass er mit rudernden Armen taumelte, über einen brennenden Balken stolperte und abermals zu Boden ging.

Noch im Liegen zog der Kerl den Revolver, und das noch nicht einmal sehr langsam. Jess ließ sich fallen. Feuer und Rauch stachen aus der Mündung. Die Kugel pfiff über Jess hinweg. Das Pferd floh.

Calhoun rollte sich über den Boden, zog dabei den Colt und spannte den Hammer. Als er abermals auf der Brust lag und der in Pulverrauch gehüllte Schurke erneut auf ihn zielte, feuerte er zurück.

Getroffen brüllte der Stoppelbärtige, verlor die Waffe aus der Faust, und sein Gesicht landete im Sand.

Jess richtete sich auf.

Der Halunke lebte noch. Er rollte stöhnend auf den Rücken und presste die Hand auf die Brust. Blut sickerte zwischen seinen Fingern hervor. Jess blieb über ihm stehen. Der Feuerschein warf seinen Schatten zuckend über die Gestalt.

»Wenn man einen anderen töten will, dann muss man sofort schießen und keine Reden halten.«

»Verdammt noch mal … wer bist du? Der Teufel ...« Dem Banditen fehlte die Kraft, seine Verwünschung bis zum letzten Wort auszusprechen.

Jess ging in die Hocke. »Hab ich wohl vergessen, zu erwähnen. Ich bin Texas Ranger. Was tat euch der Farmer eigentlich, dass ihr so grausame Rache nehmen müsst?«

»Fahr zur Hölle ...« Der Blick in den Augen des Stoppelbärtigen brach. Noch vom Hass erfüllt, floh die Seele aus dem starr werdenden Körper.


*


Es musste bald Mitternacht sein, als Jess die Hütten in der Bergfalte vor sich auftauchen sah. Er zügelte den Hengst und blickte auf die Lichter. Es waren acht Bretterbuden, die man da unten erreichte. Eine davon besaß ein Obergeschoss und sah wie eine hochkant stehende, riesige Kiste aus.

Ein zwielichtiger Ort ist das, dachte Jess . Vermutlich weiß man in der Gegend von San Angelo gar nicht, dass diese Stadt überhaupt existiert.

Er musste unwllkürlich an seinen Onkel Tom Calhoun auf Rancho Bravo denken. Eigentlich hatte er ursprünglich vorgehabt, die Ranch seines Onkels nach langer Zeit endlich wieder einmal zu besuchen. Einige Monate waren schon ins Land gegangen, seit er zum letzten Mal dort gewesen war. Aber dann hatte ihm sein Vater, Colonel Amos Calhoun unmissverständlich zu verstehen gegeben, dass zuerst der Job erledigt werden musste und alles andere eben später ...

Seine Gedanken brachen ab. Ein Mann mit zwei schweren Colts an den Hüften trat in den Lichtschein einer Sturmlaterne, die man an einem Pfahl am Stadtrand aufgehängt hatte.

»Miller?«

Jess zügelte den Hengst. »Mein Name ist Jess Calhoun.«

Der schwerbewaffnete Wächter trat näher, griff nach dem Zügel und zog den Kopf des Pferdes etwas nach unten, als könnte er den Reiter so besser erkennen. »Was willst du hier, Calhoun?«

»Ist es verboten, in eure Stadt zu reiten?« Jess grinste dünn. »So was gibt es doch in einem Land wohl nicht, in dem alle von Freiheit reden.«

»Lass die blöden Sprüche!« Der Wächter ließ den Zügel los. »Hast du einen Reiter getroffen?«

»Nein, tut mir leid.«

Der Mann trat zur Seite. »Na bitte, wenn du dir Elk Town ansehen willst, dann lass dich nicht daran hindern. Wenn du dir allerdings einbilden solltest, du könntest hier auf eigene Faust was werden, hast du dich in den Finger geschnitten. Es ist dummes Zeug, was mitunter in Elk Town erzählt wird.«

Jess beugte sich etwas nach unten. »Ich verstehe nicht. Ich denke, hier kann man Land kaufen und siedeln?«

»Ja, das kannst du. Aber reich geworden ist nur Dobbs bisher. Wer hier ein paar Dollars verdienen will, muss deswegen für Dobbs arbeiten. Aber der hat schon genug Leute.«

»Ach so ist das.« Jess setzte sich gerade.

»Ja, so, Mister. Besser, du weißt es gleich. Noch kannst du deinen Gaul herumdrehen und verschwinden.«

»Dafür bin ich heute entschieden zu weit geritten.«

Jess tippte an den Rand seines flachen Hutes und trieb den Hengst an. Er ritt an den kümmerlichen Bretterbuden vorbei und erreichte den Saloon, jenes an eine aufgerichtete Kiste erinnernde Gebäude, das unten insgesamt vier Fenster und die Schwingtür aufwies und oben fünf. Und aus allen fiel Lichtschein. Im Saloon sang ein Mädchen mit heiserer Stimme. Rauchschwaden zogen über den Schwingflügeln wie aus einer Esse ins Freie.

Der Gesang brach ab. Männer johlten, klatschten und trampelten mit derben Stiefeln auf die Bretter. Jess sah durch eins der Fenster, wie Geldstücke auf eine kleine Bühne geworfen wurden, auf dem ein weißblondes Mädchen in einem dünnen, schwarzen Flitterkleid stand, auf das silberne Pappsterne genäht waren.

»Weitermachen!«, schrie eine keifende Stimme.

Der Münzregen versiegte. Das Mädchen sammelte die Geldstücke auf der Bühne ein.

»Weitermachen, Lulu!«, brüllte die Stimme.

Andere fielen ein.

Das Mädchen ließ den Münzensegen in einem handgroßen Leinensack verschwinden und begann erneut zu singen und mit etwas steif wirkenden Bewegungen zu tanzen.

»Suchen Sie was?« Ein großer, hagerer Mann mit langen, roten Haaren trat an den Rand des Bretter-Fußwegs.

»Entschuldigen Sie«, murmelte Jess. »Ich sah Sie nicht.« Er musterte den schmalen, drohend dreinschauenden Burschen im schwarzen Lederanzug, der wie der Wächter ein paar Hütten weiter zwei schwere Colts an den Hüften trug. Er schätzte ihn auf fünfundzwanzig.

Jess stieg ab und band das Pferd an die Zügelstange. »Ich hörte, man könnte hier Land kaufen.«

»Schwachsinn!«

»Das sagte der Wächter da vorn auch schon.« Jess deutete mit dem Daumen nach links.

»Vielleicht heuert mein Vater dich an, wenn er morgen früh gerade in Stimmung dazu ist. Aber eigentlich haben wir schon genug Leute.«

»Was zahlt er denn?«, fragte Jess, um eine möglichst echt wirkende Rolle spielen zu können.

»Das wird er dir schon sagen, wenn er dich nimmt.« Der Kerl drehte sich um und ging in den Saloon.


*


Jess tauchte unter der Zügelstange hinweg, betrat den Fußweg und ging auf die Schwingtür zu. In dem wie Nebel im Saloon stehenden Rauch sah er eine größere Anzahl Männer; schätzungsweise zwanzig, die samt und sonders auf die kleine Bühne im Hintergrund starrten.

Er schob die Flügel auseinander und ging hinein. Das Knarren der Scharniere erreichte die Ohren des ihm zunächst stehenden Mannes, den er draußen bereits sah. Der schaute über die Schulter und stieß mit dem Ellenbogen seinen vierschrötigen Nachbarn an.

Sie wandten sich beide um. Jess blickte auf den Älteren. Er mochte fünfundfünfzig sein, besaß schrankbreite Schultern, einen quadratischen Schädel und rotes Borstenhaar darauf. Sein bulliger Körper steckte in einem völlig verstaubten schwarzen Samtanzug, der auch schon bessere Tage gesehen haben musste. Die Perlmuttknöpfe waren zum Teil zerbrochen, der Samt an vielen Stellen abgeschabt und die ausgebeulten Knie fast durchgescheuert.

»Ich bin Jess Calhoun.«

Der bullige Mann verzog missmutig das Gesicht. »Hab ich euch nicht gesagt, ihr solltet keine Reklame machen, Slim?«

»So was spricht sich von selbst herum, Vater.«

Jess blickte auf den dritten Mann, der nun ebenfalls aufmerksam wurde und sich umwandte. Er glich Slim Dobbs beinahe wie ein Ei dem anderen, obwohl er zwei, vielleicht sogar drei Jahre jünger als sein Bruder sein musste.

»Hier arbeiten alle Männer für mich«, erklärte der ältere Mann barsch. »Gegen festen Lohn!«

»Tut mir leid, das wusste ich nicht«, sagte Jess der Wahrheit gemäß. »Aber Sie haben sicher nichts dagegen, wenn ich hier ein paar Stunden schlafe und mein Pferd ausruhen lasse. Es sieht aus, als würde es im Saloon Fremdenzimmer geben.«

»Und ob es die gibt!«, mischte sich der Keeper hinter dem Tresen ein. »Ist schließlich ein Teil meines Geschäfts.«

»Also in Ordnung, bleiben Sie, bis es wieder Tag ist.. Aber morgen verschwinden Sie. Und wenn Ihnen unterwegs jemand begegnet, dann sagen Sie, hier kann man nur für Lincoln Dobbs arbeiten. Der braucht aber keine Helfer mehr. Kapiert?«

»Natürlich, Mister Dobbs.«

»Gut, mein Junge.« Der bullige Mann drehte sich um.

Der Gesang des Mädchens brach ab. Neues Johlen erfüllte die Kneipe, und ein Regen vorwiegend roter Münzen prasselte über der Bühne nieder. Das Mädchen zog den Kopf ein und deckte ihn mit den Armen ab.

»Einen Whisky?«, fragte der Keeper, krempelte die heruntergerutschten Ärmel auf und stellte ein Glas vor sich.

»Ja. Mit Sodawasser, wenn es geht.«

»Es geht.« Der Mann schenkte ein.

Dobbs und seine Söhne drängten mit den anderen weiter auf die Bühne zu.

Der Keeper schob das volle Glas herüber.

»Ich würde auch etwas essen.«

»Nein, zu spät. Hab niemanden, der sich jetzt in die Küche stellen würde. Ich schaffe das nicht alles. Wollen Sie als Tellerwäscher, Gläserspüler und Mädchen für alles bleiben? Ich zahle Ihnen zehn Dollar die Woche.«

Jess lächelte säuerlich. »An einen solchen Job dachte ich eigentlich nicht.«

»Wie Sie meinen. Der Whisky und das Zimmer kosten zwei Dollar.«

Jess bezahlte. Der Keeper strich das Geld ein und wandte sich dem anderen Tresenende zu.


*


Neben Jess schob sich ein anderer Mann. Er sah das von einer Knollennase beherrschte Gesicht in den Spiegeln im Flaschenregal hinter dem Wirt. Eiskalt lief es ihm über den Rücken. Dieses Gesicht kannte er. Auch den alten Schlapphut darüber, die abgerissene Jacke mit dem aufgeschlitzten Kragen und das speckige Halstuch, das einmal rot gewesen sein musste.

»Hallo!« Das stoppelbärtige Gesicht grinste freundlich. »So, Sie wollen also Land kaufen?«

Jess nahm das Glas und trank einen Schluck. Er wusste, dass die Situation brandgefährlich werden musste, wenn Old Buck, der eigentlich Patten hieß, hier erzählte, wer er wirklich war und woher er kam. Um ungeschoren aus dem Nest gelangen zu können, wusste er bereits entschieden zuviel.

»Na und?«, fragte Jess barsch zurück.

»Ich wundere mich ja nur. Geben Sie einen aus, Fremder?«

»Nein.« Jess trank und setzte das Glas hart ab. Er dachte gar nicht daran, sich erpressen zu lassen.

Der alte Mann kicherte wieder. »Sie sind unfreundlich, Calhoun. Was wollen Sie wirklich hier?«

»Sie sind drauf und dran, sich und mich um Kopf und Kragen zu reden«, flüsterte Jess.

»Wieso?«

Jess schaute sich vorsichtig um. Das Mädchen sammelte Geld ein.

»Zugabe!«, schrie ein Mann, was von der ganzen Horde sofort begeistert aufgenommen und unterstützt wurde.

Jess zog den alten Fallensteller aus den Bergen bis an den Rand des Tresens. »Was wollen Sie eigentlich hier?«

»Das habe ich zuerst gefragt, Jess.«

»Was ich hier will, ist doch wohl klar, oder? Das sind gefährliche Halunken!«

»Siedler und Pioniere sind ein raues Volk, zugegeben. Aber nicht gefährlicher als andere Leute auch, die in der Wildnis leben.«

»Sie machen Geschäfte hier, was?«

»Ich verkaufe den Leuten Fleisch. Dadurch spare ich den weiten Weg und erziele obendrein ohne Feilschen einen besseren Preis.«

»Wie schön für Sie.«

»Eben.«

Jess trank noch einen Schluck. »Im Osten gibt es einen Farmer, der mit einer Indianerin lebte.«

»Hutton, ich weiß. Was heißt lebte?«

Jess schaute sich wieder um. »Sie wurden heute umgebracht und das Haus niedergebrannt. Vielleicht wurde der Farmer gleich beim ersten Ansturm erschossen und kam deswegen nicht aus der Hütte. Ich weiß es nicht.«

Der Fallensteller duckte sich. »Das haben Sie gesehen?«

»Ja. Es waren aber so viele, dass ich nicht eingreifen konnte.«

Patten blickte hinter sich. »Leute, die hier sind?«, flüsterte er.

»Ja.«

»Teufel noch eins. Das habe ich nicht geahnt.«

»Was hat der Mann denen hier getan?«

»Er ist ein Squawman. Für die Farmer ist das weniger als ein räudiger Hund.«

»Das kann noch kein Grund für die Bande sein, die Farm niederzubrennen und ihn und die Frau umbringen zu müssen.«

»Er machte Geschäfte mit den Kiowas. Das hat die Leute hier ziemlich aufgeregt.«

»Wann war das?«

»Vor ungefähr einem Monat. Aber ich fürchte, das war eher ein Vorwand. Wie gesagt, ein Squawman ist für die so ungefähr das Letzte auf Gottes weiter Welt. Nun muss ich mir wirklich selbst einen Whisky kaufen, was?«

»Sie machen hier gute Geschäfte, wie Sie selbst sagten.« Jess lächelte dünn.

»He, Keeper, schenk mir einen Whisky ein. Aber nicht verwässern wie bei meinem Nachbarn.«

Die beiden grinsten sich an.

Das Mädchen wurde indessen von der Bühne gehoben. Es protestierte und schlug einem der Kerle mit dem vollen Geldsack auf den Kopf, aber es vermochte sich deswegen nicht zu befreien.

»Lasst sie los!«, befahl der alte Dobbs schroff.

Da stellten die rauen Halunken das zarte Wesen auf den Boden.

»Du hast deine Sache gut gemacht, Lulu«, erklärte der Boss der Bande barsch. »Wenn du willst, dann geh schlafen. Und wenn du Unterhaltung brauchst, dann such dir einen der Jungens aus.«

»Danke, Mister Dobbs, es war Unterhaltung genug.« Lulu schritt schnell durch die Gasse, die sich von ihr bis zur Treppe bildete, stieg sie hinauf und tauchte hinter einer der Türen unter.

Die Männer schauten ihr ausnahmslos nach.

»Gefällt mir nicht, dass wir sie nur zum Ansehen haben!«, schimpfte Sean Dobbs.

»Dafür habe ich sie engagiert«, erwiderte sein Vater. »Wenn ihr was anderes von den Weibern wollt, dann reitet in die nächste Stadt. Aber kein Wort davon, woher ihr kommt und was hier abläuft. Ich jage jeden in die Hölle, der Reklame macht.«

Die Schwingtür bewegte sich. Jess schaute über die Schulter und sah den schwerbewaffneten Wächter vom Ende des Nestes eintreten.

»Nichts von Miller?« Der alte Dobbs trat dem Halunken entgegen.

»Nein, Boss.«

»Verdammt, was kann da passiert sein?«, stieß Sean Dobbs hervor.

»Der Squawman lebte vielleicht noch und hat auf ihn gewartet«, sagte der Bandenführer gedehnt.

Old Buck trat aufgeregt von einem Bein aufs andere, und Jess ärgerte es, ihm erzählt zu haben, was geschah. Wenn sie irgendwie darauf kamen, dass er den Mann erschoss, auf den sie warteten, durfte er nicht hoffen, die Kneipe lebend verlassen zu können.

Der Blick des klotzigen Dobbs traf ihn. Durchbohrend blickten die stechenden Augen ihn an, als wollten sie die Tiefe seiner Seele erforschen.

»Ich sagte Ihrem Wächter schon, dass ich unterwegs niemanden sah«, erklärte Jess.

»Ja, stimmt, Boss.«

»Es gefällt mir nicht, wenn Fremde hier herumschnüffeln!«

»So ähnlich drückte sich Ihr Wächter auch bereits aus. Worum geht es denn eigentlich?«

»Ein Mann ist verschwunden«, half Old Buck weiter. »Wie eben Männer in der Wildnis manchmal verschwinden. Die einen spurlos und für immer, andere nur vorübergehend.«

Jess wusste, dass der alte Patten ihm aus der Patsche helfen und Dobbs Wut abkühlen wollte, und er war ihm dankbar dafür.

»Tut mir ehrlich leid. „Vielleicht kommt Ihr Mann morgen zurück.«

Dobbs wandte sich dem Tresen zu.

Draußen schnaubte ein Pferd, was aber außer Jess niemand zu hören schien. Ihn kümmerte es auch nicht. Er trank und überlegte, ob es nicht ratsamer war, wenn er sich klammheimlich verdrückte, auf sein Pferd stieg und wegritt, zumal jetzt offenbar kein Wächter mehr hinter den Hütten lauerte. Er wusste genug, um die ganze Bande auffliegen zu lassen. Sie waren eiskalte Mörder, die nicht fackelten, wenn ihnen etwas nicht in den Kram passte.


*


Die Schwingtür wurde heftig aufgestoßen. Jess sah zuerst den Lauf einer Sharps 52, dann einen über fünfzig Jahre alten Mann mit angegrauten schwarzen Haaren, einem Schnauzbart und breiten Schultern. Er trug derbe, alte Kleidung und einen hohen, verschwitzten Hut auf dem Kopf. Finster blickte er auf die Horde, hob die Waffe an und spannte den Hammer.

Sie wurden erst aufmerksam, als sich das Gewehr mit einem Dröhnen entlud.

Sean Dobbs wurde in die Stirn getroffen und brach zusammen.

Die Kerle brüllten durcheinander und griffen nach den Waffen.

»Ihr Schweine habt Shita getötet!« Der Farmer schleuderte der Horde das Gewehr entgegen, riss den Colt hinter dem Gürtel hervor und schlug ihn an.

Da bekam Jess von Old Bück einen Stoß und glitt um die Kante des Tresens.

Colts entluden sich. Getroffen taumelte der Mann an der Tür. Er schoss auf die anderen, floh nach draußen und schoss noch durch die Tür, bis sein Revolver leer war.

Als sie hinterher stürmten, saß der Mann draußen schon auf seinem Pferd. Er hatte auch Jess Hengst vorher losgebunden und trat ihm nach der Hinterhand, bevor er selbst die Flucht ergriff.

Sie rannten auf die Straße und feuerten hinter ihm her. Wummernd hallte das Knattern durch die Berge und stürzte von den Hängen hundertfach auf das Nest zurück.

Als die Waffen schwiegen, stoben die Pferde am Ende des Canyons unsichtbar über das Gestein.

Dobbs kniete bei seinem erschossenen Sohn. Slim, der ältere der Brüder, stand auf der anderen Seite und zitterte in der Aufregung, die ihn gepackt hielt.

»Er hat Miller umgebracht und nun auch noch Sean«, sagte jemand. »Dafür dürfen wir ihn nicht einfach abknallen, Boss. Dafür hängen wir ihn auf!«

»Sucht ihn und bringt ihn her!«, bellte der Anführer der Halunken.

Bis auf Dobbs und dessen Sohn, stürzten sie alle nach draußen.

»Holt die Pferde!«, befahl jemand.

Der Keeper trat wieder ein. »Was so ein Strohkopf für Schwierigkeiten machen kann! Kaum zu fassen.«

»Kann ich noch einen Whisky haben?«

Der hemdsärmlige Mann blieb stehen. »Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, dann laufen Sie Ihrem Pferd nach und verschwinden Sie.«

»Genau meine Meinung!« Old Buck nickte. »Das hier ist nichts für einen Fremden.«

Draußen wurde es wieder laut. Die ersten Reiter sprengten vor dem Saloon vorbei.

»Noch ist nichts passiert, was gegen das Gesetz verstößt«, murmelte der Fallensteller. »Wenn sich das ändert, sind wir beide gefährliche Mitwisser.«

Jess blickte dem Keeper nach, der sich entfernte. »Nichts passiert?«, fragte er leise.

»Nein.«

»Und die Frau?«

»Das war nur eine Indianerin, Calhoun. Nicht das, was nach den Maßstäben unserer Richter ein schützenswerter Mensch ist. Und der Farmer hat zuerst geschossen. Gegen den kann Dobbs den Spieß mit Leichtigkeit umdrehen, ob der bei einer Untersuchung noch lebt oder nicht. Es gibt bald zwei Dutzend Zeugen, die sahen, dass Hutton zuerst schoss. Wir zwei gehören auch dazu.«

Jess nickte. Was blieb, war der Überfall auf eine Farm, die sie niederbrannten. Das würde Dobbs, wenn es hart auf hart ging, als reine Sachbeschädigung abtun, bei der er selbst nicht einmal dabei und seine Leute betrunken waren. Eine Sache, die sich mit Geld regeln ließ, falls es später noch jemanden gab, der Ansprüche geltend machen konnte.

»Verdrücken Sie sich!«, zischte Old Buck.

Dobbs und sein Sohn standen noch wie abwesend bei dem Toten.

Jess zog sich zurück. Auch wenn er nicht soviel in der Hand hielt, wie es ihm vor zwei Minuten noch erschien, war es doch besser, er kehrte um, um seinem Vater, Colonel Amos Calhoun Bericht zu erstatten. Mehr konnte er von sich aus nicht tun.

Rückwärts gehend erreichte er die Tür. Niemand schaute zu ihm, ausgenommen das weißblonde, bleiche Mädchen, das wieder aus seinem Zimmer kam und oben an der Brüstung der Galerie stand. Nackte Angst wetterleuchtete in Lulus Augen.

Jess ließ die Türflügel langsam und fast lautlos zurückgleiten, überquerte den knarrenden Bretterfußweg und trat auf die Straße hinunter.

Der Hengst stand unter der Sturmlaterne neben der letzten Hütte und schnaubte leise, als Jess sich näherte. Er zog den Sattelgurt nach, saß auf und ritt in den Canyon hinein, der nach Süden aus dem Tal führte.


*


Jess zügelte den Hengst und lauschte mit angehaltenem Atem in die Nacht hinaus.

Hufschlag drang an seine Ohren.

Er sprang aus dem Sattel und zog das Pferd rasch in eine der zahlreichen Spalten in den senkrechten morschen Wänden.

Schnell näherten sich die Reiter.

Jess ließ das Pferd nach ein paar Yards stehen und kehrte in die Nähe des Hohlwegs zurück.

»Der Boss wird schön sauer sein, dass uns der Strohkopf durch die Lappen ging«, sagte jemand.

»Der wird uns anzeigen«, sagte ein anderer Reiter. »Womöglich direkt bei den Texas Rangers.«

»Wegen einer Squaw?« Spöttisches Gelächter folgte den Worten.

Die Reiter tauchten auf. Jess sah sie zwar nur schemenhaft, glaubte aber sicher, dass es sich um die ganze Bande handelte. Sie ritten vorbei und entfernten sich.

Jess wartete, bis er keinen Hufschlag mehr hörte, dann kehrte er zu dem Hengst zurück, drängte ihn rückwärts mühsam aus dem langen Spalt hinaus, saß auf und ritt weiter.

Auf der Höhe wechselte er in einen nach Osten führenden Weg. Jess Calhoun ritt in einen kleinen Horst verkrüppelter Kiefern. Zwischen dem winterharten Nadelholz saß er ab, um den Morgen abzuwarten. Die Bande fürchtete er nicht mehr. Denen würde der Misserfolg und Seans Tod sicher erst einmal reichen.

Jess sattelte den Hengst ab, breitete seine Campdecke zwischen den Bäumen aus, legte den Sattel als Kopfkissen zurecht und nahm den Proviant aus der Ledertasche. Er legte sich nieder und dachte sein ganzes Erlebnis noch einmal durch. Es würde kein Gesetz geben, dass es Dobbs und seinen Männern untersagte, da oben in Bretterhütten zu hausen, auch wenn es tausendmal ein Gebiet war, das man hoch und heilig den Indianern zusagte.


*


Jess erwachte vom warnenden Schnauben des Pferdes, setzte sich und zog den Colt.

Ein Reiter näherte sich von den Bergen dem kleinen Gehölz. Jess stand auf und trat an den Saum des Waldes.

»Old Buck«, murmelte er, schob den Colt in die Halfter und trat aus der Deckung.

»Hallo, Jess!« Der Jäger sah kein bisschen überrascht aus. »Hab deine Spuren im Morgengrauen gefunden. Reiner Zufall. Da dacht ich, siehst doch mal nach, ob er abhaut, oder erst noch mal anhält, um den armen Gaul zu schonen.« Der Alte lachte kichernd und hielt an.

Sonnenstrahlen vergoldeten bereits die grauen Gipfel, unter denen die letzten Nebelfetzen in der zunehmenden Wärme aufgelöst wurden.

»Die Kerle kamen unverrichteter Dinge zurück.« Old Buck stieg ab.

»Ich weiß, sah sie unterwegs, als sie gerade darüber sprachen.«

»Der alte Dobbs hat sie ziemlich zur Schnecke gemacht.« Patten führte sein Pferd in den Wald.

Jess wandte sich um und kehrte zu seinem Lager zurück.

Der alte Jäger ließ das Tier los, zog geräucherten Schinken und Brot aus der Tasche, setzte sich und begann zu teilen, was er besaß.

»Verdammte Lumpen sind das, die hier wild siedeln. Ich muss nicht weit reiten, um etwas absetzen zu können und keine langen Reden halten. Sie reißen mir aus den Pfoten, was ich nach Elk Town schleppe.«

»Das hast du alles schon mal erzählt.« Jess setzte sich neben den Mann, griff nach Brot und Schinken und aß.

»Ich will dir doch nur erklären, in welchem Zwiespalt ich mich befinde, Jess, mein Junge.«

»Verstehe schon.«

Kauend schaute der Fallensteller sich um. »Hast du Hutton gefunden?«

»Nein.«

»Der muss irgendwo liegen. Ausgeschlossen, dass er mit seinen Verletzungen weit kam.«

»Vielleicht konnte er seine Farm erreichen.«

»Das wäre möglich. Wir müssen uns darum kümmern. Die Bande haben wir im Augenblick nicht zu befürchten. Lincoln Dobbs beerdigt einen seiner Söhne. Wenn ich es richtig einschätze, missrät ihm das zu einem schaurigen Fest.«

Jess schob sich das letzte Stück Brot und den Rest des Schinkens in den Mund. »Eigentlich wollte ich nach Austin zurückkehren.«

»Und dem Colonel, deinem Vater Bericht erstatten.« Der alte Trapper grinste.

Jess starrte ihn verwundert an. »Du weißt... .?«

»Dass du ein Texas Ranger bist? Aber sicher, mein Junge. Aber was glaubst du, wird Colonel dann tun?«

»Vermutlich explodieren vor Wut.«

»Bravo!« Old Buck klatschte die Hände zusammen. »Du denkst einen Gedanken bis zur letzten Konsequenz zu Ende. Folgerichtig und logisch. Das ist stark für einen jungen Mann. Also wirst du es sein lassen, jetzt schon die Flinte ins Korn zu werfen.«

»Hast du Angst, mit den Fleischlieferungen an diese Banditen könnte es bald aus sein?«

»Ich schlage mich schon durch.« Der Trapper erhob sich und kehrte zu seinem Pferd zurück.

Jess folgte seinem Beispiel, hob den Sattel auf, legte ihn dem Hengst auf und schnallte ihn fest. Danach rollte er die Campdecke zusammen und befestigte sie hinter dem Sattel.

»Morgen werden sie wieder nach Hutton suchen. Heute jubeln sie Sean in die Hölle.«

Sie saßen auf und ritten durch den Wald.

»Etwas Neues weiß ich aber doch, mein Junge. Der alte Dobbs hat eine Prämie von fünfhundert Dollar auf Huttons Kopf ausgesetzt. Noch mehr will er zahlen, wenn er den Farmer lebend bekommt.«

»Hat er das zu dir gesagt?«

»Extra zu mir.«

»Und wieviel, wenn Hutton noch lebt?«

»Das hat er nicht mit gesagt. Einfach mehr als fünfhundert Bucks. Ist ja auch eine Stange Geld? Ich glaube, soviel verdiene ich im ganzen Jahr nicht.«

Jess blickte ihn scharf an, aber der Trapper grinste.

»Keine Sorge, die will ich mir nicht verdienen.«

»Hoffentlich nicht, Old Buck.«


*


Mit lautem Flügelschlag und heftigem Krächzen stiegen ein paar Geier vor der verbrannten Hütte in den Himmel. In den Dunstschwaden unter der fahlgrünen Hitze verschleudernden Sonne, beschrieben sie schimpfend Kreise.

Jess und der Fallensteller ritten am Maisfeld vorbei. Jess strebte dem noch stehenden Schuppen entgegen, saß ab, öffnete das sich knarrend bewegende Tor und schaute in das Dunkel dahinter.

Eine Ratte verschwand quietschend im Stroh vor einem alten, flachen Wagen. Ein paar Kisten und zwei rostige Fässer standen herum, im Hintergrund der Pflug und ein paar einfache Arbeitsgeräte. Sielen, ein Kumet und Ketten hingen an langen, rostigen Nägeln.

»Hutton?« Jess ließ den Zügel los und betrat das fahle Dunkel. Das Stroh raschelte unter seinen Stiefeln. Er schaute sich überall um. Hier und da räumte er das Stroh zur Seite, um den Sand darunter zu sehen. Als er um den Wagen herumkam, stand Old Buck an der Tür.

»Und?«

»Hier ist er nicht.«

Der Fallensteller führte die Pferde herein. »So, jetzt gibt es ein bisschen Schatten und in zehn Minuten auch was zu saufen. Wenn ihr euch abgekühlt habt.«

»Irgendwo muss Hutton geblieben sein. Ob er zu den Indianern ist, um deren Hilfe zu erbitten.«

Der Fallensteller wirbelte herum und starrte Calhoun entsetzt an. »Das ist doch unvorstellbar.«

»Warum?«

»Ein Weißer wird doch nicht die Kiowas gegen seine eigene Rasse losschicken.«

»Vielleicht sieht man das in Huttons Lage ganz anders als in deiner, alter Freund.«

Patten kratzte sich am Kinn. »Na ja, möglich ist das ja schon. Hängt wohl auch davon ab, wie tief der Schock über so ein Verbrechen sitzt. Aber Hutton ist ein sturer Schädel. Das hast du daran sehen können, dass er sein Gewehr nahm und in das Nest ritt, nachdem er das hier fand. Der regelt seine Dinge allein, ob er das kann oder nicht.«

Jess drehte sich um, holte eine Hacke und eine Schaufel, gab die Schaufel an Old Buck weiter und ging hinaus. »Wir werden jetzt erst mal die beiden Toten beerdigen.«

»Komisch, dass Dobbs den toten Kumpan nicht mitnahm«, murmelte der Fallensteller. »Die waren doch während der Nacht bestimmt noch mal hier, um nach Hutton zu suchen.«

»Das ist nicht sicher.« Jess ging hinter das Haus und hackte den harten Boden auf. Der alte Fallensteller half ihm das Grab auszuheben und vergaß, dass er die Pferde tränken wollte.

Der Schatten des Schuppens wurde rasch kürzer. Die beiden Männer schwitzten so sehr, dass ihnen die karierten Hemden schon nach wenigen Minuten zwischen den Schulterblättern auf der Haut klebten. Aber sie hielten nicht inne, bis das Grab tief genug war und auch die Breite für zwei Tote besaß.

»Komisch«, brummte der Fallensteller.

Jess Calhoun stieg aus dem Loch. »Was?«

»Wir legen sie in eine Grube, obwohl sie spinnefeind waren. Nein, das geht nicht, mein Junge. Ich hole eine Planke. Die legen wir zwischen sie. Als Wand sozusagen.

Old Buck warf seine Schaufel auf den Boden und lief um den Schuppen herum.

Jess wartete. Patten brachte ein breites, rohes Brett und die Handsäge des Farmers.

»Halt mal hinten fest!« Old Buck nahm das vordere Stück der Planke aufs Knie.

Jess hielt hinten fest. Während der Fallensteller das Brett in die richtige Länge sägte, beobachtete der Texas Ranger die Hügel im Westen, über denen die Luft in der Hitze so stark flimmerte, dass es schien, als würden die Büsche darauf und die grauen Felswände dahinter ständig in Bewegung sein.

»So, das müsste gehen.«

Jess ließ das Brett los. Patten stieg in das Grab und teilte es in der Mitte. Sie holten die von den Geiern schon böse zugerichteten Toten, legten sie in das Loch im Boden und schaufelten es zu. Jess schlug den flachen Grabhügel fest. Der Fallensteller ging in den Schuppen, führte nun endlich die Pferde heraus und tränkte sie beim Brunnen.

Jess brachte Säge, Hacke und Schaufel in das stehengebliebene Gebäude zurück.

»Hutton war nicht mehr hier«, sagte der Trapper. »Er hätte Shita sonst beerdigt. Also hat er es vermutlich nicht soweit geschafft.«

Jess blickte erneut in die flimmernde Luftspiegelung im Westen, die das Buschwerk, die Hügel und die Felsen verzerrte.

»Er muss deswegen nicht tot sein«, fuhr der Jäger fort. »Kann sich irgendwo verkrochen haben und braucht vielleicht dringend Hilfe.«

»Du willst, dass wir umkehren, was?«

»Ich nehme an, dazu sind wir verpflichtet, mein Junge. Damit wir uns später nicht selbst mal Vorwürfe machen müssen.«

Jess war noch unentschlossen, weil er eigentlich nach Austin zurückkehren wollte, obwohl er gegen die Bande in den Bergen praktisch nichts in den Händen hielt. Und während er noch auf die Hügel blickte, meinte er, in den Dunstschleiern eine Bewegung zu erkennen. Als würde dort etwas emporsteigen. Zugleich hörte er ein fernes Raunen, als wäre Wind aufgesprungen.

Er nahm sein Pferd am Zügel und führte es zum angrenzenden Maisfeld. »Reiter!«

Old Buck drehte sich um und kniff die Augen zusammen. »Ausgeschlossen. Die feiern ein Totenfest.«

Jess drängte sein Pferd ins Maisfeld. »Los, weg hier!«

»Du irrst dich be ...« Patten brach mitten im Satz ab und zog den Kopf ein.

Verzerrte Reitergestalten erschienen plötzlich auf einer flachen Hügelkuppe und parierten die Pferde.

»Verdammt«, murmelte der alte Mann, der noch bei der Tränke verharrte und von den anderen gesehen werden musste. »Können die dich sehen?«

»Unmöglich.«

»Dann zieh dich weiter zurück. Von mir wissen die nicht, dass ich gegen sie arbeite. Dich murksen sie ab, wenn du ihnen hier in die Hände fällst.«

Jess konnte die Reiter ebenfalls sehen und wartete noch, ob sie tatsächlich zu der halb vernichteten Farm weiterreiten würden.

»Kannst du sie zählen, mein Junge?«

»Ein rundes Dutzend«, sagte Jess.

»Gegen so viele nimmt man den Kampf nur auf, wenn man anders gar kein Land mehr sieht. Zum Teufel, der alte Dobbs scheint die Beerdigung im engsten Familienkreis zu begehen.«

»Noch nicht mal das«, erwiderte Jess.

»Wieso?«

»Sein Sohn Slim ist dabei. Siehst du nicht sein rotes Haar? Es sieht aus, als würde es brennen.«

»Meine Augen sind offenbar doch nicht mehr die besten.«

Die Reiter setzten ihre Pferde wieder in Bewegung und sprengten die Hügelflanke herunter und der Farm entgegen.

»Gott stehe uns bei«, murmelte Old Buck.

Jess sah auch keine bessere Chance, als den Rückzug anzutreten. Nur wenn es ihnen gelang, die Bande zu täuschen, durften sie hoffen, noch einmal ungeschoren davonzukommen. Er drängte das Pferd langsam tiefer ins Maisfeld, bis er zurückschauend den Mann an der Tränke nicht mehr sah.

Der Hufschlag brauste über das Feld hinweg. Staubschwaden zogen unter der fahlgrünen Sonne dahin.

Jess hielt dem Hengst die Nüstern zu.

Vor dem niedergebrannten Farmhaus verklang das Dröhnen. Die Pferde der Halunken schnaubten.

»Was machst du denn hier, Alter?«, fragte Slim Dobbs.

»Hab versucht, mir die fünfhundert Bucks zu verdienen, was sonst«, entgegnete der Fallensteller.

»Hat mein alter Herr dir die Prämie angeboten, wenn du ihm den Farmer lebend bringst?«

»Was denn sonst. Und einer wie ich kann einen warmen Regen immer gut gebrauchen. Könnte meine Fallen und das Wild in den Bergen vergessen, wenn ich den Zaster hätte. Könnte mich sozusagen zur Ruhe setzen.« Old Buck kicherte.

»Wo sind die Leichen?«

»Hab sie hinter dem Schuppen beerdigt.«

»Allein?«

Jess hielt den Atem an.

»Wer sollte mir geholfen haben?«, fragte der Fallensteller.

»Beide in einem Grab?«, fragte ein anderer Reiter.

»Zwei auszuheben, war mir zuviel. Tut mir leid, Mister. Aber ich habe ein Brett zwischen die Squaw und deinen Freund geklemmt. Damit sie sich nicht berühren.«

»Und der Strohkopf?«, fragte Slim Dobbs barsch.

»Den hab ich nicht gesehen. Der hat sich hier wohl auch nicht blicken lassen.«

»Woher willst du das wissen?«

»Soviel ich weiß, hat er sie sehr geliebt. Hätte sie kaum für die Geier liegengelassen.«

»Da ist was dran«, sagte der dritte Mann wieder.

»Wir sehen uns trotzdem mal um!«

Sattelleder knarrte.

Jess zog den Colt und spannte den Hammer. Die Waffe lag schwer in seiner Hand. Er hörte die Schuppentür knarren. Slim Dobbs gab Befehle. Die trockenen Maisstauden raschelten.

»Der ist bestimmt nicht hier«, sagte Old Buck beinahe schon flehend. »Bestimmt hätte er sie nicht für die Aasfresser liegen gelassen. Ich kenne den doch seit vielen Jahren.«

Das Rascheln näherte sich. Jess Faust schloss sich fester um den Revolverkolben. Schon meinte er, sehen zu können, wie sich die Stauden bewegten.

»Hier ist niemand!«, schallte es von irgendwo über das ganze Anwesen hinweg.

Der suchende Mann im Feld schien sich nach Osten zu bewegen.

»Ich sagte euch doch, dass er nicht hier sein kann«, meldete sich Old Buck erneut.

Ein Pfiff erschallte.

»Zurück!«, befahl Dobbs.

Das Rascheln entfernte sich. Jess ließ die Hand mit dem Colt sinken. Schweiß rann ihm über das Gesicht, den Hals und den Rücken.

»Wer weiß, ob er noch lebt«, sagte der Fallensteller bei der Tränke. »Ihr habt ihm doch mehrere Kugeln verpasst.«

»Aufsitzen!«, befahl Dobbs.

Abermals knarrte Sattelleder. Ein neues Kommando erschallte, dann donnerte Hufschlag über das Feld. Eine zweite Staubwolke versuchte den Himmel zu verdunkeln. Die Reiter entfernten sich.

Jess schob den Revolver in die Halfter und führte sein Pferd an den Rand des Hofes zurück.

Old Buck stand noch am gleichen Fleck, hielt den Schlapphut in der Hand und wischte mit dem speckigen Halstuch das Gesicht ab. »Mir war es so heiß, als stünde ich schon im Fegefeuer, mein Junge.«

Jess sah die Reiter nach Norden galoppieren.

»Die denken wirklich, ich wollte mir das schnöde Kopfgeld verdienen!« Der Trapper fluchte grimmig. »Sehe ich wirklich so schlecht aus?«

»Nur den wenigsten Menschen sieht man an, ob sie gut oder schlecht sind, Old Buck. Das hat also nichts zu bedeuten.«

Der alte Mann fluchte wieder. »Da wird man in was hineingezogen, womit man wirklich nichts zu tun hat. Soll ich dir sagen, was jetzt passiert?«

Jess schaute den Trapper nur an.

Patten wischte sich wieder das Gesicht ab und stülpte den Schlapphut auf das dürftige Haar. »Ich kehre zu meiner Hütte in den Bergen zurück und lasse mich ein paar Wochen lang nicht mehr sehen. Wenn Hutton unbedingt eine Indianerin haben musste, ist das seine Sache. Was geht mich das eigentlich an?«

Jess schaute den Mann nur an, obwohl er ihm ansah, dass er auf eine Antwort wartete.

»Sag was!«, schimpfte Old Buck.

»Was willst du hören?«

»Sag mir, dass es uns beide nichts angeht!«

»Es geht uns nichts an. Der Farmer ist selbst schuld, wenn er was tut, was anderen missfällt.«

Der Trapper kniff die Augen zusammen. »Verdammt, du leierst das herunter, als wolltest du mich auf den Arm nehmen!«

»Ich habe gesagt, was du hören wolltest, alter Mann. Nun schwing dich schon in den Sattel, damit du deine Hütte heute noch erreichst.«

Pattens Flüche wurden immer lauter und deftiger. Und auf einmal saß er tatsächlich auf dem Pferd, lenkte es nach Westen und gab ihm die Sporen.

»Armer alter Mann«, murmelte Jess.

Staub trieb ihm entgegen. Old Buck blickte nicht mehr hinter sich. Die Staubwand ließ ihn unsichtbar werden. Nur der Hufschlag verriet noch, dass er nicht mehr anderen Sinnes wurde.

Jess zog sich den flachen Hut in die Stirn, blickte auf sein völlig verstaubtes Hemd, auf die alte Levishose und die Texasstiefel an den Füßen.

Da stand er nun, hatte keine Ahnung, wo er den Farmer Hutton finden könnte, ob der überhaupt noch lebte und wie er außerdem einen Weg finden sollte, dem Spuk ein Ende zu bereiten, um den Kampf mit den Kiowas auszuweichen.

Er zog den Sattelgurt nach und stieg auf, ohne sich dessen richtig klar zu werden. Und auf einmal befand er sich selbst wieder unterwegs; ritt er den Bergen entgegen.

Die Sonnenglut drückte auf Jess Calhouns Schultern. Er würde nun gezielt nach einem Mann suchen, den er nur einmal richtig sah. Im Saloon von Elk Town. Er würde nach einem Farmer suchen, den er früher nur vom Hörensagen kannte, und das sicher auch nur, weil er mit einer Indianerin zusammenlebte, wofür kaum ein Weißer Verständnis aufbrachte.


*


Das Heulen eines Wolfes schallte klagend durch das Bergtal und hallte aus dem Hangwald im Westen zurück. Leise plätscherte der Bach in der Senke.

Jess Calhoun zügelte den Hengst dort, wo sich der Hohlweg öffnete. Er hielt das Gewehr in der Hand und drückte den Kolben mit dem Ellenbogen gegen die Hüfte. Sein Blick glitt durch das friedlich erscheinende Tal, auf dem silbernes Mondlicht lag. Die Felswände glitzerten, als wäre hier Gold zu finden. Drohend schwarz hingegen nahm sich die Waldgrenze aus, so, als stünde dort eine finstere Wand.

Der Wolf heulte abermals. Und plötzlich wieherte ein Pferd, sprengte aus dem Dunkel heraus und dem Bach in der Senke entgegen.

Der Hengst schnaubte und schlug mit einem Huf hart auf das Gestein. Jess Hand schloss sich um den Kolbenhals des Mehrladegewehres.

Mit einem weiten Satz sprang das fremde Pferd über den Bach hinweg, erreichte zwanzig Yards links von Jess die senkrecht emporwachsende Felswand und verharrte dort. Es trug einen Sattel. Ein Gewehr steckte im Scabbard. Jess erkannte es an dem Schimmern der Kolbenplatte im fahlen Silberlicht.

Danach stellte sich neue Stille ein. Erst eine volle Minute später meldete sich der einsam umherstreifende Wolf abermals. Dann jedoch aus so großer Entfernung, dass das Pferd nicht wieder vor dem schaurigen Ton floh.

Jess behielt den Waldsaum im Auge und wartete darauf, dass von dort jemand käme, um dem geflohenen Pferd zu folgen. Er dachte dabei zwangsläufig an den verschollenen Farmer, den er noch immer vergebens suchte. Denn sonst befand sich kaum jemand allein unterwegs, schon gar nicht von der Dobbs-Bande.

Doch nichts geschah. Ein Nachtvogel strich über die Kiefern, schwang sich höher und schwebte zwischen zwei Felszacken davon.

»Dann wollen wir mal nachsehen.« Jess schnalzte mit der Zunge, lenkte den Hengst zu dem fremden Pferd hinüber, nahm den Zügel auf und zog das Tier mit sich. Er überquerte den Bach und erreichte den Wald da, wo er das fliehende Tier auftauchen sah.

Calhoun saß ab, ließ die Pferde im Schatten der Bäume zurück und drang in das Gehölz ein. Herumliegende Äste und vertrocknetes Buschwerk brachen mit lauten Geräuschen unter seinen Texasstiefeln. Gespenstisch schallte das Echo von allen Seiten aus der tiefen Finsternis zurück.

Jess blieb stehen und lauschte. Als er nichts hörte, lief er weiter und verharrte eine Minute später abermals.

Wieder nichts. Er lief nach links und erreichte eine kleine Lichtung, auf die der Mondschein fiel. Im Schutz der Bäume blieb er stehen und schaute auf das bläulich schimmernde Gras.

Da drang rechts von ihm ein Stöhnen durch die Nacht.

Jess wirbelte herum und sah eine Gestalt aus dem Schutz der Bäume rollen. Mit wenigen Schritten stand er neben dem Mann und erkannte das verzerrte Gesicht als das von Hutton. Das graue Leinenhemd des Mannes wies an den Ärmeln und der rechten Hüfte dunkle Flecken auf und klebte da auf der Haut.

Jess ging in die Hocke.

»Wer bist du?«, flüsterte der Liegende mühsam.

»Texas Ranger Jess Calhoun.«

Der Farmer stöhnte wieder, sammelte Kraft und sagte: »Sie haben meine ... meine ...«

»Ich weiß, Hutton.«

»Du weißt es?«, staunte der Verletzte.

»Ich war in Elk Town Zeuge, wie Sie Sean Dobbs erschossen haben und die Bande Sie beinahe erledigte. Und ich weiß auch das andere. Es ist jetzt nicht die Stunde, darüber zu reden.« Jess wälzte den wieder stöhnenden Mann auf die Seite, weil er sehen wollte, ob sie ihn auch im Rücken erwischten.

Das war nicht der Fall. Nur die Hüfte schien schwer verletzt zu sein. Und Hutton stieß einen Schrei aus, als Jess ihn zurücksinken ließ,

»Sie haben viel Blut verloren, Hutton. Was Sie brauchen, ist Pflege, gutes Essen und Ruhe. Aber bis zur Ranch ist es viel zu weit.«

»Sean Dobbs ist tot?«

»Ja.«

»Wenigstens einer ... der ... Halunken!«

Jess richtete sich auf und schaute über die kleine Lichtung. Der Farmer musste hier aus dem Sattel gestürzt sein, und das lag vermutlich zwanzig Stunden oder länger zurück. Das Tier hatte ihn nach Süden getragen. In eine Richtung, die niemand vermutete.

»Wasser!«, stöhnte der Farmer.

Jess holte die eine Flasche, in der er noch etwas kalten Tee haben musste. Erneut kniete er neben den Verletzten hielt ihm den Kopf etwas hoch und flößte ihm den Teerest ein.

»Wissen Sie, wo der Jäger Patten haust?« Jess ließ den Kopf des Verletzten zurücksinken.

»Dieser Halunke treibt ... treibt Handel mit ...« Hutton kam nicht weiter.

»Ich weiß. Wo haust er?«

»Hinter dem Elk Mount. In einem kleinen ... Tal.«

Jess erhob sich. »Das kann nicht weit sein. Bis dahin schaffen Sie es vielleicht, bevor Sie verbluten.«

Er kehrte zu den Pferden zurück, hängte die Flasche ans Sattelhorn und führte die Tiere zu Hutton. Als er den Mann aufhob, schrie dieser und hätte sicher um sich geschlagen, wäre er dazu noch in der Lage gewesen. Jess lehnte ihn gegen seinen Sattel.

»Sammeln Sie Kraft, Hutton. Sie müssen es irgendwie aufs Pferd schaffen!«

»Diese Schweine.« Huttons Stirn sank gegen das harte Sattelleder.

»Los, versuchen Sie, das linke Bein in den Steigbügel zu bringen, Hutton!« Jess bückte sich, ergriff den Stiefel des Mannes und half ihm. Dann schob er den Farmer auf das Pferd. »Festhalten, Hutton!«

Stöhnend sank die Gestalt auf den Pferdehals.

Jess schwang sich in den Sattel, lenkte den Hengst dicht neben das Wagenpferd, das vermutlich Huttons einziges Arbeitstier war, nahm den Zügel und blickte auf den Mann neben sich, um ihn schnell festhalten zu können, wenn er zu stürzen drohte.

Jess Calhoun schlug den Weg nach Westen ein, ritt durch den Wald, einen Canyon hinunter und einen kahlen Hohlweg wieder hinauf. Mehrmals musste er zu Hutton hinübergreifen, wenn der im Sattel zur Seite rutschte. Jedesmal geschah es rechtzeitig.

Als er durch einen Felsenkessel mit weit überhängenden Steilwänden ritt, lag der Farmer mit nach unten hängenden Armen wie leblos auf seinem Pferd.

»Hutton?«

Ein Ächzen war die Antwort.

»Ein Glück, Sie leben ja noch.« Jess sprang ab.

Das Pferd Huttons bewegte sich. Der Mann glitt ab. Jess konnte ihn gerade noch auffangen und auf den Steinboden sinken lassen. Huttons Gesicht sah weiß und spitz aus und die Augen lagen von schwarzen Rändern umgeben tief in den Höhlen.

Weit mussten sie nicht mehr reiten, um die Hütte des Fallenstellers zu erreichen. Aber vielleicht war es trotzdem zu weit für den schwergeprüften Mann. Er schleppte ihn zu einer der Höhlen, holte das Pferd, sattelte es ab und legte für den Verletzten die Decke und den Sattel zurecht. Er wälzte den Mann darauf, richtete sich auf und führte das Pferd tiefer in die geräumige Höhle hinein. Als er zurückkehrte, erkannte er das fiebrige Glimmen in den Augen des anderen.

»Ich werde die Hütte sicher finden, Hutton. In spätestens einer Stunde bin ich mit Old Buck zurück.«

»Shi... Shita ich ...« Hutton brach ab.

Jess beugte sich weiter hinunter. Der Verletzte verstand nicht mehr, was ihm gesagt wurde. Weit weg von der Wirklichkeit verstrickten sich seine Gedanken in irgendwelchen imaginären Wunschvorstellungen. Seine Lippen zuckten. »Was ... Wasser!«

»Ich bringe Wasser mit. Wir haben nichts mehr.« Jess richtete sich auf und verließ die Höhle. Er stieg in den Sattel, durchquerte das kleine, von hoch aufgetürmten Felsen eingeschlossene Tal und ritt weiter nach Westen.


*


Die Hütte stand an einem Creek in einem weiten Tal. Rechts und links der wurmstichigen Bude erhoben sich hohe Douglasfichten.

Im Mondschein konnte Jess das Anwesen über den Creek hinweg ziemlich gut erkennen. Die Hütte war aus den dürren Stämmen der Krüppelkiefern zusammengenagelt. Ein paar Löcher in der Wand deckten Felle ab. Hinter dem Fensterloch hing eine Büffelhaut, weil es keine Scheibe gab. Auf dem Dach lag Felsgestein zur Beschwerung.

Neben dem Anbau wurde ein Gewehr repetiert. »Bist du das, Jess?«

»Ja, Old Buck.«

»Geh zum Teufel, wenn du immer noch das gleiche von mir willst!« Der Mann verließ die Deckung, die er unbemerkt von Jess von hinten aus betrat.

»Wann hast du mich denn bemerkt?«

»Als du ins Tal kamst, mein Junge. Ich bemerke jeden. Höre sozusagen das Gras wachsen.«

»Und ich fand Hutton.«

Old Buck lief durch den nur einen Fuß tiefen Creek und trat neben das Pferd.

»Eigentlich wollte ich ihn hierher bringen.«

»Hierher? Bist du von allen guten Geistern verlassen?«

Jess stieg ab. »Bis zur Ranch ist es zu weit für ihn gewesen. Aber hierher auch. Wir können in zwanzig Minuten bei ihm sein.«

»Du hast nicht zugehört, als ich dir sagte, was ich vorhabe, was, zum Teufel?«

»Du willst den Kopf in den Sand stecken.« Jess lächelte. »Kannst du natürlich tun. Aber wenn Hutton keiner hilft, geht er über den Jordan. Das ist so sicher wie das Amen vom Prediger.«

»Immer soll man den Kopf für andere hinhalten, verdammt! Was geht mich dieser Strohkopf denn an? War es vielleicht meine Idee, dass er sich eine Squaw in die Hütte holen musste? Alle Weißen hassen die Squawmänner. Und jeder weiß das!«

»Er hat vermutlich eine Kugel in der Hüfte«, fuhr Jess unbeirrt fort. »Und eine Menge Blut verloren. Ich hab keine Ahnung, ob ihm überhaupt zu helfen ist.«

»Hörst du eigentlich zu, wenn ich was sage?«

»Nein, Old Buck. Es ist nur dummes Geschwätz, das uns die Zeit raubt. Los, hole heraus, was wir mitnehmen müssen. Denk an genug Wasser. Ich sattle dein Pferd.«

Jess führte den Hengst durch den Creek und ließ ihn neben .dem Anbau stehen.

»Ich will nicht!« zeterte der Fallensteller.

»Ich sattle dein Pferd trotzdem. Du brauchst es. Denn wenn du nicht mit mir reitest, musst du nach Elk Town, um dir die fünfhundert Bucks zu verdienen.« Jess öffnete den Anbau, führte das Pferd heraus, holte den Sattel und legte ihn dem Tier auf.

Patten hatte indessen die Hütte von vorn betreten. Die Tür stand offen. Drinnen rumorte und schimpfte der Trapper. Ein Topf rollte scheppernd über den Boden.

Jess ließ die Pferde zurück und betrat die Hütte. »Ich würde Licht machen, dann sieht man mehr.«

»Du solltest endlich die Klappe halten, zum Satan. Ich kann das verdammt nicht leiden, wenn mir einer so kommt. Mit Ehre, Gewissen und solchem Kram.«

»Es genügt sicher auch, wenn du mir gibst, was nötig ist, um Hutton zu helfen. Ein paar Binden, ein spitzes Messer, wenn es geht, eine Pinzette, Salbe und ...«

»Soll ich nicht gleich ein ganzes Spital mitschleppen?«, schimpfte der Fallensteller. »Sprich dich ruhig aus, mein Junge. Ich hab ja alles. Muss nur hinlangen. Ist ja hier nicht wie bei einem armen alten Mann in der Wildnis!«

Jess packte Patten am Arm und hielt ihn fest. »Wenn du wirklich nicht willst, reite ich allein zurück. Gib mir, was du für den armen Teufel hast und entbehren kannst. Ich bringe es in ein paar Tagen von der Ranch hierher.«

»Und du hältst mir eine Gardinenpredigt, was? Weil es kein schlimmeres Verbrechen gibt, als einen hilflosen Menschen in der Wildnis seinem Schicksal zu überlassen. Das könnte dir so passen!«

Jess ließ den Mann los. »Ich dachte, du willst wirklich nicht. Aber du maulst offenbar nur aus reiner Gewohnheit.« Er ging hinaus, nahm seine beiden Flaschen, füllte sie am Creek, kehrte zurück und saß auf.


*


Das Feuer am Eingang der Höhle verlosch. Rauch trieb durch den kleinen Felsenkessel und löste sich auf. Von den Steilwänden herunter sank das Dämmerlicht grau zwischen die Höhlen.

Old Buck legte dem Verletzten Blätter auf die Wunden und verband ihn. Hutton sah im zunehmenden Licht elend aus. Das Gesicht wirkte gelblich. Tief hatten sich Runen und Falten in die Haut über dem Schnauzbart eingegraben.

Patten richtete sich auf und ging hinaus. Morgennebel senkten sich von den Gipfeln herunter. Vom Himmel ließ sich nichts erkennen.

Jess folgte dem alten Trapper.

»Zu spät«, murmelte Old Buck. »Du kannst eine Menge Blut verlieren und doch wieder werden. Aber irgendwo gibt es eine Grenze. Wenn die vom Blutverlust überschritten wird, bist du erledigt.«

Jess blickte auf Hutton, dem die Augen zugefallen waren. »Er hat also keine Chance?«

»Ich sage doch, wir riskieren Kopf und Kragen für nichts und wieder nichts. Könntest jetzt schon wieder im Ranger-Hauptquartier sein und deinem Vater sagen, dass gegen Dobbs und seine Bande nichts vorliegt. Die haben nichts weiter als eine Squaw ermordet und einen Farmer in Notwehr ziemlich übel zugerichtet. Nachdem der einen Mord beging. Oder sagen wir, seinem auserwählten Gegner kaum eine Chance ließ, sich zu wehren. Dann kann Colonel Calhoun mal sehen, was er damit anfängt.«

Huttons Lippen bewegten sich. Manchmal stieß er etwas Unverständliches hervor.

»Der ist dem Himmel schon näher als der Erde«, murmelte Patten. »Trotzdem bin ich froh, mitgeritten zu sein.«

Jess schaute ihn überrascht an.

»Na ja, ist doch so, dass man es jahrelang mit sich herumschleppt, wenn man als Lump gehandelt hat.«

Jess lächelte und schlug Old Buck auf die Schulter. »Ich wusste die ganze Zeit, dass du so denkst.«

Hutton wälzte sich nach links und rechts und brüllte. Sein Oberkörper richtete sich auf und fiel zurück.

»Jetzt kommt die Entscheidung!«, rief Patten, stürzte in die Höhle und warf sich auf die Knie.

Hutton fiel zurück. Als Jess neben den alten Mann trat, führte der die Hand über das starre Gesicht und drückte die Lider des toten Farmers nach unten.

»Na, was habe ich gesagt?«

»Tut mir leid.« Jess Worte weckten einen seltsamen Widerhall in der Höhle.

»Alles umsonst!«

»Ja.«

Old Buck richtete sich mit grauem Gesicht auf. »Aber wir haben es versucht und müssen uns beide nichts vorwerfen. Das ist ja auch was. Wir sollten ihn unter Steinen beerdigen und dann verschwinden.«

Jess folgte dem Mann langsam. Patten verließ die Höhle. Draußen wallten noch die Nebelschleier im Felsenkessel.

Plötzlich sprang Old Buck zurück. »Die Bande! Verdammt, ist man vor denen denn nirgendwo sicher.«

Jess schob sich an dem Mann vorbei. »Haben die dich gesehen?«

»Kaum. Ist ja wie in einer Waschküche draußen.«

Gewehre entluden sich. Kugeln trafen die Wände und den Boden, prallten größtenteils ab und wimmerten als Querschläger durch den Felsenkessel.

»Sie haben dich doch gesehen.«

»Die sahen, dass hier jemand ist, aber nicht, wer das sein könnte.«

Das wilde Knattern der Gewehre hielt mehrere Minuten lang an und flaute dann nur langsam ab.

Jess schob sich weiter vor. Old Buck drückte ihm sein Gewehr in die Hand. Er sah durch die Nebelschwaden die Höhe und die Männer, die nicht auf ihren Pferden saßen.

Wieder wurde das Feuer eröffnet.

Jess feuerte zurück.

Auch Old Buck schoss. »Und alles für nichts und wieder nichts«, schimpfte der Trapper. »Ist doch nicht zu fassen, dass ich mich auf so was einlasse!«

Jess repetierte sein Gewehr und jagte noch eine Kugel zur Höhe hinauf.

Eine Weile schossen die Halunken noch nach unten, dann brach das Feuer ab. Pulverschwaden drückten in die Morgennebel und senkten sich in den Felsenkessel herab.

»Was ist los?«, flüsterte Patten. »Die werden doch die Schnauze nicht schon voll haben?«

»Abwarten.« Jess spähte nach oben.

Sonnenstrahlen flammten noch fast waagerecht über die verwitterten, morschen 'Felsen. Fast schlagartig nahm die Wärme zu und löste die Nebelschwaden in den oberen Schichten auf.

Ein Kommando schallte herunter. Jess und Old Buck traten zurück, weil sie befürchteten, die Schießerei ginge wieder los. Aber es fiel kein Schuss. Stattdessen dröhnte Hufschlag auf.

»Sie haben es satt!«, frohlockte der Fallensteller mit leuchtenden Augen.

Jess blieb skeptisch. »Die haben doch mitgekriegt, dass wir nur zwei sind.«

»Na und?«

»Vor zwei Gewehren nehmen die nicht Reißaus, alter Freund. So gut müsstest du sie doch auch kennen.« Jess wagte sich wieder vor.

Die Wärme drückte ins Tal und verflüchtigte den Rest des Dunstes. Nur die Pulverdampfwolken schwebten wie Polster zwischen den Gipfeln.

Ein Gewehr krachte. Dicht neben Jess schrammte das Geschoss auf den Boden und heulte quarrend in die Höhle hinein.

»Zurück. Da ist noch ein Wächter da!«

Calhoun regierte schon.

Abermals krachte das Gewehr, traf eine Kugel den Boden und pfiff in die Höhle.

Die Pferde vollführten wilde Sprünge und schlugen mit den Hufen gegen die Wände.

»Der will uns festnageln, bis die anderen unten sind!«, rief der Trapper. »Wenn das gelingt, können wir unser Testament machen!«

»Falls wir dann noch dazu kommen«, gab Jess sarkastisch zurück.

Der Bandit schoss immer noch.

»Wie lange brauchen die Kerle, bis sie hier sein können?«

»Noch drei oder vier Minuten, wenn wir Glück haben. Und wenn nicht, dann tauchen sie jetzt gleich auf!«

Jess repetierte das Gewehr, trat hinaus, sah den in Pulverrauch gehüllten Schurken, der auf ihn zielte und warf sich zur Seite.

Der Schuss krachte. Eine Feuerlanze stach in die grauen Schwarzpulverschwaden, und die Kugel traf dort den Boden, wo Calhoun gerade noch stand. Er schlug mit der Schulter auf, rollte auf den Rücken, sah den Mann über den Lauf des Gewehres hinweg und drückte ab.

Der Bandit zuckte zusammen, taumelte rückwärts und verschwand aus Jess Blickfeld.

Er sprang auf. »Schnell, Old Buck!«

Das Wummern des letzten Schusses schallte noch durch den Felsenkessel.

»Stellt euch nicht so an, zum Teufel!«, schimpfte der Fallensteller an die Pferde gewandt.

Jess lief hinein. Er warf noch einen Blick auf den Farmer, den er vergebens zu retten versuchte. Dann war er bei Patten, nahm den Hengst am Zügel und zog ihn mit Gewalt aus der Höhle.

Noch konnte er den Reiterhaufen nicht sehen. Aber unüberhörbar kamen sie von Süden und mussten jeden Moment auf tauchen.

Da war auch Old Buck draußen. »Worauf wartest du denn noch? Dass sie dir das Fell in Streifen von der Haut ziehen?« Er schwang sich in den Sattel und galoppierte nach Norden.

Jess saß auf, schob das hinderliche Gewehr in den Scabbard und preschte hinterdrein. Als er vom Ende des Kessels zurückschaute, sah er den ersten Reiter auf der anderen Seite auftauchen.


*


Im halsbrecherischen Tempo rasten die Pferde nebeneinander einen Canyon hinunter.

»Sind diese Höllenhunde noch hinter uns her?«, brüllte Old Buck.

»Denkst du, sie hätten schon die Lust verloren?« Jess blickte auf das Pferd des alten Mannes, dessen Kräfte schon erlahmten.

»Verdammt, kannst du dich nicht ein bisschen mehr beeilen?« Patten stieß seinem alten Pferd die Fäuste gegen den Hals. »Das verlange ich doch wirklich selten von dir!«

»Es kann nicht schneller.« Jess blickte zurück. Noch sah er keinen Verfolger. Aber lange würde es bestimmt nicht mehr dauern.

Die beiden Pferde stoben um eine Biegung. Lange Risse und Spalten durchzogen die senkrechten Felswände, die rund fünfzig Yards hoch in den Himmel stiegen.

»Da vom ist eine Höhle, Old Buck!«

»Na und?«

»Halte an und zieh dein Pferd hinein. Die merken es nicht gleich, dass sie nur noch einen Reiter verfolgen.«

Der Trapper fluchte, weil ihm die Idee nicht gefiel.

»Ich hänge sie ab. Los, anhalten!«

Die Logik des Vorschlags ließ den Trapper gehorchen. Scharf zügelte er das abgehetzte Pferd. »Hals und Beinbruch, mein Junge.«

»Ich schaue bei dir noch mal vorbei. Dass sie uns angreifen, hat mit Notwehr nichts mehr zu tun.« Dann war Jess ein paar Längen weiter und gab dem Hengst die Sporen.

Hinter ihm sprang Old Buck aus dem Sattel und zog das Pferd in die Höhle.

Jess erreichte die Sohle der Schlucht. Ein paar hundert Yards lag der Weg zwischen den Steilwänden eben vor ihm, dann begann er anzusteigen. Das Pferd flog der nächsten Biegung förmlich entgegen. Als Jess kurz davor zurückschaute, sah er noch keine Verfolger. In der Kurve rutschten die Hufe auf dem abgewaschenen Gestein. Das Pferd strauchelte, fing sich zu Calhouns Glück und sprengte weiter.

Rund zwei Meilen weiter fiel die Schlucht wieder ab. Fast auf die Länge einer ganzen Meile führte der Weg zwischen den scharfen Wänden schnurgerade nach Norden.

»Du meine Güte, jetzt müssen sie es merken.«

Calhoun ließ das Pferd dennoch so schnell es konnte laufen. Hin und wieder schaute er hinter sich. Als er fast die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, sah er sie auftauchen. In einem dichten Pulk jagten die Banditen zwischen den Wänden dahin. Sie feuerten, aber die Geschosse trafen die Wände und stellten keine Gefahr für den Gehetzten dar.

Sicher erreichte Jess das Ende der Geraden. Und der letzte Blick nach hinten verriet ihm, dass der Vorsprung beträchtlich anwuchs. Sie hatten keine Chance, ihn zu fassen.


*


Die Halunken hielten dort an, wo sie den Reiter zuletzt sahen und blickten den jungen Slim Dobbs an. Der hagere Kerl mit den langen, brandroten Haaren fluchte vor sich hin.

»Das war jedenfalls der Kerl, der angeblich Land kaufen wollte«, erklärte ein bulliger Kerl, der wie ein grob gehauener Klotz auf seinem Pferd saß.

»Und der andere hat sich unterwegs versteckt«, setzte ein schwarzer, finsterer Bursche hinzu. »Der alte Patten, dieses verdammte Schlitzohr!«

Sie schauten ihn alle an. Dobbs kniff langsam die Augen zusammen.

»Hast du ihn erkannt, Black?«

»Selbstverständlich.« Der finstere Bursche spuckte in eine Felsspalte. »Als er aus der Höhle kam und gleich wieder zurücksprang.«

»Bist du sicher?«

»Dafür lege ich meine Hand ins Feuer!«, versicherte Black.

Dobbs blickte die anderen an.

Bock begann zu grinsen. Und die anderen taten das einer nach dem anderen ebenfalls.

Slim Dobbs schaute wieder auf Black.

»Wenn ich es dir doch sage!«, stieß der schwarze Kerl hervor. »Es war der alte Patten.«

»Aber warum?«

»Vielleicht gefiel es ihm nicht, was wir mit dem Strohkopf abzogen. Oder er hat die Squaw auch geliebt. Was weiß ich denn.«

»Vielleicht hat er den Fremden sogar bestellt«, mutmasste Bock. »Es könnte ja ein Marshal oder ein Ranger sein.«

»Was sollte ein Ranger bei uns wollen?«

»Weiß ich doch nicht. Uns hat der Gouverneur jedenfalls noch keine Stadtrechte zuerkannt.«

»Hat sich mein alter Herr auch nie darum bemüht.«

»Na also. Dann kann es doch ganz gut sein, dass der Gouverneur mal herumspionieren lässt.«

»Du bist jedenfalls sicher, dass es Old Buck war? Dieser Schurke, dem wir unser gutes Geld für sein Wild in den Rachen werfen?«

»Mein Wort darauf«, sagte Black.

»In Ordnung, Black. Dann reiten wir doch mal zu ihm. Vielleicht ist er schon in seinem Mauseloch, wenn wir zu ihm kommen.«

Black lachte polternd. »Der wird staunen. Bestimmt bildet er sich ein, wir hätten ihn nicht erkannt.«

Dobbs lenkte sein Pferd nach Süden zurück und ritt um die Biegung des Canyons.

Die Bande schloss sich an.

»Der fällt aus allen Wolken«, sagte Black.

»Oder er hat schon die Fliege gemacht«, schränkte ein anderer ein. »Weil er es vielleicht weiß, dass du ihn gesehen hast.«

»Unmöglich. Es war nur ein Moment. Aber einer wie dieser Trapper fällt ja schon an der Kleidung auf.«

Nach zehn Minuten kam der Bande ein Reiter entgegen. Sie zügelten erneut die Pferde.

»Es ist Joe«, sagte Bock. »Allein.«

Dobbs nickte mit verzogenem Gesicht. Er hatte den Mann zurückgeschickt, damit er nachsehen sollte, warum sich der Wächter nicht mehr meldete, den sie auf der Höhe zurückließen.

Der Mann erreichte sie, zügelte sein Pferd und zuckte mit den Schultern. »Tut mir leid, Slim. Aber Olden hat es voll erwischt. Eine Kugel. Das reichte ihm.«

»Dafür wird der alte Bursche bezahlen!«, stieß Dobbs ...

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