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41 und 14

Über die Autorin

Renata Juras kam 1968 in Kroatien zur Welt. Die Ehe mit einem Fußballer führte sie nach Österreich, wo sie Handball-Nachwuchmannschaften trainierte. Ihre Kinder sind heute 21, 16 und ein Jahr alt.

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Inhalt
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Kapitel 1
  8. Kapitel 2
  9. Kapitel 3
  10. Kapitel 4
  11. Kapitel 5
  12. Kapitel 6
  13. Kapitel 7
  14. Kapitel 8
  15. Kapitel 9
  16. Kapitel 10
  17. Kapitel 11
  18. Kapitel 12
  19. Kapitel 13
  20. Kapitel 14
  21. Kapitel 15
  22. Kapitel 16
  23. Kapitel 17
  24. Kapitel 18
  25. Epilog

1

Der Anruf erreichte mich an einem sonnigen Mittwoch im Sommer 2009. Ich war in Sibenik an der kroatischen Küste auf Urlaub und wollte das Haus gerade zum Lauftraining verlassen. Mein Mobiltelefon hatte ich im Vorzimmer liegen gelassen. Ich lief zurück und hoffte, dass es nichts Wichtiges war. Ich mochte es nicht, wenn mein Tagesplan aus den Fugen geriet. Besonders nicht mein Trainingsplan. Sport war seit meiner Kindheit ein extrem wichtiger Bestandteil meines Lebens.

Der Anrufer war mein Kollege Stephen. Stephen war Sektionsleiter beim Handballverein ZV McDonald’s Wiener Neustadt und bekannt für seine direkte Art. Das schätzte ich an ihm. Ich liebe es, wenn man direkt zum Punkt kommt.

Stephen sparte sich überflüssige Begrüßungsfloskeln.

»Renata, ich habe einen Job für dich«, sagte er.

»Ich bin etwas in Eile. Worum geht es?«

»Du weißt, dass die U13-Jungs ab September in der Meisterschaft spielen.«

»Und was hat das mit mir zu tun?«

Ungeduldig prüfte ich den Sitz meiner Laufschuhe und zog eine Lasche fester hinauf. Seit drei Jahren trainierte ich verschiedene Mädchenteams. Meine Schützlinge waren zwischen elf und siebzehn Jahre alt. Im Herbst begannen die Niederösterreichischen Jugendmeisterschaften. Von den Jungs, über die Stephen sprach, hatte ich kein klares Bild.

»Stephen?«

»Sie brauchen dringend einen Trainer«, sagte Stephen.

Er atmete hörbar und betont langsam ein und aus, als wollte er damit seine Aussage unterstreichen.

Ich hatte keine große Lust auf eine Jungenmannschaft. Vor allem wegen meiner Tochter Emily. Sie spielte in allen drei Mädchenteams, die ich trainierte. Das machte für uns die Organisation unseres Lebens einfacher. Ich betrieb auch noch ein kleines Fremdspracheninstitut, das ich nach einem alten kroatischen Fürstennamen »Borna« genannt hatte. Dort unterrichtete ich Englisch und Kroatisch. Ich hatte also genug zu tun.

»Wie viele Spieler sind es denn?«, fragte ich. »Und von welchem Jahrgang sprechen wir eigentlich?«

Er zögerte kurz.

»Wenn ich ehrlich bin, ist das genau das Problem«, sagte er schließlich. »Es sind nur wenige Spieler. Und sie sind sehr unterschiedlich alt. Sie haben in ihrem Leben noch nie Handball gespielt. Ich schlage vor, du siehst dir die Sache einfach mal an und machst dir dann dein eigenes Bild.«

Kurz nach meiner Rückkehr aus Kroatien standen die Jungs zum ersten Mal vor mir. Es war eine Zickzackmannschaft. Wenn die Jungs in einer Reihe standen, bildeten ihre Köpfe eine Zickzacklinie. Der älteste war vierzehn und der jüngste neun Jahre alt. Einer reichte mir kaum bis zur Schulter, ein anderer überragte mich um einen Kopf.

Meine Gedanken rotierten bei diesem fast rührend jämmerlichen Anblick. Das sollte eine Handballmannschaft sein? Ich rollte im Geist mit den Augen und blickte die Jungs, die mir wie ein Haufen chaotischer Kinder vorkamen, forsch an. Ich hatte dem Verein bereits zugesagt, die Aufgabe zu übernehmen. Trotz der Bedenken, die ich zuerst gehabt hatte. Ich liebe Herausforderungen aller Art. Sie halten den Geist wach und jung. Aber wie sollte ich diese Truppe bloß trainieren? Jeder halbwegs professionelle Gegner würde sie binnen weniger Minuten k.o. schießen, das sah ich auf den ersten Blick.

Die Meisterschaften, bei denen wir antreten wollten, würden schon bald beginnen. Dort warteten Teams, die seit vier Jahren trainierten. Diese Mannschaft, falls von einer solchen überhaupt die Rede sein konnte, war dagegen das reinste Chaos. Die Jungs würden erst beweisen müssen, dass sie zu Recht ausgesucht worden waren.

»Wisst ihr überhaupt, wie es bei Meisterschaften zugeht?«, fragte ich.

Mit großen Augen sahen sie mich an. Der Kleinste starrte zu Boden.

»Na gut, hört mir mal zu«, sagte ich und versuchte es mit einem Lächeln. »Im Grunde ist die Sache ganz einfach. Wir trainieren jeden Tag, denn wir müssen viel nachholen. Trotzdem werden wir viele Spiele verlieren. Ist das klar?«

Schweigen.

»Jungs, noch einmal, ist das klar? Wer keine Niederlage vertragen kann, der braucht erst gar nicht zum Training zu erscheinen. Und um auch das klarzustellen: Wenn ich verlieren sage, spreche ich nicht von Niederlagen mit zwei oder drei Toren Differenz, sondern von Schlappen mit bis zu vierzig Toren Differenz.«

Murren.

»Noch etwas will ich hier von Anfang an geklärt wissen«, sagte ich. »Wir werden hart arbeiten, ihr werdet an eure Grenzen stoßen, aber ganz am Ende werden wir auf der Siegerstraße sein. Die anderen haben für uns schon den letzten Platz in der Meisterschaft reserviert. Diese Freude machen wir ihnen nicht, das garantiere ich euch. Wenn ihr mir vertraut, dann schaffen wir es unter die besten sechs.«

Endlich kam etwas Bewegung in die Reihe. Die Spannung löste sich sichtlich. Ich hatte die Jungs bei ihrem Sportsgeist gepackt.

»Ich sage euch gleich, wie wir dieses Ziel erreichen werden. Die anderen Mannschaften konzentrieren sich darauf, Tore zu schießen. Im Handball geht es aber vor allem darum, keine Tore zu kassieren. Wenn ihr 10:40 verliert, habt ihr nicht um dreißig Tore zu wenig geschossen, sondern um dreißig zu viel bekommen. Das ist der entscheidende Unterschied.«

Ich konnte mich noch gut erinnern, wie mich mein eigener Trainer nach einem meiner ersten Matches zu sich gewunken hatte. Ich war damals elf Jahre alt gewesen.

»Wie viele Tore hast du geschossen?«, hatte er mich gefragt.

Ich hatte gestrahlt.

»Sieben!«

»Schön«, hatte er gesagt. »Aber deine direkte Gegenspielerin hat zehn geschossen.«

Ich hatte ihn sofort verstanden und mir diese Lektion fürs Leben gemerkt.

Die Jungs starrten mich an.

»Okay, Jungs. Und merkt euch eines, egal, was ihr für Probleme haben werdet, ihr könnt damit immer zu mir kommen. Morgen pünktlich um fünf Uhr geht’s los.«

Die Turnhalle wurde im Rückspiegel meines Autos kleiner. Ich musste Carla, meine ältere Tochter, vom Bahnhof abholen. Carla studierte in Wien. Ich war gut aufgelegt, sogar ein bisschen aufgeregt. Ich spürte ein leichtes Kribbeln in der Magengegend. Mein Kopf sagte mir, dass diese Mannschaft ein Himmelfahrtskommando war. Aber ich hatte mich im Sport schon immer eher auf mein Gefühl als auf meinen Kopf verlassen. Ich wusste, dass es einen Versuch wert war. Ich wollte aus den Jungs eine richtige Mannschaft machen.

Diese Sache wird mich und die Jungs weiterbringen, dachte ich. Ich kann und werde es schaffen, ihnen ihre Grenzen zu zeigen und ihnen dabei zu helfen, diese zu sprengen. Sie werden über sich selbst hinauswachsen. Bei dem bevorstehenden Turnier in Wien werde ich etwas aus ihnen herausholen, das sie noch nie gespürt oder erlebt haben. Wir werden sicher nicht gewinnen. Aber wir werden darum kämpfen, mit möglichst wenigen Toren Differenz zu verlieren, und dabei unsere ersten Erfolgserlebnisse haben. Die Jungs werden gefordert sein. Das allein ist ausreichend und gut. Handball ist kein Sport für Weicheier. Und schon gar nicht für Idioten. Handball ist ein extrem kompliziertes Spiel und erfordert einen Sinn für Taktik. Gute Handballer sind hochintelligente Menschen.

Ich musste schmunzeln. Ich erinnerte mich noch genau daran, wie ich selbst als Kind mit dem Training begonnen hatte. Ich hatte das Gefühl, als wäre es gestern gewesen, als ich in der Halle zwischen lauter gleichaltrigen Mädchen in Reih und Glied mein erstes Training absolviert hatte. Langweilige Ballübungen, die uns die Technik verständlich machen sollten. Sprints und Geschicklichkeitsspiele. Ich war ungeduldig und enttäuscht gewesen, weil ich lieber sofort am Feld wild drauflosgespielt hätte. Doch unser Trainer hatte uns zunächst in nicht enden wollenden Einheiten beigebracht, wie wir den Ball richtig hielten und wie wir zu Boden gingen, ohne uns dabei zu verletzen. Das war nicht besonders aufregend gewesen. Trotzdem hatte ich dabei gelernt, worauf es ankam. So ein Handball kann bei richtig eingesetzter Muskelkraft scharf wie Munition sein.

Als junges Mädchen war ich talentiert gewesen. Ich war in meiner Schule unter die zehn Besten gewählt worden und in Sibenik zu einem Mitglied des Handballvereins geworden. In Kroatien bedeutete das viel mehr als in Mitteleuropa. In Österreich kann bis heute jeder in einem Verein spielen, weil es chronisch zu wenig Spieler gibt. Kinder, die ein bisschen sportliches Talent zeigen, werden in den Schulen gefragt, ob sie in einem der Vereine trainieren wollen. So entstehen solche Mannschaften wie die Jungs, die ich nun trainieren sollte. In Kroatien hat der Sport einen anderen Stellenwert. Dort ist die Konkurrenz schon bei den Jugendmannschaften extrem groß. Die Trainer gehen konsequent an das Thema heran und sagen den Eltern klipp und klar, ob ihr Kind Talent hat oder nicht. Umgekehrt sind weder Kinder noch Eltern beleidigt, wenn die Trainer einem Kind zu wenig Begabung zubilligen.

Mein Talent hatte am Anfang vor allem einen dichten Zeitplan zur Folge. Eine Woche lang musste ich vormittags zum Training und nachmittags in die Schule. In der darauffolgenden Woche war es genau umgekehrt. Meine Eltern waren berufstätig und konnten mich nicht herumfahren. Also musste ich mein Leben selbst organisieren. Ich erlaubte mir in der Schule und bei den Hausaufgaben keine Schlampereien. Mir wurde früh klar, dass Menschen, die verschiedene Aufgaben nicht unter einen Hut bekommen, für gar keine Sportart geeignet sind. Ich gab mich schon als Kind keinen Träumereien hin. Ich stand mit beiden Beinen fest auf dem Boden und verließ mich auf meinen eigenen Willen. Und auf Tatsachen.

Mein Vater war dagegen gewesen, dass ich unsere Heimatstadt Sibenik mit vierzehn Jahren verließ. Das wäre aber notwendig gewesen, um als Handballerin Karriere zu machen. In Sibenik selbst hatten nur Fußballer und Basketballer Chancen auf eine professionelle Laufbahn. Ich hatte mich nie der falschen Illusion hingegeben, als Handballspielerin Geld verdienen zu können. Deshalb hatte ich mich entschieden, Trainerin statt Profi zu werden. Es machte mir Spaß, anderen Menschen etwas beizubringen, was ich selbst gut beherrschte. Ich stellte auch im 800-Meter-Lauf weiterhin Rekorde auf und genoss meine Jugend. Bis ich meinen Mann Milivoj kennenlernte, der Fußballer war. Das passte gut, denn das Leben eines Sportlers ist für normale Menschen oft schwer zu verstehen. Wir hatten einen ähnlichen Lebensstil, tranken beide keinen Alkohol und gingen meistens früh schlafen, um für die Matches fit zu sein. Nach meinem Schulabschluss verlobten wir uns und gingen einen gemeinsamen Weg. Wir folgten dem Ruf aus dem benachbarten Österreich in eine ungewisse, aber aufregende Zukunft.

2

Nach einer Stunde Englischunterricht beeilte ich mich, pünktlich in der Turnhalle zu sein. Die Englisch-Konversationsstunde war ziemlich gut verlaufen. Meine talentierteste Schülerin Ilse war gleichzeitig auch meine beste Freundin. Eines Tages hatte sie vor mir gestanden und mir erklärt, sie wolle noch eine Fremdsprache lernen, jetzt, da ihre Kinder aus dem Haus waren. Sie hatte mich mit ihrem Ehrgeiz, ihrem Mut und ihrer Bereitschaft, gegen ihren inneren Schweinehund anzukämpfen, von Anfang an beeindruckt. Ihre Güte und ihr Rat begleiten mich nun schon seit Jahren. Fast so wie der gute Geist meiner verstorbenen, über alles geliebten Großmutter.

Aus den Garderoben drang Lachen und Lärm zu mir. Es war kurz vor siebzehn Uhr und das Training sollte gleich beginnen. Doch statt am Feld zu stehen, waren die Jungs offensichtlich noch nicht einmal umgezogen. Ich öffnete die Tür und musste einmal tief durchatmen. Eine wilde Horde balgte sich und hüpfte auf den Bänken herum. Trainingsjacken, Turnschuhe und offene Sporttaschen lagen quer über den Boden verstreut. Zum Verzweifeln.

In dem Chaos der kleinen, niedrigen Garderobe blieb ich zunächst unsichtbar. Ich musterte vorsichtig die Jungs, die einander ausgelassen schubsten und hänselten. Dabei versuchten sie, kindisch in tiefen Tönen zu grölen, und brachten doch nur ein helles Glucksen hervor.

Inklusive Tormann werde ich sieben fähige Spieler brauchen, dachte ich. Zwei Mann für die Flügel, je einen Aufbauspieler links, rechts und in der Mitte und einen Spieler am Kreis. Meine Philosophie für das perfekte Team ist einfach. Jeder Spieler muss austauschbar sein. Jeder muss in der Lage sein, in allen Positionen zu existieren. Mit der Zeit zeichnen sich zwar immer bestimmte individuelle Stärken ab, dennoch ist es für die ganze Gruppendynamik und Strategie sinnvoll, wenn jeder Spieler auch die Anforderungen aller übrigen Positionen am Feld kennt.

Doch als ich diesen chaotischen Haufen beobachtete, stockte mir der Atem. Ich fragte mich, wie das hier jemals gutgehen sollte.

»Hey, Jungs, was genau soll das hier werden?«

Ich machte einen Schritt in den Raum hinein. Auf einen Schlag war es still. Erschrockene Gesichter, ein paar kleine Räusperer, dann drehte sich ein Junge zu mir.

»Hallo Renata. Wir haben dich nicht gehört.«

»Kein Wunder bei diesem Lärm.«

Trotzig sah mich der Junge an. Es gefiel mir, dass er die anderen in Schutz nahm.

»Wieso sollten wir uns deiner Meinung nach nicht unterhalten?«, fragte er und verschränkte die Arme vor der Brust.

Ich musste innerlich schmunzeln über den kleinen Mann. Trotzdem versuchte ich, streng zu sein.

»Jetzt passt mal auf. Ich sage das jetzt ein einziges Mal und dann nie wieder. Das ist hier weder ein Kindergarten noch ein Kaffeekränzchen. Hier wird trainiert und kein Mensch will sich unterhalten. Entweder ihr seid morgen alle um Punkt siebzehn Uhr am Spielfeld und bereit zu arbeiten, oder wir lassen die ganze Sache einfach bleiben.«

Stille im Raum. Zerknirschte Gesichter.

»Ich gehe jetzt hinaus in die Halle und erwarte euch in genau fünf Minuten.«

Ich warf energisch die Tür hinter mir ins Schloss. Draußen senkten sich meine Schultern. Ich lächelte still in mich hinein und ging schnellen Schrittes zur Halle. Die Jungs hatten mich verstanden. Jetzt kann es losgehen, dachte ich. Ich überlegte, wie ich schnell ein paar coole T-Shirts für meine Spieler organisieren konnte.

Wir trainierten nun beinahe täglich, immer ab fünf Uhr nachmittags. Die Mannschaft stand jeden Tag pünktlich auf die Minute auf dem Spielfeld. Wenn ich eintraf, trainierten sie meistens schon mit den Bällen und erwarteten mich voller Ungeduld. Ich kannte die unterschiedlichen Charaktere meiner kleinen Mannschaft bald etwas besser. Patsi war ziemlich beliebt, etwas rund oder, wie er meinte, stark gebaut. Er war außerhalb des Spielfeldes auch nicht wirklich schnell, aber sobald er innerhalb der Markierungen des Sportbodens stand und den Anpfiff hörte, wurden seine Körperbewegungen geschmeidiger und geschickter. Ich nannte ihn »meinen Großen«. Marco wiederum war ein Draufgängertyp, der offenbar vor nichts und niemandem Angst hatte und dem Leben wie dem Sport lachend und mit Leichtigkeit entgegenzutreten verstand. Olli war einer der Ruhigsten in der Runde. Er war intelligent, disziplinierter als die anderen, dünn und nicht besonders groß. Seine fehlende Schnelligkeit kompensierte er mit Fleiß. Nichts brachte ihn aus der Ruhe, deshalb hatte ich ihn zum Kapitän ernannt.

Meine Töchter Carla und Emily unterstützten mich dabei, meinen neuen Tagesablauf so angenehm wie möglich zu gestalten. Ich musste nun noch öfter von Eisenstadt, wo wir wohnten, nach Wiener Neustadt zum Training fahren. Von meinem Mann war ich zwar getrennt, doch auch er unterstützte mich. Wir waren gute Freunde und erzogen unsere Kinder mit vereinten Kräften. Warum wir uns getrennt haben, habe ich nie wirklich herausgefunden. Wahrscheinlich lag es daran, dass er zuerst als Profi-Fußballer und dann als Handball-Schiedsrichter genauso viel unterwegs war wie ich als Trainerin. Oder er war einfach nicht der Richtige.

Ich war unglaublich stolz auf meine beiden Mädchen. Sie waren schön, klug und ernsthaft. Seit ich Kinder hatte, hatte sich mein Leben geändert. Mutter zu sein ist eine große Herausforderung. Auch die Dimension des Begriffs Angst hat sich für mich verändert. Erst eine Mutter, die sich um ihre Kinder sorgt, kann die wahre Bedeutung dieses Wortes verstehen.

Emilys Handballmannschaft trainierte in der Halle neben meinen Jungs. So konnten wir gemeinsam zum Training fahren. Obwohl Emily erst knapp vierzehn Jahre alt war, spielte sie bereits mit älteren Mädchen in einer höheren Liga.

Ich beobachtete sie aus den Augenwinkeln, während ich meinen Jungs Anweisungen zurief. Auf dem Spielfeld mutierte mein kleines Mädchen zum Mann. Sie war voller Kraft und als Linkshänderin bot sie ihrer Mannschaft spezielle Vorteile. Ich hatte so lange mit ihr geübt, bis sie trotz ihrer Linkshändigkeit auch am linken Flügel enorme Sicherheit zeigte. Das machte sie zu einer Ausnahmespielerin, weil sie im Gegensatz zu den rechtshändigen Spielerinnen über beide Flügel in die Nähe des Tores kommen konnte. Damit hatte sie doppelt so große Chancen, ein Tor zu schießen. Mit dieser speziellen Fähigkeit sorgte sie oft für einen Überraschungseffekt, der nicht selten triumphale Auswirkungen auf den Verlauf des Spiels hatte.

Emily war ein bisschen verspielter als Carla, aber genauso zielstrebig und authentisch. Manchmal traf sie Dinge intuitiv und genau auf den Punkt, als hätte sie schon die Erfahrungen eines langen Lebens gesammelt.

»Renata!«

Stephen unterbrach mich in meinen Gedanken. Er musste etwas Dringendes auf dem Herzen haben, sonst hätte er mich wohl kaum beim Training gestört.

»Hast du kurz Zeit?«, fragte er.

»Was gibt’s, Stephen? Wir sind mitten im Training, wie du siehst.«

»Schon klar. Aber im Gymnasium in der Zehnergasse gibt es ein paar Jungs, die Handball spielen.« Stephen kratzte sich am Kopf und musterte mich. »Sie sind zwischen dreizehn und vierzehn Jahre alt. Sieh sie dir einmal an. Vielleicht findest du dort Verstärkung für dein Team.«

»Ich werde gleich morgen dort vorbeischauen«, sagte ich. »Ich brauche dringend Spieler.«

Am Tag darauf fuhr ich vor dem Training mit Emily in das Bundesgymnasium in der Zehnergasse in Wiener Neustadt. Ich parkte den Wagen auf dem Parkplatz der Schule.

Bevor ich ausstieg, drehte ich den Rückspiegel kurz in meine Richtung. Meine Kurzhaarfrisur war die beste Lösung, um meine dunklen, festen Haare zu bändigen. Ich brauchte sie morgens nur zu waschen und mit ein wenig Gel in Form zu zupfen, dann hielt die Mähne den ganzen Tag über und machte alle sportlichen Aktionen mit.

»Du bist schön genug, Mama.« Emily lachte.

»Ich komme schon«, sagte ich und wischte noch schnell etwas verlaufene Wimperntusche unter dem rechten Auge weg. Ich wollte einen guten Eindruck machen.

Wir gingen gemeinsam durch eine große Turnhalle mit etwa dreißig Teenagern, die den Raum akustisch bis zur Decke füllten. Mir fiel sofort auf, dass die Kinder mit den Bällen ganz falsch umgingen und vor allem auch die falschen Bälle verwendeten. Es gibt je nach Gewichtsklasse unterschiedliche Ballvolumina. Grundsätzlich werden drei verschiedene Größen verwendet. Männer und männliche Jugendliche ab sechzehn spielen mit Ball Nummer drei, der 58 bis 60 Zentimeter groß ist, Frauen und die männliche Jugend ab zwölf verwenden Bälle mit einem Umfang von 54 bis 56 Zentimetern und die Jugend ab acht nimmt die kleinen Bälle mit nur 50 bis 52 Zentimeter Umfang. Die kleinen Bälle sind mit rund 290 bis 300 Gramm auch deutlich leichter als die immerhin 425 bis 475 Gramm schweren Männerbälle. Die kleineren, handlichen Exemplare können richtig gefährlich werden. Wenn sie einem unsicheren, aber kraftvollen Spieler in die Hände geraten, werden sie zu Geschoßen.

Meine Laune verschlechterte sich, als ich das chaotische Treiben am Feld weiter beobachtete. Emily sah mich von der Seite an. Ihre Augen signalisierten eine Mischung aus Unsicherheit und Mitleid. Ich stöhnte hörbar und fingerte genervt an meiner Frisur herum.

Ein Lehrer begrüßte uns höflich. Er wirkte ein wenig abwesend, als würde ihn das Geschehen am Spielfeld nichts angehen. Ich fragte mich, wer hier wohl Sport unterrichtete und sich für diesen bunten Haufen verantwortlich fühlte. Ich verkniff mir aber jede Frage. Der Lehrer bot uns auf einer Bank am Hallenrand einen Platz an. Von dort aus hatten wir eine perfekte Sicht auf diesen Kinderspielplatz.

Eine neue Gruppe mit Jungs drängte in die überquellende Halle. Ich wusste längst nicht mehr, wohin ich meinen Blick richten sollte, ohne zu verzweifeln. Durcheinander und Undisziplin, so weit das Auge reichte. Ich war sicher, dass ich hier nur meine Zeit verschwendete. Doch dann zeichnete sich die Silhouette eines Jungen deutlicher ab. Er war groß, wirkte sehr sportlich und muskulös, fast männlich, und passte überhaupt nicht in den chaotischen Haufen.

»Der ist vermutlich kein Österreicher«, sagte ich, ohne lang nachzudenken.

Emily sah mich fragend an.

»Österreicher sind für ihr Alter eher zu klein«, erklärte ich. »Wenn sie allerdings groß gewachsen sind, dann fehlt ihnen meistens Kraft oder Schnelligkeit. Das ideale Gesamtpaket kommt selten vor.«

Vielleicht war der Junge mit der sportlichen Silhouette und den braunen Haaren ja auch einfach älter und wiederholte eine Klasse.

Ich beobachtete seine Bewegungen genau und merkte, wie sich meine Laune besserte, je länger ich ihm zusah. Mein Blick heftete sich auf den Ball, als er ausholte. Ein Hammerschuss! So nennen wir es im Handball, wenn einer scharf schießt und sicher trifft.

»Wie heißt der Junge?«, fragte ich.

»Ervin Unterlechner.« Der Professor war unkonzentriert, aber nicht teilnahmslos.

»Siehst du, er ist doch Österreicher«, sagte Emily.

»Nein«, beharrte ich. »Das ist er bestimmt nicht.«

Koordination, Beweglichkeit, eine gewisse Flinkheit und eine enorme Portion Intelligenz. Diese Mischung macht einen erstklassigen Handballer aus. Talent allein reicht längst nicht aus.

Ervins Vater stammte aus Rumänien, wie ich später erfuhr, und seine Mutter war Ungarin. Seinen Nachnamen hatte er kurz nach seiner Geburt von seinem österreichischen Stiefvater, mit dem seine Mutter verheiratet gewesen war und der ihn adoptiert hatte, erhalten.

»Wie heißt er noch einmal?«, fragte ich den Professor.

Ich beobachtete jeden Schritt, jede Bewegung des Jungen. Ein Riesentalent, da war ich sicher.

»Ervin Unterlechner.«

Ich nahm Emily an der Hand und stellte mich vor die Gruppe.

»Jungs, hört her! Ich bin Handballtrainerin und komme vom ZV McDonald’s Wiener Neustadt«, sagte ich. »Wenn ihr wollt, könnt ihr am Freitag um siebzehn Uhr zum Training kommen.« Dann wandte ich mich direkt an Ervin. »Du bist sehr gut. Du kannst jederzeit bei uns spielen.«

»Ich komme sicher«, sagte er. Er sah mich ernst, mit festem Blick und wachen braunen Augen an.

Ich erkenne Begeisterung für Sport bei einem Menschen auf den ersten Blick. Emily und ich haben diese Begeisterung im Blut. Emily war immer tagelang traurig, wenn das kroatische Handballteam ein Match verlor. Auch ich habe dieses Gefühl, dieses Brennen für den Sport schon immer gehabt. Und ich habe die Gabe zu erkennen, wenn ein Mensch genauso fühlt.

Der große Unterschied liegt darin, ob man ein Talent rechtzeitig gefördert hat. Unter den geförderten Talenten entscheidet aber am Ende das Herz, wer es bis an die Spitze schafft. Es gibt Phasen im Leben jedes Sportlers, in denen er trotz harten Trainings keine Erfolge feiern kann. Dann mischt sich zu Schweiß und Blut pure Verzweiflung.

Selbstzweifel und Mutlosigkeit sind sehr starke Gegner. Nur die Kraft der Leidenschaft kann sie bezwingen. Gewinnen kann nur, wer jedes Mal aufs Neue mit hoch erhobenem Haupt aus der Garderobe kommt und mit dem festen Willen, alle vorhandenen Gegner zu schlagen. Sowohl die physischen am Feld als auch die psychischen im Kopf.

Ervin hatte beides, Talent und Leidenschaft. Das war mir sofort klar. Er würde deshalb ohne langes Grundlagentraining gleich mit uns spielen können. Trotzdem würde er noch viel lernen müssen.

»Jetzt habe ich einen Großen in der Mannschaft, der die anderen ein bisschen verteidigen kann, bevor sie umgeschossen werden«, sagte ich zu Emily.

3

Ervin kam mit zwei Freunden. Patrick und Thomas. Patrick war Linkshänder. Wie Emily konnte er ein doppelter Trumpf werden. Er war genau der Spieler, den die Mannschaft noch gebraucht hatte.

Drei Spiele lagen bereits hinter uns. Wir hatten sie alle verloren. Trotzdem hatten wir jedes Match wie einen kleinen Erfolg gefeiert. Im ersten Spiel hatten wir immerhin mit nur relativ geringer Tordifferenz klein beigeben müssen. Beim zweiten waren es vierzig Tore gewesen. Aber das konnte am Anfang, bevor wir zu einer stabilen Form gefunden hatten, jederzeit wieder passieren. Beim dritten Spiel war die Niederlage wieder hoch ausgefallen, aber nicht mehr ganz so niederschmetternd. Ich war einigermaßen zuversichtlich.

Die Jungs vertrauten mir inzwischen völlig und auch ich glaubte von Tag zu Tag mehr an sie. Sie hatten begriffen, dass ich ihnen nichts vormachte. Ich nahm die Jungs ernst und motivierte sie mit all meiner Kraft.

Es war Freitag und ich gab keinen Sprachunterricht. Ich konnte mich deshalb optimal auf unser Training konzentrieren.

»Wir machen heute Schießübungen«, sagte ich. »Patsi, geh ins Tor. Patrick wirft als Erster.«

Patrick, der Linkshänder, war ein dünner Junge mit flinken Bewegungen. Er war sehr ehrgeizig. Schon einige Male hatte ich beobachtet, wie er sich ärgerte, wenn er verschoss. Seine Mutter war etwa mein Jahrgang und ebenfalls Sportlerin. Von ihr hatte er offensichtlich die enorme Sprungkraft geerbt.

»Spring, Patrick«, rief ich. »Los, Schuss!«

Er schoss daneben.

»Mist, schon wieder.« Er schlug sich mit der linken Faust in die rechte Handfläche, sodass es klatschte.

»Gleich noch einmal.«

Diesmal traf Patrick. Er jubelte.

»Tor!«

Patricks Sprungbewegungen waren wunderschön anzusehen. In der Luft war er leicht wie eine Feder. Und was noch wichtiger war: Er war sehr treffsicher. Nicht der Stärkste zwar, aber dafür umso präziser.

Als Nächster nahm Ervin den Ball. Seine Bewegungen waren kraftvoll und ruhig. Seine physische Stärke gab ihm auf dem Feld einen entscheidenden Vorteil, weil allein sein Anblick die Gegner einschüchterte.

»Halt den Ellbogen stabil und hoch«, sagte ich.

Ervin verfügte über eine enorme Körperspannung. Obwohl der Junge noch nicht so lange trainierte wie die anderen, waren seine Muskeln stärker entwickelt. Er machte keine unnötigen zögerlichen Trippelschritte und keine fahrigen, kraftvergeudenden Bewegungen. Alles lief bei ihm schnell und kontrolliert ab, dennoch blieb seine Dynamik natürlich. Er verzog keine Miene, wenn er schoss. Seine Gesichtszüge blieben konzentriert und ernst.

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