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4 gegen den Klan

Copright-Hinweise

Danksagung

Harold Jordan: Prolog zwischen Blut und Broadway

Garçonne: Ein heldenhaftes Häufchen Elend

Harold Jordan: Eine Kindheit im Süden

Harold Jordan: Esther

Harold Jordan: Ausflug nach Hell’s Kitchen

Harold Jordan: Im Zeichen des Bösen

Harold Jordan: Liebes-Rausch

Garçonne: Zwischen zwei Welten

Harold Jordan: Besuch aus der Hölle

Harold Jordan: Das Versprechen

Tajana: Ein Vorspiel in Paris

Cynthia: Zärtliche Entführung

Harold Jordan: Der Krieg beginnt

Cynthia: Die Einladung

Harold Jordan: Ein Winterspaziergang

Harold Jordan: Familientreffen

Cynthia: Heißer Schnee

Tajana: Dekadenz des Verbrechens

Harold Jordan: Der mörderische Mäzen

Cynthia: Ein teuflischer Plan

Cynthia: Eingesperrt

Harold Jordan: Feuer und Hass

Harold Jordan: Ausbruch des Bösen

Cynthia: Dem Teufel ausgeliefert

Harold Jordan: Am Ende der Rache

Epilog

Glossar

Literatur

Copright-Hinweise

Cover und Kapitelüberschriften unter Verwendung einer Lizenz von shutterstock.com; Covergestaltung, Grafiken, Montagen von Sidney Rose.

Cover:

Häuser: Library of Congress, Reproduction Number: LC-DIG-det-4a22977,»No known restrictions on publication.«

Klansmen: Library of Congress, Reproduction Number: LC-DIG-npcc-30454, » No known restrictions on publication. «

Schrift Vorderseite, Buchrücken: Copasetic NF Regular by Nick Curtis, 1001Fonts Free For Commercial Use,

Schrift Rückseite: Speedball No 2 NF Regular by Nick Curtis, 1001Fonts Free For Commercial Use,

Personen: bearbeitet unter Verwendung einer Lizenz von shutterstock.com : Stokkete / shutterstock.com Bildnr. 246824338, Olena Zaskochenko / shutterstock.com Bildnr. 132911828, magicinfoto / shutterstock.com Bildnr. 34763107, Olena Zaskochenko / shutterstock.com Bildnr. 133934231 (von oben nach unten)

Kapitel-Illustrationen:

Schrift: Speedball No 3 NF Regular by Nick Curtis, 1001Fonts Free For Commercial Use,

Alle Textrahmen: james weston / Shutterstock.com Bildnr.

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Unterer Abschluss je: tanais / Shutterstock.com Bildnr.

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Illustration Harold Jordan: Stokkete / Shutterstock.com Bildnr.

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Illustration Garçonne: Olena Zaskochenko / Shutterstock.com

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Illustration Cynthia: Olena Zaskochenko / Shutterstock.com

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Illustration Tajana: magicinfoto / Shutterstock.com

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Danksagung

Kein Sinnesorgan ist trügerischer als das Auge des Autors, das auf die eigenen Texte gerichtet ist. Deshalb gilt drei fleißigen Korrekturleserinnen großer Dank:

Bri, Elisa und Marlies kämpften sich tapfer durch den Text und wurden nicht müde, Fehler und Unlogisches aufzuspüren. Beim Umfang dieses Buches eine enorme Leistung!

 

Harold Jordan: Prolog zwischen Blut und Broadway

Eine widerspenstige, blonde Haarlocke fällt Esther in die Stirn und kitzelt meine Nase, während sie mir mit einem Kuss ihrer süßen Lippen beinahe die Luft raubt.

»Hal, ich werde warten! Pass auf dich auf, ich liebe dich!«

Ihre blauen Augen schimmern verdächtig, aber sie ist ein tapferes Mädchen. Wir haben beide schon viel durchgemacht, da werden wir auch den Krieg überstehen.

»Mein Darling, ich verspreche: Ich kehre zurück!«

Ich ziehe Esther fester in meinen Arm, atme ihren betörenden Veilchenduft und spüre den ungestümen Rhythmus ihres Herzschlages.

»Frisch verliebt, was?«, scherzt einer der anderen Soldaten der New Yorker Liberty-Division.

»Nein«, entgegnet Esther, »verheiratet, seit über einem Jahr!«

Ich muss lächeln, denn wir lieben uns wie am ersten Tag.

~

»Granate, Captain!«

Ich werfe mich nieder. Nasser Boden prasselt herab. Ich habe jedes Mal Angst davor, verschüttet zu werden und dadurch ein qualvolles Ende zu finden. Die deutschen Geschütze feuern aus allen Rohren. Der Soldat neben mir hat es nicht geschafft. Ich greife nach ihm und wühle in heißer Erde. Ein kleiner Fetzen eines Fotos schwebt herab: Er zeigt das lächelnde Antlitz einer hübschen Frau, die noch nicht weiß, dass sie ihren Soldaten nie mehr wiedersehen wird.

Schwarzes Dickicht der Argonnen, rot durchtränkt von den dampfenden Gedärmen unserer zerfetzten Jungs – den doughboys – wie man uns amerikanische Infanteriesoldaten nennt. Spätsommer 1918, Frankreich, unser Vormarsch gegen die schwerste Verteidigungslinie der Hunnen. Wobei das die harmlosere Bezeichnung für die deutschen Soldaten ist. Beim Anblick der Überreste der New Yorker, mit denen wir vor Monaten die lange Überfahrt von Camp Upton in dieses Land unternahmen, nennen wir sie Boche – Scheißdeutsche.

Viele von uns werden niemals nach New York zurückkehren. Die große Winterparade am Geburtstag von George Washington stellte für die Gefallenen nun ein Lebewohl dar. Der Schnee, der damals auf unseren stolz glühenden Gesichtern dahinschmolz, ist für diese Soldaten zu Abschiedstränen geworden. Ich bin ihr Captain und konnte meine Jungs trotzdem nicht vor ihrem grausamen Tod bewahren.

Die Luft scheint noch immer vom deutschen Geschützfeuer und der Explosion von Granaten zu vibrieren. Nach ihrem jüngsten Angriff gelang es uns, das letzte feindliche MG-Nest auszulöschen. Wir waten knöcheltief im hunnischen Blut, das sich in den Gräben sammelt.

Die harten Kerle aus der Lower East Side sind gemeinsam mit den Bubis aus Upper Manhattan gegen das mörderische Feuer angestürmt: rennend, schießend, sich in den Schlamm werfend, sterbend. Wer nicht in Stücke gerissen wurde, stürzte sich in die Verschanzung und feuerte so lange, bis von den deutschen Schützen nur noch ein zuckender Haufen blutender Leiber übrig blieb. Kein Boche, der nicht mindestens fünfzig amerikanische oder französische Kugeln im Körper hat.

Niemand von uns spricht ein Wort. Wir stechen die Bajonette in Herzen, Köpfe und Hälse der umherliegenden Hunnen und ich führe die kleine Einheit des 306. Infanteriebataillons über den Berg, der nach vielen Jahren deutscher Besetzung in unsere Hände gefallen ist. Die anderen dieser Brigade operieren an derselben Linie und hatten offensichtlich ebenfalls Erfolg, denn auch von dort ist kein feindliches Feuer mehr zu hören.

Wir rutschen den Hang hinunter, halten uns schussbereit und decken unseren Abstieg, denn keiner weiß, ob irgendwo noch mehr Truppen lauern. Doch niemand greift an. Hier unten ist es beinahe windstill, einzelne Vögel lassen ihr Lied erklingen.

Staunend stehen wir vor den deutschen Verschanzungen, die wohl über zwanzig Fuß tief in den Hang getrieben und an drei Seiten mit Baumstämmen verbaut sind. Die Vorderseiten ähneln gewöhnlichen, schmucken Holzhäusern mit Säulen und Geländern. Auf großen, geschnitzten Tafeln lesen wir die Namen ›Siegfrieds Ruh‹, ›Kriemhilds Heim‹, ›Waldhaus Martha‹.

Das Waldhaus war ein Biergarten. Halbgefüllte Gläser und nicht geleerte Teller stehen auf den Tischen. Die Notwendigkeit zur Flucht hatte die Hunnen wie ein Blitzschlag ereilt. Jahrelang haben sie hier gehaust und ihre Kampflinie ausgebaut.

Ich entdecke sogar eine Bibliothek. Diese künstliche Idylle, erschaffen aus dem Wunsch, auch im Krieg ein weitgehend ›normales‹ Leben führen zu können, wirkt gespenstisch. Die Sonnenstrahlen tasten sich bis weit in den Berg hinein und die kunstvollen Buchrücken schimmern mit goldenen Lettern. Hier gibt es nicht nur deutsche Klassiker, sondern darüber hinaus Bücher von englischen Autoren.

Eine zusammengesunkene Gestalt an einem der Tische wird von Fliegen umschwirrt. Der zerlöcherte Kopf liegt mit der Stirn auf ein Buch geneigt.

»Lasciate ogni speranza, voi ch’entrate! – Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!«, steht am oberen Ende der aufgeschlagenen Seite.

Das getrocknete Blut verdeckt die folgenden Verse. Der rechte Arm mit der Waffe in der Hand ruht auf dem Tisch. Dieser Offizier konnte nicht damit weiterleben, dass seine Zeit vorbei war – und richtete sich offensichtlich selbst.

Ja, wir treffen uns alle vor dem Höllentor wieder, ob Boche oder doughboy. Denn was wir getan haben, verwehrt uns den Eintritt in den Himmel. Ich las einmal irgendwo, dass am jüngsten Tag nur die Taten zählen werden, und die unterscheiden uns nicht von denen unserer Feinde.

~

»Captain Harold Jordan, bevor Sie die 153. Infanteriebrigade im Rahmen der Ausmusterung der 77. Division verlassen, müssen wir Ihnen eine furchtbare Nachricht überbringen. Ihre Ehefrau fiel gestern Nacht einem Gewaltverbrechen zum Opfer.«

Ein Rauschen überflutet meine Sinne wie eine riesige Ozeanwoge. Ich taumle gegen die Wand des Stabsoffice. Da habe ich die Hölle der Westfront überlebt, weil ich nur an mein Versprechen dachte, dass ich zu meiner geliebten Esther zurückkehren würde, und nun soll sie tot sein? Ermordet, mitten im Frieden?

Die Worte über Ehre und Heldenmut ziehen bedeutungslos an mir vorbei. Schweigend nehme ich ein paar Orden in Empfang, finde kaum Kraft, die mir entgegengestreckte Hand zu drücken.

~

Ich laufe wie hypnotisiert zu unserem Appartement in der 34sten Straße. Ein Stück Treppengeländer ist herausgebrochen, die Tür eingetreten. Auf dem Boden liegt einer der langen, etwa armdicken Pfosten, der anscheinend von aufgesogenem Blut dunkel gefärbt ist.

Die gesamte Wohnung wurde verwüstet, unsere Sachen liegen zertrampelt und zerschlagen überall verstreut. Ich will mich nach einem Foto bücken, auf dem ein schönes, glückliches Hochzeitspaar zu sehen ist, aber ich kann die unsichtbare Wand vor dieser vergangenen, verlorenen Welt nicht durchbrechen.

Mitten auf dem Teppich im Schlafzimmer ist alles voller angetrocknetem Blut. Hier muss es passiert sein. Die kleinen Kristalle ihrer zerrissenen Halskette funkeln wie verlorene Sterne aus dem widerlichen Dunkel der verkrusteten Flecken. Ich nehme nichts aus der Wohnung mit. Jeder Gegenstand, der ihr gehörte oder dem glücklichen Paar, das hier vor dem Krieg gelebt hat, würde mich nur aufs Neue in ein bodenloses Loch stürzen. Ich schleppe mich aus der Wohnung, sinke auf die Stufen und erstarre in Verzweiflung.

~

Wie viele Jahre sind vergangen?

Ich weiß es nicht.

Woher kenne ich dieses verrückte Mädchen, das sich mit ihrem bleichgepuderten Gesicht, den schwarzen Augen und dem tiefroten Mund in meine wenigen klaren Momente drängt?

Ich habe es vergessen.

Irgendwann werden meine Pausen zwischen Alkohol- und Kokainrausch länger. Ich erinnere mich jetzt, dass mich das Mädchen im Swift feet aufgelesen hatte, dem Lokal, wo ich immer noch abhänge. Ich war damals mitten im Gastraum zusammengebrochen. Sie warf mich nicht hinaus in den Schnee, sondern gewährte mir Asyl. Garçonne ist ein Gangster-Girl, Boss einer Mädchen-Gang, die geschmuggelten Alkohol – den bootleg liquor – liefert.

Sie lässt mich im kleinen Hinterzimmer des Lokals schlafen. Ich kann dem Wirt bei seiner Arbeit nicht helfen. Zum Ausschenken fehlt mir das Talent. Stattdessen sitze ich auf der Seite, die bedient wird. Ich gab Garçonne meine letzten Ersparnisse. Das wird reichen oder auch nicht.

Ich schlage den Kragen hoch und laufe draußen herum, zwischen Menschen, die ich nicht verstehe und die mir fern sind. Nach dem Krieg ist mir alles fremd geworden. Meine Kameraden sind entweder tot oder siechen in Sanatorien dahin. Einige leben in Dreckslöchern irgendwo im Bauche von New York – des Molochs Gotham. Wenige sind zu ihren Familien zurückgekehrt und die versuchen, alles möglichst schnell zu vergessen. Da will ich ihnen ganz gewiss nicht unter die Augen kommen, um alte Erinnerungen heraufzubeschwören.

So, wie die Sache aussieht, bleibe ich besser allein. Als ich die Tür zum Swift feet aufstoße, um meinen widerlich-nüchternen Zustand zu beenden, pralle ich mit ›Teddy Forth‹ zusammen. Er ist ein alter Freund aus meinem vorherigen Leben, als ich noch glücklich verheiratet war und als Rechtsberater und Spezialjournalist beim New York Herald gearbeitet hatte.

Der Junge hat es geschafft, den Krieg zu überstehen, ohne nur einen einzigen Schuss abgegeben zu haben. Als seine Einheit vom Einschiffungshafen in Brooklyn – dem NYPOE – abgehen sollte, wurde das Kriegsende verkündet. Teddys Timing war schon immer perfekt.

Ich weiß nicht warum, aber er will mich nicht aufgeben. Jede Woche bringt er mir etwas Material, zu dem ich recherchieren und dann einen kleinen Artikel schreiben soll. Oft bin ich nach einer Woche längst nicht fertig.

Ich versacke im Brandy, im Koks oder in beidem, liege berauscht im miefigen Dunkel des Hinterzimmers. Meine eigenen Versuche, die genauen Umstände des Mordes an meiner Frau in Erfahrung zu bringen, waren vollständig fehlgeschlagen. Alle offiziellen Anzeichen deuten auf einen Raubmord hin. In unserem Appartement gab es jedoch nichts zu holen. Vermutlich wurde deshalb aus Wut alles verwüstet, Esther vergewaltigt und getötet.

Der Täter stand fest: Der aus der Wohnung flüchtende Schwarze, der trotz Aufforderung nicht stehen geblieben und erschossen worden war, hatte das Blut meiner Frau an Kleidung und Händen. Es konnte nicht festgestellt werden, wer die Polizei verständigte. Je öfter ich über dieses Unglück nachdenke, desto mehr festigt sich mein Gefühl, dass hier eine riesige Schweinerei vertuscht werden soll. Der Schwarze war nämlich nicht irgendein bekannter Ganove, sondern der unbescholtene Sohn eines Chef-Aktivisten, der sich für die Rechte der Farbigen einsetzt – Clarence Ross!

Nachdem die offiziellen Ermittlungen eingestellt worden waren, suchte ich auf eigene Faust nach Spuren, hörte mich um. Aber nichts – gar nichts! Ab diesem Zeitpunkt gab es keinen Grund mehr für mich, meinen freien Fall länger hinauszuzögern.

Dieses Mal ist der Kokainrausch schmerzhaft. Ich habe Visionen vom Krieg, wie die Granaten neben mir einschlagen und diese verdammten Splitter ins Bein brennen. Was soll das? Ich will von Esther träumen, entfliehen in eine glückliche, verlorene Zeit!

Meine Finger tasten am Hosenbein entlang und fassen in etwas Warmes, Dickflüssiges. Dieser Traum gefällt mir nicht, er ist zu real. Ich stöhne und verliere das Bewusstsein.

»Doktor, seine Wunden sind aufgebrochen! Machen Sie doch was!«

Ich höre Garçonnes Stimme merkwürdig hohl und wie aus weiter Ferne. Ich werde auf eine Trage gehoben.

»Hey, Writer, mach bloß nicht schlapp! Du kommst jetzt in ein Hospital! Ich bin da, wenn du wach wirst!«

Ich spüre ihre Hand auf meiner heißen Wange, dann falle ich erneut in ein tiefes, schwarzes Loch.