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32 Postkarten - Post aus Nazi-Deutschland

Torkel S Wächter

32 Postkarten

Post aus Nazi-Deutschland

Das Schicksal einer deutsch-jüdischen Familie
aus Hamburg vor der Deportation

„Für Gustav und Minna sowie ihre Urenkel“

AUF DEM DACHBODEN STANDEN EINIGE UMZUGSKARTONS, die Briefe, Tagebücher, alte Aufsatzhefte, Zeitungsausschnitte und eine Zigarrenschachtel mit Schwarzweißfotografien enthielten. Erinnerungen aus einem siebzigjährigen Leben. In einer der Kisten lag zuunterst eine Plastiktüte mit 32 Briefkarten in alter deutscher Schreibschrift, die während des Zweiten Weltkrieges von Deutschland nach Schweden geschickt worden waren.

März 1940 – Dezember 1941

Postkarte 1

AM 29. MÄRZ 1940 schreibt Liesbeth Friebel ihrer Jugendliebe Walter Wächter. Der Anlass für ihre Briefkarte ist, dass Walter ihr geschrieben und mitgeteilt hat, er sei inzwischen mit einer anderen Frau verlobt.

Liesbeth und Walter haben sich seit einigen Jahren nicht mehr gesehen. Im März 1935 wurde Walter verhaftet und wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Seither sind sie brieflich in Kontakt geblieben. Seit Walters Haftentlassung ist er auf der Flucht gewesen und seinen Verfolgern mehrfach nur knapp entkommen. Die Kameraden, von denen Liesbeth in ihrer Briefkarte erzählt, wurden etwa zur gleichen Zeit wie Walter verhaftet und verurteilt.

Im März 1940 lebt Walter in einer Kommune im südschwedischen Schonen mit fünfzehn anderen jungen Männern und Frauen zusammen, die alle in der Landwirtschaft tätig sind, um sich auf ein Leben im Kibbuz vorzubereiten. Sie nennen sich plugat Hapatisch, Gruppe Hammer, und gehören zur schwedischen Sektion der linkszionistischen Organisation Hechaluz. Alle Mitglieder von Hechaluz warten auf so genannte Palästinazertifikate, die ihnen die Einreise in das britische Mandatsgebiet Palästina erlauben. Hechaluz hat Walter geholfen, aus Deutschland zu fliehen und illegal die Grenzen zwischen einer Handvoll Ländern zu überqueren, hat dafür gesorgt, dass er freigelassen wurde, wenn die Grenzpolizei ihn geschnappt hatte, und seine Fahrkarten, seinen Lebensunterhalt und ein Taschengeld gezahlt. Kurzum, Hechaluz hat ihm das Leben gerettet. Seine neue Frau, Erna Schwarz, ist ebenfalls Mitglied von Hechaluz und der Gruppe Hammer.

Liesbeths Briefkarte entbindet Walter von den Versprechen, die er ihr früher gegeben hat. Sie zieht einen Schlussstrich unter eine Sehnsucht, die ihn durch Jahre der Gefangenschaft und Flucht getragen und viele Male vor dem Aufgeben bewahrt hat. Gleichzeitig ist sie eine schmerzliche Erinnerung daran, dass er sich geirrt hat, die Barbarei hat sich als stärker erwiesen als die Liebe.