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3:2 Deutschland ist Weltmeister!

INHALT

VORWORT VON HORST ECKEL

WIR SETZEN UNS DURCH

VORBEREITUNGEN

VON SCHÖNECK NACH SPIEZ

DAS ERSTE TÜRKEN-SPIEL

STIMMUNGEN

8:3 FÜR UNGARN

DAS ZWEITE TÜRKEN-SPIEL

JUGOSLAWIEN ODER WIR

RIVALE ÖSTERREICH

DER HÖHEPUNKT

EMPFANG OHNEGLEICHEN

RUHM

SCHATTENSEITEN

FRITZ WALTER, DER GROSSE FUSSBALLER UND MENSCH

»WEISSER RABE« – »ROTER JÄGER« – DFB-EHRENSPIELFÜHRER

DIE FRITZ-WALTER-STIFTUNG

»Lieber Fritz, den gleichen Erfolg, den Sie als Kapitän unserer Elf bei der Weltmeisterschaft gehabt haben, wünsche ich Ihrem Buch.«

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»Hoffentlich stürmst du beim nächsten Länderspiel so gut, dass der Torwart in Ruhe dein Buch lesen kann!«

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»Lieber Friedrich, schreib du nur alles auf! Wenn es schwarz auf weiß steht, brauchen wir nicht mehr so viel erzählen.«

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»Du bist als Retter in der Not oft bei uns in der Hintermannschaft aufgetaucht. Hoffentlich tauchen wir Verteidiger gelegentlich auch in deinem Buch auf.«

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»Lieber Fritz, dass ich in der Nationalmannschaft spiele und in der Schweiz dabei sein durfte, verdanke ich Herrn Herberger und dir, meinem Lehrmeister. Deinem Buch wünsche ich guten Erfolg«

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Wenn allzu viele Erinnerungen auf dich einstürmen, dann hole mich! Ich stoppe alles!

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Nichts kann schiefgehen, wenn sich meine Wünsche für dein Buch so erfüllen wie unseren gemeinsamen Wünsche bei der Fußballweltmeisterschaft.

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»3:2« geht vollkommen in Ordnung, aber wehe, wenn du mich schlecht machst! In alter Freundschaft

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Denkst du noch an unseren Schlachtruf vor den Spielen: »Heut machen wir einen Wirbel!»? Es wäre schön, wenn du mit deinen Erinnerungen auch einen Wirbel machtest.

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Bruderherz, hoffentlich geht dein Buch so gut wie meine Tankstelle in den ersten Tagen nach der Weltmeisterschaft

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Ich finde es großartig, dass du das unvergessliche Erlebnis unserer Fußball-Laufbahn in einem Buch festhalten willst.

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VORWORT VON HORST ECKEL

»Ich habe den Fritz als Spieler und als Mensch verehrt«

Dass ich diese Worte über Fritz Walter sagen und schreiben darf, ist mir eine Ehre. Es liegt sicher nicht nur daran, dass ich mittlerweile der einzige noch Lebende der deutschen und ungarischen Spieler aus dem Endspiel vom 4. Juli 1954 in Bern bin, sondern es beschreibt auch unser eigenes Verhältnis. Als ich 1949 aus dem kleinen Vogelbach, wo ich immer noch mit meiner wunderbaren Frau Hannelore lebe, nach Kaiserslautern kam, um die große Welt des Fußballs zu erleben, da war ich 17. Und der große Fritz war 29. Und er hat mich an die Hand genommen – eigentlich von da an bis zu seinem Lebensende.

Mit 88 Jahren blicke ich auf ein glückliches Leben zurück, mit meiner Frau, unseren Töchtern Susanne und Dagmar. Dagmar hat vor einigen Jahren die Horst-Eckel-Stiftung gegründet, unter dem Dach des Deutschen Fußball-Bundes. Ich hatte da anfänglich meine Probleme, aber längst bin ich stolz darauf und dankbar dafür, wie klug meine Tochter in meinem Geiste diese Arbeit leistet, die jungen Menschen dienen soll. Dass ich 213 Spiele (mit 64 Toren) für meinen FCK machen durfte, 1951 und 1953 Deutscher Meister wurde, 32 Länderspiele erleben konnte und 1954 Weltmeister wurde, das ist so sehr ein Teil meines Lebens wie auch die Tatsache, dass ich bei Pfaff den Beruf des Mechanikers lernte, um Anfang der 1970er Jahre noch den Sprung zu wagen, in Trier ein Sportlehrer-Studium zu absolvieren. Es hat mich als Lehrer an die Realschule nach Kusel gebracht. Alles ist gut: die Familie, der Beruf, der Fußball, mein Leben.

Im April 2014 war ich zusammen mit Jenö Buzanszky, dem rechten Verteidiger der ungarischen Mannschaft von 1954 im »Hotel Belvédère« in Spiez am Thuner See. Dort waren wir deutsche Spieler 1954 im Quartier gewesen. 60 Jahre nach dem Spiel, dass vieles so sehr verändert hat, das die Ungarn, die Unschlagbaren dieser Jahre, in eine tiefe Depression trieb und uns Deutschen so viel Aufschwung gab, der weit über den Fußball hinaus wirkte. Mit Buzanszky hatte ich damals schon eine intensive Freundschaft, die bis zu seinem Tod im Jahre 2015 Bestand hatte. Er war damals der letzte der ungarischen Mannschaft, der noch lebte. Und wir wussten, dass auch unsere soziale Herkunft, er war Bergarbeiter im ungarischen Dorög, ich Mechaniker in der Pfalz, so etwas wie eine Klammer in unserer Verbindung war. In Spiez sprachen wir damals auch über unsere beiden Kapitäne: Ferenc Puskas, der ungarische, Fritz Walter, der deutsche. Beide waren sie Weltklassespieler in dieser Zeit, Puskas, der Weltenbürger, der seine großen Jahre bei Real Madrid noch erleben sollte, und Fritz Walter, der nichts mehr liebte als seine Pfalz, seinen FCK, seine Frau Italia.

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Freunde fürs Leben: Horst Eckel (rechts) und der ungarische Verteidiger Jenö Buzanszky bei einem Treffen 60 Jahre nach dem Finale von 1954.

»Puskas war wie ein Feldherr auf dem Platz. Er herrschte und führte – und er duldete keinen Widerspruch. Und verlieren konnte er überhaupt nicht. Aber er war genial und ohne ihn waren wir nur die Hälfte wert.« Buzanszky musste lachen bei der Beschreibung seines Mitspielers. Es war als würde er sechs Jahrzehnte alles zurückdrehen und noch einmal daran erinnern wollen, wie es im Juli 1954 in Bern war. Puskas konnte nicht verlieren, aber Ungarn verlor. Mehr als nur ein Spiel. Würde, Unantastbarkeit auf dem grünen Rasen, es war mehr geschehen als ein 3:2.

Fritz Walter war das Gegenteil. Er herrschte nicht auf dem Platz, er überzeugte mit seiner Spielkunst, die die anderen in der Mannschaft ansteckte. Er war sensibel und manchmal musste er aus einem Tief herausgeholt werden, etwa von seinem Bruder Ottmar. Fritz und Puskas, das waren zwei Welten. Was sie miteinander verband, das war allein die Kunst des Spiels.

Als ich nach Kaiserslautern kam, da hatte ich weiche Knie und ein beklemmendes Gefühl vor der ersten Begegnung mit Fritz Walter und all den anderen, die ich aus der Ferne bewundert hatte. Es dauerte einen Tag, ein Training und da wusste ich, dass sie mich nicht danach bewerteten, woher ich kam und wer ich war, sondern allein daran, ob ich Fußball spielen konnte. In Vogelbach war ich ein Torjäger, davon hatten sie beim FCK schon eine Menge. So rutschte ich nach hinten, musste mich anstellen auf dem Weg nach vorne. Außenläufer wurde ich und was war das für ein Glück für mich. Ein Außenläufer aus Vogelbach wurde Fußball-Weltmeister.

Ich habe oft, auch mit meiner Familie, darüber gesprochen, was ich alles Fritz Walter zu verdanken habe. Wie oft wohl hat er bei Richard Schneider, unserem FCK-Trainer, und dann bei Bundestrainer Sepp Herberger ein gutes Wort für mich eingelegt. Wäre ich ohne ihn überhaupt Nationalspieler geworden? Hätten mein Fleiß, meine Begabung ohne Fritz ausgereicht? Über die Antwort ist die Zeit längst hinweggegangen und der Fritz hätte diese Frage ohnehin abgetan mit der Bemerkung »Alles was Du erreicht hast, das hast Du Dir allein zu verdanken.« Und schmunzelnd hätte er hinzugefügt, dass es gut war, wenn ich genau hingesehen habe, wie er, der Fritz, und die anderen, der Ottmar, der Liebrich und der Kohlmeyer und alle die Großen beim FCK es gemacht haben.

1958 habe ich mit Fritz Walter auch noch die Weltmeisterschaft in Schweden gespielt, wo wir Vierter wurden. Und wieder war da ein Siebzehnjähriger, der die Welt des Fußballs verzaubern sollte: Edson Arantes do Nascimento, den die Fußballwelt Pelé nannte und zu ihrem Allergrößten kürte. Auch er wurde ein Freund von Fritz Walter und auch ich habe ihn kennengelernt.

Für die Egidius-Braun-Stiftung durfte ich dem Fritz folgen, um in Justizvollzugsanstalten zu gehen, und mit den Menschen dort zu sprechen. Ich wusste, wie wichtig dem Fritz die Begegnungen dort waren. Und natürlich wurde ich ein Teil der »Fritz-Walter-Stiftung«. Alles, was von ihm ausging, habe ich als junger Fußballer aufgesogen, später konnte ich ein Teil seines Erbes werden. Es war alles vollkommen und ist es immer noch.

Die gut 26 Kilometer von Vogelbach bin ich damals oft genug mit dem Fahrrad gefahren. Das war ein Teil meines Trainings. Es hat sich alles gelohnt. Ich kam zum FCK und zu Fritz Walter. Ich weiß nicht, ob es das heute noch gibt, dass ein Mitspieler zugleich das Idol sein kann. Womöglich hatten wir damals weniger Auswahl. Aber es genügte, dass Fritz Walter da war. Ich habe ihn als Spieler und als Mensch verehrt. Keine Begegnung mit ihm möchte ich missen.

Vogelbach, im Frühsommer 2020

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WIR SETZEN UNS DURCH

»Schalt’ dein Kofferradio ein, Fritz, ich kann nicht schlafen!«

Hellwach taste ich nach dem Knopf; auch ich habe noch kein Auge zugetan. Dabei ist es vier Uhr früh. Aber was für ein Tag liegt hinter uns! Ein Tag, der uns das Unwahrscheinlichste, das nie Erwartete gebracht hat – die Fußball-Weltmeisterschaft.

Irgendein Sender überträgt noch Tanzmusik.

Helmut Rahn, der seit Wochen im Spiezer Hotel »Belvédère« Zimmer Nr. 303 mit mir teilt, dreht sich mit einem Ruck zu mir hin:

»Mensch, Fritz, ich kann und kann es einfach nicht glauben! Weißt du noch, mit welchem Bammel wir in die Schweiz gefahren sind?«

»Du wirst sehen, morgen stellt sich heraus, dass wir alles bloß geträumt haben!«

»Aber ich bin doch hellwach!« schreit Helmut so laut, dass ich erschrocken hochfahre. Mit beiden Beinen strampelt er seine Decke weg, springt aus dem Bett, schlägt einen Salto und liegt auch schon wieder in den Federn.

»Siehst du, ich träum’ doch nicht, Fritz! Wir haben wirklich die Ungarn weggeputzt!«

Schade – jetzt ist Schluss mit der Tanzmusik. Auf meinem Apparat bring’ ich nichts mehr her. Es ist sechs Uhr morgens.

»Vielleicht können wir doch noch ein bisschen schlafen«, gähne ich, und tatsächlich fallen uns vor Übermüdung die Augen zu. Plötzlich bin ich wieder wach. Ich greife nach der Uhr. Es ist sieben. Auch der stabile Helmut Rahn starrt schon wieder die Decke an. Vergeblich versuchen wir eine Viertelstunde lang, nochmals einzuschlafen. Es ist aussichtslos.

»Sieh mal raus, was für Wetter ist! Am besten machen wir einen Kopfsprung in den Thuner See.«

»Nichts zu wollen, Fritz draußen ist es trostlos!« Und weil der »Boss«, wie Helmut Rahn bei uns heißt, nun schon auf dem Balkon steht, gibt er an diesem letzten Morgen in Spiez noch einmal mit voller Lautstärke seine Essener Marktfrau zum besten:

Prima schnittfeste Tomaten, Leut’!

Die prima Oma-Lutsch-Birnen für zahnlose Großmütter!

1 a Rotkohl, Weißkohl, Wirsing, Spinat!

Wenn keiner kommt, dann leckt mich am …

Leute, ich bin das Leben leid, heut wird die Ware verschenkt!

Aaa sch—on wieder einer da!

Prima schnittfeste Tomaten!

Ich liege im Bett und lache, lache, bis mir die Tränen kommen.

Wie oft hab ich mich während der drei Wochen in der Schweiz über den Boss und seine urwüchsigen, jungenhaften Kraftausbrüche gefreut! Schmerzlich durchfährt mich der Gedanke, dass es nun bald aus ist mit dem kameradschaftlichen Zusammensein. Aus mit den unvergesslichen Tagen, die uns menschlich einander so nahe gebracht haben.

Als wir im Frühstückszimmer Platz nehmen, sind die meisten anderen schon da, nicht nur die Frühaufsteher. Niemand hat richtig schlafen können in dieser Nacht. Der Toni, der Max, der Jupp – sie alle sind von ihren Gedanken bestürmt worden und von ihren Erinnerungen. Ist das nicht ganz natürlich? Haben wir denn überhaupt schon begriffen, was in diesen Tagen und Wochen geschehen ist?

Wir sind Fußball-Weltmeister 1954!

Spreu oder Weizen?

»Wenn ihr nicht besser spielt, braucht ihr erst gar nicht in die Schweiz zu fahren!«

So scharf schießen 1953 unsere Kritiker. Leider nicht ganz zu Unrecht. Bei den Ausscheidungsspielen, die wir zu absolvieren haben, sind die Leistungen der deutschen Nationalmannschaft alles andere als eindrucksvoll. Ehrlich gesagt, denke ich nur ungern an die zermürbenden Vorpostengefechte zurück, die uns den Weg in die Schweiz frei machen.

36 Länder haben sich zur Teilnahme an der V. Weltmeisterschaft der FIFA, des Internationalen Fußballverbandes, gemeldet. Nur sechzehn Mannschaften aber sollen nach dem Plan des Organisationskomitees in der Schweiz um die höchste Fußballtrophäe, den Coupe Rimet, kämpfen. Es muss also vorgesiebt werden. Die 36 Konkurrenten teilt man in dreizehn Qualifikationsgruppen ein, deren jeweiliger Sieger die Fahrkarte in die Schweiz erhält. Nur bei der Gruppe III (England, Schottland, Irland, Wales), die traditionsgemäß für besonders stark gehalten wird, darf auch der Zweite mitfahren. Auf diese Weise sollen die vierzehn Besten ermittelt werden. Zwei Teilnehmer stehen von Anfang an fest: Uruguay als Titelverteidiger und die Schweiz als Gastgeber.

»Ich möchte wetten, dass wir mit dem Saarland in eine Gruppe kommen!« sage ich zu Bundestrainer Herberger. Die Wette hätte ich glatt gewonnen: die Organisatoren der Weltmeisterschaft stecken uns zusammen mit der Saar und Norwegen in die Ausscheidungsgruppe I.

»So ein Dusel!« frohlocken die Optimisten. Ich habe über die »leichte« Gruppe I meine eigene Meinung. Noch in jedem Länderspiel ist die Saarmannschaft über sich selbst hinausgewachsen. Obwohl sie praktisch nur aus Spielern des 1. FC Saarbrücken besteht, wäre es kurzsichtig, ihre Leistungen wie die einer Vereinsmannschaft einzuschätzen. Zumal Helmut Schön, der Trainer des Saarländischen Fußballverbandes, seine Elf seit Monaten intensiv auf die Ausscheidungsspiele zur Weltmeisterschaft vorbereitete. Und Norwegen? Es ist seit eh und je unser Angstgegner, der uns 1936 beim Olympischen Fußballturnier in Berlin mit Pauken und Trompeten ausgebootet hat.

Trotzdem ist Deutschland in Gruppe I eindeutiger Favorit. Die Saar und Norwegen haben als Außenseiter nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen.

»Ihr müsst es schaffen! Ihr müsst es schaffen!« Wie uns dieser Imperativ, dieses leichthin gesagte »muss« im Magen liegt!

Am 18. Juli 1953 bringt der Postbote den erwarteten Brief mit dem Absender »Seppl Herberger, Hohensachsen an der Bergstraße«. Jeder, der für ein Länderspiel vorgesehen ist, wird vom Bundestrainer benachrichtigt:

»Liebe Kameraden!

Die neue Spielzeit ruft. Für unsere Nationalmannschaft setzt sie gleich mit vollen Akkorden ein. Am 19. August spielen wir in Oslo gegen Norwegen. Es geht um die Teilnahme an der Weltmeisterschaft …«

Allen Empfängern legt der »Chef«, wie wir Herberger unter uns nennen, nahe, sich durch die Vereinsspiele und entsprechendes Training in gute Kondition zu bringen. Ihm bleibt nichts anderes übrig als dieser erste Appell an das sportliche Gewissen jedes einzelnen. Bedingt durch die Verhältnisse im deutschen Fußball können wir uns immer nur wenige Tage vor einem Länderspiel treffen. Es ist klar, dass wir deshalb die nötige Form schon mitbringen müssen. Jedem seiner Pappenheimer schreibt der Chef noch ein paar spezielle Worte. Er weist auf individuelle Schwächen hin und gibt zugleich Ratschläge, wie sie am besten zu beheben sind.

Gleichzeitig kommt der offizielle Bescheid von der Geschäftsstelle des DFB, des Deutschen Fußballbundes in Frankfurt. Demnach gehöre ich zur vorgesehenen Mannschaft gegen Norwegen, die sich vor dem Abflug in Malente, der Sportschule des Schleswig-Holsteinischen Fußballverbandes, trifft.

Am 19. August 1953 spielen wir im Osloer »Ulleval«-Stadion gegen die Norweger. Sie stehen bereits mitten in ihrer Fußballsaison, haben die Höchstform erreicht und sind überraschend stark. Unser letztes Länderspiel war vor fünf Monaten. Wir sind zudem durch die unmittelbar zurückliegende Sommerpause aus dem Tritt geraten. Obwohl wir in der Besetzung: Turek; Retter, Kohlmeyer; Eckel, Posipal, Schanko; Rahn, Morlock, O. Walter, F. Walter, Schäfer antreten, kommen wir gegen die Skandinavier nicht zum Zug. Kurz vor der Halbzeit wird Schäfer verletzt und durch Pfaff ersetzt. Der 21-jährige norwegische Torwart Asbjörn Hansen hält die schwierigsten Schüsse. Nur ein einziges Mal lässt er den Ball passieren. Dieses Tor, von mir geschossen, bringt uns den 1:1-Ausgleich, und wir müssen froh sein, mit dem Unentschieden wenigstens einen Punkt gerettet zu haben. Ziemlich belämmert ziehen wir ab. Deutschlands Fußballfreunde und wir selbst sind keineswegs mit unserer Leistung zufrieden, zumal die Saar im Juli Norwegen auf demselben Platz 3:2 geschlagen hat. Die Sorgenfalten auf der Stirn unseres Chefs wollen nicht mehr verschwinden.

Als wir nach dem Rückflug wieder in Hamburg landen, regnet es in Strömen, und grau wie das Wetter ist unsere Stimmung. Wir flüchten in den bereitstehenden Omnibus und fahren auf dem schnellsten Weg ins Hotel. Noch am gleichen Abend reisen wir nach einem hastigen Essen sang- und klanglos in unsere Heimatorte ab. Eines steht für Herberger und für uns nach diesem 1:1 fest. Das Spiel gegen die Saar muss wohl besser werden!

Es findet am 11. Oktober 1953 im Stuttgarter Neckar-Stadion statt. Obwohl die Saar bei diesem wichtigen Ausscheidungsspiel in prächtiger Form antritt, geht die deutsche Elf (Turek; Retter, Erhardt; Mai, Posipal, Gottinger; Rahn, Morlock, Schade, Metzner, Schäfer) als klarer Favorit auf den Platz, um praktisch gegen den 1. FC Saarbrücken anzutreten, der nur durch Clemens von Saar 05 verstärkt ist. Wie Ottmar und Kohlmeyer bin ich verletzt und sehe das Spiel von der Tribüne aus. Unsere Mannschaft, bei der Gottinger angeschlagen und durch Eckel ersetzt wird, tut sich schwer, gegen die unerschrocken und schwungvoll angreifenden Saarländer einen 3:0-Sieg zu erringen.

Das Resultat entspricht nicht unbedingt dem Spielverlauf. Dem Stuttgarter Treffen fehlt die große Linie, nur selten kommt unsere Elf zu einer harmonischen Zusammenarbeit. »Kein Grund zum Optimismus!« schreiben die Kritiker nach diesem Spiel. Unsere Chancen für die Schweiz schätzen sie nicht allzu hoch ein, auch wenn wir jetzt mit 3:1 Punkten vor dem Saarland (2:2) und Norwegen (1:3) in der Qualifikationsgruppe I führen. Einmütig erneuern wir das Versprechen, das wir uns in Oslo gegeben haben: Das nächste Spiel muss besser werden!

Die letzten Hürden

Das zweite Treffen mit Norwegen – im weiten Oval des neuen Volkspark-Stadions – ist für Hamburg das erste Länderspiel nach 13-jähriger Pause. Die schöne, alte Hansestadt gibt ihm einen entsprechend großartigen Rahmen.

Turek steht auch heute in unserem, Hansen wieder im Norwegertor. Retter und Kohlmeyer verteidigen, Eckel und Mai sind Außenläufer, der Hamburger Jupp Posipal spielt vor heimischem Publikum Stopper. Rahn, Morlock, O. Walter, F. Walter und Herrmann stürmen. Im Rahmen der Ausscheidungskämpfe für die Schweiz kommt es an diesem 22. November 1953 zum ersten Mal zu einer geschlossenen Mannschaftsleistung unseres Teams, wenn auch das Zusammenspiel erst in der zweiten Halbzeit auf vollen Touren läuft.

Die Norweger sind zähe Gegner. Bis zur Pause können sie ein 1:1 halten. In der letzten halben Stunde kommen 75.000 Zuschauer voll und ganz auf ihre Kosten. Wir Stürmer haben eine guten Tag und erzielen noch vier Treffer. Ich feiere ein Jubiläum und schieße mein 25. Länderspieltor. Nach diesem eindeutigen 5:1 ist Norwegen endgültig aus dem Kampf um den Gruppensieg ausgeschaltet. Wir brauchen beim Rückspiel gegen die Saar nur ein Unentschieden, um in die Schweiz zu kommen.

Die nach einem Spiel übliche Tasse Kaffee schmeckt uns an diesem Tag schon besser, wenn wir auch traurig darüber sind, dass Max Morlock erheblich verletzt worden ist. Kaum haben wir uns umgezogen, ruft uns Herberger vor der Fahrt zum offiziellen Bankett noch einmal zusammen. Neben ihm steht der Vertreter einer Schweizer Firma, der jedem Spieler eine Uhr überreichen soll.

»Alle Mannschaften, die sich für die Schweiz qualifizieren, bekommen von uns solche Uhren«, sagt er.

Vorschusslorbeeren? Uns ist nicht ganz wohl dabei. Noch steht das zweite Spiel gegen die Saar aus, das erst am 28. März 1954 stattfinden wird. Wir nehmen die Uhren trotzdem – zurückgeben können wir sie ja immer noch. Dass wir uns später mit den Geschenken auf Reklamefotos wiedersehen, na ja, das ist eine andere Geschichte.

Der Chef glaubt nicht daran, dass wir die Uhren wieder abliefern müssen. Obwohl wir den letzten für den Gruppensieg erforderlichen Punkt noch nicht in der Tasche haben, denkt er bereits an unser Quartier in der Schweiz. Er setzt sich mit Albert Sing in Verbindung, mit dem ich von 1940 bis 1942 in der deutschen Nationalmannschaft gespielt habe, und der heute Spielertrainer bei Young Boys Bern ist. Zusammen besichtigen sie verschiedene Quartiere, die von der Schweiz als Unterkunft für die zu erwartenden Mannschaften vorgeschlagen sind. Sing empfiehlt Herberger besonders Spiez am Thuner See, und vorsorglich belegen sie dort im »Belvédère« Zimmer für uns. Wieder zu Hause, schwärmt der Bundestrainer: »Ein wunderbares Hotel direkt am See, mit großem Garten und Liegestühlen, mitten in einer herrlichen Berglandschaft! Und Kahn fahren könnt ihr jeden Tag!«

Herberger soll die Zimmer nicht umsonst bestellt haben! Der Weg nach Spiez führt über Saarbrücken.

Wenige Minuten vor dem Rückspiel gegen die Saar herrscht in unserer Kabine der übliche Trubel. Einer wird massiert, der andere lässt sich eine Bandage anlegen. Die Schuhe werden noch einmal nachgesehen und der Chef gibt die letzten Anweisungen:

»Passt vor allem auf, dass ihr in der ersten Viertelstunde kein Tor ’reinkriegt! Vergesst die Deckung nicht!«

»Wär’ doch gar nicht so schlimm, wenn wir verlieren«, sagt einer im Spaß, »dann kommen wir wenigstens noch ein paar Tage nach Paris!«

An der Seine, auf neutralem Boden, würde nämlich ein Wiederholungsspiel stattfinden, wenn wir in Saarbrücken verlieren und dadurch mit dem Saarland punktegleich werden sollten.

»Besser, wir gewinnen heut!« meint ein Vorsichtiger, »nach Paris fahren wir lieber ein andermal. Drei Wochen Spiez sind auch nicht zu verachten, was meint ihr?«

Mein Anteil am 3:1-Sieg von Saarbrücken, der uns an diesem 28. März 1954 endgültig die Fahrkarte nach der Schweiz sichert, bleibt gering. Eine vierzehn Tage alte Verletzung ist gerade erst ausgeheilt. Zehn Minuten nach dem Anpfiff habe ich erneut Pech – Muskelriss! Ich humple noch kurze Zeit herum und überlasse dann Ottmar meinen Platz (in diesen Ausscheidungskämpfen darf im Fall einer Verletzung bis fünf Minuten vor der Pause ein Mann ersetzt werden).

Auf dem Spielfeld stehen also: Turek; Retter, Kohlmeyer; Posipal, Liebrich, Schanko; Rahn, Morlock, O. Walter, Röhrig und Schäfer. In der Halbzeit liegen sie 1:0 im Vorteil, aber sie spielen verkrampft und voller Komplexe. Deutlich spürt man, wie dieses »Ihr müsst gewinnen!« ihre Aktionen beeinflusst. Ehrlich muss man anerkennen, dass die Saarländer lange Zeit einen besseren Eindruck machen als die deutsche Elf. Den 3:1-Sieg verdanken wir letzten Endes unserer größeren Routine. Trotzdem ist nach dem Spiel die Freude groß. Wir sind Sieger in der Ausscheidungs-gruppe I:

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Der Weg in die Schweiz ist frei!

»Hals- und Beinbruch!« wünschen uns neidlos Helmut Schön und seine Mannschaft. »Wir halten euch die Daumen!«

Offensichtlich haben sie ihr Versprechen eingelöst. Dass ihre Daumendrückerei jedoch einen so durchschlagenden Erfolg bringen soll, können sie nicht voraussehen.

»Die Spiele gegen euch waren halt doch die schwersten!« sagte ich gutgelaunt, als uns die Saarmannschaft mit ihrem Trainer einen Tag nach dem Endspiel in Spiez aufsuchte, um uns begeistert zur Weltmeisterschaft zu gratulieren.

In sechs Wochen kommen wir wieder

Das 31. Länderspiel zwischen der Schweiz und Deutschland, das am 25. April 1954 zur Einweihung des Baseler St.-Jakob-Stadions ausgetragen wird, steht in keinem Zusammenhang mit der Weltmeisterschaft. Es gilt aber beiden Teams als Generalprobe für die Kämpfe um den Coupe Rimet. Wenn die Generalprobe klappt, geht die Premiere daneben! sagt man beim Theater. Das gilt – toi-toi-toi – hoffentlich nicht für den Fußball!

Der deutsche Sturm kombiniert in den ersten 45 Minuten dieses Spiels hervorragend. Die ganze Mannschaft – das kann man ruhig behaupten – zeigt eine erfreuliche Leistung. Beim Halbzeitpfiff führen wir bereits 4:0. Der klare Vorsprung verleitet uns leider in der zweiten Spielhälfte zu allzu früher Sorglosigkeit. Erst als die Schweizer auf 4:2 herankommen, reißen wir uns wieder richtig zusammen und schießen ein fünftes Tor. Allerdings müssen wir in den letzten Minuten auch noch eins einstecken. 5:3 steht es also! Dieses Resultat kühlt die anfängliche Begeisterung zwar merklich ab, wir aber wissen zum ersten Mal wieder aus voller Überzeugung, dass doch noch etwas in uns steckt. Mehr jedenfalls, als wir in den Ausscheidungskämpfen gezeigt haben. Und das Bewusstsein der eigenen Kraft ist bekanntlich viel wert.

In diesem Spiel vollzieht sich Erich Retters trauriges Geschick. Unser Standardverteidiger erleidet eine so schwere Meniskusverletzung, dass er für die Weltmeisterschaft ausfällt. Ein harter Schlag für ihn, der bei allen vier Ausscheidungskämpfen dabei war, ein harter Schlag auch für uns.

VORBEREITUNGEN

Die Weltmeisterschaft rückt immer näher. Da sagt Herberger eines Tages zu mir:

»Was halten Sie davon, Fritz, wenn wir alle einmal ohne Training und ohne Probleme irgendwo zusammenkämen? Meinen Sie nicht auch, dass uns das gut tun würde?«

»Sie wollen unseren seelischen Akku aufladen?« frage ich.

»Wenn Sie es so nennen wollen! Leider Gottes sind unsere Nationalspieler ohnehin viel zu selten beieinander.«

Unverdrossen macht er sich auf, einen geeigneten Ort zu suchen. Schließlich fällt seine Wahl auf Obertal bei Baiersbronn im Schwarzwald. Von der Sportschule Schöneck des Badischen Fußball-Verbandes ist es mit dem Omnibus leicht zu erreichen. Der Chef hat eine gute Nase gehabt: in einem erstklassigen Haus werden wir liebevoll aufgenommen. Die Kurgäste kann man jetzt im April noch an einer Hand abzählen. Wir sind also ganz unter uns. Im Speisesaal rücken wir die Tische an die Wand, um Platz zum Tischtennisspielen zu haben. Wir liefern uns erbitterte Kämpfe um Buchpreise, die Herberger gestiftet hat. Sehr beliebt sind auch Turniere auf dem Miniaturgolfplatz. Über Felder mit phantasievoll gestalteten Hindernissen muss ein Ball durch möglichst wenig Schläge zum Ziel getrieben werden. In den ersten Tagen brauchen wir 46, 47, ja 49 Schläge, am letzten Tag stelle ich mit 32 einen neuen Rekord auf.

Bei gemeinsamen Spaziergängen genießen wir die gesunde Schwarzwaldluft in vollen Zügen. Sorglos leben wir in den Tag hinein. Vom Fußball wird wenig geredet. Nur Maxl Morlock sagt vor der Heimfahrt etwas, was er besser nicht so laut gesagt hätte:

»Am Sonntag schlagt ihr« – er meint uns Kaiserslauterer – »in Stuttgart die Kölner, und eine Woche drauf macht ihr zum dritten Mal den Deutschen Meister!«

»Wenn du nur recht hättest, Maxl!«

Das mit dem »dritten Mal« ist uns ja dann auch gründlich daneben gegangen …

Rückblickend kann ich behaupten, dass uns die fünf Tage von Obertal mit einem hübschen Quantum Sorglosigkeit und Unternehmungsgeist für die Schweizer Reise verproviantiert haben. Schade, dass ein paar der Weltmeisterschaftskandidaten aus beruflichen Gründen nicht abkömmlich waren.

Kreuzfidel steigen wir in den Bus, der uns zurück nach Schönbeck bei Karlsruhe bringt.

Herbergers Hochglanzpolitur

Am 26. Mai 1954 treffen wir uns in München-Grünwald. Hierher, in die vorbildlich eingerichtete Sportschule des Bayerischen Landessportverbandes, hat der Bundestrainer 28 Spieler berufen. Aus vierzig Mann, die schon vor Wochen dem Organisationskomitee der FIFA zu melden waren, sind sie ausgewählt. Aber der Kreis muss noch enger gezogen werden, denn nur 22 Mann dürfen endgültig – letzter Termin ist der 6. Juli – für die Schweiz nominiert werden. Erst am Schluss des Lehrganges wird der Chef bekanntgeben, wen er – sicherlich schweren Herzens – zurücklässt.

Von den Vereinen fordert Herberger dringend, die nach Grünwald geladenen Spieler ab 23. Mai, dem Tag des deutschen Endspiels, für den Lehrgang freizugeben. Die in Frage kommenden Klubs sind dem Prestige des deutschen Fußballsports zuliebe einverstanden – teilweise unter erheblichen Opfern, denn sie verzichten ja damit auf ihre bekanntesten und zugkräftigsten Spieler. Ohne sie gewinnbringende Privatspiele abzuschließen, ist natürlich sehr schwer. Das trifft vor allem für den 1. FC Kaiserslautern zu, der gleich fünf Mann wochenlang hergeben muss.

Nun, die Freigabe seiner Kandidaten für den Grünwalder Lehrgang hat Herberger erreicht. Leider muss er in Kauf nehmen, dass einige der 28 Mann vor dem Stichtag verletzt wurden und mehr oder weniger angeschlagen in Grünwald erscheinen. Pechvogel Jupp Posipal zum Beispiel ist ausgerechnet am 23., wenige Minuten vor Spielschluss, erheblich am Knöchel verletzt worden. Auch Baumann vom 1. FC Nürnberg hat noch etwas abbekommen, und Karl Mai aus Fürth klagt über eine Entzündung am Wadenbein. Unser Masseur Deuser hat während der ersten Tage in Grünwald alle Hände voll zu tun.

Als Max Morlock mir zur Begrüßung die Hand schüttelt, kann ich nicht umhin, ihn an seine Prophezeiung zur Deutschen Fußball-Meisterschaft zu erinnern:

»Na, Maxl, was sagst du nun?«

»Da kannst halt nix macha, Fritz!« erklärt er in unerschütterlich bayerischer Ruhe. »Ich hab’ hundertprozentig mit euch gerechnet.«

Hundertprozentig? Was will das beim Fußball schon heißen?

In den Spielen um die Gruppenmeisterschaft der Oberliga Südwest hatte der 1. FCK einen hartnäckigen Gegner: Pirmasens! Mit 4:0 wurden wir im allerletzten Spiel auf eigenem Platz schließlich Meister. Und wieder kamen wir im Kampf um die »Viktoria« gleich in die schwerste Gruppe – ausgerechnet mit unseren Gegnern vom Jahr zuvor, dem 1. FC Köln und Eintracht Frankfurt. Wir wussten, wie stark beide Mannschaften sind, und gingen entsprechend belastet in die Spiele. In Köln gegen Frankfurt und in Stuttgart gegen Köln haben wir es schließlich geschafft und kamen glücklich ins Finale. Unser Endspielpartner aber war nicht der VfB Stuttgart, wie erwartet, sondern das starke und ehrgeizige Hannover 96.

In der ersten Halbzeit des Hamburger Endspiels gab uns das Führungstor gleich am Anfang guten Auftrieb. Aber schon mit dem Ausgleichstreffer der Hannoveraner, der mit dem Halbzeitpfiff fast zusammenfiel, spürten wir das Unheil nahen. Wir haben in der Pause fast gar nichts geredet.

»Heute geht’s schief!« Keiner hat es ausgesprochen, aber es lag einfach in der Luft.

Mit dem zweiten Tor, ausgerechnet einem Eigentor von Kohlmeyer, war das Spiel praktisch verloren. Eine Depression ergriff uns, die mit dem tatsächlichen Kräfteverhältnis beinahe nichts mehr zu tun hatte. Unfähig, bis zum Letzten zu kämpfen, war es uns fast egal, ob es 4:1 ausging oder 5:1. Für uns schien nichts mehr drin zu sein in diesem Spiel. Aber wir waren – glaub’ ich – anständige Verlierer, haben nicht versucht, durch Härten oder Unsportlichkeiten den Sieg der Hannoveraner zu vereiteln. Mit fliegenden Fahnen sind wir untergegangen, und unser Glückwunsch für den hervorragend spielenden Rivalen kam aus vollem Herzen.

Toni Turek, der mit seinem Klub Fortuna Düsseldorf auf Tournee in Amerika war, ist gerade einen Tag vor dem Endspiel wieder in Hamburg eingetroffen. Er hat unsere Niederlage miterlebt.

»Trotz allem herzlichen Glückwunsch!« sagt er, als er mir in Grünwald gegenübersteht.

»Du willst mich wohl veräppeln?«

»Keineswegs! Was meinst du, wie viele Vereine in Deutschland froh wären, an eurer Stelle zu sein. Einmal im Endspiel zu stehen, auch wenn sie dann verlieren.«

Hat der Toni nicht recht? Trotzdem vergehen noch ein paar Tage, bis ich im Kreis der Kameraden meine Niedergeschlagenheit ganz überwinde.

Hier in Grünwald kommt es unter allen Umständen darauf an, uns für die Weltmeisterschaftskämpfe in beste Form zu bringen. Für Herberger steht fest, dass in der Schweiz zwischen den einzelnen Spielen nicht mehr allzu scharf trainiert werden kann. Zwischen einem Sonntags- und einem Mittwochspiel werden wir genug damit zu tun haben, unsere Kondition zu halten. Die Grundlage für die körperliche Verfassung der einzelnen Spieler soll deshalb dieser Lehrgang schaffen, für den der Chef ein exaktes Programm ausgearbeitet hat.

Normalerweise stehen wir um halb acht Uhr auf, frühstücken gemeinsam und gehen anschließend in den Lehrsaal zum theoretischen Unterricht.

Wir diskutieren über Stärken und Schwächen anderer Mannschaften, in erster Linie aber kehren wir selbstverständlich vor unserer eigenen Tür und beraten, wie die harmonische Zusammenarbeit der deutschen Nationalelf noch verbessert werden kann.

Zweimal sehen wir den Film vom 3:6-Spiel England – Ungarn in London, bei dem die Briten bekanntlich erstmalig in ihrer Fußballgeschichte auf eigenem Boden geschlagen wurden. Während der Vorführung weist uns Herberger auf alle taktischen Finessen hin, besonders aber auf die Tatsache, mit der die Engländer bei diesem Spiel und beim 7:1-Rückspiel in Budapest nie fertig geworden sind: Hidegkuti als ungarischer Mittelstürmer pendelt zurückgezogen weit hinten und lauert nicht stur vorn wie ein englischer Centerfor. Obwohl der Kommentator des Films englisch spricht, kennen wir ihm die Verwunderung darüber deutlich an.

»Schauen Sie, Jupp«, sagt Herberger zu Posipal, »wo der Hidegkuti ’rumläuft! Der englische Stopper bleibt jetzt da hinten, statt ihm wie ein Schatten zu folgen oder wenigstens einen Außenläufer zur Deckung hinzuschicken.«

»Und das, meine Freunde, ist der berühmte Major Puskas!«

Wir wissen, dass wir bei der Weltmeisterschaft einmal mit ihm zusammentreffen werden, denn Ungarn gehört wie wir, die Türkei und Südkorea zur Gruppe II. Die sechzehn Teilnehmer, die sich für die Schweiz qualifiziert haben, sind inzwischen für das Achtelfinale in vier Gruppen eingeteilt worden.

Gruppe I:Brasilien, Frankreich, Jugoslawien, Mexiko

Gruppe II:Ungarn, Türkei, Deutschland, Südkorea

Gruppe III:Uruguay, Österreich, Tschechoslowakei, Schottland

Gruppe IV:England, Italien, Schweiz, Belgien

Von jeder dieser Gruppen kommen zwei Länder eine Runde weiter, und zwei müssen ausscheiden. Natürlich sollen die Besten aufrücken. Um sie zu ermitteln, müsste gerechterweise jeder gegen jeden antreten. Eine solche Regelung würde zu viele Spiele erfordern. Man muss deshalb einen Ausweg finden. Die in der obenstehenden Gruppeneinteilung kursiv gedruckten Länder werden »gesetzt«. Man hält sie mit mehr oder weniger Berechtigung für stärker als die anderen und billigt ihnen gewisse Vorteile zu: Sie brauchen nicht untereinander, sondern nur gegen die Nichtgesetzten, d. h. die für schwächer Gehaltenen ihrer Gruppe, zu spielen.

Eine ideale Lösung? Es gibt keine ideale Lösung, wenn nicht jeder gegen jeden spielt. Die Gruppe II mit Deutschland ist ein Musterbeispiel dafür. Wir können uns ganz gut ausrechnen, wie die Geschichte wahrscheinlich läuft:

Gruppenfavorit Ungarn spielt gegen Deutschland und Südkorea – das ergibt vier Punkte und bringt den Magyaren den Eintritt vom Achtel- ins Viertelfinale. Die Türkei, die an die Stelle des voreilig »gesetzten« Spanien gerückt ist (die Spanier sind nach zweimaliger Verlängerung im Entscheidungsspiel gegen die Türken durch Losentscheid unterlegen), spielt gegen Südkorea und gegen Deutschland. Man kann annehmen, dass sie gegen den Punktelieferanten Korea gewinnt, und hoffen, dass sie gegen Deutschland verliert. Das macht 2:2 Punkte. Da Deutschland in diesem angenommenen Fall dasselbe Punkteverhältnis hat (Sieg gegen die Türkei, Niederlage gegen Ungarn), muss es mit der Türkei ein Entscheidungsspiel austragen. Der Sieger kommt als Zweiter der Gruppe II ins Viertelfinale.

Mit soviel FIFA-Steinen ist also der Weg gepflastert, der uns mit Ferenc Puskas, den wir jetzt in der Sportschule Grünwald noch auf der Filmleinwand sehen, in der Schweiz zusammenführen wird.

Training mit und ohne Ball

Theorie allein macht keinen Fußballspieler. Deshalb geht es nach dem Unterricht gleich raus zum Training, das hart, aber abwechslungsreich ist. Zum ersten Mal treiben wir in ausgedehnter Form Laufarbeit. Wir teilen uns in verschiedene Gruppen, fünf oder sechs Stürmer, ein paar Läufer, die Verteidiger und die Torwächter. So laufen wir uns über drei, vier Runden ein, um die Muskulatur gut durchzuwärmen und Zerrungen und Muskelrisse zu vermeiden. Dann erst legen wir – immer noch gruppenweise – richtig los. Langsam anlaufen! Bei fünfzig Meter durchstarten bis zu hundert Meter! In den Kurven bummeln wir, werden wieder ein wenig schneller und treten noch mal fünfzig Meter durch.

Das machen wir mindestens eine Stunde lang: spurten, langsamer werden, drüben auf der Gegengeraden wieder spurten, zehn Meter auslaufen, wieder spurten! Wenn die Stunde um ist, sind wir ganz schön in Schweiß gebadet und wissen, was wir getan haben. Max Morlock nimmt das Training so ernst, dass er sich in Grünwald acht Pfund Speck herunterarbeitet.

Alfred Pfaff, dem die Puste nie ausgeht, nutzt die kleine Pause zu einem seiner lebensgefährlichen Kalauer:

»Kinder, wisst ihr, warum der Eber so traurig durch den Wald läuft?«

»Nee!«

»Weil seine Frau eine Wildsau ist!«

»Au!«

Lachend geht es wieder auf die Bahn. So trainieren wir jeden Vormittag gründlich, oft auch zusätzlich eine Stunde vor dem Frühstück.

Das Lauftraining auf der Aschenbahn genügt natürlich nicht.

Regelmäßig arbeiten wir mit dem Ball. Die Stürmer spielen gegen die Hintermannschaft, drei Mann gegen einen, vier gegen zwei oder, über den ganzen Platz hinweg, fünf gegen fünf oder sechs gegen sechs. Zwischendurch spielen wir Fußball-Tennis. Dazu wird ein Feld abgegrenzt und durch eine in beliebiger Höhe gespannte Schnur zweigeteilt. Ein gewöhnlicher Fußball wird über die Schnur hin- und hergetreten oder -geköpft, er darf in jedem Feld einmal springen, nie über die Spielfeldgrenze rollen, unter der Schnur durchgehen oder sie berühren. Wenn eine Mannschaft zehn Pluspunkte hat, wird gewechselt, bei 21 Punkten auf einer Seite ist das Match beendet.

Auch Korbball-Mannschaften gehören zu unserem »spielerischen« Training, bei dem man gar nicht merkt, wie viel man läuft – eine vortreffliche Ergänzung zur systematisch betriebenen Laufarbeit.

Auf der schönen Grünwalder Kegelbahn schiebt der Sturm manche Kugel gegen die Hintermannschaft. Oder wir kegeln in Stubenbesetzung gegeneinander. Helmut Rahn, der mit mir auf einem Zimmer wohnt, wirft einen Kranz und holt für uns die Meisterschaft. Siegespreise sind zwei Bücher mit einer Widmung von Herberger. Der Boss verzichtet aus freien Stücken auf sein Buch »08/15«, das ich als alter Landser zweifellos besser verkraften kann als er.

Ein paarmal fahren wir hinein nach München, um ins Kino zu gehen. Es ist wie verhext: Jede Wochenschau endet mit Ausschnitten aus dem 1:5-Endspiel um die Deutsche Meisterschaft. Nichts bleibt uns erspart. Nach dreimaligem Kinobesuch haben wir Kaiserslauterer 3x5 = 15 Tore von Hannover einstecken müssen.

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