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3 Liebesromane

Ellen Gaber

3 Liebesromane

Heftchenromane aus dem vorigen Jahrhundert





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Tochter aus gutem Hause

 

„Du willst mich also wirklich heute Abend allein lassen?“ fragte Gertrud Dornburg etwas vorwurfsvoll.

Beate setzte sich neben ihre Mutter und umfasste sanft ihre Schultern.

„Aber Mutti, ich war den ganzen Tag über bei dir! Du musst doch verstehen, dass junge Menschen ein bisschen Abwechslung brauchen! Ich bin so froh, dass Gaby Winter auch nach Lörrach gezogen ist und ich ab und zu mit ihr zusammen sein kann; ich mochte sie immer gern, sie ist so lustig und steht dabei mit beiden Beinen fest im Leben!“

Frau Dornburg schüttelte den Kopf. „Sie ist aber kein Umgang für dich. Eine Verkäuferin aus einem Juweliergeschäft! Du bist immerhin die Tochter eines Professors!“

„Gabys Vater war Lehrer“, nahm Beate die Freundin in Schutz, „und mir imponiert es, wie sie sich nach dem plötzlichen Tod ihrer Eltern, ohne viel zu klagen, umgestellt hat. Sie ist sehr tüchtig.“

„Ich bin eben altmodisch“, gab Frau Dornburg zu. „Außerdem kann ich mich nicht so schnell wieder an das Leben in dieser Kleinstadt gewöhnen. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, wir wären in Freiburg geblieben; da hättest du einen Beruf ergreifen können und wärst mehr mit jungen Menschen zusammen gekommen, die zu dir passen.“

Beate sah die Mutter besorgt an. Seit dem Tod des Vaters war sie immer etwas schwermütig; auch ihr Herzleiden hatte sich verschlimmert. Deshalb hatte Beate auch bis jetzt darauf verzichtet, ein Studium zu beginnen. Sie wollte die Mutter nicht allein lassen. Nach dem Tod von Beates Vater, der Professor an der Freiburger Universität war, waren sie ins Elternhaus der Mutter nach Lörrach gezogen. Dort hatte Gertrud Dornburg zunächst aufopfernd ihre alte Mutter bis zu deren Tod gepflegt. Beate machte Korrekturen für einen Verlag. Diese Tätigkeit konnte sie zu Hause ausüben und so immer bei ihrer Mutter sein.

„Über meinen beruflichen Werdegang können wir ein anderes Mal sprechen“, versuchte sie ihre Mutter zu beruhigen. „Da wird sich bestimmt eine Lösung finden. Ich bin sehr gerne hier in Lörrach und in diesem Haus. In Freiburg wäre es jetzt ohne Vater für uns beide nur traurig. Ich will Gaby Winter nächsten Sonntag einmal zu uns einladen“, kam sie dann auf ihr voriges Thema zurück.

„Dann kannst du dir ein Bild von ihr machen und wirst sie ganz bestimmt auch mögen.“

„Also mein Kind, ich verstehe ja, dass du den Umgang mit Gleichaltrigen brauchst. Geh nur zu deiner Verabredung, aber komm bitte nicht so spät nach Hause!“ Frau Dornburg lächelte ihre Tochter etwas wehmütig an.

Beate war schnell fertig zum Ausgehen. Sie hatte ihren hellen Trenchcoat und hochhackige blaue Pumps angezogen. Über ihrer Schulter baumelte die passende blaue Umhängetasche. Reizend sah sie aus mit ihrer schlanken Figur und dem üppigen, schulterlangen, blonden Haar, das einen tief rotgoldenen Schimmer hatte.

„Vergiss deine Handschuhe nicht, es ist kalt!“ mahnte die Mutter noch. Aber Beate hatte die weißen Lederhandschuhe schon in der Hand.

„Auf Wiedersehen, Mutti! Lass dir die Zeit nicht lang werden!“

Die Haustür fiel ins Schloss.

Mutti sieht krank aus, dachte Beate besorgt, so müde und hinfällig. Sie drehte sich am Gartentor noch einmal um und winkte der Mutter zu, die sie hinter der Wohnzimmergardine vermutete.

Dann bog sie in die Goethestrasse ein, in der Gaby Winter wohnte. Sie hatte dort bei der Witwe Häsele eine hübsche kleine Mansarde gemietet.

Ein Wagen fuhr dicht an der Bordsteinkante immer neben Beate her. Sie beschleunigte ihre Schritte..

Da hörte sie plötzlich ihren Namen rufen und drehte sich herum.

„Hallo, Beate, kennst du mich nicht mehr?“ rief der Mann , der am Steuer eines blauen VW Käfer saß.

„Aber klar kenne ich dich, Volker. Ich hatte nur keine Ahnung, dass du gerade in Lörrach bist. Sicher willst du Gaby besuchen?“ Beates Stimme klang etwas enttäuscht. Sie hatte sich so auf den Abend mit Gaby gefreut und nun kam dieser Volker dazwischen, für den Gaby unbegreiflicherweise schwärmte. Er studierte Jura in Freiburg, hatte aber in Lörrach seine Eltern wohnen.

 

„Gaby ist gar nicht zu Hause. Wir haben uns im Parkschlösschen verabredet. Sie wird dir ewig böse sein, wenn du nicht mitkommst! Bitte steig ein!“ Einladend wurde die Beifahrertür von innen geöffnet.

Doch Beate zögerte noch.

„So als drittes Rad am Wagen macht mir das keinen Spaß, Volker“, sagte sie ablehnend.

Dieser Volker war ihr ziemlich unsympathisch. Er hatte dunkles, gewelltes Haar und sehr schwere dunkle Brauen, die über der Nasenwurzel zusammen wuchsen. Gaby fand ihn wahnsinnig interessant.

Beate verabscheute ihn wegen seiner geschwollenen Redensarten, die sie überhaupt nicht geistreich fand.

„Du bist nicht das dritte Rad am Wagen, Beate! Ich bin gerade auf dem Weg, einen Bekannten abzuholen. Er wohnt im Hotel Badenia. Komm, zier dich nicht und steig ein, sonst reißt mir Gaby den Kopf ab.“

„Na gut, wenn noch jemand mitkommt, könnt ihr eure Zweisamkeit ja doch nicht genießen.“

Beate schwang sich auf den Beifahrersitz.

„Du hast ja einen ganz neuen Wagen“, staunte sie. Auch innen sah der Wagen wie neu aus und verströmte noch den Geruch nach Lack und Plastik.

„Ist auch hart verdient und der alte Wagen mit der geteilten Heckscheibe tat es einfach nicht mehr.“

Angestrengt beobachtete er den Verkehr, der jetzt in der Innenstadt dichter wurde. Die Kinos begannen und viele Leute waren unterwegs.

„Womit verdienst du denn so viel Geld, ich dachte immer, du studierst noch?“ fragte Beate neugierig.

„Nun, ich mache so allerhand Geschäfte. Herr Füssner, den wir jetzt abholen, ist ein Geschäftsfreund von mir. Investment, weißt du. Damit kann man bombig verdienen.“

„Es scheint so“, sagte Beate.

In diesem Moment hielten sie auf dem Kopfsteinpflaster vor dem Hotel Badenia. Es war das größte Hotel am Ort und wurde von der Witwe Reinig und ihrem Sohn vortrefflich geführt.

Volker zog den Wagenschlüssel ab und machte Miene, auszusteigen. Doch dann setzte er sich wieder und sagte zu Beate: „Du würdest mir einen großen Gefallen tun, wenn du eben mitkämst, Beate. Wenn Füssner dich sieht, wird er eher geneigt sein, mit ins Parkschlösschen zu kommen!“

„Ich kann ja in der Halle warten“, schlug Beate widerwillig vor.

Sie stiegen aus und betraten die Eingangshalle, die mit Teppichboden ausgelegt war. Ein leichter Geruch von köstlichem Essen lag in der Luft.

„Ich warte hier“, sagte Beate und wollte sich in einem der Ledersessel niederlassen, die in einer gemütlichen Nische standen.

Im gleichen Augenblick kam Frau Reinig durch die Drehtür, die den Küchentrakt von der Rezeption trennte. Beate kannte sie flüchtig, da sie ein paar Mal hier mit der Mutter gegessen hatte.

Volker zupfte am Ärmel von Beates Trenchcoat und zog sie zu der großen Treppe, die zu den Gästezimmern führte. Unwillig wollte sie sich los machen.

„Sei kein Frosch und komm mit nach oben, Beate. Füssner wird sich eher entschließen, mit zu kommen, wenn er dich sieht.“

„Ich bin doch kein Lockvogel für deine Geschäftspartner!“ Beate wurde jetzt ärgerlich.

„Willst du unbedingt, dass die Reinig dich sieht?“ zischte Volker. „Morgen ist es in der ganzen Stadt herum. Deine Mutter wird nicht begeistert sein.“

Beate hielt jedoch Frau Reinig ganz und gar nicht für schwatzhaft. Trotzdem fand sie es besser, aus der Halle zu verschwinden. Wenn Mutti erführe, dass sie mit einem Mann das Hotel besucht hatte! Es war nicht auszudenken, mit welchen Vorwürfen sie wieder überschüttet würde.

„Es dauert ja nur einen kleinen Augenblick“, sagte Volker, als Beate zögernd die Treppe hinter ihm empor stieg.Der rote Treppenläufer dämpfte ihre Schritte. Sie begegneten keinem Menschen.

Im zweiten Stock bog Volker nach links in einen Seitenflur ab und klopfte an eine Tür. Der Gang war ziemlich dämmrig, so dass Beate die Zimmernummer nicht erkennen konnte. Sie lehnte sich an die Wand und wartete, bis die Tür des Zimmers geöffnet wurde.

Ein Mann trat heraus und begrüßte Volker Haslach sehr kurz und wie es schien, von oben herab.Im Licht der geöffneten Zimmertür sah Beate, dass er ungefähr fünfzig Jahre alt war. Das Auffallendste an ihm war seine Beleibtheit, die selbst der gut geschnittene Anzug nicht verbergen konnte.

Er sieht aus wie ein Handelsvertreter, dachte Beate. Der Spaß an dem Abend verging ihr immer mehr.

„Herr Füssner – Fräulein Dornburg“ machte Volker bekannt. Sie tauschten einen kurzen Händedruck.

„Ich komme gern noch für ein Stündchen mit ins Parkschlösschen“, erklärte Füssner nach einem abschätzenden Blick auf Beate. „Einen Augenblick noch. Ich hole meinen Mantel. Das Gepäck habe ich schon im Wagen.“

Er ging wieder ins Zimmer zurück.

„Fährt einen dollen Mercedes“, flüsterte Volker ihr zu. Gleich darauf kehrte Füssner zurück und ließ die Tür ins Schloss schnappen.

„Na dann wollen wir mal“, sagte er aufgeräumt. „Geht ihr schon vor, ich nehme den Aufzug.“ Sie gingen die Treppe wieder hinunter. Wieder begegneten sie niemandem. Die Leute benutzen wohl alle den Lift, dachte Beate und wunderte sich, warum sie das nicht ebenfalls taten. Unten trafen sie auf Füssner und verließen das Hotel durch die Schwingtür.

Beate fühlte sich unangenehm unter den abschätzenden Blicken, die ihr Füssner zu warf. Dabei schaute er sie nicht mit den Augen eines Mannes an, nein, eher wie eine Ware, nüchtern, geschäftsmäßig. Sie wusste nicht zu sagen, welcher ihrer beiden Begleiter ihr unsympathischer war. Volker ging ihr auf die Nerven. Er benahm sich gegenüber Füssner äußerst devot und schwänzelte derart um ihn herum, dass Beate sich für ihn schämte.

„So, da wären wir!“ sagte Füssner und blieb vor einem dunklen Mercedes stehen.

„Sie sind aus Darmstadt?“ fragte Beate und wies auf das Kennzeichen.

„Ja,“ sagte Füssner und lächelte. „Wollen Sie mir das Vergnügen machen und in meinem Wagen mitfahren?“

Unschlüssig sah Beate sich um. Volker war schon zu seinem eigenen Wagen gegangen und hatte die Zündung eingeschaltet. Er hob die Hand und nickte Beate zu. „Fahr nur mit Herrn Füssner, da hast du es bequemer!“ rief er durch die herab gelassene Scheibe zu ihnen hinüber.

„Aber ich kenne ihn doch gar nicht!“ rief Beate. Doch Volkers Wagen setzte sich schon in Bewegung.

Füssner hielt die Wagentür für Beate offen. „Er hat es offenbar eilig, zu seiner Freundin zu kommen!“ lächelte er und nickte Beate auffordernd zu.

Da bleib ihr nichts anderes übrig, als zu ihm zu steigen. Zum Parkschlösschen war es ja nicht weit.

Auf dem Rücksitz sah sie beim Einsteigen Füssners schwarzen Lederkoffer liegen. Sicher enthält er die Investmentpapiere, dachte sie.

„Jetzt müssen Sie mich ein bisschen dirigieren, gnädiges Fräulein“, sagte Füssner. „Unser junger Freund ist ja schon über alle Berge“.

„Dort die Weinstraße entlang und an der Brücke rechts herum“, gab Beate Auskunft und lehnte sich zurück.

„Vater hat fast genau den gleichen Wagen gehabt“, dachte Beate und seufzte.

„Leben Sie schon lange hier, Fräulein Dornburg?“fragte Füssner und riss sie aus ihren Gedanken.

Sie schüttelte den Kopf.

„Erst seit einem Jahr. Wir haben früher in Freiburg gewohnt.“

„Da fällt Ihnen wohl die Umstellung auf die Kleinstadt nicht ganz leicht, wie?“

„So schlimm ist es nicht. Wenn man nette Freunde hat, kann man es aushalten.“

„Ja, Herr Haslach ist ein netter junger Mann. Und so eifrig!“ bestätigte Füssner.

„Er zählt nicht zu meinen Freunden“, wehrte Beate ab. „Er ist mit meiner besten Freundin bekannt und daher flüchtig auch mit mir. Sie werden Gaby Winter ja nachher kennen lernen. Sie ist sehr amüsant. Ohne sie würde ich es hier ziemlich langweilig finden.“

„Kann ich mir vorstellen“, nickte Füssner. „Haben Sie einen interessanten Beruf?“

„Noch nicht. Ich habe vor einem Jahr Abitur gemacht. Meine Mutter ist herzleidend, so dass ich sie nicht alleine lassen kann."

"Das ist ein hartes Leben für so einen jungen Menschen wie sie, Wenn man jung ist, sollte man reisen, sich die Welt ansehen! Aber Krankenpflege?" Er zuckte mit den Schultern und krauste dann plötzlich die Stirn.

"Was ist mit dem Wagen los?" fragte er, beugte sich über das Volant und horchte in den Motor hinein.

"Ich höre nichts", sagte Beate ängstlich. Sie waren jetzt schon 2 km aus der Stadt heraus. Wenn sie jetzt eine Panne hätten, wäre keine Reparaturwerkstatt in Laufnähe und auch keine Telefonzelle.

Jetzt hörte sie auch das feine Untergeräusch, das sich in den Motorenlärm mischte.

"Vielleicht ist eine Zündkerze defekt?" fragte sie.

"Ich sehe einmal nach", sagte er missmutig und hielt den Wagen an. Er stieg aus und klappte die Motorhaube in die Höhe.

Beate stieg ebenfalls aus. Dabei bemerkte sie, dass nur ein Handschuh auf ihrem Schoß gelegen hatte. Wo hatte sie nur den anderen gelassen? Womöglich hatte sie ihn schon vor dem Hotel bei Einsteigen in den Mercedes verloren? Oder schon in Volkers Wagen liegen gelassen? Doch nein, das konnte nicht sein. Sie erinnerte sich jetzt, dass sie beide Handschuhe angehabt hatte, als sie das Hotel betrat. Erst als sie Füssner in dem dunklen Flur begrüßte, hatte sie ihn ausgezogen. Sie ärgerte sich, denn die Handschuhe waren neu und nicht billig gewesen.

"Warum bin ich bloß nicht bei Mutti geblieben? fragte sich Beate verstimmt und ging zu Füssner hinüber.

"Können Sie nichts finden?" fragte sie mutlos und beugte sich neugierig unter die Motorhaube.

"Bis jetzt nichts", sagte Füssner und fiel sie von hinten an.

Sein linker Arm presste sich wie ein Schraubstock um ihre Mitte. Mit der rechten Hand drückte er ihr chloroformgetränkte Watte vor den Mund.

Beate wehrte sich wie besessen. Sie trat mit den Füßen nach hinten aus und hörte Füssner fluchen. Dann fühlte sie ihre Sinne schwinden; das Chloroform tat seine Wirkung. Beate war fast bewusstlos, als Füssner sie in den Wagen zerrte und auf den Rücksitz warf. Er holte seinen Koffer unter ihrem wehrlosen Körper hervor und öffnete ihn.

Neben ein paar Hemden und Toilettenzeug lagen merkwürdige Gegenstände, die nicht unbedingt zur Ausstattung eines Geschäftsmannes gehörten.

Da gab es eine säuberlich aufgewickelte Plastikwäscheleine, die Füssner jetzt um den Leib der fast wehrlosen Beate schlang. Er schnürte sie wie ein Paket zusammen.

Dann entnahm Füssner dem Koffer ein Geschirrhandtuch und preßte den blau weiß karierten Stoff zwischen Beates Lippen.

"Damit du mir an der Grenze nicht schreist!" meinte er befriedigt.

Um ganz sicher zu gehen, nahm er die Flasche mit dem Chloroform aus seiner Anzugtasche und beträufelte damit den Knebel.

Wohlgefällig betrachtete Füssner dann sein Opfer. Er rieb sich die Hände und sagte laut:" Madame Fu wird begeistert sein!"

Fast tat ihm das Mädchen leid, so unschuldig sah es aus. Das rotblonde Haar bauschte sich um ihren Kopf wie ein Glorienschein. Die langen Wimpern lagen dicht und dunkel auf ihren blassen Wangen. Jetzt lag Beate in tiefer Bewußtlosigkeit.

Füssner klappte die Lehne des Rücksitzes zurück. Eine kleine Höhlung lag dahinter, gerade groß genug, um einen zierlichen Mädchenkörper zu beherbergen. Es gab Luftlöcher zum Atmen und sogar eine Decke, damit das Opfer nicht fror.

"Es ist ja nicht mehr weit zur Grenze", flüsterte Füssner seinem Opfer zu und schob es in die Versenkung. Die Rückenlehne wurde wieder an ihren Platz geklappt. Füssner kletterte auf den Fahrersitz und startete den Wagen. Mit Befriedigung stellte er fest, dass die Dunkelheit einsetzte.

 

 

Im Hotel Badenia öffneten sich die Türen des Speiseraums. Die Gäste hatten die gute Küche genossen und strömten heraus. Einige blieben am Empfangstresen stehen und erkundigten sich beim Portier, was man am Abend in Lörrach anfangen könnte.

Axel Moor, der junge Portier, gab bereitwillig Auskunft.

„Sie könnten zum Beispiel ins Kino um die Ecke gehen“, riet er einer älteren Dame. „Das Gloria hat Doktor Schiwago auf dem Programm.“

Ein junges Paar erkundigte sich, ob man hier tanzen könne.

„Da würde ich Ihnen raten, ins Parkschlösschen zu fahren. Dort ist immer etwas los, „ gab Axel Moor liebenswürdig Auskunft.

Erfreut bedankte sich das Paar, nachdem er ihnen eine genaue Wegbeschreibung geliefert hatte.

„Sie sind aus Hamburg, nicht wahr?“ fragte die ältere Dame den Portier interessiert.

„Ja, das hört man leider viel zu sehr“, meinte Axel Moor lachend. Dann ließ er sich geduldig darüber aufklären, dass die Dame Verwandte in Hamburg hatte.

„Vielleicht kenn Sie die Immermanns?“ erkundigte sie sich hoffnungsvoll.

„Leider nicht, gnädige Frau“, bedauerte Axel. „Aber man kann nicht jeden kennen, Hamburg ist groß.“

Frau Gerda Reinig, die Hotelbesitzerin, erschien in der Schwingtür hinter der Rezeption und blinzelte Axel unauffällig zu.

Er beendete geschickt das Gespräch, denn Frau Reinig wirkte irgendwie nervös. Offensichtlich wartete sie auf ihn.

„Was gibt es?“ fragte Axel, nachdem die ältere Dame sich doch noch entschlossen hatte, ins Kino zu gehen.

„Ich suche meinen Sohn, Axel. Haben Sie ihn zufällig in der letzten Viertelstunde gesehen?“

Axel schüttelte den Kopf. „Leider nicht, Frau Reinig. Ich weiß nur, dass er vor ungefähr einer halben Stunde zu einem Gast herauf gegangen ist. Danach hat mich Fräulein Kranach hier vertreten, weil ich in die Buchhaltung musste. Kann ich Ihnen behilflich sein?“

Freu Reinig zögerte einen Moment.

„Vielleicht, Axel. Sie könnten mir helfen, ihn so schnell wie möglich zu finden. Ich bin in ziemlicher Aufregung. Der Kegelklub Männertreu hat überraschend ein Essen für übermorgen bestellt.“

„Übermorgen? Da haben wir doch die Hochzeitsgesellschaft!“ Axel Moor sah seine Chefin fragend an.

„Stimmt, Axel. Und deshalb muss ich so schnell wie möglich mit meinem Sohn sprechen. Vielleicht könnten wir im Frühstückszimmer....“Die letzten Worte hörte Axel schon nicht mehr. Seine Chefin war schon weiter geeilt.

Eine tüchtige Frau, dachte Axel voll Bewunderung. Bei ihr konnte man wirklich etwas lernen. Sie verstand von der Organisation eines Hotels viel mehr als ihr Sohn Horst mit seinen jetzt fünfunddreißig Jahren.

Horst Reinig war zum Leidwesen seiner Mutter immer noch unverheiratet. Er war eine lustige Nudel und Axel mochte ihn gern. Aber mit Horsts Verantwortungsbewusstsein war es nicht weit her.

Wahrscheinlich hatte er es in seinem Leben zu gut gehabt, dachte Axel. Da Horsts Vater früh gestorben war, hatte Frau Reinig dafür gesorgt, dass ihr Sohn eine Hotelfachschule besuchte, um später den Betrieb übernehmen zu können. Doch er hatte sich nicht allzu geschickt dabei angestellt und überließ lieber seiner Mutter die Leitung.

Was war er, Axel, doch dagegen ein armer Schlucker! Schon im Alter von vierzehn Jahren hatte er seinen Vater verloren. Da es zu Hause hinten und vorne nicht reichte, hatte er bald neben der Schule angefangen, als Kellner zu arbeiten. Sein großes Ziel war es, einmal ein Hotel zu leiten. Aber das waren bis jetzt nur Träume. Mit seinen dreiundzwanzig Jahren war er noch lange nicht so weit.

Axel schlenderte hinüber in die Küche, wo Fräulein Kranach, die Hotelsekretärin, gerade etwas mit der Köchin besprach.

„Hat jemand von Ihnen Herrn Reinig gesehen?“ fragte Axel die beiden. „Die Chefin will ihn dringend sprechen.“

„Hier ist er seit heute Mittag nicht mehr gewesen“, ließ sich der Chefkoch im Hintergrund vernehmen und auch die Köchin schüttelte verneinend den Kopf.

„Vielleicht macht er irgendwo wieder Prösterchen“, flüsterte sie Axel zu.

Fräulein Kranach lachte. „Kann schon stimmen, ich habe ihn auch längere Zeit nicht gesehen, Axel. Ich gehe jetzt an den Empfang. Wenn ich Herrn Reinig sehe, schicke ich ihn hoch zur Chefin.“

„Danke, Fräulein Kranach!“ Axel nickte ihr zu und schlenderte weiter.

„Wollen Sie nicht erst essen?“ rief ihm die Köchin nach.

„Danke, dass hat Zeit. Erst muss ich mal unseren Juniorchef ausfindig machen.“

„Wenn ich zwanzig Jahre jünger wäre, würde ich mich in ihn verlieben!“ flüsterte die Köchin Fräulein Kranach zu. Diese errötete prompt.

„Unsere Kranach ist doch verliebt bis über beide Ohren in Herrn Moor“, rief der Chefkoch, ohne die Stimme zu senken.

„Ach Unsinn! Ich finde ihn nur sehr charmant. Er ist ja auch viel zu jung für mich“, sagte Fräulein Kranach und floh aus der Küche.

Axel Moor, der charmante, hoch gewachsene Hamburger, suchte jetzt die unteren Regionen des Badenia auf. Im Kellergeschoss befand sich die vollautomatische Kegelbahn. Daran schloss sich eine kleine Bar mit Tanzfläche an.

Doch unter den Keglern befand sich Horst Reinig auch nicht und die Bar war noch ganz menschenleer.

Axel ging zum Haustelefon hinter der Bar und wählte die Nummer zehn. Das war die Privatwohnung, die Frau Reinig im Anbau bewohnte.

Frau Reinig war sofort am Apparat.

„Haben Sie Horst gefunden, Axel?“ fragte sie hoffnungsvoll.

„Leider nicht, gnädige Frau. Ich rufe aus dem Kellergeschoss an. Hier ist er nicht. Auch nicht in den Küchenräumen. Das ist merkwürdig, denn Herr Reinig hat das Hotel bestimmt nicht verlassen.“

„Ob er vielleicht oben in einem der Gästezimmer ist?“ fragte Frau Reinig zweifelnd. Dort hatte Horst eigentlich nichts zu suchen. Das war ihr eigenes Reich, in dem sie nach dem Rechten sah. Horst war für die Restauration zuständig.

„Ich sehe sofort mal nach, gnädige Frau. Er ist ja vorhin tatsächlich nach oben gegangen, um mit Füssner zu sprechen. Aber der ist ja längst abgereist.“

„Mit Füssner? Merkwürdig. Was hatte er wohl mit dem zu bereden?“ wunderte sich Frau Reinig.

„Am besten, Sie gehen gleich mal nach oben, Axel, und sehen nach.“

Axel versprach es und hängte ein.

Mit dem Lift fuhr er in den zweiten Stock hinauf. Auf dem Gang begegnete er Vroni, dem Zimmermädchen. Sie kam gerade aus Füssners Zimmer und hatte den Arm voll Bettwäsche.

„Hast du den Juniorchef hier oben gesehen?“ fragte er sie.

Hinter dem weißen Wäscheberg, der die zierliche Vroni halb verdeckte, schüttelte das Mädchen den Kopf.

„Ich habe Herrn Reinig heute noch gar nicht gesehen“, meinte sie und ging dann an Axel vorbei zur Abstellkammer. Dort befand sich der Wäscheschacht, durch den die benutzte Wäsche gleich in die Waschküche geworfen wurde.

„Wenn Sie ihn sehen, sagen Sie ihm, dass seine Mutter ihn dringend sprechen will“, rief Axel ihr nach. Er machte im Gang kehrt und wollte gerade die Treppe hinunter steigen, um den ersten Stock zu durchsuchen, da hörte er einen markerschütternden Schrei.

„Vroni, was ist denn? Haben Sie eine Maus gesehen?“ Axel rannte in die Richtung, in der Vroni verschwunden war.

Da kam ihm das Mädchen schon entgegen . Sie stieß kurze, schrille Schreie aus und warf sich in Axels Arme.

„Aber, aber, was ist denn los, Vroni? Sie sind doch sonst nicht so schreckhaft.“

„Dort vor der Wäschekammer, sehen Sie nur Herr Moor! Ach es ist so schrecklich!“ schluchzte das Mädchen.

„Was ist vor der Wäschekammer?“ Axel schob das Mädchen beiseite und lief zum Ende des dämmrigen Flures.

Zunächst sah er nur einen Berg Bettwäsche und Handtücher, die Vroni in ihrem Schrecken hatte fallen lassen. Doch dahinter lag der Körper eines Mannes.

Axel schob die Wäsche mit dem Fuß beiseite und beugte sich über den reglosen Körper.

„Mein Gott, das ist ja Herr Reinig!“ entfuhr es ihm.

„Bestimmt ist er tot!“ Vroni hatte sich hinter Axel gestellt und zitterte.

Axel holte die Taschenlampe aus seiner Uniformjacke und leuchtete in das Gesicht des Mannes.

An der Stirn hatte Horst Reinig eine blutende Wunde. Wie schwer die Verletzung war, konnte Axel als Laie nicht feststellen. Aber er sah jetzt, dass der vermeintliche Tote noch schwach atmete. Der Strahl der Lampe beleuchtete jetzt Stück für Stück den übrigen Teil des Körpers. Ein Revolver lag dicht vor der rechten Hand des Schwerverletzten.

„Er hat sich gewiss erschossen?“ fragte Vroni. Dann schlug sie beide Hände vors Gesicht und begann bitterlich zu schluchzen.

„Unsere arme Chefin! Was wird sie nur sagen! Keinen Mann mehr und dann ihr einziger Sohn!“

Axel Moor wandte sich zu dem Mädchen um. „Er atmet ja noch“ sagte er beruhigend.

Gehen Sie jetzt ganz schnell zum Haustelefon und rufen Sie Herrn Franzen hoch. Sagen Sie ihm nicht, was los ist, damit es keine Panik beim Personal gibt!“

„Ich kann nicht, ich fürchte mich so!“ sagte Vroni. Sie setzte keinen Fuß vor den anderen, sondern sah Axel nur mit weit aufgerissenen Augen an.

„Gut, dann gehe ich. Aber Sie bleiben bei der Treppe stehen und passen auf, dass niemand in die Nähe kommt!“

Vroni nickte. „Ja, Herr Moor. Ich passe auf. Aber beeilen Sie sich! Ach es ist ja so entsetzlich!“

Axel hörte nicht weiter auf das jammernde Mädchen, sondern war mit ein paar langen Schritten beim Haustelefon. Zum Glück war es Franzen, der langjährige Oberkellner selber, der den Hörer unten abnahm.

„Was gibt es Moor?“

In schnellen Worten setzte ihm Axel auseinander, welch traurigen Fund er gemacht hatte.

„Verständigen Sie sofort Ambulanz und Polizei und kommen Sie dann hoch, Herr Franzen! Es sieht wie versuchter Selbstmord aus, aber man kann nie wissen...“

„Das sähe Herrn Reinig aber gar nicht ähnlich. Er ist so ein lustiges Haus!“ sagte der Oberkellner und hängte ein.

Nach knapp drei Minuten erschien der grauhaarige zuverlässige Herr Franzen bei Axel im zweiten Stock.

Verwirrt gewahrte er die schlotternde Vroni. „Haben Sie ihn gefunden?“ fragte er mitleidig.

Das Mädchen nickte und wandte sich an Axel.

„Darf ich jetzt nach unten gehen?“ fragte sie ihn.

„Sie dürfen, wenn Sie keinem ein Sterbenswörtchen erzählen! Erst muss es Frau Reinig wissen!“

„Das werde ich wohl übernehmen müssen“, sagte Franzen kummervoll. Er war schon

seit Menschengedenken Kellner im Hotel Badenia gewesen. Nun fiel ihm die schwere Aufgabe zu, der Mutter von dem Unglück zu berichten. Als hätte die arme Chefin nicht schon genug Kummer gehabt!

Doch zunächst folgte er Axel zum Ende des Flurs.

„Es sieht tatsächlich wie ein Selbstmordversuch aus“, sagte er und richtete sich wieder auf.. „Aber warum um alles in der Welt sollte Horst Reinig sich erschießen? Er ist der vergnügteste Bursche, den ich kenne. Stets guter Laune und die Taschen voll Geld...“

„Vielleicht hatte er Schulden und niemand wusste davon?“, meinte Axel.

„Deswegen hätte er sich nicht erschossen!“ behauptete Franzen. „Seine Mutter hätte ihm geholfen.“

„Soll ich Notarzt und Polizei empfangen?“ fragte Axel den Älteren respektvoll.

„Ja, tun Sie das. Ich bleibe hier, damit nichts verändert wird. Wenn die Polizei da ist, ist es noch früh genug, es ihr zu sagen.“

Der Oberkellner macht eine Kopfbewegung in Richtung des Anbaus, in dem Frau Reinig jetzt auf ihren Sohn wartete.

Mit ein paar schnellen Sprüngen war Axel die Treppen hinunter und lief geradewegs in die Arme des Polizeiinspektors Ludwig und der ihn begleitenden Beamten.

„Kommen Sie bitte unauffällig mit in den zweiten Stock“, raunte Axel ihm ins Ohr.

Gemeinsam fuhren sie mit dem Lift wieder hinauf.

Polizeiinspektor Ludwig war ein junger Mann von vielleicht dreißig Jahren. Als er sich über den Schwerverletzten beugte, war ihm deutlich eine gewisse Erschütterung anzumerken.

„Horst Reinig ist im gleichen Kegelclub wie ich“, sagte er bewegt. „ Es ist kaum glaublich, dass er Selbstmord begehen wollte. Bestimmt hat jemand auf ihn geschossen und versucht es so aussehen zu lassen, dass er selbst Hand an sich gelegt hat.“

Er gab dem ihn begleitenden Fotografen einen Wink, und dieser zückte schnell Kamera und Blitz und fotografierte Horst Reinigs Körper von allen Seiten.

Dann waren Notarzt und Sanitäter auch schon da. Der Arzt stellte schwache Lebensfunktionen fest. Horst Reinig wurde auf eine Trage gebettet und im Lift in den Keller gefahren. Dort gab es eine Hintertür, vor die man ,unbemerkt von den Hotelgästen, den Krankenwagen gefahren hatte.

Die Stablampe des Inspektors hatte einen wesentlich helleren Strahl als Axels kleine Handlampe. In diesem Licht, dass jetzt die Umgebung abtastete, machte Axel eine Entdeckung.

„Da liegt ja ein Handschuh“, rief er überrascht.

Alle starrten auf den zierlichen weißen Waschlederhandschuh am Tatort. Hatte eine Freundin auf Horst geschossen? Aus Eifersucht vielleicht?

Oberkellner Franzen hatte sich unterdessen entfernt und klingelte an der Wohnungstür von Fau Reinig.

„Wir haben Horst gefunden, Frau Reinig. Er lag im zweiten Stock vor der Wäschekammer. Anscheinend hat jemand auf ihn geschossen.“

Sie starrte ihn entgeistert an. „Wer sollte das getan haben? Ist er schwer verletzt?“

„Es scheint so, aber ich kann das nicht beurteilen. Horst ist schon auf dem Weg ins Krankenhaus. Die Polizei ist auch im Haus und untersucht den Tatort.“

Frau Reinig hatte schon so manchen Schicksalsschlag überstanden. Sie besaß eine bewundernswerte Haltung, obwohl sie wachsbleich geworden war.

„Bitte, führen Sie mich mit zu den Beamten, Franzen“, sagte sie mit spröder Stimme.

Als seine Chefin mit dem Oberkellner erschien, holte Axel aus einem der Gästezimmer einen Stuhl. Frau Reinig sank darauf nieder und rang die kalten Hände.

„Sie haben sicher Fragen, Herr Ludwig?“sagte sie dennoch beherrscht.

„Allerdings. Je eher sie beantwortet werden, desto besser. Zunächst möchte ich Ihnen sagen, wie sehr mich das Ganze erschüttert. Ich kenne Horst gut vom Kegelclub her. Es ist unfassbar, dass so etwas geschehen konnte.“

Frau Reinig nickte. „Es war ein Mordversuch, nicht wahr?“ fragte sie mit matter Stimme.

„Wir müssen es annehmen“, nickte Ludwig. „Wir werden die Waffe auf Fingerabdrücke überprüfen. Dazu kommt dieser Damenhandschuh, der neben ihrem Sohn lag. Er könnte der Täterin gehören. Hatte Ihr Sohn Damenbekanntschaften, Frau Reinig?“

„Das wissen Sie wahrscheinlich besser als ich“, sagte Frau Reinig müde. „Horst hat mir niemals etwas erzählt, was das anging. Liebeskummer hatte er jedoch bestimmt nicht. Er war heute Morgen so lustig gewesen. Auch kann ich mir nicht denken, dass er ein Mädchen so schlecht behandelt hat, dass sie ihn erschießen musste.“

„Das ist unwahrscheinlich. Horst war schon immer ein Kavalier den Damen gegenüber,“ bestätigte Ludwig. „Gehört die Waffe bestimmt Ihrem Sohn?“

Er hielt ihr den Revolver , der jetzt in einer durchsichtigen Plastiktüte steckte, nahe vor die Augen.

„Ich glaube schon, dass das Horsts Waffe ist. Er trug sie immer mit sich herum.“

„Warum war das nötig?“

„Nun, in einem Hotel kommt es schon mal vor, dass Gäste sich nicht ganz einwandfrei benehmen. Horst fand es gut, für alle Fälle eine Waffe bei sich zu tragen. Allein ihr Anblick hätte schon so manchen Streit geschlichtet, meinte er.“

Dann stand Frau Reinig von ihrem Stuhl auf.

„Ich muss jetzt erst zu meinem Sohn!“, sagte sie bestimmt. „Wenn Sie noch Fragen haben, klären wir das später!“

Sie ergriff Franzens Arm , nickte verabschiedend und verschwand mit ihm im Lift.

Inspektor Ludwig wandte sich an Axel Moor. „Wo sind wir ungestört? Ich habe noch ein paar Fragen.“

„Am besten gehen wir ins Frühstückszimmer. Dorthin kommt vor morgen früh kein Gast.“

Nachdem Inspektor Ludwig seinen Leuten Anweisung gegeben hatte, die Gäste und das Personal zu überprüfen, ging er mit Axel und einem Beamten in das bezeichnete Zimmer.

„Ich muss Ihnen etwas mitteilen, Herr Inspektor“, sagte Axel, als sie allein in dem kleinen Raum standen, in dem die Tische schon mit dem Frühstücksgeschirr eingedeckt waren. Axel räumte das Geschirr auf einem der Tische beiseite und bat den Inspektor, sich zu setzen. Der Polzist sah den jungen Mann aufmunternd an.

„Ich glaube, ich weiß, wem der Handschuh gehört“, sagte Axel. „Zwar kenne ich den Namen der Dame nicht und habe sie auch niemals zuvor gesehen. Aber sie ist vor ungefähr anderthalb Stunden mit einem jungen Mann nach oben gegangen. Vermutlich in den zweiten Stock, denn sie kamen mit einem Gast, der dort wohnt, wieder herunter.“

Interessiert beugte sich Ludwig nach vorne.

„Und diese Dame trug weiße Waschlederhandschuhe? Können Sie das beschwören?“

„Das kann ich, Inspektor“, nickte Axel. „Ich habe einen Blick für Einzelheiten. Und die Dame habe ich mir genau angesehen. Sie sah sehr jung und unschuldig aus, ganz höhere Tochter, wenn Sie wissen was ich meine. Irgend jemand muss auf Herrn Reinig geschossen haben, aber bestimmt nicht sie. Niemals!“

„Langsam, Herr Moor. Zunächst müssen wir mal die Identität dieser Besucher klären und auch die des Hotelgastes. Wie heißt er?“

„Füssner“, antwortete Axel und setzte hinzu: „einen Augenblick, ich hole seine Personalien.“

Damit war er zur Tür hinaus und bei Fräulein Kranach an der Rezeption.

„Kann ich mal das Gästebuch haben?“ fragte er und langte schon selbst mit der Hand unter die lange Nussbaumtheke.

„Ist das für die Polizisten? Was wollen die überhaupt hier?“

„Das erzähle ich Ihnen gleich, Fräulein Kranach!“ rief Axel ihr zu und verschwand wieder im Frühstückszimmer.

Suchend fuhr sein Zeigefinger an den Eintragungen des gestrigen Tages entlang. Dann hatte er den Namen gefunden.

„Er heißt Willy Füssner und wohnt in Darmstadt, Liebigstrasse 6“, las Axel vor.

„Dann ist da noch etwas, Inspektor, was Ihnen weiter helfen kann.“

„Das wäre?“

Als ich Herrn Reinig heute Abend mitteilte, Füssner wollte abreisen, wurde er sehr nachdenklich und sagte: „Ich muss nochmal hinauf zu ihm.“

Er ist sofort mit dem Lift hoch gefahren. Seit dieser Zeit habe ich Herrn Reinig nicht mehr gesehen.“

„Können Sie sich genau an die Zeit erinnern, zu der Herr Reinig den Gast aufgesucht hat?“

Während er das fragte, schrieb Inspektor Ludwig etwas auf einen Zettel, den er dem Beamten vor der Tür reichte. „Er kundigen Sie sich sofort, ob es einen Mann dieses Namens in Darmstadt gibt!“

Dann wandte er sich wieder Axel zu, der angestrengt rechnete.

„Herr Reinig ist ungefähr gegen 19:30 Uhr zu Füssner hinauf gegangen“, sagte er schließlich.

„Hatte dieser Füssner die Rechnung bereits bezahlt, als er mit den Leuten herunter kam, die ihn besuchten?“

„Ja, er war nach dem Abendessen bei mir und hat alles beglichen. Auch sein Gepäck hat er schon zum Wagen bringen lassen, einem schwarzen Mercedes. Er hatte nur einen kleinen schwarzen Lederkoffer in der Hand, als er das Hotel mit den jungen Leuten verließ.“

„Ein Glück, dass Sie so gute Augen im Kopf haben!“ lobte Inspektor Ludwig. „Da können Sie mir sicher auch die jungen Leute beschreiben, die Füssner besucht haben!“

„Das kann ich“, nickte Axel. „Der junge Mann war mittelgroß und hatte schwarzes gelocktes Haar. Das einzig Auffallende an ihm waren seine Augenbrauen, die über der Nasenwurzel zusammen wuchsen und sehr dicht waren. Aber die Dame, die war...“

„Wie alt war der junge Mann ungefähr? Können Sie das sagen?“ unterbrach ihn der Inspektor.

„Na, vielleicht so alt wie ich. Dreiundzwanzig. Es kann auch sein, dass er schon ein bißchen älter war, so genau kann man das nicht sagen.“

„Gut!“ meinte der Inspektor, während er sich Notizen machte. „Jetzt beschreiben Sie mir die junge Dame möglichst genau. Wie alt war sie Ihrer Meinung nach?“

„Bestimmt nicht über zwanzig. Ich schätze sie auf höchstens achtzehn. Sie hatte schulterlanges Haar, das an den Spitzen gelockt war. Es schimmerte in dunklem Rotblond und war garantiert nicht gefärbt. Sie trug einen weißen Trenchcoat mit Gürtel um ihre auffallend schmale Taille. Sie hatte dunkelblaue Schuhe an mit hohen Absätzen und trug eine dunkelblaue Handtasche. Dazu die weißen Lederhandschuhe, von denen wir einen oben gefunden haben. Die Dame war außerordentlich hübsch und wirkte wie ein Mädchen aus gutem Hause. Ich fand es merkwürdig, dass sie mit diesem Typen Füssner besuchte.“

„Die Dame scheint Sie beeindruckt zu haben“, schmunzelte Ludwig.

Axel nickte. „Ja, das hat sie!“ sagte er nur.

„Nun, dann wollen wir mal sehen, ob noch mehr Leute hier im Hotel die beiden jungen Leute gesehen haben. Würden Sie mir behilflich sein, Herr Moor, und das Personal einzeln herein rufen?“

Selbstverständlich, Herr Ludwig. Da kommen wohl zunächst die Kellner infrage. Unser jüngster Kellner Friedrich hat immer in der Tür zum Speisesaal gestanden. Ihn fragen wir wohl am besten zuerst.“

Doch leider hatte Friedrich überhaupt nichts bemerkt. Ebenso wenig Auskunft konnten die anderen Kellner geben. Und das gesamte übrige Personal, das Ludwig in mühevoller Kleinarbeit zusammen mit seinem Kollegen verhörte, hatte ebenfalls nichts gesehen.

„Mir fällt ein, dass Frau Reinig kurz in der Halle war zur fraglichen Zeit.“, erinnerte sich Axel schließlich.

„Dann müssen wir sie sofort befragen. Würden Sie die Güte haben und Frau Reinig zu uns zu bitten, wenn sie aus dem Krankenhaus wieder zurück ist?“

 

In diesem Moment betrat die Chefin die Hotelhalle. Sie war sehr bleich, aber gefasst.

Axel lief ihr entgegen und erkundigte sich nach Horsts Befinden.

„Ach Axel, ich hoffe, er wird wieder gesund. Die Ärzte operieren gerade die Kugel heraus, die zum Glück sein Auge nicht verletzt hat. Man riet mir, nach Hause zu fahren und versprach, mich zu benachrichtigen, wenn die Operation erfolgreich verlaufen ist.“

„Das hört sich doch gut an, Frau Reinig“, meinte Axel. „Und gut, dass Sie hier sind, Inspektor Ludwig braucht sie!“

„Weiß man schon Näheres?“ fragte sie erschöpft und ließ sich von Axel aus dem Mantel helfen. Er führte sie ins Frühstückszimmer, in dem jetzt Inspektor Ludwig allein saß. Man hatte ihm einen heißen Tee und einen Imbiss gebracht. Beim Eintritt der Hotelchefin erhob er sich.

Zunächst erkundigte er sich nach dem Befinden des Verletzten. Dann bat er Frau Reinig, sich zu setzen, da er einige Fragen an sie hätte.

„Sind Sie schon weiter gekommen mit Ihren Ermittlungen, Herr Inspektor?“ erkundigte sie sich und versuchte, ihre Müdigkeit abzuschütteln.

„Ein wenig, Frau Reinig. Wir haben bis jetzt mit Hilfe dieses tüchtigen jungen Mannes festgestellt, wie die jungen Leute aussahen, die Willy Füssner besucht haben. Können Sie sich an die Leute erinnern, die ungefähr um zwanzig Uhr die Halle betraten und dann nach oben gingen? Es waren ein dunkelhaariger Mann und ein rotblondes junges Mädchen im weißen Trenchcoat.“

„Gegen acht muss ich kurz in der Halle gewesen sein“, überlegte Frau Reinig und sah dabei Axel an. „Ich habe doch mit Ihnen über die Arrangements für das Festessen übermorgen gesprochen. Das war um diese Zeit, nicht wahr?“

Axel nickte. „Kurz nachdem Sie kamen, sind die jungen Leute hoch gegangen. Sie müssten sie eigentlich noch gesehen haben.“

Frau Reinig schüttelte den Kopf. „Ich kann mich an nichts mehr erinnern“, sagte sie müde.

Inspektor Ludwig beschloss, angesichts der späten Stunde auf eine Vernehmung der Hotelgäste zu verzichten. Er gab nur Anweisung, dass die Gäste sich am anderen Morgen auf keinen Fall entfernen dürften, bevor er sie befragt hatte. Er verabschiedete sich von Frau Reinig und Axel.

„Halten Sie weiterhin die Augen offen, Herr Moor!“ sagte er zu letzterem.

Ziemlich erschöpft meldete sich Ludwig bei Hauptkommissar Brandner zurück.

„Haben Sie Neuigkeiten?“ fragte er den Chef, der bereits die Fahndung nach Füssner und den jungen Leuten in die Wege geleitet hatte.

„Nur die eine: einen Willy Füssner gibt es nicht in Darmstadt und auch keine Liebigstraße Nummer sechs, das ist eine Bauruine. Mir scheint, der Mann ist es wert, näher untersucht zu werden.“

Ludwig nickte. „Wahrscheinlich ist das unser Mann, nach dem wir suchen müssen. Wenn wir ihn nur erst hätten! Und auch die junge Dame und ihr Begleiter machen mir Kopfzerbrechen.“

„Schlafen wir erst mal darüber, Ludwig!“ schlug der Kommissar seinem jungen Kollegen vor. „Morgen ist auch noch ein Tag und Herr Reinig ist ja noch am Leben. Es wird allenfalls ein Fall mit versuchtem Mord.“

 

 

In der alten Villa im Dichterviertel des Städtchens lief Frau Dornburg ruhelos hin und her. Ungezählte Male hatte sie einen Mantel über die Schultern gelegt und war ans Gartentor getreten, um nach ihrer Tochter Ausschau zu halten. Nun war es draußen stockdunkel geworden Beate war immer noch nicht nach Hause gekommen.

Wahrscheinlich hat Gaby Winter sie dazu überredet, mit ihr zum Tanzen zu gehen, überlegte Frau Dornburg ärgerlich. Dieser Umgang mit der leichtfertigen Gaby wollte ihr nun einmal nicht passen. Wenn Beate heimkam, würde sie mit ihr darüber sehr ernsthaft reden müssen.

Aber wo blieb das Kind nur? Längst hatten die Kinos geschlossen. Es war schon elf Uhr in der Nacht. Beate musste doch wissen, dass ihre Mutter sich Sorgen machte.

Frau Dornburg ging zum Medikamentenschrank im Badezimmer und nahm ihre Herztropfen ein.

Die Uhr in der Halle schlug einmal an. „Halb zwölf!“ sagte Frau Dornburg laut. „Ich mache mich jetzt für die Nacht fertig, bis dahin ist Beate sicher da!“

Sie ließ das Badewasser in die Wanne laufen. Der Boiler machte unerträglichen Lärm. Würde sie Beate überhaupt hören, wenn diese nach Hause kam? Sie drehte den Wasserhahn wieder zu und lauschte.

Wenn Beate nun ihren Schlüssel vergessen hatte? Vielleicht wagte sie nicht, ihre Mutter mit Klingeln zu stören?

Halb entkleidet huschte Frau Dornburg zum Schlüsselschrank neben der Haustür.

Beates Schlüssel hing nicht an seinem Platz. Sie seufzte und ging zurück ins Badezimmer.

Schnell zog sie sich aus und wusch sich. Dann schlüpfte sie in ihr Bett. Die Laken waren eiskalt. Ach, wie sie diese Einsamkeit hasste!

Was soll nur werden, wenn ich Beate einmal an einen Mann verliere? dachte Frau Dornburg fröstelnd. Ich bin nicht dazu geboren, allein zu leben.

Zwölf Mal schlug die Uhr unten in der Halle an. Frau Dornburg zählte jeden Schlag mit.

Wenn dem Kind nun etwas passiert war? Vielleicht war es keine harmlose Tanzerei, bei der Beate sich aufhielt? Konnte sie nicht auf dem Nachhauseweg überfallen worden sein?

„Wenn diese Gaby wenigstens ein Telefon hätte!“ seufzte Gertrud Dornburg. Aber nicht einmal die Witwe Häsele, bei der Gaby möbliert wohnte, besaß einen Telefonapparat. Sie konnte sich mit Gaby nicht in Verbindung setzen.

Aber morgen werde ich zu dieser Gaby gehen und ihr gründlich meine Meinung sagen, nahm sich Frau Dornburg vor. Dann versuchte sie, Ruhe zu finden. Aber erst gegen Morgen fiel sie in einen unruhigen Schlaf, aus dem sie wie gerädert erwachte.

Ihr erster Weg führte ins Zimmer nebenan – Beates kleines Reich.

Es war untadelig aufgeräumt. Das Bett leuchtete weiß und unberührt an der Wand gegenüber dem Fenster. Beates rote Pantoffeln standen wartend davor. Von ihrer Tochter keine Spur.

„Sie ist die ganze Nacht nicht zu Hause gewesen!“ rief Frau Dornburg fassungslos.

In fliegender Hast kleidete sie sich an. Sie nahm sich nicht die Zeit für ein Frühstück, nur die Herztropfen nahm sie mit einem Schluck Leitungswasser. Ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals mit unregelmäßigen Schlägen. Wie leicht konnte sie jetzt auf der Straße zusammen brechen, wie das schon einmal geschehen war!

Vorsichtshalber zog Frau Dornburg ihren Pelzmantel an. Der Arzt hatte ihr verboten, mit ihrer Erkältung überhaupt auszugehen.

Ein düsterer, unfreundlicher Oktobermorgen stürmte ihr entgegen, während sie die Villenstrasse entlang lief, die zu dieser Stunde noch unbelebt war.

Wo war nur das Haus, in dem Gaby Winter wohnte? Sie sehen alle gleich auch, diese

Reihenhäuser.

Sie ging auf die erste Haustür zu und las die Namensschilder.

Häsele, Raffler, Winter las sie und drückte bei Winter zweimal energisch auf den Klingelknopf.

In der Dachgaube öffnete sich ein Fenster. Ein blonder Mädchenkopf beugte sich heraus.

„Wer will mich denn da so früh besuchen?“ rief eine helle Stimme zu Frau Dornburg hinab.

Frau Dornburg trat aus dem Hauseingang zurück und erblickte Gaby hoch oben am Fenster. In ihrem Haar steckte noch ein einsamer Lockenwickler. Die anderen hatte sie wohl hastig herausgenommen.

„Fräulein Winter, würden Sie mich bitte hereinlassen, ich muss mit Ihnen sprechen!“

„Ja, natürlich, sofort, Frau Dornburg!“ Das Fenster schlug zu und dann hörte man Gabys Absätze die Treppe herunter klappern. Sie riss die Haustür auf und Frau Dornburg fiel der erstaunten Gaby Winter fast in die Arme.

„Wo ist Beate? Was haben Sie mit ihr gemacht?“ fuhr sie das ahnungslose Mädchen an.

„Bitte, Frau Dornburg, wir können doch nicht hier vor der Haustür... Bitte kommen Sie mit nach oben. Es ist zwar noch nicht aufgeräumt, ich bin eben erst aufgestanden, aber...“

„Wo ist Beate?“ klang es vorwurfsvoll. Frau Dornburg dachte nicht daran, mit nach oben zu kommen. Die beiden Frauen standen sich in dem engen Treppenhausflur gegenüber und sahen sich verständnislos an.

„Beate ist nicht hier!“ sagte Gaby mit großen erschrockenen Augen.

„Das kann nicht wahr sein!“ Frau Dornburg schrie diese Worte förmlich, so dass Gaby zusammen zuckte. Gleich würde das ganze Haus wach werden.

„Bitte kommen Sie mit nach oben und überzeugen sich selbst davon, dass Beate nicht bei mir ist!“ sagte Gaby Winter und zog die erregte Frau mit sich die Treppe empor.

„So, jetzt können wir besser miteinander reden“, meinte sie dann und schloss die Tür ihres Zimmerchens.

„Bitte, setzten Sie sich, Frau Dornburg und erzählen Sie mir in aller Ruhe, was vorgefallen ist.“

Gaby wies auf einen Stuhl, von dem sie hastig ein paar Kleidungsstücke entfernt hatte. Das ganze Zimmer war noch in morgendlicher Unordnung. Auf der Kommode lagen Gabys Lockenwickler, das Bett war ungemacht. Im Tauchsiedertopf sprudelte das Wasser.

Frau Dornburg wies alle Entschuldigungen wegen der Unordnung mit einer Handbewegung zurück.

„Beate ist gestern gegen halb acht zu Ihnen gegangen und ist bis heute nicht zurück“, sagte sie mit totenbleichem Gesicht.

„Aber das kann doch nicht wahr sein!“ Gaby sank erschrocken auf ihr Bett.

„Wo soll sie denn hin gegangen sein? Bei mir war sie doch gar nicht. Sie hat mir am Samstag versprochen, zu mir zu kommen, wenn Sie es erlauben würden. Ich habe den ganzen Sonntag Abend auf sie gewartet.“

Ratlos sah Gaby der unglücklichen Mutter ins Gesicht. Dann bemerkte sie den sprudelnden Wassertopf.

„Ich mache uns jetzt erstmal einen Kaffee, Frau Dornburg. Sie sehen aus, als würden sie ihn brauchen!“

Frau Dornburg vertrug eigentlich keinen Kaffee. Aber als sie dann die warme Tasse zwischen beiden Händen hielt und trank, wurde ihr etwas wohler. Die Schwäche, die sie gefangen gehalten hatte, wich. Die kühle Überlegung kehrte zurück.

„Sie müssen ehrlich zu mir sein, Fräulein Winter!“ begann Gertrud Dornburg.

„Halten Sie es für möglich, dass Beate einen Freund hat und sich mit ihm getroffen hat, statt zu Ihnen zu gehen?“

„Noch ehe sie ausgeredet hatte, schüttelte Gaby energisch den Kopf.

„Das halte ich für ausgeschlossen, Frau Dornburg. Es passt nicht zu Beate. Und schon gar nicht passt es zu ihr, die ganze Nacht weg zu bleiben! Nein, das würde Beate niemals freiwillig tun!“

Während Gaby sprach, nickte Frau Dornburg zustimmend.

„Ich halte das natürlich auch für ausgeschlossen. Aber welchen Grund könnte Beate sonst gehabt haben, die ganze Nacht fort zu bleiben?“

„Es gibt nur ein Möglichkeit, Frau Dornburg. Wir müssen die Polizei benachrichtigen. Es kann Beate auf dem Weg irgendetwas zugestoßen sein. Vielleicht hat ein Auto sie angefahren und sie liegt im Krankenhaus...“

Frau Dornburg nickte und stand auf. „Ich gehe jetzt sofort zur Polizei!“

Gaby hielt sie zurück. „Ich komme natürlich mit Ihnen. In dem Zustand können Sie nicht allein bleiben! Bitte, warten Sie einen Augenblick!“

In Gertrud Dornburgs Augen leuchtete es dankbar auf. Diese Gaby hatte sie sich eigentlich ganz anders vorgestellt. Wie nett und hilfsbereit sie war! Wie gut, dass sie nicht allein zur Polizei gehen musste!

Im Handumdrehen hatte Gaby ihre Frisur gerichtet, ihren Mantel angezogen und ihre kleine Berufstasche gepackt. Dann liefen sie die Treppen hinunter und schlugen die Richtung zur Innenstadt ein.

„Ich schlage Ihnen vor, dass wir von Marxmeyer aus zunächst die Polizei anrufen“, meinte Gaby. „Dann kann ich gleich meinem Chef sagen, dass ich heute nicht kommen kann.“

Frau Dornburg nickte . Sie war so dankbar, dass die energische Gaby alles in die Hand nahm.

Bei dem Juwelier Marxmeyer sank Frau Dornburg erschöpft auf einen der roten Sessel mit vergoldeten Armlehnen, die für die Kunden bereit standen.

Eifrig wollte Herr Marxmeyer nach ihren Wünschen fragen, doch Gaby zog ihn schnell beiseite.

„Ich möchte Sie bitten, mir für heute Urlaub zu geben, Herr Marxmeyer. Wenigstens für den Morgen. Und darf ich mal telefonieren?“ Diese Dame vermisst ihre Tochter. Ich muss die Polizei anrufen!“

Bei den letzten Worten verschwand Gaby schon in das benachbarte kleine Büro und wählte die Nummer der Kreispolizeibehörde.

Frau Dornburg wollte Gaby ins Büro folgen, doch Herr Marxmeyer hinderte sie mit sanfter Gewalt daran.

„Lassen Sie Gaby nur machen!“ tröstete er. „Sie ist ein patentes Mädchen. Ich weiß gar nicht, wie ich zu dem Glück komme, eine so tüchtige Verkäuferin zu haben. Ist Ihre Tochter denn schon lange fort?“

„Erst seit gestern Abend“, antwortete Frau Dornburg, als sie ehrliches Mitgefühl in den Augen des Juweliers las. „Aber Sie können sich vorstellen, was es für micht bedeutet, die ganze Nacht auf meine Tochter zu warten. Sicher kennen Sie Beate. Sie ist mit Gaby eng befreundet und ich dachte, die beiden hätten den gestrigen Abend zusammen verbracht. Aber Gaby hat meine Tochter gestern überhaupt nicht gesehen.“

„Nun, es wird sich schon alles aufklären. Sie müssen nur die Ruhe bewahren, gnädige Frau!“ sagte der Juwelier tröstend, gerade als Gaby aus dem Büro trat.

„Die Polizei sagt, dass in dieser Nacht kein Unfall gemeldet worden ist. Und eine Vermisstenmeldung kann sie nicht annehmen, weil die Vermisste erst 24 Stunden abgängig – so drückten sie sich aus- sein muss. Erst nach dieser Zeit nimmt die Kriminalpolizei die Vermisstenmeldung entgegen.“

„Mein Gott, was kann Beate in dieser Zeit alles zugestoßen sein!“ jammerte Frau Dornburg.

„Rufen Sie die Krankenhäuser an, Gaby. Es kann immerhin sein, dass ein Autofahrer Beate angefahren hat und in die Klinik gebracht hat. Darüber braucht die Polizei unter Umständen nicht informiert worden zu sein,“ empfahl Herr Marxmeyer.

Wieder vergingen bange Minuten. Doch auch die Krankenhäuser hatten in dieser Nacht keine verletzte Frau aufgenommen. Ein Mädchen namens Beate Dornburg hielt sich in keiner Klinik auf.

„Sie ist wie vom Erdboden verschluckt“, sagte Gaby ratlos. Die Tränen standen ihr in den Augen.

„Wir müssen bis heute Abend warten“, sagte Frau Dornburg und erhob sich. „Punkt acht Uhr suche ich die Kriminalpolizei auf. Dann ist Beate genau vierundzwanzig Stunden verschwunden, oder ´abgängig´, wie die das nennen.“

„Darf ich Sie nach Hause begleiten, Frau Dornburg?“ bot sich Gaby an. „Herr Marxmeyer gibt mir gern für diesen Tag frei.“

„Das kann ich nicht annehmen, Gaby – ich darf Sie doch beim Vornamen nennen? Aber wenn Sie mir ein Taxi rufen würden? Meine Beine machen nicht mehr mit.“

Danach saß Gertrud Dornburg wieder zu Hause, nein, sie saß nicht, sondern ging ruhelos von einem Zimmer der Villa zum anderen. Sie verbrachte die Zeit voller Verzweiflung und böser Vorahnungen.

Mehrmals rief Gaby vom Geschäft aus an und fragte nach ihrem Befinden. Nach

Ladenschluss kam sie selbst vorbei und läutete bei Frau Dornburg an der Haustür.

„Immer noch keine Nachricht?“ fragte sie die totenbleiche Frau, die sie herein bat.

„Nichts“, lautete die lapidare Auskunft.

Schweigend saßen sich dann die beiden Frauen bei einer Tasse Tee gegenüber, bis es endlich kurz vor acht Uhr war. Dann fuhren sie mit dem Taxi zum Polizeipräsidium.

 

Inspektor Ludwig sah von seinem Schreibtisch auf, als sie herein geführt wurden. Die eine Frau war sehr jung und hübsch, die ältere verhärmt und offensichtlich in größter Sorge.

„Was kann ich für Sie tun?“ fragte er Frau Dornburg und bot den beiden Damen Stühle an.

„Meine Tochter ist nun genau seit vierundzwanzig Stunden abgängig“, sagte Frau Dornburg mit eisiger Betonung. „Ich hoffe, das ist lang genug für Ihre Behörde, um endlich mit der Suche anzufangen!“

Christian Ludwig sah die erregte Frau mitleidig an. Ja, sie war hart, diese Bestimmung, dass eine vermisste Person erst nach vierundzwanzig Stunden von der Polizei gesucht werden durfte. Aber wie sollte er das einer aufgeregten Mutter erklären. Die Kriminalpolizei war für wichtigere Aufgaben da, als nach weggelaufenen Kindern zu suchen, die sich doch meistens wieder zu Hause einfanden. Das Beste war gewiss, er begann ganz sachlich mit der Personenbeschreibung.

„Wie lautet der Name Iher Tochter?“ fragte Ludwig, zog ein Formular aus einem Ordner hervor und spannte es in eine Schreibmaschine..

„Beate Dornburg, neunzehn Jahre alt“, sagte die Mutter.

In Ludwigs Kriminalistenhirn schlug sofort eine Glock an, doch er ließ sich nichts anmerken, sondern tippte Beates Namen mit zwei Fingern in die vorgesehene Spalte.

„Ich muss das genaue Geburtsdatum wissen“, verlangte der Inspektor und sah auf.

Hübsch, wirklich hübsch war das Mädchen, das dort auf dem Stuhl weiter hinten im Raum saß. Sie war anscheinend die Schwester der Vermissten.

„2.Apri 1951“, gab Frau Dornburg Auskunft. Ihre Stimme klang gereizt. Warum musste dieser Inspektor Gaby mit einem solchen Blick ansehen, während ihre Beate irgendwo in Not war? Aber für diese Beamten waren das ja Routineangelegenheiten. Sicher gingen hier fast wöchentlich Vermisstenmeldungen ein.

„Können Sie mir eine möglichst genaue Beschreibung Ihrer Tochter geben?“, bat der Inspektor, jetzt ganz bei der Sache.

Frau Dornburg holte tief Luft,nahm ein Foto aus ihrer Handtasche und legte es vor den Inspektor auf seinen Schreibtisch. Es zeigte Beate in ganzer Größe nach einem Tennisspiel. Lachend schaute das bildschöne Mädchen in die Kamera.

Offenbar ähnelt sie ihrer Schwester sehr, dachte Ludwig, der Gaby noch immer für die zweite Tochter von Frau Dornburg hielt. Auch Beate hatte blaue Augen. Ihr Haar war etwas dunkler als das der Schwester. Sie trug es lang und nur leicht gelockt, während Gabys Haar in einer niedlichen modernen Wuschelfrisur um ihren Kopf stand.

Ludwig tippte Haar – und Augenfarbe in die Maschine und fragte dann:

„Wie war Ihre Tochter gestern Abend bekleidet, Frau Dornburg?“

„Sie trug einen weißen Trenchcoat, dunkelblaue Pumps und Handschuhe“, begann Frau Dornburg.

„Waren die Handschuhe auch dunkelblau“

„Nein, Beate hatte die weißen angezogen. Eigentlich hätten die blauen besser gepasst. Aber ich weiß ganz genau, dass sie die weißen anhatte, weiße Waschlederhandschuhe.“

„Hatten die Handschuhe ein Muster?“

„Ich glaube schon. An der Seite zog sich ein durchbrochener Streifen von der Stulpe bis zur Spitze des kleinen Fingers. Das Muster wirkte wie ein Gitter.“

„Warum er wohl gerade den Handschuhen soviel Aufmerksamkeit schenkt?“ wunderte sich Frau Dornburg. Auch Gaby, die der Beschreibung aufmerksam gefolgt war, fiel es auf.

Dann beschrieb Frau Dornburg ausführlich, wie Beate sie gebeten hatte, zu ihrer Freundin gehen zu dürfen.

Es ist also ihre Freundin und nicht die Schwester! dachte Ludwig.Wie bringe ich nur ihren Namen in Erfahrung?

„Beate ging in Richtung Goethestraße davon. Sie winkte mir noch einmal übermütig und glücklich zu. Seitdem habe ich sie nicht mehr gesehen. Bitte, tun Sie ihr Möglichstes, um sie zu finden, Inspektor!“

Frau Dornburg hielt erschöpft inne. Wieder meldete sich ihr Herz in beunruhigender Weise. Gaby sprang auf und legte den Arm um sie.

„Sie gehören unbedingt in Ihr Bett, Frau Dornburg. Sie sind ja am Ende Ihrer Kräfte. Ich werde Sie jetzt nach Hause bringen! Haben Sie noch Fragen, Inspektor?“

Gabys blaue Augen richteten sich auf den jungen Mann und machten diesen ganz verlegen.

„Würden Sie mir auch Ihren Namen verraten?“ fragte er gerade heraus. Vielleicht müssen wir uns auch mit Ihnen noch einmal in Verbindung setzen!“

Gaby nannte ihm Namen, Adresse und das Juweliergeschäft, in dem sie arbeitete.

Er nahm alles ordnungsgemäß auf.

Frau Dornburg war unterdessen schon auf den Gang getreten. Da flüsterte Gaby dem Inspektor noch zu:

„Es ist nicht, wie Sie denken, Herr Inspektor. Beate ist zwar bildhübsch, aber keineswegs leichtfertig!“

Dann schloss sie die Tür und folgte Beates Mutter.

Kaum waren die beiden Frauen gegangen, da hob Inspektor Ludwig den Hörer des Hausapparates ab. Am anderen Ende der Leitung meldete sich sein Chef, Kommissar Brandner.

„Ja, Ludwig? Neuigkeiten?“

„Und ob! Wir haben jetzt die Identität des Mädchens fest gestellt, das Füssner besucht hat. Eben war die Mutter hier und meldete das Mädchen als vermisst. Die Beschreibung stimmt mit der des Portiers vom Badenia überein. Zur Sicherheit habe ich mir ein Foto des Mädchens geben lassen.“

„Dann fahren Sie sofort ins Badenia hinüber und klären, ob es wirklich das Mädchen ist, das Füssner besuchte. Wenn wir sie haben, haben wir vielleicht auch die Identität ihres Begleiters.“

„Das wird nicht einfach sein. Laut Angaben der Mutter kannte das Mädchen keinen jungen Mann hier in Lörrach.“

Ein trockenes Lachen des Kommissars kam vom anderen Ende der Leitung.

„Mütter sind auch heutzutage noch sehr naiv, wenn es um die eigene Tochter geht“, sagte er. „Aber nun beeilen Sie sich, damit wir bald mehr wissen im Fall Reinig!“

 

Ludwig barg das Foto Beates in seiner Brieftasche und fuhr ins Badenia.

Axel Moor versah wieder Portiersdienste und war somit der Erste, den er traf.

„Ich muss Ihnen etwas zeigen, Herr Moor“, sagte Ludwig leise zu ihm. „Es dauert nur einen Augenblick.“

„Schießen Sie los, Inspektor! Wir sind gerade ungestört“, sagte Axel, nachdem er sich umgesehen hatte, ob niemand sie beobachten ...

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