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24 Geschichten für die Weihnachtszeit

Diana Steinbrede (Hrsg.)

24
Geschichten
für die Weihnachtszeit

Ein
Adventskalenderbuch

Mit Illustrationen von Stefanie Scharnberg

Dieser Adventskalender verkürzt mit 24 Geschichten die Wartezeit bis Weihnachten. Jeden Tag vom 1. bis 24. Dezember kannst Du eine neue Geschichte lesen. Viel Spaß mit diesem Buch!

BASTEI ENTERTAINMENT

1. Dezember

Kathrin Schrocke

Ein ganz besonderer
Adventskalender

Abbildung

Einmal wollte unser Bruder Jojo in der Adventszeit auswandern. Und das kam so: In diesem Schuljahr hatte Jojo eine neue Lehrerin bekommen. Sie hieß Frau Hump und in ihren Haaren klebten winzige selbst getöpferte Perlen. Frau Hump trug Strickpullis und handgenähte Hosen, sogar ihre Schultertasche hatte sie selbst gefilzt. Frau Hump unterrichtete Jojo und seine Klasse in Handarbeiten.

Im Oktober fing Jojo mit dem Sammeln von Klopapierrollen an. Kaum hockten wir auf der Kloschüssel, klopfte es auch schon an der Tür. »Wirf die Klopapierrolle ja nicht weg!«, schrie Jojo so laut, dass alle Nachbarn es hörten. »Du musst die für mich aufheben, für ein ganz besonderes Bastelprojekt!«

Meine Schwester und ich ärgerten uns über das Geschrei. Wir wollten nicht, dass alle in der Straße unsere Klogänge mitbekamen. Aber irgendwann lachten wir über Jojos Sammelwut. Wir nannten ihn Klorollen-Fritzi und klauten Klopapierrollen aus dem riesigen Umzugskarton in seinem Zimmer.

Jojo malte Striche auf den Karton. 24 Klopapierrollen musste er sammeln.

Im November schleppte Jojo seinen Umzugskarton dann in die Schule, denn Frau Hump fing mit ihrem ganz besonderen Bastelprojekt an. Die Schüler sollten einen Adventskalender für die Eltern machen. Sie verzierten die Klopapierrollen mit rotem, blauem und gelbem Papier. Dann klebten sie die Rollen auf eine dicke Pappe und verschlossen die Öffnungen mit Alufolie.

Am 1. Dezember stand Jojos Kalender auf dem Küchentisch und er hockte mit stolzem Gesicht daneben.

»Toll! Du hast eine Startbahn für Raketen gemacht!«, lobte Papa, als er kam, um sich einen Kaffee zu kochen.

Jojo zog einen Flunsch. »Das sind keine Raketen, das ist ein verzaubertes Märchenschloss!«, erklärte er. »Die Rollen sind die Türmchen. Das sieht man doch! Du und Mama, ihr dürft jeden Morgen ein Türmchen öffnen.«

Mama schlurfte im Morgenmantel in die Küche. »Ach wie süß!«, rief sie aus. »Lauter bunte Wichtel aus Klopapierrollen! Jojo, hast du die etwa gemacht?«

»Das sind keine Wichtel, das ist ein verzaubertes Märchenschloss!«, sagte Papa. »Das sieht man doch!«

Dann machten er und Mama die Alufolie von der ersten Rolle. Darin steckte ein beschriebenes Kärtchen. Und auf dem Kärtchen stand in Frau Humps Schrift: Gutschein für frisch gebackene Butterplätzchen.

Mama freute sich. Sie liebt Butterplätzchen und hatte alle Zutaten da.

Nachmittags klopfte Jojo an meine Tür.

»Kannst du Plätzchen backen?«, fragte er. »Frau Hump sagt, das ist ganz leicht.«

Ich musste eigentlich Hausaufgaben machen. Aber weil er mein kleiner Bruder war, ging ich mit ihm in die Küche, um ihm zu helfen. Ich knetete den Teig für ihn, wir rollten ihn aus und stachen Plätzchen aus, die wir im Ofen backten. Wir brauchten drei Stunden dafür. Meine Hausaufgaben musste ich wohl morgen in der Pause machen …

Am nächsten Tag steckte in Jojos Märchenschloss ein Gutschein für heißen Weihnachtstee, den er unseren Eltern servieren sollte.

Nachmittags klopfte es wieder bei mir.

»Kannst du Weihnachtstee kochen?«, fragte Jojo. Er durfte den Wasserkocher in der Küche noch nicht allein benutzen. Außerdem hatten wir keinen Weihnachtstee.

»Wir haben keinen Weihnachtstee!«, versuchte ich ihn abzuwimmeln.

»Frau Hump sagt, es ist ganz einfach!«, sprudelte es aus Jojo hervor. »Man kann normalen Früchtetee kochen. Und dann tut man Nelken und eine Vanilleschote rein.«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich habe dir gestern schon die Plätzchen gebacken.«

Jojo schloss die Tür und ich hörte ihn bei unserer Schwester klopfen.

Am dritten Dezember steckte ein Gutschein für ein auswendig gelerntes Weihnachtsgedicht in der Rolle. Ich hörte, wie Jojo angestrengt im Wohnzimmer übte: »Von drauß’ vom Walde komm ich her, ich muss euch sagen, es bröselt sehr!«

»Es weihnachtet sehr!«, korrigierte ich ihn.

Jojo merkte sich Sachen nur schlecht. Nach dem ersten Satz verlor er jedes Mal den Faden. Eine Stunde später gab er auf, und ich hörte, wie er Ice Age im Fernsehen schaute.

»Was ist denn jetzt mit dem versprochenen Weihnachtsgedicht?«, fragte Papa beim Abendessen.

»Von drauß’ vom Walde komm ich her!«, sagte Jojo. Der Rest fiel ihm nicht mehr ein und er stocherte verlegen in seinem Gulasch.

Am nächsten Tag fanden unsere Eltern einen Gutschein für ein Weihnachtslied im Märchenschloss. Jojo wurde blass. Er konnte überhaupt nicht gut singen. Unsere Schwester Ruth und ich halfen ihm. Ruth spielte Blockflöte und ich und Jojo sangen im Chor.

Jedes Mal, wenn Jojo an seinem Märchenschloss vorbeiging, sah er inzwischen ängstlich die vielen verpackten Türmchen an.

Am fünften Tag zauberten unsere Eltern einen Gutschein für einmal Schneeschippen hervor. Jojo war etwas klein für sein Alter und in der Nacht hatte draußen ein Schneesturm getobt.

»Hilfst du mir Schnee schippen?«, fragte Jojo verzweifelt, als er in meinem Zimmer stand.

»Ruf doch Frau Hump an!«, sagte ich böse.

Jojo fing an zu heulen. »Am liebsten würde ich auswandern!«, schniefte er. »Ich muss Mama und Papa noch einen Salzteigengel backen, eine Laterne basteln und zwei Sterne für den Christbaum häkeln. Und noch tausend andere Sachen, die Frau Hump sich ausgedacht hat.«

Unsere Schwester Ruth schaute um die Ecke. »Gutscheine sind toll!«, tröstete sie Jojo. »Aber nur, wenn man sie auch wirklich einlösen kann.«

Nachts, nachdem unsere Eltern ins Bett gegangen waren, trafen wir uns heimlich in der Küche. Vorsichtig machten wir alle Türmchen auf. Wir nahmen die restlichen neunzehn Gutscheine heraus und warfen sie in die Tonne. Dann schrieben wir neue Gutscheine für Jojo. Gutscheine, die wirklich zu ihm passten. Jetzt steckte im Märchenschloss ein Gutschein für einmal Tischdecken. Für eine Stunde weniger Fernsehen am Tag. Ein Gutschein für die witzigste Grimasse, die Jojo zustande brachte, und ein Gutschein für den ganzen Rosenkohl aufessen, den es immer sonntags bei Oma gab.

Unsere Schwester machte die Folien wieder zu und wir gingen zu Bett. Jetzt konnte auch für Jojo eine entspannte Adventszeit beginnen!