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2204 Retrospective Countdown

Liebe Leserin, lieber Leser,

vorab ein paar Anmerkungen in aller Kürze, damit Sie einschätzen können, ob dieses Buch für Sie von Interesse sein könnte:

Falls Sie vom Thema 'Klimakrise', 'Klimawandel' oder gar 'Klimakatastrophe' genug haben, können Sie beim Lesen dieser Zeile das Buch schon jetzt wieder zur Seite legen.

Denn '2204 Retrospective Countdown' ist meine persönliche Studie und Prognose über die künftige Klimasituation sowie über das damit verbundene weitere Schicksal der Menschheit, alles verpackt in Form eines spannenden Romans, wie Sie hoffentlich finden werden.

Dazu bewogen haben mich Ereignisse wie die verheerenden Brände in Australien, Kalifornien, Sibirien und Brasilien, das immer schnellere Abschmelzen der eisbedeckten Flächen an Nord- und Südpol sowie in Grönland, der Permafrostböden und Gletscher, die starke Zunahme von Überschwemmungen und Stürmen, das nach wie vor unkontrollierte Wachstum der Weltbevölkerung sowie das weltweit grassierende Artensterben als Indikator für die Zerstörung unserer Lebensgrundlagen.

Derartiges hat es noch nie zuvor gegeben, und man fragt sich: Was hat das für Folgen beziehungsweise was kommt da noch auf uns zu?

Unter Fachleuten besteht kein Zweifel: Das schnelle Anwachsen der CO2-Konzentration um 50 Prozent in der Atmosphäre und den Ozeanen innerhalb weniger Jahrzehnte hat das äußerst empfindliche Klimasystem der Erde wie durch einen gewaltigen Schlag mit einer Keule aus dem Gleichgewicht und zum Schwingen gebracht, und durch die immer noch ansteigende Konzentration von Treibhausgasen wird mit Sicherheit eine deutliche Zuspitzung der Situation eintreten. Als Physiker habe ich versucht, die Frage, wie dies im Detail aussehen könnte, möglichst realistisch zu beantworten. '2204 Retrospective Countdown' basiert da-her auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, weshalb sich der abstrahierbare Teil der Handlung auch mehr oder weniger zwangsläufig ergab. Diese mag Ihnen teilweise fantastisch erscheinen, für mich liegen jedoch alle so entstandenen Szenarien und Ereignisse aus diesem Grund im Bereich des Möglichen. Das ist, wie gesagt, meine persönliche Einschätzung, und es liegt mir fern, diese als unfehlbar anzusehen.

Ich hoffe jedoch, mit meinem Roman interessante Ideen, Anregungen und Informationen für Ihren eigenen Blick in die Zukunft zu geben. Sie erfahren beispielsweise, warum das erklärte 1,5-Grad-Ziel zur Begrenzung der Erderwärmung unter keinen Umständen auch nur annähernd noch erreicht werden kann, was das 'Nachlassen des Golfstroms' bedeutet und auch, wie der Treibhauseffekt physikalisch funktioniert. Mit anderen Worten, dieses Buch sollte jeder gelesen haben, der beim Thema 'Klima' mitreden will. Insbesondere, denke ich, ist die Handlung geeignet, kritische Köpfe noch nachdenklicher und vorsichtiger werden zu lassen und zu erkennen, dass sehr viel mehr zur Erhaltung der Lebensgrundlagen unternommen werden muss.

Die momentan geplanten Maßnahmen sind nach meiner Einschätzung bei weitem nicht ausreichend und müssten deutlich verschärft, also an das erforderliche, wissenschaftlich fundierte Maß angepasst werden. Durch von Lobbyismus beeinflusste oder Ignoranz geprägte Pseudo- und Gefälligkeits-Studien mit entsprechend halbherzigen und sogar falschen, kontraproduktiven Maßnahmen wird nachfolgenden Generationen in verantwortungsloser Weise ein nicht mehr menschenwürdiges Leben in einer zerstörten Umwelt zugemutet.

Das Buch enthält dazu einige Thesen, die nicht allen gefallen werden. Sie stellen auch nicht meine persönlichen Vorlieben dar, sondern sind eher als logische Folge der heutigen gesellschaftspolitischen und klimatischen Verhältnisse anzusehen. Ebenso spie-geln die in den Dialogen vertretenen Ansichten nicht zwingend meine eigene Meinung wieder.

Natürlich habe ich aber auch vom Recht auf künstlerische Freiheit Gebrauch gemacht und beispielhafte Elemente verwendet, um der Handlung die nötige Würze zu verleihen.

Ähnlichkeiten mit realen Dingen und Personen oder gar exakte Gleichnisse wären natürlich rein zufällig.

Die Hauptgeschichte spielt im Jahr 2203 und 2204. Sie erscheint dabei gar nicht so unverständlich fern, denn mehrere Episoden in früheren Jahren (2032, 2047, 2078 etc.) führen nach und nach in diese Zukunft. Die menschlichen Bedürfnisse bleiben ohnehin dieselben wie heute.

Insgesamt wird Ihnen '2204 Retrospective Countdown' sicherlich äußerst ungewöhnlich erscheinen und einiges an Durchhaltevermögen abverlangen, insbesondere in den beiden ersten Kapiteln, die Ihnen eine neue Welt aufzeigen werden. Dazu sollten Sie ein Interesse an Naturwissenschaften und politisch-gesellschaftlichen Entwicklungen mitbringen, sowie für völlig neue Sichtweisen offen sein. Überzeugungen immer wieder äussert kritisch zu hinterfragen ist nach meiner Einschätzung ohnehin eine der besten Möglichkeiten, um Win-Win-Strategien zu entwickeln, mit der sich die Situation für alle gleichermaßen verbessern lässt.

Verkomplizierende, nicht vernünftig aussprechbare Formulierungen habe ich versucht zu vermeiden. Dies soll keine Missachtung oder Geringschätzung von Genderneutralität oder politischer Korrektheit sein. In der in '2204 Retrospective Countdown' geschilderten Zeit ist die Gesellschaft um diesen wichtigen Schritt der Gleichbehandlung weiter und es sind selbstverständlich immer alle und ohne weitere Wertung gemeint.

Mein oberstes Ziel waren leichte Lesbarkeit und spielerisches Verständnis auch komplexer Sachverhalte, die ich ohne Fachjargon dargestellt habe, abgesehen von einigen Stellen, wo sie als Stilmittel dienen. Wegen der ungeheuren Komplexität insbesondere der belebten Natur waren jedoch auch Vereinfachungen nicht zu vermeiden. Die Kernaussagen des Romans werden davon nicht beeinträchtigt, wobei ich wirklich sehr hoffe, dass die geschilderten Ereignisse durch ganz besonders glückliche Umstände doch nicht wahr werden.

In diesem Zusammenhang auch noch folgender wichtiger Hinweis:

Für ausgeprägt schwache Nerven und Romantiker ist das Buch wegen der darin geschilderten Überraschungen, die durchaus Panik erzeugen können, ausdrücklich nicht geeignet. Ebenso werden Leugner wissenschaftlich belegter Fakten, insbesondere sogenannte 'Klimawandel-Leugner', keinen Gefallen daran finden.

Klimaretter und Zukunftsgestalter, die wissen wollen, was uns wirklich droht, dürften jedoch voll auf ihre Kosten kommen.

Durch die vielen, anschaulich vermittelten Informationen sollte es außerdem Pflichtlektüre für Schüler und Studierende sein.

Falls Sie, liebe Leserin, lieber Leser, bis zu dieser Stelle durchgehalten haben, bringen Sie vermutlich die nötigen Voraussetzungen für dieses Buches mit. Ich denke, dass es durch die uns allen noch bevorstehenden Ereignisse eine ganz besondere Wirkung entfalten wird und die geschilderte Handlung in den kommenden Jahren noch viel greifbarer macht.

Und noch ein Hinweis für Eilige, die nur das Nötigste grundsätzlich verstehen wollen: Lesen Sie die beiden Kapitel 'Rückblick 2039 Die Klimaeffekte' (S. 290) und '4. April 2203 Antarktika / Zhongshan' (S. 462).

Mir bleibt, Ihnen spannende Unterhaltung zu wünschen. Erfahren Sie, wie unsere Zukunft aussehen könnte und begleiten Sie eine Forschergruppe auf ihrer Reise für das wichtigste Projekt der Menschheit!

Ihr freundlicher Physiker

Andreas Elser

Im Februar 2020

CREATE
THE FUTURE
SCIENTIFICALLY

NEVER GIVE UP

Rückblick 28. Juli 2032

Europa, Südfrankreich / Avignon

Es war drei Uhr früh. Louis Morrisant lag wach in seinem Bett, obwohl er von den Ereignissen der letzten Tage völlig erschöpft war. Es war eiskalt im Zimmer und er fror wie nie zuvor.

Draußen heulte der Blizzard.

Schnee im August…

Der Gedanke an die bisher unvorstellbaren Ereignisse ließ unbändigen Hass auf die Regierung in ihm aufsteigen. Noch vor einer Woche hatte er die Hoffnung auf passable Erträge gehabt. Doch dann kam wieder die Katastrophe.

Dies war nun schon das dritte Jahr in Folge, dass es in Mittel- und Südeuropa einen Totalausfall der Ernten gab. Diesmal würde es sein finanzielles Ende bedeuten, wenn nicht mehr.

Am Abend zuvor hatte er kurz mit seiner chinesischen Geschäftspartnerin Jing Chiang in Beijing einen Videochat geführt. Sie war die Vorsitzende einer großen Investorengruppe, der über vierzig Prozent der renommiertesten Weingüter Frankreichs gehörte. Sie war außer sich über seine Mitteilung, dass die gesamte Weinernte wieder ausfallen würde und auch alle Lager inzwischen leer waren.

Vor zwei Jahren hingegen war fast überall in Europa kaum Niederschlag gefallen und die Temperaturen im Sommer hier in der Region hatten täglich bei über vierundvierzig Grad Celsius gelegen. Da es auch in den Jahren zuvor kaum Regen gegeben hatte, waren nahezu alle Wasserspeicher, Seen und Flüsse ausgetrocknet. Die Landwirtschaft hatte dadurch enorme Schäden erlitten.

Auch die Industrieproduktion war wegen des Wassermangels massiv eingebrochen, weil die Kernkraftwerke nicht mehr gekühlt werden konnten und deshalb abgeschaltet werden mussten. Insbesondere hier in Frankreich mit seiner enormen Abhängigkeit von dieser Technologie gab es riesige Probleme durch die zum Erliegen gekommene Stromproduktion. Auch die Bevölkerung musste sich extrem einschränken, weil die meisten elektrischen Geräte nicht mehr betrieben werden konnten.

Im vergangenen Jahr war es dann von Februar bis Oktober viel zu kalt, stürmisch und regnerisch gewesen. Die Durchschnittstemperatur in Mitteleuropa hatte im Jahr 2031 mehr als sieben Grad unter dem Normalwert gelegen. Die Lebensmittelpreise hatten sich durch die Ernteausfälle in den vergangenen fünf Jahren mindestens verdreifacht, je nach Produkt sogar verzehnfacht, weil sie in den USA und Russland teuer eingekauft werden mussten. Für die allermeisten war dies eine finanzielle Katastrophe.

Die EU hatte zwar begonnen, mit nordafrikanischen Ländern Verträge zu schließen, um unter den dort herrschenden etwas günstigeren klimatischen Bedingungen neue Agrarflächen anlegen zu können. Aber das benötigte natürlich viel Zeit.

Monsieur Morrisant warf trotz der Kälte die Bettdecke zur Seite, stand auf und ging zur Terrassentür. Die Scheiben waren innen beschlagen und verhinderten den Blick nach draußen. Als ob er sich vergewissern wollte, was sich hier seit Tagen abspielte, öffnete er sie ein wenig und blickte nach Süden, hinunter auf die Stadt in Richtung des alten Papstpalastes. Avignon lag komplett im Dunkeln. Nur der Mond warf noch etwas Licht auf das Geschehen. Eiskalte Luft zog ins Zimmer.

Er konnte es immer noch kaum fassen, was er sah. Jetzt, mitten im Hochsommer, waren die Häuser und Straßen unter einer dicken Schneedecke verschwunden. Seit gestern Abend war diese noch einmal um um mindestens dreißig Zentimeter angewachsen und es schneite immer noch. Von der Balustrade seiner Terrasse mit über einhundertzwanzig Zentimeter Höhe war inzwischen nichts mehr zu sehen. Hier an der Tür reichte ihm der Schnee sogar bis zur Brust.

Der Blizzard, der seinen Ursprung im Arktischen Ozean nördlich von Sibirien hatte, war mit Orkanstärke über Skandinavien und das Baltikum nach Polen und Weißrussland gezogen und weiter über Mitteleuropa und die Bergketten der Alpen und Pyrenäen bis nach Mittelitalien und Nordspanien. In Norwegen, Schweden Dänemark, Polen und Deutschland war schon vor Wochen wegen lokaler Wintereinbrüche der Notstand verhängt worden. Jetzt hatte es auch Mittel- und Südeuropa getroffen.

Auch die Natur außerhalb der Agrarflächen wurde zunehmend zerstört. Die belaubten Äste der Bäume und Sträucher brachen unter den enormen Schneelasten, die sich darauf auftürmten. Die meisten Tiere hatten sich nicht in Sicherheit bringen können und waren erfroren oder unter den Schneemassen erstickt.

Auch für die Bevölkerung war die Lage inzwischen akut lebensbedrohlich. Die meterhohen Schneeverwehungen hatten sämtliche Straßen unpassierbar gemacht, sodass die gesamte Infrastruktur und Versorgung zusammengebrochen waren. Der Präsident hatte daraufhin den nationalen Notstand ausgerufen und die Nationalgarde eingesetzt. Mit schweren Räumfahrzeugen wurden die wichtigsten Straßen und Flughäfen vom Schnee befreit. Es gab jedoch wie in ganz Europa viel zu wenige Helfer und Räumungsgeräte, um die Lage schnell in den Griff zu bekommen. Seit vier Tagen war die Armee im Dauereinsatz, um die wichtigsten Einrichtungen wenigstens ansatzweise betriebsbereit zu halten. Natürlich gelang dies nur an wenigen Orten und Plünderungen von Läden und Privathäusern konnte sie überhaupt nicht verhindern.

Monsieur Morrisant bekam weiche Knie bei der Vorstellung, wie sich die Situation weiter entwickeln könnte. Ihm wurde bewusst, dass es auch für ihn bald um das nackte Überleben gehen würde, denn seine Nahrungsmittelvorräte waren fast aufgebraucht. Morgen musste er unbedingt das Haus verlassen, um an das Allernötigste zu gelangen. Wie das gelingen konnte, war ihm momentan allerdings noch völlig unklar. Es blieb nur die Hoffnung, dass das Militär schnell die Versorgung der Bevölkerung aus der Luft übernahm. Er spürte, wie sich sein Hals vor Angst verkrampfte und das Atmen erschwerte.

Ein heftiger Windstoß drückte die Tür plötzlich nach innen. Herr Morrisant konnte nicht mehr reagieren und die Türkante knallte ihm mit voller Wucht gegen Stirn und Nase. Er torkelte nach hinten, stolperte über den Teppich und schlug mit dem Hinterkopf gegen das eiserne Bettgestell. Nach dem ersten schmerzvollen Schlag zunächst ins Gesicht dröhnte jetzt sein Kopf durch den weiteren Aufprall. Völlig benommen blieb er am Boden liegen.

Enorme Mengen Schnee wehten von der Terrasse durch die weit aufgedrückte Tür herein und begruben ihn und alles im Raum innerhalb von Sekunden unter einer dicken Schicht. Nur weil die Kälte in seinem blutverschmierten Gesicht und an seinen nackten Beinen und Füßen ihn schnell wieder zu sich kommen ließ, erstickte er nicht darunter. In höchster Atemnot und völlig desorientiert, weil er nichts mehr sah, gelang es ihm, sich im letzten Moment durch den schweren Schnee nach oben zu drücken. Auf die Hände gestützt schnappte er nach Luft und blieb einige Zeit sitzen.

Als er sich etwas erholt hatte, erhob er sich mühsam. Voller Wut und Verzweiflung schwankte er zur Terrassentür, um sie zu schließen.

12. Februar 2203

Europa / Svalbard

Svalbard, die gebirgige Inselgruppe aus nacktem, graubraunem Fels, im Nordatlantik zwischen Europa und dem Nordpol gelegen, war neben Antarktika die einzige noch bewohnte Region der Erde.

Heute würde hier auf dem neunundsiebzigsten nördlichen Breitengrad die Polarnacht zu Ende gehen, die Sonne also nach vielen Wochen zum ersten Mal wieder über den Horizont kommen.

Das kleine Team um Jia Giacomelli hatte soeben die Schutzkuppel des Forschungsinstitutes für einen kurzen Aufenthalt im Freien durch die Sicherheitsschleuse verlassen. Die Wetterbedingungen in Svalbard erlaubten nur sehr selten einen Aufenthalt im Freien, im Moment jedoch war der hier übliche Sturm zu einem schwachen Wind abgeflaut, der Himmel nur wenig bewölkt und auch die Luftqualität war mit Werten im gelbgrünen Bereich ziemlich gut. Sie alle hatten daher nicht einmal die sonst unerlässliche Schutzkleidung angelegt.

Jia gehörte der hier beschäftigten Elite von Nature-Scientists an, die sich der Wiederherstellung der Lebensbedingungen auf der Erde verschrieben hatte. Sie nannten ihr Projekt 'Fixin', ein Kunstwort, wie viele heute verwendete Begriffe, das von den chinesischen und amerikanischen Gründern des Projekts aus 'Fùxīng' und 'Fixing' zusammengesetzt worden war, was soviel wie Wiedergeburt und Reparieren bedeutete.

Das Projekt bestand aus zwei großen Teilprojekten. Hier in Svalbard befanden sich die Forschungseinrichtungen des CC-Projekts, in dem Meeresalgen erforscht wurden, die als Grundlage für ein intaktes Klima benötigt wurden.

Der Standort auf dieser abgelegenen, nördlichsten Inselgruppe war gewählt worden, weil sich hier immer noch der erste globale Gen-Tresor befand, der aus der Zeit vor der Klimakatastrophe stammte. In dieser Anlage hatten viele Pflanzensamen und Mikrolebewesen bis heute überleben können. Zudem war Svalbard mit seiner riesigen Entfernung von Antarktika gut vor Sabotage geschützt, was von höchster Bedeutung war, denn das Projekt hatte in der Bevölkerung viele Gegner.

Der zweite wichtige Forschungsbereich befasste sich mit Flora und Fauna, also der Pflanzen- und Tierwelt, wie sie einmal auf den alten Kontinenten existiert hatte. Sie nannten es abgekürzt daher auch das FF-Projekt. Darin wurde versucht, alte Arten an neue Lebensbedingungen anzupassen, wie sie möglicherweise in Zukunft herrschen könnten.

Der Hauptstandort des FF-Projekts befand sich auf Finistere, einer Insel in der nördlichsten Region Antarktikas, ebenfalls weit abgelegen vom antarktischen Festland.

Die Gruppe hatte sich rund fünfzig Meter weit von der weißen Schutzkuppel vorgewagt, die einsam auf dem höchsten Bergplateau der Hauptinsel thronte. Sie überspannte mit einem Durchmesser von über siebenhundert Metern die gesamte Svalbarder Forschungsanlage, die aus achtundfünfzig mehrstöckigen Einzelgebäuden bestand. Diese waren im heute typischen Industrielook errichtet und boten Platz für die Labore der zweihundertfünfzig hier Forschenden und das technische Personal.

Die Kuppel selbst verlief wegen der hier auftretenden extremen Windgeschwindigkeiten in einem besonders flachen Bogen über den gesamten Komplex und endete rundum direkt auf der Felsoberfläche in einer Ringmauer, mit der zusammen sie das Innere hermetisch von der Außenwelt abschirmte.

Jia und die anderen standen nun kurz vor der Abbruchkante des Plateaus, oberhalb des steilen Abhangs zum Fjord hinunter und blickten voller Erwartung nach Süden. Die dort am Horizont gelegene Bergkette erschien als schwarze Silhouette vor dem schon sehr hell orange und violett leuchtenden Himmel.

In wenigen Minuten würde zwischen zwei der 'Blue End'-Gipfel, wie sie diese besondere Stelle nannten, zum ersten Mal wieder ein kleines Stück der Sonne zu sehen sein. Für Jia war dies ein besonderes Ereignis, denn nach dem Eingeschlossensein in der Svalbard-Forschungsanlage während der langen Dunkelperiode, sehnte sie sich nach Tageslicht und Abwechslung von der sterilen Umgebung der Labore.

Anders als die Städte in Antarktika war dieser Außenposten der Zivilisation weder mit einem künstlichen Himmel noch einem der wunderschönen Naturparks ausgestattet. Svalbard war ein reiner Forschungsstandort. Antarktika dagegen bot seiner Bevölkerung die verschiedensten Annehmlichkeiten, sodass dort kaum jemand die Polarnacht wahrnahm.

Die Bergspitzen der Umgebung und der obere Teil der Kuppel wurden schon von den ersten Strahlen getroffen und in ein rötlich violettes Licht getaucht. Kaum eine Minute später erschien die Sonne am Horizont. Jia lief beim Anblick des gleißenden, schmalen Bogens ein angenehmer Schauer über den Rücken, auch wenn sie wusste, dass von der extremen UV-Strahlung Gefahr für die ungeschützten Hautpartien ausging. Die Anzeige ihrer Eyefoil schnellte auch sofort auf den Wert von sechzehn und begann rot zu blinken. Der UV-B-Index lag also gefährlich hoch.

Obwohl auch sie versucht war, den Anblick noch einige Sekunden länger zu genießen, ging sie wie alle anderen schnell wieder zurück zur Schleuse. Auf dem Weg dorthin schaute sie noch einmal kurz zurück. Ihre Nase und Lippen fühlten sich schon heiß und trocken an, wie bei einem Sonnenbrand.

Ich hätte doch Helm und Schutzanzug anlegen sollen!, dachte sie.

Nach einem tiefen Zug aus ihrer Fresh-Air begab sie sich zusammen mit den anderen wieder in den Schutz der Anlage. Nachdem sie darin das nahe gelegene Gebäude erreicht hatte, in dem sie arbeitete, ging sie hinunter zum Labor im zweiten Untergeschoss. Dort befanden sich die großen, geschlossenen Meerwassertanks, in denen ihre technisch bisher fortgeschrittensten Algen-Experimente abliefen. Jia checkte routinemäßig die Statusanzeigen der aktuellen Testsequenz, die hier seit Tagen lief.

Es sah nach wie vor nicht gut aus, was sie nicht überraschte. Seit Wochen rechnete hier kaum jemand mehr damit, schnell bessere Resultate zu erzielen.

Sie standen vor lebensbedrohlichen Problemen, und Jia konnte es kaum erwarten, nach acht Wochen hier in Svalbard morgen zurück nach Antarktika und Byrd Island zu fliegen, um dort möglicherweise doch noch irgendwie ein Lösung zu finden.

Svalbard war aus historischen Gründen einer der Hauptsitze ihres Projekts. Hier war vor über zweihundert Jahren, also schon zu Beginn der Klimakatastrophe, eine Art Arche Noah im damals noch vorhandenen Dauerfrostboden errichtet worden.

Die Inselgruppe war zu dieser Zeit von mächtigen Gletschern und Schnee bedeckt, der felsige Boden darunter bis in große Tiefe das ganze Jahr über minus achtzehn Grad Celsius kalt. Dieser Permafrostboden bot damit vermeintlich bis weit in die Zukunft eine ideale Umgebung zur Konservierung von Pflanzensamen. Die Nature-Scientists dieser Zeit hatten daher Millionen Exemplare aus der ganzen Welt gesammelt und klimatisierte Räume in tiefen Stollen eines Berges dort angelegt, um sie vor Wärme zu schützen. Es war der Weitsicht der Planer zu verdanken, dass sie die Anlage weit oberhalb der Wasserlinie gebaut hatten. So wurde sie nicht sofort überflutet, als der Meeresspiegel im Jahre 2035 in unvorstellbarem Tempo zu steigen begann und Sturmfluten die Küstenregionen mehr und mehr unbewohnbar machten.

Ob und in welchem Ausmaß dies überhaupt jemals eintreten würde, hatte zuvor natürlich niemand genau gewusst. Die meisten gingen wohl eher davon aus, dass durch die Erwärmung der Erde nur die eine oder andere Tier- und Pflanzenart aussterben würde und das Abschmelzen des antarktischen und grönländischen Eispanzers erst in tausenden von Jahren stattfinden würde. Dass bald alle Kontinente, mit Ausnahme von Antarktika, unbewohnbar sein würden, hätte damals kaum jemand für möglich gehalten.

Innerhalb weniger Jahrzehnte stiegen jedoch die Temperaturen durch eine Kaskade vollkommen unvorhergesehener Rückkopplungsprozesse weltweit auf extrem hohe Werte. Dies zerstörte auf den alten Kontinenten nicht nur alles Leben in der freien Natur. Auch die Eispanzer der Antarktis und Grönlands sowie die Permafrostböden der Polarregionen und Hochgebirge schmolzen schnell vollständig ab, was den Meeresspiegel um fünfundneunzig Meter ansteigen ließ.

Weil sich die zuvor eisbedeckten Landmassen wegen der Entlastung des Untergrunds auch heute noch hoben, kam es dort ständig zu Erdbeben als auch Bergstürzen gewaltigen Ausmaßes. Die Beben hatten oft eine Stärke von 10,0, und wenn sie im Küstenbereich auftraten, was sehr häufig der Fall war, lösten sie riesige Flutwellen aus, genauso wie die enormen Felsmassen, die sich durch die Beben lösten und ins Meer abstürzten.

Die so in Grönland ausgelösten Wellen jagten über den Nordatlantik und donnerten als bis zu sechzig Meter hohe Tsunamis auch gegen Svalbards Küste. Die Gen-Tresor-Anlage, die sich an einem Fjord der Westküste befand, lag nun unglücklicherweise genau an einer der am schlimmsten betroffenen Regionen und war dadurch in höchster Gefahr.

Um den wertvollen Inhalt vor der Zerstörung zu bewahren, wurde schon während des Zusammenbruchs der alten Welt eine neue Anlage errichtet. Um sie auf lange Sicht auch vor den weiter steigenden hohen Temperaturen zu schützen, war sie mit riesigen Kühlsystemen ausgestattet und lag an einem der wenigsten heißen Orte der Insel auf eintausend Metern Höhe.

Von ganz besonderer Bedeutung und für sie vielleicht sogar lebensrettend war, dass dort auch Reservoire für Kleinstlebewesen der Meere errichtet worden waren. Diese konnten so wie die Millionen Pflanzensamen bis heute konserviert und am Leben erhalten werden.

Diese zweite Anlage war glücklicherweise selbst im Krieg während der Klimakatastrophe vor Zerstörung bewahrt geblieben, weil alle kriegführenden Parteien an deren Unversehrtheit interessiert gewesen waren. In der Zeit danach, während des Aufbaus der Städte in Antarktika, wurde die Anlage mit größter Sorgfalt weiter aufrechterhalten. Selbst heute noch wurde sie aus Sicherheitsgründen parallel zu den Laboren in Byrd Island in Antarktika betrieben und immer wieder auch erweitert.

Die Erhaltung der hier konservierten Pflanzen war für viele Jahre eine der wichtigsten Aufgaben überhaupt, denn sie waren für die Besiedlung von Antarktika und die Ernährung seiner Bevölkerung überlebenswichtig. Die riesige Entfernung zwischen Svalbard und Antarktika war dabei anfangs ein großes Problem.

Die Distanz von fast zwanzigtausend Kilometern konnte damals nur mit U-Booten überwunden werden, denn Flugzeuge waren wegen der extremen Stürme vor allem bei Start und Landung nicht mehr beherrschbar. Aus diesem Grund wurde versucht, so schnell wie möglich auch in Antarktika einen Gen-Tresor aufzubauen. Dazu war schon in den 2120er Jahren die Forschungsanlage auf Byrd Island gegründet worden, einer ebenfalls weit vom Festland abgelegenen und unbewohnten kleinen Insel. Alle in Svalbard existierenden Arten wurden vermehrt und in den dort neu aufgebauten Gen-Tresor gebracht. Im Gegensatz zu der von da an auch in Byrd Island betriebenen Forschung wurden die aktuellen Experimente wegen der für sie erhöhten Sabotagegefahr jedoch nur in der Hochsicherheitsanlage auf Svalbard durchgeführt. Dieser Standort war unerreichbar für Personen, die nicht absolut hinter dem Projekt standen.

Am nächsten Morgen wurde Jia in ihrer kleinen Svalbarder Wohnung wie immer von den streichelnden Bewegungen ihres Bettes sanft aus dem Schlaf geholt. Nach einer Weile öffnete sie die Augen. Der Raum war noch dunkel. Nur an der Zimmerdecke war das zu ihrem Weckprogramm gehörende und von ihr geliebte Farbspiel der Polarlichter zu sehen. Es waren die von den Kameras außerhalb der Schutzkuppel übertragenen Livebilder des aktuellen Geschehens am Himmel, an dem die im Magnetfeld türkis, violett und orangerot leuchtenden Gase wie transparente Schleier in Zeitlupe langsam durch die oberen Schichten der Atmosphäre wehten.

Noch leicht schlaftrunken schaute sie ein paar Minuten zu, schwang sich dann aus dem Bett und setzte ihre Datenbrille auf, die sie auf dem Sideboard neben sich abgelegt hatte. Ihr erster Blick ging auf den Status der Experimente, die über Nacht im Labor weitergelaufen waren.

Leider hatte sich die Situation auch jetzt nicht verändert.

Datenbrillen wurden heute von allen getragen. Sie nannten sie kurz 'Eyefoil', und mit ihrer höchst entwickelten 'Augmented Reality'-Funktion, die immer alle aktuell erforderlichen Information ins Blickfeld einblendete, gehörte sie zur Grundausstattung des täglichen Lebens. Sie wurde den ganzen Tag über getragen, auch weil sie als Kommunikationsmedium und Steuerzentrum für verschiedenste Geräte und Prozesse diente.

Ihr Äußeres ähnelte mit der glänzenden Oberfläche einer stark überdimensionierten Sportbrille, wie man sie früher gerne trug. Sie bedeckte einen Großteil des Gesichts, von der Mitte der Stirn fast bis zum Mund. Ihre Form war leicht gewölbt, wie aus einer großen Kugel ausgeschnitten, und sie legte sich mit einer Aussparung für die Nase eng um die obere Gesichtshälfte.

Um das Blickfeld nirgends einzuschränken, behielt sie auch zu den Seiten hin diese Dimensionen bei und verlief auch ohne Unterbrechung über Schläfen und Wangenknochen, war also aus einem einzigen Stück ohne Scharniere oder Rahmen. Erst kurz vor den Ohren wurde sie schmal und bildete einen Halbkreis um die äußeren Gehörgänge. Auch dieser Teil war für jede Person individuell angepasst, nicht nur um einen sehr guten Halt zu erreichen, sondern auch, weil dort die Audioeinheit saß, die ebenfalls mit AR-Funktionen ausgestattet war und optimalen Ton lieferte. Da die Eyefoil aus einer nur ein Millimeter starken Folie eines LCP-Hochleistungspolymers bestand, war sie superleicht und trotzdem extrem stabil.

Ihre Außen- und Innenseite spiegelte in allen Regenbogenfarben, wenn man sie entsprechend ins Licht hielt und solange sie nicht eingeschaltet war. Diese Farben kamen durch die mikroskopisch kleinen Pixel zustande, die auf der Außenseite der Bildaufnahme dienten und auf der Innenseite die Lichtstrahlen so ins Auge lenkten, dass darin das berechnete Bild erzeugt wurde.

Ihre Funktionsweise war einfach. Die bei der Bildaufnahme anfallenden Daten wurden an Rechner weitergeleitet, mit denen die Eyefoils permanent drahtlos verbunden waren. Diese Rechner gehörten heute generell der Quasarklasse an. Es handelte sich dabei um Quantencomputer, die jede Aufgabe quasi momentan erledigen konnten, da die auf ihnen laufenden Algorithmen aufgrund der Quantennatur alle Berechnungen gleichzeitig ausführen konnten, im Gegensatz zu den ersten Computern, die diese nur hintereinander abarbeiten konnten, was milliarden- und billiardenfach länger dauerte.

Die Quasarrechner erzeugten so ein perfektes Bild der Umgebung und schickten dieses einschließlich aller relevanten und gewünschten Zusatzinformationen verzögerungsfrei zurück an die Eyefoils.

Die meisten nutzten ihre Eyefoil ausschließlich in den beiden Standard-Modi 'Normal' und 'Real'.

Im Realmodus erschien die Umgebung exakt wie mit bloßem Auge, wobei auch wichtige Informationen angezeigt werden konnten. Im Normalmodus wurde alles entsprechend dem persönlichen Profil und den darin eingestellten Vorlieben und mit optimaler Klarheit und Helligkeit dargestellt. Selbst bei völliger Dunkelheit konnte man in dieser Einstellung alles deutlich wie bei Tageslicht erkennen.

Die Eyefoil diente natürlich auch der Video- und Audiokommunikation. Die von ihr erzeugten Bilder konnten an andere weitergestreamt werden. Als Mikrofon diente die gesamte Oberfläche der Eyefoil, die Schallwellen aus allen Richtungen aufnahm.

Darüberhinaus diente sie als Steuerzentrum für die verschiedensten Funktionen, die man ausführen wollte. Diese konnten in Form von Symbolen angeboten werden, die je nach Art, Thema oder Wichtigkeit in bestimmten Sektoren im Blickfeld der Eyefoil angezeigt wurden und über Finger- und Handbewegungen aktiviert werden konnten. Dazu wurden diese von den in der Eyefoil vorhandenen Tracker-Algorithmen permanent verfolgt und analysiert, um sie mit den Symbolen zu koordinieren und die gewünschten Befehle auszuführen.

Die zum Betrieb notwendige Energie bezogen die Eyefoils, wie auch die Quasarrechner und alle anderen Geräte und Maschinen, über die überall vorhandenen Ladepunkte des Energienetzes, mit denen sie sich bei Bedarf drahtlos verbanden und in Sekundenschnelle wieder aufluden. Diese Energie wurde völlig klimaneutral von Fusionsreaktoren erzeugt, die überall in kompakter Form vorhanden waren.

Jia war ziemlich enttäuscht, obwohl sie schon damit gerechnet hatte, dass auch die gestern gestarteten Tests wieder negativ verlaufen würden. Trotz einer erneut verbesserten Giftresistenz waren wieder alle Algen abgestorben, wenn auch ein paar Mikrosekunden später als bisher.

Die Algen in ihren Versuchen stammten von den alten Arten aus der Zeit vor der Klimakatastrophe ab und hatten besondere Fähigkeiten, die sie dringend für ihr Projekt benötigten.

Allerdings starben sie im Meerwasser sofort ab, da dieses wegen der heute darin lebenden Algenarten für sie tödlich war. Diese produzierten zur Abwehr konkurrierender Algen extrem starke Gifte. In vielen Regionen der Ozeane war das Meerwasser dadurch so gefährlich wie früher die stärksten Schlangengifte. Von einigen Algengiften wurden diese sogar noch übertroffen, nur die Verdünnung durch das Meerwasser reduzierte die Wirkung wieder etwas.

Seit Monaten arbeitete Jia zusammen mit anderen hervorragenden Nature-Scientists an einer Gensequenz, mit welcher sie die mikroskopisch kleinen Lebewesen gegen diese Gifte resistent machen konnten.

Leider hatten sie bisher damit bestenfalls nur ansatzweise Erfolg gehabt. Das gesamte Projekt stand womöglich kurz vor dem Scheitern, wenn sie hier nicht bald einen Durchbruch erzielen würden.

Dabei waren sie in dem anderen wichtigen Punkt, nämlich der CO2-Aufnahme, vor kurzem erst sogar erfolgreich gewesen. Nur diese letzte Hürde schien unüberwindlich.

Jia hatte noch genügend Zeit für ihr fünfzehnminütiges, morgendliches Fitnessprogramm, bevor sie zum Hyperport fahren würde. Sie schlüpfte schnell in ihre V-Schuhe, die sie immer bei Simulationen trug, um den Eindruck des Gehens oder Laufens auf realem Untergrund zu erzeugen, ohne sich tatsächlich mehr als einen Meter von der Stelle zu bewegen.

Sie begab sich in die Mitte ihres kleinen Wohnzimmers, wo sie ausreichend Platz dafür hatte. Dann klickte sie in der virtuellen Ansicht ihrer Eyefoil auf die Schaltfläche für ihre Lieblingsstrecke. Sofort tauchte sie ein in die Szenerie einer kleinen karibischen Insel. Diese war mit ihrem üppigen Grün, der unendlichen Zahl farbenreicher Blüten und dem blauen Ozean so wunderschön wie immer. Jia blickte sich kurz um. Wie immer zu Beginn ihres Trainings stand sie auf einem flachen Felsen in Ufernähe. Zu ihrer Linken erstreckte sich unter ihr eine schmale Bucht nach Osten, die von hunderten schlanken Palmen gesäumt war. Im türkisblauen Wasser glitzerte die Sonne in tausenden kleinen Sternen und leichte Wellen plätscherten an den weißen Sandstrand, nur etwa fünfzig Meter von Jia entfernt. Für einen Augenblick spielte sie mit dem Gedanken, dort schwimmen zu gehen, aber im nächsten Moment ließ sie diesen wieder fallen, denn natürlich funktionierte das nicht mit der Ausrüstung, die sie gerade trug. Sie wandte sich wieder von dieser Seite der Insel ab und sah den Naturpfad vor sich, den sie so mochte. Er verschwand schon nach wenigen Metern in der dichten, tropischen Vegetation und führte hinauf in die Hügellandschaft, von wo es immer wieder fantastische Ausblicke gab.

Die Bilder, die Jia in ihrer Eyefoil sah, wurden von den Algorithmen aus zweihundert Jahre alten Daten rekonstruiert und so animiert, dass nicht nur die Bewegung der Blätter im Wind und die Wellen auf dem Wasser zu sehen waren, sondern überhaupt jedes noch so kleine Detail. Die gesamte Szenerie war jedoch nicht nur visuell absolut realistisch und wäre von einem wirklichen Aufenthalt vor Ort nicht zu unterscheiden gewesen. Die perfekte Illusion wurde vom VG erzeugt, einem V-Generator, der alle weiteren Umweltbedingungen simulierte.

Als Jia in lockerem Tempo loslief, spürte sie sofort den warmen, leichten Gegenwind in den Haaren und auf ihrer Haut. Zum leichten Luftstrom erzeugte der VG über elektrische Felder dort auch ein angenehmes Kribbeln.

Hinzu kamen reale Substanzen, die er versprühte und die zur jeweiligen Szenerie passten. Mit tiefen Atemzügen sog sie den typischen Geruch des Meeres und den süßen Duft der Pflanzen ein. Schon nach kurzer Strecke wurde sie deutlich munterer.

Sie klickte einen vorgeschlagenen Soundtrack an. Die fröhlichen karibischen Klänge zusammen mit der traumhaft schönen Kulisse ließen in ihr schon nach wenigen Metern eine tiefe Sehnsucht nach realer, intakter Natur aufsteigen. Durch die aktuellen Probleme im Labor und die zur Lösung verbleibende kurze Zeit erschien ihr dieses Gefühl heute noch stärker, als sie es bisher erlebt hatte.

Nach ihrem Lauf und einigen abschließenden Tai-Chi-Chuan-Übungen ging sie ins Bad, um sich frisch zu machen.

»Was passt am besten zum heutigen Reisetag?«, fragte sie Aida, ihren persönlichen Bot.

Sofort entstand vor ihr in zwei Metern Entfernung ein Hologramm, das sie realistisch wie ein dreidimensionales Spiegelbild mit dem vorgeschlagenen Outfit zeigte, ihrem graublauen seidig glänzenden Anzug mit weißem Top und den weißen klimatisierten Softboots. Sie nickte kurz, worauf Aida zum Schrank ging und die gezeigten Kleidungsstücke und den für sie gepackten Backpack holte.

Nach zwei Bāozis und einer Tasse Tee verließ sie pünktlich ihre Wohnung, die ihr hier im Wohnkomplex zur Verfügung stand, so wie allen Nature-Scientists, die nur zeitweilig in Svalbard arbeiteten. Die Shuttle-Station war in nur zwei Minuten zu Fuß erreichbar.

Der Shuttle fuhr in einem Tunnel einschließlich eines kurzen Stopps direkt zum Flughafen, der in der Zentralregion der Insel lag. Für die einhundert Kilometer lange Strecke benötigte er fünfzehn Minuten.

Drei Stunden Flug lagen heute vor ihr. Jia wusste schon, dass ein ganz neues Modell eines Hypersonics auf der Strecke eingesetzt wurde. Es würde fast doppelt so schnell sein wie alle Maschinen, die sie kannte, und in noch größerer Höhe fliegen. Sie freute sich darauf, denn von dort aus würde man schon die Krümmung der Erdoberfläche erahnen können. Früher wäre sie am liebsten Astronautin geworden, aber es gab keine Projekte mehr auf dem Mond, dem Mars und im Erdorbit, außer für Bots, die Satelliten warteten.

Die Hypersonics gab es erst seit knapp vierzig Jahren. Sie wurden heute auf allen Langstrecken eingesetzt, nicht nur für die 20.000-Kilometer-Strecke Antarktika-Svalbard.

Früher hatte man mit dem U-Boot dafür fast zwei Wochen benötigt. Diese Subs, wie man die U-Boote kurz nannte, wurden heute fast nur noch für Warentransporte zu abgelegenen antarktischen Inseln verwendet. In der Zeit vor den Hypersonics verbanden sie auch weit auseinanderliegende Städte in Antarktikas Inselwelt untereinander.

Das Fixin-Projekt war im Jahr 2122 gegründet worden, nachdem die Lage in Antarktika dies erlaubte. Denn nach dem Krieg und der Flucht auf den fast leeren Kontinent mussten dort natürlich zuerst alle überlebensnotwendigen Infrastrukturen aufgebaut werden. Das Ziel der Nature-Scientists war jedoch immer auch gewesen, die Erde schnellstmöglich wieder abkühlen zu lassen und das Klima in seinen alten Gleichgewichtszustand zu versetzen, so wie er sich in den Millionen Jahren zuvor eingependelt hatte.

Das CC-Projekt, in dem Jia arbeitete, hatte genau dies zum Ziel. Das Kürzel CC war abgeleitet aus den beiden zentralen Begriffen ihrer Forschung, CO2 und Coccolithophore. CO2 war die chemische Formel für Kohlendioxid, also das Treibhausgas, das die Klimakatastrophe ausgelöst hatte und von dem sie den größten Teil wieder aus der Atmosphäre entfernen mussten.

Coccolithophore war der wissenschaftliche Name einer besonderen Art von Kalkalgen. Diese hatten die Eigenschaft, eine Art Schuppenpanzer aus kleinen Kalkplättchen zu bilden, die sie vor Fressfeinden schützten und ihnen Stabilität verlieh. Schon frühere Nature-Scientists hatten herausgefunden, dass diese Algen ideal geeignet waren, um daraus eine neue Art zu erzeugen, die CO2 in jeder gewünschten Menge und in sehr kurzer Zeit aus der Atmosphäre entfernen konnte. Sie nannten diese neue Art 'Proto'. Der Trick bei ihr war, dass sie das CO2 in ein festes chemisch stabiles Material umwandeln konnte, das nach dem Absterben der Alge zusammen mit ihr zum Meeresboden sank und für alle Zeit dort verblieb.

Jia forschte schon seit fünf Jahren an diesen Algen. Sie hatte erst kurz davor an der Universität von Montecito ihren Abschluss als Nature-Scientist mit Schwerpunkt Biologie gemacht. Als beste Absolventin seit langem hatte sie die Position im Fixin-Projekt sofort bekommen, das grundsätzlich nur die Allerbesten aufnahm.

Zusammen mit ihrer Kollegin und Freundin Gaia Zhen, Nature-Scientist mit Schwerpunkt Bio-Chemie, war sie heute maßgeblich an der Entwicklung der neuen Protoalge beteiligt.

Schon vor zwei Jahren war es ihnen durch gentechnische Veränderung gelungen, die Photosynthese in diesen alten Kalkalgen deutlich zu steigern. Dies war eine äußerst wichtige Voraussetzung für ihr Projekt, weil dieser Vorgang pflanzlicher Energiegewinnung auch Sauerstoff freisetzte. Dieser wiederum war überlebenswichtig für Menschen und Tiere. Weil alle Algen, die heute Sauerstoff produzierten, im Laufe des Projekts vernichtet und durch die Protoalgen ersetzt würden, war es daher dringend nötig, dass diese ebenfalls dazu in der Lage waren.

Die heute existierenden Algen waren seit über einhundert Jahren die einzig verbliebene Sauerstoffquelle auf der Erde, nachdem in der Frühphase der Klimakatastrophe alle Landpflanzen verbrannt und alle alten Algenarten aus den zu warm gewordenen Meeren verschwunden waren.

Wieso die Menschen diesen Verlust riskiert und sich nie Gedanken gemacht hatten, woher der Sauerstoff eigentlich stammte, den sie andauernd einatmeten, um nicht innerhalb von ein paar Minuten zu ersticken, wurde von den meisten der heute Lebenden als größte Fehlleistung der Menschheit angesehen.

Die neben den Algen wichtigsten Sauerstoffquellen, die Nutzwälder Europas und Nordamerikas, sowie die Urwälder in Südamerika, Zentralafrika, Südostasien und Sibirien, konnten damals nicht wieder aufgeforstet werden oder von sich aus wieder nachwachsen, weil junge Pflanzen zu diesem Zeitpunkt schon nirgends mehr überleben konnten. Sie fielen extremen, Wochen und Monate andauernden Dürreperioden und Überflutungen zum Opfer, verdorrten also oder wurden von den Fluten ertränkt oder mitgerissen.

Ohne jegliche Vegetation verschwanden natürlich auch alle Landtiere.

In den Meeren war die Situation nicht besser, nachdem schon vor über einhundert Jahren auch darin alle Ökosysteme gekippt waren. Alle bisherigen Algen waren damals von hitzeresistenteren Arten verdrängt worden. Es war dabei ein unglaublicher Glücksfall, dass diese ebenfalls Sauerstoff produzierten, auch wenn es deutlich weniger als bisher war. Ansonsten wären alle Menschen und Tiere schon lange erstickt.

Doch vor drei Jahren hatten die Algorithmen eine höchst erschreckende Vorhersage gemacht, die ein Ende dieser Phase bedeutete. Tatsächlich bahnten sich seit wenigen Monaten dramatische Veränderungen an, da die Erwärmung der Erd- und Meeresoberfläche auch heute noch fortschritt.

Der Grund hierfür war, dass der kühlende Effekt kalten Tiefseewassers auf das aufgeheizte Oberflächenwasser immer geringer wurde, denn Meeresströmungen sorgten seit Jahrzehnten für eine Durchmischung und daher eine immer weiter ansteigende Erwärmung dieses Kältereservoirs und damit der Ozeane insgesamt.

Die dadurch schrumpfenden Lebensräume hatten die Meeresalgen zu einem zunehmend härteren Konkurrenzkampf gezwungen. Schon seit Jahrzehnten produzierten sie daher immer noch stärkere Gifte, um sich gegenseitig von der Meeresoberfläche zu verdrängen und so die dort vorhandene energiereiche UV-Strahlung für ihren raffinierten Stoffwechsel nutzen zu können. Denn mit diesem konnten sie sowohl diese Gifte als auch spezielle chemische Stoffe produzieren.

Sie benötigten beides in gigantischen Mengen. Letztere gaben sie in winziger Tröpfchenform in die Atmosphäre ab, weshalb man diese als 'Aerosole' bezeichnete, also in der Luft gelöste Schwebeteilchen. An diesen kondensierte der Wasserdampf der Luft, sodass sich Wolken bildeten, was wiederum zur Abkühlung der Meeresoberfläche und auch der Algen führte.

Deren Wettstreit untereinander war bis heute jedoch schon so weit eskaliert, dass, wie von den Algorithmen prognostiziert, die erste Art, Oszillatoria, sogar diese lebensnotwendige Eigenschaft aufgegeben hatte, um stattdessen ein noch stärkeres Gift als bisher produzieren zu können. Mit diesem war sie zwar in der Lage, ihre Konkurrenten viel stärker zu verdrängen, allerdings konnte dieser Vorteil nur von kurzer Dauer für sie sein. Längerfristig zerstörte sie dadurch auch ihre eigene Lebensgrundlage, weil sie ja jetzt von der kühlenden Wirkung der Aerosole der anderen Algen abhängig war, die sie jedoch gerade im Begriff war, zu zerstören.

Diese fatale Folge zögerte sich momentan nur deswegen noch hinaus, weil die anderen Arten immer noch ausreichend Aerosole produzierten. Es war jedoch nur noch eine Frage der Zeit, bis diese Arten von den neuen und noch stärkeren Giftstoffen Oszillatorias so weit zurückgedrängt sein würden, dass sie nicht mehr für ausreichende Kühlung sorgen konnten. Oszillatorias Strategie würde also nicht nur alle anderen Algenarten zum Verschwinden bringen, sondern ihr selbst zum Verhängnis werden, da auch sie den steigenden Temperaturen irgendwann nicht mehr standhalten könnte. Weil die Algen die einzigen und letzten Sauerstoffproduzenten waren, wäre damit auch die Lebensgrundlage für die Menschheit vernichtet.

Es ging bei ihrer Forschung daher nicht mehr nur um langfristige Ziele, sondern plötzlich um die wichtigste Aufgabe, der sich die Menschheit je hatte stellen müssen. Das CC-Projekt hatte so absolute Priorität vor allen anderen Forschungsaufgaben bekommen. Nach den neuesten Prognosen der Rechner blieben höchstens noch zwei Jahre, um den drohenden Erstickungstod abzuwenden. Tatsächlich lag die Temperatur an der Meeresoberfläche inzwischen an immer mehr Stellen schon über dem kritischen Wert.

Jia und ihrer Kollegin Gaia war es glücklicherweise schon vor längerem gelungen, die Coccolithophoren genetisch so zu modifizieren, dass diese tatsächlich sehr schnell jede gewünschte Menge Kohlendioxid aus der Atmosphäre entfernen konnten.

Das dabei zugrundeliegende Prinzip war ganz einfach. Der Kohlenstoff stammte ursprünglich aus dem CO2 der Luft, gelangte aber von dort durch natürliche physikalisch-chemische Prozesse andauernd ins Meerwasser. Dort baute ihn die Alge über den Stoffwechsel in ihren Kalk-Schuppenpanzer ein.

Bei der neu geschaffenen Protoalge war dieser Prozess durch Modifikation des zugrundeliegenden Genabschnitts abgewandelt worden. Anstatt der bisherigen Kalkplättchen entstanden dadurch viel größere Strukturen. Die dabei verbrauchte Menge CO2 konnte man jetzt auch leicht steuern, ebenso die Geschwindigkeit, mit der dieser Prozess ablaufen sollte. Beides konnte problemlos auf das Hundertfache und mehr der bisherigen Werte erhöht werden.

Genau dies war eine der grundlegenden Voraussetzungen, damit das Projekt Erfolg haben konnte. Der Plan war, diese Protoalgen in den Ozeanen auszusetzen, wo sie sich stark vermehren und so die anderen Algen verdrängen sollten. Nach einer gewissen Zeit würden sie auch selbst absterben und auf den Meeresgrund sinken. Damit bei ihrer Zersetzung nicht wieder CO2 freigesetzt würde, wie das bei den bisherigen Algen der Fall war, hatten sie sich schon einen Trick einfallen lassen.

Leider gelang dieser aber bis jetzt nur im Labor, wo sie die hochgiftigen Algen und deren Giftstoffe aus dem Meerwasser entfernen konnten. Unter realen Bedingungen im Ozean starb ihre Alge sofort ab, da sie auf dieser alten, nicht giftresistenten Art basierte.

Auch der gestern gestartete Test war wieder so verlaufen, obwohl sie von den Rechnern den Genabschnitt ihre Versuchsalge, der für die Schutzreaktionen zuständig war, hatten aufwendig neu berechnen lassen.

Der erneute Fehlschlag zeigte klar, dass alle ihre bisherigen Überlegungen und verwendeten Algorithmen einen grundsätzlichen Fehler hatten, was bedeutete, dass sie etwas völlig Neues ausprobieren mussten, um in dieser Frage weiterzukommen. Ihre bisherigen Vorstellungen waren offensichtlich noch viel zu eingeschränkt und sie benötigten dringend ganz neue Ideen. In ihren Diskussionen, wie dies zu erreichen sei, waren sie zu dem Schluss gekommen, dass es nur noch eine einzige Möglichkeit gab, um die nötige Inspiration zu erlangen. Sie mussten sich außerhalb der Labore auf die Suche danach machen, um das Problem der Giftresistenz mit einem ganz anderen Ansatz als bisher lösen zu können.

Um dazu schnell eine Expedition auszurüsten, flogen sie heute zurück nach Byrd Island.

Der Shuttle hielt tief unten im Berg direkt auf Höhe des unterirdisch angelegten Flughafens an. Jia warf ihre langen, fast schwarzen Haare in den Nacken, schnappte sich ihren Backpack und stieg aus. Hier unten war es deutlich kühler als oben. Sie fröstelte, zog den Verschluss ihrer Jacke zu und warf einen Blick auf die Flugdaten, die im unteren Informationsbereich ihrer Eyefoil angezeigt wurden. Sie nickte kurz, als ob sie sich selbst bestätigen wollte, dass alles planmäßig ablaufen würde und sie rechtzeitig vor Ort war. Als frühest mögliche Startzeit wurde immer noch 8:25 Uhr angegeben. Wegen der Stürme konnte es beim Start leicht zu Verspätungen von mehreren Stunden kommen.

Das Ziel des Hypersonics war New Urumqi, die Hauptstadt des Staates Antarktika. Sie lag auf der Erde fast genau gegenüber von ihrem jetzigen Aufenthaltsort Svalbard, knapp 1.400 Kilometer vom Südpol entfernt.

Die Shuttelstation am Hyperport war direkt am Terminal gelegen. Jia ging hinein und weiter zum Gate, das ihr für den heutigen Flug angezeigt wurde. Viele Mitreisende befanden sich schon im Wartebereich und auch Gaia war bereits da. Jia sah sie in ihrer Eyefoil von einer transparenten hellblauen Sphäre umgeben, wie das bei allen Kontaktpersonen und Zielen der Fall war. Ohne diese Markierung wäre Gaia in der Menge der anderen Passagiere kaum aufgefallen, da sie von mittlerer Größe war und wie die meisten dunkelbraune Haaren hatte, die sie wie diese auch nackenlang trug.

Jia steuerte direkt auf sie zu.

Gaia war vorsichtshalber mit einem früheren Shuttle gefahren und kam zudem direkt vom Labor, wo sie bis fast zwei Uhr früh gearbeitet und anschließend übernachtet hatte.

»Hi!«, rief Jia gespielt fröhlich, als sie nur noch wenige Meter von Gaia entfernt war und diese auch gerade aufschaute, weil sie soeben in ihrer Eyefoil einen Hinweis bekommen hatte, dass sich Jia näherte.

Obwohl sie beide ihre Eyefoils trugen, sahen Jia und Gaia voneinander jeweils das gesamte Gesicht einschließlich Live-Mimik. Die Eyefoils selbst waren für sie unsichtbar. Das lag daran, dass sie sich gegenseitig für den Privat-Modus autorisiert hatten, in dem die Innenseite der Eyefoils den von ihr verdeckten Teil des Gesichts scannte und diese Bilddaten auf der Außenseite wiedergaben, anstelle der bunt schillernden Oberfläche.

»Auch Hi!«.

Gaia strahlte, obwohl sie vollkommen übermüdet war, und streckte die Hände nach Jia aus. Beide lagen sich für mehrere Sekunden in den Armen. Obwohl sie sich fast täglich im Institut sahen, war ihre gegenseitige Begrüßung heute besonders intensiv.

»Reisefieber?«, fragte Jia, und dachte daran, dass sie beide zu vollkommenem Stillschweigen zu der jetzt eingetretenen lebensbedrohenden Situation des Aeorsol-Rückgangs verpflichtet worden waren, um Panik in der Öffentlichkeit zu vermeiden. Nicht einmal die anderen Nature-Scientists hier in Svalbard durften davon erfahren.

»Ja, ich bin wegen des Fluges wie immer total gestresst! Und außerdem todmüde. Kannst Du Dir ja denken!«

Jia schaute sie für einen Moment voller Mitleid an, zog dann die Augenbrauen hoch und fragte mit ihrem unglaublich selbstsicheren Lächeln

»Hast Du sie?«

Auch wenn das momentan ungelöste Problem gerade etwas an ihrer optimistischen Grundhaltung kratzte, so stachelte es gleichzeitig auch Jias Ehrgeiz an. Bisher hatte sie noch jedes Problem gelöst, und das sollte auch so bleiben.

»Du meinst 'sie'?«

Gaia liebte es auf ungenaue Fragen ebenso zu antworten. Natürlich wusste sie, was Jia meinte, und dass sie in dieser bedrohlichen Situation auch nicht mehr sagen durfte. Jia nahm es gelassen, denn natürlich kannte sie die Marotte ihrer Freundin. Sie verdrehte die Augen gespielt hilfesuchend nach oben.

Gaia überlegte kurz.

»Ja klar hab' ich sie!«

Gaia hatte wie vereinbart eine Probe ihrer Algen vom Labor mitgenommen.

»Sie sind schon drin.«, erklärte sie, und zeigte an Jia vorbei durch dunkel getönten Scheiben hindurch, die den Wartebereich von der Halle des Hyperports trennte. Dort war in einiger Entfernung der Hypersonic zu erahnen. der sie heute nach Antarktika bringen würde.

»Ich bin schon seit einer Stunde da. Ich wollte sicherstellen, dass der Transport sicher funktioniert.«

»Gut! Dann kann ja nichts mehr schiefgehen.«, und fügte nach kurzer Überlegung hinzu: »Und unsere Jungs können die Synths schon mal anwerfen.«

Damit meinte Jia ihren Lebenspartner Ray Donnellan sowie Mian Sorokin, mit dem Gaia schon lange eine Beziehung hatte. Auch untereinander waren sie alle vier sehr gut miteinander befreundet.

Parallel zur Forschungsarbeit von Jia und Gaia in Svalbard hatten die beiden im Labor auf Byrd Island die Synthesizer optimiert und diese biotechnischen Maschinen bis an die Grenzen des technisch Machbaren weiterentwickelt. Sie waren den aktuellen Svalbard-Geräten damit deutlich überlegen. Falls ihre Versuche doch noch irgendwann erfolgreich sein würden, könnten sie mit diesen sehr viel schnelleren Maschinen viel größere Mengen an Protoalgen erzeugen, was ein entscheidender Faktor für das Projekt sein würde.

Das Wiedersehen nach acht Wochen Aufenthalt auf Svalbard stellte den einzigen Lichtblick in der momentanen Lage dar.

Während dieser Zeit waren sie nur per Eyefoil, oder etwas realistischer als Hologramm, miteinander in Kontakt geblieben. Beide Arten der Kommunikation waren jedoch steril. Je länger die Trennung voneinander dauerte, desto fremder wurden sie sich alle, selbst wenn sie sich dreimal oder öfter am Tag sahen und miteinander sprachen. Dieser Avatareffekt war jetzt nach acht Wochen natürlich so stark wie nie zuvor.

Punkt acht Uhr wurde in den Eyefoils die Anzeige zum Boarding eingeblendet. Offenbar hatten sie heute Glück mit den Wetterbedingungen. Die Türen zur Halle hin bewegten sich langsam zur Seite. Sofort drang grelles Licht herein, denn im Gegensatz zum Wartebereich war diese Fläche, auf der sich die Park- und Taxiflächen der verschiedenen Fluggeräte befanden, taghell erleuchtet.

Als Jia und Gaia hinausgingen hatten sie beinahe das Gefühl, ins Freie zu treten, denn die Halle erzeugte durch ihre Größe und die zweihundert Meter hohe, strukturlos weiß verkleidete kuppelförmige Decke einen ähnlichen Eindruck der Weite. Allerdings war ihnen bewusst, dass sie sich hier zweitausend Meter unter dem Svalbarder Gebirgsmassiv befanden. Schon auf der Herfahrt war angezeigt worden, dass der Tunnel auf den letzten fünfzig Kilometern andauernd bergab verlief.

Vor ihnen erstreckte sich jetzt die weite, kreisrunde Fläche des Hyperports. In ihren Eyefoils erschien sie weiß mit vielen verschiedenfarbigen Linien und Flächen, die Flug- und Rollbahnen sowie Parkflächen markierten.

»Da, schau!« stieß Jia ihre Freundin an und machte eine Kopfbewegung geradeaus.

Genau im Zentrum der weißen Fläche war der Hypersonic gut zu erkennen. Er wirkte schon aus dieser Entfernung mit seiner schwarzblau metallisch glänzenden Außenhaut äußerst elegant. Wie sie beide wussten, handelte es sich um das mit Abstand schnellste Passagierflugzeug, das je gebaut wurde.

Während sie sich der Maschine näherten, schauten sie sich weiter um. Ganz am Rand der riesigen Fläche standen Servicefahrzeuge und verschiedene Kopter. Diese flügellosen, ziemlich kastenförmigen Flugkörper mit abgeflachter, spitzer Nase waren viel eher nach ihrem Geschmack, denn sie flogen meistens nicht sehr hoch und auch fast ohne Erschütterungen. Für die lange Strecke nach Antarktika wurden sie aber nicht eingesetzt, denn gegen die gewaltigen Wirbelstürme über dem Atlantik und Pazifik konnten sie nicht ankommen. Die Hypersonics hingegen flogen in so großen Höhen, dass sie das sich in den Atmosphäreschichten darunter abspielende Wettergeschehen überfliegen konnten.

Die Passagiere wurden durch Barrieren ans hintere Ende der Maschine geleitet. Je näher sie kamen, desto klarer wurden deren gewaltige Dimensionen. Der Rumpf erstreckte sich von der nadelförmigen Bugspitze über eine Länge von einhundertfünfzehn Metern bis zum fast ebenso spitz zulaufenden Heck, das erst weit hinter den außen steil nach oben gebogenen Tragflächen endete. Dies war definitiv der größte und stromlinienförmigste Hypersonic, den sie sich vorstellen konnten. Seine fensterlose Außenhaut wies wegen der sehr hohen Temperaturen, die während des Hyperschallfluges durch Luftreibung auftraten, nicht die geringsten Unebenheiten auf. Auch waren keine Lackierung oder Schriftzüge vorhanden, denn beides wäre während des Fluges einfach weggebrannt.

Gaia war sehr gespannt, ob der Flug mit diesem Modell tatsächlich wie angekündigt viel angenehmer sein würde als bisher. Jia wusste, dass ihre Freundin das Rütteln und Tosen hasste, das vor allem in der Start- und Landephase auftrat und sie dabei jedesmal Todesangst hatte. Auch sie selbst bekam dabei gelegentlich ein mulmiges Gefühl, war aber sonst von diesen Flügen fasziniert, mit denen sie diese riesige Distanz zwischen den Polregionen in wenigen Stunden zurücklegten.

»Hey, schau mal, ganz vorne! Die neuen Hyperwinglets. Das wird Dir gefallen!«

Aus der Spitze ragten vier ganz kleine Flügel diagonal wie ein 'x' heraus. Sie dienten zu feinsten Richtungskorrekturen und dem Ausgleich von Turbulenzen bis in den Hyperschallbereich. Angeblich wurde der Flug dadurch sehr viel angenehmer.

»Bin mal gespannt!«, antwortete Gaia. »Ich finde, es ist auch wirklich Zeit, dass es hier endlich einmal Fortschritte gibt.«, und stellte überrascht fest, dass sie es diesmal viel gelassener nahm. Bis jetzt hatte sie sich keine Gedanken dazu gemacht, aber die Angst vor dem Flug erschien ihr angesichts der aktuellen Probleme heute viel geringer.

Der einzige Zugang ins Innere der Maschine befand sich aus Gründen der Aerodynamik und der hohen Temperaturen, die während des Fluges auftraten, ganz hinten im schon spitz zulaufenden Teil des Rumpfes, direkt unterhalb des Seitenleitwerks. Beim Blick nach oben wurden in ihren Eyefoils die Zahlen eingeblendet, welche die enormen Dimensionen veranschaulichten. Die Maschine war doppelt so hoch wie jene, mit denen sie bisher geflogen waren. Das Leitwerk direkt über ihnen reichte fünfzehn Meter in die Höhe. Auch alles andere an der Maschine besaß die doppelten Ausmaße. Der Kabinenabschnitt war fast über die gesamte Länge knapp zehn Meter breit, der Rumpf zu beiden Seiten stark abgeflacht. Er wurde dabei von der Nase bis hier zum hinteren Ende immer breiter und ging ganz flach in die deltaförmigen Tragflächen über. Zusammen mit den vier gewaltigen Triebwerken, die in deren Unterseite integriert waren, und der geringen Spannweite von nur fünfunddreißig Metern ließ das pfeilförmige Design der Maschine schon erahnen, dass sie tatsächlich eine Spitzengeschwindigkeit von acht Mach erreichen konnte, also achtfache Schallgeschwindigkeit.

Jia und Gaia betraten den Mover, der sie zusammen mit den anderen Passagieren hinauf in den Zugangsbereich in der oberen Hälfte des Hypersonics brachte. Im gesamten unteren Teil befanden sich neben dem Gepäckraum nur noch die riesigen Wasser- und Sauerstofftanks.

Der Zugangsbereich war abgesehen von den größeren Dimensionen genauso wie sie es gewohnt waren. Von dort aus ging es sowohl weiter nach vorne in die Passagierkabine, als auch nach hinten ins Cockpit, das sich wie bei allen Hypersonic-Modellen ganz am Ende des Rumpfes befand.

Die Cockpitbesatzung bestand aus zwei humanoiden Bots sowie zwei menschlichen Piloten. Sie waren nur aus psychologischen Gründen an Bord, denn eine manuelle Steuerung der Maschine war nicht möglich. Während des gesamten Fluges würden sie nur die Flugdaten beobachten. Selbst bei einem Notfall würden die Hypersonics vollkommen selbstständig agieren. In den vierzig Jahren war es jedoch noch nie zu Problemen oder gar Unfällen mit Hyperschallflugzeugen gekommen.

Die vier standen jetzt am Kabineneingang und begrüßten die Passagiere.

Gaia und Jia nahmen auf ihren Sitzen in der zehnten Reihe links Platz. Da sie schon vor drei Tagen gebucht hatten, saßen sie direkt nebeneinander.

Aus technischen Gründen waren in diesem neuen Modell alle Sitze und Reihen im Abstand von einem Meter neben- als auch hintereinander angeordnet. Die riesige Kabine bot daher nur einhundertundzwanzig Passagieren auf dreißig Reihen zu je vier Sitzen Platz. Der freie Raum dazwischen war notwendig, um die Sitze für den Landeanflug entgegen der Flugrichtung drehen zu können, ohne dass sich die Passagiere dabei erheben mussten. Mit dieser neuen Technik wurden die physischen Belastungen durch die enormen Bremskräfte so klein wie möglich gehalten.

»Hey, nicht schlecht! Da haben sie ja ganz schön viel Luxus spendiert!«, fand Jia, als sie sich umschaute. Die Inneneinrichtung der Kabine war hochwertig in beige und hellgrau gehalten. Die Sitze bestanden aus Xitrea, einem intelligenten Material, dessen Eigenschaften an die persönlichen Vorlieben angepasst werden konnten, sodass es sich wie Leder oder beliebige Gewebearten wie Seide oder synthetische Materialen anfühlte, theoretisch sogar wie Metall, Stein oder Holz. Ebenso war die Form der Oberfläche sowie die Kontur des gesamten Sitzes veränderbar.

Gaia nickte. »Ja, absolut! Schau mal! Der Service scheint auch gut zu sein.« Ihr waren gerade die sechs humanoiden Servicebots aufgefallen, die vor dem Start noch in den Kabinengängen geparkt gewesen waren, drei davon am vorderen Ende der Kabine, drei bei ihnen im mittleren Teil.

Beide checkten die für Eyefoils angebotenen Ansichten, über die der Blick nach draußen möglich war und entschieden sich spontan für die Normalansicht, die virtuelle Kabinenfenster zeigen würde, wenn sie sich in der Luft befanden. Momentan stand noch keine direkte Sicht nach draußen zur Verfügung.

Schon nach wenigen Minuten fing der Hypersonic an, zu seiner Startposition zu rollen. Im Inneren der Kabine war von der Bewegung nichts zu spüren. Sie war dort nur an den Bewegungsdaten zu erkennen, die in die Eyefoils eingeblendet wurde. Eine Animation mit nur skizzenhafter Realität zeigte den Hypersonic in langsamer Fahrt auf einer durch grüne Linien markierten Rollbahn, die von der Hallenmitte geradewegs zum Rand führte, vorbei an einigen Technik- und Servicebots, die überall auf der Hyperportfläche beschäftigt waren.

»Wow, das fängt schon mal gut an!« staunte Gaia über die vollkommen vibrationsfreie Fahrt. »Es ist überhaupt nichts zu hören.«

Tatsächlich war das einzige Geräusch nach wie vor nur das ganz leise Säuseln der Klimaanlage. Gespannt verfolgten Jia und Gaia, wie sich der Hypersonic geräuschlos dem Starttunnel näherte, der speziell für Maschinen dieses Typs neu im Felsmassiv angelegt worden war. Die beiden Hälften des riesigen Tunneltors bewegten sich soeben schon nach links und rechts an der Kuppelwand entlang und gaben den Weg frei auf die schwarze, ellipsenförmige Öffnung des Tunnels dahinter. Der Hypersonic wartete noch einige Sekunden auf die Freigabe, dann fuhr er langsam hinein.

Kaum hatte sich das Tor hinter ihm wieder geschlossen, zündeten die vier Triebwerke. Deren Aufbrüllen war von den Passagieren nur als leises Zischen zu hören und nicht zu vergleichen mit den bisherigen Modellen. In der Halle bebte jedoch die Luft wegen der Luftauslässe des Tunnels in der Hallenwand mit einer solchen Stärke, dass sich während des Startvorgangs eines Hypersonics darin nur Bots, jedoch keine Menschen aufhalten durften.

Die Maschine beschleunigte stark und schoss den steilen Tunnel hinauf, der zum Plateau des Tafelbergs führte. Hier im Schutz des Berges konnte sie die für eine stabile Fluglage notwendige Startgeschwindigkeit aufnehmen. Damit war sie gegen die häufig in der unteren Atmosphäre tobenden Stürme gewappnet. Dennoch waren bei den bisherigen Flügen die ersten dreißig Sekunden nach Verlassen des Tunnels fast jedesmal ziemlich turbulent gewesen.

Nach wenigen hundert Metern begann der Hypersonic bereits vom Boden des spiegelblanken Tunnelinneren abzuheben und zu schweben. Eine knappe Minute später und einer Strecke von siebentausend Metern hatten sie den oberen Tunnelausgang erreicht. Jetzt schaltete sich die virtuelle Live-Ansicht des Hypersonics ein und streamte die Bilddaten der Inselumgebung auf die Eyefoils der Passagiere.

Erst hier draußen wurde Jia und Gaia wieder bewusst, dass es immer noch Nacht war. Die riesigen, vierhundert Meter hohen Seitenwände zu beiden Seiten der Abflugschneise ragten in fahlem gelblichen Licht steil in den dunklen Himmel.

Die Konstruktion bestand aus 'C-rox', dem härtesten und gleichzeitig leichtesten Baumaterial und schützte die Hypersonics etwas vor den Stürmen direkt nach Verlassen des Starttunnels. Der innere Bereich, durch den die Hypersonics starteten, wurde wegen seiner V-Form auch Valley genannt. Die Flanken des Außenbereichs verliefen sehr viel flacher, um den Windkräften dort so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten.

Die ständig tobenden Stürme waren eine Folge der extremen Temperaturunterschiede, die es heute zwischen der glühend heißen Tagseite der Erde und der kühleren Nachtseite gab. Dort kühlten die Landmassen auf unter vierzig Grad Celsius ab, während sie sich auf der Tagseite auf über einhundert Grad Celsius erhitzten. Die heiße Luft stieg dort sehr schnell nach oben und sog die kühlere Luft der Nachtseite mit brachialer Gewalt an. In den mittleren Breiten der Erde und am Äquator trat dieser Effekt besonders stark auf, aber auch zu den Polregionen hin, wenn dort in der Zeit des Polarwinters die Temperaturen sanken.

Lokale thermische Effekte über den kahlen, erodierten Kontinenten und die riesigen Wasserdampfmengen, die aufgrund der hohen Temperaturen in der Atmosphäre enthalten waren, taten ihr übriges und erzeugten Gewitter mit Hagel und Böen der Megaklasse.

Nachdem sie den Schutzbereich hinter sich gelassen hatten, wurde der Hypersonic tatsächlich auch von einigen starken Böen und Scherwinden erfasst. Allerdings war dies heute nur an der Anzeige der Wetterbedingungen in ihren Eyefoils zu erkennen. In der Kabine gab es auch jetzt keinerlei Erschütterungen oder Vibrationen.

Jia sah, dass Gaia plötzlich entspannt lächelte.

»Viel besser!«, freute sie sich.

In diesem Moment färbte sich die Schubanzeige in den eingeblendeten Flugdaten von grün auf orange und die Triebwerke fuhren innerhalb weniger Sekunden auf volle Leistung hoch. Der brachiale Schub drückte die Passagiere so sehr in die Sitze, dass schon kleinere Bewegungen äußerst anstrengend und nur mit hoher Konzentration möglich gewesen wären. Jia und Gaia ließen diese Phase jedoch wie alle anderen Passagiere fast regungslos über sich ergehen.

»Ich werde versuchen, ein bißchen Schlaf nachzuholen«, erklärte Gaia, und rutschte schon etwas tiefer in ihren Sitz.

»Ja, das Beste, was Du machen kannst!« stimmte Jia zu.

Gaia schaltete ihre Eyefoil aus, sodass die Innenseite vollkommen schwarz wurde, und schloss die Augen.

Die Maschine drehte jetzt schon leicht nach Südwesten ab, um auf der vorgesehenen Flugroute entlang des zehnten östlichen Längengrads nach Süden zu fliegen. Wenige Sekunden später befanden sie sich schon über dem offenen Meer. Als sie nach knapp eineinhalb Minuten zwanzig Kilometer Höhe erreicht hatten, ließen der Schub und der Druck in die Rückenlehne etwas nach.

Die völlige Dunkelheit um sie herum verlor sich innerhalb weniger Minuten. Die anfangs bunten Polarlichter verblassten langsam am nördlichen Horizont hinter ihnen und verschwanden schließlich ganz.

Jia checkte die angebotenen Außenansichten und entschied sich für die Bird's Eye View, eine Einstellung, die den gesamten Hypersonic samt Passagieren ausblendete, ebenso alle Geräusche. Jia zuckte vor Schreck zusammen, als sie diese Option anklickte, denn sie konnte sich nicht einmal mehr selbst sehen und schien nun völlig allein und körperlos durch den Himmel zu rasen.

Ihr Blick fiel als erstes auf die weit unter ihr dahinziehende dunkle Meeresoberfläche und die verschiedenen Wolkenstrukturen. Diese Ansicht wurde direkt von den Rechnern anhand von Satellitenaufnahmen und der aktuellen Flugposition erzeugt, da die Hypersonics wegen der Reibungshitze nicht einmal Außenkameras besaßen.

Beim Blick nach links war in der Morgendämmerung am östlichen Horizont schon die Küste Nordeuropas zu erkennen. Die schwarzgraue Landmasse hob sich leicht vom Meer ab, denn darin spiegelte sich bereits der hellere Himmel. Jia klickte kurz auf real, sodass alle Bildverbesserungen ausgeschaltet wurden, doch auch in dieser Ansicht erschienen schon die Konturen des Kontinents.

Bereits eine halbe Minute später kam die Sonne über den Horizont. Der Himmel erschien rundum in einem kräftigen Hellblau, wurde aber schnell wieder dunkel, da sich der Hypersonic immer noch schnell an Höhe gewann. Jia checkte die aktuellen Flugdaten. Sieben Minuten nach dem Start waren sie kurz vor Erreichen der Reiseflughöhe von siebenunddreißigtausendfünfhundert Metern und schossen mit fast zweitausendvierhundert Metern pro Sekunde durch die Stratosphäre, Kurs Süd auf zehn Grad Ost. Der Luftdruck erreichte hier oben nur noch ein Hundertstel des Wertes auf Meereshöhe, die Außentemperatur war mit minus fünfundzwanzig Grad Celsius schon wieder leicht angestiegen gegenüber den minus fünfunddreißig Grad, die kurz zuvor auf fünfundzwanzigtausend Metern angezeigt worden waren. Die verbleibende Flugzeit würde noch zwei Stunden und fünfundvierzig Minuten bis zur Landung in New Urumqi in Antarktika dauern.

Jia spürte einen Anflug von Traurigkeit, als sie auf den weit unter ihr vorbeigleitenden europäischen Kontinent blickte.

Das orangefarbene Sonnenlicht fiel flach auf seine dunkle Oberfläche und ließ durch seinen Schattenwurf die kahlen Berge und Täler der monoton graubraunen Landschaft erahnen. Darüber hinweg verlief der nördliche Polarkreis, der als dünne blaue Linie quer zur Flugroute angezeigt wurde.

Vegetation gab es auch hier schon lange nicht mehr. Die Berge der Region erreichten ohnehin nicht die erforderliche Höhe, in der es aufgrund der hohen Temperaturen noch etwas Pflanzenwachstum geben konnte. Nur unter ganz besonders günstigen Umständen war dies noch bis hinab auf Meereshöhe möglich. Die größte Landfläche, in der heute noch Pflanzen und Tiere vorkamen, lag in Zentralasien in fast fünftausend Metern Höhe. Das Gebiet dort hatte einen Durchmesser von knapp eintausend Kilometern, was zwei Drittel der heutigen Landfläche Antarktikas entsprach. Diese wiederum erreichte ungefähr ein Zehntel der Größe der alten Staatsgebiete Chinas, der USA oder auch Australiens. Sie existierten schon lange nicht mehr.

Jia fühlte sich jetzt fast wie im Weltraum. Die Atmosphäre um sie herum erschien nur noch wie ein hauchdünner Schleier vor einem Himmel absoluter Schwärze. Dieser Anblick faszinierte sie bei jedem Flug, trotz des unangenehmen Gefühls, auf einen toten Planeten hinabzublicken.

Man hätte doch auch früher leicht erkennen können, wie klein und verletzlich dieser Planet eigentlich war.

Auch erinnerte der trostlose Anblick sofort daran, dass selbst ein kurzer Aufenthalt ohne Schutzkleidung dort unten tödlich wäre. Nicht nur wegen der Hitze, sondern auch wegen der starken UV-Strahlung, die leicht Werte von über neunzig Einheiten erreichte. Dies war eine Folge der geringeren Konzentration von Sauerstoff in der heutigen Atmosphäre. Da einerseits die von der Sonne kommende Ultraviolett-Strahlung dieses Gas in Ozon umwandelte, andererseits das Ozon auch diese gefährliche Strahlung absorbieren konnte, pendelte sich dessen Konzentration auf niedrigem Niveau ein und ließ so hohe Mengen an UV-Strahlung bis zum Erdboden und in die oberen Wasserschichten der Meere passieren.

Ein ungeschützter Aufenthalt im Freien war daher eigentlich nur nachts möglich, denn der Grenzwert für Menschen lag bei einem Strahlungsindex von nur sechs Einheiten.

Der Hypersonic hatte inzwischen seine Beschleunigungsphase beendet und flog von nun an mit konstanter Geschwindigkeit weiter. Ein Signal ertönte und die Sitze bewegten sich von der leicht geneigten Startposition in die horizontale Reiseposition. Jia stand kurz auf, wobei sich in ihrer Eyefoil sofort die Kabinenansicht einschaltete. Sie ging ein paar Schritte, um die Anspannung im Körper loszuwerden, die sich während der Beschleunigungsphase aufgebaut hatte. Nach wenigen Schritten stellte sie fest, dass sie sich heute viel schneller wieder fit fühlte, als bei Flügen mit den Vorgängermodellen. Sie setzte sich wieder. Der Flug verlief tatsächlich extrem ruhig. Das Summen der Triebwerke war so leise, dass sie es nicht bewusst wahrnahm und fast vergaß, in welcher extremen Umgebung sie sich gerade fortbewegten. Die x-Winglets verrichteten ihre Arbeit perfekt und verhinderten alle Turbulenzen, die den Rumpf sonst immer wieder erschüttert hätten.

Jia scrollte wieder durch das Ansichtenmenü. Der schwarze Himmel über ihr inspirierte sie zur Extraterre-Ansicht, die sie sich auch am Boden sonst hin und wieder anschaute. Zum Flug im Hypersonic fand sie diese gerade besonders passend. Sie klickte darauf und blickte sich um.

Im Osten stand die Sonne so hell vor dem schwarzen Himmel, dass sie trotz der virtuellen Darstellung selbst in ihrer Eyefoil tatsächlich fast blendete. Rechts daneben war die Sichel der Venus zu sehen. Die Milchstraße verlief quer zur Flugroute in weitem Bogen über den Himmel. Verschiedenfarbige Gasnebel, Überreste von Sternexplosionen und hunderte benachbarte Galaxien wurden überall als helle Objekte angezeigt und boten eine fantastische Kulisse. Natürlich entsprach ihre Helligkeit in der Eyefoil nicht der wirklichen Leuchtkraft. Diese Himmelsobjekte waren viel zu lichtschwach, als dass man sie selbst im Normalmodus oder gar mit bloßem Auge hätte erkennen können.

Auch die Position von 2197LJ wurde weit hinter den Planetenbahnen des Sonnensystems angezeigt. Der riesige Asteroid war in aller Munde, denn von ihm ging große Gefahr für die Erde aus. Nachdem er erst im Jahr 2197 entdeckt worden war, arbeiteten hunderte Spezialisten mit Hochdruck an einer Abwehrstrategie, um den dreiundzwanzig Kilometer großen Felsbrocken von seinem Kollisionskurs abzulenken oder zu pulverisieren.

Der Hypersonic flog nun mit siebeneinhalbfacher Schallgeschwindigkeit auf der üblichen Strecke direkt nach Süden. Diese Route wurde immer gewählt, weil hier der einzige Notlandeplatz vorhanden war. Er befand sich direkt am Äquator an der Abschussbasis für Raketen. Die Anlage war der einzige Ort auf der Erde, den sie neben Svalbard von Antarktika aus erschlossen hatten. Bisher hatte aber kein Hypersonic je eine Notlandung machen müssen.

Nach wenigen Minuten überflogen sie die Küstenlinie des mitteleuropäischen Festlands. Während die Landschaft unter ihr vorbeiglitt, ließ Jia ihre Gedanken treiben. Sie klickte auf die historischen Informationen zur Reisestrecke. Rechts am Horizont wurde die Lage der früheren Weltstädte Paris und London angezeigt. Sie waren wie viele andere tief gelegene Städte schon lange vor dem Krieg überflutet worden. Als sich dieser ereignete, war der Meeresspiegel schon um fünfundachtzig Meter angestiegen.

Was musste sich dabei abgespielt haben?

Jia stellte sich das in die Städte eindringende Meer vor und die Millionen Menschen, die auf der Flucht davor waren.

Diese Ereignisse waren letztlich die Folge der grenzenlosen Gier einiger Weniger sowie der Unwissenheit fast aller Menschen über wichtige Zusammenhänge in der Natur.

Für Jia war es kaum vorstellbar, dass diese graubraune, in großen Teilen schwarze Fläche unter ihr einmal eine der am dichtesten besiedelten Regionen der Erde gewesen war. Von hier oben gab es keine sichtbaren Hinweise mehr darauf.

Wieso war diese leicht vorhersehbare Entwicklung nicht zu verhindern gewesen? Zuerst zerstörten sie das Klima und dann töteten sie sich gegenseitig wegen der wenigen verbliebenen Ressourcen!

Natürlich kannte sie die Antwort. Der Krieg war eine direkte Folge der Klimakatastrophe gewesen. Es ging um die letzten bewohnbaren Regionen der Erde und das Überleben des westlichen oder östlichen Gesellschaftssystems. Auch in Europa waren daher Megabomben gezündet worden.

Jia ließ sich die Stellen anzeigen, an denen sich diese unvorstellbaren Explosionen ereignet hatten. Es waren insgesamt vierzehn, verteilt über den ganzen Kontinent.

Der Hypersonic raste direkt auf eine der Glutwolken zu, die sich weit über die Flugbahn des Hypersonics bis über einhundertfünfzig Kilometer Höhe vor dem pechschwarzen Weltraum über ihr aufblähte. Die Animation ließ das Geschehen so echt erscheinen, dass Jia der Atem stockte. Im nächsten Moment war sie auf allen Seiten von dem glutroten Feuersturm umgeben.

Sie schaltete die Animation schnell um zwei Realitätsgrade zurück, sodass das Ereignis nur noch als schematische Darstellung zu sehen war. Der Hypersonic befand sich jetzt schon nahe der Stelle, die das Zentrum der realen Explosion gewesen war. Das von deren Hitze und Druckwelle zerstörte Gebiet auf dem Kontinent erschien als eine einzige, riesige rote Fläche, deren Rand Jia gar nicht mehr sehen konnte, denn dieser lag in jeder Richtung über fünfhundert Kilometer entfernt, also jenseits des Horizonts.

Der Himmel darüber war erfüllt von den riesigen roten Kugeln, die dort als Symbole der anderen Megabomben standen, die über Europa detoniert waren.

Jia lief beim Anblicke dieses glutroten Albtraums rund um sie herum ein Schauer über den Rücken. Von den riesigen Dimension geschockt, schaltete sie die Simulation ab.

Sie wusste, dass es seit diesem Krieg, bei dem nach der langen Phase der Soft-Kriege des 21.Jahrhunderts zum ersten Mal wieder physische Waffen zum Einsatz gekommen waren, auf den alten Kontinenten praktisch kein Leben mehr gab. Nur ganz wenige Menschen hatten dort überlebt, die letzten Reste der Zivilisation waren danach vernichtet.

Wenige Sekunden später überflog der Hypersonic eine Bergkette vor der italienischen Halbinsel. Einige aktuelle Flugdaten und die Lage der ehemals wichtigsten Städte erschienen.

Florenz, die Hauptstadt der historischen Renaissance in der westlichen Welt, war weit links gerade noch zu sehen, zusammen mit ihren wichtigsten Daten. Im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert war sie eine der bedeutendsten Städte gewesen. Hier lebten Menschen, die das dunkle Mittelalter bekämpften und schließlich überwanden. Falsche Autoritäten wurden von ihnen hinterfragt und in Vergessenheit geratenes Wissen der Antike wieder aufgriffen. Darauf basierend wurden neue bahnbrechende Entwicklungen in Kunst und den technischen und medizinischen Wissenschaften gemacht.

Viel näher als Florenz, schräg unterhalb der Flugroute des Hypersonics, war auch Pisa dargestellt, wie Florenz eine der wichtigsten Städte dieser Epoche. Sie lag heute zwischen den vor der Küste gelegenen Inseln siebzig Meter unter Wasser. Beide Städte waren berühmt durch Galilei Galileo, einem der Begründer der modernen Naturwissenschaften und damit Wegbereiter der modernen Welt. Jia war von ihm fasziniert.

Noch ein Stück weiter vorne auf ihrer Flugroute war ähnlich gelegen auch schon Rom zu sehen, im Altertum vor über zweitausend Jahren die erste europäische Supermacht, die damals fast den gesamten Kontinent, Nordafrika und Teile Asiens beherrschte.

Auch diese Großmacht hatte nicht überlebt. Die politische Macht besaßen auch damals nicht die besten Köpfe, sondern sie war in den Händen der Gierigsten und von unfähigen Strategen.

Nach ihrem Zusammenbruch machte sich eine über eintausend Jahre andauernde Epoche der Engstirnigkeit breit, das sogenannte europäische Mittelalter. Die herrschende Elite dieser Epoche versuchte mit allen Mitteln, jeglichen Fortschritt zu verhindern. Selbst Galilei wäre diesem System beinahe zum Opfer gefallen. Er war der erste, der die Zusammenhänge der Natur wieder systematisch wissenschaftlich untersuchte. Die gewonnenen Erkenntnisse bedrohten auch damals die herrschende Klasse.

Jia bewunderte seine revolutionäre Vorgehensweise. Etwas ähnlich Bahnbrechendes würden sie jetzt auch wieder benötigen.

Jia geriet beim Anblick der schwarzbraunen Wüstenlandschaft in Rage. Nicht nur, weil sich dort einst eine fruchtbare Kulturlandschaft befunden hatte, sondern auch weil über eintausend Jahre wertvolle Zeit verloren gegangen war, in der sie Abwehrmaßnahmen gegen 2197LJ hätten entwickeln können. Auch wäre es bei richtig getroffenen Entscheidungen nicht zur Klimakatastrophe und der jetzt für alle lebensbedrohenden Situation gekommen.

So sieht die Erde aus, wenn Leute ohne Gespür für die

Natur und ohne naturwissenschaftliches Wissen über die

Welt herrschen.

Die Vernunft und Aufklärung ablehnend und feindselig

gegenüber stehen….

Genau wie im Mittelalter!

Damals schon über eintausend Jahre verloren!

Und weitere zweihundert Jahre in der Industriezeit!

Ganz andere gesellschaftliche und technische Entwicklungen

wären bis heute möglich gewesen!

Wie weit könnten wir heute schon sein!

Stattdessen müssen wir ihre Fehler ausbaden!

Und vielleicht mit unserem Leben bezahlen!

Das Aerosol-Problem … es wäre nie dazu gekommen…

und 2197 LJ…könnten wir leicht abwehren.

Unfassbar!…. immer wieder…. unfassbar!

Aus einem grünen Planeten mit vielfältigster, perfekt

ausbalancierter Flora und Fauna einen Wüstenplaneten machen…

völlig überhitzt….

und sich gegenseitig fast ausgerottet….

Warum haben sie nicht den Sinn des ominösen Eins-Komma-Fünf-Grad-Ziels

des Industriezeitalters hinterfragt?

Genauso wie Galilei zu seiner Zeit das damalige Wissen

anzweifelte….

CO2-neutral…

völlig unmöglich…bei so vielen Menschen.

Und selbst wenn….

Die Durchmischung der Meere! Sie kühlten die Atmosphäre und

verschleierten die wahre Erwärmung.

Ihre Erwärmung war noch lange nicht abgeschlossen…

Sie nahmen noch über Jahrzehnte Wärmeenergie von der Sonne auf.

Die Sonne! Sie brennt ununterbrochen auf die Tagseite der Erde.

Diese riesige Fläche!

Aber die meisten hielten die Maßnahmen für ausreichend.

Sie wussten nicht, dass die Erwärmung dem CO2-Anstieg weit

hinterher hinkt.

Dabei hätten sie aus den Klimadaten der Erdgeschichte leicht ablesen

können, dass schon bei der angestrebten Temperatur der

Meeresspiegel um zehn Meter ansteigen würde….

Die Zivilisation ins vollkommene Chaos gestürzt.

Jia wurde aus ihren Gedanken gerissen, als sich der für sie zuständige Servicebot näherte, wodurch automatisch die Normalansicht aktiviert wurde, die statt der Außenansicht wieder die Kabine des Hypersonics zeigte

Der Bot war äußerlich nur durch den Code auf seinem eleganten schwarzblauen Anzug aus seidigem Material von einem realen Menschen zu unterscheiden. Sein Gesicht mit der leicht bräunlich getönten Haut und seine kräftigen, kurzen blauschwarzen Haare waren typisch für Antarktika, wo einhundert Jahre des Zusammenlebens von Menschen aus den verschiedensten Regionen der Erde für eine nahezu homogene Vermischung gesorgt hatten.

Mit einer Größe von einsfünfundachtzig, einer makellosen athletischen Figur und seinen weißen Handschuhen passte er perfekt zu dieser neuesten Hypersonic-Generation.

Mit einem strahlenden Lächeln beugte er sich zu Jia und reichte ihr das georderte Glas Mineralwasser und die Bonas, einem fruchtigen, passend zu ihren aktuellen Körperdaten und ihrem persönlichen Geschmack individualisierten Snack aus verschiedenen Obststückchen in waffelartigem, leicht süß schmeckendem Teig.

Sie lächelte spontan zurück, obwohl ihr natürlich bewusst war, dass es eine Maschine war, deren äußere Erscheinung nur ein Zugeständnis an die menschlichen Benutzer war, die mit ihr zu tun hatten.

Wie alle humanoiden Bots trug auch dieser keine Eyefoil, denn er konnte alle Daten direkt empfangen. Auch besaß er zusätzlich zu den sichtbaren Augen und Ohren noch viele weitere, von außen nicht erkennbare Sensoren. Sie dienten dem Sehen, Hören, Riechen, Fühlen und Temperaturempfinden und befanden sich überall am Rumpf, den Gliedmaßen und sogar oben auf dem Kopf. Er konnte damit sein gesamtes Umfeld in allen Richtungen perfekt wahrnehmen, viel präziser als ein Mensch.

Die Kommunikation mit ihm funktionierte nicht nur deswegen so gut. Er hatte auch schon heute morgen ihre aktuellen Daten bekommen und entsprechend ihren persönlichen Tagesanforderungen den maßgeschneiderten Snack und persönlichen Nutrimix für den Aufenthalt an Bord zusammengestellt.

Sie holte noch eine Repairkapsel aus ihrem Backpack und spülte diese mit einem großen Schluck hinunter. Damit war sie für die beim Flug in dieser enormen Höhe auftretende energiereiche und gefährliche Höhenstrahlung aus dem Weltraum gerüstet.

Jia schaute zu Gaia hinüber. Sie schlief immer noch tief.

Jia beließ es bei der momentanen normalen Ansicht in ihrer Eyefoil. Durch das virtuelle Fenster sah sie, wie Italien langsam hinter ihnen im Dunst am Horizont verschwand. Ein Vulkan blies eine schmale Aschewolke bis weit über die unteren, weiß erscheinenden Atmosphäreschichten hinaus in den dunklen Himmel, wo sie langsam davon wehte und sich auflöste.

Am Horizont vor ihnen war jetzt schon Afrika zu erkennen. Das Meer davor schimmerte in besonders kräftigen Farben. Wie in einer riesigen Öllache schlangen sich rosafarbene, violette und giftgrüne Schlieren ineinander. Es waren giftige Algenkolonien, die heute alle Meere verseuchten.

Jia musste wieder an den gescheiterten Versuch von heute Nacht denken.

Wenige Sekunden später überquerten sie die nordafrikanische Küstenlinie. Die Strukturen der Landschaft und die schwarzen, ockergelben und rostroten Farben erinnerten Jia an die Oberfläche des Mars. Anders als auf dem meist eisigen Nachbarplaneten überflogen sie hier die Gluthölle des afrikanischen Kontinents. Sie checkte die Temperatur, die dort unten angezeigt wurde. Die Werte lagen schon jetzt bei zweiundneunzig Grad Celsius.

Für eine halbe Stunde änderte sich wenig, dann wurden durch größere Wolkenlücken auf der rechten Seite Teile der westafrikanischen Küste sichtbar. Kurz darauf erreichten sie den Äquator, der wieder als dünne blaue Linie über dem Festland, den Wolken und dem Meer eingeblendet war. Eine zusätzliche Anzeige wies darauf hin, dass sich die Sonne am Zielort scheinbar entgegengesetzt bewegen würde, weil sie dort durch den Wechsel von Nordzu Südhalbkugel nördlich anstatt südlich ihre Bahn zog.

Fast die Hälfte der Flugstrecke war nun zurückgelegt. Direkt unter ihnen wurde die Position der Landebahn angezeigt, die der Hypersonic im Notfall benutzen könnte. Hier verließ er seinen bisherigen Kurs und schwenkte kurz in eine leichte Linkskurve, um auf kürzestem Weg sein Ziel in Antarktika zu erreichen.

Als ob sie die eigentlich unmerkliche Richtungsänderung mitbekommen hätte, wachte Gaia in diesem Moment auf. Sie schaute zu Jia herüber und checkte gleichzeitig die Flugdaten in ihrer Eyefoil.

»Ah, gut! Nur noch eineinhalb Stunden!«, stellte sie fest.

»Alles klar bei Dir?«

Jia hob nur kurz den Daumen.

»Bist Du wieder fit?«

»Ja, es geht! Er fliegt wunderbar ruhig! Es ist, als ob er noch am Boden stehen würde.«

Jia lächelte.

Einer der Servicebots hatte bemerkt, dass Gaia wach war und brachte ihr mit eleganten Bewegungen einen Teller mit frischem Obst und einen weißen Tee, ihr übliches Frühstück.

Jia bemerkte, dass auch Gaia vom Erscheinungsbild der neuen Servicebots beeindruckt war. Beide schauten sich an und nickten zustimmend.

Die Route verlief jetzt entlang der afrikanischen Westküste. Die Wolkenschicht wurde über dem Festland immer lockerer und die Steinwüste war wieder bis zum Horizont im Osten sichtbar.

Nach einer weiteren halben Stunde passierten sie die Südspitze des Kontinents und flogen hinaus auf den Südatlantik. Die viertausend Kilometern lange Strecke über dem Meer, die bis zur Küste Antarktikas vor ihnen lag, würden sie in einer halben Stunde zurückgelegt haben, die restlichen dreitausend Kilometer nach New Urumqi in einer weiteren knappen Stunde.

Gaia erhob sich von ihrem Sitz, kam herüber zu Jia und beugte sich herunter, um durch das virtuelle Fenster neben ihr zu schauen. Das hatte sie noch nie zuvor gemacht, doch weil der Flug so ruhig verlief, riskierte sie es heute.

Die Szenerie über dem Meer war monoton. Am schwarzen Himmel stand die Sonne inzwischen hoch im Osten und ließ die geschlossene Wolkenschicht unter ihnen als gleißend weiße Fläche erscheinen.

»Nicht besonders aufregend.« stellte sie einigermaßen enttäuscht fest.

»Nimm doch die Semi-Ansicht!«, schlug Jia vor. »Die ist viel besser. Garantiert!«

Gaia blickte ihr einen Moment skeptisch in die Augen.

»Es ist wirklich toll! Es fehlt nur das Dach, also keine Angst!«, bekräftigte Jia.

Gaia ging zurück auf ihren Platz und checkte die Semi-Einstellung, die vom Hypersonic für die Eyefoil angeboten wurde. Nach einem kurzen Moment des Zögerns schaltete sie auf Semi. Gespannt beobachtete sie, wie das Kabinendach transparent wurde und im Bereich oberhalb der Armlehnen nach wenigen Sekunden vollständig verschwunden war. Die Sonne schien nun direkt in die Kabine.

Immer noch leicht angespannt betrachtete Gaia vorsichtig das Panorama. Rundum am Horizont ging die Wolkendecke in das blauviolette Band der Erdatmosphäre über. Diese verblasste schnell mit der Höhe und der Weltraum darüber gab den Blick in die Unendlichkeit frei, pechschwarz und mit tausenden Sternen.

Anders als von Gaia befürchtet, blieb der Flug auch ohne sichtbare Kabine genauso ruhig wie bisher.

»Wow, Du hattest Recht! Das ist super!«

»Ja, aber auf Extraterre gehst Du besser nicht!« Jia dachte an 2197LJ.

Gaia warf ihr kurz einen fragenden Blick zu, verstand aber im selben Moment, was Jia meinte.

»Okay, das sollen die anderen in Ordnung bringen!«

Sie ließ sich stattdessen die Daten der Atmosphäre anzeigen. Es erschienen die Wasserdampf- und Temperaturwerte entlang der Höhenskala, die von Meereshöhe bis hinauf in einhundert Kilometer Höhe reichte, bei welcher quasi der Weltraum begann. Gaia erschrak, als sie heute zum ersten Mal die enormen Dimensionen mit eigenen Augen sah.

Auch die CO2-Werte wurden angezeigt:

9.368 ppm

Wieso haben die damals so lange an der Verbrennung von fossilen

Brennstoffen festgehalten?

Unbegreiflicher Egoismus!

Und Gier!

Ignoranz auch….

viele Klimaeffekte noch völlig unbekannt…

Es war doch auch klar, dass Erdöl, Kohle oder Erdgas

nur für wenige Jahrzehnte in ausreichenden Mengen zur

Verfügung standen.

Danach hätten sie ohnehin klimaneutrale Techniken zur

Energiegewinnung einsetzen müssen.

Und diese waren ja längst vorhanden.

Mit Wind- und Wasserkraft oder Solarenergie konnte

man schon lange Wasserstoff erzeugen und damit

Brennstoffzellen und alle Arten von Maschinen klimaneutral betreiben.

Deren Wirkungsgrad sei zu schlecht…

…was für ein Unsinn, bei einer unendlichen, kostenlosen

Energiequelle.

Stattdessen nutzten sie ihre primitiven Techniken weiter.

Den künftigen Generationen die lebensbedrohlichen

Probleme aufbürden…

So leicht vermeidbar!

Was für eine erbärmliche Einstellung und Dummheit!

Und keine politische Partei, die es wirklich verhinderte!

CO2-Rückkopplungsspirale….

Mit diesem verheerenden Ergebnis!!!

Siebenunddreißig Grad Celsius Temperaturanstieg.

Von wegen zwei Grad….

Sie wussten nicht einmal, wie man dies überhaupt korrekt misst…

Die menschlichen Schwächen! Letztlich kriminell!

Es ging ihnen nur um ihr eigenes Leben.

Hauptsache, das, was sie anrichteten, traf sie selbst nicht mehr!

…..

Sie hätten ganz leicht das Gleichgewicht und die

Stabilität aller klimatischen Prozesse erhalten können.

Das Wissen war vorhanden!

Aber nur bei wenigen! Viel zu wenigen!

…..

Trotzdem alles völlig unbegreiflich!!

Und keiner mehr am Leben, den man verantwortlich

machen könnte…

Ohnehin nutzlos …

und keine Lösung unserer Probleme….

Beim Blick auf die riesigen Dimensionen der Atmosphäre kamen ihr für einen Moment Zweifel, ob ihr Projekt nicht völlig vermessen war.

Mit den winzigen Algen die Atmosphäre eines ganzen

Planeten von der ungeheuren CO2-Konzentration befreien?

…..

In dem kurzen noch zur Verfügung stehenden Zeitraum?

Sie schaute hinüber zu Jia und ihre Blicke trafen sich. Auch Jia schien skeptisch. Diese deutete mit dem Daumen schräg nach unten.

Gaia schaute in die angezeigte Richtung rechts unter sich. Es waren nicht die ungeheuren Treibhausgasmengen, die Jia meinte. Die Wetterdaten zeigten dort schematisch einen gewaltigen Wirbelsturm an, mit einem Durchmesser von fast zweitausend Kilometern auch für heutige Verhältnisse ein echtes Monster. Die Wirbelstruktur war aus dem Hypersonic, anders als bei Satellitenaufnahmen, kaum erkennbar. Eine langgezogene wolkenfreie Zone direkt unter ihnen deutete darauf hin, dass sich dort sein Rand befand.

Das Auge des Sturms war eintausend Kilometer von ihnen entfernt und lag damit weit hinter dem Horizont. Der Luftdruck in seinem Zentrum hatte mit nur sechshundertzwanzig Hektopascal einen fast unvorstellbar niedrigen Wert. Die Windgeschwindigkeiten um diese Region betrugen dementsprechend Stärke sieben, in Böen bis neun, das entsprach Windgeschwindigkeiten von siebenhundert Stundenkilometern mit Spitzenwerten von fast neunhundert.

Die Daten zeigten, dass in dieser Richtung noch weitere Wirbelstürme tobten, über dem Golf von Mexiko mit sogar noch größerem Ausmaß und heftigerer Gewalt. Es war ein Glück, dass das Meer in den Polarregionen nicht ganz so heiß war und sich diese Monster deswegen nicht bis dahin verirren konnten. Die sonst auch dort auftretenden Windgeschwindigkeiten würden den Bau noch viel stärkerer Schutzkuppeln für ihre Städte erfordern, was wegen der Erdbeben schon jetzt extrem schwierig war.

Schlimm genug waren schon die normalen Stürme, die Antarktika in der Südpolarnacht erreichten, wenn die Sonne am Pol fast sechs Monate lang nicht aufging. Sie waren neben den Erdbeben und den Flutwellen das größte Problem.

Jia ließ sich den Flugplan anzeigen. Der Hypersonic raste seit fast zwei Stunden mit achttausendsechshundert Stundenkilometern durch die Stratosphäre und überflog soeben den antarktischen Polarkreis. Bis zum Festland war es jetzt nicht mehr weit.

Wenige Minuten später war dieses bereits zwischen Wolkenlücken zu erkennen. Die Gischt der gewaltigen Brecher des Südmeeres bildeten wie immer eine weiße Linie entlang der Küste.

Der Hypersonic überquerte diese und flog auf die Bergkette des Massif des Aiguilles d'Afrique zu, die parallel dazu am Horizont verlief. Sie erstreckte sich über eine Länge von eintausendfünfhundert Kilometern. Als sie die bis zu 2.500 Meter hohen Gipfel passiert hatten, konnte man schon die Schutzkuppeln der ersten Städte erkennen. Sie erschienen wie riesige runde Scheiben aus Milchglas, die über die dunkle felsige Landschaft mit den vielen Fjorden verteilt waren. Die riesigen Dachkonstruktionen schützten auch hier Gebäude und Städte vor der extremen UV-Strahlung sowie den hohen Windgeschwindigkeiten von bis zu dreihundertsechzig Stundenkilometern, die selbst noch in der inneren Polregion vorkommen konnten.

Links und rechts ihrer Flugroute lagen jetzt Arkhangelsk und Songdo, die beiden größten Städte dieser Region am dreiunddreißigsten östlichen Längengrad. Mit Durchmessern der Stadtgebietes von dreißig beziehungsweise zwanzig Kilometern stachen sie nicht nur wegen ihrer Größe aus der Landschaft heraus, sondern auch, weil bei ihnen mehr als zehn Schutzkuppeln zusammenhingen und weit ausgedehnte Gebilde formten.

Im weiteren Umkreis waren auch kleinere Städte zu sehen. Sie drängten sich dort, wo es die Berge und Fjorde erlaubten, alle am Rand der Zweihundert-Kilometer-Schutzzone, die sie zum Meer hin wegen der Giftgase verrottender Meeresalgen und der Wirbelstürme einhalten mussten, die über Land aber schnell an Kraft verloren.

Eine vergleichsweise küstennahe Lage war zur Zeit der Städtegründungen vor rund einhundert Jahren besonders günstig gewesen. Der Kontinent war dort einerseits schon völlig eisfrei, zudem waren die Dämmerungsphasen der Polarnacht in dieser relativ großen Distanz zum Südpol ausreichend lange, sodass die mangelhafte Energieversorgung für die Beleuchtung zu Beginn der Besiedlung kein allzu großes Problem gewesen war.

Heute gab es diese Beschränkung natürlich nicht mehr und viele neue Städte lagen auch im Inneren des Kontinents und direkt am Pol. Dort hatte es anfangs nur kleine Bergbausiedlungen gegeben.

Die maximale Größe der Städte in Antarktika beruhte vor allem auf zwei Faktoren.

Erstens wurde die Anzahl der Bewohner von der Regierung streng kontrolliert, denn das Gesetz erlaubte nur noch die für alle notwendigen Tätigkeiten erforderliche Anzahl an Menschen.

Das zweite wichtige Ziel der Regierung war, die gesamte Infrastruktur auf geringstmöglichen Energie- und Rohstoffverbrauch hin zu optimieren. Transporte waren daher kaum über größere Entfernungen oder zwischen den Städten notwendig, weil die allermeisten Gegenstände, Nahrungsmittel und Dienstleistungen direkt vor Ort verfügbar waren. Dazu gab es direkt an die Stadtkuppeln angrenzend eigene Industriegebiete und Agrarflächen, beide ebenfalls durch riesige Kuppeln von der Außenwelt geschützt.

Je näher der Hypersonic seinem Ziel New Urumqi kam, desto stärker wurde der Effekt des niedrigen Sonnenstands in der Polregion. Jia und Gaia konnten wegen der länger werdenden Schatten Antarktikas Berg- und Fjordlandschaft immer besser erkennen. Alles war hier viel höher und schroffer als in Svalbard. Einige Flächen erschienen auch leicht gelbgrün, was an den hier existierenden Flechten lag. Eine Humusschicht gab es auch hier kaum, da diese während des Abschmelzens des Eispanzers zum größten Teil fortgeschwemmt worden war. Nur in ganz besonders windgeschützten Tälern ohne Abfluss existierte sie noch. Lagen diese in ausreichend kühler Höhe und waren sie zudem durch hohe Felswände vor direktem Sonnenlicht geschützt, wuchs dort vereinzelt auch eine Zwergkiefernart. Sie erreichte kaum zwanzig Zentimeter Höhe und war die einzige im Freien vorkommende Pflanzenart Antarktikas.

Die Landschaften waren daher ähnlich monoton wie auf den anderen Kontinenten. Nur in manchen Jahren gab es etwas Abwechslung, wenn am Ende des Polarwinters unter ganz besonders günstigen Bedingungen etwas Schnee auf den Gipfeln der wenigen Viertausender liegen blieb, wenn auch nur für wenige Stunden.

Jia musste plötzlich an den alten Eisschild denken, der Antarktika vor der Klimakatastrophe für Millionen von Jahren bedeckt hatte. Sie klickte im Menue der Eyefoil auf die Cenozoic-Ansicht, um die Vergletscherung des Kontinents vor dreißig Millionen Jahren anzuschauen.

Die kahle, schwarzbraune Landschaft unter ihr färbte sich sofort grün durch die damals überall vorhandene Vegetation. Flüsse, Meeresarme und Seen glänzten als silberne Flächen.

Wie bei Schneefall in einem Zeitrafferfilm begann sich kurz darauf an immer mehr Stellen eine weiße Schicht darüber zu legen, die im Verlauf der nächsten halben Minute den gesamten Kontinent bedeckte und diesen immer weiter unter sich begrub. Die konturlose weiße Fläche ließ schließlich selbst die höchsten Bergspitzen in Polnähe verschwinden.

Die dazu angezeigten Daten waren für Jia auch heute immer noch unfassbar. Vor etwa einhundertsechzig Jahren begann dieser bis zu viertausend Meter dicke Eispanzer durch sehr warme Meeres- und Luftströmungen, die unvorstellbare Mengen warmer, monsunartiger Niederschläge mit sich brachten, immer schneller abzuschmelzen. Das Regen- und Schmelzwasser ergoß sich in tausenden riesigen Strömen von der Größe des Kongo, Rio Negro oder sogar des Amazonas in die Meere. Das Inlandeis wurde so innerhalb weniger Jahrzehnte vollständig zerstört.

Ganz ähnliche Vorgänge waren auch in Grönland aufgetreten. Zusammen mit dem Schmelzen aller Permafrostböden in Nord- und Südamerika und Eurasien ließen sie den Meeresspiegel in nur knapp achtzig Jahren um fünfundneunzig Meter ansteigen.

Jia schaltete die Ansicht des Eisschilds wieder ab. Der Anblick auf das monotone Weiß war ähnlich langweilig wie zuvor der Blick auf die Wolkendecke des Südatlantiks.

An ihrem nächsten Punkt zum Pol, der hier rund eintausend Kilometer rechts von ihnen lag, überquerten sie die Sichuan-Berge. Die große Anzahl Seen dort war durch Bergstürze und Erdrutsche aufgrund der Erwärmung und der Erdbeben entstanden.

Der Hypersonic hielt weiter auf New Urumqi zu, das auf dem hundertvierzigsten östlichen Längengrad lag. Die Entfernung von hier betrug noch achthundertfünfzig Kilometer, die Zeit bis zur Landung wurde mit vierzig Minuten angezeigt.

Die Anzeige, sich zu setzen, erschien nun. Nach zwei Minuten, als alle Passagiere wieder Platz genommen hatten, drehten sich die Sitze gleichzeitig und lautlos um einhundertachtzig Grad. Der Hypersonic reduzierte daraufhin spürbar die Leistung seiner Triebwerke und ging in den Sinkflug über. Sie wurden zunehmend in ihren Sitz gedrückt. Diese Bremsphase dauerte viel länger als die Beschleunigungsphase, weil wegen der hohen Geschwindigkeit nur kleine Bremsklappen verwendet werden konnten.

Der Hypersonic verlor schnell an Höhe. Es traten jetzt doch ein paar leichte Vibrationen wegen der dichter werdenden Atmosphäre auf, sie waren jedoch nicht zu vergleichen mit den Erschütterungen, die es sonst immer gegeben hatte. Jia schaute besorgt zu Gaia. Diese aber strahlte und saß ganz entspannt in ihrem Sitz.

»Das gefällt mir!« sagte sie fast lachend und genoss die perfekte Technik.

Nach zwanzig Minuten Sinkflug waren sie bereits auf sechzehntausend Metern und nur noch zweitausendsiebenhundert Stundenkilometer schnell. Sie hielten diese Höhe und Geschwindigkeit für drei Minuten, bis sich die Außenhaut ausreichend abgekühlt hatte. Dies war wegen der Bremsschirme notwendig, die sonst verbrannt oder zumindest beschädigt würden, wenn die Luft beim Vorbeiströmen am aufgeheizten Rumpf zu stark erhitzt würde und danach mit den Schirmen in Kontakt geriet.

Zehn Minuten vor der Landung waren links schon die riesigen Kuppeln von New Urumqi zu erkennen. Sie schimmerten weißorange im Licht der tief stehenden Sonne und erstreckten sich bis zum Horizont unter einem leicht bewölkten Himmel. Selbst der vergleichsweise kleine Hyperport mit seiner eigenen Kuppel, die direkt an das Stadtgebiet grenzte, war schon zu sehen.

Da der Hypersonic noch zu hoch für den Landevorgang war, flog er zunächst wieder aufs Meer hinaus, um dort nach einer langgezogenen Linkskurve auf Gegenkurs zu gehen.

Jia checkte die Angaben zur Windgeschwindigkeit. Neunzig Stundenkilometer aus dreißig Grad West, konstant. Auch die Landung würde völlig reibungslos verlaufen.

Draußen huschten die ersten Nebelfetzen der Schönwetterwolken vorbei.

Der Hypersonic durchquerte die Wolkenschicht und stellte gleich darauf den Bug steil an, um seine Anfluggeschwindigkeit während der letzten zwei Flugminuten weiter zu verringern.

Kurz vor dem Aufsetzen durchflogen sie die fünftausend Meter lange Einflugschneise, die sich hier ähnlich wie in Svalbard zwischen riesigen Schutzwänden befand. Daneben war für einen Moment auch der steile, röhrenförmige Starttunnel aus nächster Nähe zu sehen, der wegen der starken Beben nicht unterirdisch angelegt werden konnte. Er überragte den Rest der Anlage um die doppelte Höhe, war aber trotzdem nicht so lang wie in Svalbard, was jedoch wegen der weniger starken Stürme in Antarktika auch nicht erforderlich war.

Der Hypersonic wurde jetzt zusätzlich aktiv von außen abgebremst, denn der vor ihnen liegende Landetunnel stellte gleichzeitig einen riesigen Windkanal dar, der die Geschwindigkeit der landenden Maschinen durch starken Gegenwind schon in der Einflugschneise weiter reduzierte. Die Passagiere wurden davon langsam nach vorne in die Gurte gedrückt.

Von der Bodenberührung selbst direkt vor der Halle war jedoch nichts wahrnehmbar. Durch die perfekt glatte Landebahn und die hohe Drehgeschwindigkeit der profillosen Räder, die genau der Geschwindigkeit des Hypersonics im Moment der Landung entsprach, gab es nicht die geringste Vibration.

Einen Moment später verschwand er im Tunnel und wurde von dem dort gebündelten Luftstrom noch stärker abgebremst. Hier trat auch der einzige Ruck während des gesamten Fluges auf, der durch die drei riesigen Bremsschirme entstand, die gerade am Heck entfaltet worden waren. Gaia nahm es mit einem beinahe erleichterten Lächeln hin.

Kurz vor Ende des Tunnels kam die Maschine zum Stehen. Jia schaute auf die Streckendaten. Es war 11:23 Uhr. Flugzeit 2:58 Stunden.

Ein perfekter Flug! Zwanzigtausend Kilometer, knapp

drei Stunden…

Sie war zufrieden. So schnell und komfortabel wie heute waren sie noch nie von Svalbard nach New Urumqi unterwegs gewesen. Das Privileg, als erste mit diesem neuen Modell fliegen zu können, war Ausdruck der Wertschätzung der Regierung für die Forschenden. Dieser Hypersonic symbolisierte eindeutig die Leistungsfähigkeit ihres neu aufgebauten Staates und seines erfolgreichen Gesellschaftssystems.

Gaia fühlte sich zum ersten Mal nach einem Flug richtig gut, auch, weil sie vor weiteren Flügen nach Svalbard keine Angst mehr haben würde. Der Hypersonic hatte durch die Ruhe an Bord ihr Vertrauen gewonnen und auch der Blick auf die Erde und den Weltraum waren atemberaubend gewesen.

Leider wurde dieses positive Erlebnis durch die ungelösten Probleme ihrer Versuche und die damit verbundene völlige Ungewissheit über ihre eigene Existenz stark überschattet.

Als die Triebwerke der Maschine zum Stillstand gekommen waren, endete der Datenstream der Außenansicht.

Die Eyefoils meldeten jetzt

>> Willkommen in New Urumqi! <<

Der Zusatz 'New' im Namen der Stadt hatte sich bis heute gehalten, obwohl es natürlich keine Verwechslungsmöglichkeit mit dem alten Urumqi in Zentralasien mehr gab. Bei allen anderen in Antarktika errichteten Städten, die in der Zeit ihres Aufbaus ebenfalls noch das Attribut 'New' trugen, ließ man dieses heute generell weg. Stattdessen sprach man in historischem Zusammenhang von den Städten der alten Welt beispielsweise vom 'alten' Paris oder dem 'alten' Tokio.

Jia und Gaia und die anderen Passagiere verließen die Maschine wieder über den Mover und gingen direkt zum Hauptgebäude. Wie immer stach das riesige Symbol von Antarktika über dem Portal ins Auge, einer zehn Meter großen Ausführung, die einem Satellitenbild ähnelte. Es stellte die Inselwelt des Kontinents in spiegelndem Silber vor einer kreisrunden hellblauen Hintergrundfläche dar. Diese wurde von dem Kreis der zweihundertsieben kleinen, zehnstrahligen Sterne umrandet, von denen jeder eine etwas andere Farbe besaß. Sie repräsentierten die ursprünglichen Nationalitäten der alten Welt, deren Nachkommen heute in Antarktika lebten.

Jia und Gaia warfen einen kurzen Blick darauf, als sie darunter hindurchgingen.

Wie sie schon beim Abflug erfahren hatten, gab es heute leider keinen direkten Flug zum Laborkomplex auf Byrd Island. Das Wetter war dort so schlecht, dass nicht einmal ein Kopter landen konnte. Das kam sehr selten vor. Sie mussten daher heute das Sub nehmen, weil sich die Wetterlage auch die nächsten Stunden und Tagen nicht wesentlich ändern würde. Grundsätzlich war das aber kein Problem. Die schnellen U-Boote stellten überall eine zuverlässige Verbindung zwischen den Städten an der Küste und den Inseln her, auch wenn sie natürlich deutlich länger unterwegs waren als die Kopter.

Obwohl New Urumqi als einzige Stadt Antarktikas direkt am Meer lag, gab es von hier aus keine direkte Sub-Verbindung nach Byrd Island, weil die Route um die riesige Gebirgskette der antarktischen Rockies einen zu großen Umweg darstellen würde. Jia und Gaia mussten deswegen zunächst nach Narvik an der Pazifikküste auf der anderen Seite dieser Gebirgsbarriere weiterfliegen. Dort verband ein schnelles Sub das Festland mit dem noch über eintausend Kilometer entfernten Byrd Island Archipel.

Für diese noch anstehende letzte Etappe zu ihrem heutigen Ziel würden sie weitere sieben Stunden benötigen.

Nach Narvik selbst war es nicht weit, nur zwanzig Minuten mit dem Kopter. Die Station wurde zu jeder vollen Stunde direkt ab dem Kopterport von New Urumqi angeflogen, der gleich auf der anderen Seite des Hyper-Terminals lag.

Jia und Gaia gingen durch die langgezogene Verbindungshalle hinüber, vorbei an einem Bot für Getränke und Snacks. Jia ließ sich einen Fastr und einen Wako geben. Dieser Energydrink war zurzeit ihr Lieblingsgetränk. Auch jetzt entschied sie sich eigentlich nur wegen des Geschmacks dafür, nicht weil sie sich müde fühlte.

Der Fastr war ein kleines ringfömiges, süßes Mürbgebäck, das im Inneren einen Kern aus süßer, dunkler Schokolade besaß. Sie liebte diese Kombination ganz besonders, nicht zuletzt weil sie auch den Appetit nahm.

Gaia nahm sich nur einen Vibi mit einer Flasche Wasser. Im Gegensatz zu Jia versuchte sie, so natürlich wie möglich zu leben und mied alle künstlich erzeugten Nahrungsmittel. Der Vibi war ein vitamin- und mineralienreicher Snack aus Seetang, der wie ein marmoriertes, kleines Baguette aussah.

Außer Gaia und Jia gingen nur wenige Passagiere an Bord des Kopters. Das war nicht überraschend, denn Narvik war eigentlich nur ein Außenposten mit einer Hafenanlage, von der aus die Subs zu den Laboren auf Byrd Island und Finistere fuhren. Der fünfhundert Kilometer lange Flug führte über die Fjorde und zwischen den noch sonnenbeschienenen Gipfeln der Drei– und Viertausender hindurch.

Jia und Gaia hatten gerade ihren Imbiss verzehrt, als der Kopter bereits wieder stark abbremste und in den Sinkflug ging. Die Kuppel von Narvik lag schon in Sichtweite. Kurz darauf schwebten sie langsam über das flache, runde Dach. Es erstreckte sich über einem flachen Ausläufer der Berge, etwa fünf Kilometer von der Küste entfernt. Dieser große Abstand schützte den Hafen vor den riesigen Wellen. Für die Subs war er vom Meer aus durch einen Unterwassertunnel erreichbar.

Während sie dem Ziel-Gate in der mittleren Kuppelregion näher kamen, konnten Jia und Gaia durch die Fenster des Kopters schon sehen, wie sich dort das flache Dachsegment zur Seite schob und so die Luftschleuse darunter öffnete. Der Kopter ging tiefer und flog direkt auf die Öffnung zu. Kurz bevor er sie erreichte, bremste er seine Vorwärtsbewegung bis zum Stillstand ab und schwebte in völlig senkrechtem Abwärtsflug in die Schleuse hinab.

Diese Kuppelschleusen schützten das Innere und die dort befindlichen Anlagen und ermöglichten den Koptern die Landung bei fast jedem Wetter.

Jia und Gaia blickten nach draußen ins Innere der steril weißen Kammer und beobachteten, wie sich deren obere Abdeckung schnell wieder zurückbewegte und das Kuppeldach nach außen hin verschloss.

Im nächsten Moment öffnete sich schon Abdeckung unter ihnen und gab den Blick nach Innen auf den Gebäudekomplex von Narvik und dessen Hafenbereich frei.

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