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21 … entkommen wirst du nie

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autoren
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Zitat
  8. Erster Teil
    1. Der Magier
    2. Die Welt
    3. Die Päpstin
    4. Der Narr oder Die Karte Null
    5. Die Liebenden
    6. Das Gericht
    7. Der Papst
  9. Zweiter Teil
    1. Der Mond
    2. Der Gehängte
    3. Der Ausgleich
    4. Das Rad des Lebens
    5. Die Gerechtigkeit
  10. Dritter Teil
    1. Die Herrscherin
    2. Die Karte ohne Namen: Der Tod
    3. Die Kraft
    4. Der Herrscher
    5. Der Stern
  11. Vierter Teil
    1. Der Triumphwagen
    2. Das Gotteshaus
    3. Die Sonne
    4. Der Teufel
  12. Epilog: Der Einsiedler
  13. Danksagung

Über dieses Buch

Mit gemischten Gefühlen kehrt die junge Rechtsanwältin Laura in ihre Heimatstadt Nizza zurück. Sie will heiraten, doch die Familie ihres Verlobten ist mit der ihren verfeindet, solange sie denken kann. Noch mehr aber fürchtet Laura den 21. August, den Tag, an dem sie 33 Jahre alt wird. Ein Datum, das wie ein Fluch auf der Familie Rinaldi lastet. Der Tag, an dem ihre Mutter und Großmutter im selben Alter unter rätselhaften Umständen starben. Am Tag der Hochzeit passiert etwas Schreckliches: Lauras Bräutigam wird vor der Kirche niedergeschossen und fällt ins Koma. Danach bekommt sie jeden Tag eine Tarotkarte. Ein böses Omen? Eine Warnung? Verweisen die Karten auf ein tödliches Familiengeheimnis? Laura hat nur wenige Tage Zeit, die Antwort zu finden, denn der 21. August nähert sich unaufhaltsam...

Über die Autoren

Pascale Chouffot ist Autorin und Drehbuchautorin. Gemeinsam mit Jean-Luc Seigle legt sie mit »21 ... entkommen wirst du nie« ihren ersten Roman vor, der für das französische Fernsehen als Mehrteiler verfilmt wurde.

Jean-Luc Seigle hat als Drehbuchautor seit über 15 Jahren erfolgreich Fernsehfilme gestaltet, unter anderem die in Frankreich sehr bekannte TV-Produktion »Terre indigo«.

Jean-Luc Seigle

21 …
entkommen wirst
du nie

Roman

Aus dem Französischen von
Christiane Landgrebe

»Die Wahrheit ist wie die Sonne.

Sie lässt uns alles sehen,

aber wir können sie nicht anschauen.«

Victor Hugo

Sonntag, 31. Juli

Der Magier

Wiedergängerin. Dies war das einzige Wort, das Laura in den Sinn kam, als sie im Auto die Uferstraße entlang nach Nizza fuhr. Sie kam hierher zurück, um zu heiraten. Die Stadt – vor allem der alte italienische Teil mit den engen, belebten Gassen − bot den Blicken der Passanten einen hellen, freundlichen Anblick in Rosa und Gelb. Doch jedes Mal wenn Laura sich Nizza näherte, war es ihr, als fasse eine kalte Hand an ihr Herz. Sie war in dieser Stadt geboren, ihre Familie lebte noch hier, aber seit Jahren kam sie nur noch einmal im Jahr her, um ihren Geburtstag zu feiern, eine Art Ritual, auf das sie um nichts in der Welt verzichtet hätte. Ihren Vater und Bruder traf sie sonst nur, wenn sie nach Paris kamen oder mit ihr gemeinsam Ferien im Ausland machten. Nizza war vor allem die Stadt ihrer Vorfahren, also ein Ort der Toten. Zu ihnen gehörte auch Lauras Mutter, die drei Wochen nach ihrer Geburt gestorben war. Angesichts der aufwühlenden Fragen, die der Verlust der Mutter oder des Vaters unweigerlich mit sich bringt, hatten die Toten für Laura seit ihrer frühen Kindheit eine größere Rolle gespielt als die Lebenden. Was die Toten anging, fühlte sie sich wie jemand, der mitten in der Nacht den Sternenhimmel über sich sieht. Zuerst sucht er nach dem berühmtesten Sternbild, dem Großen Bären, dann nach dem Kleinen Bären, den man auch bald erkennt, wenn man sich ein wenig Zeit lässt, anschließend gleitet der Blick unwillkürlich zu den Diamanten der Kassiopeia, die wie ein W in der Dunkelheit funkeln. Über dem schwarzen Himmelsgewölbe liegt Schweigen. Wir werden uns unserer Unwissenheit bewusst und erkennen, welche unendliche geheimnisvolle Weite sich über uns auftut. Die Nacht ist grenzenlos, das Universum oder der Kosmos, wie es heißt, weiß man schon nicht mehr, bricht auf schwindelerregende Weise über uns herein, und wir möchten nur noch eins: nach Hause gehen und alle Dinge benennen, die uns umgeben.

Ganz ähnlich empfand Laura die Welt der Toten. Seit ihrer Kindheit reichte diese Welt weit über das Familiengrab hinaus, sie erstreckte sich über den gesamten Friedhof, umfasste alle Toten dieser Erde, schloss die Toten aller Zeiten seit der Erschaffung der Welt ein. Das Jenseits war überwältigend, die Erde war voller Toter, und ihre Zahl war viel größer als die der Lebenden, die auf ihr wohnten. Wenn sie als kleines Mädchen an all diese Dinge dachte, dann hatte Laura ein Gefühl, als ginge sie über lauter Gräber. Lange Zeit verkroch sie sich dann in ihr Zimmer in dem wunderschönen Haus mit der Glasveranda, das ihr Vater hatte bauen lassen. Der Gedanke, hinauszugehen und durch den Garten zu laufen, versetzte sie trotz des atemberaubenden Meerblicks in Panik. So war es jedenfalls zwischen ihrem sechsten und elften Lebensjahr. Über all diesen Mythen von der Totenwelt herrschte das Bild ihrer Mutter, ihrer Beschützerin, strahlend und dunkel zugleich. Ihre Mutter war das tiefste aller Geheimnisse, und Laura glaubte als Einzige, dass sie ermordet worden war.

Je mehr sie sich Nizza näherte, desto größer wurde ihre Angst, dass die Dämonen der Vergangenheit wieder auftauchen würden. Ihre innere Stimme warnte sie vor einer Gefahr, deren Opfer oder Spielball sie sein würde. Allerdings hätte sie nicht sagen können, worin die Bedrohung bestand. Dennoch war sie fest davon überzeugt, dass sie sich in die Höhle eines Wolfs begab, ohne eine Wahl zu haben. Der böse Wolf aus den Märchen, eines jener furchtbaren, wilden Tiere mit hasserfüllten, blutunterlaufenen Augen, hinterhältig, hungrig, mit spitzen Zähnen und hochgezogenen Lefzen. Genauso stellte sie sich noch ein anderes Tier vor, ein Tier ohne Körper und Namen, das wie ein Fluch auf der Familie ihrer Mutter lastete und die Erstgeborenen jeder Generation im Alter von etwa dreißig Jahren grausam tötete. Das letzte Opfer war Luisa Rinaldi gewesen, ihre Mutter. Im Polizeibericht hatte gestanden, dass sie bei einem Autounfall ums Leben gekommen sei.

In diesem Jahr, heute, um genau zu sein, wurde Laura genauso alt wie ihre Mutter, als diese starb. Doch diesmal fuhr sie nicht nach Nizza, um ihren Geburtstag zu feiern. Sie kam hierher, um Vincent zu heiraten. Die Liebe zu diesem Mann war stärker als ihre merkwürdige Angst, sie hinderte Laura daran umzukehren. Und war es nicht so, dass jeden Menschen bei großen Veränderungen Angst überkommt? Vielleicht war die bevorstehende Hochzeit, dieser große Einschnitt in ihrem Leben, der eigentliche Grund für das Unbehagen, das sie verspürte. Sie musste plötzlich an Artikel in Frauenzeitschriften denken, in denen behauptet wurde, dass manche jungen Frauen vor ihrer Hochzeit geradezu in Panik gerieten und auf den Gedanken verfielen, ihrem Partner den Laufpass zu geben. Laura redete sich ein, dass das merkwürdige Gefühl in der Magengrube mit der bevorstehenden Änderung ihres Lebens, ihres Status und sogar ihres Namens zu tun hatte. Sie verbot sich, daran zu denken, dass diese Stadt gleich einem Reliquienschrein eine Art Gift in sich trug: ein Gift, das sie seit frühester Kindheit gepeinigt und bei ihr einen Verfolgungswahn ausgelöst hatte, den kein Arzt und kein Psychiater je zu erklären vermochte.

Am Anfang war nicht von Halluzinationen die Rede gewesen, sondern von seelischen Störungen: Nachts wachte sie schweißgebadet auf, von Albträumen gequält, die sie schließlich auch am Tag heimsuchten. Die Nächte und Tage ihrer Kindheit waren erfüllt von Bildern einer Vergangenheit, die sie gar nicht erlebt hatte. Einer der vielen Psychiater, die sie zwischen sechs und elf Jahren aufsuchen musste, hatte Laura geprägt. Sein Name war Dr. K. Dr. K. war ein Mann ohne Gesicht, rundlich, verheiratet, wie sie meinte, da er einen goldenen Ehering trug, dazu eine Brille mit Goldrand. Sie erinnerte sich allerdings noch genau an seinen Mund. Nicht weil es ein besonders auffallender Mund gewesen wäre, er war eher gewöhnlich, doch Dr. K. sprach, fast ohne die Lippen zu öffnen, als wolle er verhindern, dass ihm gegen seinen Willen ein Geheimnis entschlüpfte, ein Geheimnis oder ein kostbarer Schatz. Die kleine Laura war überzeugt, dass in seinem Mund lauter Goldzähne waren, golden wie der Ehering und der Rand der Brille, Zähne, die er nicht zeigen wollte, aus Angst, man könne sie ihm stehlen. Ständig versuchte sie, einen Blick auf die Zähne zu erhaschen. Vielleicht durchschaute Dr. K., der ein guter Beobachter war, ihr Spiel, denn er ließ sich einen Bart wachsen. Sein Mund verschwand völlig darunter, und seine Worte drangen nun durch das dichte Barthaar, das die kleine Patientin scheußlich fand.

Sie ging nie allein zu Dr. K. Meistens begleitete sie ihr Vater, Tante Ludmilla, die jüngere Schwester ihrer Mutter, oder Viviane, die neue Lebensgefährtin ihres Vaters, die Laura sehr gern mochte, auch wenn sie ihre Zuneigung kaum zeigte. Viviane war zwei Monate nach dem Tod von Lauras Mutter die Freundin ihres Vaters geworden. Dass die dreimonatige Laura eine Halbwaise war, hatte die Beziehung zwischen den beiden zu einer Selbstverständlichkeit gemacht; wer weiß, ob Laura Viviane so fraglos akzeptiert hätte, wenn diese später in ihr Leben getreten wäre. Unter den drei Erwachsenen, die Laura abwechselnd zum Psychiater begleiteten, war Viviane die Einzige, die Lauras Ängste ernst nahm. Nie vergaß sie, dem Mädchen etwas Tröstliches zu sagen, was in dieser Situation nicht leicht war.

»Du wirst schon sehen, eines Tages wird das alles wieder gut. Da bin ich ganz sicher.«

Laura wusste zwar nicht genau, was mit »das alles« gemeint war, aber sie bezog es auf ihre Ängste, nicht die aus ihren Albträumen, sondern diejenigen, die ihr die furchterregenden Kommentare ihrer Umgebung einflößten. Die meisten erklärten unverblümt, sie werde eines Tages in der Irrenanstalt landen, wenn das nicht aufhörte … Und auch der berühmte Dr. K. dachte ähnlich.

Sobald sie seine Praxis betraten, wurde Laura in eine Ecke geschickt und musste sich auf ein Sofa setzen. Dann unterhielt sich ihr Begleiter ein paar Minuten leise mit dem Facharzt, ohne dass Laura erfuhr, worüber sie redeten. Wahrscheinlich eine Zusammenfassung der Ereignisse der letzten Woche. Sie berichteten von den letzten Verrücktheiten des kleinen Mädchens oder den Halluzinationen, die es Tag und Nacht plagten. Aber das Kind wollte gar nicht wissen, was sie über es erzählten, denn seine ganze Aufmerksamkeit galt einem Kupferstich, den Dr. K. in seinem Sprechzimmer aufgehängt hatte: Mantegnas Kreuzabnahme, auf der der ausgemergelte Leib Christi und die Soldaten in dunkler Farbe gehalten waren. Laura wusste nicht, was genau auf dem Bild geschah, aber etwas daran erinnerte sie auf unheimliche Weise an die Szenen, die sie in ihren Albträumen sah. Diese schrecklichen Bilder, die jederzeit für sie lebendig werden konnten. Sie versuchte immer wieder, einen Zusammenhang zwischen diesen Bildern aus der Vergangenheit, sich selbst und der Menschheit im Allgemeinen herzustellen, aber es wollte ihr nicht gelingen.

Sobald ihr Vater, Tante Ludmilla oder Viviane dann hinausgegangen waren, überkam Laura eine seltsame Unruhe, und sie hatte das zwanghafte Bedürfnis, sich vorzustellen, wie sie hinter der Tür warteten, wie sie Zeitung lasen oder in ihrem Terminkalender blätterten. Das war lebenswichtig für sie, denn sonst hätte sie das Gefühl gehabt, dass die anderen sie ebenfalls für tot hielten – auch sie.

Dr. K. begann jedes Gespräch auf dieselbe Weise. Er setzte sich neben sie auf das braune Samtsofa.

»Und, Laura, war die letzte Woche so, wie du es dir gewünscht hast?«

Dieser immer gleiche Anfang hatte eine doppelte Wirkung auf Laura. Sie vergaß die Zeit und das, was geschehen war. Schweigend wartete sie, dass ihre Erinnerung zurückkam, aber das geschah immer zu spät, erst wenn sie den weißen Raum mit dem braunen Sofa und dem Bild von Mantegna wieder verlassen hatte.

Dr. K. begriff schnell, dass etwas bei seiner Behandlung nicht funktionierte. Der Psychotherapeut war schon damals von den Theorien einer Françoise Doltos überzeugt. Wie sie glaubte er, dass man Kindern die Wahrheit sagen müsse, dass Wahrheit verletzt, aber nicht zerstört. Gemäß dem Beispiel der Therapeutin analysierte er Lauras Zeichnungen. Er tat dies nicht, um ihr Unbewusstes zu ergründen, sondern benutzte die Bilder als Einstieg, um mit ihr ins Gespräch zu kommen. Das kleine Mädchen weigerte sich, in seiner Gegenwart zu zeichnen und vor seinen Augen die Bilder ihrer Albträume wiederzugeben. Also einigten sich der Psychiater und das Mädchen darauf, dass sie zu Hause malen und ihm die Bilder zu jeder Sitzung mitbringen sollte.

Aber erst fünf Wochen später erschien Laura eines Tages mit Bildern. Und als er sie fragte: »Und, Laura, war die letzte Woche so, wie du es dir gewünscht hast?«, und die Zeit und die Erinnerung wie immer verschwanden, legte Laura statt einer Antwort ihre Bilder auf den Tisch, sauber geordnet in einer Mappe, die sie ihn öffnen ließ. Der Psychotherapeut sagte nichts zu den vielen Knoten, mit denen die Mappe zugebunden war, und nachdem er sie mit seinen langen weißen Fingern gelöst hatte, erschrak er vor der Grausamkeit, die ihm gleich auf dem ersten Bild entgegenschlug. Das Gesicht einer rothaarigen Frau in einem langen roten Kleid mit Puffärmeln, wie eine Prinzessin auf einem Märchenbild. Aber die beiden Augen quollen pechschwarz und furchterregend aus den Höhlen. Stirn und Wangen waren kreideweiß, und Blut floss über das unfertige Gesicht. Dr. K. sagte nichts über seinen ersten Eindruck, doch Laura hatte genau bemerkt, wie sich seine Lippen beim Ausatmen unter dem Bart vorgewölbt hatten. Schließlich meinte er nur:

»Wer ist diese Frau, Laura?«

Sie konnte ihm nicht sagen: »Das ist meine Mutter«, da sie sie nicht gekannt hatte. Um Dr. K. zufriedenzustellen, dachte sie sich jemanden aus.

»Eine Prinzessin.«

»Sag mal, Laura, warum hat deine Prinzessin Blut im Gesicht?«

»Wenn gemordet wird, hat man Blut im Gesicht.«

Dr. K. fand diesen Satz äußerst aufschlussreich. Die Frau war also ermordet worden. Außerdem handelte es sich offenbar um ein Porträt ihrer Mutter, und Laura wollte zum Ausdruck bringen, dass sie ermordet worden sei. Der Psychiater hätte diesen Satz aber auch ganz anders deuten können, nämlich, dass es sich um ein Selbstporträt des Mörders handelte, dessen Gesicht vom Blut seines Opfers besudelt war. Die Figur auf dem Bild konnte eine Frau, aber auch ein Kind sein. Nach mehreren Sitzungen kam Dr. K. zu dem Schluss, dass diese Bilder ein schöpferischer Akt seien, der Einblick in Lauras seelische Störungen gab. Sie habe Schuldgefühle wegen des Todes ihrer Mutter. Zum ersten Mal war Laura von dem Psychiater beeindruckt. Sie vergaß seine Goldzähne, und seine Worte bekamen etwas Heiliges, weil sie bei ihr etwas ansprachen. Ja, Laura fühlte sich mit ihren neun Jahren schuldig am Tod ihrer Mutter, und dieses Gefühl war tief in ihr verankert, selbst wenn sich Dr. K. nicht erklären konnte, wie ein Mädchen, das zur Zeit des Dramas nicht einmal vier Wochen alt gewesen war, solche Empfindungen hegen konnte. Für Laura immerhin war klar, dass der Psychiater einen passenden Namen für die Störungen, die sie quälten, gefunden hatte.

Die Sitzungen wurden fortgesetzt, doch sobald das Mädchen spürte, dass sich der Arzt aus ihrer Phantasiewelt entfernte, verschloss sie sich ihm gegenüber. Es kam für sie nicht infrage, ihm irgendetwas Zusammenhängendes zu erzählen. Bald teilte sie ihm mit, was ihr gerade in den Sinn kam, merkte aber schnell, dass er aus ihren Erfindungen Schlüsse auf ihren Zustand zog, die er sich verstohlen notierte, wie Kinder in der Schule, die nicht wollen, dass man in ihr Heft sieht. In allen späteren Sitzungen spielte sie brav das Spiel mit den Bildern weiter, weigerte sich aber fortzufahren, sobald er sich Notizen machte.

Die meisten dieser Bilder waren sehr merkwürdig. Außer dem Porträt der blutigen Frau hatte sie einen militärisch wirkenden Mann mit Schnurrbart gezeichnet, der etwas in der Hand hielt, was man nicht erkennen konnte – vielleicht ein Tier, eine Maus oder einen toten Vogel. Laura war nicht in der Lage zu sagen, was da am Ende seines Arms baumelte. Sie hatte auch einen Menschen mit einer furchterregenden Maske gemalt und eine andere Gestalt mit zwei Gesichtern, bei der man nicht wusste, ob es ein Mann oder eine Frau war. Außerdem ein paar altertümlich wirkende Gestalten, die an Figuren aus dem Tarot erinnerten. Da Dr. K. überzeugt war, dass sie diese Bilder abgezeichnet hatte, beachtete er sie kaum. Zu Unrecht. Ebenso falsch war es, nicht auf die Zeichnung von Christus zu achten, aus dessen fünf Wunden Blut quoll. Er hing an einem Kreuz aus leuchtenden Farben, die einen strahlenden Glanz verbreiteten. Doch der Arzt hielt ihn für eine misslungene Kopie seines Christus von Mantegna.

Eines Tages jedoch fragte er Laura:

»Stammen die Leute, die du malst, aus deiner Phantasie?«

»Nein, ich sehe sie.«

»Was meinst du damit?«

»Dass ich sie sehe.«

Er schüttelte so heftig den Kopf, als habe er Sand in den Ohren.

»Meinst du damit, dass du sie siehst wie im Traum, in deiner Phantasie?«

»Nein, ich sehe sie wirklich.«

Da er verwirrt schien und schwieg, fühlte sich das Mädchen genötigt, ihn zu beruhigen:

»Ja, ich sehe sie wirklich, denn sie reden mit mir. Und die Bilder, die ich male, die mache nicht ich, sondern sie.«

Dabei deutete sie auf die Frau mit dem blutigen Gesicht. Sie glaubte also, dass ihre Mutter oder deren Geist für sie diese scheußlichen Bilder malte. An diesem Tag diagnostizierte Dr. K. eine Schizophrenie mit Halluzinationen.

Kurz darauf wurde Laura, inzwischen elf Jahre alt, in die kinderpsychiatrische Klinik von Dr. K. aufgenommen. Ihr Vater war weder mit der Diagnose noch mit der Behandlung einverstanden, weil dabei schwere Medikamente verabreicht wurden. Seinem Instinkt folgend holte er sie nach zwei Wochen wieder aus der Klinik, und nach ihrer Rückkehr in das Haus mit der Glasveranda hatte Laura keine Beschwerden mehr. Sie kam in die Pubertät, in der die Ängste und Mächte der Kindheit auf natürliche Weise verschwinden … Seitdem herrschte Ruhe, und das bis zum heutigen Tag.

Und jetzt kam sie zurück – nach vielen Jahren Studium und drei Jahren Berufspraxis in einem Pariser Anwaltsbüro.

Als die Berge um Nizza auftauchten, in die Täler des Hinterlands hatten sich Betongebäude hineingefressen, beschleunigte Laura unwillkürlich das Tempo. Der Tunnel rückte immer näher, ein riesiger Schlund, der sie verschlingen würde. In der glühenden Mittagshitze waren nur wenige Autos unterwegs, und so fuhr ihr Auto als einziges in die Höhle des Berges. Laura sah das andere Ende des Tunnels, eine Lichtpupille, die mit jedem Meter größer wurde, und sie trat noch einmal aufs Gas; sie mochte diese kleinen Tunnel, die sie an die Keller des Landhauses erinnerten, den Geruch von Erde, in der sie immer ein Gewimmel von Würmern sah.

Am Ende des Tunnels fuhr Laura in gleißendes Licht. Übelkeit stieg in ihr auf. Plötzlich ein heftiger Stoß gegen die Windschutzscheibe, sie schrie laut auf. Der Wagen schleuderte zur Seite, und Laura stieg mit beiden Füßen auf die Bremse. Das Auto raste gefährlich nah auf die Betonbrüstung zu, die ins Leere führte. Laura schloss die Augen und umklammerte das Steuer, das sie wie von Sinnen hin und her drehte. Das Auto schlitterte über einen Bürgersteig und kam mit einem metallenen Kratzgeräusch auf der Fahrerseite an einer Grundstücksmauer zum Stehen. Auf der Windschutzscheibe erschienen die Zacken eines roten Sterns, die immer länger wurden: das Blut eines zerschmetterten Vogels, wie ein böses Omen.

Vincent machte sich Sorgen. Laura hatte sich nicht gemeldet. Deshalb hörte er nur mit halbem Ohr zu, als ihm der Traiteur von den letzten Vorbereitungen für den Cocktail und das Abendessen berichtete und ihm alles Mögliche empfahl. Vor seinen Augen blätterte der Händler die plastikbeschichteten Seiten mit Fotos von Petit Fours und Leckerbissen für jeden Geschmack um: Sushis, kleine Quiches, Törtchen nach Nouvelle-Cuisine-Rezept.

Der Traiteur warf einen fragenden Blick auf Vincents Sekretärin. Joëlle, fünfzig Jahre alt, das halblange blonde Haar mit rötlichen Strähnen verziert, verzog nur resigniert das Gesicht. Sie war zwar die ihrem Chef treu ergebene Sekretärin, aber nicht die künftige Ehefrau … Dass ihr Chef heiratete, fand sie unerträglich, und für seine lakonischen Antworten konnte sie nichts. Außerdem taten ihr die neuen Schuhe furchtbar weh, von dem engen BH, in den sie ihre füllige Brust gequetscht hatte, ganz zu schweigen. Sie quoll förmlich über, aber das schien dem Händler zu gefallen, der vor ihr stand und in ihren Ausschnitt schielte.

Joëlle stieß einen tiefen Seufzer aus, während Vincent erneut versuchte, Laura auf ihrem Handy zu erreichen. Dann musterte sie den Händler, der wie ein Jagdhund auf den Befehl seines Herrchens wartete, um dem Wild nachzujagen. Unter den Achseln seines kurzärmeligen kanariengelben Hemdes hatten sich dicke Schweißringe gebildet, und seine königsblaue Krawatte baumelte jämmerlich über seine schmächtige Brust. Schon wieder so ein Unbehaarter, dabei mochte sie Männer lieber mit einem dichten Pelz auf der Brust, vor allem bei der Liebe. Es war sicher drei Monate her, dass sie mit jemandem geschlafen hatte. Sie sah den Händler plötzlich mit anderen Augen an.

»Und die Blumen?«, fragte sie mit ihrem unvergleichlichen nizzaischem Akzent. »Sie bringen sie hoffentlich erst am späten Nachmittag, sonst sind sie alle verwelkt.«

»Natürlich, keine Sorge! Sie sind ganz frisch … Die Rosen stellen wir sowieso immer im letzten Moment hin. Sie sollen rot sein, oder?«

Joëlle zog eine Augenbraue hoch.

»Rot?«, fragte sie Vincent, der Laura immer noch nicht erreichen konnte.

»Ja, rot«, erwiderte Vincent verärgert.

»Aber für Hochzeiten ist Rot nicht so ganz passend …«

»Aber das ist doch die Farbe der Liebe!«

Joëlle verkniff sich die abfällige Bemerkung, die ihr auf der Zunge lag.

»Jetzt gibt es noch einen letzten Punkt zu klären«, sagte der Traiteur vorsichtig. »Wie sieht es mit der Zahl der Gäste aus? Immerhin ist die Hochzeit in acht Tagen. Sollen wir die Familie Ihrer Frau nun mitrechnen oder nicht? Wenn ja, wie viele werden es sein?«

Jäh wurden die Fragen des Händlers durch ein Piepen des Handys unterbrochen. Vincent lächelte beruhigt, sein Gesicht hellte sich auf, als er jetzt die Nachricht las. Joëlle zitterte: Er sah so gut aus, so verliebt … Vincent steckte das Handy ein, griff hastig nach seinem zerknitterten Leinenjackett und ging zur Tür.

»Bitte regeln Sie den Rest mit meiner Sekretärin. Sie ist über all diese Fragen bestens informiert … Entschuldigen Sie mich bitte, ich bin schon zu spät dran, ich habe einen Termin mit einem Kunden.«

»Was für einen Termin? Sie haben doch heute Nachmittag gar keinen …«

Eine sinnlose Frage, denn er hatte bereits die Tür des Büros zugeschlagen. Und Joëlle wusste natürlich, dass die glückliche Auserwählte in der Nähe sein musste.

»Schon drei Jahre geht diese Geheimniskrämerei. Und ich hatte noch nie die Ehre, seiner Zukünftigen vorgestellt zu werden! Dabei arbeiten wir eng zusammen, fünf Tage pro Woche, mehr als acht Stunden täglich, manchmal sogar am Wochenende. Wirklich seltsam. Mein Gott, die Männer sind vielleicht geheimnisvoll … Sie zum Beispiel«, meinte sie und sah dem Traiteur in die Augen, »bei Ihnen kann man unmöglich sagen, ob Sie verheiratet sind oder nicht …«

Der Mann entblößte die Zähne zu einem Lächeln, das etwas Raubtierhaftes haben sollte. Offenbar war er ein guter, leicht zu habender Liebhaber.

Vincent parkte sein Auto neben dem von Laura. Endlich war sie angekommen. Im Vorbeigehen warf er einen Blick auf das Schwimmbecken, aber sie war nicht darin, um sich abzukühlen. Er stürmte ins Haus und rief nach seiner Verlobten.

Das Wohnzimmer war leer, doch die Schlafzimmertür stand weit offen, und er wusste sofort, dass sie in diesem durch die geschlossenen Läden abgedunkelten Zimmer sein musste. Selbst wenn er ihren Wagen nicht im Garten gesehen hätte, hätte er ihre Gegenwart gespürt. Laura war für ihn ein unerklärliches Wunder. Er warf sein Jackett auf das Sofa und schlich auf Zehenspitzen ins Zimmer. Sie lag auf dem Bett, blass unter dem dichten braunen Haar, ein zarter Körper, der wie von Licht durchdrungen schien. Sie hatte ihn nicht kommen hören, und so genoss er ihren Anblick für einen stillen Moment. Schließlich öffnete sie die schiefergrauen Augen.

»Herzlichen Glückwunsch, meine Liebste!«

Er schmiegte sich eng an sie und legte den Kopf an ihren Hals. Sie nahm kein Parfum, aber er liebte diesen undefinierbaren Geruch nach Heu, der von ihr ausging, als sei sie immer ein Mädchen aus der Provinz geblieben. Sanft zog sie ihm das Hemd aus und schob seine Hose nach unten.

In dem »Glashaus«, wie alle in Nizza es nannten, stand Viviane hinter Max und beobachtete ihn schweigend. Er ist wie ein abgestorbener Baum, dachte sie, während er vor dem Spiegel stand und mit seinen Manschettenknöpfen kämpfte. Er sah sehr gut aus, und doch wirkte er leblos. Viviane dachte an all die Jahre, die sie mit ihm verbracht hatte, auch an den Sohn, den sie ihm geschenkt hatte. Ihr Verhältnis blieb kühl, obwohl sie sich so sehr bemüht hatte, seine Liebe zu gewinnen. Ihr verdankte er alles, was er heute war: Max Fontane, ein bekannter Architekt und Immobilienentwickler, dem die Bankiers zu Füßen lagen. Er hatte ihr Luxus und ein sorgloses Leben geschenkt, sie aber nie geheiratet. Viviane machte sich keine Hoffnungen mehr. Sie hatte einen Liebhaber gefunden. Mit ihren fünfzig Jahren, ihrem blonden Haar und ihrem reifen, vollkommenen Körper konnte sie die Männer noch immer in Erregung versetzen. Max wusste Bescheid, sie wusste, dass er es wusste, aber das Schlimmste war, dass er sich über sie lustig zu machen schien: Viviane war so frei, dass es ihr nicht gelang, ihn zu verlassen. Wenn sie die Dinge so nüchtern betrachtete, befiel sie ein erschreckender Zynismus. Inmitten dieses ganzen Schlamassels war sie zu allem bereit, um ihrem Sohn eine gute Zukunft zu sichern. Matthieu war der einzige Grund, noch zu kämpfen, auch was Max Fontane anging.

»Diese Scheiß-Manschettenknöpfe! Kannst du mir bitte helfen?«

»Seit dreißig Jahren tue ich nichts anderes«, seufzte Viviane.

Sie ergriff eines seiner Handgelenke wie eine Mutter, die es eilig hat. Er war noch etwas nervöser als sonst.

»Laura hat auf keine meiner Nachrichten geantwortet. Ich begreife nicht, wo sie bleibt. Eigentlich müsste sie schon längst da sein. Hoffentlich ist ihr nichts passiert.«

»Mach dir keine Sorgen. Sie wird sicher gleich kommen …«

»Verdammte Scheiße, an ihrem Geburtstag könnte sie ein bisschen Rücksicht nehmen!«

»Sag doch nicht in jedem zweiten Satz Scheiße! Matthieus Geburtstag war dir schließlich völlig gleichgültig.«

»Und daran wird sich auch nichts ändern. Dein Sohn ist ein Taugenichts, der mich dreißig Jahre ausgenutzt hat.«

Ein bitterer Zug erschien um Vivianes Mund.

»Er ist auch dein Sohn. Allerdings habe ich schon seit Langem begriffen, dass Max Fontane niemanden liebt.«

Max zog ungerührt sein Handgelenk zurück und prüfte nach, ob die Knöpfe auch richtig saßen.

»Matthieu hat mich enttäuscht, und ich kann ihm nur schwer vergeben. Bei Laura weißt du genau, wovor ich Angst habe. Ihre Mutter hat es nicht überlebt. Und in drei Wochen ist der 21. August.«

»Max, du gehst mir auf die Nerven mit deiner zwanghaften Idee von einem Fluch. Es wird immer grotesker!«

Viviane war schon an der Tür. Eine Viertelsekunde zögerte sie an der Schwelle und ging dann hinaus, ohne sich umzudrehen. Max stand schon wieder vor dem Spiegel und betrachtete sich …

Laura ließ die Augen offen. Sie glaubte, jeden Teil von Vincents Körper mit allen Sinnen zu spüren, während er in ihren Armen lag und schlief. Die Männer, die sie vor ihm kennengelernt hatte, hatten sie nie wirklich berührt. Sie hatte ihnen auch nie vertraut und sich ihnen nie ganz hingeben können, und was die Einfühlsamen unter ihnen für Scham gehalten hatten und die Abgebrühteren für Frigidität, war in Wahrheit nichts als ein abgrundtiefer Schmerz, weil sie ihnen keine Liebe schenken konnte. Sie hatten ihr nichts bedeutet, doch als sie Vincent begegnete, wurde alles anders. Dabei hatte der junge Anwalt eine endlose Geduld aufbringen müssen, bis sie zuließ, dass er seine Hände auf ihren Bauch, ihren Hintern, ihr Geschlecht legen durfte. Laura hatte früher als er gewusst, dass sie zusammenleben würden, aber sie brauchte etwas Zeit, ehe sie sich ihm ganz hingeben konnte. Das war der einzige Weg, damit das, was sich zwischen ihnen entwickelte und wovon er noch nichts ahnte, nicht beschädigt wurde. Nach und nach wich die Verwirrung der Gewissheit: Sie waren füreinander geschaffen.

Laura drehte den Kopf zur Seite. Heute Abend würde sie ihre Familie sehen, vor allem ihren Vater. Bestimmt hatte er zu ihrem Geburtstag ein paar Gäste eingeladen, es waren immer dieselben. Natürlich Viviane und Franck Duval, Politiker und seit ewigen Zeiten Berater und Freund der Familie, Ludmilla, die Schwester ihrer Mutter, Agnès, ihre Freundin aus Kindertagen, die sie seit einem Jahr nicht mehr gesehen hatte, und ihren Bruder, Matthieu, das Enfant terrible der Familie. Sie liebte ihren Vater, doch sie fürchtete sich vor dem angstvollen Ausdruck in seinem Gesicht. Denn jetzt wurde sie dreiunddreißig und erreichte damit das Alter, in dem ihre Mutter und zwei ihrer weiblichen Vorfahren an einem 21. August umgekommen waren. Das konnte ihr Vater nicht vergessen haben, und sicher erfüllte ihn panische Furcht.

Vincent schreckte auf, als das Telefon klingelte. Das Gespräch war sehr kurz, und nachdem Vincent aufgelegt hatte, erhob er sich eilig.

»Der Pinienwald auf dem Montmaure steht in Flammen. Die Feuerwehrleute sind noch mit dem Löschen beschäftigt, aber sie wollen, dass ich komme und den Schaden begutachte …«

»Was hast du denn damit zu tun?«

»Das erkläre ich dir später. Ein Verein, der die Küstenlandschaft schützen will. Deine Tante, die göttliche Ludmilla, gehört auch dazu. Ich muss los.«

Vincent warf Laura einen Kuss zu und sah, während er sich anzog, auf die Uhr.

»Du solltest dich auch auf den Weg machen. Sonst beschwertsich dein Vater, weil du ihm nicht rechtzeitig sagst, dass du am Samstag den Neffen seines größten Feindes heiratest …«

»Wie spät ist es?«

»Halb acht, meine Liebste …«

Laura wurde blass, sprang aus dem Bett und lief ins Badezimmer. Sie hatte vergessen, wie sehr das südliche Licht ihr Zeitgefühl durcheinanderbrachte. Vincent war schon fertig und hörte sie rufen:

»Ich sage es ihm lieber erst morgen. Stört dich das?«

»Ich heirate doch nicht deinen Vater. Für mich zählt nur, dass du am Samstag im Rathaus bist, in deinem Hochzeitskleid. Dein Vater ist mir egal.«

»Ich liebe dich!«

Laura fuhr langsam, sehr zum Ärger der eiligen Autofahrer, die sie vergeblich zu überholen suchten, um schnell nach Saint-Tropez zu kommen. Die Kurven auf dieser Strecke waren ziemlich gefährlich. Plötzlich bemerkte sie am Boden vor dem Beifahrersitz einen Farbfleck. Als sie genauer hinsah, stellte sie fest, dass es sich um eine Spielkarte handelte, die mit der Vorderseite nach unten lag und sich im Fahrtwind bewegt hatte. Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder der Straße zu. Jetzt näherte sie sich der Haarnadelkurve, die ihr Leben für immer geprägt hatte, denn hier war ihre Mutter Luisa in ihrem Auto verbrannt. Nur das alte Kreuz in der Kurve erinnerte an dieses Drama. Obwohl Laura konzentriert auf die Straße blickte, bemerkte sie den frischen Blumenstrauß, den jemand unter dem Kreuz abgelegt hatte. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Max oder Ludmilla das Steinkreuz, das seit Urzeiten hier stand, mit Blumen geschmückt hatten. Ein Windstoß drang in das Auto, und Laura fühlte sich besser. Sie bemerkte nicht, wie sich die Karte zu ihren Füßen durch den Luftzug umdrehte. Es war eine Karte aus dem Marseiller Tarot, die erste aus dem Kreis der höheren Geheimnisse: Der Magier, Blatt Nr. I. Im selben Moment wurde ihr bewusst, dass sie nicht auf dem Weg zum Haus ihres Vaters war. Wie unter Hypnose war sie die Strecke gefahren, die zum Geburtshaus ihrer Mutter führte, dem großen Landhaus, in dem sie seit Jahren nicht mehr gewesen war. Zwar hatte sie es geerbt, aber dort wohnte immer noch Tante Ludmilla und verwaltete den Besitz ihrer Nichte. Irgendetwas trieb Laura zurück in die Vergangenheit. Doch ihr blieb keine andere Wahl als umzukehren, wenn sie nicht zu spät zu ihrer Geburtstagsfeier kommen wollte.

Eine halbe Stunde später schritt Laura zu Fuß die Allee entlang, die zum Glashaus führte, dem von jahrhundertealten Zypressen umstandenen Wohnsitz ihres Vaters. Sie wollte sich Zeit nehmen und den Weg entlang der Mimosen, Tamarisken und Lorbeerbäume genießen. Ein wahres Paradies mit Blick auf das Meer. Sie erinnerte sich an die Spiele ihrer Kindheit und die geheimen Gespräche mit den Toten. Die schweren Düfte des Parks überwältigten sie wie der Lärm der Grillen vor Einbruch der Nacht. Sie musste an diese Augenblicke vor Sonnenuntergang denken. Überall in diesem Park lauerten die Erinnerungen an ihre Kindheit. Sie dachte daran, wie sie die untergehende Sonne angestarrt hatte, bis sie gar nichts mehr sehen konnte und in ihren Augen unzählige weiße Punkte brannten. Wie oft hatte Viviane sie in solchen Momenten gefunden, von Schluchzen geschüttelt, unter einem Baum liegend, voller Angst, im Dunkeln zum Haus zurückzugehen? Viviane hatte vieles verstanden, aber sie konnte nicht ermessen, wie groß ihre Angst in diesen Augenblicken war … Eine andere Erinnerung kehrte zurück, an Max, ihren Vater, wie er sich das Lachen verbiss und mit riesigen Schritten gleich einem Ungeheuer umhertappte, wenn sie sich unter den riesigen Kakteen versteckte. Ihr Vater war ein hungriger Wolf, der frisches Fleisch suchte und sie mit Haut und Haar verschlingen würde, wenn er sie fand … Selbst wenn Laura die Augen schloss, konnte sie noch die schreckliche Grimasse sehen: ein wildes Tier, das seine Lefzen leckte. Dann presste Laura die Fäuste gegen die Ohren. Das Licht über den Bäumen schwand, und es zeigten sich bedrohliche Schatten. Plötzlich brach die Nacht über das von Angst gepeinigte Mädchen herein …

Warum hatten sich die glücklichen Momente ihrer Kindheit so oft in Schreckensvisionen verwandelt? Das Gefühl vernichteten, mit Füßen getretenen, verlorenen Glücks ließ sie manchmal in Tränen ausbrechen, manchmal trotzig die Zähne zusammenbeißen. Damals hatte sie dieses legitime Glück eingefordert, das ihr als Kind zustand. Jetzt, als Erwachsene, würde sie darum kämpfen – wenn nötig, gegen die ganze Welt. Das hatte sie sich geschworen, damit die Geister der Vergangenheit sich ihrer nicht mehr bemächtigen konnten. Vincent gab ihr die Kraft dazu, und selbst wenn es die Kraft der Verzweiflung war, die in ihr wuchs und Besitz von ihr ergriff. Sie war kein ängstliches Kind mehr.

Dann hörte sie die Stimmen, so als wollten sie sie auf die Probe stellen. »Laura! Laura!« Stimmen von jenseits des Grabes. Die Erde hier war immer noch voller Toter. Sie hörte sogar Kinderlachen. Vielleicht ihre Kinder … Plötzlich tauchte eine Gestalt auf, wie aus einem imaginären Grab entstiegen, und blieb ein paar Meter vor ihr stehen. Im Gegenlicht konnte Laura ihre Züge nicht erkennen, aber sie sah, wie sie von einem stillen bösen Lachen geschüttelt wurde. An einem Arm ließ sie lässig einen Gegenstand baumeln. Plötzlich ertönte ein gellendes Gelächter, es war die Stimme eines Greises. Sein weit aufgerissener Mund erinnerte an den eines Toten. Er lachte und lachte. Da erkannte sie ihn. Das war der Soldat aus ihren Kindheitsvisionen, den sie so oft gemalt hatte und der zwanzig Jahre später immer noch den nicht erkennbaren Gegenstand in der Hand hielt. Es ging wieder los! Doch diesmal wollte Laura nicht fliehen. War sie nicht wiedergekommen, um den Ungeheuern der Vergangenheit gegenüberzutreten und diesen Albträumen ein Ende zu bereiten? Eine innere Stimme sagte ihr, dass dies jetzt geschehen würde – aber sie wusste nicht genau, wann und wie …

Jemand rüttelte an ihr, sie öffnete die Augen. Besorgt legte Ludmilla die Hände um ihre Schultern …

»Laura, was ist denn los? Du hast mich ja gar nicht gehört. Ich habe dich schon eine ganze Weile gerufen.«

Ludmilla, die die Erinnerung an ihre Mutter bewahrte, die immer wieder Licht in ihre furchtbare Kindheit gebracht hatte, drückte sie an sich. Doch Laura konnte ihr nicht sagen, wie froh sie darüber war, sie hier zu sehen, jetzt in diesem Augenblick.

»Entschuldige, der Wind war so laut.«

»Welcher Wind? Es weht doch kein Lüftchen. Ich würde mir welchen wünschen. Aber heute ist es besser so … sonst hätte der Wind das Feuer vom Montmaure noch bis in die Stadt getragen.«

Ludmilla nahm Lauras Reisetasche, die diese hatte fallen lassen, und zog ihre Nichte mit sich fort.

»Sag mir lieber, wie er heißt.«

»Wer?«

»Der Junge, an den du denkst. Also, wie heißt er?«

Laura liebte Ludmilla wegen ihres Scharfsinns, ihres Humors, ihrer Liebesfähigkeit und Lebensklugheit. Trotz ihrer siebenundfünfzig Jahre verleugnete ihre Tante ihre Lust auf Männer nicht. Sie sah hervorragend aus, hatte dunkles Haar, helle Augen, eine zarte Taille und war mittelgroß. Ihre Schönheit wirkte weniger zerbrechlich als die ihrer Schwester Luisa, von der auch Laura etwas hatte. Ludmilla bohrte weiter:

»Gib zu, dass du verliebt bist!«

»Und wie geht es dir? Machst du immer noch deine Analyse?«

Ludmilla lächelte.

»Ja, und meiner Libido geht es immer besser. Übrigens hast du völlig recht, meine Liebe: Stell mir den glücklichen Auserwählten lieber nicht vor. Ich würde ihm sonst meine Sammlung indischer Grafiken zeigen, du weißt schon, welche …«

»Pornozeichnungen, was sonst?«

Ludmilla kniff lustvoll die Augen zusammen.

»Meine Liebe, Sex ist eine Kunst, die ihre Vollendung im Alter erreicht! In ein paar Jahren wirst du das ebenfalls merken.«

Laura unterbrach sie. Sie kannte das Geschwätz ihrer Tante in- und auswendig.

»Und der heutige Abend, was hältst du davon?«

»Also, dein Vater ist außer sich, du kannst dir ja denken, warum …«

Ludmilla beließ es bei dieser Andeutung.

»Viviane hat natürlich wieder den Politiker eingeladen. Es ist keine Familienfeier, sondern ein offizielles Abendessen.«

»Franck ist auch ein Freund der Familie.«

»Franck soll ein Freund der Familie sein? Franck ist niemandes Freund. Er ist Politiker, meine Liebe!«

Das Geräusch eines Wagens unterbrach Ludmilla. Das Auto hielt direkt neben ihnen. Agnès sprang heraus, freudig und aufgeregt wie ein Mädchen.

»Laura, die verlorene Tochter ist wieder da!«

Laura lachte, und als Agnès sie an sich drückte, vergaß sie ihre albtraumhafte Vision. Das Leben hatte sie wieder.

»Guten Tag, Agnès!«

»Guten Tag, Ludmilla.«

Der Ton war distanziert. Laura verdrehte die Augen. Sie ahnte schon, was folgen würde.

»Ich habe gehört, du bist Polizistin geworden«, bemerkte Ludmilla mit leichter Herablassung.

»Kommissarin«, antwortete Agnès stolz.

Dann lächelte sie Laura an:

»Während ich hinter den Übeltätern herlaufe, um sie ins Gefängnis zu bringen, tut meine beste Freundin alles, um sie wieder herauszuholen. Das ist doch lustig, oder?«

»Im Grunde seid ihr immer noch zwei Mädchen, die Räuber und Gendarm spielen. Wann werdet ihr mal erwachsen?«

Unter Agnès’ durchdringendem Blick wandte Ludmilla sich um und ging.

»Ich muss reingehen, sonst ist Viviane den ganzen Abend beleidigt. Sie hasst es, wenn Leute zu spät kommen. Neureiche sind sehr pingelig.«

»Ich habe sie ja eine Weile nicht gesehen«, sagte Agnès zu Laura, »aber sie ist immer noch genauso …«

Sie warf einen Blick auf Ludmilla, die sich in dem wehenden ärmellosen Kleid und der engen Corsage entfernte.

»… sexy. Wenn das in der Familie liegt, hast du noch schöne Zeiten vor dir, meine Süße.«

Es war, als legte sich plötzlich ein Schatten über Laura.

»Wenn ich nicht vorher sterbe. Auch das liegt in der Familie.«

Max Fontane stand kerzengerade und steif in seinem Smoking vor dem Fernseher, fasziniert von den Bildern des Waldbrands auf dem Montmaure, der von einem Hubschrauber aus gefilmt wurde. Viviane, im langen Kleid und mit einem Glas in der Hand, blickte ebenfalls auf den Bildschirm. Die Kommentare enthielten keinerlei Hinweise auf die Ursache des Brandes. Franck Duval stand etwas abseits und sah Viviane unverwandt an. Offenbar spürte sie seinen Blick, denn sie wandte sich um. Alle schwiegen, doch ihre Anspannung war deutlich spürbar. Franck senkte den Blick, um Viviane zu beruhigen, die ihn mit einem verstohlenen Lächeln bedachte. Man konnte den fünfundfünfzigjährigen, weißhaarigen Franck Duval durchaus der Kategorie gut aussehender Männer zuordnen. Er besaß eine diskrete Eleganz und die Autorität eines guten Strategen an der Grenze zur Überheblichkeit. Wenn man jedoch sein gepflegtes Gesicht aus der Nähe betrachtete, bemerkte man eine gewisse Schlaffheit um den Mund und ein fliehendes Kinn. Dies konnte auf eine gewisse Feigheit hindeuten …

Max schaltete den Fernseher ab.

»Heute ist der Geburtstag meiner Tochter. Aber wenn man euch anschaut, mein Gott, dann hat man den Eindruck, dass ihr noch nie einen brennenden Pinienwald gesehen habt!«

Viviane seufzte und gab sich Mühe, dem Blick von Franck auszuweichen. Er schwitzte ungewöhnlich stark.

Da erschien Ludmilla auf der Türschwelle.

»Guten Abend zusammen, Laura ist da!«

Ein junger Mann, der am Fenster stand, blickte sich um. Ludmilla sah, wie er auf sie zukam, und musterte ihn gelassen vom Scheitel bis zur Sohle. Sie stellte fest, dass er sich mit der Leichtigkeit einer jungen Wildkatze bewegte. Interessant, aber wohl erst fünfundzwanzig. Ludmilla mochte keine grünen Jungs.

Der Junge reichte ihr mit einem betörenden Lächeln die Hand. Sein Händedruck war fest.

»Freut mich, Sie zu sehen. Sie scheinen mich nicht zu erkennen.«

»Aber natürlich, Antoine, Antoine Duval! Als ich dich zuletzt gesehen habe, spieltest du in kurzen Hosen im Park mit Matthieu Ball. Sag bloß, du bist ja ein richtiger Mann geworden! Und wie geht es deiner Mutter?«

Antoine lächelte. Er wollte nicht, dass sie ihn als arroganten jungen Schnösel abtat. Die Alte war noch ganz schön scharf …

»Meiner Mutter geht es gut. Vermutlich macht sie gerade irgendwo in der Schweiz eine Entziehungskur. Ich habe sie eine ganze Weile nicht gesehen … Aber stellt man einem Mann solche Fragen?«

Franck trat dazwischen. Sobald die Rede auf seine Ex-Frau kam, überlief ihn kalter Schweiß. Seine Ehe war ein Fiasko gewesen. Damals war er ein aufsteigender junger Politiker gewesen, und Antoines Mutter erschien ihm als eine gute Partie. Aber bald war er enttäuscht worden. Sobald die Ehe vollzogen war, ließ das junge Mädchen aus guter Familie ihre Maske fallen. Sie hatte ihn nur geheiratet, um ihre strengen, geizigen Eltern zu verlassen. Bald waren die Zeitungen voll von ihren Ausschweifungen in allen Nachtclubs der Stadt. Selbst das Geld ihres Vaters reichte nicht mehr, um die vielen Exzesse zu bezahlen. Franck war in einer schwierigen Lage, aber er hielt durch, seines Images wegen. Diese Frau hatte es geschafft, ihn zum Märtyrer zu stempeln. Und das war gut für seine Karriere als Politiker. Je mehr man ihn hinter seinem Rücken bedauerte und über ihn tuschelte, desto öfter ließ sich Franck sonntags in der Kirche seines Wahlkreises blicken. Er verdankte seinen Sitz im Conseil général dem Mitleid der Wähler aus den bürgerlichen Schichten des Kantons. Bald darauf folgte seine Scheidung und damit sein Triumph als Politiker: Der Alkoholismus seiner Frau, ihre zahlreichen Liebhaber, alles, was Franck klaglos erduldet hatte, wurde jetzt der Presse zum Fraß vorgeworfen. Auf Zeitungsfotos sah man Franck beim Verlassen des Justizgebäudes: ein würdiger Vater, der den kleinen Antoine vor den Blitzlichtgewittern schützte. Böse Zungen behaupteten, Antoine sei der Sohn eines flüchtigen Liebhabers seiner Frau. Duval zweifelte nicht daran, aber er brauchte einen Sohn, und Antoine war der Einzige, der für diese Rolle zur Verfügung stand.

Franck war ein ausgemachter Zyniker, was er aber niemals zugegeben hätte. Das hatte ihn vermutlich Viviane nähergebracht und endgültig seinem Sohn entfremdet.

»Antoine kommt gerade aus Japan, wo er zwei Jahre verbracht hat.«

»Vier Jahre, Papa, vier!«

Ludmilla brach in ein glockenhelles Gelächter aus, das klang, als fielen die Perlen ihrer Kette auf den Boden … Nie war sie schöner, als wenn sie spürte, dass ein Mann sie begehrte.

»Weißt du, Franck, vor lauter Politik verlierst du noch dein Zeitgefühl. Zum Glück gibt es noch deinen Sohn … Kannst du mir bitte einen Whisky bringen, mit Eis?«

Franck nickte und ging. Ludmilla sah Antoine an, überrascht von der Reife und Selbstsicherheit des Jungen.

»Vier Jahre in Japan! Da wird dir ja kaum etwas von der japanischen Kultur verborgen geblieben sein.«

»Das kann man so sagen. Die Feinheiten von Säbel und Chrysantheme sind mir mittlerweile vertraut.«

»Und was bedeuten sie?«

»Ehre und Schönheit.«

»Faszinierend.«

Laura hatte sich wie eine Einbrecherin in das Glashaus gestohlen und war auf ihr Zimmer gegangen. Nun zog sie ein schlichtes langes Kleid an, das ihr hervorragend stand. Ihr braunes Haar steckte sie zu einem Knoten fest. Durch das offene Fenster sah sie, wie die Sonne unterging. So war es immer, wenn sie wieder diesen Ort betrat. Ein paar Sekunden lang wollte sie noch den Frieden genießen, der über dem Garten lag.

Die Erscheinung im Park hatte die Urangst ihrer Kindheit wieder lebendig werden lassen. Warum kehrte sie jetzt zurück? Gab es einen Zusammenhang zwischen ihr und dem angeblichen Fluch?

Laura ging an ihren Schreibtisch und zog die Mappe mit ihren Kinderzeichnungen aus einer Schublade. Sie blätterte sie durch und suchte nach dem Bild des Soldaten. Dabei stieß sie auf eine Zeichnung, die eine weiße Karnevalsmaske mit bedrohlichen schwarzen Augenhöhlen zeigte. Zitternd blätterte sie weiter um und betrachtete das nächste Bild: das blutige Gesicht einer Frau, fast eines Kindes, in einem Renaissance-Kleid mit gebauschten Ärmeln. Sie dachte an den Psychiater, der die Gestalt für ein Produkt ihrer Phantasie gehalten hatte. Immer schneller glitten die Zeichnungen mit den gleichen Themen durch Lauras Finger. Plötzlich hielt sie inne: Das war die Gestalt, die sie im Park erblickt hatte, der »Soldat«, im Halbprofil, unbeholfen gezeichnet, aber klar erkennbar, vor allem an dem ausgestreckten Arm, der etwas hielt, das Laura damals nicht hatte darstellen können. Was wollte ihr dieser Mann zeigen? Noch immer war es ein Geheimnis.

Sie beschloss, endlich zu den anderen nach unten zu gehen, die mit ihr Geburtstag feiern wollten. Sie schlug die Tür hinter sich zu und sah nicht mehr, wie der Luftzug die Zeichnungen bewegte, die sie auf dem Tisch hatte liegen lassen. Das Blatt mit dem blutigen Gesicht der Kindfrau im Renaissance-Gewand flatterte zu Boden …

Agnès stellte Matthieu zur Rede, der gerade eingetroffen war. Sie tuschelten auf den untersten Treppenstufen. Agnès war in Matthieu verliebt, doch er hatte seit Tagen nichts von sich hören lassen. Jedes Mal wenn sie sich dazu durchrang, mit ihm Schluss zu machen, schaffte er es, sie wieder umzustimmen, mit einem Kuss, einem Lächeln, einer Zärtlichkeit. So ging das nun schon seit drei Jahren. Sein Anblick löste bei ihr immer noch das Gefühl eines angenehmen Schocks im Unterleib aus, eine unwiderstehliche Lust, mit ihm zu schlafen, trotz der Wut, die sie auf ihn hatte. Was hatte er in den letzten drei Tagen gemacht?

»Ist ja gut, ich war in Italien, mit dem Dekorateur des Kasinos, um Kronleuchter auszusuchen. Ich konnte dich nicht anrufen.«

»Kasino, Kasino, du redest von nichts anderem mehr. Darf ich dich daran erinnern, dass ›Kasino‹ nur ein paar Kilometer von hier, nämlich in Italien, Bordell bedeutet?«

»Macht dich das nervös? Umso besser, das steigert die Lust.«

»Oder tötet sie.«

»Eine Verlobte bei den Bullen und eine Schwester, die Anwältin ist. Ich muss in einem früheren Leben Schlimmes angerichtet haben, dass ich ein solches Karma habe …«

»Du brauchst nicht von einem früheren Leben zu reden, dein jetziges ist eine einzige Scheiße. Wie dem auch sei, beim Essen darfst du mit mir füßeln. Du bist doch eingeladen, oder?«

Matthieu verzog das Gesicht wie ein schmollendes Kind.

»Laura hat mich eingeladen, mein Vater nicht. Wir werden ja sehen …«

Doch Agnès hatte sich bereits entfernt. Matthieu schüttelte sein halblanges braunes Haar. Er mochte es so, denn es gefiel den Mädchen und ärgerte seinen Vater. Er reckte seinen athletischen Körper. Damit konnte er die Frauen beeindrucken, und das wusste er.

Gähnend setzte er eine Ray-Ban-Brille auf und ging lässig zu der Tür aus Rauchglas, in der er und der Park sich spiegelten wie ein Traumbild. Da tauchte im Spiegel das Bild seiner Schwester auf und legte sich über das seine wie ein Gespenst. Er wich zurück. Laura blickte ihn durch die Glastür an.

»Matthieu! Wie siehst du denn aus? Mafioso oder Gigolo?«

»Warum nicht beides? Wenn man im Bordell arbeitet, macht sich das gut, oder?«

Matthieu zog seine Schwester an sich, um sie zu küssen.

Der Blutfleck auf der Zeichnung und auf dem Gesicht der Kindfrau im Renaissance-Gewand wurde immer größer. Das Porträt schien über das neckische Spiel des Windes zu lachen, während es vom Luftstrom unter der Tür hindurch zur Flurtreppe getragen wurde. Wie von Geisterhand bewegt, glitt das Papier dahin, bog sich, sodass sich das Gesicht verformte, wirbelte auf und erreichte den Treppenabsatz, wo es liegen blieb. Es war, als hole Luisa, die Frau aus den Albträumen der kleinen Laura, tief Luft, um in das Licht des Eingangs eintauchen zu können.

Matthieu war in der Halle zurückgeblieben. Laura hatte die anderen begrüßt und den Umschlag geöffnet, den ihr Vater ihr gereicht hatte. Darin war ihr Geschenk. Sie spürte Max’ Blick auf sich, wagte ihn aber nicht anzusehen. Aus dem Umschlag zog sie ein Faltblatt über eine griechische Insel und ein Flugzeugticket.

»Einen Monat Traumurlaub in Griechenland. Ich weiß, wie sehr dich dieses Land begeistert!«

Laura öffnete den Mund, aber Max fuhr fort:

»Ich weiß, was du empfindest. Du bist eine wundervolle junge Frau geworden und so unabhängig wie alle Frauen deiner Generation. Es ist also normal, dass du dich von deiner Familie entfernst. Das glaube ich jedenfalls … Außerdem bist du Anwältin in Paris. Der Gerechtigkeit und Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen ist sicher einer der schönsten Berufe dieser Welt. Aber es ist natürlich sehr anstrengend, wie ja auch das Leben in Paris. Deshalb habe ich mir gedacht, du brauchst sicher Erholung … und wir auch. Ein Aufenthalt mit der Familie auf einer Insel wird dir bestimmt gefallen. Wir fahren in einer Woche.«

Matthieu stand immer noch in der großen Eingangshalle und sah und hörte, was geschah, ohne dass ihn jemand bemerkte. All das ermutigte ihn nicht sonderlich, die Tür aufzustoßen … Als er dann doch hineingehen wollte, ließ ihn ein Geräusch im Treppenhaus innehalten. Das Bild von Luisa mit dem blutigen Gesicht, gemalt von ihrer kleinen Tochter, glitt langsam die Stufen herunter. Vor seinen Füßen blieb das Blatt mit der weißen Seite nach oben liegen. Matthieu hob es auf und drehte es um. Er fand das Bild scheußlich und legte es mit einem leichten Schauder auf eine Konsole. Dann fasste er sich ein Herz und trat ein, mit einem breiten Lächeln, die Arme ausgebreitet: »Seid mir gegrüßt, wie schön euch zu sehen.« Wie zu erwarten war, wurde sein Auftritt als Spaßmacher ein völliger Reinfall. Viviane freute sich natürlich, ihren Sprössling zu sehen. Ein zärtlicher Ausdruck huschte über ihr Gesicht, aber als sie zu Max hinübersah, der plötzlich in sich zusammengesackt war, erschrak sie. Wieder erinnerte er sie an einen abgestorbenen Baum. Wortlos starrte er seinen Sohn an.

»Darf ich?«, fragte Matthieu.

»Nein.«

Die Antwort war klar und eindeutig. Viviane taumelte, Laura sah zu ihrem Vater auf.

»Warum? Fährt er nicht mit nach Griechenland?«, fragte sie.

»Nein. Und er weiß außerdem sehr gut, dass wir eine Abmachung haben. Er hat dieses Haus nicht zu betreten, solange ich da bin.«

»Max, ich bitte dich«, flehte Viviane.

Laura unterbrach sie mit einer Handbewegung.

»Lass mich ausreden, Viviane, bitte.«

Max blickte seine Tochter durchdringend an. In diesem Moment hatte sie fast Angst vor ihm, als sei er wieder in die Rolle des bösen Wolfs geschlüpft.

»Ich habe Matthieu eingeladen. Es ist mein Geburtstag.«

»Matthieu weiß genau, weshalb er hier unerwünscht ist.«

»Ich weiß es nicht, und es ist mir auch egal.«

»Hat man dir nicht gesagt, dass dein Bruder für Fred Bellair arbeitet?«

»Sei doch froh, dass Matthieu eine Stelle gefunden hat. Lange genug hast du ihm vorgeworfen, dass er zu nichts gut ist!«

»PR-Arbeit für das Kasino von Bellair! Nennst du das eine Stelle?«

»Das ist auch nicht anders, als Leute zu verteidigen oder an der Küste Betonkästen zu bauen, selbst wenn sie verglast sind!«

Matthieu machte eine müde Handbewegung:

»Lass gut sein, Laura. Ich gehe schon …«

»Nein, du bleibst da, sonst gehe ich auch.«

Laura warf einen Blick zum Tisch. Alle wirkten wie versteinert, sogar Ludmilla, die mit offenem Mund dastand. Schließlich kam Bewegung in sie.

»Das ist alles sehr peinlich. Ich …«

»Vielleicht, aber das ist mein Haus, und hier habe ich das Sagen«, unterbrach Max sie. »Man nennt das Privatheit. Leider haben die Revolutionäre von 1789 versucht, dieses Wort aus dem Lexikon zu verbannen.«

Plötzlich erblickte Matthieu zu seinen Füßen das Bild von der Kindfrau, das hinter ihm hergeweht war. Verblüfft hob er es auf.

»Wo hast du das denn her?«, fragte Max. »Das ist ein sehr schlechter Witz.«

»Es war in der Halle. Ich hatte es auf eine Konsole gelegt, ich schwör es dir. Keine Ahnung, wie es hier hereinkommt.«

Alle Blicke ruhten auf Matthieu. Max trat auf ihn zu und nahm ihm das Blatt weg. Er wollte es gerade zerreißen, als Laura aufsprang:

»Nein, tu das nicht, es gehört mir!«

Lauras Stimme war kaum wiederzuerkennen. Sie nahm das Blatt ihrem Vater aus der Hand.

»Ich habe vorhin oben in meinem Zimmer meine Bilder angeschaut. Matthieu kann nichts dafür.«

Viviane fuhr sich mit der Hand über die Augen:

»Max, das war der Luftzug. Es ist windig, das siehst du doch …«

»Das stimmt«, sagte Ludmilla und warf einen Blick nach draußen. »Das Feuer wird dadurch noch schlimmer werden.«

Laura ergriff die Gelegenheit, die Karten auf den Tisch zu legen:

»Also, da wir schon mal dabei sind, kann ich den Abend gleich völlig ruinieren. Ich werde heiraten …«

Sie wartete, bis ihre Worte bei den bestürzten Zuhörern angekommen waren, und fügte dann hinzu:

»In einer Woche.«

»Bist du schwanger?«, rief Ludmilla aus.

»Natürlich nicht.«

»Na, dann umso besser. So war unser Kampf nicht ganz umsonst. Aber warum gerade in einer Woche, mein Schatz?«

»Und darf man wissen, wer der Auserwählte ist?«, fragte Max mit tonloser Stimme.

Laura blickte ihrem Vater fest in die Augen.

»Der Neffe von Fred Bellair, Vincent Bellair.«

Man hörte das Geräusch zerbrechenden Glases in Max’ Hand, die zu bluten begann. Viviane eilte mit einem Handtuch herbei.

»Max, was hast du getan? Ich hoffe, der Schnitt ist nicht zu tief!«

Max achtete nicht auf sie, ebenso wenig wie auf das Blut, das in dicken Tropfen zu Boden rann. Stumm nahm er das Handtuch, wickelte es um die Wunde und verließ das Zimmer. In der Stille, die plötzlich über dem Raum lag, hörte man nur das immer leiser werdende Geräusch seiner Absätze, dann schlug eine Tür zu. Laura wollte ihm folgen, aber Viviane hielt sie fest.

»Lass ihm Zeit, sich zu beruhigen.«

»Er ist mein Vater, und ich liebe ihn, Viviane, aber so geht das nicht weiter. Er kann uns nicht mehr wie Kinder behandeln. Er darf so nicht mit seinem Sohn reden. Je älter er wird, desto stärker vergräbt er sich in seinem Menschenhass. Er lebt immer mehr in der Vergangenheit. Wenn er so weitermacht, wird die Familie zerbrechen. Auch du schaffst es nicht mehr, dich gegen ihn zu wehren.«

Franck, Antoine und Agnès standen wie vom Donner gerührt da. Laura beschloss, zu ihrem Vater zu gehen.

»Gut, Rache muss vielleicht sein, aber ich sterbe vor Hunger«, sagte Matthieu in der Hoffnung, die Atmosphäre aufzulockern.

Es gelang ihm nicht, und so setzte er sich allein an den Tisch.

Max stand in seinem Büro, mit dem Rücken zu seiner Tochter, die ihm gefolgt war. Durch das offene Fenster blickte er in die Nacht hinaus. In den Scheiben spiegelten sich die verschiedensten Lichtreflexe.

»Das ist deiner nicht würdig. Wie kannst du deine Kinder so behandeln, vor allem deinen Sohn? Und Viviane? Es ist unerträglich, mit welcher Herablassung du ihr begegnest. Eigentlich müsste sie dich verlassen, so mies, wie du sie behandelst.«

Max drehte sich nicht um und lachte böse:

»Soll sie doch gehen. Ist mir ganz egal. Ich bin müde, Laura. Und ich habe Angst. Nicht davor, dass auch du mich verlässt, sondern dass dir dasselbe passiert, was deiner Mutter zugestoßen ist. Dieses Geschenk …«

»Ich weiß, aber es kommt wirklich im falschen Moment. Mir wird schon nichts passieren. Und du kannst mich nicht schützen, indem du mich auf einer Insel gefangen hältst. Das musst du doch einsehen, oder?«

Max seufzte und wandte sich endlich zu Laura um.

»Gut, ich gebe es zu: Ich hasse den August, und jedes Jahr packt mich wieder dieselbe Angst.«

Er sah Laura tief in die Augen:

»Warum willst du ausgerechnet Vincent Bellair heiraten?«

»Weil ich ihn liebe. Das ist doch nicht schwer zu begreifen. Wir haben es vor drei Monaten beschlossen.«

»Hast du ihn in Nizza kennengelernt?«

»Nein, im Zug nach Paris. Auch er fuhr zur Arbeit dorthin. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich wusste gar nicht, wie er heißt, und umgekehrt. Papa, wir sind jetzt drei Jahre zusammen. Ich bin mir meiner Gefühle sicher und er auch. So ist es nun mal. Bei meiner Hochzeit geht es doch nicht um eine Abrechnung mit dir oder der Vergangenheit.«

Max wirkte plötzlich völlig verloren.

»Aber, Laura, das ist, als ob du von mir verlangst, dass ich dich Fred Bellair ausliefere!«

»Ich heirate doch nicht Fred Bellair, sondern seinen Neffen!«

»Das läuft auf dasselbe hinaus.«

Er vergrub die Stirn in den Händen. Laura sah, wie erschöpft er war.

»O Gott, nimmt diese Geschichte denn nie ein Ende?«, stammelte er.

»Das ist eure Geschichte und nicht meine. Ich glaube, wir haben alle genug gezahlt. Du kannst nichts dafür. Meine Mutter hätte dich vielleicht auch sonst verlassen, wegen Fred Bellair oder einem anderen …«

Max richtete sich auf, er war bleich im Gesicht.

»Ich verbiete dir, so etwas zu sagen. Woher weißt du das? Wer hat dir davon erzählt? Etwa die verrückte Ludmilla, die ihre Nase in Dinge steckt, die sie nichts angehen? Was hat sie dir erzählt? Ich will es wissen!«

»Lass Ludmilla in Ruhe. Sieh lieber der Wahrheit ins Auge. Ganz Nizza weiß es, auch wenn niemand mehr davon spricht. Das sind uralte Geschichten … Nur du vergiftest dein Leben und das deiner Angehörigen damit.«

»Und dir fällt nichts Besseres ein, als den Neffen dieses Verräters zu heiraten! Wenn die Leute es vergessen haben, werden sie sich schnell wieder daran erinnern, dafür sorgst du schon.«

Dann verlegte er sich aufs Bitten:

»Diese Familie ist nichts wert, Laura, sie wird dir nur Unglück bringen. Du kennst diese Leute nicht, wie ich sie kenne. Sie werden dir wehtun. Ich weiß es. Ich beschwöre dich, halte dich von ihnen fern. Sieh doch, was sie aus deinem Bruder gemacht haben. Sie haben ihn gegen mich aufgehetzt! Außerdem, hast du Fred überhaupt schon kennengelernt?«

»Bisher noch nicht. Mir lag auch nichts daran.«

»Das ist der Beweis, dass dein Instinkt dich retten wird. Vertrau deinem Gefühl, wenn du schon nicht auf mich hören willst. Dabei will ich dir doch nichts Böses.«

Laura spürte, wie die Tränen in ihr aufstiegen. Sie drehte sich auf dem Absatz um und ließ ihren Vater seine Litanei allein fortsetzen.

Fred Bellair, ein Mann mit graumeliertem Dreitagebart, exzellent geschnittenem Anzug, Weste und weißem Hemd ohne Krawatte, trat energischen Schritts in sein Büro über dem Kasino. Als er seinen Neffen Vincent erblickte, hielt er inne.

»Wartest du schon lange auf mich?«

»Nein.«

Fred Bellair öffnete eine Schiebetür, hinter der ein winziges, perfekt ausgestattetes Bad lag. Dort zog er sein Sakko und das verschwitzte weiße Hemd aus und stellte sich mit nacktem Oberkörper vor den Spiegel. Er sah immer noch sehr gut aus.

»Was bedeutet diese Leichenbittermiene? Willst du Fontanes Tochter nun doch nicht heiraten?«

Fred bespritzte sein Gesicht vor dem Spiegel mit kaltem Wasser. Sein Körper füllte den Raum fast völlig aus. Nachdem er sein kurzes dunkles Haar gekämmt hatte, wandte er sich wieder Vincent zu, der im Chefsessel seines Onkels Platz genommen hatte.

»Du bist sicher nicht gekommen, um mir beim Waschen zuzusehen. Ich habe noch einen langen Tag vor mir.«

Aus einem Wandschrank zog er ein frisch gebügeltes Hemd, das noch in Plastikfolie verpackt war. Plötzlich blieb sein Blick an dem Aktenkoffer seines Neffen hängen.

»Ach so, du bist aus geschäftlichen Gründen hier?«

Vincent nickte, öffnete sein Köfferchen und legte einen dicken Ordner auf den Tisch.

»Du weißt doch, dass ich der Anwalt des Vereins zum Schutz der Küstenlandschaft bin.«

»Leider … Wenn du etwas trinken willst, bedien dich. Du kennst dich hier ja aus.«

»Fred! Hast du etwas mit dem Brand auf dem Montmaure zu tun?«

Vincent sah unverwandt seinen Onkel an, doch der zeigte keine Reaktion. Dieser Mann war zäh, mit allen Wassern gewaschen.

»Vincent, ich habe dich immer als meinen Sohn betrachtet.«

»Aber du bist nicht mein Vater, auch wenn ich dir viel verdanke. Lass das Private beiseite, Fred, vermisch die Dinge nicht miteinander.«

»Also will der Kleine die Hand abbeißen, die ihn ernährt hat!«

Vincent presste die Zähne aufeinander.

»Fred, ich muss wissen, ob du mit Viviane, der Frau von Max Fontane, irgendwas ausheckst. Dieser Brand kommt dir doch gerade recht!«

Fred rückte seine Fliege zurecht.

»Was soll ich dir sagen … Die Familie deiner Verlobten braucht mich nicht für ihre krummen Machenschaften. Wenn du im Dreck wühlen willst, tu es lieber bei denen. Und mach dir keine Sorgen um mich. Aber denk an deine zukünftige Frau und an dich.«

Vincent fragte sich, ob das eine Drohung war. Fred nahm seine Jacke.

»Ach ja, ein letzter Rat: Vergiss diese lächerliche Umweltbewegung, und arbeite lieber für mich. Ich muss jetzt gehen, unsere Kunden sind nervös heute Abend. Sie verlieren eine Menge. Und wenn Leute Geld verlieren, sind sie alles andere als umgänglich.«

Die Tür fiel hinter ihm zu.

Mit einem Seufzer drehte Vincent den schweren Sessel zum Fenster. Nizza, seine Spieler, seine Machenschaften, sein Glamour und seine Toten. Er ahnte, dass sein Onkel für diesen Brand Verantwortung trug, doch er hatte noch keine Beweise dafür. Eins war sicher: Fred glaubte nach wie vor, dass er sich nicht an das Gesetz zu halten brauchte. Er hatte seine eigenen Regeln, und diese galten für ihn nicht nur in seinem Reich.

Als Vincent das Auto der jungen Frau vor seiner Villa sah, wusste er, dass Laura mit ihrem Vater gesprochen hatte. Heute Abend hatten sie sich nicht treffen wollen. Laura lag zusammengerollt auf einer Liege nahe dem Swimmingpool. Sie fröstelte unter der Decke trotz der nächtlichen Schwüle. Kein Lüftchen wehte vom Meer herüber. Vincent hatte eine Flasche Weißwein geöffnet und reichte Laura ein Glas, das sie mechanisch entgegennahm.

»Vincent …«

Laura starrte ins Leere. Er nahm ihr das Glas wieder aus der Hand und blickte ihr ins Gesicht. Sie sah aus wie ein kleines Mädchen, das geweint hat.

»Ich frage mich, ob diese Hochzeit eine gute Idee ist …«

Vincent blieb für ein paar Sekunden die Luft weg. Dann trank er einen großen Schluck Weißwein.

»Gratuliere, Max Fontane. Dass er es schafft, dich innerhalb von zwei Stunden umzudrehen …«

»Es hat nichts mit ihm zu tun.«

Vincent wollte sich nicht anmerken lassen, wie tief sie ihn getroffen hatte. Er versuchte zu lachen, doch es klang nicht sehr überzeugend.

»Hör zu, wir heiraten und hauen ab nach New York. Die Amerikaner lieben Anwälte.«

Dann seufzte er. Lauras Traurigkeit hatte gesiegt.

»Gut, ich tue, was du willst.«

»Ich habe Angst, Vincent. Es ist verrückt, völlig irrational, aber ich bin ganz starr vor Angst. Kannst du das verstehen?«

»Wovor fürchtest du dich?«

»Zu sterben. Oder dass du stirbst. Irgendwas wird passieren, das spüre ich. Und es macht mich wahnsinnig, dass ich es dir nicht erklären kann.«

»Ich sage dir, was passieren wird. Am Samstag geben wir uns im Rathaus das Jawort. Und was die anderen denken, ist uns egal. Niemand kann etwas gegen unsere Liebe ausrichten.«

Laura fuhr Vincent mit der Hand durchs Haar. Ihr Lächeln war zurückgekehrt. Vincent beugte sich über sie und hob sie von der Liege auf. Wieder einmal stellte er überrascht fest, wie federleicht sie war.

»Ich könnte dich bis ans Ende der Welt tragen.«

Sie umschlang seinen Hals. Er wusste, wenn er nicht aufpasste, würde dieses Mädchen davonfliegen, fort aus seinem Leben. Er drückte sie noch fester an sich und spürte das Klopfen ihres Herzens.

Montag, 1. August

Die Welt

Manon ging durch die noch kühlen Alleen des Friedhofs. Die hochgewachsene schlanke Frau mit dem kurz geschnittenen dunklen Haar hielt sich im Schatten der Zypressen und schien auf der Hut zu sein. An der Kreuzung zweier Alleen überlegte sie nur einen Moment, in welche Richtung sie gehen sollte. Schließlich blieb sie vor einer Grabkapelle stehen und legte beide Hände an das Gitter vor dem Eingang. Die Inschrift lautete: »Familie Rinaldi, Luisa Fontane, geb. Rinaldi, 2. März 1939 bis 21. August 1972«. Die Einfachheit der Worte unterschied sich stark von dem, was Manon im Inneren sah: Ein Meer von Blumen umgab das große Porträt der Toten.

Sie wich hastig zurück, als sie den Kies unter den Schritten eines näher kommenden Besuchers knirschen hörte. Lautlos verschwand sie hinter der benachbarten Gruft.

Max Fontane kam die Allee herauf, im Arm frische Blumen. Er blieb vor Luisas Grabkapelle stehen, zog einen Schlüssel aus der Tasche und öffnete das Gitter, durch das die schöne Manon nicht hatte gehen können. Das Tor quietschte nicht, denn die Türangeln wurden sorgfältig gepflegt, genau wie das Innere der kleinen Kapelle, in der Max jetzt verschwand.

Eine gute Minute verging, bevor Manon wieder auftauchte. Reglos verharrte sie. Aus dem Grabmahl drang Gemurmel. Max Fontane sprach mit der Toten, seiner Toten.

»Unglaublich, wie nah du mir immer noch bist. Meine Luisa, du weißt, dass du in all meinen Gedanken gegenwärtig bist. Es ist, als ob du mir etwas sagen wolltest. Unsere Laura will Freds Neffen heiraten. Glaubst du, dass dies geschieht, um mich zu bestrafen? Wegen meiner Lügen? Mein Gott, wenn du wüsstest, wie leid es mir tut, wenn du wüsstest, wie sehr ich mir wünsche, es ungeschehen zu machen. Ich hatte gehofft, dass ich im Lauf der Zeit über deinen Tod hinwegkomme … Aber es ist schlimmer als in den ersten Tagen. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr habe ich das Bedürfnis, in deiner Nähe zu sein. Ich wäre zu allem fähig, wenn es etwas gäbe, um alles auszulöschen, wenn du nur wiederkämst. Ohne dich ist mein Leben die Hölle. Ich hätte mit dir sterben sollen. Die Kinder brauchen uns nicht. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass sie ihre Eltern brauchen, um groß zu werden. Sie werden ohne uns erwachsen. Je mehr die Zeit vergeht, desto klarer wird mir, dass die Kinder gegen uns sind, ich meine, gegen die Liebe ihrer Eltern.Vermutlich ist Laura mir böse, weil ich es nicht geschafft habe, die Liebe zu dir in Vaterliebe zu verwandeln. Aber wie soll so etwas möglich sein? Ich habe es jedenfalls nicht geschafft. Und letzten Endes war ich nicht einmal ein guter Vater. Du musst mir helfen, Luisa. Du musst mir helfen, klar zu sehen, ich muss wissen, was du gewollt hättest.«

Der Friedhofswächter kam mit einer Gießkanne voll Wasser näher, und Manon zog sich rasch wieder zurück. Alle Leute waren Max Fontane zu Diensten.

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