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2027

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© 2018 Frank Weniger

Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:978-3-7469-1513-5
Hardcover:978-3-7469-1514-2
e-Book:978-3-7469-1515-9

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhalt

Vorwort

1 Glioblastoma multiforme

2 Segen: Wach-OP

3 Wie kommt's zum Buch?

4 Die Vierte Industrielle Revolution

5 Die Automobilindustrie: Korrupt – na und?

6 Die Industrie – Profiteurin ohne Grenzen

7 Die Medizin – Profiteurin mit Grenzen

8 Der vernetzte Haushalt

9 Schule – die chronisch Überforderte

10 Das Smartphone – Schlüssel zur digitalen Welt

11 Der Dienstleistungssektor – ein digitaler Jobkiller

12 Ein Selbstversuch – Pflege im Jahre 2027

13 Der Cyber- und der KI-Krieg

14 Die schleichende Wandlung

15 Symbiose aus Digitalismus und Narzissmus

16 Politik – die Ohnmächtige

17 Die Erde – ein Pulverfass

18 Das Internet – kann nichts dafür.

19 Menschen sind sonderbare Wesen.

20 Die Smartapokalypse?

Nachwort

Vorwort

Eigentlich hätte ich dieses Buch nicht schreiben können. Die Prognose für mein Leben war eine andere. Vor drei Jahren wurde bei mir ein Hirntumor festgestellt. Es verbietet sich, Vergleiche zu anderen Tumoren zu ziehen – Krebs ist furchtbar. Von der WHO, von der Weltgesundheitsorganisation, wird der Tumor als unheilbar eingestuft.

Mit Operation, wenn sie gut ginge, noch etwa ein Jahr, maximal eineinhalb Jahre.

Was tun?

Aufräumen – das war das Einzige, was ich tun konnte. Alles andere lag in den Händen der Ärzte. Aufräumen mit dem Leben. Zum Abschließen hatte ich ein Jahr Zeit. Ich war früher Lehrer, jetzt Rektor einer zweizügigen Ganztages-Grundschule, Ehemann, Vater und – wenn's noch so banal klingt – Hausmitbesitzer. Alles musste so aufgeräumt werden, dass nach einem Jahr alles ohne mich weiterlaufen konnte. Ich raffte mich nach der Operation auf, die Schule noch acht Monate zu führen und für die Übergabe vorzubereiten. Ich bemühte mich, Haus, Ehemann und Vater auf die Reihe zu bekommen, was das Organisatorische angeht. Ich war mittlerweile 60 Jahre alt, aber die Diagnose kam dennoch für alle zu früh.

In dieser Zeit kam ich kaum zum Nachdenken – über mich, mein Schicksal, mein Leben. Jedenfalls nicht genug.

Erst an Weihnachten, zehn Monate waren seit der Diagnosestellung und der bald darauf erfolgten Operation vergangen, kam das viel zitierte schwarze Loch. Ich hatte alles "Organisatorische" geregelt.

Was mache ich mit dem "Rest" von zwei, höchstens fünf Monaten, noch?

Manche rieten mir, eine Weltreise zu machen, weil sie wussten, dass ich gerne reise. Andere schlugen vor, mir einfach nur einen Wunsch zu erfüllen! Wünsche gibt es bei einer abrupt endenden Biographie immer.

Grandios, wie sich das Klischee vom bald Sterbenden erfüllte. Mit guten Ratschlägen wurde ich nur so überhäuft!

Nichts von alledem. Ich war zeitlebens ein engagierter Mensch, und wollte mich nicht heimlich, still und leise aus dem Staub machen. Ich war, so lange ich weiß, ein lebensbejahender Mensch, der auch für seine Ansichten einstand. Es gab keinen Grund, dies aufzugeben. Nur die Form änderte sich: Schriftlich statt mündlich. Auf das motorische Sprachareal konnte ich mich nicht mehr verlassen. Das war tumorgeschädigt. Von Zeit zu Zeit streikte es.

Da erinnerte ich mich an eine Erkenntnis aus dem Studium, von René Descartes: "Ich zweifle, also bin ich." Besser bekannt als: "Ich denke, also bin ich."

Der französische Philosoph und Mathematiker René Descartes (1596 – 1650) gilt als Begründer der neuzeitlichen Philosophie. Mit seinem berühmten Ausspruch „Cogito ergo sum“ wurde er zu einem der wichtigsten Wegbereiter der Aufklärungsphilosophie.

Ich konnte immer noch denken! Ich hatte auf manche Dinge sogar einen erweiterten Horizont, stellte ich fest. Ich musste nicht immer an die Zukunft denken. Ich konnte einfach drauflos denken und es äußern, ohne zu berücksichtigen, vor wem ich mich hüten müsste. Das gab mir fast grenzenlose Gedankenfreiheit, wie ich sie noch nie hatte. Das wollte ich mir von niemandem nehmen lassen.

Ich fing an, Bücher zu schreiben. Überdies habe ich den Todeszeitpunkt aus den Augen verloren. Prognosen können schiefgehen. Unheilbar genügte. Das ist das Gewisse.

Ich habe mir jedes Mal ein anderes Thema, das ich für wichtig gehalten habe, vorgenommen. Ein autobiographisches, ein verschmitztes für Kinder und eben dieses. Das Buch ist dem Thema gewidmet, das unsere Gesellschaft verändert hat und dramatisch verändern wird: Der Digitalisierung oder der Automatisierung.

Die Digitalisierung wird als gesellschaftsverändernder Komplex verkannt. Wenn es als das erkannt wird, ist es zu spät. Deshalb habe ich das Thema in einer "Tour d'Horizon" aufgeschlüsselt, die wichtigsten Aspekte erörtert, und auf das Jahr 2027 gespiegelt.

Es polarisiert. Es soll provozieren, zum Nachdenken anregen. Es schreckt auf, es soll aber nicht erschrecken.

Vieles ist schon real, man sieht's nur nicht oder man will es nicht wahrhaben. Man macht sich Illusionen.

Die Facebooker oder Youtuber oder so, mögen Milde walten lassen...

1 Glioblastoma multiforme

2027 ist ein Jahr, das ich nicht mehr erleben werde. Schon 2020 werde ich vermutlich nicht mehr erleben.

Warum?

Am 16. Februar 2015 bekam ich die Diagnose "Glioblastoma multiforme", oder Glioblastom, also Hirntumor. Unheilbar. WHO-Stufe IV. Überlebenszeit ca. 15 Monate.

Das saß. Der Professor, der es mitgeteilt hatte, hatte keine Umschweife um seine Einschätzung gemacht.

Gewiss, der Tumor war sehr heimtückisch, sehr aggressiv, sehr groß und bislang ist kein Kraut gegen ihn gewachsen. In der Retorte gibt‘s auch nichts, was heilt, nur um wenige Monate lebensverlängernde Maßnahmen.

Nun hat der Professor einen fiktiven Termin für das Ableben genannt. Die meisten Menschen sterben in diesem Zeitraum. Das Datum als fixen Termin zu nehmen, zeugt von seiner wenig einfühlsamen, selbstherrlichen Weise, diese Botschaften zu vermitteln. Gut, man darf ihm zugutehalten, er ist Neurochirurg und kein Psychologe. Und als Neurochirurg darf man alles behaupten, was durch Statistiken gedeckt ist.

Die Spanne geht von wenigen Monaten bis zu zehn Jahren. Wie immer konzentriert sich alles in der Anfangsphase. Etwa 70 Prozent sterben in der Zeit von 15 Monaten und nur sehr wenige schaffen es lange darüber hinaus.

Also, kann man dem Professor keine Falschaussage nachsagen. Höchstens hatte er sich in meinem Falle verschätzt. Das kann vorkommen. Auch Ärzte sind nur Menschen.

Apropos Menschen: Er scheint es nur vergessen zu haben, dass er es mit diesen zu tun hat. Man raubt diesen Menschen nicht Knall auf Fall allen Lebensmut, indem man quasi einen fiktiven Todeszeitpunkt festlegt, wenngleich es Hoffnung gibt – und wenn sie noch so klein sein sollte – dass man länger lebt. Wer an seinem Leben hängt, der hängt an jedem Monat.

Die Professoren tun sich schwer damit, die Botschaft zu überbringen – zugegeben. Manche reden davon, dass man immer noch von einer Heilung ausgeht.

Im digitalen Zeitalter sind die Menschen wissender, als früher, als man ein X für ein U hat vormachen können. Die Menschen wissen oft mit ihren Kenntnissen nichts anzufangen. Aber "Glioblastom Überlebenszeit" kann jeder eingeben und sehen, was die Statistik ergibt. Da steht nichts von "heilbar", sondern nur von unheilbar und von Monaten, bzw., in ganz wenigen Fällen von Jahren. Die medizinische Definition von "heilbar", wenn der Tumor fünf Jahre nicht mehr auftritt, kennt keiner.

Deshalb ist "heilbar" auch nicht glaubhaft, nur ein Trostpflästerchen.

Am besten traf es ein Professor, der es so ausdrückte: "... man weiß nie, wie es kommt." Das ist weise.

Jetzt lebe ich 36 Monate. Am 16. Februar jährt sich mein zweites Leben zum dritten Mal. Die Aussage des Professors, der 15 Monate prognostiziert hatte, ist zynisch.

Also rumsitzen und aufs Ende warten, kann ich nicht.

In der Gegend rumreisen, und immer denken, das ist deine letzte Reise, das würde mich verrückt machen. Jetzt noch mal gehen und wenn ich wieder zu Hause bin, bin ich dem Tod nahe? Vielleicht schon unterwegs? Das Klischee ist mir zu abgegriffen

Das Haus verkaufen, in dem meine Frau und ich gewohnt haben, und in eine Wohnung ziehen, die weniger Arbeit macht – habe ich schon!

Eine Datscha, irgendwo wo’s schön ist, erwerben, wohin ich mich zurückziehen kann, wenn mir mal wieder (fast) alle auf den Wecker gehen mit ihrer blöden Fragerei – habe ich schon.

Man muss die Menschen in Schutz nehmen. Es ist meist nicht die Neugier, um rauszuhören, wie lange es noch geht. Es ist viel Anteilnahme dabei. Aber die wird nicht erwidert. Ehrliche Antworten dürfen sie nicht erwarten. Was wollen sie hören? Dass es “gut“ geht! Das Dilemma, oder nennen wir es, wie es ist, das Elend eines Glioblastoms ist nie gut.

Die Diagnose ist für mich das einschneidende Ereignis: Es trennt das alte Leben von dem neuen. Meine Zukunft endet in diesen Jahren.

Das "Alte" war gut, soweit ich das beurteilen kann. Arbeiten, Familie, Haus, Urlaub, ein bisschen Politik, ehrenamtliches Engagement.

Das "Neue" ist, außer, dass es kürzer ist, begnadet: Die freie Sicht auf die Dinge zu haben und diese Sicht aussprechen zu können. Das wäre, wenn's nicht so einen tragischen Hintergrund hätte, ein Glücksfall.

Als ehemaliger Lehrer und Rektor, als politisch und ehrenamtlich Tätiger war ich gewohnt, in der Öffentlichkeit zu stehen. Eine Zeitlang wollte ich nichts mehr von der Öffentlichkeit hören. Ich dachte, dass mir diese "Öffentlichkeit" nur schadet.

Mit "Öffentlichkeit" ist nicht nur mein persönliches Umfeld gemeint, auch Trump, Putin, Erdogan, Kim Jong Un, Klimawandel, die Erdzerstörung, Manipulation von Dieselfahrzeugen, die Mär von sauberen Elektrofahrzeugen, die Bundestagswahl, und vieles mehr, zählen dazu.

Also genau genommen, schadet diese geballte Öffentlichkeit allen, nicht nur Onkos, wie mir.

(Onko ist von Onkologie, der Krebsmedizin, abgeleitet. Es ist ein verniedlichender Begriff, den ich mir zugelegt habe, um mit der Krankheit umzugehen.)

Ich dachte, das schade nur mir, indem es mich wegen der Grundbelastung eines "Onkos" aufregt. Dabei ist es grad umgekehrt. Mich könnte das Ganze kaltlassen. Ich werde die Welt noch aushalten. Die Welt wird mich noch aushalten.

Von den Mitmenschen, die es eigentlich aufregen müsste, regt es nur wenige auf.

Die Menschen, die die Zukunft noch vor sich haben, oder die Kinder haben, die noch etwas bewegen müssten, die regt es nicht auf. Auch die meisten Mütter und Väter nicht.

Deshalb habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, Szenarien für das alles dominierende Thema, die Digitalisierung, für das Jahr 2027 zu entwerfen. Jeder führt das Wort im Mund, und weiß meist nicht, was damit verbunden ist. Kurz: Alles!

Da bin ich dann sicher nicht mehr da. Ich kann's dann nicht mehr überprüfen, ob es so kommt. Spannend wäre es schon, es noch zu erleben. Ob es noch so lebenswert ist, wie die vergangenen Jahre, sei dahingestellt.

Neun Jahre sind eine lange Zeit im digitalen Zeitalter. Wir erleben momentan die “Vierte Industrielle Revolution“ – die vernetzte Digitalisierung und die Fortschreitung der Künstlichen Intelligenz. Sie wird gravierende Folgen ohnegleichen haben.

2 Segen: Wach-OP

Wem ich diesen Glücksfall, die Prognose um etliche Monate überleben zu dürfen, zu verdanken habe?

Dank für die bisherigen 36 Monate Lebenszeit gebührt der Neurochirurgie der Universitätsklinik Tübingen und der Strahlentherapie in Villingen.

Wie kam's dazu?

Der Tumor lag nahe dem Sprachzentrum und hatte schon infiltriert, also es waren schon Tumorzellen in Nachbar-Regionen des Gehirns gestreut. Durch die Nähe zum Sprach-Areal (Broca-Areal) war eine herkömmliche Operation nicht möglich. Die Gefahr, dass man gesunde Hirnzellen erwischt, war zu groß. Bei dieser Konstellation gab es nur eine erfolgversprechende Form zu operieren: die sogenannte Wach-OP. Erfolg ist relativ.

Um dem Professor nicht Unrecht zu tun: Neben seiner rustikalen Form, den Befund zu vermitteln, hat er mir angeboten, dass ich mich in Tübingen vorstelle. In seinem Klinikum könnten sie diese Operation nicht durchführen. Die wird in unserem Raum nur im Klinikum Tübingen durchgeführt.

Allerdings ist diese Form sehr aufwändig. Viele Ärzte und Psychologen sind beteiligt, absolute Hightech-Geräte sind im Einsatz, die modernsten OP-Methoden müssen zur Verfügung stehen und, last but not least, der Patient muss dazu bereit und fähig sein. Bei 40 Prozent der Patienten wird die OP erst gar nicht angesetzt oder abgebrochen.

Ob ich mir das zutrauen würde?

Wenn nicht mir, wem dann? Das mag überheblich klingen, ist es aber nicht. Ich musste immer alles wissen - das gab mir Sicherheit. Ich ging manchen Menschen mit meinem Wissensdrang auf den Wecker. Nun war diese Eigenschaft unbestreitbar mal förderlich. Während der OP wach zu sein, das stillte meinen Wissensdurst.

Der OP geht eine neuropsychologische Testung voraus. Die Testung, ähnlich der eines Sprach-IQ-Tests (IQ=Intelligenzquotient), bescheinigte mir sehr gute Werte (136), aber auch klare Defizite. Der Tumor hatte seine Ableger schon im Sprach-Areal eingenistet.

"Zum Glück" war nur das motorische Sprach-Areal betroffen. Das ist verantwortlich für die Wortbildung und die Aussprache. Vereinfacht ausgedrückt, funktioniert das wie ein Klavier: Das sensorische Sprach-Areal (Wernicke-Areal) versteht und liest die Noten und gibt sie kodiert weiter. Das motorische Sprach-Areal betätigt die Tasten, der Kehlkopf übernimmt die Funktion der Saiten.

Natürlich ist das in Wirklichkeit ein komplizierter Prozess. Aber so ist es zu erklären, dass ich die Noten genau gesehen habe und der Kehlkopf funktioniert hat, aber manche Wörter dennoch nicht richtig ankamen oder ich Wortbilder verwechselt hatte.

Das ist ein feiner Unterschied: Ich konnte "die Noten" zu jeder Zeit sehen. Ich verstand alles – nur hatte ich, z.B., Schwierigkeiten, Wörter auszusprechen, die eine Konsonantenhäufung enthielten.

Jeder kennt das: Sie stehen da, und Ihnen fällt das passende Wort nicht ein. Während Sie durch Nachdenken draufkommen, fällt es mir auf die Schnelle nicht ein. Der Sprechfluss ist unterbrochen. Um dies zu vermeiden - auf andere hätte das wie Stottern gewirkt – verwendete ich, unbemerkt vom Gegenüber, ein Synonym, ein Wort von ähnlicher Bedeutung.

Nach dem Grundsatz, was im Gehirn weg ist, kommt nicht wieder, musste ich mir das zum Prinzip machen. Das war anfangs noch etwas holprig. Doch dank eines guten Wortschatzes, gelang das zunehmend besser. Mein Gegenüber wusste ja nicht, was ich eigentlich für eine Wortwahl im Sinn hatte. Mit der Zeit ging es sogar so weit, dass ich mir ein Synonym zurechtlegte und es auch gleich "übte". In Gedanken sprach ich das Wort aus, um zu sehen, wie die Konsonanten hintereinanderkamen und stellte sie mir vor, wie sie klangen.

Dieser Prozess fing schon mit der Mitteilung der Diagnose unbemerkt an und dauert bis heute – verfeinert durch scheinbar gewollte Sprechpausen – an. Verschlimmert, allerdings, durch immer wieder auftretende epileptische Anfälle und Schlaganfälle. Intervalle des Lernens.

Zurück zum Prozedere der Operation.

Die neuropsychologische Testung sollte vor allem dieses leisten: Es wurden standardisierte Begriffe und Sätze durchgegangen, die ich bei der OP klar und deutlich abrufen sollte. Diese Begriffe waren auf Wortkarten aufgemalt und wurden dann auf einem Laptop eingespielt. Was hier nur Alltagsgegenstände auf Wortkarten sind, ist in der Wiedergabe während der OP darüber entscheidend, wie nahe man der Tumorabgrenzung kommt, ohne die anderen Hirnareale zu schädigen.

Mit Kindern habe ich in der ersten Klasse mit solchen Tafeln lesen geübt – jetzt bestimmen ähnliche Karten mein Schicksal.

Daneben wurden noch weitere Voruntersuchungen gemacht, unter anderem ein Funktions-MRT – ein MRT, bei dem man, in der Röhre liegend, sprechen musste.

Ich fühlte mich gut vorbereitet.

Am dritten März 2015 wurde es ernst: Ich wurde in Tübingen stationär aufgenommen. Es wurden noch aktuelle Tests gemacht und am vierten März sollte ich operiert werden.

Vor dem Abholen in den Operationssaal musste ich noch ein Mittel schlucken: 5-Ala. Das wird in jüngerer Zeit eingesetzt, um die Tumorzellen fluoreszierend zu machen. Das Mittel, ungefähr die Menge eines Schnapsglases, reichert sich in den Tumorzellen mehr an, als in gesunden.

Ob ich aufgeregt war? Nein. Oder, wie bei einer Blinddarmoperation. Ich wusste alles, was kam. Ich war programmiert. Ich hatte sogar in der Nacht geschlafen und bin zum Duschen aufgewacht. Ich hatte Vertrauen.

Schläuche, Zugänge, die Haare rasieren auf dem halben Kopf, die Narkosen vorbereiten, u. v. m., alles Routine. Nachdem ich eine Weile geschlafen hatte, sediert, wachte ich, bzw., ließ man mich auf dem OP-Tisch aufwachen. Vor mir die Bildschirme, neben mir die Neuropsychologin, die mein vollstes Vertrauen genoss, hinter mir die Ärzte, hermetisch durch Folien abgetrennt und von verschiedenen Seiten hörte ich Stimmen. Alles sehr vertrauenerweckend abgestimmt. Jeder strahlte eine professionelle und zugleich menschliche Zuversicht aus.

Jetzt kamen die echten Vorbereitungen, man musste schließlich einen Teil des Gehirns freilegen. Zuerst wurde der Kopf festgeschraubt. Eine lokale Narkose, Bohrgeräusche, zwei Schrauben, das war's. Von jetzt an war mein Kopf so etwa sechs Stunden festgezurrt. Vier bis fünf davon war ich wach. Nun musste die Kopfhaut weg. Skalpell und ungefähr von der Mitte des Kopfes bis zum Ohr runter. Der Tumor saß links vorne. Man erklärte mir jeden Schritt – das kam mir sehr entgegen. Ich war Teil der OP, und fühlte mich so.

Selbst, als sie einen Teil der Schädeldecke abnahmen, was, zugegeben, schon etwas seltsame, ungewohnte Sägegeräusche verursachte, gehörte ich dazu! Mit der Psychologin, ich schätzte sie höchstens auf 35, sprach ich in der Vorbereitungsphase pausenlos! Na ja, zuhören gehört zu ihrem Job.

Bis sie den Laptop, der neben mir stand, hochfuhr. Da merkte ich, jetzt wird's ernst. Mein Gehirn musste jetzt frei vor den Ärzten liegen. Es ging los. Der Operationssaal wurde dunkler: Die Tumorzellen fluoreszierten.

Die Psychologin spielte ein Bild ein. Ich musste den Begriff in einem ganzen Satz formulieren – so wie ich es "gelernt" hatte. Es kam mir seltsam vor: "Das ist eine Blume." oder "Das ist ein Haus." Vielleicht 40 bis 50 solcher Sätze sollten über Erfolg und Misserfolg entscheiden.

Einfachste Sätze sollten darüber entscheiden, wie lange meine Zukunft noch dauert.

Hoch konzentriert machte ich meine Arbeit – und das Operationsteam auch! Der leitende Professor, Marcos Tatagiba, war dazugekommen. Ihn hatte ich als ruhig, besonnen und besonders versiert eingeschätzt.

Die Wach-OP beruht darauf, dass die außenliegenden Tumorzellen kurzfristig elektrisch stimuliert werden. Dadurch werden die Zellen, wären es gesunde, für wenige Sekunden "lahmgelegt". Ich dürfte dann, wenn es gesunde Zellen wären, den Satz nicht korrekt wiedergeben. Wenn ich dann in der Lage bin, den Satz vollständig korrekt auszusprechen, wird die stimulierte Stelle im Gehirn markiert. So wird mehr und mehr eine Matrix angelegt, sozusagen eine Grenzlinie zwischen Tumor und gesunden Zellen gezogen. Der Arzt weiß, wo er das Skalpell ansetzen darf, und wo nicht. (Vereinfacht dargestellt)

So kann man annähernd den Tumor eingrenzen. So in der Theorie – wenn alles passt. Man muss es noch einmal betonen: Man "arbeitet" im Gehirn des Patienten auf des Messers Schneide. Im Zentrum des Denkens, Fühlens und Bewegens – bei vollem Bewusstsein. Auch heute verneige ich mich noch und zolle dem Professor, den Doktorinnen und den Doktoren und dem ganzen Team höchsten Respekt, für ihren hohen Sachverstand, die manuelle Präzision und ihre Empathie.

So hat man bei mir einen Tennisball großen Tumor rausgeschnitten. Beim Zumachen des Kopfes wollte ich nicht mehr dabei sein. Nach annähernd fünf Stunden fühlte ich eine gewisse Erschöpfung aber auch eine Erleichterung: Eine Schlacht war geschlagen - der Tumor war gut erwischt worden.

An die nächste Behandlung, die Bestrahlung der infiltrierten Tumorzellen, bzw., des Gebietes, wollte ich noch nicht denken.

Im Dialog mit der Neuropsychologin hatte ich mein Pulver verschossen – mein Kopf war leer. Sie wusste nun mehr von mir, als mir lieb war.

Ich beschloss, zu schlafen.

Die Histologie (Gewebeprobe) musste nun einen detaillierten Aufschluss geben, wie der Tumor strukturiert ist. Es stellte sich u. a. heraus, dass ich einen "methylierten Promotor" habe, der eine Zeitlang das Reparatur-Gen daran hindert, seinen Dienst zu tun. Das Glioblastom speist seine Gefährlichkeit daraus, dass sein Ursprung in der Hirnrinde sitzt. Dem Ursprung ist momentan nicht beizukommen.

Der Tumor wächst nach, sobald die Reparatur-Gene wieder die Verbindungswege hergestellt haben. Deshalb ist es nur eine Frage der Zeit, bis das alles vernichtende Monster wieder zuschlägt. Die Chemotherapie (Temodal) kann es nur bedingt aufhalten. Ich fühle mich, wie eine tickende Zeitbombe.

Mit einem "methylierten Promotor" ist zumindest die Chance vorhanden, einige Monate länger zu leben. Wie lange? Das weiß niemand!

Da fällt mir der Professor, der die Überlebenszeit prognostiziert hat, ein: Wenigstens die Histologie hätte er abwarten können... Menschliche Zurückhaltung wäre angebrachter gewesen, statt den “Gott in Weiß“ zu geben.

Nach zufriedenen sieben Tagen, ohne Schmerzen, im Krankenhaus wurde ich nach Hause entlassen.

Was nun folgte, war die Radio-Chemotherapie. Mit einem hochmodernen Linearbeschleuniger sollte mein Kopf mit Strahlen beschossen werden, bei gleichzeitiger Unterstützung durch "Temodal", also begleitender Chemotherapie. Das Neue daran ist, dass die Strahlendosis so bemessen werden kann, dass die Tumorzellen gut "beschossen" werden können und die Wirkung kurz darauf nachlässt. Das sieht man an den Haaren: Da wo die Strahlen eingedrungen sind, sind sie nicht wieder gewachsen. Dort wo sie aus dem Kopf ausgetreten sind, sind die Haare nach einiger Zeit wieder gewachsen. Natürlich werden auch gesunde Zellen mitbestrahlt. In den letzten Jahren konnte man durch die Weiterentwicklung der Technik die "Kollateralschäden" deutlich eingrenzen. Was dann noch kam, war die echte Chemotherapie mit Temodal: Die Dosis war drei Mal höher.

Währenddessen hatte ich wieder angefangen zu arbeiten, als Schulleiter einer zweizügigen Grundschule.

Nur acht Monate. Epileptische Anfälle warfen mich zurück. Sie veranlassten mich, die Reißleine zu ziehen. Die Verantwortung war zu hoch. Nicht für mich, für die Schüler. Dazu müsste man sich vorstellen können, wie so ein Anfall aussieht. Für den Patienten ist es weniger schlimm. Der bekommt es erst mit, wenn er wieder zu sich kommt. Ich möchte nicht beschreiben, wie diese 45 Minuten vorrübergehen. Erwachsene Zeugen haben mir berichtet. Lebenslänglich. Lebenslang würde das ein Grundschulkind verfolgen.

An Weihnachten 2015 war mein Arbeitsleben beendet.

2017 traten fokale Anfälle auf. Die sind zwar begrenzt, aber die nahmen auf die Schwachstelle, auf das motorische Sprachzentrum, Einfluss. Ich konnte nicht sprechen und schreiben, aber alles verstehen. Ich habe mich immer "aufgerappelt" und konnte nach einiger Zeit meine Sprache – so für den Hausgebrauch – wiedererlangen. Auch 2017 standen noch Schlaganfälle an. Zum Glück nur Schlaganfälle. Kein Rezidiv. Die Symptome waren dieselben: Sprechausfall im Wesentlichen.

Mich davon zu erholen, war etwas schwieriger – aber bloß kein Rezidiv! Das Rezidiv, das Zurückkommen des Tumors, ist die schwarze Wolke am Himmel.

Nach so langer Zeit kein Rezidiv, ist fast wie ein Wunder – dafür nimmt man vieles in Kauf. Die rechtsseitigen körperlichen Ausfälle waren zu verkraften. Das kann man alles wieder trainieren: Das Gehen ohne zu schlurfen, das Sprechen und das Schreiben. Man vertippt sich oft, greift oft zur falschen Taste – was macht das schon.

Das legt sich. Man ist halt eine Weile nicht salonfähig.

Fazit:

Zu keiner Zeit hatte ich Schmerzen. Ausfälle hatte ich, tumorbedingt, fast keine. Die bekannten, die schon vor der Operation da waren. Mit Ausnahme des Ausfalls meiner Haare. Die wuchsen zum Glück wieder deckend und in Originalfarbe nach!

Mein Dank gilt Herrn Professor Marcos Tatagiba, dem Direktor der Tübinger Neurochirurgie. Er hat mich operiert. Ihm verdanke ich sehr, sehr viel. Aber auch seinem ganzen – riesigen – Team. Jeder, der mit mir zu tun hatte, hat es mit einem großartigen Einsatz getan. Ganz besonders gilt dies für die einfühlende Neuropsychologin.

Dank gilt aber auch Herrn Professor Stephan Mose, dem Leiter der Strahlentherapie in Villingen. Wie er die noch vorhandenen Tumorzellen erwischt und meinen Kopf dabei geschont hat, ist grandios. Auch seinem Team habe ich sehr zu danken.

Genauso, wie allen anderen, die sich um meine Gesundheit gekümmert haben, als ging's um ihre eigene. Schwestern, Pfleger, Disponenten, Labore, …, alle, vom Empfang bis zum Abschied aus der Klinik.

Es wurde für mich ein Abschied mit gemischten Gefühlen, nicht nur der Krankheit wegen. Hier fühlte ich mich in Obhut. Keine Öffentlichkeit mit bohrenden Fragen und Institutionen, die Antworten von mir erwarteten, wie es weitergeht.

Die Realität ist viel brutaler, als ich mir das je vorgestellt hatte. Sie nimmt, im Allgemeinen, keine Rücksicht darauf, wie das Schicksal jemanden gebeutelt hat. Eine Erfahrung, die ich erst verdauen musste und muss.

3 Wie kommt's zum Buch?

Woher nehme ich die "Dreistigkeit", mir anzumaßen, 2018 zu wissen, was im Jahre 2027 sein wird?

Es ist keine Dreistigkeit, es ist Neugier. Und es ist auch kein "Wissen", es sind Vermutungen.

Niemand kann das wissen – denn keiner weiß, was in Trumps Hirn vorgeht. Trump ist eine reale Gefahr für 2027 und für jedes Jahr davor. Er ist eine Wundertüte. Niemand kann heute wissen, was morgen geschieht. Er auch nicht.

Aber dazu später.

Es ist die Neugier auf etwas, das ich nicht mehr erlebe. Es sind meine Vorstellungen, die sich aus heutiger Sicht ergeben. Aus der Sicht eines "Onkos". Aus der Sicht von einem, der nichts mehr zu verlieren hat, dem keiner mehr wirklich was anhaben kann.

Von jemandem, der viele mit einem Röntgenblick durchschaut, d. h., die Absichten von jemandem schneller erkennt, weil er sich nicht mehr mit Vordergründigem aufhalten muss. Ich bin nicht mehr darauf angewiesen, mit diesen Menschen zu leben.

Es ist eine Gnade, nicht mehr mit dem leben zu müssen, was die Autoindustrie produziert oder sollte man sagen, fabriziert. Welche Völkermorde in Afrika und anderswo verübt werden oder was unter dem Deckmantel des Islam für Gräuel begangen werden – mal von Trump abgesehen.

Es ist eine Gnade, genau hinschauen zu können, ohne mir ein Hintertürchen aufhalten zu müssen. Keine Denkschranken um irgendjemand zu schonen.

Wenn man auf die Zukunft angewiesen ist, ist das anders.

Man kann die Realität gar nicht in allen Facetten annehmen, denn sonst wird man aller Illusionen beraubt. Der Mensch braucht Illusionen. Die Zukunft braucht Illusionen, sonst ist sie – psychologisch gesehen – unerträglich.

Ich bilde mir ein, ich könne sie sehen, unverfälscht, ungeschönt und ohne Illusionen. Ich muss die Auswirkungen nicht mehr am eigenen Leib spüren.

Nun bin ich aber auch Ehemann, Familienvater und Mitbürger und insofern zerrissen: Müssen die, die ich liebhabe, diese Zukunft ertragen? Zugegeben, es ist nicht alles schlecht! Es lohnt sich, zu leben. Sonst würde ich diese Zeilen nicht schreiben.

Aber, ob das in neun Jahren noch so ist? Ich bin da pessimistisch. Ich sehe keinen nennenswerten Aufstand. Da wo er sein könnte, bei der Jugend und den jungen Erwachsenen, ist er auf jeden Fall nicht. "Karriere und Fun" sind da angesagt. Das gilt nicht für alle, um nicht ungerecht zu sein. Es gilt aber für zu viele.

Von den Gleichaltrigen, also Ü 60, darf man nichts mehr erwarten. Das sind oft die, die mit ihren Stars von Woodstock alt geworden sind, und abrocken in Hallen, mit Sitzbänken, der Bandscheiben wegen, und in Erinnerungen schwelgen. Was waren wir doch für eine toughe Jugend – und den Hit "Hiroshima" (Wishful Thinking) zelebrieren. Mythen aus der Jugend. Vor den Hallen SUVs, Cabrios, Harleys, ...

Und der Rest: Muss arbeiten. Keine guten Aussichten also, für die Zukunft.

Soll ich mir das antun? Ich habe lange mit mir gerungen. Soll ich mich meine letzte Zeit mit Trump und Co auseinandersetzen? Sind nicht gerade die, die es betrifft, aufgefordert? Wenn die das kalt lässt, was soll ich mir dann meine Gedanken machen, wo ich's ohnehin nicht erlebe?

Menschlichkeit. Das klingt provozierend einfach.

Jahrzehnte habe ich mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet. Ihnen gilt meine Aufmerksamkeit und Verbundenheit immer noch. Mir liegt nach wie vor an ihrer Zukunft. Ich kann meinem Beruf nicht mehr nachgehen, kann mich nicht mehr für sie einsetzen. Ihnen ist das Buch gewidmet.

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