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2012 - Folge 12

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Die Nadel der Götter

von Oliver Fröhlich

Der Mann in Weiß ging in seiner Zelle auf und ab. Es musste einen Ausweg geben. Es musste! Aber wie sollte er entkommen, jetzt, da er nicht mehr aus Energie, sondern aus Materie bestand? Er drückte die Finger gegen die Betonwand, doch sie glitten nicht einmal einen Millimeter tief hinein.

Mit der Weltuntergangsmaschine stimmte etwas nicht, er konnte es deutlich spüren. Doch wie sollte er zu ihr gelangen, wenn er weder Wände zu durchdringen, noch sich an einen anderen Ort zu versetzen vermochte? Der Mann in Weiß versuchte, sich seine Unruhe nicht anmerken zu lassen. Den Blicken seiner Sklaven zufolge glückte ihm das nur unzureichend. Und dann konnte er nicht mehr an sich halten. Er umklammerte den Gitterstab und brüllte seine Verzweiflung hinaus.

Tom Ericson starrte durch die Windschutzscheibe des Renault in den dichten Nebel. Menschen tauchten aus den Schwaden auf, liefen an dem Wagen vorbei und verschwanden wieder in den wattigen Schleiern. Das, was ihm eben noch als kopfloses Umherlaufen erschienen war, entpuppte sich bei genauerem Hinsehen als Flucht.

Das Auto hatte Audric Guignard aus dem Fuhrpark von Interpol in Lyon abgezweigt und ihnen zur Verfügung gestellt. Auf der Fahrt zum Forschungszentrum CERN hatte sich der hochgewachsene Spencer McDevonshire bereits mehrfach glücklich darüber geäußert, endlich der Enge seines gemieteten Fiat 500 entkommen zu sein.

Der Anlass ihrer Reise bestand in nichts Geringerem als der Rettung der Welt. Sie hatten erfahren, dass Mitglieder der Loge um den Mann in Weiß in CERN eingedrungen waren. Vermutlich hofften sie, die Weltuntergangsmaschine könne an diesem energiereichen Ort genügend Kraft für die Aufgabe tanken, einen Kometen zur Erde zu leiten. Da Tom das chaotische Wetter und eine Unzahl von Naturkatastrophen überall auf der Welt für Nebenerscheinungen ihres unseligen Wirkens hielt, schien der Plan der Indios zumindest in dieser Hinsicht aufzugehen.

Allerdings hatte Audric Guignard, der in seinem Büro zurückgeblieben war, während der Fahrt Richtung Genf telefonisch durchgegeben, dass ein Einsatzteam der Polizei die fünf Eindringlinge festgenommen habe. Unter ihnen der Mann in Weiß, von dem Tom wusste, dass er durch Wände gehen konnte. Warum sich diese geheimnisvolle Gestalt der Verhaftung nicht einfach entzogen hatte, war für ihn ein Rätsel. Aber eines, dessen Lösung er auf später verschob.

Im Augenblick war es wichtiger, die Weltuntergangsmaschine aus der Anlage zu bergen, denn die Evakuierung der CERN-Beschäftigten wies darauf hin, dass sie sich tatsächlich noch dort befand.

Das Smartphone in Toms Jackentasche brummte und vibrierte. Das Gerät gehörte Robert Sanderson, einem Kollegen von Spencer McDevonshire. Tom holte es hervor. Auf dem Display leuchtete die Nummer von Audric Guignard.

Er aktivierte den Lautsprecher. »Was gibt’s?«

»Neuigkeiten von der Polizei in Genf«, erklang die Stimme des Franzosen. Mit der Hilfe von Sanderson, einem begnadeten Computerfachmann, hatte Guignard sich nicht ganz offiziell in die Rechnersysteme der Kollegen aus der Schweiz eingelinkt und bekam deshalb alle Entwicklungen zeitnah mit. »Der Leiter von CERN hat Bombenalarm ausgelöst und die Evakuierung angeordnet. Ein Räumkommando ist bereits unterwegs.«

Der Archäologe bedankte sich und legte auf. Ein herzhafter Fluch verließ seine Lippen. »Wir müssen die Maschine da rausholen, bevor die Bombenspezialisten auftauchen!«

»Guter Plan«, sagte McDevonshire. »Dazu müssten wir aber erst einmal wissen, wo sie überhaupt liegt!«

»Das muss doch rauszufinden sein.« Tom lenkte den Renault durch den Nebel, bis rechter Hand ein kuppelförmiges Gebäude auftauchte. Der Globe of Science and Innovation, wie er von den Lageplänen wusste. Das gigantische Gebilde, das in den Schwaden wie aus rostigen Streben zusammengesetzt erschien, lag am Rand des CERN-Geländes. Bei den Sichtverhältnissen hätte es aber genauso gut mitten im Nirgendwo stehen können.

Dennoch beschloss Tom, dass es eine ausreichend gute Orientierungsmarke darstellte. Er parkte den Wagen am Straßenrand und stieg aus. McDevonshire folgte ihm.

»Hier gibt es sicher irgendwo Wegweiser«, sagte Tom. »Verwaltung, Labor, Kantine, Bombe.«

»Vermutlich. Aber finden Sie die in dieser Suppe erst einmal!«

Sie überquerten die Straße. Erst als sie die andere Seite erreichten, schälte sich ein weiteres Gebäude mit verspiegelten Glastüren aus dem Nebel. Die Rezeption? Ein Glatzkopf hetzte heraus. Die Haare in seinem Gesicht wucherten wie Gestrüpp. Als er an ihnen vorbeilief, packte Tom seinen Oberarm und brachte ihn so zum Stehen. Hinter der Hornbrille wirkten die Augen des Mannes klein und ängstlich.

»Was ist hier los?«, fragte der Archäologe.

Zwar bedachte der Glatzkopf Tom und McDevonshire mit einem skeptischen Blick, hinterfragte in seiner Aufregung aber nicht deren Autorität. »Bombenalarm«, keuchte er. »Evakuierung.«

»Und wo soll diese Bombe liegen?«

Der Glatzkopf löste sich aus Toms Griff. »Keine Ahnung. Gehören Sie zum Räumkommando?«

»Nein, aber …«

»Dann sehen Sie lieber zu, dass Sie verschwinden!« Sprach’s und tauchte in den Nebel.

Da erschien neben dem Gebäude ein zweiter Mann. Mitte dreißig, Geheimratsecken, gehetzter Gesichtsausdruck. Er würdigte sie keines Blickes und wollte an ihnen vorbeieilen, doch McDevonshire stellte ihm seine imposanten annähernd zwei Meter in den Weg.

»Commissioner McDevonshire von Interpol.« Er reckte dem Neuankömmling etwas entgegen, was genauso gut ein Führerschein hätte sein können. Um eine Dienstmarke handelte es sich jedenfalls nicht, denn der Polizist war seit einigen Tagen suspendiert. »Wo werden die Kollegen vom Räumkommando erwartet?«

Der Mann stutzte nur kurz. »Beim Zugangsgebäude zum Beschleuniger.« Er deutete in den Nebel. »Zwei-, dreihundert Meter in diese Richtung. Ein Flachbau. Dr. Germaine wartet davor auf Sie.«

»Dr. Germaine?«

»Der Institutsleiter.«

»Nicht gut«, sagte McDevonshire, nachdem der CERN-Beschäftigte außer Sicht – also etwa fünf Schritte entfernt – war. »Dem werden wir kaum vormachen können, dass wir die Vorhut bilden.«

Tom scherte sich nicht darum und setzte sich in Bewegung. »Wenn uns keine andere Möglichkeit bleibt, müssen wir ihn zwingen, dass er uns begleitet.«

»Das ist doch aussichtslos«, widersprach McDevonshire. »Das echte Räumkommando kann jeden Augenblick eintreffen. Wenn wir auf dem Rückweg den Kollegen in die Arme laufen …«

»Mag sein, aber uns bleibt keine andere Wahl!«

»Ich fürchte, uns bleibt nicht einmal diese.« Der Ex-Commissioner wies in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Wie ein Ungetüm rollte ein Panzerwagen aus dem Nebel und an ihnen vorbei.

»Hinterher!«, rief Tom. »Vielleicht gibt es doch noch eine Möglichkeit.«

Doch er wusste, dass er mit diesen Worten nur die bittere Wahrheit leugnen wollte. Und die lautete: Sie waren zu spät gekommen!

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Didier Buiel konnte die Augen kaum noch offen halten. Seit Tagen fuhr er Doppelschichten und trug so dazu bei, die Lücken wenigstens einigermaßen zu schließen, die verantwortungslose Kollegen in Erwartung einer drohenden Katastrophe hinterließen.

»Welchen Sinn soll es haben, hier in Genf die Ordnung aufrechtzuerhalten, wenn ein paar Wochen später ein Komet die ganze Welt vernichtet?«, fragten die einen.

»Warum einzelnen Verbrechern nachspüren, wenn wir doch bereits alle zum Tode verurteilt sind?«, fragten andere.

Und mancher, der seine letzten Tage lieber mit der Erfüllung tiefster Wünsche ohne Angst vor Konsequenzen verbrachte, verspottete die pflichtbewussten Kollegen: »Ihr würdet ja sogar den Kometen verhaften, wenn ihr könntet!«

Buiel musste zugeben, dass ähnliche Gedanken auch ihn zuweilen lockten, die Brocken hinzuschmeißen. Wen scherten AIDS, Gefängnisstrafen und ein leeres Portemonnaie, wenn in ein paar Wochen der große Gleichmacher alle von diesen Sorgen befreite?

Dennoch widerstand er der Versuchung. Gerne redete er sich ein, das liege an seinem Pflichtbewusstsein. Zugleich war er sich aber bewusst, dass eher seine Angst dafür verantwortlich war. Vielleicht schlug der Komet doch nicht ein. Dann wollte er vor seinen Vorgesetzten nicht als unzuverlässig dastehen oder gar seinen Job verlieren.

Außerdem lenkte Arbeit ungemein gut von dem ab, was womöglich auf die Menschheit zukam.

Während er mit seinem Team im Ladebereich eines gepanzerten Einsatzfahrzeugs CERN entgegenschaukelte, fragte er sich trotzdem, warum er sein Leben mit der Sicherung einer Bombe riskierte. Wieso sollte er seine vielleicht letzten Tage aufs Spiel setzen, um die von anderen zu retten?

Du bist müde. Reiß dich zusammen und konzentriere dich auf den Einsatz!

Ein kurzes Rütteln des Panzerwagens riss Didier Buiel aus den Gedanken. Er musste für eine Sekunde weggenickt sein. Keines der Teammitglieder schien es bemerkt zu haben. Die Gesichter hinter den Kunststoffvisieren der kopfumschließenden Helme wirkten ausgezehrt. Seine Männer waren mit den Kräften genauso am Ende wie er selbst.

Das Einsatzfahrzeug rollte ein paar Meter rückwärts, dann erklang die Stimme vom Fahrersitz: »Wir sind da!«

Dennis Czaschek, der Einsatzleiter, klappte die Hecktür auf und gab die Sicht frei auf ein flaches Gebäude. Genau genommen gab er die Sicht auf ein paar Nebelschwaden frei, hinter denen man ein flaches Gebäude erahnen konnte.

»Lafayette!«, rief er dem Fahrer zu. »Sie und Gaboriau bleiben hier und sichern den Laden von außen!«

Normalerweise hätte ein gesonderter Trupp sie für diese Aufgabe begleitet. Da aber zu viele Kollegen mit Dingen beschäftigt waren, die unter normalen Umständen AIDS, Gefängnisstrafen oder ein leeres Portemonnaie nach sich ziehen mochten, und seit einigen Stunden das Chaos in Genf und Umgebung spürbar zugenommen hatte, mussten sie mit einem Rumpfteam auskommen. Und selbst dieser Begriff war noch geschönt.

Ein Vielfaches an Einsätzen mit einem Bruchteil an Personal. Großartig!

»Buiel, Danzer, Sie nehmen die Kiste. Assolant, Sie tragen die Instrumente. Auf geht’s!«

Bei dem, was Czaschek so nachlässig als Kiste bezeichnete, handelte es sich um einen Spezialbehälter zum Abtransport von Explosivkörpern, der im Falle einer Detonation einen Großteil der Energie absorbierte. Natürlich hing es von der Stärke der Explosion ab, wie viel letztlich doch noch nach außen drang.

Sie sprangen aus dem Wagen.

Es empfing sie ein hagerer Mann Mitte fünfzig mit sorgfältig gescheiteltem grauen Haar, der sich als Dr. Germaine vorstellte. Er erklärte ihnen den Weg in die Tiefe und brachte sie auf den aktuellen Sachstand. »Wir haben alle Sicherheitstüren für Sie freigeschaltet. Aber es ist noch jemand unten«, sagte er zum Abschluss. »Niemand von CERN, sondern ein Gastwissenschaftler. Dr. Daniel Lescroart. Er hat sich geweigert, die Anlage zu verlassen.«

»Schnappen Sie ihn sich!«, erklang plötzlich eine zweite Stimme hinter ihnen. »Der Typ ist total irre! Er hat ATLAS ruiniert!«

»Und wer sind Sie?«, fragte Czaschek.

»Professor Bevers. Sie müssen den Kerl …«

»Sie müssen jetzt erst mal von hier verschwinden. Sie und Dr. Germaine. Vielen Dank für Ihre Hilfe. Ab hier übernehmen wir.«

Diese Abfuhr knickte den Professor sichtlich. Er hob zu einer Antwort an, überlegte es sich dann aber anders und hielt den Mund.

Der Weg nach unten erwies sich als unproblematisch: ein Aufzug und anschließende Gänge und Treppen. Als sie endlich den Beschleunigertunnel betraten, verspürte Didier Buiel einen Anflug von Enttäuschung.

Obwohl er in Genf lebte, hatte er CERN noch nie von innen gesehen. Er wusste nicht, was er erwartet hatte. Aber diese blaue Röhre und der schmale Gang hielten nicht einmal annähernd das, was der wuchtig klingende Name Large Hadron Collider versprach.

Noch ernüchternder wirkte der Anblick eines kleinen Raums gleich neben dem Tunneleingang. Ein Fahrradkeller, war der erste Gedanke, der Buiel durch den Kopf zuckte.

Tatsächlich blickten sie auf eine Reihe von Herrenrädern, die vereinzelt sogar über Anhänger verfügten.

Didier Buiel wusste, dass der Teilchenbeschleuniger einen Umfang von knapp siebenundzwanzig Kilometern aufwies. Er hatte sich aber nie Gedanken darüber gemacht, wie man diese Strecke am schnellsten zurücklegte. Mit Fahrrädern hatte er nicht gerechnet. Das wirkte auf ihn so … banal.

Dennis Czaschek deutete die Blicke seines Teams richtig. »Es geht hier nicht um Würde, sondern um Tempo. Also aufsitzen!«

Sie stellten den Sicherheitsbehälter auf einen der Anhänger und fuhren los. Eine gute Viertelstunde später erreichten sie die Abzweigung in den Seitengang, den Dr. Germaine ihnen beschrieben hatte.

Die Tür vor ihnen stand wie alle bisherigen auf ihrem Weg offen. Am anderen Ende des Gangs thronte eine fast deckenhohe Apparatur, die nur aus Röhren zu bestehen schien. Imposant, aber nicht die Bombe.

Sie stiegen von den Rädern und betraten mit der Ausrüstung den abzweigenden Tunnel. Auf halber Höhe mündete ein weiterer Gang ein, an dessen Ende sie das Labor wussten.

Und in ihm den Sprengkörper.

Didier Buiel folgte dem Einsatzleiter in den Raum und war wiederum enttäuscht. Zum einen wirkte das Labor, als habe man es nur provisorisch eingerichtet: ein großer Tisch in der Mitte, gesäumt von etlichen technischen Geräten, ein kleinerer mit einem Telefon, zwei nachlässig aufgetürmten Papierstapeln und zwei Bleistiften etwas abseits. Kabel verliefen kreuz und quer über den Boden. Ein sonderbarer Geruch lag in der Luft, eine Mischung aus Schweiß und angesengten Haaren.

Die Quelle dieses Aromas stand an einen Hochschrank gelehnt, trug einen offenen weißen Laborkittel und starrte ihnen aus großen Augen entgegen. Das musste Dr. Lescroart sein, der evakuierungsunwillige Wissenschaftler. Auf seiner hohen Stirn glänzten dicke Schweißtropfen. Die Haare standen ihm wirr vom Kopf ab. Dunkle Schmierstreifen wie von Ruß verunzierten sein Gesicht. Was hatte der Kerl angestellt?

Der zweite Grund für Buiels Enttäuschung ruhte auf dem Tisch in einem schlichten Metallring mit drei kurzen Beinen. Eine Kugel, deren Einzelteile sich verschoben, drehten, ins Innere absanken und dafür anderen Teilen Platz machten. Das sollte die Bombe sein?

»Wir müssen Sie bitten, den Raum zu verlassen«, sagte Dennis Czaschek zu dem Wissenschaftler.

Der Satz riss Lescroart aus seiner Lethargie. »Was? Nein! Ich kann nicht weg. Ich muss herausfinden, warum dieses Ding den TriCore …« Er unterbrach sich, als habe er etwas gesagt, was er nicht sagen dürfte. »Aber ich komme nicht ran. Ich …«

»Hören Sie«, begann Czaschek. Die Geduld in seiner Stimme wies merkliche Risse auf. Auch ihm sah man die Müdigkeit und die Anstrengungen der letzten Tage an. Er deutete auf einen Mann aus dem Team. »Monsieur Danzer wird Sie nach oben begleiten. Wenn wir uns um die Bombe kümmern, können wir Sie hier nicht gebrauchen. Und wenn Sie nicht freiwillig gehen, dann …«

»Aber das ist keine Bo-«

»… schaffen wir Sie eben mit Gewalt raus!«, beendete Czaschek den Satz. Er gab Antoine Danzer einen Wink, den dieser sofort verstand. Ehe der Wissenschaftler sich versah, stand der Polizist bei ihm, zog ihn vom Hochschrank weg und nahm ihn in den Polizeigriff.

Lescroart schrie, doch der Großteil seiner Worte ging in einem unverständlichen Mischmasch aus Englisch, Französisch und Fachchinesisch unter. Didier Buiel schnappte lediglich ein paar Fetzen von »keine Bombe«, »nicht anfassen« und »im Dienste der Wissenschaft« auf, dann führte Danzer den Mann aus dem Labor.

Jean Assolant, der Techniker im Team, trat an den Tisch mit der merkwürdigen Kugel heran und ging so weit in die Knie, dass sich seine Augen auf gleicher Höhe mit dem Gegenstand befanden. Eine Minute lang beobachtete er die Bewegungen der Einzelteile. Dann stellte er sich aufrecht hin und schüttelte den Kopf.

»So etwas habe ich noch nie gesehen. Ich habe versucht, durch die Lücken ins Innere dieses Dings zu blicken, es aber nicht geschafft. Ich entdecke keine Drähte, Zünder oder Sprengmittel.«

»Das bedeutet?«, fragte Czaschek.

»Ich denke, dieser Wissenschaftlerkerl hatte recht. Das ist keine Bombe. Auf mich wirkt dieser Ball eher wie ein mechanisches Schmuckstück. Diese grünen Elemente sehen aus wie Stein. Jade vielleicht.«

»Vorschlag?«

Assolant zuckte mit den Schultern. »Ich sehe nichts, was ich entschärfen könnte. Und falls doch, wüsste ich nicht, wie.«

»Aber es muss eine Energiequelle besitzen«, wandte Didier Buiel ein. »Wie sollten sich sonst die Einzelteile bewegen? Und hört ihr nicht dieses Brummen?«

»Doch, natürlich«, antwortete Assolant. »Dennoch bin ich im Augenblick ratlos. Ich schlage vor, wir nehmen die Kugel mit.«

Czaschek dachte einen Moment nach. »Okay.«

Für Didier Buiel war dieses Wort gleichbedeutend mit der Aufforderung, die Kiste zum Tisch zu bringen. In der Zwischenzeit zog sich Assolant dicke Sicherheitshandschuhe an, die bis zum Ellenbogen reichten. Vorsichtig griff er mit beiden Händen nach der Kugel – und erstarrte. Seine Augen weiteten sich. Erst zeigte seine Miene Überraschung, dann Entsetzen und Schmerz.

»Was …?«, entfuhr es ihm. Ein sichtbares Zittern durchlief seinen gesamten Körper.

»Was ist los?«, fragte Czaschek.

»Wo kommt das Feuer her? Die Lava … und … und … ich kann nicht mehr … so heiß … so unglaublich heiß …«

»Lassen Sie das Ding los!«, befahl der Einsatzleiter.

Assolant gehorchte nicht. Stattdessen ertönte plötzlich ein Knistern. Rauchwölkchen quollen unter dem Helmrand hervor. Der Geruch nach versengten Haaren nahm zu.

Buiel machte einen Schritt auf den Kollegen zu. Wollte ihn von der Kugel wegreißen. Er kam nicht weit. Czaschek packte ihn am Oberarm und hielt ihn zurück.

»Vorsicht!«, brüllte der Einsatzleiter.

Im nächsten Augenblick ertönte ein dumpfes Puffen wie bei einer Gasexplosion und Assolant stand in Flammen. Und noch immer ließ er die Kugel nicht los.

Instinktiv wusste Buiel, dass Czaschek ihm das Leben gerettet hatte. Sie konnten nichts mehr für den Kollegen tun.

Nur wenige Sekunden später fand die Tragödie ein Ende. Genauso unvermittelt, wie die Flammen aufgelodert waren, erloschen sie wieder. Assolants Griff um die Kugel lockerte sich und sein verkohlter Körper kippte stocksteif nach hinten um.

Fassungslos starrte Buiel auf den Leichnam. Er wollte sich nach ihm bücken, doch erneut hielt Czaschek ihn zurück. »Nein! Wir müssen erst dieses … Ding hinausschaffen. Stellen Sie die Kiste vor den Tisch und öffnen Sie sie.«

Buiel gehorchte. In der Zwischenzeit sah sich Czaschek im Raum um. Sein Blick blieb an dem Hochschrank hängen. Er öffnete ihn und ein Besen kippte ihm entgegen. »Perfekt! Treten Sie zur Seite!«

Der Einsatzleiter schnappte sich den Stiel, trat an den Tisch, nahm Maß und schob mit dem Besen die Kugel mitsamt dem Sockel auf die Kante zu. Noch einmal kontrollierte er, ob die Kiste richtig stand, dann versetzte er dem Höllending einen ...

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