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2012 - Folge 10

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Im Bann der Loge
  4. Leserseite
  5. Vorschau

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Im Bann der Loge

von Oliver Fröhlich

Es war zu spät, um den Sturz zu verhindern. Der Riemen der Tasche mit Jandros Gewicht daran schnitt tief in Toms Hals, schnürte ihm die Luft ab. Tom versuchte eine Hand unter den Riemen zu schieben, mit der anderen griff er über den Korbrand hinweg blindlings nach Alejandro. Der Junge hing jetzt nur noch an einer Hand da, die Finger fest um den Riemen geschlossen. Er gab keinen Laut von sich.

Maria Luisa schrie den Namen ihres Bruders.

Und dann löste sich der mörderische Zug um Toms Hals wieder … als der Trageriemen peitschend riss. Einen Moment lang schien Jandro noch in der Luft zu hängen, die Tasche mit der Weltuntergangs-Maschine am zerfetzten Riemen in der Hand.

Dann stürzte er in die Tiefe.

In einem blitzschnellen Reflex schoss Toms Arm nach unten. Er bekam das Handgelenk des Autisten zu fassen und umklammerte es, als ginge es um sein eigenes Leben. Und das stand durchaus ebenfalls auf dem Spiel, denn sein Oberkörper hing halb über den Korbrand.

Er verlagerte das Gewicht nach hinten und zog Jandro so einige Zentimeter nach oben. Doch der Junge hing wie ein Sack in seinem Griff und half ihm nicht einmal dadurch, dass er seinerseits Toms Handgelenk umfasste.

Die Kraft in Toms Fingern ließ nach. Schweißtropfen sammelten sich auf seiner Stirn und in der Handfläche.

»Du musst mir helfen!«, keuchte er.

Aber Alejandro half ihm nicht. Regungslos hing der Autist außerhalb des Ballonkorbs. Wie hoch mochte der Gasballon jetzt sein? Fünfzig Meter oder höher? Nur Toms glitschiger werdende Rechte bewahrte den Jungen vor dem Sturz in den Tod. Sein Blick ging an dem des Archäologen vorbei, so als nehme er Tom gar nicht wahr. Vielleicht entsprach das sogar der Wahrheit.

Die Situation hatte für Maria Luisas Bruder jegliche Ordnung verloren. Häufig hatte er in solchen Momenten einfach abgeschaltet. So wie jetzt.

Gerne hätte Tom die Linke zu Hilfe genommen, aber mit ihr krallte er sich im Korbrand fest und verhinderte, dass Alejandro ihn in die Tiefe riss.

Und dann, als wäre sich der Junge seiner Situation urplötzlich doch noch bewusst geworden, erwachte er aus seiner Starre und verfiel ins andere Extrem. Er begann zu schreien und um sich zu schlagen!

»Hör auf!«, brüllte Tom.

Jandro achtete nicht auf ihn. Die Bowlingkugeltasche in der anderen Hand des Autisten schleuderte hin und her und mit ihr die Weltuntergangs-Maschine, hinter der die Loge um den Mann in Weiß her war. Tom fürchtete, der Junge würde sie fallen lassen.

Im nächsten Augenblick schämte er sich für den Gedanken. Wie konnte ihm dieses schreckliche Gerät wichtiger sein als Jandro selbst?

Weil von der Maschine nicht nur das Überleben eines einzelnen Mannes, sondern das der ganzen Menschheit abhängt! Wenn sie in die falschen Hände gelangt …

Alejandros Schwester tauchte neben Tom am Korbrand auf. Die Panik war ihr ins Gesicht geschrieben. »Beruhige dich, Jandro!«

Als der Autist Maria Luisas Stimme vernahm, entspannte er sich. Für Tom bedeutete das jedoch nur einen Zeitgewinn von wenigen Sekunden. Seine Finger verkrampften und pulsierten vor Schmerz. »Ich … kann ihn nicht mehr halten«, ächzte er.

»Du musst! Tom, bitte! Du musst!« Sie beugte sich über den Korbrand, wollte Jandro ebenfalls zu fassen bekommen, aber sie reichte nicht bis zu ihm hin.

»Es – geht – nicht«, quetschte Tom zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

»Alejandro!«, sagte sie bestimmt, aber um Ruhe bemüht. »Hilf Tom, dich hochzuziehen. Bitte, halt dich an ihm …«

Da rutschte die Hand des Autisten durch Toms feuchte Finger. Ohne einen Laut von sich zu geben, verschwand er in der Tiefe.

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Mit großen Augen starrte Commissioner Spencer McDevonshire in den Himmel über dem Petersplatz in Rom.

Zwanzig oder gar dreißig Gasballons stiegen unter dem Jubel der Zuschauer in die Höhe. Und in einem von ihnen stand Tom Ericson mit seinen Begleitern.

Sie waren entkommen! Schon wieder.

Und er hatte verloren.

Nein! McDevonshire war noch nicht bereit, sich geschlagen zu geben. Er hatte zu viele Regeln übertreten, zu häufig die Anweisungen seines schnöseligen Vorgesetzten Walter Jorgensen missachtet. Da konnte, da durfte er nicht mit leeren Händen nach London zurückkehren.

Er warf sich herum und hastete die Via della Conciliazone zurück. Immer wieder blickte er in den Himmel.

Welcher war Ericsons Ballon? Dort, der dunkelrote! Noch konnte er die drei Personen darin deutlich ausmachen, aber das Luftgefährt stieg unaufhörlich.

Endlich erreichte er seinen Wagen. Da er auf eigene Faust nach Rom gekommen war, verfügte er über kein Dienstfahrzeug. Stattdessen hatte er sich ein Leihauto besorgen müssen. Einen grauen Fiat 500, der so klein war, dass ihn eine Frau in der Handtasche mit sich hätte herumtragen können.

Seit gestern war es mit über fünfundzwanzig Grad im Dezember ungewöhnlich warm in Rom. So reichte der kurze Spurt aus, McDevonshire den Schweiß auf die Stirn zu treiben. Er entledigte sich seiner Jacke, warf sie über die Lehne des Fahrersitzes hinweg auf die Rückbank und quetschte sich in den Kleinwagen. Durch die Windschutzscheibe versuchte er einen Blick auf die Ballons zu erheischen, aber die waren hinter den ihn umgebenden Häusern verschwunden.

Ohne auf das Hupen der anderen Verkehrsteilnehmer zu achten, drängte er sich aus der Parklücke. Als er wendete und den Fiat die Via della Conciliazone entlang auf den Tiber zu steuerte, schwoll das Hupen zu einem wütenden Konzert an.

Fuhr er etwa in einer Einbahnstraße in die falsche Richtung? Egal. Wenn er Ericson und seine Kumpane nicht aus den Augen verlieren wollte, blieb ihm nichts anderes übrig.

Er war noch nicht weit gekommen, da sah er, dass sich die Autos auf der übernächsten Querstraße stauten. Der alltägliche Wahnsinn auf Roms Verkehrsadern. Alle Motorhauben wiesen nach rechts. Also wieder eine Einbahnstraße! Bei den Blechmassen, die sich darauf drängten, hätte McDevonshire auf dieser jedoch keine Chance, gegen den Strom zu fahren.

Kurzentschlossen riss er das Steuer herum und bog in die Via della Traspontina ein. Auch hier kam er nur mühsam voran. In zweiter Reihe geparkte Lieferwagen, Baustellen und Fußgänger hielten ihn auf.

Er umkurvte Fahrradfahrer, missachtete Vorfahrtsregeln, weitere Einbahnstraßen und rote Ampeln. Dabei versuchte er stets, die Ballons im Blick zu behalten. Was ihm mehr schlecht als recht gelang.

Vorbei an Kirchen und Cafés, über den Tiber Richtung Osten, über Brücken hinweg und unter welchen hindurch, vorbei an Friedhöfen, Supermärkten, Hotels, Spielhallen und Parks. Innerhalb kürzester Zeit hatte er die Orientierung verloren.

Inzwischen waren die Ballons weit auseinandergetrieben und fuhren in unterschiedlichen Höhen dahin. Von den Passagieren in den Körben war mit bloßem Auge längst nichts mehr zu sehen.

Glücklicherweise hatte sich McDevonshire Ericsons dunkelrotes Fluchtgefährt gut genug eingeprägt, dass er es auch aus der Ferne erkannte.

Dennoch kamen allmählich Zweifel in ihm auf. Konnte er mit einem Auto einen Ballon einholen? Er hatte keinen blassen Schimmer, welche Geschwindigkeiten so ein Ding erreichte. Die des Windes vermutlich. Und wenn dieser langsamer blies als ein Auto fuhr, konnte es gelingen. Dafür war ein Ballon nicht an Straßen gebunden – und an vollgestopfte schon gar nicht.

Trotzdem würde er nicht aufgeben! Nicht, solange er Ericsons Ballon zu sehen vermochte.

Noch immer wusste McDevonshire nicht, was er von dem Archäologen halten sollte. Einerseits konnte er sich nur schwer vorstellen, dass Ericson tatsächlich für die Taten verantwortlich war, die man ihm anlastete. Wer hätte je von einer Verbrechergruppe gehört, zu der ein Altertumsforscher mit bislang untadeligem Ruf, die unbescholtene Tochter eines Hotelbesitzers und deren autistischer Bruder gehörten?

Andererseits hatten die Beweise ein schier erdrückendes Gewicht. Außerdem befanden sich der Archäologe und die Suárez-Geschwister eindeutig auf der Flucht. Hätten sie sonst einen Ballon bei dem Festival gekapert und sich damit aus dem Staub gemacht? Und auch ihr plötzliches und für McDevonshire noch immer unerklärliches Verschwinden in Stonehenge sprach nicht gerade für sie.

Oder interpretierte er die Sachlage falsch?

Ausgerechnet der letzte Fall vor dem Ruhestand erwies sich als Stolperstein – und dabei hatte er ihn anfangs noch an seinem Vorgesetzten vorbei an sich gerissen.

Jorgensen, sein Vorgesetzter, hatte ihn inzwischen hinter den Schreibtisch verbannt: »Bringen Sie Ihre Akten in Ordnung, bevor Sie uns verlassen. Sortieren Sie von mir aus Ihre Büroklammern und Gummiringe nach Farbe und Gewicht. Aber überlassen Sie die Außeneinsätze zukünftig den jüngeren Kollegen!«

Jorgensen zählte ihn zum alten Eisen, das war offensichtlich. Kurz nachdem man ihm den Schnösel als neuen Sektionsleiter vor die Nase gesetzt hatte, musste McDevonshire plötzlich alle vier Wochen zur Statistikanalyse antanzen, genauso oft Motivationsgespräche über sich ergehen lassen, Berichte anders formatieren als all die Jahre zuvor und Jorgensens besserwisserische Art ertragen. Der Kerl entblödete sich ja nicht einmal, in den Fallakten rumzuschmieren, wenn er einen Grammatikfehler zu entdecken glaubte.

In kürzester Zeit war es dem Kerl durch seine bloße Existenz gelungen, den Commissioner bis aufs Blut zu reizen. Und so kam es zu jenem einschneidenden Erlebnis vor einem Jahr, als Jorgensen ihn antanzen ließ, um ihn »auf ein paar Selbstverständlichkeiten hinzuweisen«.

»Wissen Sie, McDevonshire«, hatte er gesagt, »die Grundlage jeder erfolgreichen Verbrecherjagd ist die tiefgreifende Kenntnis der Strukturen. Und dazu gehört auch der Umgang mit dem Computer!«

Bei dem Commissioner war in diesem Augenblick eine Sicherung durchgebrannt, und er hatte sich zu einer Antwort hinreißen lassen, die er in nächsten Moment am liebsten zurückgezogen hätte: »Sagen Sie mir nicht, was einen fähigen Polizisten ausmacht! Ich habe schon Verbrecher gejagt, da hat man Ihnen noch die Windeln gewechselt!«

Worauf Jorgensen die Antwort gab, die McDevonshire noch heute im Kopf umging: »Sehen Sie, und ich werde noch welche jagen, wenn man Ihnen die Windeln bereits wieder wechselt.«

In diesem Moment war der Graben, der zwischen ihnen klaffte, zu einer unüberwindlichen Schlucht aufgebrochen.

Und deshalb würde er Jorgensen den Triumph seiner Niederlage niemals gönnen. Er musste Ericson erwischen und diesen Fall lösen, und wenn sein Vorgesetzter noch so sehr versuchte, ihn bis zum Ruhestand hinter einem Schreibtisch zu parken.

Konzentrier dich!, ermahnte er sich. Wenn du mit Gedanken in der Vergangenheit hängst, wirst du dem Ballon nie folgen können!

Nur unterbewusst hatte er mitbekommen, dass Rom inzwischen hinter ihm lag. Endlich war er den engen Sträßchen und dem Verkehr entkommen. Andererseits war das Wegenetz nun nicht mehr so eng geknüpft, dass er in jede beliebige Richtung fahren konnte. Er musste dem Straßenverlauf folgen, der aber nicht unbedingt dem Kurs des Ballons entspr-

Was zum Teufel war denn das? Aus dem Korb von Ericsons Gefährt hing etwas heraus. Ein Sack? Oder gar … ein Mensch?

McDevonshire hielt am Straßenrand und kramte hastig in der Tasche auf dem Beifahrersitz. Unter zwei Tüten mit Weingummi, einer Straßenkarte und einem Notizblock zog er ein Fernglas hervor und presste es an die Augen. Es dauerte ein paar Sekunden, bis er den dunkelroten Ballon durch den Feldstecher sah. Und dann stockte ihm der Atem.

»Was zum Teufel geht da oben vor sich?«

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Splitter des Untergangs

Auszug aus der Sendung »Anthony Cooper 360°« auf CNN; zu Gast Professor Dr. Jacob Smythe, wissenschaftlicher Berater des US-Präsidenten.

AC: »Vor kurzem haben Sie bekanntgegeben, dass ›Christopher-Floyd‹ seinen Kurs geringfügig geändert hat.«

JS: »Das ist richtig.«

AC: »Wie wir inzwischen erfahren haben, kam es etwa zur gleichen Zeit zu einem kleinen Erdstoß in Italien. Das Epizentrum befand sich direkt unter Rom. Besteht Ihrer Ansicht nach ein Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen?«

JS: »Definitiv nicht. Der Gedanke, ein so weit entfernter Komet könne derartige Auswirkungen besitzen, ist lächerlich.«

AC: »Ebenfalls seit dieser Zeit herrschen im Mittelmeerraum, vor allem aber in Italien, außergewöhnlich hohe Temperaturen.«

JS: »Wollen Sie das jetzt auch dem Steinbrocken im All anlasten? Nein, mein Freund, die Ursache dafür müssen Sie schon in der Nähe suchen. Schuld ist ganz alleine der Mensch. Und ich glaube, wir sollten uns langsam daran gewöhnen, denn das Ende ist noch nicht erreicht.«

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Die Sekunden von Jandros Fall dehnten sich für Tom zu Ewigkeiten. Er sah dem Jungen nach, nicht fähig, auch nur einen Laut von sich zu geben.

Die ausgebreiteten Arme verliehen dem Autisten die gespenstische Anmut eines Engels. Er wurde immer kleiner, was aber auch daran liegen konnte, dass der Ballon wegen des geringeren Gewichts anstieg. Kurz bevor Alejandro durch das Geäst eines Wäldchens krachte, zog er die Tasche mit der Weltuntergangs-Maschine an die Brust. Dann verschwand er zwischen den Bäumen.

Erst in diesem Augenblick wich die Schockstarre von Maria Luisa. »Neeeiiin!« Sie warf sich herum und packte die Leine, die den Parachute an der Ballonoberseite öffnete und das Gas ausströmen ließ.

»Was tust du?«, rief Tom.

»Wir müssen landen!«

Er griff sie am Handgelenk. »Warte! Schau!«

Fahrzeuge näherten sich dem Wäldchen, in das Jandro gestürzt war. Autos, Motorräder. Die Loge, dessen war sich Tom sicher! Wahrscheinlich sogar die Leute, die auf sie geschossen hatten.

»Das ist mir egal!« Maria Luisa riss sich los. »Ich kann meinen Bruder nicht alleine lassen!«

Aber er ist tot!, wollte Tom antworten. Einen solchen Sturz überlebt niemand!

Doch stimmte das auch? Wie oft hörte man von Fallschirmspringern, die trotz versagenden Schirms am Leben blieben, weil sie in einen Baum krachten? Zugegeben, nicht so oft. Aber es kam vor.

Jandro konnte den Absturz also tatsächlich lebend überstanden haben. Aber wie sollten sie gegen die Logenmitglieder ankommen, ohne eine einzige Waffe bis auf ein Taschenmesser?

Nein, runterzugehen wäre Selbstmord.

Andererseits, die Maschine der Loge zu überlassen, wäre erst recht Selbstmord. Und dazu Mord an sieben Milliarden Menschen!

Irgendwie war dieses verfluchte Gerät an der Kurskorrektur des Kometen schuld, so absurd der Gedanke erscheinen mochte. Toms Leben war vollgestopft mit unglaublichen Begebenheiten. Er hatte bereits zu viel erlebt, um die Kraft dieser Maschine ernsthaft anzuzweifeln. Und wenn er die Indios nicht daran hinderte, würden sie »Christopher-Floyd« auf der Erde einschlagen lassen.

»Du hast recht.« Er nahm Maria Luisa die Leine aus der Hand. »Aber es hilft niemandem, wenn wir uns bei der Landung den Hals brechen. Lass mich das machen.«

In der nächsten Minute ließ Tom nach und nach so viel Gas aus dem Ballon, dass der Wind sie knapp über Baumwipfelhöhe dahintrug. Der Wind trieb sie nach Norden, auf eine abschüssige Graslandschaft zu. Dort wollte er die Landung riskieren.

»Wie lange dauert das noch?«, fragte Maria Luisa ungeduldig. »Wir entfernen uns immer weiter von der Stelle!«

»Ich muss langsam runtergehen«, antwortete Tom. »Wenn wir zu schnell sind, kippen wir um und werden aus dem Korb …«

»Ja, ja, ich hab’s kapiert.« Sie umfasste den Korbrand und blickte nach hinten. Dorthin, wo sie Jandro wusste. Dann wandte sie sich wieder Tom zu. »Tut mir leid, aber das dauert mir zu lange.«

»Wie meinst du …?«

Maria Luisa packte die Ventilleine und zog daran.

»Verdammt, was soll das?« Er packte ihre Hand. »Du bringst uns noch … Scheiße!«

Der Ballon hielt direkt auf eine Korkeiche zu. Dank Maria Luisas Aktion fuhren sie zu tief, um über die Baumkrone hinweg zu kommen. Die verkrümmten Äste schienen sich ihnen in gieriger Erwartung entgegenzustrecken.

Hastig zog Tom an der Leine. Vielleicht konnte er den Korb vorher noch runterbringen. Selbst wenn sie heftig aufsetzten, war das einer Kollision mit einem Baum vermutlich vorzuziehen.

Er zerrte so kräftig an der Parachuteleine, dass er befürchtete, sie könne reißen. Sie verloren an Höhe.

Du schaffst das! Du schaffst das!

Ein paar Meter noch. Ein paar lächerliche Meter.

Du schaffst das …

… nicht!

»Runter!«, rief Tom. Er packte die Spanierin und drückte sie in den trügerischen Schutz hinter der Korbwandung. Äste krachten und splitterten, Zweige und Blätter regneten auf sie herab. Dann erschütterte ein mörderischer Ruck den Korb, als er gegen den Baumstamm krachte. Der Ellbogen der Spanierin bohrte sich in Toms Magengrube und ließ ihm die Tränen in die Augen schießen. Die Tasche mit den Aufzeichnungen Diego de Landas und der altertümlichen Kladde klatschte ihm gegen die Brust.

Maria Luisa stöhnte auf.

Dann kehrte Ruhe ein.

Mühsam rappelte Tom sich hoch und blickte über den Korbrand. Sie hingen gerade mal ein paar Zentimeter über dem Erdboden. Die Ballonseile hatten sich im Geäst der gut zwanzig Meter hohen Korkeiche verheddert.

Tom sprang aus dem Korb, trat ein paar Schritte zurück und blickte nach oben.

Die gasgefüllte Kugel schwebte majestätisch über dem Baum. Wie lange sie das noch tun würde, war jedoch ungewiss. Es sah so aus, als hätte sich ein Ast in die Hülle gebohrt. Allerdings im unteren Drittel.

Der Ballon saß jedenfalls fest. Mit ihm kamen sie nicht mehr hier weg.

Maria warf ihm die Tasche mit den historischen Aufzeichnungen zu, doch er deponierte sie unter dem Korb.

»Nehmen wir sie nicht mit?«, fragte sie.

»Wir holen sie auf dem Rückweg ab. Ich will nicht, dass die Dokumente der Loge in die Hände fallen.«

Auch Maria Luisa kletterte über den Korbrand und sprang heraus. Kaum war sie gelandet, rannte sie auch schon los, mit einem kaum merklichen Humpeln.

»Warte!«, rief Tom ihr nach. »Wenn wir eine Chance haben wollen, dürfen wir ihnen nicht blind in die Arme laufen!«

Tatsächlich bremste sie ab. »Was schlägst du vor?«

»Das können wir erst vor Ort entscheiden.«

Für die Strecke zurück zum Wäldchen brauchten sie beinahe eine halbe Stunde. Tom hätte nicht gedacht, dass sich der Ballon in den wenigen Minuten so weit von der Absturzstelle wegbewegt hatte.

Immer wieder sah er unterwegs himmelwärts. Er fürchtete, die Loge könne aus der Luft Verstärkung in Form eines Hubschraubers bekommen. Die restlichen Ballons konnte er nicht mehr sehen. Er wusste nicht, ob einer von ihnen gelandet war, um ihnen zur Hilfe zu kommen.

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