Logo weiterlesen.de
2012 - Folge 08

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Der zeitlose Raum
  4. Leserseite
  5. Vorschau

2012_logo.jpg

Der zeitlose Raum

von Timothy Stahl

Yucatán, Mexiko

Abby Ericson stürzte inmitten eines Regens aus Steinen und Erdreich in die Tiefe. Haltlos ruderte sie mit Armen und Beinen. Das durch den Dschungel grünlich gefärbte Licht war längst über ihr verschwunden. Jetzt herrschte Schwärze ringsum, durchbrochen nur vom Strahl ihrer davonwirbelnden Taschenlampe. Dann erlosch auch diese letzte Helligkeit.

Fast im gleichen Moment traf Abby ein ungeheurer Schlag, der ihr jeden Knochen im Leib zu stauchen schien. Dann schnappte Kälte um sie zu wie ein Maul aus Eis.

Reflexhaft holte sie Luft – und drohte zu ersticken.

Nein, nicht zu ersticken, sondern zu ertrinken!

Abby hatte Wasser eingeatmet. Ebenso reflexartig versuchte sie es auszuhusten, aber das ging nicht, denn sie befand sich unter Wasser, und sie versank, immer noch getrieben von der Wucht des Sturzes, tiefer und tiefer in die Eiseskälte.

Ironie des Schicksals – da hatte sie das Glück gehabt, sich beim Aufprall nicht den Hals gebrochen zu haben, sondern in einem unterirdischen Gewässer zu landen, und dann sollte sie darin ersaufen!

Mit aller Macht kämpfte sie gegen die Panik an, die sie zu überrollen drohte. Dabei half ihr, dass die Abwärtsbewegung langsam endete – und sich dann umkehrte. Abby spürte, wie sie wieder nach oben stieg.

Der Rucksack, dachte sie. Er war fast luftdicht verschließbar und verlieh ihr jetzt Auftrieb.

Abby raffte alle Kraft zusammen, die in ihrem auskühlenden Körper noch aufzutreiben war, und bewegte die Beine, um den Auftrieb zu unterstützen. Das Verlangen nach Luft wurde übermächtig. Ein, zwei Sekunden rang Abby noch gegen den Reflex, die Lippen zu öffnen, dann verlor sie dieses Ringen.

Doch es war Luft, die ihre Lunge füllte. Modrige, köstliche Luft!

Als sie die Hände bewegte, um sich an der Oberfläche zu halten, bemerkte sie, dass ihre Rechte immer noch die Tonröhre mit Diego de Landas Aufzeichnungen hielt. Gott sei Dank, das fünfhundert Jahre alte Behältnis war noch da. Sie schüttelte es. Kein Wasser darin. Die Siegelmasse, die den Zylinder verschloss, hatte ihren Zweck erfüllt.

Dunkel war es ringsum immer noch, aber immerhin nicht stockfinster. Von irgendwoher, auf den ersten Blick nicht zu lokalisieren, kam schwaches Licht, nicht mehr als ein Schimmer, der gerade ausreichte, um die Umgebung erahnen zu können.

Abby fand sich inmitten eines unterirdischen Wasserlaufs wieder. Über ihr spannte sich nur Schwärze wie ein sternenloser Nachthimmel. Die Decke war nicht zu sehen. Sie musste jedoch vorwiegend aus Kalkstein bestehen, der typisch für Yucatán war.

Zu erreichen war diese Decke ohnehin nicht. Abby musste einen anderen Weg finden, um hier rauszukommen.

Und erst einmal musste sie raus aus dem Wasser, dessen Kälte sie regelrecht lähmte. Mit etwas unbeholfenen Schwimmzügen, weil die nasse Kleidung sie behinderte, erreichte sie das Ufer des unterirdischen Flusses. Sie zog und stemmte sich auf den felsigen Streifen, der zwischen Fluss und Tunnelwand verlief, und jetzt erst merkte sie wirklich, wie kräfteraubend dieses knappe Überleben gewesen war.

Sie schaffte es nicht, aufzustehen. Das Herz raste in ihrer Brust, ihr wurde schwindlig und die Kälte ließ sie zittern und mit den Zähnen klappern. Minutenlang konnte sie nichts weiter tun, als sich an die Felswand zu lehnen und einfach nur zu warten, bis ihr Körper sich halbwegs erholt hatte.

Das gab ihr Zeit, ihre Situation zu rekapitulieren.

Tom war schuld.

Nein, korrigierte sie sich sogleich. Das war nicht fair. Es war ihre eigene Schuld, weil sie eingewilligt hatte, Tom den Gefallen zu tun, um den er sie gebeten hatte. Und weil sie ihm geglaubt hatte, als er sagte, die Sache sei ein »Klacks« – sie bräuchte nur nach Yucatán zu fliegen, der Karte zum versteckten Grab eines im 16. Jahrhundert gestorbenen Maya-Kaziken zu folgen und von dort einen Armreif mitzunehmen und was sonst noch in der Grabhöhle herumliegen mochte.

Im Vergleich zu vielen Dingen, die sie früher mit ihrem Exmann erlebt hatte, hörte sich das wirklich an wie ein Kinderspiel. Sie hatte nur vergessen, dass sich aus Toms Mund fast alles zunächst einmal anhörte wie ein Kinderspiel.

Und dann waren da noch Toms »Freunde«, von denen Tom lediglich glaubte, sie wären seine Freunde – weil er vergessen hatte, dass sie stinksauer auf ihn waren.

Xavier Soto war so ein Fall. Er hatte Abby als einheimischer Guide auf ihre Suche nach dem Dschungelgrab begleitet – und ihr den »Schatz«, den Armreif des toten Maya, abgenommen, kaum dass sie ihn gefunden hatten. Was sie ihm doppelt übel nahm, weil sie sich in der Nacht zuvor noch ausnehmend gut verstanden hatten …

Soto hatte sie niedergeschlagen und war verschwunden – und zwar mit dem Plan, den man brauchte, um die Falle, die das Maya-Grab sicherte, zu umgehen.

Abby hatte die Falle beim Versuch, das Grab auf gut Glück zu verlassen, ausgelöst, und so war sie hier gelandet, in der Unterwelt sozusagen, von den Maya einst Xibalbá genannt, »Ort der Angst«, wo die Toten Prüfungen und Kämpfe bestehen mussten, bevor sie ins Paradies einziehen durften.

Fast hätte Abby gegrinst bei dem abwegigen Gedanken, wirklich in der Xibalbá gelandet zu sein …

… bis sie, von den felsigen Wänden widerhallend, ein Ächzen vernahm wie das eines uralten Wesens, das aus äonenlangem Schlaf erwachte.

kapitel-1.jpg

An der schottischen Nordküste, Dezember 2011

Der Wind säuselte um die Trutzmauern der verlassenen Burg. Vom Atlantik, der am Fuß der Klippe gegen die Felsen brandete, trug er Kälte und Seegeruch heran. Einzelne dicke Schneeflocken wirbelten träge durch die Luft. Eine setzte sich auf Maria Luisas Nase. Tom tupfte sie mit einem Finger weg.

»Oake Dún?«, hatte sie gerade gefragt, und Tom nickte und sagte noch einmal: »Ja, das ist Oake Dún – einer der sichersten und geheimsten Orte der Welt. Hier finden sie uns nicht.«

»Was macht dich da so sicher? Bis jetzt haben sie uns noch immer und überall gefunden.« Maria Luisa folgte, während sie sprach, ihrem Bruder Alejandro, der sich ein paar Schritte entfernte, an der Burgmauer entlang, mit den Fingern Sprüngen im Mauerputz folgend.

»Sie«, das waren die Mitglieder einer geheimnisvollen Loge, die unter dem Befehl eines nicht weniger mysteriösen, völlig in Weiß gekleideten Mannes hinter ihnen her waren – beziehungsweise hinter etwas, das Tom in seinem Besitz hatte: dem »Himmelsstein«. Ein rätselhaftes, kinderfaustgroßes Artefakt, ein Objekt aus unbekanntem Material, geformt wie ein vielflächiger Kristall, das diese Loge und der »Mann in Weiß« unter keinen Umständen bekommen durften. Weil es – laut uralten Überlieferungen der Maya – so gefährlich war, dass die ganze Welt zu büßen hätte, wenn es in die falschen Hände geriet.

»Hier nicht«, bekräftigte Tom, und er sagte es nicht nur, um Maria Luisa zu beruhigen, sondern weil er wirklich davon überzeugt war: Auf Oake Dún würde die Loge sie nicht aufstöbern.

Oake Dún war bis vor einigen Jahren der Sitz einer Geheimorganisation gewesen, der er selbst einst angehört hatte: dem »Analytic Institute of Mysteries«, kurz A.I.M. Wirklich niemand außer den direkt Beteiligten wusste davon. Das Institut war nie ins Visier irgendwelcher Spinner, Verschwörungstheoretiker oder offizieller Geheimniskrämer geraten, hatte stets autark und unter jedem Radar operiert.

Heute war Oake Dún erst recht von der Welt vergessen – nichts weiter als eine leer stehende, verfallende Burg, wie es sie in Schottland zu Dutzenden gab.

Dieser letzte Gedanke versetzte Tom einen Stich. Sir Ian Sutherland hatte das Institut gegründet, er hatte dafür gelebt und es war mit ihm gestorben. Sutherland war aber auch ein Freund gewesen, und sein Tod schmerzte Tom immer noch.

»Na schön«, meinte Maria Luisa, als sie mit Jandro an der Hand wieder neben Tom trat. »Wollen wir dann nicht reingehen? Hier draußen wird’s langsam ungemütlich, trotz meiner Kuscheljacke.«

»Natürlich.« Sie standen vor dem Haupttor. Tom versuchte es zu öffnen. Es ging nicht. Aber er winkte ab. »Kein Problem, es gibt eine Seitenpforte. Kommt mit.«

Er ging voraus, immer am Fuß der Mauer entlang, bis sie das Seitenportal erreichten, eine Tür aus dem Holz jener alten Eichen, denen Oake Dún seinen Namen verdankte. Die Klinke ließ sich knirschend niederdrücken, die Tür selbst rührte sich nicht.

Tom beschloss, es am Zugang an der rückwärtigen Seite der Festung zu probieren, der in die unterirdischen Gewölbe führte. Wieder ging er voran. Der Weg dorthin würde beschwerlicher sein, der mit Schnee gepuderte Boden unebener, felsiger. Stellenweise hatten sich tückische Glatteisfallen gebildet.

Tom war schon ein Stück gegangen, als er bemerkte, dass Alejandro sich offenbar weigerte, mitzukommen. Er hielt sich immer noch bei der verschlossenen Tür auf. »Bitte, Jandro, mach schon«, hörte er Maria Luisa auf ihren Bruder einreden, »wir müssen hinter Tom her, damit wir ins Warme kommen. Du holst dir sonst noch eine Erkältung. Dieses Wetter bist du nicht gewohnt.«

Alejandro war … schwierig. Er war Autist und einerseits auf seine Schwester fixiert, andererseits hatte er aber auch seinen ganz eigenen Kopf, dem er stur folgte. Und wenn er manchmal nicht wollte, na ja, dann wollte er eben nicht.

Jetzt beharrte er darauf, beim Tor zu bleiben. »Da geht’s rein, da geht’s rein«, sagte er und tastete über das rissige Eichenholz.

»Aber die Tür ist abgeschlossen«, erklärte ihm Maria Luisa mit einer Engelsgeduld. »Wir müssen uns eine andere suchen, Jandro.«

»Nein, ist nicht abgeschlossen«, behauptete der stämmige junge Mann unbeirrt. Im nächsten Moment verstärkte er seine Anstrengungen an einer bestimmten Stelle, schien etwas wegzuschieben, dann umzuklappen – und plötzlich knirschte es vernehmlich und die Tür schwang nach außen auf.

Tom hetzte den Weg zurück zu Maria Luisa und Alejandro und staunte. »Wie hat er das gemacht?«

Die junge Spanierin schüttelte den Kopf. »Ich … weiß nicht. Er scheint irgendeinen geheimen Mechanismus ausgelöst zu haben.«

Alejandro nickte und deutete auf einige Risse, die bei näherer Betrachtung als zu regelmäßig erschienen, als dass Wind und Witterung sie geformt hatte. »Ein Rätsel!«, sagte er. »Nicht schwer.«

Tom kratzte sich am Kopf und schüttelte denselben. »Junge, du solltest mein Partner werden«, sagte er anerkennend. »Ich habe schon vor mehr als einer verschlossenen Grabkammer gestanden, aber nie war ich so schnell drinnen.«

Jandro lächelte in sich hinein. Tom war sich nicht sicher, ob er das Lob überhaupt verstanden hatte. Aber das spielte jetzt keine Rolle; wichtiger war es, endlich in den geschützten Bereich der Burg zu kommen. Er wies mit dem Arm auf den offenen Durchgang. »Wenn ich bitten darf …?«

kapitel-2.jpg

Yucatán

Abby zitterte. Zum einen immer noch wegen der Kälte, die ihren Körper mit der nassen Kleidung wie eine zweite Haut umschloss – und zum anderen wegen des Stöhnens, das noch sekundenlang durch den unterirdischen Felstunnel wehte.

Was es war, wollte sie in dieser Situation, wo ihr Entdeckersinn vor dem puren Überlebenswillen kapitulieren musste, gar nicht wissen.

Es wäre klug gewesen, sich in die andere Richtung abzusetzen. Dumm war nur, dass der einzige Lichtschimmer hier unten genau von dort zu Abby drang, wo auch das schaurige Ächzen herkam.

Und ihre Taschenlampe hatte sie verloren.

Wie kann ich Licht machen?, fragte sie sich. Das Feuerzeug? Nein, dessen Flamme reichte nicht weit und würde sie gleichzeitig blenden.

Das Telefon! Sie erinnerte sich an ihr Smartphone im Rucksack, dessen Xenon-Blitz man für Videoaufnahmen auch auf Dauerlicht stellen konnte. Hoffentlich war der Akku noch stark genug – und hoffentlich hatte es keine Feuchtigkeit abbekommen.

Rasch streifte Abby den Rucksack ab, verstaute, um die Hände frei zu haben, die Tonröhre mit den Aufzeichnungen darin und kramte das Smartphone hervor. Es war in seiner Lederhülle trocken geblieben und der Akku stand bei 86%. Sie kontrollierte auch den Netzempfang: null. Kein Wunder in dieser unterirdischen Kaverne.

Natürlich konnte die kleine Leuchte nicht mit der verlorenen Taschenlampe mithalten, aber besser als nichts und in dieser Lage vielleicht sogar die Rettung in der Not.

Abby aktivierte das Videolicht und hielt das Smartphone in die Richtung, die ihr am hoffnungsvollsten erschien. Doch diese Hoffnung zerschlug sich rasch.

Der Fluss, in den sie gestürzt war, schien keine zehn Meter entfernt vor einer im Streulicht grau und weiß schimmernden Felsklippe zu enden. In Wahrheit setzte er sich darunter fort … aber möglicherweise zu weit, um tauchend den nächsten unterirdischen Hohlraum zu erreichen.

Abby ließ das Licht an der Steilwand emporhuschen. Nach etwa acht Metern ging die Wand in die domartige Tunneldecke über, in der ein Stück weiter das Loch klaffte, durch das Abby heruntergestürzt war. Die Höhe ließ sie jetzt noch schaudern – wie auch das Ächzen, das in diesem Moment von neuem erklang.

Zitternd pflanzte es sich in Abbys Richtung echohaft fort, wie auf dünnen Spinnenbeinen in ihr Ohr hinein.

Der Schein ihrer Behelfslampe tastete sich über den felsigen Uferstreifen in diese Richtung, bis der Flusslauf eine Biegung beschrieb. Was dahinter in dem schwachen Lichtschimmer lag, war nur direkt von dort aus zu sehen.

Abby wollte es nicht sehen. Aber sie musste dorthin, wenn sie hier raus wollte.

Den Rucksack wieder geschultert, tat sie den ersten Schritt. Das leise Knirschen, das sie dabei verursachte, wurde von der unterirdischen Akustik verstärkt und klang wie der Schritt eines Riesen.

Hörte sich auch das schaurige Stöhnen nur deshalb an wie das eines Monsters? War es in Wirklichkeit nur ein Tier? Ein Ozelot vielleicht oder ein Nasenbär, den es auf ähnlich unglückliche Weise hierher verschlagen hatte?

Vielleicht war er aber auch durch einen natürlichen Eingang gekommen und kannte somit den Weg hinaus!

Das konnte ihre Chance sein. Sie durfte das Tier, wenn es eines war, nicht vorzeitig verscheuchen, sondern musste wenigstens sehen, in welche Richtung es floh.

Im Anpirschen an scheue Tiere konnte sie auf einen Erfahrungsschatz von inzwischen fast dreißig Jahren zurückgreifen. Sie war noch keine zwanzig gewesen, als sie zum ersten Mal der Spur eines Tiers gefolgt war, das es damals offiziell gar nicht gegeben hatte.

Was, gesellte sich ein weiterer Gedanke dazu, wenn es kein harmloses Tierchen ist, sondern ein Puma oder Jaguar, der sich von dir in die Enge gedrängt fühlt?

Dann rede ich ihm gut zu, dachte sie und meinte das sogar ein kleines bisschen ernst. Sie hatte in der Vergangenheit häufig den Eindruck gewonnen, dass ein besänftigender Tonfall helfen konnte, Tiere zu beruhigen, die meist mehr Angst vor dem Menschen hatten als umgekehrt.

Aber es war kein Tier, das sie da aufgestört hatte.

Schlaglichtartig projizierte ihre Fantasie grässliche Bilder in ihren Kopf, als das schwere, raue Atmen abermals erklang und sich anhörte, als käme es direkt aus dem Fels.

Xibalbá, wisperte es in Abby, und sie sah Fratzen unheimlicher Götter, Tiere und grauenhafter Mischwesen, von denen die Maya ihre mythologische Unterwelt bevölkert sahen. Als lägen diese Vorstellungen wie etwas Atembares in der Luft, fühlte sie sich einen Moment lang von ihnen umtanzt und drehte sich mit ihnen – bis sie erstarrte.

Das imaginäre Geschöpf kannte ihren Namen! Er geisterte plötzlich neben allen anderen Lauten als Echo durch die Finsternis: Abby … Abby … Abby …

kapitel-3.jpg

Schottland

Das Wiedersehen mit Oake Dún war für Tom Ericson bittersüß, wobei die bittere Note mit jedem Schritt, den sie tiefer in die Burg vordrangen, eine Spur mehr überwog.

Denn Oake Dún war nicht nur verlassen, sondern leer, teils ordentlich ausgeräumt, teils unübersehbar geplündert. Die Burg, die einmal altehrwürdig gewesen war, wirkte heute tot und ausgeweidet.

Keine Spur mehr von Ian Sutherlands Sammlung archäologischer Artefakte, die er, ebenso wie zahllose Kunstgegenstände, über alle Räume verteilt hatte. Kaum etwas war noch übrig von der Einrichtung, die sehr modern, aber durchsetzt gewesen war mit einzelnen Dingen, wie man sie in einer schottischen Burg zu sehen erwartete: Rüstungen, die neben Türen und in Korridoren wachten, alte Waffen an den Wänden, Dudelsäcke, auf denen Sutherland und Connor, sein Butler, manchmal gespielt hatten.

Die herrschende Leere war wie gnädig mit Staub überzogen, als wollte Oake Dún seine hässliche Blöße bedecken. Hier und da hatte man Reste von Mobiliar in Ecken zusammengeschoben wie zu einem Lager.

»Stinkt«, befand Alejandro, der sich überraschend interessiert umschaute in dem Licht, das durch die Fenster hereinfiel und Inseln aus Helligkeit und Dämmerung schuf.

»Stimmt – nach Mäusescheiße«, pflichtete Tom dem Jungen bei. Er nutzte jede Gelegenheit, sich ihm ein bisschen vertrauter zu machen.

Jandro lachte über das »schmutzige Wort« und kassierte prompt von seiner Schwester einen Rippenstoß.

Sie gingen weiter. Doch schon nach ein paar Schritten blieb Alejandro stehen und streckte den Arm aus. Etwas auf den ersten Blick Undefinierbares baumelte vor seinem Gesicht.

»Fass das nicht an!«, entfuhr es Maria Luisa.

Der junge Mann gehorchte, zog die Hand zurück und blies stattdessen gegen seinen Fund.

Es klimperte leise.

Tom trat neben Jandro – und vor das Mobile aus dünnen Tierknochen und -schädeln. Gefertigt aus Bindfaden und Zweigen, hing es von einem Kronleuchter mit eingestaubten Kerzen herab. Die Knöchelchen und Köpfchen – alles offenbar von Ratten, Mäusen, Kaninchen und Vögeln stammend – klapperten leise gegeneinander.

»Gehörte das auch zur Sammlung von Señor Sutherland?«, fragte Maria Luisa ein bisschen angeekelt – und ein bisschen ängstlich.

Tom schüttelte den Kopf. »Nein. Das muss jemand anderes aufgehängt haben. Vielleicht ein Landstreicher, der hier mal Unterschlupf gefunden hat.«

»Ein Landstreicher?«, echote Maria Luisa und sah ihn mit großen Augen an. »Ich bin mir nicht sicher, ob es so eine gute Idee war, hierher zu kommen. Und ich weiß nicht, ob ich bleiben möchte … oder kann.« Sie schlang die Arme um sich und sah sich um, als erwartete sie, mit jedem Blick eine weitere Unerfreulichkeit zu entdecken.

»Das kann Jahre her sein«, beruhigte Tom sie. »Wenn sich jemand hier herumtreiben würde, hätten wir seine Fußspuren gefunden – es sei denn, es war das heimische Burggespenst«, fügte er scherzhaft hinzu.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "2012 - Folge 08" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen