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2012 - Folge 05

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Der Conquistador
  4. Kapitel 1
  5. Kapitel 2
  6. Kapitel 3
  7. Kapitel 4
  8. Kapitel 5
  9. Kapitel 6
  10. Kapitel 7
  11. Kapitel 8
  12. Kapitel 9
  13. Kapitel 10
  14. Leserseite
  15. Vorschau

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Der Conquistador

von Manfred Weinland

7. Februar 1517, Kuba

Francisco Hernández de Córdoba verfolgte vom Balkon des Gouverneurssitzes aus das emsige Treiben im Hafen, als ihn ein Geräusch herumfahren ließ. Eine ganz in Weiß gerüstete Gestalt stand plötzlich im Zimmer, als sei sie durch die Wand getreten.

»Ihr stecht morgen in See.« Es war eine Feststellung, keine Frage.

De Córdoba spürte die Balkonbrüstung im Rücken, als er zurückwich. »Wer … seid Ihr?«, fragte er mit bebender Stimme.

»Euch dürstet nach Ruhm und Reichtum«, fuhr der Ritter in Weiß fort. »Dies und noch viel mehr kann ich Euch versprechen, wenn Ihr mir dort in der Ferne einen Dienst erweist.«

De Córdoba fühlte sich wie in einem Traum. »Was bietet Ihr mir?«, fragte er.

»Unsterblichkeit«, sagte der geisterhafte Ritter leichthin. »Ewiges Leben.«

1.

Mein Name ist Francisco Hernández de Córdoba. Wir schreiben den 7. Febrero 1517, und schon morgen lichten wir Anker, um in unbekannte Gefilde vorzustoßen. Dorthin, wo noch kein Mensch vor uns war. Möge Gott der Allmächtige uns gnädig sein und seine Hand schützend über uns halten.

Oder sollte ich lieber jenes Wesen um Beistand anrufen, das mir heute am frühen Abend erschien und mich vermutlich bis in den Schlaf verfolgen wird? Zu verlockend ist, was es mir in Aussicht stellte – obgleich ich, während ich diese Zeilen meinem Schreiber diktiere, bereits selbst im Zweifel bin, ob ich nicht einem Traumbild erlag.

Auch meine Kräfte sind endlich. Ich fand wenig Ruhe und erst recht keine Erholung in den letzten Wochen. Die Vorbereitungen für die Expedition haben mich in einen Zustand der Erschöpfung getrieben, der durchaus Trugbilder zu gebären vermag. Zudem war ich allein, als ER mich aufsuchte, ich habe keinen Zeugen außer mir selbst.

Keine greifbare Gestalt war es, die zu mir trat, aber eine von solch strahlender Ausdruckskraft, dass sie mich selbst in der Erinnerung noch zu bannen vermag. Ein weißer Ritter, reiner und edler kaum vorstellbar. Er wusste von meinem Vorhaben und prophezeite mir einen wahrlich großen Lohn dort am Ziel der entbehrungsreichen Reise: ewiges Leben! Sofern ich mich bereit erkläre, mich ganz in den Dienst des wundersamen Wesens zu stellen. Doch so engelsgleich es auch erscheint, bin ich doch kritisch genug, um Zweifel zu verspüren.

Kann denn all dies geschehen sein? Ist mir wahrhaftig ein Bote des Himmels erschienen, um mir eine solche Belohnung anzubieten?

Ich habe dem Schreiber den Schwur abgenommen, absolutes Stillschweigen zu bewahren. Handelt er dem zuwider, wird er sterben. Ist er aber loyal, darf er am Ende der Expedition reichen Lohn erwarten.

Jetzt gerade errötet er, während er dies niederschreibt. Für heute will ich es genug sein lassen. Diese letzte Nacht vor dem Aufbruch muss ich Schlaf finden. Denn morgen ist der erste Tag auf dem Weg in mein neues Leben, das – mit Gottes Segen – nicht mehr zwangsläufig in einem kühlen Grab enden muss.

(aus den Aufzeichnungen des Francisco Hernández de Córdoba)

Als Tom Ericson an diesem Morgen erwachte, hatte er gefühlte zehn Sekunden geschlafen.

Die Armbanduhr, die er auf dem Nachttisch aus dunklem Eichenholz abgelegt hatte, belehrte ihn eines Besseren.

»Vier Stunden«, knurrte er missmutig und rieb sich die überanstrengten Augen. »Auch zu wenig. Viel zu wenig …«

Er war in Gedanken noch ganz und gar in seine Arbeit versunken, die ihn bis weit nach Mitternacht in ihren Bann geschlagen hatte: die Übersetzung eines in altkastilianischer Sprache abgefassten Textes, der sich offenbar auf einen der großen Entdecker, keinen geringeren als Francisco Hernández de Córdoba, zurückführen ließ.

Mit anderen Worten: Tom war auf ein der Öffentlichkeit bislang vorenthaltenes Dokument gestoßen, in dem Hernández von seiner Entdeckungsfahrt berichtete, in deren Verlauf er Anno Domini 1517 zur Halbinsel Yucatán gelangt war.

Maya-Gebiet.

Die Kladde, die ein bislang geheimes Expeditionstagebuch des Entdeckers enthielt, war zusammen mit einem anderen, nicht minder interessanten Gegenstand unter mörderischen Umständen in Toms Besitz gelangt – und seitdem ging es ungebremst mörderisch weiter. Zuletzt im Ultimo Refugio, einer schäbigen Madrider Absteige, wo Tom untergeschlüpft war.

Vorübergehend zumindest.

Denn schneller als erwartet hatten seine Verfolger – eine Bande von auffallend gut gekleideten Südamerikanern indianischer Abstammung – ihn auch dort aufgespürt, das Hotel in Schutt und Asche gelegt und nebenbei auch noch den Besitzer umgebracht.

Seitdem hatte Tom dessen ausnehmend hübsche Tochter und den autistischen Sohn am Hals.

Immerhin verdanke ich Maria Luisa, dass ich die Nacht nicht in irgendeinem Hinterhof überstehen musste, dachte Tom. Hätte sie bei ihrer Großmutter kein gutes Wort für mich eingelegt …

Er seufzte und widmete sich in Gedanken wieder dem bereits übersetzten Teil des Hernández-Dokuments.

Offenbar war dem Conquistador, der gemeinhin in einem Atemzug mit Männern wie Francisco Pizarro oder Hernán Cortés genannt wurde, am Vorabend seines Aufbruchs ein ominöser »Weißer Ritter« erschienen, der ihn überredet hatte, ihm bei seiner Ankunft in der Neuen Welt einen ganz speziellen Dienst zu erweisen. Als Lohn dafür hatte er ihm Unsterblichkeit in Aussicht gestellt.

Tom musste unwillkürlich grinsen. Alle, die darüber erstaunt waren, »wie gut er sich doch gehalten habe«, ahnten nicht ansatzweise, was wirklich dahintersteckte. Und so soll es auch bleiben. Er wollte sich gar nicht ausmalen, welche Begehrlichkeiten er sonst in den Menschen wecken würde – mit fatalen Folgen.

Der Weiße Ritter, rief er sich in Erinnerung. Ob er etwas mit dem »Mann in Weiß« zu tun hat? Der sah zwar nicht wie ein Ritter aus, eher wie ein nobler Hazienda-Besitzer, aber die Parallele war offensichtlich. Seit er in dem Bericht auf diese mysteriöse Figur gestoßen war, versuchte Toms Verstand, einen Zusammenhang herzustellen. Aber fast 500 Jahre zwischen beiden Erscheinungen …?

Er seufzte abermals und quälte sich aus dem rustikalen Bett. Eine Dusche gab es nicht, zumindest nicht in erreichbarer Nähe. Dafür standen eine Porzellanschüssel und ein mit Wasser gefüllter Krug bereit. Außerdem hatte Maria Luisa ihm noch Waschlappen, Handtuch und Seife bereitgelegt, als sie ihm das Zimmer für die Nacht hergerichtet hatte.

Tom war nicht anspruchsvoll. Er hatte schon mit weit weniger auskommen müssen.

Nachdem er sich gewaschen und angezogen hatte, warf er einen Blick aus dem einzigen Fenster der Stube. Bei ihrer Ankunft hatte er draußen nichts erkennen können. Jetzt aber war heller Tag, und ihm wurde klar, dass dies sicherlich keine bevorzugte Wohnlage war. Das Zimmer lag nach hinten hinaus, aber dort gab es kein Gartenidyll oder gepflegten Hinterhof-Charme. Als Tom das Fenster öffnete, um frische Luft hereinzulassen, drangen Babygeschrei und Hundegebell zu ihm herein. Zusammen mit einem verführerischen Duft nach frischem Kaffee.

Aus dem darunterliegenden Fenster, das wahrscheinlich zur Küche gehörte, drang das Klappern von Besteck und Geschirr; ab und zu schlug auch eine Schranktür.

Señora Carlota ist schon emsig am Werk, dachte Tom. Er hatte enormen Respekt vor der blinden alten Dame, die trotz ihres Handicaps den Alltag mit ungebrochener Lebensfreude meisterte. Diesen Charakterzug schien auch Maria Luisa geerbt zu haben. Tom lächelte beim Gedanken an die junge Frau, die sich so aufopferungsvoll um ihren Bruder kümmerte.

Während er den Blick über die Umgebung schweifen ließ, tastete Toms Hand unbewusst nach dem Lederbeutel an seinem Gürtel. Das Artefakt darin war deutlich spürbar, obwohl es so gut wie nichts wog.

Tom holte den geheimnisvollen Gegenstand heraus. Sofort bildete sich ein Dunkelfeld, das mit Blicken nicht zu durchdringen war.

»Wenn ich nur wüsste, was es mit dir auf sich hat«, murmelte der Archäologe. »Wofür du nütze bist, dass Menschen bereit sind, deinetwegen zu morden …«

Da ertönte ein Klopfen an der Tür, dazu Carlotas Stimme: »Sind Sie schon wach? Ich habe ein kleines Frühstück vorbereitet.«

»Kommen Sie ruhig herein. Ich bin schon angezogen.«

»Schade«, hörte er sie erwidern. Obwohl es für die Blinde keinen Unterschied gemacht hätte.

Die Tür ging auf und die alte Dame trat ein. Lächelnd trat Tom ihr entgegen. »Guten Morgen, Señora! Ich wollte Ihnen noch –«

Weiter kam er nicht. Die Großmutter von Maria Luisa und Alejandro war wie angewurzelt stehen geblieben, die trüben Augen und den Mund entgeistert aufgerissen. Bevor sie Unverständliches zu stammeln und hysterisch zu lachen begann.

Carlota Zafón wusste noch, wie die Welt aussah. Sie war nicht blind geboren. Trotzdem war es eine Ewigkeit her, seit sie sich sehend in ihren vier Wänden orientiert hatte. Vor etwa zehn Jahren hatte ihr eine Krankheit das Augenlicht geraubt – kurz nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes. Trotz dieses doppelten Schicksalsschlags verlor Carlota nicht ihren Glauben. Die Wege des Herrn waren nun einmal unergründlich. In diesem Bewusstsein war sie aufgewachsen, und so hatte sie auch ihre eigenen Kinder erzogen.

Sie hatte sich in ihr Schicksal gefügt. Was blieb ihr auch anderes übrig?

Umso unvorbereiteter traf es sie, als sie ins Zimmer von Tom Ericson trat – und als vor ihr, in der immerwährenden Dunkelheit, ein Stern aufging …

»Carlota … Kann ich Ihnen helfen? Geht es Ihnen nicht gut?«

Das Verhalten der alten Dame verunsicherte Tom. Mit der freien Hand berührte er ihren dürren Arm. Im gleichen Moment hörte sie endlich auf zu lachen.

Tom bekam eine Gänsehaut, als er dem Blick ihrer blinden Augen folgte. Er hätte schwören können, dass sie exakt auf das Artefakt gerichtet waren.

»Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, wie es mir gerade geht, junger Mann«, sagte Carlota in diesem Moment. »Für einen Moment dachte ich, ich würde das Licht schauen, das mich zu Gott führen wird.«

Toms Schauder vertiefte sich. Er versuchte ein Lächeln. »Ist Ihnen schlecht? Soll ich Ihnen ein Glas Wasser holen?«

Carlota schüttelte energisch den Kopf – und selbst dabei schien sich der Blick ihrer blinden Augen nicht von dem Artefakt zu lösen. »Mir geht es gut. Aber es wäre gelogen zu sagen, alles sei in Ordnung.«

»Ich fürchte, ich verstehe nicht –«

»Was haben Sie da, Señor Ericson?«

»Was meinen Sie?« Tom machte die Probe aufs Exempel. Er trat einen Schritt von Carlota zurück und nahm das Artefakt in die andere Hand, dann streckte er den dazugehörigen Arm so weit wie möglich seitlich von sich. Die Augen der alten Dame folgten dem Artefakt auch dorthin.

»Da ist etwas! Wahrscheinlich halten Sie es in der Hand! Spielen Sie keine Spielchen mit mir, junger Mann! Es … leuchtet. Es sieht aus wie … wie ein riesiger Diamant. So viele Facetten … Und in jeder spiegelt sich … die Unendlichkeit …« Carlota rang nach Worten.

Tom war wie elektrisiert. »Sie können das Artefakt sehen? Wie ist das möglich?«

Maria Luisas Großmutter schüttelte den Kopf. »Ich bin genauso ratlos wie Sie, Señor. Glauben Sie mir. Darf ich … darf ich es mal haben?« Sie streckte die Hand gezielt in die Richtung, in der sich das Artefakt befand.

Tom zögerte nur einen Moment, dann nahm er Carlotas Hand und legte das Artefakt hinein.

Sie schloss die Finger darum, doch ihre Miene wurde nur noch zweifelnder. »Ich fühle etwas Festes, aber … es wiegt nichts. Wie kann das sein?«

»Ich weiß es nicht.«

»Was ist es? Ein … Edelstein?« Carlota hob das Artefakt so nah an ihr Gesicht, dass das lichtschluckende Feld vorübergehend sogar ihren Kopf verschwinden ließ.

»Im weitesten Sinne vielleicht. Ich kann noch nicht viel darüber sagen, tut mir leid. Im Gegensatz zu Ihnen kann ich den Gegenstand nämlich nicht sehen.«

»Was?« Ihre Verwirrung nahm zu. »Was heißt das?«

»Das Ding ist von Dunkelheit umgeben«, erklärte Tom. »Im Zentrum ist sie so absolut, dass man sie nicht durchdringen kann. Nur im grellen Scheinwerferlicht werden zumindest die Konturen sichtbar.« Ein Gedanke kam ihm. »Sehen Sie es so deutlich, dass Sie es mir beschreiben können?«, fragte er. »Es soll angeblich dreizehn gleiche Flächen haben, aber das ist physikalisch nicht möglich.«

Carlota runzelte die Stirn. »Die Flächen sehen wirklich gleich aus … aber ich kann sie nicht zählen. Es ist, als würden sie vor meinem Blick … fliehen. Entschuldigen Sie, das muss sich albern anhören, aber ich finde keine besseren Worte dafür.« Sie wandte den Blick und stöhnte. »Es bereitet mir Kopfschmerzen. Bitte nehmen Sie es zurück.«

Tom nickte, bevor ihm bewusst wurde, dass sie es nicht sehen konnte. »Aber natürlich«, sagte er, nahm der alten Dame das Artefakt aus der Hand und verstaute es wieder im Lederbeutel.

»Vorhin kam in den Nachrichten eine Meldung über den Hotelbrand, bei dem Luisas und Alejandros Vater umgekommen ist«, wechselte Señora Zafón unvermittelt das Thema. Sie wandte ihr Gesicht dorthin, wo sie Tom vermutete, was ihr aber nicht so perfekt gelang wie zuvor die Ausrichtung auf das Artefakt. »Nach unserem Gespräch gestern Abend dachte ich, mein Schwiegersohn wäre in den Flammen umgekommen. Aber die Behörden sprechen davon, dass er erschossen wurde! Ich muss zugeben, ich bin etwas enttäuscht. Wollen Sie mir nicht endlich die Wahrheit sagen?«

Tom war unangenehm berührt. »Wir wollten Sie nur schonen.«

»Luisa müsste eigentlich wissen, dass ich nicht geschont werden muss und es auch nicht will. Die Wahrheit ist für mich nicht halb so schwer zu ertragen wie der Versuch, sie mir vorzuenthalten. Außerdem kannte ich Álvaro ja. Ich wusste, was für ein entsetzlicher Mensch er war und dass es einmal ein schlimmes Ende mit ihm nehmen würde.«

Tom suchte noch nach passenden Worten, da stand Maria Luisa plötzlich im Raum, völlig aufgelöst.

»Ich kann ihn nirgends finden!«, rief sie. »Ich hatte gehofft, er wäre vielleicht hier …«

Es war nicht schwer zu erraten, wen sie meinte.

»Alejandro?«, fragten Tom und Carlota wie aus einem Mund.

Maria Luisa nickte sorgenvoll. Dann wandte sie sich um und stürmte wieder aus dem Zimmer.

»Warte!«, rief Tom ihr nach. »Warte, ich helfe dir!«

Mit vereinten Kräften stellten sie das Haus nach ihm auf den Kopf. Vergebens. Die Haustür war nicht ganz eingerastet, nur angelehnt, auf jeden Fall nicht abgeschlossen, obwohl sie es während der Nacht mit Sicherheit gewesen war.

Maria Luisa wurde immer panischer. »Wenn er einen Asthmaanfall bekommt und niemand in der Nähe ist …«

»Er hat Asthma?« Tom war verblüfft. »Davon habe ich bis jetzt gar nichts gemerkt.«

Maria Luisa funkelte ihn an. »Damit geht man ja auch nicht hausieren«, gab sie zurück.

Tom hob beschwichtigend die Hände. »Schon gut. Komm, ich begleite dich. Gemeinsam finden wir ihn schneller.«

Maria Luisa besprach sich kurz mit ihrer Großmutter, dann brachen Tom und sie auf.

»Hoffentlich ist ihm nichts passiert! Madre de Dios! Auf sich allein gestellt ist Jandro hilflos!«

2.

Vergangenheit, 1511

Die Santa María de la Barca schüttelte sich im tobenden nächtlichen Sturm wie ein waidwundes Tier. Diego de Landa kauerte im Laderaum der Karavelle zwischen Handelsgütern, Proviantfässern und aufgewickelten Taurollen und versuchte verzweifelt an dem letzten Rest von Gottvertrauen festzuhalten, das ihm noch geblieben war im Angesicht der Todesangst.

Er war nie ein Mann der Tat gewesen, nur des Wortes – und so betete er zu Gott dem allmächtigen Vater, dass das Schiff Santo Domingo – das frühere La Nueva Isabela – ohne Verluste erreichen möge.

Das Krachen der Wellen, die unablässig auf Deck und gegen die Flanken der Santa María de la Barca schlugen, übertönten sein Flehen, sodass kein Mensch ihn zu hören vermochte. Aber es war ja auch nicht an die Sterblichen gerichtet.

Die Augen fest zusammengepresst, erwartete der Padre das Kentern der vollbeladenen Karavelle. Wir gehen unter – mit Mann und Maus! Die Enttäuschung, so zu enden, überwog für einen Moment sogar die brennende Furcht.

Plötzlich fühlte er sich gepackt und noch mehr durchgeschüttelt – nicht von den Mächten des Sturms, erst recht nicht von himmlischer Kraft, sondern von derben Männerfäusten.

Gerade als er die Augen aufmachte, fiel das Licht eines Blitzes durch die offene Luke des Frachtraums und Diego blickte in das narbenübersäte Gesicht eines der Matrosen, mit dem er während der vergangenen Tage öfter ein paar Worte gewechselt hatte.

»Verkriech dich nicht wie eine Ratte, Padre! Raus mit dir! Sonst wirst du elend ersaufen! Der Hauptmast ist gebrochen! Die Santa María übersteht diesen Höllensturm nicht!«

Juan – mehr als den Vornamen kannte Diego nicht – packte ihn mit einer Hand am Kragen und zerrte ihn auf die Beine, während er sich mit der anderen Hand an einem Stützbalken festhielt. Ein Fass, das sich aus seiner Befestigung gelöst hatte, rumpelte an ihnen vorbei und verfehlte sie nur um Haaresbreite. Es krachte gegen ein Hindernis und zerschellte. Der Inhalt verteilte sich über die Planken.

Der Hauptmast …, echote es in Diegos Schädel. Ohne richtig zu merken, wie er die Treppe nach oben stieg, folgte er dem Seemann. Aber nur, weil Juan ihm gar keine Wahl ließ. Die Faust des Narbigen hatte sich um Diegos Kuttenkragen gewickelt und er schleifte ihn regelrecht hinter sich her.

Dann stolperte der Mönch ins Freie, in die von Blitzen erhellte Nacht. Wasser peitschte ihm ins Gesicht. Alles war rutschig. Überall war Geschrei.

Auf dem Kastell entdeckte Diego die Umrisse des Steuermanns. Dicht daneben stand jemand, dessen Statur der des Kapitäns entsprach. Aber weder der eine noch der andere hatte eine Chance, das Schiff ohne Hauptmast kontrolliert durch den Orkan zu führen.

Von irgendwoher schnappte Diego den Schreckensruf auf: »Das Ruder! Das Ruder ist gebrochen!«

Juan hielt unbeirrbar auf die Schaluppe zu, die von anderen Matrosen backbords zu Wasser gebracht wurde. Diegos Herz trommelte gegen die Rippen.

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