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2012 - Folge 03

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Tödliches Vermächtnis
  4. Leserseite
  5. Vorschau

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Tödliches Vermächtnis

von Hubert Haensel

»Nach so vielen Jahren? Bist du sicher, Juan, dass der Mann wegen unserer Geschäfte bei dir war?«

»Ich hatte leider diesen Eindruck.« Juan Martinez del Mazo massierte sich mit seinen knochigen Fingern die Schläfen.

»Mit wem haben wir es zu tun?«, fragte der Angerufene weiter.

»Er ist Amerikaner. Archäologe.«

»Und wenn schon … Er kann uns nichts anhaben.«

»Genau darüber habe ich nachgedacht, Pedro.« Del Mazo holte tief Luft. »Er kommt von Yucatán. Offenbar hat er sich zuletzt auf Cozumel herumgetrieben.«

Die Stille, die den Worten folgte, wog schwer wie Blei. Blutrot schimmerte die Abendsonne durch die dichten Vorhänge. Von irgendwo im Haus war ein Knacken zu hören.

Juan Martinez del Mazo, hager und vom Alter leicht gebeugt, stützte sich auf dem geschnitzten Ebenholzsekretär ab. Ein Zittern durchlief den Kunstsammler.

»Über die Sache sollte längst Gras gewachsen sein.« Die Stimme aus dem Lautsprecher des Telefons klang mit einem Mal unsicher. »Wo ist der Amerikaner jetzt? Hat er meinen Namen erwähnt?«

Del Mazo antwortete nicht.

Das Knacken wiederholte sich. Es kam von der Treppe her. Martinez del Mazo hörte kaum hin. Das Anwesen hatte etliche Jahrhunderte auf dem Buckel. In einigen Holzvertäfelungen nagte inzwischen der Wurm, doch gerade das, fand Juan, passte zu seiner historischen Sammlung. Er dachte nicht daran, Gift einzusetzen. Ob mit Wurm oder ohne, das Haus würde ihn auf jeden Fall überleben.

»Wo ist der Amerikaner jetzt?«, wiederholte Pedro drängend. »Hat er irgendeinen Verdacht?«

»Hätte ich ihn danach fragen sollen?«, stieß Juan heftig hervor. »Womöglich auch noch nach unserer Kontaktperson?«

Wieder ein Knacken, viel näher diesmal. In letzter Zeit hörte er oft Geräusche, die sich hinterher als Einbildung herausstellten. Die Einsamkeit in der großen Villa abseits von Oviedo machte ihn mürbe – er wollte sich das nur nicht eingestehen. Dabei wünschte er sich das schwere Dröhnen des Türklopfers oder wenigstens das Schrillen des Telefons manchmal geradezu herbei.

Zweimal in der Woche kam Carla zum Reinemachen. Nicht nur das Haus schien in diesen wenigen Stunden aufzuleben – er selbst fragte sich dann immer, warum er nicht wenigstens dreißig Jahre jünger war.

»Sag mir endlich, was der Amerikaner von dir wollte!« Schroff klang Pedros Stimme aus dem Lautsprecher.

»Jetzt nicht«, murmelte Juan. »Später, hörst du?« Er meinte jetzt Schritte zu hören. War Carla im Haus?

»Aber …«

»Später!« Del Mazo legte den Hörer auf die Gabel des altmodischen Telefons. Sein Blick ging hinüber zu der großen Eichenholztür und er lauschte erwartungsvoll. Er mochte Carlas Lachen ebenso wie das lange schwarze Haar, das ihr weit über die Schultern fiel.

Gleichzeitig fragte er sich ein wenig verwirrt, ob denn wirklich schon Freitag war. War Carla nicht erst gestern bei ihm gewesen? Aber nein, gestern war dieser Amerikaner gekommen, dieser … Dozent aus Yale. Das hatte er Pedro noch sagen wollen.

Ein Klirren aus dem Nebenraum, wo seine kostbarsten Exponate standen, schreckte ihn auf. Er wartete auf Carlas Aufschrei, wenigstens auf eine laute Verwünschung. Oder darauf, dass sie – wie schon einmal – schrecklich aufgelöst hereinstürmte.

Stattdessen blieb alles ruhig.

Hatte sich die junge Frau an einer der Vitrinen verletzt? Besorgt ging Juan zu der zweiflügeligen Tür, die in den Ausstellungsraum führte, und zog sie auf. »Carla?«

Keine Antwort.

Die Schränke, Vitrinen, Statuen, Mauerscheiben und Nischen waren wie ein Labyrinth. Der alte Mann konnte nicht einmal einen Teil des Raumes auf Anhieb überblicken.

Er zwängte sich zwischen zwei Stelen und einer Jaguarskulptur hindurch. Nach zehn oder zwölf Schritten blieb er wie angewurzelt stehen.

Eine Vitrine in der Mitte des Raumes war zersplittert.

Del Mazo schluckte krampfhaft. Glassplitter lagen rings um den Marmorsockel verstreut. Von einem Teil der Abdeckung stachen spitze Zacken in die Höhe. Blut klebte an diesen Glasresten und lief am Marmor abwärts.

Die Maske war ebenfalls blutbesudelt. Sie lag noch auf der Halterung, aber mehrere dünne Blutfäden schienen aus ihren Augen hervorzuquellen.

Es handelt sich um die Maske Huitzilopochtlis, eines der späten Stammesgötter der Mexica, der schon bei seiner Geburt als Kriegsgott gegolten hatte. Huitzilopochtli war stets mit Opferungen in Verbindung gebracht worden – und nun war seine goldene Maske voller Blut! In der Dämmerung wirkte es geradezu unheimlich.

Die Maske war eine einmalige Arbeit. Ein Fund, der heute in einem bedeutenden Museum hinter Panzerglas liegen würde, wenn … ja, wenn dieser Händler sie ihm nicht besorgt hätte.

Cenobio. Mehr als den Vornamen hatte Juan nie erfahren – und auch nicht wissen wollen.

Zögernd streckte er die rechte Hand aus, griff über die Reste der Glashaube hinweg und berührte die Maske mit den Fingerspitzen. Das Blut war noch warm und klebrig.

Ein Husten hinter ihm schreckte Juan auf. Er fuhr herum. »Carla! Mein Gott, haben Sie …«

Jäh verstummte er, denn zwischen ihm und einer der großen Statuen stand ein Fremder. Eine vermummte Gestalt.

Der Amerikaner?

Nein. Der Eindringling war nicht größer als Juan selbst. Sein Gesicht verbarg er hinter einer schwarzen Maske. Aber nicht das entsetzte den Spanier zutiefst, sondern der Opferdolch in der Hand des Fremden. Blut tropfte von der Klinge aus Obsidian.

»Was … was haben Sie … mit Carla gemacht?« Del Mazo hatte Mühe, die Frage überhaupt zu artikulieren. Er atmete keuchend, sein Herz hämmerte wie rasend gegen die Rippen. Der Mann reagierte nicht darauf. Langsam kam er näher.

»Verschwinden Sie!«, herrschte Juan den Fremden an. »Die Polizei wird jeden Moment hier sein!« Er wich zurück. Alles in ihm schrie danach, sich herumzuwerfen und zu fliehen. Doch die Beine versagten ihm jetzt schon fast den Dienst.

Er trat auf etwas Weiches und verkrampfte sich. Hätte er nicht an einer der großen Schrifttafeln Halt gefunden, wäre er gestürzt. Seine Finger verkrallten sich in der Bruchkante des Steines, und irgendwie schaffte er es, sein Gewicht wenigstens auf das andere Bein zu verlagern. Trotzdem wagte er nicht, nach unten zu schauen; er fürchtete sich vor Carlas Anblick.

»Wer sind Sie?«, ächzte Juan.

Der Maskierte folgte ihm, als hätte er alle Zeit der Welt. Nicht einmal die Erwähnung der Polizei schien ihn beeindruckt zu haben.

Aber die Polizei würde bald da sein. Vielleicht noch zehn Minuten, schätzte Juan. Zehn Minuten, in denen viel geschehen konnte.

Oder – ein fürchterlicher Gedanke – hatte der Maskierte die Alarmanlage lahmgelegt? Oder war zusammen mit Carla ins Haus gekommen, um sie danach umzubringen?

»Was wollen Sie von mir?«

»Nur ein paar Antworten.«

Der Mann machte zwei schnelle Schritte auf ihn zu und bückte sich. Juan Martinez del Mazo wich weiter zurück, prallte gegen eine der Steintafeln und rutschte an ihr entlang in die Hocke. Er schaffte es nicht einmal, abwehrend die Arme hochzureißen, als der Maskierte ihm ein blutverschmiertes Etwas zuwarf.

Für einen Moment glaubte Juan, sein Herz müsse stehenbleiben, dann schrie er gellend auf. Erleichterung und Panik mischten sich in diesem Schrei. Das Weiche, auf das er getreten war, war gottseidank nicht Carlas Leichnam gewesen, sondern der Kadaver einer der Hauskatzen. Mit hastigen Armbewegungen versuchte Juan, das eklig süß stinkende Fellbündel von sich wegzustoßen.

Bevor er sich aufraffen konnte, war der Maskierte über ihm, zerrte ihn am Hemdaufschlag scheinbar mühelos in die Höhe und drückte ihn gegen die große Steintafel. Del Mazo stockte erneut der Atem, als der Mann ihm den Opferdolch an die Kehle setzte.

Die Klinge ritzte seine Haut. Juan spürte, dass ihm Blutstropfen den Hals entlang rannen, aber er wagte nicht einmal zu zittern.

Er wollte nicht sterben.

Der Maskierte war nun so dicht vor ihm, dass del Mazo entsetzt die Augen schloss. Jeden Moment konnte die Klinge seine Kehle durchschneiden.

Es war verrückt, aber Juan fragte sich, ob er den Tod überhaupt spüren würde. Schon jetzt war sein Körper fast taub, kroch die beginnende Ohnmacht durch seine Adern.

»Du wirst mir alles sagen!« Die stark akzentuierte, flüsternde Stimme war kaum weniger scharf und schneidend als der Opferdolch. Del Mazo röchelte nur, wagte nicht einmal zu nicken.

»Ich will alles hören, was du Tom Ericson erzählt hast, dem Americano! An jedes Wort wirst du dich erinnern und nichts, aber auch gar nichts auslassen.«

Juan hechelte, als die Klinge ein wenig von ihrem Druck verlor. Er hatte Mühe zu verstehen, was der Mann von ihm verlangte. Der Fremde sprach einen harten lateinamerikanischen Dialekt.

»Versuche nicht, etwas Falsches zu sagen!« Der Maskierte umklammerte Juans Kinn mit der linken Hand und drückte den Kopf des Spaniers nach hinten. »Wenn mir nicht gefällt, was ich höre, wirst du Hunahau schneller gegenübertreten, als du es begreifen kannst.«

»Und … wenn ich … antworte …?«

Der Mann reagierte nicht darauf. Juan Martinez del Mazo hätte schreien wollen, doch der Eindringling ließ ihm keine Zeit dafür.

»Wer weiß inzwischen, dass Ericson hier war?«

»Niemand …«

»Du kennst Hunahau?« Die Klinge bohrte sich unter Juans Kinn und zwang ihn, den Kopf weit in den Nacken zu legen.

»Toten … Totengott … der Maya …«, hauchte der Alte.

»Na also, es geht doch. Diesen einen Fehler lasse ich dir durchgehen. Beim nächsten allerdings …«

Weit quollen del Mazos Augen aus ihren Höhlen hervor, als das Obsidianmesser einen brennenden Schnitt unter sein Kinn zog.

»Also noch einmal: Wer weiß, dass Ericson bei dir war?«

»Pe … dro …«

»Pedro. Und weiter?«

»Carcía …«

Juan Martinez del Mazo spürte die Ohnmacht einen Herzschlag, bevor sie sein Denken und Fühlen auslöschte. Seine letzte bewusste Wahrnehmung war ein Hauch von Hoffnung: Zeit gewinnen, bis die Polizei kam.

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Es war früher Nachmittag, als Tom Ericson das Hotel Córdoba Center verließ, in dem er sich vor wenigen Stunden eingemietet hatte. Nicht eine Wolke trübte mehr den stahlblauen Himmel über Córdoba. Die Provinzhauptstadt hatte den Archäologen mit einem heftigen Regen ziemlich unfreundlich empfangen, doch dann war der Tag schön geworden. Ende Oktober, der Spätherbst hatte begonnen, lag die Temperatur immerhin noch nahe an zwanzig Grad Celsius.

Tom stieg in das erste der vor dem Gebäudekomplex wartenden Taxis. Das Ziel, das er nannte, lag mehrere Kilometer nördlich. Der Fahrer nickte nur knapp. Wortlos bog er auf die Avenida del Gran Capitán ein. Der lebhafte Verkehr wurde rasch dichter.

»Sie sind zum ersten Mal in Córdoba, Señor?«, fragte der Chauffeur nach einer Weile.

»Keineswegs«, antwortete Tom. »Allerdings ist es fast vier Jahre her.« Ihm war nicht bewusst gewesen, dass er sich besonders auffällig umgesehen hätte. Aber der Fahrer zog wohl seine eigenen Schlüsse.

»Vier Jahre …« Der Spanier seufzte. »In der Zeit hat sich viel getan. Vor allem, was die Baustellen angeht …«

Die bislang getrennten Fahrbahnen vereinten sich. Vor der nächsten Kreuzung herrschte Stop-and-go-Verkehr.

»Wir müssen Geduld haben«, sagte der Fahrer. »So ist das Leben.«

Es ging weiter, wenn auch nur wenige Dutzend Meter. Urplötzlich Hupen und Bremsenquietschen, dann erneut Stillstand.

»Ich denke, zu Fuß komme ich schneller voran.« Tom warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Ich steige aus.«

»No, Señor, nach der Kreuzung wird es bestimmt besser. Die Baustellen kommen erst weiter oben.«

Ein Unfall hatte sich ereignet, kurz nach der Abfahrt. Der Rückstau auf der Abbiegespur wuchs schnell an.

»Die nächste Einmündung ist noch Einbahnstraße und für uns gesperrt?«, fragte Tom wie beiläufig.

»Si.« Zu mehr fühlte sich der Fahrer nicht bemüßigt. Kurz trat er das Gaspedal durch, dann wurde er schon wieder zum Bremsen gezwungen.

»Ich schlage vor, Sie biegen auf die Calle del Escultor ab und verlassen sie über die Ramón Barba«, sagte Ericson.

So etwas wie ein Lächeln umspielte die Mundwinkel des Fahrers, als er sich kurz dem Archäologen zuwandte. »Sie waren tatsächlich schon in Córdoba.« Das war mehr Feststellung als Frage. »Und Sie sprechen gut Spanisch, Señor. Sind Sie alemán?«

»Americano.« Das trug Tom einen überraschten Augenaufschlag ein. Der Einheimische, so reserviert er sich anfangs gegeben hatte, taute allmählich auf. Er redete über seine Stadt und gestikulierte dabei immer heftiger.

In der Calle Sansueña stieg Tom aus. Er stand auf einem schmalen, teilweise zugeparkten Gehweg und sah ansprechende Siedlungshäuser. Laubbäume flankierten die Straße auf beiden Seiten.

Nach der nächsten Einmündung wurden die Gartenmauern höher. Prächtige Villen verbargen sich inmitten gepflegter Grünanlagen. Das war genau die Umgebung, die Tom einem Kunstsammler vom Schlag Carcía-Carrións zugestand. Im Hotelzimmer hatte er sich im Internet den Bereich angesehen. Er war selten unvorbereitet – Überraschungen gab es dennoch mehr als genug.

Angemeldet hatte er seinen Besuch nicht. Das hatte er schon in Oviedo nicht getan, und für einen kurzen Moment war er mit der Verblüffung des alten del Mazo dafür belohnt worden. Was ihn dennoch nicht daran gehindert hatte, den Mann in Gedanken von seiner Liste zu streichen. Aber nicht völlig.

Juan Martinez del Mazo hatte Dreck am Stecken. Davon war Tom überzeugt, seit er mit dem Alten geredet hatte. Auch wenn es nicht zur Sprache gekommen war, der Kunstsammler im Norden Spaniens hatte mit Cenobio Cordova Geschäfte gemacht. Vielleicht sogar, ohne dem Hehler jemals persönlich begegnet zu sein.

Cordova hatte seine Hände offenbar in sehr vielen illegalen Geschäften gehabt. Schlimm nur, dass er bei diesem Unfall auf Cozumel ums Leben gekommen war.1) Tom hätte viel dafür gegeben, wenigstens noch ein paar Minuten mit Cordova reden zu können.

Immerhin: Pierre Leroys Recherche hatte sich als brauchbar erwiesen – auch wenn del Mazo wirklich keine Ahnung von dem gesuchten Artefakt hatte. Seine Verwirrung, sein Erstaunen, seine Furcht – all das war für Tom Ericson offensichtlich gewesen.

»Es ist so leicht. Hat kein Gewicht. Es trinkt das Licht.«

Wortwörtlich so hatte der Grabräuber Béjar, der das Artefakt Mitte der Achtzigerjahre gefunden hatte, es formuliert. Die Worte eines Geisteskranken, dem das Schicksal übel mitgespielt hatte.

Alles Mögliche hatte Tom in den letzten zwei Wochen in diese kurzen Sätze hineininterpretiert.

Das Artefakt, dessen Spur er zu folgen versuchte, stammte aus einem Maya-Grab. Ein Gegenstand, der Licht trank … es aufsaugte … der das Licht vielleicht anzog wie eine Magnet Eisenspäne. Auch wenn der Archäologe keine Ahnung hatte, wie das physikalisch möglich sein sollte.

Für kurze Zeit hatte er sogar mit dem Gedanken gespielt, sich mit CERN in Verbindung zu setzen, der Europäischen Organisation für Kernforschung. Aber die Gefahr, seine Reputation zu verlieren, war ihm letztlich zu groß erschienen. Was hatte er schon zu bieten außer der Aussage eines Geisteskranken? CERN betrieb physikalische Grundlagenforschung. Mit Hirngespinsten hatten die Wissenschaftler dort bestimmt nichts am Hut.

Doch sogar im 21. Jahrhundert gab es noch vieles zwischen Himmel und Erde, das sich jeder rationalen Deutung entzog, das hatte Tom Ericson bei seinen Forschungen immer wieder selbst erlebt. So wie man Radiowellen im Mittelalter als Teufelswerk angesehen hätte, so mochte ein Licht schluckendes Gerät heute zwar undenkbar, in fünfzig oder hundert Jahren aber in jedem Haushalt zu finden sein.

Ericson wischte die Überlegungen beiseite. Er durfte sich nicht von denkbaren technischen Entwicklungen irritieren lassen. Der Gegenstand, von dem Béjar gesprochen hatte, war immerhin einige Jahrhunderte alt.

Tom hielt inne.

In Gedanken versunken, wäre er beinahe an seinem Ziel vorbeigelaufen.

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»Um was geht es?«, fragte eine Frauenstimme.

Der Archäologe lächelte. Natürlich hatte er das verborgene Kameraobjektiv entdeckt, das ihn schräg aus der Höhe fixierte.

»Das kann ich nur mit Señor Carcía-Carrión persönlich besprechen«, antwortete Tom.

Aus dem kleinen Lautsprecher in der Steinmauer erklang ein leises Knacken. Sekunden später wiederholte sich das Geräusch.

»Wie, sagten Sie, ist Ihr Name?«

»Ericson. Tom Ericson. Ich bin Archäologe – und ich bin hier, weil ich auf Señor Carcía-Carrións Sammlung hingewiesen wurde.«

»Sie sind angemeldet, Señor?«

Es behagte ihm nicht, wie ein Versicherungsvertreter auf dem Gehweg zu stehen und hingehalten zu werden. Er fragte sich, ob er womöglich nur mit einer Haushälterin redete, deren Befugnisse eng begrenzt waren. Ob der Kunstsammler verheiratet war, hatte er nicht herausgefunden. Allerdings standen zwei schwere Autos in der Auffahrt.

»Von einem seiner Sammlerkollegen wurde mir Señor Carcía-Carrión als Ansprechpartner genannt«, fügte Tom hinzu.

Diesmal fiel die Pause länger aus. Zweifellos holte sich die Frau an der Gegensprechanlage Anweisungen ein. Schließlich, als Tom schon nicht mehr damit rechnete, setzte sich das schmiedeeiserne Tor summend in Bewegung.

»Kommen Sie herein, Señor. Sie werden erwartet.«

Er nickte knapp in Richtung der Kamera. Das Tor öffnete sich nur so weit, dass er passieren konnte. Hinter ihm schloss es sich bereits wieder.

Hüfthohe Weihnachtssterne säumten die gepflasterte Einfahrt. Der Garten machte einen sehr gepflegten, beinahe schon sterilen Eindruck. Hundegebell erklang hinter dem Haus, verstummte aber schnell. Das waren mindestens zwei größere, scharf abgerichtete Tiere.

Tom registrierte das alles und setzte sein Mosaikbild zusammen. Pedro Carcía-Carrión war spanischer Konsul in mehreren Ländern Mittel- und Südamerikas gewesen, befand sich aber seit mindestens zwei Jahrzehnten im Ruhestand. Nur ein einziges Foto hatte das Internet preisgegeben, und das war ziemlich alt. Es zeigte eine stattliche Gestalt mit schulterlangem Lockenhaar und markantem Henriquarte-Bart, der Mund- und Kinnpartie umrahmte.

Der Mann schien sehr betucht zu sein, protzte aber nicht mit seinem Reichtum. Das Anwesen wie die beiden Limousinen gaben das dezent zu erkennen. Womöglich hatte Carcía-Carrión das meiste Geld in seine Kunstsammlung investiert.

Als Kandidat für ein Artefakt, das »Licht trank«, fand Tom, kam der Spanier auf jeden Fall in Betracht.

Er hatte tatsächlich mit einer Haushälterin gesprochen. Sie nahm ihn in Empfang und führte ihn in ein ebenerdiges Zimmer.

Der Raum wirkte düster, fast schon bedrückend. Alles hier atmete den Hauch der Inquisition, einer der dunkelsten Epochen der spanischen Geschichte.

Absicht? Höchstwahrscheinlich. Um jeden Besucher nicht nur zu beeindrucken, sondern ihn zugleich zu verunsichern.

Tom fragte sich, was für ein Mensch Carcía-Carrión tatsächlich sein mochte. Rechthaberisch, überlegen, oder einfach nur ein verkappter Psychologe?

Drei Namen hatte Pierre Leroy, sein alter Weggefährte bei A.I.M.2), auf die Liste gesetzt. Alle drei waren alternde Kunstsammler, die eindeutige Kriterien erfüllten.

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