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2012 - Folge 02

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Der Mann in Weiß
  4. Leserseite
  5. Vorschau

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Der »Mann in Weiß«

von Christian Schwarz

Die Panik ließ Tom Ericson unkontrolliert zittern. Sein nackter, blau bemalter Körper bäumte sich auf. Eine Winzigkeit nur, denn die stramm sitzenden Fesseln, die ihn auf dem Opferblock fixierten, ließen ihm kaum Spielraum. Der Archäologe hob den Kopf ein wenig an und zerrte an den Stricken.

Das wilde Brüllen des Mannes auf dem Blutblock neben ihm steigerte sich zu einem schrillen Kreischen, als ihm der Oberpriester den Bauch aufschlitzte. Das Brüllen ging in ein Gurgeln über. Der Priester fasste in den Brustkorb des Opfers, riss das noch zuckende Herz heraus und reckte es der glühenden Sonne entgegen. Tom Ericson wusste, dass sein Herz das Nächste sein würde.

Tom fragte sich, wie er hierher gekommen war, aber der Gedanke entglitt ihm. Der mit Gold und Federn geschmückte Maya-Priester hielt das noch immer schlagende Herz in seinen hohl geformten Händen und begann mit ihm über die Plattform zu tanzen. Blut lief zwischen seinen Fingern hervor. Der Alte stand unter Drogen, das erkannte Tom an den weit aufgerissenen Augen und den übergroßen Pupillen.

Rund zwei Dutzend weitere Priester und Gehilfen befanden sich auf der Pyramidenplattform in luftiger Höhe – und sieben weitere Opfer, die gefesselt an einer Mauer standen und dem grausamen Treiben hilflos zusehen mussten. Ein Junge, nicht älter als neun, war zusammengesackt und hing bewegungslos in seinen Fesseln. Niemand kümmerte sich um ihn. Tom sah das alles seltsam distanziert, als befände er sich nicht in seinem Körper. Als wäre er in Wahrheit weit, weit weg …

Die Priester fielen auf die Knie, als der Herzträger mit seltsam abgehackten Bewegungen an ihnen vorbei tanzte.

»Chaak, Gott des Regens, der du sterblich bist wie wir Menschen auch, nimm dieses erste Opfer an, damit du weiterleben kannst, und gib uns dafür deine Tränen!«, rezitierte der Oberpriester die vorgeschriebene Opferformel in einem unheimlichen, an- und abschwellenden Singsang. Tom wunderte sich darüber, dass er ihn verstehen konnte, aber auch dieser Gedanke verflog schnell wieder.

»Gib uns deine Tränen in reicher Zahl«, murmelten die schweißüberströmten Knienden und reckten beide Arme in den blauen Himmel. Dann erhoben sich zwei von ihnen. Sie traten an den mittlerweile Toten heran, dessen Körper nun auch zu zucken aufgehört hatte. Mit geübten Schnitten lösten sie die Fesseln, hoben den Leichnam hoch, schleiften ihn an die Kante der Plattform, schwangen ihn ein paarmal hin und her und warfen ihn schließlich in die Tiefe.

Tom stöhnte, als der Tote mit dumpfen Schlägen über die steilen Steinstufen rollte, die ganze Vorderfront der Pyramide hinab, bis er schließlich auf den harten, von der Sonne ausgedörrten Boden klatschte. Auch dies beobachtete Tom in aller Klarheit, obwohl er es von seiner Position aus gar nicht hätte sehen können.

Am Fuße der Pyramide warteten weitere Priester. Sie nahmen den Leichnam in Empfang und machten sich umgehend an die Arbeit. Zuerst köpften sie ihn. Dann trennten sie mit sicheren, tausendmal geübten Schnitten ihrer Obsidianmesser die blau bemalte und nun mit Blut bespritzte Haut vom Fleisch des Torsos. Nur Hände und Füße blieben unangetastet. Ein Auserwählter ließ sich die Haut über die ausgestreckten Unterarme legen und trug sie wie ein Kleid voller Ehrfurcht über die Stufen auf die Plattform zurück, während am Boden der enthäutete Leichnam den Sonnenstrahlen überlassen wurde. Denn Chaak sollte möglichst viel von seinen Opfern bekommen. Rund hundert Maya begannen um die menschlichen Überreste herum im Staub zu tanzen, der dunkel vom Blut vorangegangener Menschenopfer war.

Auf der Plattform legte der Oberpriester das herausgerissene Herz in eine steinerne Schale. Sie war als oben aufgebrochene Sonne gestaltet, deren Strahlen über den Schalenrand hinaus reichten. Während ein Priester eifrig damit begann, das Herz blau anzupinseln, schlüpfte der Oberpriester in die neue Haut, die danach mit Schnüren zugenäht wurde. Sie war ihm etwas zu groß und hing hier und da schlaff herunter.

Nun trat die Albtraumgestalt mit dem prächtigen hohen Federschmuck auf Tom zu und baute sich direkt vor ihm auf, den blutigen Opferdolch zum Stoß erhoben.

Der Archäologe zerrte erneut an den Fesseln. Er wimmerte. Sein Unterkörper zog sich schmerzhaft zusammen, Arme und Beine verkrampften sich. Sein Atem ging nun so schnell, dass er kurz vor dem Hyperventilieren stand; sein Schädel schien von dem wilden Pochen darin in tausend Teile zertrümmert zu werden.

Toms Panik entlud sich in einem lauten Brüllen, als er das Messer unter seinem linken Rippenbogen spürte. Er sah die Sonne auf der scharfen Klinge gleißen, sah den ersten Tropfen seines Bluts unter der Spitze. Furchtbare Schmerzen rasten durch seinen Körper, als das Messer mit zwei tiefen, kreuzförmigen Schnitten in seinen Leib drang. Er spürte die Hand, die folgte und sich unter den Rippen zum Herzen vorwühlte. Ein Gefühl, das ihn fast wahnsinnig werden ließ.

Dann ein Ruck – und der Oberpriester hielt ein neues, zuckendes Herz in der Hand.

Plötzlich waren die Fesseln verschwunden und Tom sprang mit einem Schrei auf.

»… hat sich vor wenigen Minuten ein schwerer Unfall auf der Calle 33 in Mérida ereignet«, quäkte der Oberpriester auf Spanisch.

»Was?«, keuchte Tom. Benommen stand er da und verspürte noch immer den Drang zu fliehen. Obwohl er bereits tot war. Die Maya-Pyramide und der grausame Priester verblassten. Und machten einem Hotelzimmer Platz, das in dämmrigem Dunkel lag.

»… dass ein Lastwagen, der offenbar viel zu schnell unterwegs war, plötzlich ins Schleudern kam, auf die Gegenfahrbahn geriet und sich frontal in ein entgegenkommendes Auto bohrte …«

Der Archäologe sah sich verwirrt um. Noch immer strömte Adrenalin durch seinen Körper und ließ ihn zittern. Erst als er realisierte, dass er Opfer eines Albtraums geworden war, seufzte er erleichtert auf. Sein rasend pochendes Herz beruhigte sich allmählich wieder. Wie schön, dass es noch in seiner Brust steckte …

Er befand sich nicht als Todgeweihter auf einer Maya-Pyramide. In Mexiko immerhin, ja. Aber das hier war Zimmer 1408 im Hotel El Castellano in Mérida, der Hauptstadt Yucatáns.

Tom atmete tief durch, stützte sich mit einer Hand auf der Schreibtischplatte ab und wischte sich mit der anderen den Schweiß von der Stirn und aus dem Gesicht. Er strömte noch immer so stark, dass er ihm in den Augen brannte.

»… wird noch für mindestens zwei Stunden voll gesperrt sein«, tönte die Stimme. »Dem Morgenverkehr wird daher empfohlen, über folgende Straßen auszuweichen …«

Tom Ericson blinzelte und sah nun wieder klar. Er stand gebeugt vor dem Schreibtisch des Zimmers. Hinter ihm lag ein umgestürzter Stuhl am Boden. Die heruntergebogene Leselampe kreierte eine kleine kreisrunde Lichtinsel auf dem Schreibtisch und tauchte ihre weitere Umgebung in geheimnisvolles Dämmerlicht. Sein Wecker neben dem Bett zeigte mit roten digitalen Ziffern die Zeit an: 4:23 Uhr. Und darunter das Datum: 14. Oktober 2011.

Tom hob den Stuhl auf und stellte ihn wieder ordentlich hin. Dann nahm er den Ring, der auf dem Tisch lag, und drehte dessen tiefblau leuchtenden Mittelteil, der zwischen zwei goldenen Randstücken eingebettet war. Sofort verstummte der Nachrichtensprecher.

Vor der Tür wurde ein Geräusch hörbar. Gleich darauf klopfte es leise. »Mister Ericson?«, fragte eine Stimme. »Ist alles in Ordnung?«

Tom ging zur Tür und öffnete sie. »Felix«, begrüßte er lächelnd den besorgt dreinblickenden kleinen Mexikaner. Er kannte den Empfangschef des Hotels von früheren Aufenthalten. »Alles klar. Wie kommen Sie darauf, dass etwas nicht stimmen könnte?«

»Nun, Ihr Zimmernachbar hat mich angerufen, weil er einen Schrei und ein Poltern gehört hat.«

Der Archäologe lächelte. »Ach so, das … Kein Grund zur Besorgnis, Felix. Ich bin am Schreibtisch eingeschlafen und hatte einen Albtraum. Als ich hochgefahren bin, ist der Stuhl umgefallen.«

Felix Lopez nickte und hielt sich mit beiden Händen an seiner mit Goldborten besetzten Weste fest. »Dann bin ich beruhigt, Mister Ericson. Bei Ihnen weiß man ja nie …«

»Mit mir wird’s mal ein böses Ende nehmen, ich weiß. Aber sicher nicht mehr heute Nacht.« Toms blaue Augen funkelten amüsiert.

Auch der Empfangschef grinste. »Die Nacht ist bald vorüber. Weiterhin einen angenehmen Aufenthalt, Mister Ericson.«

»Danke.« Tom schloss die Tür und gähnte erst einmal ausgiebig. Dann setzte er sich erneut an den Schreibtisch und betrachtete den seltsamen Ring, der vor ihm auf der Platte lag.

»Bist du etwa an diesem Albtraum schuld?«, murmelte er halblaut und beugte sich etwas nach vorne, um das Artefakt genauer zu betrachten. Seine Bemerkung war eher scherzhaft gemeint, denn bei dem Ring handelte es sich nicht um eine fluchbeladene Grabbeigabe, sondern um einen Funkempfänger, den man über den blauen Mittelteil bedienen konnte – wenngleich Tom auch noch nicht wusste, wie.

Der Archäologe seufzte. Er fühlte sich schmutzig und verschwitzt und holte jetzt nach, was er schon gestern Nacht hätte tun sollen, aber vor Müdigkeit verschoben hatte: Er verschwand unter die Dusche. Das kalte, mit Druck prasselnde Wasser und das wohlriechende Duschgel brachten seine Lebensgeister zurück.

Als er seinen Bauch berührte, zuckte er zusammen und verzog das Gesicht. Der Bluterguss war ein Andenken an den Überfall vergangene Nacht. Fünf Bandidos hatten ihm in einer finsteren Gegend aufgelauert, ihn in die Mangel genommen und ihm einen Kniestoß in den Magen verpasst. Und noch ein paar Gemeinheiten mehr.

Tom wäre wohl seiner ganzen Habseligkeiten inklusive Kreditkarte beraubt worden, hätte nicht plötzlich ein Indio eingegriffen und die Räuber im Alleingang in die Flucht geschlagen; in einer Art und Weise, die sogar Jackie Chan vor Neid hätte erblassen lassen.

Tom war sicher, dass er den Indio in den letzten Tagen bereits zweimal in seiner Nähe gesehen hatte: einmal auf dem Flughafen von Cancún und dann in Muna. Hatte er also einen geheimnisvollen Helfer, der seine Identität und damit wohl auch seine Motive geheim halten wollte? Denn er war geflüchtet, bevor Tom mit ihm sprechen konnte.

Auf jeden Fall hatte ihm der Überfall den Ring beschert. Nachdem alle geflohen waren, hatte er ihn, an einer Schnur hängend, im Rinnstein gefunden. Nun stellte sich die Frage, ob er einem Bandido oder aber dem Indio abhandengekommen war.

Wenn er dir gehört, mein geheimnisvoller Freund, werden wir uns wohl bald wiedersehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du so einfach auf den Ring verzichten wirst. Vielleicht ergibt sich dann ja die Gelegenheit für ein kleines Gespräch …

Toms Gedanken wanderten weiter. Noch immer hatte er diesen fürchterlichen Albtraum vor Augen. Er hatte sich realer angefühlt als jeder bisherige in seinem Leben.

Tom wusste eine Menge über die Maya. Und er hatte sich immer wieder gefragt, wie sich die blau bemalten Menschenopfer auf den Pyramiden kurz vor ihrem Tod gefühlt haben mussten.

»So genau hätte ich es aber nun auch nicht wissen müssen«, murmelte er, während er den Schaum aus seinem Blondschopf spülte. Hing dieser intensive Traum womöglich doch irgendwie mit dem Ring zusammen? War er unter Umständen mehr als ein bloßer Funkempfänger?

Dass Tom von den Maya träumte, ließ sich leicht erklären, denn das Geheimnis, dem er nachjagte, hing mit diesem Volk zusammen. Verstärkte der Ring seine Träume? Tom stellte fest, dass ihn das Artefakt immer stärker zu interessieren begann.

Der Archäologe stieg aus der Dusche und trocknete sich ab. Er wechselte die Kleider, trug nun ein schwarzrot kariertes Holzfällerhemd und Jeans. Draußen brach bereits der Tag an.

Tom nahm den Ring erneut zur Hand, setzte sich auf die Couch an der Wand und betrachtete ihn, zwischen Zeigefinger und Daumen haltend, eingehend. Der Ring wirkte recht klobig: gut einen Zentimeter breit und dreigeteilt. Die beiden Randstücke schienen aus purem Gold zu bestehen. Aber sie fühlten sich nicht so an. Aus welchem tiefblau schimmernden Material der Mittelteil bestand, erschloss sich Tom erst recht nicht, denn es wirkte völlig fremdartig.

Nun drehte er den Mittelteil wieder. Sofort begann der Ring in allen denkbaren Farben zu irisieren. Neben Tom bewegte sich etwas. Erschrocken fuhr er herum. Dabei ließ er den Ring fallen. Verblüfft starrte er auf die Wand. Schemenhaft blass, ein wenig verschwommen, konnte er Konturen wahrnehmen: einen Mann (im grauen Anzug?), der sich bewegte, dahinter schienen Hochhausfassaden zu leuchten.

Deutlich stand plötzlich die Stimme im Raum. Tom glaubte sie schon gehört zu haben.

»David Letterman«, sagte er ungläubig.

Tatsächlich. Der amerikanische Entertainer machte Witze über Ex-Gouverneur Schwarzenegger, der sich mit Unterhaltsforderungen für einen weiteren unehelichen Sohn herumschlagen musste. Das Publikum brüllte vor Vergnügen.

Es war bereits zu hell. Tom zog die Vorhänge zu. Sofort wurde es dunkler im Zimmer und das Bild wesentlich deutlicher.

Tom hob den Ring wieder auf, ohne etwas an der Einstellung zu verändern.

Hab ich’s doch gewusst. Der Ring ist ein Multitalent! Was kann er sonst noch alles, außer Funk und TV-Sendungen zu empfangen?

Lettermans Witze waren gut und so schaute Tom noch eine Weile zu. Schließlich drehte er den Ring ein Stück nach links und schickte die »Late Night Show« damit ins Off.

Ob man den Empfang wohl gezielt steuern kann?

Zuerst war es der Funkverkehr des Flughafens von Mérida gewesen. Danach ein Radio- und jetzt sogar ein US-amerikanisches Fernsehprogramm. Dabei musste es sich um eine Wiederholung handeln, denn Letterman kam immer um Mitternacht.

Wie kriege ich genau das rein, was ich will? Momentan ist das alles ja noch ein bisschen willkürlich …

Tom versuchte sich erneut in die Letterman-Show zu zappen, indem er den Mittelteil auf die letzte Stellung bewegte, aber es klappte nicht. Er bekam Trucker-CB-Funk herein, danach den Polizeifunk, einen wahrscheinlich chinesischen Radiosender – genau konnte er das nicht identifizieren – und schließlich den Boxenfunk eines Rennteams, dessen Auto sich gerade auf einer Rennstrecke befand.

Schließlich wurde es ihm zu langweilig und er stellte das Spielchen ein. Es gab da noch etwas, um das er sich unbedingt kümmern musste. Die sich überschlagenden Ereignisse der letzten Tage hatten ihm keine Zeit dazu gelassen.

Tom beschloss, das Hotelzimmer vorerst nicht zu verlassen und sich ganz auf seine Forschungen zu konzentrieren. Sogar das Frühstück wollte er sich aufs Zimmer kommen lassen.

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Zwischenspiel

Der alte Mann mit dem tief zerfurchten Gesicht und den schlohweißen, fettigen Haaren, die ihm bis auf den Rücken fielen, lag zusammengekrümmt auf dem Boden. Direkt vor seinem Gesicht befand sich ein Würfel, auf dem ein buntes Schachbrettmuster aufgemalt war. Unablässig fuhren die trüben Blicke des Alten die Linien nach, Stück für Stück, um dann wieder von vorne zu beginnen. Dabei tränten seine Augen, aber er beachtete es nicht.

Plötzlich schrie der Alte auf. Er starrte in die Zimmerecke und riss seine Augen so weit auf, wie er konnte.

»Geh weg, will dich nicht sehen …«, brabbelte er. »Nicht töten, alle tot, mich nicht töten …« Er drückte beide Handballen fest auf die Augen und öffnete den Mund. Der Laut, den er von sich gab, erinnerte an ein waidwundes Tier.

»Träumst du wieder von den Göttern, Alter?«, fragte der Pfleger, der ins Zimmer trat. »Dein Leben muss doch ein einziger Albtraum sein. Wenn man es überhaupt ›Leben‹ nennen kann. Warte, ich hol dir was, dann kannst du malen. Malen beruhigt.«

Der Pfleger legte dem Kranken ein Blatt Papier und einen Bleistift hin. Er wusste längst, dass es sinnlos war, den Patienten in eine aufrechte Position bringen zu wollen. Er verbrachte seine Zeit zumeist im Liegen, bevorzugt in der Embryonalstellung. Und so malte er auch. Er hatte im Laufe der Jahre ein bemerkenswertes Geschick darin entwickelt.

Tatsächlich begann der Alte ohne hinzuschauen etwas auf das Papier zu kritzeln; es lag nun anstatt des Würfels, den der Pfleger weggenommen hatte, auf dem Boden vor seinem Gesicht. Der Pfleger wusste genau, was es werden würde; er hatte es schon hunderte Male gesehen. Trotzdem schauderte es ihn, als das Zeichen Form anzunehmen begann.

Doch heute malte es der Alte nicht fertig. Urplötzlich warf er den Bleistift weg, schrie erneut und begann um sich zu schlagen. Der Pfleger spritzte ihm ein Beruhigungsmittel und ließ ihn liegen, wo er war. Im Bett hätte sich der Kranke nicht wohler gefühlt als hier.

Wohler gefühlt. Was für ein Hohn …

Der Pfleger ging. Und die Albträume überschwemmten den Alten wieder mit der Wucht von Huracan, dem Gott des Windes und des Feuers.

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Hotel El Castellano, Mérida

Plötzlich ertönte ein lautes Poltern vor der Tür, gefolgt von einem Schrei und einem Geräusch, als würde man etwas gegen die Wand schlagen. Tom spürte, wie sich seine Nackenhärchen aufrichteten. Seine Muskeln spannten sich an. Er erwartete, dass im nächsten Moment jemand durch seine Tür ins Zimmer stürmen würde.

Nichts passierte. Stattdessen ebbte der Lärm wieder ab.

Scheiße, ich sehe wohl schon Gespenster. Wahrscheinlich ist nur ein Staubsauger umgefallen oder etwas in der Art.

Gleich darauf klopfte es.

»Ja?«

»Ich bringe Ihr Frühstück, Señor Ericson«, erklang eine weibliche Stimme.

»Dann immer herein damit.«

Die Tür öffnete sich. Eine noch junge, leidlich hübsche Indigena mit schneeweißer Schürze und einem ebensolchen Häubchen schob einen Servierwagen vor sich her. Eine Schale mit verschiedenen Früchten stand darauf, vor allem das große Stück Honigmelone grinste Tom appetitlich an.

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