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2012 - Folge 01

Inhalt

  1. Cover
  2. Impressum
  3. Botschaft aus Stein
  4. Kapitel 1
  5. Kapitel 2
  6. Kapitel 3
  7. Kapitel 4
  8. Kapitel 5
  9. Kapitel 6
  10. Kapitel 7
  11. Kapitel 8
  12. Kapitel 9
  13. Leserseite
  14. Vorschau

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Botschaft aus Stein

von Hubert Haensel

Was geschieht, wenn im Jahr 2012 der Maya-Kalender endet? Geht dann wirklich die Welt unter? Droht uns das »Ende aller Zeiten«? Der Archäologe Tom Ericson glaubt nicht an solche Spekulationen. Bis er mit Geschehnissen konfrontiert wird, die sein Weltbild verändern sollen.

Erst ist es nur ein faszinierendes Rätsel um eine Maya-Stele – die an einem Ort steht, an dem die Maya nie waren. Doch bald wird es für Tom zu einem Wettlauf um Leben und Tod. Nicht nur um seine eigene Existenz, sondern um die der ganzen Menschheit …

1.

»Ich werde keine zwei vollen Tage warten, bis ich nach Hiva Oa weiterfliegen kann.« Der Mann stellte seine Reisetaschen ab und verschränkte die Arme vor der Brust. »Bitte keine Hinhaltetaktik, sondern ein brauchbares Transportmittel!«

»Aber Monsieur …« Der Insulaner hinter dem Infoschalter verstummte sofort wieder. Der Blick der blauen Augen, die ihn eben noch freundlich gemustert hatten, war unnachgiebig hart geworden. »Monsieur …«

Das Kopfschütteln des Mannes, der vor knapp vierzig Minuten mit der Air Tahiti gelandet war, stoppte auch diesen neuerlichen Versuch, die Panne herunterzuspielen. »Ich will keine Ausflüchte hören, sondern einen akzeptablen Vorschlag, wie ich mein Ziel heute noch erreichen kann. Es ist bestimmt nicht meine Schuld, dass das Inseltaxi mit Motorschaden im Hangar steht.«

»Natürlich nicht. Die Wartung des Hubschraubers war lange überfällig. Aber wir haben sehr gute Hotels hier auf Nuku Hiva …«

»Ich sagte es bereits: Das kommt für mich nicht in Betracht.« Der Mann schaute sich um. Nur drei Schritte hinter ihm stand das junge Ehepaar, das er während des Fluges kennengelernt hatte. »Für meine Mitreisenden ebenso wenig«, fügte er hinzu, als Robert Wilson verkniffen nickte.

»Das nächste Flugzeug startet erst übermorgen. So sehr ich es bedauere, aber ich kann daran nichts ändern, Monsieur …«

»Ericson«, sagte der Mann. »Tom Ericson.« Er mochte Ende dreißig sein, war knapp einen Meter neunzig groß und schlank, wirkte durchtrainiert und ausdauernd – und im Moment sehr ungeduldig. Mit beiden Händen fuhr er sich durch das dichte blonde Haar.

»Genießen Sie doch die Zeit bis dahin, Monsieur Ericson. Wer auf die Marquesas kommt, sucht Ruhe und Erholung.«

»Ich bin zum Arbeiten hier – um für eine Tourismusagentur Recherchen auf den Inseln anzustellen«, wandte der Mann ein.

Der Insulaner riss die Augen auf. »Das … das wusste ich nicht …«, stammelte er.

»Heißt das, Sie haben doch eine Transportmöglichkeit zur Verfügung? Einen Fischkutter, oder ein schnelles Boot?«

»Leider nein, Monsieur Ericson. Aber vielleicht kann ich sogar etwas Besseres für Sie arrangieren.« Beschwichtigend hob der Insulaner beide Hände. »Ich kümmere mich sofort darum. Bitte, haben Sie noch ein wenig Geduld.« Er verließ den Schalter und eilte davon.

Es war ruhig geworden. Die kleine Abfertigungshalle lag schon wieder verlassen da.

»Sie arbeiten in der Tourismusbranche?«, fragte Wilson zögernd. »Hatten Sie nicht an Bord gesagt, dass Sie Archäologe wären?«

Ericson lächelte, dann legte er demonstrativ einen Finger auf seine Lippen. »Das wissen Sie, Ihre Frau und ich – also bringen Sie uns nicht um die einzige Möglichkeit, trotz aller Pannen zügig weiterzukommen.«

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»Danke!«, sagte Robert Wilson an Tom gewandt. Er saß auf der rechten Seite der kleinen zweimotorigen Maschine, unmittelbar vor dem Einstieg, und nestelte an dem Gurt herum, dessen Verschluss nicht einrasten wollte.

Es war relativ eng in der kleinen, für fünf Passagiere ausgelegten Kabine. Die beiden vorderen Sitze unmittelbar hinter dem Cockpit waren reserviert. Links neben Wilson saß seine Frau, die dreijährige Tochter auf dem Schoß, hinter ihr Ericson, und hinter seinem Sitz war das Gepäck mehr schlecht als recht eingeklemmt und mit zwei Gurten notdürftig festgezurrt.

»Ich hätte nicht gedacht, dass wir die Einzigen sind, die ihr Hotel nicht auf der Hauptinsel haben«, sagte Wilson, wohl um eine Unterhaltung in Gang zu bringen.

Tom nickte stumm. Angespannt blickte er durch die offene Luke nach draußen.

Die Beech B60 Duke stand halb im geöffneten Hangartor und im Schatten, den das kantige Gebäude warf. Schon ein paar Meter weiter flirrte die Luft über dem Beton. Der Pilot diskutierte am Ende der Halle mit dem Insulaner vom Infoschalter. Eine hitzige Unterhaltung. Die beiden gestikulierten aufgebracht, und der Pilot deutete immer wieder auf das Flugzeug. Die Gesten des Uniformierten wirkten eher beschwichtigend.

»Werden wir uns auf der Insel sehen?«, fragte Wilson unvermittelt.

Tom schüttelte den Kopf. »Wohl kaum. Sie liegen am Strand im Osten, ich bin im Süden einquartiert und werde meine Tage sicherlich im Innern der Insel verbringen.«

»Auf der Suche nach Goldschätzen?«

Tom lachte verhalten. »Abgesehen davon, dass solche Funde selten geworden sind, ist die Südsee eher reich an Steinen.«

Wilson schaffte es endlich, den Gurt zu schließen und straff anzuziehen. »Was findet man als Archäologe so? Immer das, wonach man sucht?«

»Das hängt von den Vorarbeiten ab, die sich über Monate oder gar Jahre hinziehen können. Oft genug wird man enttäuscht …«

»Aber trotzdem Abenteuer pur?«

Tom Ericson hängte den Kopfhörer an die Wandhalterung zurück. »Wenn Sie Mückenschwärme, unwegsames Gelände und schweißtreibende Arbeit als Abenteuer bezeichnen …«

»Da kommen die anderen Passagiere!«, rief die Frau unvermittelt.

Tom hatte sich ablenken lassen und nicht gesehen, was draußen vorging. Aber offenbar gab es Streit. Einer der beiden Neuankömmlinge, eine ziemlich hagere Gestalt, schlug nach dem Piloten, und möglicherweise wäre seine Attacke ausgeartet, hätten ihn die beiden anderen nicht zurückgehalten.

»Das gefällt mir nicht«, stellte Mrs. Wilson fest.

»Wahrscheinlich geht’s um Geld«, bemerkte ihr Mann. »Es geht immer um Geld.«

Die vier kamen näher. Unvermittelt stieß der Hagere seinen Begleiter zur Seite und schnellte herum. Allerdings kam er nur wenige Schritte weit, dann hatten der Pilot und der Uniformierte ihn eingeholt und hielten ihn fest. Der Hagere schaffte es nicht mehr, sich loszureißen, als sie ihn zum Flugzeug zogen.

»Sieht nach Flugangst aus«, kommentierte Robert Wilson. »Tom, was meinen Sie?«

Ericson schwieg. Vergeblich versuchte er zu verstehen, was die Männer redeten. Aber der Widerstand des Hageren war ohnehin gebrochen. Er ließ sich die Trittstufen hinaufschieben, und sein Begleiter schaffte es gerade noch, ihn an den Schultern zu packen und seinen Kopf nach unten zu drücken, bevor er mit dem Türholm kollidierte.

Der Gang zwischen den Sitzen war eng. Wortlos drängten die beiden nach vorn und ließen sich in die reservierten Sitze fallen. Der Hagere stöhnte und pendelte mit dem Oberkörper hin und her, während sein Begleiter ihn anschnallte.

Helen Wilson hatte sich unwillkürlich ans Fenster gedrückt. »Ist er krank?«, raunte sie ihrem Mann zu.

»Eher betrunken – oder high.«

Den Eindruck hatte Ericson auch. Er hatte das knochige Gesicht mit der rissigen Haut gesehen, die tief in den Höhlen liegenden, matten Augen.

»Ich weiß nicht … Sollten wir nicht doch besser die reguläre Maschine nehmen?«

Wilson bedachte seine Frau mit einem knappen Kopfschütteln und wandte sich an den Archäologen. »Helen ist immer ein wenig ängstlich. Was meinen Sie, Tom?«

Der Einstieg wurde hochgeklappt und rastete krachend ein. Mehrmals rüttelte der Pilot an der Verriegelung, dann ging er nach vorn.

»Wir werden nicht lange in der Luft sein, oder?«, fuhr Wilson fort.

Tom überlegte kurz. »Es sind nicht mehr als hundertsechzig Kilometer, denke ich.«

Der Pilot duckte sich durch die Öffnung zum Cockpit und warf sich in seinen Sessel. »Wir sind so weit!«, rief er. »Alle angeschnallt? Das Wetter bleibt ruhig.«

»Er scheint sich damit abgefunden zu haben.« Wilson deutete mit einem knappen Kopfnicken auf den Hageren links vorn. Der Mann ließ die Arme hängen, sein Kopf war weit vornüber gesunken. Es sah aus, als schlafe er oder habe die Besinnung verloren.

Dröhnend liefen die Motoren an, der Lärm in der Kabine steigerte sich schnell. Während Helen Wilson ihrer ängstlich wimmernden Tochter die Ohren zuhielt, setzte ihr Mann sich die Kopfhörer auf. Ein Ruck ging durch die Maschine, als sie endlich anrollte, die Sonne blendete in die Kabine herein.

Der Pilot hantierte mit dem Sprechfunk, zu verstehen war jedoch nichts. Dröhnend holperte das Flugzeug auf die Piste zu.

Tom war schon mit der einen oder anderen Beechcraft geflogen. Selbst, nicht als Passagier. Komplizierte Technik und hohe Unterhaltskosten, das traf zumindest auf die B60 zu. Ihre Höchstgeschwindigkeit lag bei vierhundert Kilometern in der Stunde. Der Flug würde wirklich nicht lange dauern.

Ein kurzer Rollweg, dann hob die Maschine leicht bockig ab und neigte sich zur Seite. Für einen Augenblick hatte es den Anschein, als würde sie zurückfallen, aber schon veränderte sich das Dröhnen der Motoren und die letzten vierzig, fünfzig Meter Betonpiste huschten schnell vorbei.

Wilson hatte über den schmalen Mittelgang hinweg nach dem Arm seiner Frau gegriffen. Er wirkte besorgt. Als Tom sich nach vorn beugte, sah er, dass Helen krampfhaft die Augen geschlossen hielt und hastig atmete. Er klopfte ihr auf die Schulter. »Alles in Ordnung. Über der Küste wird es vielleicht noch ein wenig holprig, aber danach haben wir einen ruhigen Flug vor uns.«

Für einen Moment schaute sie ihn an. Furcht lag in ihrem Blick.

»Sie sind nie mit einem Kleinflugzeug geflogen?«

Die Frau schüttelte den Kopf und presste die Lippen fest zusammen.

»Alles halb so wild. Versuchen Sie die Etappe zu genießen, Helen. Das ist anders als in den großen Jets.«

Tom schaute nach vorn. Der Hagere war wach, seine Rechte verkrampfte sich um die Sitzkante. Zweifellos war er ebenso wie sein Begleiter Insulaner. Der Versuch, ihn einzuschätzen, ließ Ericsons Überlegungen wenig Spielraum.

Die Beechcraft drehte aufs Meer hinaus, das sich bald in tiefem Blau nach allen Seiten erstreckte. Der Motorenlärm wurde ein wenig erträglicher, trotzdem fiel es schwer, sich zu unterhalten.

Wilson nahm die Kopfhörer ab und drückte mit den Fingerspitzen auf seine Ohren. Nach einer Weile wandte er sich zu Tom um und nickte zufrieden.

Nuku Hiva fiel zurück, ein dunkelgrüner Edelstein im gleißenden Sonnenlicht. Ericson warf einen Blick auf die Uhr. Zehn Minuten seit dem Start, die Beechcraft befand sich weiterhin im Steigflug. Die Höhe schätzte Tom auf mehr als 13.000 Fuß.

Zwei Sitze vor ihm wurde der Hagere unruhig und zerrte an seinem Gurt. Erst als sein Begleiter auf ihn einredete, ließ seine Anspannung wieder nach.

Eine Dissonanz mischte sich in das gleichmäßige Dröhnen – und verschwand ebenso schnell. Ericson schürzte die Lippen. Das Geräusch gefiel ihm nicht.

Drei Minuten später kam es wieder. Diesmal hielt es länger an und wurde deutlicher. Einer der Motoren lief nicht mehr rund. Er stotterte, schnurrte wieder, und dann kam das dröhnende Krachen, das Ericson beinahe schon befürchtet hatte.

Robert Wilson starrte ihn an. »Was war das?«, konnte Tom von den Lippen des Mannes ablesen.

Mit einem knappen Kopfnicken deutete er schräg nach rechts. Einer der Propeller war plötzlich deutlicher zu erkennen. Er schien sogar rückwärts zu laufen, aber das war nur eine optische Täuschung.

Ein Rauchfaden wirbelte auf, huschte wie Nebel an den Fenstern vorbei. Augenblicke später drehte sich der Propeller nur mehr zögernd, als würde er lediglich vom Fahrtwind bewegt.

Die Beechcraft schwankte. Der Pilot hatte merklich Mühe, die Maschine mit nur einem Motor in der Horizontalen zu halten. Möglicherweise kämpfte er auch gegen Höhenwinde an.

»Der Motor brennt!«, keuchte Helen Wilson. Tatsächlich war der Qualm fetter geworden, beinahe schwarz.

Vom vorderen linken Sitz erklang ein gurgelnder Schrei. Der Hagere trampelte mit den Füßen und zerrte an der Gurtverankerung, als wollte er sie aus der Wand reißen. Dass sein Begleiter ihn zu beruhigen versuchte, schien er nicht einmal wahrzunehmen. Und dann, urplötzlich, löste sich der Gurt. Schwankend kam der Mann auf die Beine, gleichzeitig erhob sich auch sein Begleiter und versuchte ihn wieder auf den Platz zurückzudrängen.

Ob der Hagere sich bewusst auf den Sitz zurückfallen ließ oder ob der neuerliche Linksruck der Maschine ihn von den Füßen riss, konnte Ericson nicht erkennen. Er sah nur, dass der Mann mit aller Kraft zutrat und seine Stiefel den anderen Insulaner im Gesicht und am Brustkorb trafen.

Gurgelnd riss der Angegriffene die Arme hoch, suchte vergeblich nach Halt. Rückwärts prallte er gegen die Kante seines Sitzes, schrammte daran entlang und stürzte auf Wilson. Während die Frau und ihre Tochter gellend schrien, rutschte der Insulaner in den schmalen Mittelgang. Seine aufgeplatzten Lippen bluteten stark.

Tom hatte sein Gurtschloss geöffnet, kam aber nicht schnell genug hoch. Die Beechcraft schmierte über die linke Tragfläche ab und er musste sich festklammern.

Sekunden später kam die Gegenbewegung. Tom kämpfte sich auf die Beine – als der Hagere bereits beim Durchstieg zum Cockpit war. Mit einem Brüllen, in dem sich Angst und Wut mischten, griff er nach vorn und krallte eine Hand ins Haar des Piloten.

Der schrie auf, während sich die Maschine weiter nach rechts neigte. Tom Ericson hatte Mühe, sich nach vorn zu hangeln. Er stolperte über den am Boden liegenden Insulaner hinweg und stieß schwer gegen die Rückenlehne vor Wilson. Für Sekunden rang er nach Atem, doch er durfte nicht innehalten.

Wie besessen schlug der Hagere jetzt auf den Piloten ein. Der hatte das Steuer losgelassen und riss wie ein Ertrinkender beide Arme hoch, doch sein Versuch, nach dem Angreifer zu fassen, misslang. Ein brutaler Schlag ließ ihn nach vorn sinken, und in diese Richtung neigte sich auch die Beechcraft.

Tom Ericson erreichte den Durchstieg zum Cockpit. Die Hände ineinander verschränkt, schlug er zu und traf die Schulter des Hageren. Der fuhr herum, das Gesicht zur Grimasse verzerrt. Einer Faust konnte Tom ausweichen, die andere blockte er mit dem Unterarm ab, aber ein greller Schmerz jagte bis in seine Schulter hoch.

Der Angreifer setzte nach. Tom fing den Hieb ab, ließ seine Rechte vorschnellen und prallte unvermittelt mit dem Gegner zusammen.

Wie eine eiserne Klammer schlossen sich die Hände des Hageren, der stärker war als erwartet, um seinen Hals. Mit aller Kraft schlug ihm Tom die Fäuste auf die Ohren.

Der Mann schrie gellend und schien für einen Moment die Orientierung zu verlieren. Ericson setzte nun seinerseits nach und brachte einen Uppercut ins Ziel. Mit einem Ächzen brach der Hagere zusammen.

Tom hörte das Mädchen weinen und die Schreie der Frau, aber das wurde ihm kaum bewusst. Er drang weiter ins Cockpit vor. Der Pilot war in sich zusammengesunken. Ihn aus dem Sitz zu zerren, war alles andere als einfach. Später vermochte Ericson nicht mehr zu sagen, wie er es geschafft hatte, nur, dass ihm die ganze Zeit über klar gewesen war, dass die Maschine keinesfalls ins Trudeln geraten durfte.

Bewusst setzte sein Denken erst wieder ein, als er halb verrenkt im Pilotensitz kauerte und das Steuer fest umkrampft hielt. Langsam zog er es zu sich heran und versuchte zugleich die Instrumente zu überblicken.

Aus dem Flug war mittlerweile ein Sturzflug geworden.

Höhe: noch dreieinhalbtausend Fuß.

Den Versuch, die Nase schnell höher zu ziehen, beantwortete die Beechcraft mit einem seitlichen Ausbruch. Der künstliche Horizont zeigte die Bewegung erschreckend deutlich.

Dreitausend Fuß …

Ein Stottern nun auch im linken Motor. Tom stockte der Atem. Über die Gleitflugeigenschaften der B60 brauchte er sich keine Gedanken zu machen. Nicht bei dem immer noch steilen Flugwinkel.

Nur langsam brachte er die Nase höher. Er pendelte die Maschine geradezu aus.

Noch neunhundert Fuß. Die Wasseroberfläche kam viel zu schnell näher. Einen Aufprall würde das Flugzeug keinesfalls überstehen.

Einen Notruf hatte der Pilot vermutlich nicht mehr absetzen können. Aussichtslos also, auf Hilfe zu hoffen, falls das Wrack nicht ohnehin wie ein Stein im Meer versank.

»Sind Schwimmwesten unter den Sitzen?«, brüllte Tom nach hinten. Er hörte keine Antwort.

Die Maschine fiel weiter. Tom Ericson brauchte beide Hände, um sie unter Kontrolle zu halten. Jetzt zusätzlich mit dem Funkgerät klarkommen zu wollen, war ein Ding der Unmöglichkeit.

Dreihundert Fuß …

Leichte Gischt kräuselte sich auf den Wellen. Wind war aufgekommen, doch das interessierte Ericson kaum. Hundertfünfzig Fuß über dem Wasser fing er die Beechcraft endlich ab und hielt sie einigermaßen sicher in der Horizontalen. Der künstliche Horizont in der Anzeige direkt vor ihm schwankte nur mehr unmerklich.

»Ich denke, wir haben das Schlimmste hinter uns!«, rief er nach hinten. »He, hat es euch die Sprache verschlagen?«

»Nur Mückenschwärme und unwegsames Gelände …« Wilson klang nicht nur heiser, er hatte hörbar Mühe, sich überhaupt zu artikulieren. »Das haben Sie gesagt, Tom …«

»Na ja, meistens. Es gibt Ausnahmen.«

Tom Ericson war klatschnass; der Schweiß brannte wie Feuer in seinen Augen und er zitterte. Heftig blinzelnd kämpfte er dagegen an und versuchte zugleich, ruhiger zu atmen. Er hatte das Gefühl, dass sich sein Zittern auf das Flugzeug übertrug. Aber vielleicht war es ja umgekehrt.

Langsam ließ er die Beechcraft wieder steigen, hielt sie in einer Höhe von dreitausend Fuß. Er suchte Funkkontakt mit dem Flughafen auf Hiva Oa und bekam sehr schnell Antwort.

Zwanzig Minuten später setzte er die Maschine zwar mit zwei Hüpfern, jedoch sicher auf. Wilson und der andere Insulaner hatten den Hageren mit ihren Hosengürteln gefesselt. Allerdings war der Mann weiterhin ohne Besinnung.

Ein wenig graute Tom vor den Formalitäten, die nun kommen würden. Aber das ging vorbei.

Spätestens morgen früh würde die Welt schon wieder anders aussehen; das war immer so, sobald er seiner Arbeit nachgehen konnte.

2.

Keine Wolke trübte den blauen Himmel. Die wenigen Brotfruchtbäume in der üppigen Vegetation spendeten zur Mittagszeit kaum noch Schatten. Es war schwül geworden; das Summen der Mücken klang zunehmend aggressiver.

An den Beinahe-Absturz, der schon eine Woche zurücklag, dachte Tom kaum noch zurück. Wie er erfahren hatte, war der Hagere vom eigenen Bruder quasi in die Heimat verschleppt worden, um hier eine Entziehungskur über sich ergehen zu lassen. Nachdem sie die Linienmaschine nach Hiva Oa verpasst hatten, veranlassten die einsetzenden Entzugserscheinungen den Bruder, die Beechcraft zu chartern, in der dann auch Tom und die Wilsons noch Platz gefunden hatten.

Mit kraftvollen Machetenhieben bahnte sich Tom Ericson einen Weg durch das Dickicht junger Tahitikastanien. Er hielt nur kurz inne, als in der Nähe Monarch-Vögel aufstoben und sich zu einem großen Schwarm sammelten.

Gnadenlos brannte die Sonne vom Himmel herab.

Normal in diesen Breiten waren im Spätsommer um die sechsundzwanzig Grad Celsius.

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