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2. Immobilien-Zukunftstag

Elfriede Neuhold (Hrsg.)

Tagungsband

2. IMMOBILIEN-ZUKUNFTSTAG

Lebenswerte Stadtquartiere

17. Oktober 2019

Donau-Universität Krems, Österreich

Inhaltsverzeichnis

Elfriede Neuhold, Christian Hanus
Vorwort

Christina Ipser, Gregor Radinger
Der (Frei-)Raum als dritter Pädagoge –
Mensch-Gebäude-Wechselwirkungen am
Beispiel von Lernräumen für die Weiterbildung

Elfriede Neuhold
Ganzheitliche Verantwortung für Planung,
Entwicklung und Betrieb von Stadtquartieren

Elisabeth Oberzaucher
Homo Urbanus: Learning from the Past
to Build for the Future

Daniela Trauninger, Christine Rottenbacher
CoolKREMS – Messung und Beeinflussung der
Klima-Resilienz von Siedlungsgebieten

Wolfgang Stumpf
Intelligente Vernetzung von Gebäuden

Albert Treytl, Daniela Trauninger, Wolfgang Stumpf, Markus Winkler, Aleksey Bratukhin
Kastenfenster 2.0 – Intelligente Fenster zur
passiven Kühlung von Gebäuden

Verzeichnis der Autorinnen und Autoren

Vorwort

Am 17. Oktober 2019 veranstaltete das Department für Bauen und Umwelt den 2. Immobilien-Zukunftstag „Lebenswerte Stadtquartiere“, bei dem aktuelle Forschungsergebnisse rund um Gebäude und Stadtquartiere vorgestellt wurden.

Das Stadtquartier ist eine funktionale Einheit, welche für die Menschen nicht nur eine versorgende Funktion hat, sondern auch Lebensraum, Erholungsraum und Raum für sozialen und kulturellen Austausch bietet. Darüber hinaus sind Stadtquartiere als Konglomerat von Wasserinfrastruktur, Gebäuden, Anlagen und Straßen sowie von Pflanzen von zunehmender Bedeutung für die Resilienz der Städte in Bezug auf sommerliche Überhitzung. Neue Ansätze und Technologien werden hier für Gebäude und Gebäude-Verbünde entwickelt. Die Forschung schafft Innovationen für eine neue Lebensqualität, die aufgrund der rechtlichen Rahmenbedingungen nicht gleich umsetzbar sind. Forschungsergebnisse und Evidenz können aber auch Rahmen für Änderungen schaffen. Vielfach braucht es jedoch einerseits ein Miteinander sowie andererseits - analog dem „Überden-Tellerrand-Blick“ - einen Blick über die Grenzen des eigenen Fachgebietes sowie über die Grenzen des eigenen Grundstücks hinweg, um Lösungspotenziale zu ermitteln.

Die Klimamodellregion Krems war Kooperationspartner des Departments für Bauen und Umwelt für den Immobilien-Zukunftstag, mit dem das gemeinsame Forschungsprojekt namens CoolKREMS durchgeführt wurde.

Studierende des Departments für Bauen und Umwelt, konkret der Lehrgänge Building Innovation, Facility und Property Management, Real Estate Management sowie Sanierung und Revitalisierung nahmen bei dieser Tagung teil und konnten sich untereinander vernetzen.

Am Nachmittag wurden diverse Workshops zu zukunftsweisenden Themen abgehalten. Die Teilnehmenden beteiligten sich aktiv an der Ausarbeitung der Lösungen. So wurden jeweils die drei wichtigsten Handlungsempfehlungen ausgearbeitet und die TeilnehmerInnen konnten sich fachlich austauschen. In einem Walking-Workshop wurden die von den Teilnehmenden subjektiv empfundenen räumlichen Eigenschaften unterschiedlicher Lernumgebungen am Campus der Donau-Universität Krems erhoben. Die Ergebnisse dieser Analysen werden im Beitrag von Christina Ipser und Gregor Radinger dargestellt und interpretiert.

Die Tagung wurde mit einer Podiumsdiskussion abgeschlossen. Dabei wurde diskutiert, wie man Gebäude und Stadtquartiere gestalten kann, damit sich Menschen dort auch in Zukunft wohl fühlen.

Nun zur Übersicht der Beiträge der AutorInnen in alphabetischer Reihenfolge der ErstautorInnen:

Im Rahmen des Beitrags „Der (Frei-) Raum als dritter Pädagoge“ von Christina Ipser und Gregor Radinger werden räumliche Eigenschaften von studentischer Lernumgebung thematisiert, da Wechselwirkungen zwischen Menschen und ihrer gebauten Umwelt zunehmend als bedeutsam für Gesundheit und Wohlbefinden der NutzerInnen und darüber hinaus für den Lernerfolg von Studierenden erkannt werden.

Elfriede Neuhold geht in ihrem Beitrag auf die Frage ein, welche Komplexität in städtischen Quartieren gemeistert werden muss. Dabei werden die Makro-, Meso- und Mikroebenen identifiziert und einige Lösungsansätze vermittelt, unter anderem die Schaffung von QuartiersmanagerInnen nach dem Vorbild der Facility ManagerInnen. Vor allem in Hinblick auf die vermehrt geforderte Vernetzung von öffentlichen Räumen, von der blauen und grünen Infrastruktur wie auch der energetischen Vernetzung von Gebäuden im Quartier könnten neue Berufsbilder entstehen. Bei aller Komplexität wird jedoch auch auf die Fähigkeit des Menschen hingewiesen, komplexe Fragestellungen auch intuitiv anzugehen.

Gastreferentin Elisabeth Oberzaucher, wissenschaftliche Direktorin des Forschungsinstitutes Urban Human und Vizepräsidentin der International Society for Human Ethology, führt den LeserInnen vor Augen, wie Menschen evolutionsbedingt mit der sozialen Komplexität von urbanen Räumen überfordert sein können und fordert daher eine auf die menschlichen Bedürfnisse abgestimmte Planung von öffentlichen Räumen.

Im Bericht über das Forschungsprojekt CoolKREMS steht die Erforschung der Resilienz von städtischen Räumen in Krems gegen urbane Hitze im Zentrum der Forschungstätigkeit der Wissenschafterinnen Christine Rottenbacher und Daniela Trauninger.

Wolfgang Stumpf setzt sich in seinem Beitrag „Intelligente Vernetzung von Gebäuden“ mit den neuesten Erkenntnissen im Bereich Anergienetze auseinander und zeigt dadurch auf, wie die Vernetzung von Gebäuden in einem Anergienetz die Verbräuche und Produktion von Strom, Wärme und Kälte gebäudeübergreifend optimieren kann.

Das Forschungsprojekt CoolAIR, dessen erste Forschungsergebnisse von Daniela Trauninger, Albert Treytl, Wolfgang Stumpf, Markus Winkler und Aleksey Bratukhin vorgestellt werden, beinhaltet die sensorgesteuerte Nachtlüftung von Räumen im denkmalgeschützten Altbau der Donau-Universität Krems. Die komplexen Regelzusammenhänge und Programmabläufe einer modell-prädiktiven Regelung werden dabei auch für Nicht-ElektrotechnikerInnen äußerst verständlich vermittelt.

Abschließend möchte ich mich bei allen Vortragenden und allen weiteren Mitwirkenden herzlich für Ihr Engagement und ihre Beiträge bedanken. Besten Dank auch für die Bereitschaft, dass dieses Buch mit einer Creative CommonsLizenz frei im Internet verfügbar sein kann (und zwar unter den folgenden Bedingungen: Namensnennung des Autors/der Autorin verpflichtend – keine kommerzielle Nutzung erlaubt – keine Bearbeitung und Veränderung des Werks erlaubt). Details finden Sie im Internet unter https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

Auch bei dieser Veranstaltung galt: das Gesamtergebnis ist mehr als die Summe seiner Teile. Mein besonderer Dank gilt auch Petra Hammer und Richard Sickinger für das Lektorat und das Layout des Tagungsbands.

Dr. Elfriede Neuhold, Herausgeberin

Lehrgangsleiterin „Facility und Property Management“

Zentrum für Immobilien- und Facility Management

Department für Bauen und Umwelt

Donau-Universität Krems

Univ.-Prof. Dr. sc. techn. Dipl. Arch. ETH Christian Hanus

Dekan der Fakultät für Bildung, Kunst und Architektur

Leiter des Departments für Bauen und Umwelt

Donau-Universität Krems

Donau-Universität Krems

10. März 2020

Der (Frei-)Raum als dritter Pädagoge – Mensch-Gebäude-Wechselwirkungen
am Beispiel von Lernräumen für die Weiterbildung

Christina Ipser, Gregor Radinger
Department für Bauen und Umwelt, Donau-Universität Krems

Die architektonische Gestaltung und technische Ausstattung von Lernräumen sind wesentliche Einflussfaktoren für Lernerfolg, Motivation, Kreativität sowie Gesundheit und Wohlbefinden von Lehrenden und Lernenden im Weiterbildungsbereich. Von der Antike bis in die Gegenwart haben sich Vorstellungen und Anforderungen an formale Lernräume stets verändert. Aktuelle gesellschaftliche und technologische Entwicklungen führen auch heute zur Transformation von Lernumgebungen und –infrastrukturen.

Im Rahmen eines am 2. Immobilien-Zukunftstag durchgeführten Workshops wurde die Eignung verschiedener Innenräume und Freiraumbereiche für bestimmte Nutzungsszenarien aus Sicht der TeilnehmerInnen eruiert und qualitative Eigenschaften, die mit diesen Räumen in Verbindung gebracht werden, erhoben. Dabei kam ein diversifiziertes Methoden- und Auswertungsset zur Anwendung, aus dem räumliche Präferenzen für unterschiedliche Lernaktivitäten abgeleitet werden können.

Space as 3rd Pedagogue - Human-Building-Interactions of Learning Spaces for Continuing Education

Architectural Design And Technical Equipment of learning spaces are essential factors for learning outcome, motivation, creativity as well as health and wellbeing of teachers and learners in the field of adult education. From antiquity to the present day, ideas and requirements for formal learning rooms have constantly changed. Current social and technological developments continue to transform learning environments and infrastructures.

In a workshop held on the 2. Immobilien-Zukunftstag the suitability of various interiors and open space areas for certain usage scenarios was investigated from the participants‘ point of view and qualitative characteristics associated with these spaces were ascertained. A diversified set of methods and evaluation tools was used, from which spatial preferences for different learning activities can be derived.

1. Einleitung

“We shape our buildings and
afterwards our buildings shape us.“
[1]

Winston Churchill („House of Commons
Rebuilding“ 1943)

Angesichts der Zerstörungen des 2. Weltkrieges wurden in London im Oktober 1943 verschiedene Varianten für den Wiederaufbau des britischen Parlamentsgebäudes diskutiert. Mit seiner pointierten Aussage, wonach das Handeln und Befinden von Menschen durch die Gestaltung ihrer gebauten Umgebung wesentlich beeinflusst werden, sprach sich der damalige Premierminister Winston Churchill dafür aus, die „Common Chamber“ wieder in ihrer vorherigen Form - also mit dicht gedrängten, einander gegenüberliegenden Sitzreihen - aufzubauen. Diese kontroverse und auf räumlichen Komfort weitgehend verzichtende Anordnung entsprach nach seinem Dafürhalten eher der Diskussionskultur des Parlamentarismus im Vereinten Königreich, als eine geräumigere, U-förmige Anordnung, wie sie von einigen seiner Opponenten befürwortet wurde. Mit seinem prägnanten Zitat setzte sich Churchill nicht nur gegen seine Kontrahenten durch, sondern brachte architekturpsychologische und –soziologische Erkenntnisse über die Wechselwirkungen zwischen menschlichem Befinden und Verhalten sowie räumlichen Gegebenheiten auf den Punkt.

Auch für den Bildungsbereich ist die Erforschung der Zusammenhänge zwischen der Gestaltung der Umgebung und den darin ablaufenden Lehr- und Lernprozessen von fundamentaler Bedeutung. Neben dem Erreichen von Lernerfolgen sind dabei der Erhalt und die Förderung von Motivation und Kreativität, aber auch der Gesundheit von Lehrenden und Lernenden wesentliche Zielsetzungen.

Ein Blick in die historische Entwicklung von Lernräumen und -orten im westlichen Kulturkreis zeigt die starke Verbindung zwischen Prozessen der Wissensvermittlung und -generierung und ihrem räumlichen Umfeld. So sind die vier großen institutionell organisierten Philosophenschulen der Antike jeweils nach den Orten oder Bauwerken benannt, an denen in der ersten Zeit nach ihrer Gründung gelehrt und gelernt wurde: Die Platonische Akademie ist nach dem „Hain des Akademos“ benannt, der aristotelische Peripatos (altgriechisch περίπατος) bezieht seinen Namen von einer „Wandelhalle“. Die von Zenon von Kition gegründete Stoa (altgriechisch στοὰ) ist nach der „Säulenhalle“ auf der Agora, dem antiken Marktplatz in Athen, benannt, und Kepos (κῆπος), wie die epikureische Schule auch bezeichnet wird, ist das altgriechische Wort für „Garten“.

Dabei existierte in der griechischen Antike noch kein formales Hochschulsystem. Der Unterricht fand überwiegend in Form von Dialogen statt, während derer die Studierenden sich an unterschiedlichen Orten frei um die Lehrenden versammelten oder mit diesen spazierten. Abb. 2 zeigt schematisch die Entwicklung der räumlichen Anordnung von Lehrenden und Studierenden seit der Antike nach Park und Choi (2014). [2]