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1975 Umbrüche in Politik, Kultur und Gesellschaft

© 2015 Holger Schulz

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback 978-3-7439-1166-6
Hardcover 978-3-7439-1167-3
e-Book 978-3-7439-1168-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

Über dieses Buch

1. Die Gesellschaft – grau und bunt

2. Die bestimmenden politischen Themen 1975

2.1. Die Annäherung von Ost und West

2.2. Vietnam - Die Medien und der Krieg

2.3. Terrorismus - Auseinandersetzungen in der Bundesrepublik

3. Zwanzig Jahre Bundeswehr - etabliert, aber rückwärtsgewandt

4. Parlamentarische Auseinandersetzungen – Zwei Kontrahenten

5. Die DDR - Das andere Land

5.1. Totale Überwachung

5.2. DDR-Medien - Beifall für die Erfolge der SED

5.3. Der Blick aus dem Westen - Ausblendung der Realität

5.4. Spione

6. Die Europäische Gemeinschaft

7. Kultur

7.1. Film und Fernsehen - die Glanzpunkte

7.2. Bücher - Erfolgreich und umstritten

7.3. Neue „Krankheiten“

7.4. Zeitungen - Die Qualitätsfrage

7.5. Musik - Große Stars

7.6. Theater - Die kaputte Bühne

7.7. Sport - Das große Geschäft

8. Beruf und Wirtschaft

8.1. Bildungspolitik

8.2. Wachstum

8.3. Arbeitslosigkeit - Die Rolle der Gewerkschaften

8.4. Öffentlicher Dienst - Noch einmal: die Gewerkschaft

8.5. Das Ende des Schlaraffenlandes - aber nicht für alle

8.6. Optimismus trotz der Wirtschaftsflaute

8.7. Die unbemerkte digitale Revolution

8.8. Linke Erfolgsrezepte - Wirtschaftslenkung und Subventionen

8.9. Netzwerke

8.10. Kreative Geldschöpfung - gepflegte Hilfsbedürftigkeit

9. Gesellschaft und Kämpfer

9.1. Verbände und revolutionäre Kämpfer

9.2. Die Kirchen - Ihr Einfluss geht zurück

9.3. Die richtige Gesinnung und richtiger Sprachgebrauch

9.4. Ein Portugiese und andere Ausländer

9.5. Die politischen Parteien

9.6. Die Frauenbewegung - Emanzipierte Kämpferinnen

9.7. Die demographische Entwicklung

9.8. Die neue Armut

10. Was bleibt?

11. Was wird sein?

2. Die bestimmenden politischen Themen 1975

2.1. Die Annäherung von Ost und West

„3 geteilt? niemals!“

Wie in der „Welt von Gestern“ Stefan Zweigs vor dem ersten Weltkrieg ist die Welt um 1975 eine geordnete Welt, in der klare Abgrenzungen gelten. Deutschland ist zweigeteilt: Die Bundesrepublik Deutschland ist eng in die westliche Welt eingebunden, die Deutsche Demokratische Republik abhängig von der Sowjetunion. Diese feste Einteilung der Machtblöcke der Welt in West und Ost bietet eine gewisse Sicherheit für beide Seiten.

Im Westen Deutschlands sind Ende der 1960er Jahre allmählich die Plakate und Emailleschilder aus den vergangenen Jahrzehnten verschwunden, die mit der Aufschrift „3 geteilt? niemals!“ den Anspruch auf die ehemals deutschen Gebiete jenseits der Oder-Neiße-Linie, den nach dem zweiten Weltkrieg Polen und der Sowjetunion zugeteilten Gebieten, betont haben. Sogar in kleinsten Dörfern in Westdeutschland hat das „Kuratorium Unteilbares Deutschland“ Plakate und Schilder mit der Parole der Nicht-Akzeptanz der Teilung Deutschlands angebracht. Allmählich werden auch die Atlanten im Schulbetrieb den tatsächlichen Verhältnissen angepasst, indem darauf verzichtet wird, den Osten Deutschlands in den Grenzen von 1937 als „Unter sowjetischer Verwaltung“ und „Unter polnischer Verwaltung“ zu bezeichnen. Und die „Sowjetische Besatzungszone“ SBZ, wird im Sprachgebrauch in der Bundesrepublik Deutschland allmählich zur „Sogenannten DDR“, dann zur „DDR“ in Anführungszeichen und schließlich zur DDR ohne Anführungszeichen. Eine scheinbare Unabwendbarkeit, die Existenz der DDR, wird, zumindest in großen Teilen der Bevölkerung, anerkannte Realität.

Einige Steine auf dem Weg zu einer klaren friedlichen Abgrenzung zwischen Ost und West hat der erste sozialdemokratische Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, Willy Brandt, aus dem Weg geräumt, indem er 1970 die Oder-Neiße-Grenze als polnische Westgrenze anerkennt und es versteht, erhebliche Widerstände in der Bundesrepublik, aber auch in Polen, zu meistern. Franz Josef Strauß, 1970 Oppositionspolitiker und Kritiker der sozialliberalen Koalition, charakterisiert diese Politik mit den kraftvollen Worten: „sozialistisch-kommunistische Internationale“ („Spiegel“ 19/1970), ohne aber den nachhaltigen Erfolg dieser neuen Politik schmälern zu können. Ein halbes Jahrzehnt später zeigt sich in Helsinki auf der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, dass der von Brandt beschrittene Weg tatsächlich zu mehr Sicherheit für die Erhaltung des Friedens in Europa beiträgt.

***

150 Orden, Medaillen und Ehrenzeichen trägt Erich Honecker, Helmut Schmidt kommt ohne Orden aus.

Die Lebenswirklichkeit der beiden deutschen führenden Politiker aus der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik, Helmut Schmidt und Erich Honecker, die auf der Konferenz von Helsinki zusammentreffen, zeigt große Kontraste. In ihrem Anspruch auf persönliche Anerkennung sind sich beide jedoch sehr ähnlich.

Erich Honecker ist 63 Jahre alt, als er sich 1975 auf der Sicherheitskonferenz in Helsinki erstmals international aufgewertet fühlen darf. Zwar kann er sich (angeblich) mit 150 Orden, Medaillen und Ehrenzeichen schmücken, aber das gilt wenig im Vergleich mit seinen führenden Genossen in der DDR, zumal Erich Mielke, Chef der Staatssicherheit der DDR, mit 274 Orden einen deutlichen Vorsprung hat. Der Beginn der Karriere von Erich Honecker in der DDR ist insbesondere durch seine Tätigkeit als Berufsjugendlicher in der Freien Deutschen Jugend (FDJ) geprägt, deren Vorsitzender er selbst noch im fortgeschrittenen Alter von 43 Jahren bis 1955 gewesen ist. 1971 hat er es geschafft: Honecker wird Erster Sekretär des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei der Deutschen Demokratischen Republik.

Und lange hält er in dieser Position durch, obwohl es mit der DDR wirtschaftlich immer weiter bergab geht. Erst 1989 wird Honecker gestürzt werden, von den eigenen Genossen im Nachhinein mit wenig schmeichelhaften Attributen bedacht: Er halte sich für den größten lebenden Führer des internationalen Sozialismus, für einen der Größten von Weltgeltung überhaupt, so groß sei seine Eitelkeit (Werner Krolikowski, SED-Politbüro-Mitglied) und er halte sich für die Nummer eins im Sozialismus, wenn nicht sogar in der Welt (Michail Gorbatschow, Generalsekretär des ZK der Sowjetunion).12

***

Helmut Schmidt, 57 Jahre alt, ist seit 1974 Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, der fünfte Kanzler der Bundesrepublik. Vorher, in der Zeit von 1969 bis 1974, war er erst Verteidigungsminister, danach Finanzminister. In seiner Partei, der SPD, genießt er, der Realpolitiker, zeitlebens nur geringen Rückhalt. Mit Honeckers Orden kann Schmidt nicht mithalten, er kann aber zahlreiche Ehrendoktorwürden und Ehrenbürgerschaften aufweisen. Die Verleihung des Verdienstordens der Bundesrepublik mit Stern und Schulterband lehnt Schmidt ab, denn die Hamburger Bürger, von denen Schmidt einer mit Herz und Seele ist, lehnen seit dem 13. Jahrhundert Auszeichnungen fremder Herren ab.

Mit einem Anflug von Spott wird Schmidt als „Weltökonom“ bezeichnet, eine hohe Ehrung für den Politiker, die seinem Selbstverständnis sicher nicht entgegensteht. Helmut Schmidt „war nicht nur wirtschaftlich kenntnisreich. Er konnte von sich behaupten (und tat das auch ungeniert), auf nahezu allen Feldern der Politik bewandert zu sein“, schreibt der „Spiegel“ nach dem Tod Schmidts im Jahr 2015.

***

„Ein freundliches Wort zur Familienzusammenführung“, mehr erwartet die Bundesregierung nicht von der Helsinki-Konferenz.

Jetzt, im Jahr 1975, kommt es zu der denkwürdigen Begegnung zwischen Helmut Schmidt und Erich Honecker. Honecker trägt einen imposanten Titel, repräsentiert aber einen heruntergekommenen Staat, der nur im Namen die Bezeichnung „demokratisch“ trägt, in Wirklichkeit aber der Gewalt einer Ein-Parteien-Diktatur unterliegt. Schmidt hat eine bescheidene Amtsbezeichnung, ist jedoch Regierungschef eines demokratischen, international anerkannten, wirtschaftlich erfolgreichen Staates.

Im Plenum der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) sitzen beide Politiker in der selben Reihe und unterhalten sich angeregt über einen zwischen ihnen liegenden Gang hinweg. Das Foto, das Schmidt und Honecker im Juli 1975 während der Konferenz zeigt, symbolisiert eine vorsichtige Annäherung beider Staaten. Als am 1. August 1975 die KSZE-Schlussakte unterzeichnet wird, sitzen beide Politiker aufgrund der alphabetischen Sitzordnung nach französischer Staatenbezeichnung („Rep. Fed. d´Allemagne", „Rep. Dem. Allemagne“) nebeneinander, jedoch mit ernster Miene. Auf dem Foto, das diesen Moment der Unterzeichnung zeigt, unterschreibt Erich Honecker die Schlussakte, während Helmut Schmidt, scheinbar teilnahmslos mit seinem Schreibgerät spielt und seinen Nachbarn keines Blickes würdigt. Umgekehrt blickt Honecker gleichgültig in die Ferne, als Schmidt die Akte unterzeichnet.

Die Gespräche zwischen Schmidt und Honecker aber beleben die künftigen innerdeutschen Beziehungen, da Fragen zu den Verkehrswegen, des Zahlungsverkehrs und des Mindestumtauschs von Westgeld in Ostgeld bei Besuchen Westdeutscher in der DDR besprochen werden können. Von westdeutscher Seite ist nicht einmal dies erwartet worden, denn in einem Vermerk des Bundeskanzleramts vom 4. Juli 1975 zur Vorbereitung des Gesprächs mit Honecker wird lediglich erwartet, dass ein allgemeiner Meinungsaustausch stattfinden könne und sich „ein freundliches Wort zur Familienzusammenführung“ anbiete, „umso mehr als sonst wohl kein positiver Punkt gefunden werden kann.“13

Auch der Karikaturist H. E. Köhler hat von der Helsinki-Konferenz keine großen Erwartungen und liegt daher in seiner Einschätzung auf der Linie des Bundeskanzleramtes. „Helsinki - der Gipfel der Unverbindlichkeiten“ nennt er seine Karikatur, die am 30. Juli 1975 in der FAZ erscheint: Auf dem zu einem Kartenhaus zusammengefalteten Vertrag von Helsinki stehend, lassen sich die Staats- und Regierungschefs Helmut Schmidt, Valéry Giscard d´Estaing, Harold Wilson, Leonid Breschnew und Gerald Ford feiern. Zu Böllerschüssen, großem Feuerwerk und wehenden Fahnen strahlen die Politiker, sich eng umfassend, um die Wette. Im Vordergrund der Karikatur macht ein Clown mit Zipfelmütze und karierter Hose Handstand und grinst den Betrachter an. Es ist zu erwarten, dass das Kartenhaus in der Karikatur bald zusammenklappen wird.

Trotz aller Skepsis ist diese Konferenz ein historischer Moment, da die beiden deutschen Staaten zum ersten Mal international gemeinsam auftreten, wenn auch in unterschiedlichen Lagern. Eine Gemeinsamkeit der Zielsetzungen ist jedoch keinesfalls gegeben, da die Bundesregierung am Ziel der deutschen Einheit festhält, die DDR dagegen die deutsche Teilung festigen will.

Honecker ist über die internationale Anerkennung der DDR in der Schlussakte von Helsinki begeistert, verkennt jedoch, dass jener Teil der Schlussakte, der die Empfehlungen über die gegenseitige Zusammenarbeit der 35 Teilnehmerstaaten bei menschlichen Kontakten sowie beim Informations-, Bildungs- und Kulturaustausch regelt, auf längere Sicht Risiken enthält, die die Stabilität des SED-Regimes in der DDR in Frage stellen. Auch ist die friedliche Veränderung von Grenzen in Europa in gegenseitigem Einvernehmen und in Übereinstimmung mit dem Völkerrecht ausdrücklich möglich.

Der Generalsekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, Leonid Breschnew, hat die Gefahr erkannt und vor dem Aufweichen des Sozialismus in der DDR gewarnt. Er sieht die hohe jährliche Besucherzahl Westdeutscher in der DDR als Gefahr, da mit den Besuchern die westliche Ideologie in die DDR gebracht werde.14 Auf einem Foto aus der Konferenz zeigt sich ein zweifelnder, nachdenklicher Generalsekretär Breschnew, neben ihm sitzt der sowjetische Außenminister Andrei Gromyko, grimmig blickend. Gromyko, Außenminister der Sowjet-Union für fast 30 Jahre bis 1985, sieht auf nahezu allen Fotos unwirsch aus und trägt daher seinen Spitznamen Grim Grom zu Recht.

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In der Gesamtsicht zeigt sich, dass der Teil des KSZE-Vertrages, der sich mit den Menschenrechten befasst, entscheidend für die langfristige Entwicklung in Osteuropa ist. Viele Menschenrechtsorganisationen, wie die Bürgerrechtsbewegung in der DDR, die Solidarność in Polen oder die Charta 77 in der Tschechoslowakei berufen sich auf den Vertrag von Helsinki und tragen schließlich zum Zusammenbruch des Ostblocks und damit zum Ende des Ost-West-Konflikts bei. Die Umbrüche verlaufen weitgehend friedlich.

Am 1. August 1975 ahnen wohl nur wenige, welche Kraft der Helsinki-Vertrag entfalten wird und das Leben nicht nur in Europa, sondern in der ganzen Welt verändern wird. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der von ihr abhängigen sozialistischen Staaten wird sogar das „Ende der Geschichte“ (so der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama) ausgerufen, weil sich der Liberalismus in Form von Demokratie und Marktwirtschaft endgültig weltweit durchsetzen werde. So weit ist es allerdings am Ende bisher nun doch nicht gekommen.

Aber diese Konferenz, an der 15 NATO-Staaten, 7 Staaten des Warschauer Pakts und 13 neutrale Länder teilnehmen, bildet den Auftakt für die Annäherung von Ost und West. Bei einem Gipfeltreffen der Staatsund Regierungschefs in Paris im November 1990 erklären die Teilnehmer die jahrzehntelange Teilung Europas für beendet. Die KSZE wird 1995 umbenannt in die „Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit“ OSZE. Sie ist 40 Jahre nach dem Treffen in Helsinki mit 57 Teilnehmerstaaten die einzige sicherheitspolitische Organisation, in der alle europäischen Länder, die Nachfolgestaaten der Sowjetunion, die USA und Kanada vertreten sind.

2.2. Vietnam - Die Medien und der Krieg

Der Krieg in Vietnam, der Krieg zwischen dem kommunistischen Norden des Landes gegen den von den USA unterstützten Süden Vietnams, entwickelt sich weit weg von Deutschland. Europäische Staaten sind (diesmal) nicht in die Kriegshandlungen verwickelt. Die Rolle der Vereinigten Staaten von Amerika als Kriegsteilnehmer in dem südostasiatischen Land wird in Deutschland jedoch sehr kritisch gesehen. Der Vietnamkrieg beeinflusst daher zumindest indirekt unsere gesellschaftliche Entwicklung fundamental.

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Huyn Cong Út, genannt Nick Út, ist Fotoreporter für die Agentur Associated Press (AP). Am 8. Juni 1972, der Tag, der ihn weltberühmt machen soll, ist er 21 Jahre alt. Er ist mit einem Kleinbus mit einem vietnamesischen Fahrer auf der Nationalstraße Nr. 1 unterwegs zu dem Dorf Trang Bàng in Vietnam, 25 Kilometer von Saigon entfernt. Seine Ausrüstung umfasst eine schusssichere Weste, einen Stahlhelm und eine Uniform mit der Aufschrift „Bao Chi“ (Presse) sowie einen Fotoapparat, eine Leica M2.

Seit dem Morgen dieses Tages warten mehrere Journalisten etwa zweibis dreihundert Meter vor dem Dorf auf der Nationalstraße, denn südvietnamesische Truppen haben das Dorf umstellt, in dem sie nordvietnamesische Kämpfer vermuten. Der Kommandeur der südvietnamesischen Truppe fordert die Unterstützung der Luftwaffe an, und gegen Mittag wirft das erste von zwei südvietnamesischen Flugzeugen eine Bombe und weitere vier Napalmbomben-Kanister ab, die am Rand des Dorfes und auf der Straße einschlagen. Schüsse aus Maschinengewehren unterstützen den Angriff.

Nach dem Bombenabwurf laufen verängstigte Bewohner des Dorfes auf die wartenden Journalisten zu, die das Geschehen mit Film- und Fotokameras dokumentieren. Ein Foto von Nick Út zeigt eine flüchtende Gruppe von fünf Kindern auf der Nationalstraße, im Hintergrund Rauchschwaden des vorausgegangenen Napalm-Angriffs. Das Mädchen in der Mitte der Kindergruppe auf dem Foto ist Kim Phúc. Das Mädchen, nackt, schreit vor Schmerzen, die Haut ist vom Napalm verbrannt.

Dieses Foto veröffentlicht die „New York Times“ am nächsten Tag auf der Titelseite. Es findet weltweite Resonanz, bis heute. Allerdings zeigt sich im Jahr 2016 ein besonderer Nachhall, den niemand im Jahr 1972 für möglich halten würde: Facebook löscht einen Zeitungsartikel der größten Norwegischen Zeitung „Aftenposten“, der das Foto von Nick Út erneut zeigt. In der Begründung zur Lösch-Aktion fordert Facebook den Chefredakteur der Zeitung, Espen Egil Hansen, dazu auf, das Foto bei erneuter Veröffentlichung entweder zu verpixeln oder ganz auf das Foto zu verzichten. Facebook will damit der besonderen Verantwortung nachkommen, die Verbreitung von Nacktfotos zu verhindern. Der Unterschied einer Veröffentlichung eines kinderpornografischen Fotos oder eines weltbekannten Kriegsfotos bleibt Facebook verschlossen.15 Vielleicht ist die Begründung für die Löschung auch nur ein Vorwand für eine besondere Zensur der politisch unbequemen Meinung eines unabhängigen Journalisten. Das US-„Time Magazine“ reiht dieses Foto im November 2016 unter die 100 wichtigsten Fotos der Geschichte ein. „Bilder, die die Welt verändert haben“, heißt die Serie im „Time Magazine“.

Ob dieses Foto dazu beigetragen hat, den Vietnamkrieg schneller zu beenden, ist strittig, denn zu diesem Zeitpunkt befinden sich nur noch wenige amerikanische Truppen in Vietnam. Es sind ausschließlich Vietnamesen, die an diesem Tag in die Kriegshandlungen verwickelt sind. Nordvietnamesen, denen der Angriff gegolten hat, werden in Trang Bàng übrigens nicht gefunden.16

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Der Codename heißt „Agent Orange“ und wird zum Synonym für militärische Gewalt gegenüber der Zivilbevölkerung.

Am 30. April 1975 endet nach zwanzig Jahren der zweite Vietnamkrieg, der sich an den achtjährigen Krieg in Indochina, zu dessen Gebiet Vietnam gehört, fast direkt angeschlossen hat. Der erste Krieg, der Konflikt zwischen der Kolonialmacht Frankreich und der vietnamesischen nationalistisch-kommunistischen Bewegung der Viet Minh hat 800.000 Opfer gefordert. Im zweiten Krieg, dem Krieg zwischen dem von den USA protegierten Südvietnam und dem vor allem von China unterstützten Nordvietnam, sind etwa zwei Millionen vietnamesische Tote zu verzeichnen. Rund 58.000 amerikanische Soldaten verlieren ihr Leben.

Die Kriegskosten belaufen sich in diesem längsten Krieg des 20. Jahrhunderts auf 167 Mrd. Dollar.17 Das Kriegsziel der USA, den Kommunismus einzudämmen, wird nicht erreicht, im Gegenteil: Am 30. April 1975 überrennen die Kommunisten Saigon und vereinen Vietnam unter kommunistischer Herrschaft. Für Millionen Südvietnamesen beginnt mit dem-Tag der Niederlage eine lange Leidenszeit, die für viele von ihnen mit dem Tod endet. Sehr grobe Schätzungen gehen davon aus, dass in der Nachkriegszeit etwa 1 Million Menschen getötet werden.18

Der Krieg, insbesondere die Phase des Krieges ab etwa 1965, wird mit äußerster Brutalität geführt. Die USA setzen chemische Kampfstoffe ein, von denen vor allem die unter dem Codenamen „Agent Orange“ großflächig versprühten dioxinhaltigen Herbizide zur Entlaubung des Dschungels nachhaltige Wirkung zeigen: Viele hunderttausend Bewohner der betroffenen Gebiete und etwa zweihunderttausend amerikanische Soldaten erkranken.19 Bis zu 548.000 US-Soldaten werden in diesem Krieg eingesetzt (Januar 1968), die von diesem Zeitpunkt an allmählich reduziert werden und 1973 noch 27.000 Soldaten zählen. Zahlreiche Kriegsverbrechen sind dokumentiert.

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My Lai ist nicht symptomatisch, sondern ein vereinzelter Zwischenfall, sagt jedenfalls der US-Präsident und begnadigt den Täter des Verbrechens.

William „Rusty“ Laws Calley Jr. ist Second Lieutenant, Kommandant des 1. Platoon der Task Force Barker. 24 Jahre alt ist er am 16. März 1968. An diesem Tag hat die Gruppe unter seinem Befehl den Auftrag, das Dorf Son My, amerikanisch My Lai genannt, einzunehmen und nach Kämpfern des nordvietnamesischen Vietcong zu durchsuchen. Vietcong-Kämpfer werden nicht gefunden, es gibt auch keinen Widerstand. Aber fast alle Bewohner des Dorfes, über 500 Zivilisten, darunter 182 Frauen und 173 Kinder, werden auf Befehl Calleys ermordet. Viele Frauen werden vor ihrer Ermordung vergewaltigt.

Der Versuch des amerikanischen Militärs einer Vertuschung des Massakers ist einige Monate erfolgreich. Aber der Journalist Seymour Myron Hersh erfährt durch Mittelsmänner von dem Verbrechen und interviewt Calley. Es gelingt Hersch nach einigen Schwierigkeiten, den Bericht über das Massaker in zahlreichen Zeitungen zu veröffentlichen, allerdings um den Preis, als unpatriotischer Verräter und Kommunist verunglimpft zu werden. Allen voran unter den Diffamierenden: US-Präsident Richard Nixon, der My Lai als vereinzelten Zwischenfall klassifiziert.

Die Berichte über das Massaker bringen jedoch den Stimmungsumschwung in den USA. Der Vietnamkrieg wird zunehmend kritischer gesehen.

Calley kommt, angeklagt des Mordes an 109 vietnamesischen Zivilisten, vor ein Militärgericht, das ihn 1971 zu lebenslanger Haft verurteilt. Präsident Nixon ändert das Urteil am nächsten Tag in einen Hausarrest, um Calley 1974, ein Jahr vor der Niederlage der Amerikaner in Vietnam, endgültig zu begnadigen.

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Die Gründe für die Niederlage der USA in diesem Krieg werden später von Verantwortlichen und Historikern herausgearbeitet. Robert Mc-Namara, US-Verteidigungsminister von 1961 bis 1968, schreibt in seinem 1995 veröffentlichten Buch „In Retrospect“: „Wir haben sie (die Südvietnamesen) falsch eingeschätzt (…), wir sahen in ihnen den Drang nach Freiheit und Demokratie (…), wir haben den Nationalismus unterschätzt (…) und wir fahren fort, dies auch heute noch zu tun in vielen Teilen der Welt.“ Maxwell Taylor, US-amerikanischer General und später US-Botschafter in Südvietnam ergänzt: „Wir kannten unsere Südvietnamesischen Alliierten nicht, wir haben sie nie verstanden und wir wussten wenig über Nordvietnam (…). Wir hätten uns besser aus diesem schmutzigen Geschäft herausgehalten.“20

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Für die USA endet dieser Krieg mit der ersten Niederlage ihrer Geschichte - und mit einer kritischen Überprüfung, wenn nicht dem Ende der Idee des amerikanischen Exzeptionalismus, der Annahme, dass sich die USA von anderen entwickelten Nationen grundlegend unterscheiden beispielsweise hinsichtlich ihres Nationalverständnisses, ihrer historischen Entwicklung oder ihrer politischen Institutionen. Der „American exceptionalism“ ist nach Alexis de Tocqueville durch die Geschichte dieser Nation bestimmt, die die erste moderne Demokratie in einem im wesentlichen von Immigranten bevölkerten Land zum Leben bringt. Mit der Idee ist die Überzeugung verbunden, dass die Nation der Immigranten anderen Staaten und Völkern ein Vorbild wäre.

***

Diese Vorbildfunktion, die in der Bundesrepublik Deutschland bei vielen Menschen etwa bis zur Mitte der 1960er Jahre vorherrschend anerkannt wird, wird ab Ende der 1960er Jahre grundlegend in Frage gestellt. Aus dem Vietnamkrieg bleibt die Erkenntnis, dass offensichtlich keine Erkenntnisse aus dem verheerenden Krieg von Dauer sind. George Herring, Autor eines Standardwerks über den Vietnamkrieg, resümiert: Die Unfähigkeit der USA, einen kulturellen Sprung in die Welt Vietnams zu machen, sei mehr als von akademischer Bedeutung. „Es gibt wenig Anzeichen in der gegenwärtigen politischen Debatte zu Interventionen in der Welt, dass wir eine grundlegende Lektion aus Vietnam gelernt hätten.“21

George W. Bush, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, zeigt die Unfähigkeit zu lernen, indem er 2003 einen Krieg gegen den Irak nach einer falschen Darstellung des US-Außenministers Colin Powell vor dem Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen über angebliche Massenvernichtungswaffen des Irak beginnen lässt. Bush erklärt am 1. Mai 2003, medienwirksam auf einem amerikanischen Flugzeugträger in Szene gesetzt, den Sieg der Vereinigten Staaten und der Alliierten im Irakkrieg. „MISSION ACCOMPLISHED“ steht auf einem Banner über dem Kopf des Präsidenten.

Dass der Krieg siegreich beendet sei, stellt sich schnell als falsch heraus, denn nach der Beendigung des Kriegs kommt es zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen mit tausenden Terroranschlägen. „149.053 Zivilisten sind nach dieser Rede getötet worden, gegenüber 7412 Zivilisten vor dieser Rede“, schreibt die „Huffington Post“ im Mai 2015.22 Der US-General Michael Flynn, in seiner Karriere unter anderem Chef des amerikanischen Militärgeheimdienstes DIA (Defense Intelligence Agency), erklärt im „Spiegel“-Interview auf die Frage, ob er den Irakkrieg bedauere: „Das war ein riesiger Fehler. So brutal Saddam Hussein (Diktator im Irak) war - ihn nur zu eliminieren, war falsch. Das gleiche gilt für Gaddafi (Diktator in Libyen) in Libyen, das heute ein failed state ist. Die große historische Lektion lautet, dass es eine strategisch unglaublich schlechte Entscheidung war, in den Irak einzumarschieren. Die Geschichte sollte und wird über diese Entscheidung kein mildes Urteil fällen.“23

Der Krieg in Vietnam ist auch eine strategisch unglaublich schlechte Entscheidung, die aber, wie die späteren militärischen Desaster in Afghanistan oder im Irak zeigen, keine nachhaltige Wirkung entfaltet hat.

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Ein Foto verursacht eine Schockwirkung.

In der Erinnerung des kollektiven Gedächtnisses bleiben vor allem drei Fotos aus dem Vietnamkrieg. Neben den Fotos, die die Erschießung eines Vietcong-Kämpfers auf offener Straße in Saigon am 1. Februar 1968 durch den Polizeichef oder die Flucht der Amerikaner mit Hubschraubern aus Saigon Ende April 1975 belegen, zeigt das bekannteste Foto die fliehenden Kinder nach dem oben beschriebenen Luftangriff mit Napalm-Bomben. Die Aufmerksamkeit, die dieses Foto bis heute erzielt, ist zwar vor allem mit dem Motiv der fliehenden Kinder erklärbar, aber auch die medienkritische Auseinandersetzung mit dem Verhalten der Journalisten während der im Bild festgehaltenen dramatischen Situation ist immer wieder Gegenstand ausführlicher Untersuchungen.

Das Foto, das schon am nächsten Tag weltweit verbreitet wird, zeigt nicht das Originalfoto, sondern ein bearbeitetes Bild. Es fehlt auf dem veröffentlichten Foto derjenige Kriegsreporter, der rechts am Bildrand des Originalfotos einen neuen Film in seine Kamera legt. Auch wirken die Napalm-Wolken im Hintergrund im Original heller und weniger bedrohlich. Die Männer hinter den Kindern sehen aus wie Soldaten, es sind jedoch, mit Stahlhelmen auf den Köpfen und Kameras mit großen Teleobjektiven in den Händen, allesamt Reporter. Ein weiteres Foto, Sekunden nach dem weltbekannten Foto entstanden, findet allerdings nur geringe Verbreitung: Es zeigt zwei der Kinder, darunter das nackte Mädchen, mit vier Kriegsberichterstattern, die ungerührt das Geschehen fotografieren und filmen.

Der Historiker Gerhard Paul analysiert das prämiierte Foto und stellt fest: „Anders als Nick Út (der Fotograf des berühmten Fotos) später immer wieder behaupten wird, bilden gerade diese Aufnahmen weniger „den Krieg an sich“ ab, sondern das Verhalten der Medienvertreter in Kriegen gegenüber seinen Opfern.“24 Dies wird deutlich auf einem weiteren Bild, auf dem sieben Medienvertreter zu sehen sind, die mit gezückten Kameras hinter den Kindern herlaufen. Die Kinder wirken hier als Getriebene der Medien, nicht aber als Flüchtende vor den Kriegshandlungen.

Das prämiierte Foto löst eine Schockwirkung aus, da durch dieses Bild der Jahrzehnte lange Krieg auf seinen grausamen Kern verdichtet wird und es in politischer Hinsicht das Vietnamtrauma der USA unterstreicht. Deshalb wird dieses Foto bis heute immer wieder publiziert, vor allem als überzeitliches Dokument von Krieg und Gewalt. Susan Sontag, amerikanische Schriftstellerin, die sich in den USA oftmals durch Zuspitzung und Übertreibung unbeliebt macht, erklärt das Bild zum „Inbegriff der Schrecken des Vietnamkrieges.“25

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Der linke Kampagnen-„Journalismus“ feiert große Erfolge im Antiamerikanismus.

Die USA haben den Krieg nicht nur aus militärischen Gründen verloren. Auch die Rolle der Medien, deren Haltung im Verlauf des Krieges immer kritischer wird, muss beim Ergründen der Ursachen der Niederlage der Vereinigten Staaten beachtet werden. Während des Vietnamkrieges wird insbesondere im US-Fernsehen regelmäßig über die zivilen und militärischen Opfer berichtet, so dass in der Öffentlichkeit allmählich der Eindruck des Scheiterns der amerikanischen Vietnam-Politik entsteht. Die Berichterstattung alleine aber erklärt noch nicht die zuerst vorsichtige, dann vehemente Kritik der Medien am Vietnamkrieg, denn erst als einflussreiche Politiker wie Robert F. Kennedy oder George McGovern öffentlich gegen den Krieg auftreten und über diese Haltung in den Medien berichtet wird, erhält die Kritik eine breite Basis. Solange eine weitgehend einheitliche Interpretation der Kriegsgeschehnisse in den Eliten vorgeherrscht hat, ist auch in den Medien eine differenzierte Analyse und Berichterstattung nicht erkennbar.

Die aufgezeigte anfängliche positive, später zunehmend ablehnende Haltung der Medien zum Vietnamkrieg beschreibt die Situation in den USA. In der Bundesrepublik Deutschland ist die Berichterstattung über denVietnamkrieg seit Beginn des Krieges deutlich kritischer. Diese Beobachtung beschränkt sich nicht nur auf die Berichterstattung über den Krieg, sondern es kann festgestellt werden, dass in den links orientierten Kreisen und den von ihnen geprägten Medien generell eine Anti-USA-Haltung verbreitet ist, die durch die Kriegsführung der USA nur noch bestärkt wird.

So beschreibt beispielsweise das von Hans Magnus Enzensberger herausgegebene „Kursbuch“ in der Nummer 22 („Nordamerikanische Zustände“) den „Täglichen Faschismus“. Der Autor dieses Beitrags, Reinhard Lettau, will „darauf hinweisen, daß die Indizien für den herannahenden Faschismus sich täglich und immer schneller verstärken - daß für seine Opfer die Unterschiede zwischen dem täglichen, inzipienten amerikanischen Faschismus und dem offenen, erklärten Faschismus nicht existieren.“26

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