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150 Tage bis zum Glück

1. KAPITEL

Die ersten Sonnenstrahlen des Tages tauchten den Himmel in Purpur und lockten Lindy Lewis Monroe aus der Scheune. Hoffnung erfüllte sie.

Ein schöner Tag für eine Beerdigung, nicht wahr, Pops?

Vor der Beisetzung am Nachmittag gab es noch viel für sie zu tun. Dennoch ließ sie sich Zeit, den Sonnenaufgang zu bewundern und an den Menschen zu denken, der immer für sie da gewesen war.

„Goodbye, Pops. Ich liebe dich.“ Ihre Stimme klang rau von den Tränen, die sie während der letzten Tage geweint hatte.

Eine frische Morgenbrise wehte über den Hof. Lindy zitterte und spürte, wie ihr unter den feucht-klammen Kleidern langsam eine Gänsehaut über die Arme kroch.

Steh nicht herum wie ein Holzklotz, Lindy-Mädchen.

Pops’ Ermahnung war ihr noch vollkommen gegenwärtig. Sie eilte zum Haus. Mitte April lagen die nächtlichen Temperaturen noch nahe dem Nullpunkt. Sie fror in ihren Jeans, die sich mit jedem Schritt kälter und steifer anfühlten.

Die Fliegentür quietschte, als sie die Garderobe betrat, die zugleich als Waschraum diente. Rasch zog sie die schmutzigen Stiefel und Jeans aus. Auch Pops’ altes rot-schwarz gemustertes Arbeitshemd legte sie hier ab. Ein Hauch von seinem Old-Spice-Aftershave hing noch darin, und der Gedanke, den vertrauten Geruch einfach auszuwaschen, machte sie traurig.

Lindy wischte sich eine Träne aus dem Gesicht und ließ das Hemd auf den Boden fallen. Zitternd spürte sie die kühle Luft auf ihren nackten Armen. In dem T-Shirt, das sie auf der nackten Haut trug, war ihr erst recht kalt.

In der Küche blieb sie einen Moment stehen. Hier war es warm, und sie genoss das Gefühl der Wärme und Geborgenheit. So ging es ihr jedes Mal, wenn sie dieses Haus betrat, denn hier war sie aufgewachsen. Seitdem träumte sie von einem solchen Heim mit einer eigenen Familie.

Nicht alle Träume werden wahr. Sie hatte ihren Teil von „auf immer und ewig“ gehabt, und sie hatte alles verloren: den Ehemann, das Baby, ihr Herz. In Zukunft würde sie ihre Träume mit niemandem mehr teilen.

Lass die Vergangenheit ruhen. Konzentrier dich auf das Heute.

Der Duft ihres Lieblingskaffees begrüßte sie.

Hab ich mir doch gedacht, dass Alice heute Morgen hier war, dachte sie dankbar.

Mit Alice Robertson, Nachbarin und Haushälterin der Familie Lewis, war sie seit vielen Jahren befreundet. Heute war Lindy besonders froh, dass die gute Seele bei ihr war. Der Kaffee stand auf dem Küchentresen bereit.

Wie lieb von ihr. Zum ersten Mal, seit Lindy das Krankenhaus vor drei Tagen verlassen hatte, huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie wunderte sich nur, warum Alice nicht zum Kaffee geblieben war. Als sie sich umdrehte, erstarrte sie. Auf einmal stand sie der Vergangenheit gegenüber, die sie gerade vergessen wollte.

Travis Monroe.

Ihr stockte der Atem. Sie schloss die Augen, wartete einen Moment und öffnete sie langsam wieder. Er war noch da.

Der Mann, den sie beinahe ein Jahr nicht gesehen hatte, lehnte im Türrahmen, einen dampfenden Kaffeebecher in der Hand. Sein schwarzes Haar war zerzaust, ein Dreitagebart ließ das markante Kinn dunkel erscheinen, und der elegante Anzug war zerdrückt. Travis sah abgespannt aus, aber dennoch – einfach umwerfend.

Seine grün-gold schimmernden Augen waren auf ihr dünnes Shirt gerichtet. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass es über ihren Brüsten spannte.

Wahnsinn. Travis taucht hier aus heiterem Himmel auf, und ich spaziere in meiner Unterwäsche in der Küche herum, dachte sie verärgert.

Trotzig weigerte sie sich zu bedecken, was Travis ohnehin kannte. „Was tust du denn hier?“

Der betont kühle Klang ihrer Stimme schien ihn aus seiner Benommenheit zu wecken. Er sah sie an. Verlangen und Zorn spiegelten sich in seinen Augen wider und ließen Lindy einen Schritt zurücktreten.

„Wo ist denn dein legendärer Charme geblieben?“

Sie schob das Kinn vor. „Höflichkeit ist für Freunde und Gäste bestimmt. Du gehörst nicht dazu.“

„Nein, ich bin nur dein Ehemann.“ Travis trat auf sie zu, die Lippen aufeinandergepresst. Lindy erinnerte sich, wie warm und weich sie sich anfühlten, wenn er sie küsste …

Hör auf!, ermahnte sie sich.

„Wie bist du ins Haus gekommen?“ Alice hätte ihn bestimmt nicht einfach hereingelassen, ohne sie wenigstens zu warnen.

„Die Haustür war nicht abgeschlossen.“

Verblüfft runzelte Lindy die Stirn. Sie stemmte die Hände in die Hüften, wobei sie so tat, als trüge sie ihren Lieblingsoverall aus dichtem Jeansstoff statt des durchsichtigen Shirts. „Bei uns in Lands’ Cross wird nur das Hühnerhaus abgeschlossen. Denn eigentlich tauchen nur dort gelegentlich unliebsame Gestalten auf.“

Lindy sah, wie Travis den Kaffeebecher fester umschloss, bis die Fingerknöchel weiß schimmerten. Als ihr bewusst wurde, dass sie Travis gerade mit einem Fuchs oder Marder verglichen hatte, stieg ihr Hitze in die Wangen. Wie kam es nur, dass sie bei Travis immer ihre normale Freundlichkeit vergaß?

Die Antwort kannte sie. Er hatte sie so tief verletzt wie niemand zuvor.

„Deine spitze Zunge hast du jedenfalls nicht verloren.“ Travis nahm einen Schluck Kaffee. Ihre Blicke trafen sich. „Obwohl ich mich gut daran erinnern kann, dass deine Stimme auch auf andere Art und Weise leidenschaftlich klingen kann.“

Das hatte auch sie nicht vergessen. Viel zu oft dachte sie daran. Aber das behielt sie für sich. Travis brauchte nicht zu wissen, wie oft er bei Tag wie bei Nacht in ihrer Erinnerung eine Rolle spielte.

„Es tut mir leid, wenn du den ganzen Weg umsonst auf dich genommen hast, aber ich habe viel zu tun, Travis. Und wir wissen doch beide, wie beschäftigt du bist. Ich rufe später deine Sekretärin an. Mit Marge kläre ich dann alles, während du deinen ach so wichtigen Aufgaben nachgehst.“

Travis trat einen Schritt auf sie zu. „Glaubst du, ich bin freiwillig hier?“

„Etwa nicht? Ich habe dich nicht darum gebeten.“

„Sicher nicht“, sagte er bitter. „Du hast mir klar und deutlich gesagt, wem du dich verpflichtet fühlst.“

„Wem ich mich verpflichtet fühle?“ Ihre Hände begannen zu zittern. Warum habe ich bloß Pops’ Hemd nicht anbehalten? Auf einmal fühlte sie sich auch äußerlich verletzbar.

„Sprich mir nicht von Verpflichtungen.“ Wütend sah sie ihn an. Wie oft hatte er sie alleingelassen, wenn er eigentlich für sie hätte da sein sollen!

„Du bist diejenige, die gegangen ist!“ Travis’ Stimme klang eisig. „Ich habe dich nie für einen Feigling gehalten, bis ich die Nachricht fand, die du mir vor einem Jahr hinterlassen hast. Dabei warst du immer so stolz, eine ‚echte Lewis‘ zu sein.“

Eine echte Lewis. Das war Pops’ Lebensmotto.

„Wage ja nicht, meinen Großvater zu zitieren.“ Lindy spürte einen Knoten im Magen. „Du verbringst zu viel Zeit mit deinem Bruder. Von ihm hätte ich eher eine so gemeine Bemerkung erwartet.“

Lindy wusste, dass sie ihm wehtat, aber sie wollte sich nicht von sanfteren Gefühlen leiten lassen. „Wenn du gekommen bist, um mich zu ärgern, ist dir das gelungen. Du kannst jetzt gehen.“

„Ist das deine Antwort? Die Sachen packen, wenn’s schwierig wird, und abhauen?“

„Hatte ich damals eine Wahl? Warum hätte ich bleiben sollen?“ Lindy merkte, dass sie laut wurde, aber es kümmerte sie nicht. „Jeden Tag hast du zwanzig Stunden gearbeitet, die ganze Woche hindurch. Und wenn du für ein paar Stunden nach Hause gekommen bist, was selten genug der Fall war, hast du im Gästezimmer geschlafen. Hast du eine Vorstellung, wie demütigend das für mich war?“

Sie atmete tief durch. Selbst nach einem Jahr verkrampfte sich ihr Herz, wenn sie daran dachte, dass sie für Travis nichts als eine Verpflichtung gewesen war.

„Ich wollte dich nie verletzen, Lindy. Ich wusste nicht, was für dich wichtig war, was du brauchtest.“

„Du hättest fragen können.“ Sie hatte sich verzweifelt nach seinem Zuspruch gesehnt, aber er hatte geschwiegen. Und er war nie da gewesen.

„Ich habe geglaubt, ich könnte noch warten, bis du dich nach dem Unfall wieder ganz erholt hast. Außerdem hatte ich Hemmungen, ein so schwieriges Thema anzusprechen.“ Er ließ die Schultern sinken. „Unsere Beziehung war schon problematisch genug.“

„Das bisschen, das von unserer Beziehung übrig war, ist jedenfalls in der Unfallnacht gestorben.“ Die Stimme versagte ihr, wie jedes Mal, wenn sie an den Autounfall dachte, der ihrer aller Leben zerstört hatte. Unwillkürlich legte sie die Hände auf den Bauch. Hätte ihre Ehe überlebt, wenn ihr Sohn nicht umgekommen wäre?

In Travis’ Augen flackerte der Schmerz auf. Lindy hatte niemals an seiner Trauer gezweifelt. Leider waren das die einzigen Gefühle, die sie miteinander teilten.

„Was würde ich dafür geben, wenn ich den Unfall ungeschehen machen könnte“, flüsterte Travis. Die Wärme, die in seiner Stimme mitschwang, tat Lindys empfindsamen Nerven wohl, schwächte aber gleichzeitig ihre Abwehr.

Um sich zu schützen, flüchtete sie sich in Unhöflichkeit. „Auch du kannst die Vergangenheit nicht ändern.“ Verzweifelt wandte sie sich zum Gehen, bevor er noch die Tränen sah, die in ihren Augen brannten. „Ich muss mich heute um eine Beerdigung kümmern.“

Aber Travis hielt sie am Arm zurück und ließ seinen Daumen zärtlich über ihre Haut gleiten. „Es hat mir so leidgetan, von deinem Verlust zu hören. Ich weiß doch, wie lieb du Lionel hattest.“

Sie hörte kaum seine Worte, spürte nur seine Berührung. Ob Travis ihren beschleunigten Pulsschlag fühlte? Mit aller Kraft versuchte sie, sich nichts anmerken zu lassen, und sah ihn missbilligend an.

Aber Travis ließ sich nicht täuschen. Was für Probleme sie auch immer hatten, die erotische Chemie zwischen ihnen hatte immer gestimmt.

Seufzend entzog Lindy ihm den Arm. „Tu uns beiden den Gefallen, Travis. Fahr zurück nach Atlanta, wo du hingehörst.“

Travis stand im Schatten einer Eiche auf dem ländlichen Friedhof und beobachtete Lindy. Gerade aufgerichtet und stark wie ein Soldat stand sie da. Nur die Hände, die ein Taschentuch umklammert hielten, zitterten.

Wenn sie nicht bald etwas Druck ablässt, bricht sie zusammen, dachte er mitfühlend.

Trotz der Anspannung sah Lindy hinreißend aus. Sie hatte ihre blonden Locken zu einem kleinen Knoten im Nacken geschlungen. Der schwarze Hosenanzug betonte ihre weiblichen Rundungen. Sie trug keine Sonnenbrille, sondern stellte sich den Strahlen der Sonne und den Blicken der Anwesenden.

Zum dritten Mal während der letzten halben Stunde spürte er das Vibrieren seines Handys an seinem Körper. Er stellte es ab. Monroe Enterprises, oder besser: sein Bruder und sein Vater, mussten ein paar Tage ohne ihn auskommen.

Ich fahre nirgendwohin, dachte er, bevor ich nicht weiß, warum ich zu Lionel Lewis’ Beerdigung gebeten worden bin. Travis hatte den alten Mann respektiert, hatte Pops’ Lebensart und seine Bemühungen bewundert, immer das Glück der Familie – Lindys Glück – ganz obenan zu stellen.

Sein Blick wanderte zu dem vierschrötigen Mann an Lindys Seite. Er kannte ihn, hatte einmal beobachtet, wie Lindy ihre Arme um diesen groben Hinterwäldler geschlungen hatte.

Nachdem Travis vor einem Jahr Lindys Abschiedsbrief gelesen hatte, war er nach Tennessee gerast, um noch einmal mit ihr zu reden. Und das Ergebnis? Er hatte Lindy beim Tanzen mit irgend so einem Bauernjungen angetroffen und auf schnellstem Weg die Stadt wieder verlassen.

Den Namen dieses Mannes erfuhr er von der Besitzerin der Pension, in der er damals übernachtet hatte.

„Was für ein Glück, dass es Danny Robertson gibt“, hatte die alte Dame gelobt. „Lindy braucht einen starken Mann zum Anlehnen in dieser schweren Zeit. Danny ist so ein netter Junge.“ Seine Gastgeberin ließ kein Detail über Lindys langjährige Freundschaft mit dem Geschäftsführer des örtlichen Ladens für Landwirtschaftsbedarf aus.

Wie halten es die Menschen bloß in diesem gottverlassenen Nest aus?

Während Travis die Beerdigung verfolgte, ohne Lindy aus den Augen zu lassen, kam ihm ein Gedanke. Vielleicht wusste sie ja gar nicht, dass ihr Anwalt ihn angerufen und über den Ablauf der Bestattungsfeier und das geplante Treffen am Nachmittag informiert hatte.

Sie schien am Morgen über sein Kommen total überrascht gewesen zu sein. Und das nicht nur, weil er sie fast nackt erwischt hatte. Sie hatte ja praktisch nicht mehr getragen als zwei Streifen Baumwolle! Wann hatte er das letzte Mal so viel von ihrer weiß schimmernden Haut gesehen?

Einen Augenblick lang war er von seinen Gedanken so abgelenkt, dass er zuerst nicht bemerkte, wie Robertson Lindy seine riesige Pranke auf die Schulter legte. Würde sie die Hand abschütteln, sich die Annäherung verbitten?

Nein. Sie berührte Robertsons Finger, neigte den Kopf und lächelte den großen Mann an. Travis sah genau, wie der daraufhin stolz den Brustkorb vorschob. Travis’ Magen verkrampfte sich, und er trat mit geballter Faust einen Schritt vor.

Glücklicherweise siegte die Vernunft. An Lionels Beerdigung durfte er schließlich keine Prügelei beginnen.

Lindy kam es vor, als wäre die gesamte Bevölkerung von Land’s Cross anwesend und wollte ihr zum Verlust ihres Großvaters ihre Anteilnahme bezeugen. Die meisten Trauergäste kannte sie schon ein Leben lang, und trotzdem drehten sich ihre Gedanken den ganzen Nachmittag nur um eine Person – Travis.

Warum war er hier? Zu gern hätte sie das gewusst. Wollte er sie trösten? Ihr schließlich doch noch beistehen in dieser schweren Zeit? Nein, ihr Stolz weigerte sich, diesen Gedanken weiterzuverfolgen.

Würde die unangebrachte Hoffnung in ihrem Herzen niemals die Wahrheit akzeptieren? Travis hatte während ihrer kurzen Ehe wieder und wieder gezeigt, dass sie für ihn nicht an erster Stelle stand. Auch als zukünftige Mutter seines Kindes gebührte ihr noch nicht einmal der zweite Platz. Zuerst kamen seine Familie und sein heiß geliebtes Unternehmen Monroe Enterprises.

Als die meisten Trauergäste bereits auf dem Weg zur Farm waren, konnte Lindy endlich das gezwungene Lächeln aufgeben. Sie biss die Zähne zusammen, als sie Travis entschlossen über den Rasen auf sie zukommen sah. Seine Augen waren nur auf sie gerichtet und jagten ihr einen Schauer über den Rücken.

„Du hältst doch durch?“, flüsterte ihr Danny zu.

Seit ihrer Kindheit waren sie und Danny Freunde. Lindy wusste, was Danny meinte: Sag mir, wenn dir nach Weinen ist. Ich bringe dich hier weg, ehe irgendjemand auch nur eine Träne sieht. Danny war eben ein richtiges Goldstück.

Sie brachte ein stummes Nicken zustande, aber ihr Blick suchte Travis, der langsam, wie im Zeitlupentempo, immer näher kam. Gute zehn Meter trennten sie noch voneinander, und doch fühlte sie sich durch seine starke körperliche Ausstrahlung wie abgeschirmt von den anderen.

Ein wunderbares Gefühl. Das war mehr als Chemie …

In diesem Augenblick trat Chester Warfield auf sie zu, Pops’ langjähriger Anwalt und bester Freund. Tränen traten in ihre Augen, als der stämmige Mann sie umarmte. Sie legte ihren Kopf an seine Schulter und gab sich einen Moment der Hoffnung hin, dass alles gut werden würde.

Aber dann hörte sie plötzlich, wie Travis sich räusperte.

Sie brauchte sich nichts vorzumachen. In ihrem Leben war gar nichts gut.

Der Anwalt tätschelte ihr freundlich den Rücken und wandte sich Travis zu. „Sie müssen Mr. Monroe sein. Ich bin Chester Warfield. Wir haben gestern miteinander telefoniert.“

Travis nickte und schüttelte dem älteren Mann die Hand.

„Schön, Sie endlich persönlich kennenzulernen, Mr. Monroe, auch wenn die Umstände so traurig sind.“

Lindy musterte die beiden, Travis mit seiner undurchschaubaren Miene und Chester mit seinem komischen Lächeln. „Sie kennen sich?“

„Nicht direkt.“ Chester räusperte sich. „Als Ihr Anwalt war es meine gesetzliche Pflicht, mit ihm Kontakt aufzunehmen.“

„Gesetzliche Pflicht? Was meinen Sie damit?“ Einen Moment fühlte Lindy sich wie vor den Kopf geschlagen.

Danny berührte ihren Ellenbogen. „Wolltest du nicht gehen, Lindy?“

Sie schaute zu ihm auf. Ihn hatte sie ganz vergessen. „Nein“, entgegnete sie und blickte dann zu Chester. „Erzählen Sie. Was bedeutet das?“

Einen Moment fühlte sie Panik aufkommen, als sie sah, wie Röte in Chesters Wangen stieg. Ihre inneren Alarmglocken begannen zu läuten, und ihr Blick flog zu Travis. Seine Miene blieb undurchdringlich.

„Spucken Sie es aus.“

Chesters sah bedeutungsvoll zu Danny. „Hier geht es um eine Familienangelegenheit.“

„Danny, würdest du uns bitte entschuldigen?“, forderte Lindy ihren Freund auf.

„Na klar. Ich warte am Truck auf dich und bring dich nach Hause, wenn du fertig bist.“

„Das wird nicht nötig sein“, mischte sich Travis jetzt zum ersten Mal ein. „Wenn die Familienangelegenheit geregelt ist, bringe ich meine Frau nach Hause.“

Travis und Danny standen sich gefährlich nahe gegenüber und starrten sich wütend an.

Wütend packte Lindy die Männer am Arm. Ihr beide steht da wie zwei aufgeblasene Muskelprotze. Reißt euch zusammen.“ Sie atmete tief durch und zählte bis zehn. Dann bis zwanzig. „Ich ruf dich morgen an, Danny. In Ordnung?“ Ein Kuss auf die Wange zum Abschied, ein letzter wütender Blick in Travis’ Richtung, dann marschierte Danny ab zu seinem Truck.

Gespannt wandte Lindy sich Chester zu. „Vermutlich hat das, was Sie mir sagen wollen, mit ihm zu tun.“ Sie deutete mit dem Daumen auf Travis.

Chester nickte. „Gestern habe ich mit Mr. Monroe telefoniert und ihn in meiner Aufgabe als Testamentsvollstrecker des Lewis-Vermögens über den Tod von Mr. Lewis und über seine Anwesenheitspflicht beim Verlesen des Testaments informiert.“

„Warum?“ Lindys Alarmglocken schrillten nun erst recht.

„Ihr Großvater hat sein gesamtes Vermögen Mr. und Mrs. Travis Monroe hinterlassen.“

Lindys Mut sank. Fröstelnd schlang sie die Arme um ihren Körper und schloss einen Moment die Augen. Sie glaubte, gleich in Tränen ausbrechen zu müssen.

Mr. und Mrs. Travis Monroe. Plötzlich war ihr, als schwanke der Boden unter ihren Füßen. Travis legte ihr einen Arm um die Schultern und brachte damit ihre Welt wieder ins Gleichgewicht.

„Nein“, flüsterte sie. Travis’ Gesicht war ihrem ganz nahe. „Rühr mich nicht an. Zumindest weiß ich jetzt, warum du hier bist. Du bist wegen Pops’ Testament nach Land’s Cross gekommen.“

„So ist es wohl.“

Sie hatte es gewusst. Seine Anwesenheit hatte nichts mit ihr zu tun. Aber die Wahrheit aus seinem Munde zu hören, tat dennoch weh. Siehst du, Pops, er will mich nicht, dachte sie bitter.

Woher willst du das wissen, Lindy-Mädchen? Hast du ihn gefragt? Hast du ihm jemals gesagt, was du wolltest? Lindy erinnerte sich an Pops’ Worte. Ihr altmodischer Großvater hatte immer wieder versucht, sie davon zu überzeugen, dass sie ihrer Ehe eine zweite Chance geben sollte.

„Kommen Sie, Lindy. Geben Sie ihm eine Chance.“ Chesters Stimme holte sie aus ihren Gedanken zurück. „Er tut nur, was Lionel wollte.“

„Warum fragt mich niemand, was ich will?“ Sie wünschte sich, Pops wäre noch am Leben. Als Travis etwas entgegnen wollte, unterbrach sie ihn. „Mach dir keine Mühe, Travis. Du kannst mir nicht geben, was ich will.“

Sie wollte, dass Pops noch lebte. Und sie wollte eine Lehrfarm für Schulkinder. Country Daze sollte Wirklichkeit werden.

Außerdem wünschte sie sich, Frau und Mutter zu sein.

„Ich will nach Hause.“

Travis sah Lindy hinter der großen Eiche in der Mitte des Friedhofs verschwinden – ein perfekter Ort, um sich auszuweinen.

Du kannst mir nicht geben, was ich will.

Das war nichts Neues für ihn. Er hatte seiner Frau gegenüber versagt, in jeder Hinsicht.

Schneller als erwartet kam sie wieder hinter dem Baum zum Vorschein. Ihr Gesicht zeigte Entschlossenheit. Verschwunden war der Haarknoten, die blonden Locken fielen ihr über die Schultern. In der rechten Hand trug sie die schwarzen Pumps, in der linken die schwarzen Strümpfe.

Was zum Teufel hat sie vor?

Eine leichte Brise zauste ihr Haar, eine Haarsträhne streichelte Mund und Wange. Travis schluckte. Heißes Verlangen brannte in seinem Inneren.

Neben ihm räusperte sich Warfield.

„Lindy, was hast du vor?“, rief Travis ihr zu.

„Ich sagte doch, ich gehe nach Hause.“

Kopfschüttelnd folgte er ihr und holte sie ein. Er hielt sie am Arm zurück. „Warte. Du kannst mit mir fahren, Lindy. Mein Wagen steht dort drüben.“ Er deutete in die Richtung, die Warfield eingeschlagen hatte.

Lindy wollte weiterlaufen, aber Travis ließ sie nicht los. „Verdammt, Lindy. Hier ist doch sonst niemand mehr, der dich nach Hause fahren kann.“

Einen Moment wirkte sie eher ängstlich als zornig. „Ich will nicht, dass du mich nach Hause bringst.“ Ihre Stimme zitterte. „Ich gehe zu Fuß.“

Verblüfft sah er, wie sie einfach quer über den Rasen stapfte. Aber dann hörte er hinter sich das Knattern eines Dieselmotors. Warfields Truck hielt neben ihm.

„Ich sagte doch, dass sie eigensinnig ist, mein Junge“, erklärte Warfield. „Wenn sie sich entschlossen hat, den ganzen Weg zu Fuß zu gehen, können Sie darauf wetten, dass sie das auch tut. Auf keinen Fall lässt sie sich von einem Gegner nach Hause bringen.“

„Gegner?“

„Ja, Sie und ich, mein Junge. Sie glaubt, dass wir beide unter einer Decke stecken und versuchen, ihr die Farm wegzunehmen. An Ihrer Stelle würde ich mich ein bisschen zurückhalten, bis sie erkennt, dass sie sich getäuscht hat. Außerdem steigt Lindy niemals in Ihren tollen Wagen.“

„Wieso nicht?“

„Natürlich wegen dieser Panikattacken. Sie erträgt höchstens einen Pick-up. Ein normaler Wagen kommt überhaupt nicht infrage. Ich rufe Danny Robertson an. Der fährt einen großen Dodge und wird sich um sie kümmern. Keine Sorge.“

Panikattacken? Wie angewurzelt blieb Travis stehen. Seine Augen folgten den tanzenden blonden Locken, bis Lindy hinter einem Hügel verschwunden war.

Ein Gefühl tiefer Schuld überwältigte ihn. Kein Wunder, dass Lindy ihn hasste. Sie hatte seinetwegen so viel verloren. Der Gedanke, dass sie beim Autofahren Panikattacken haben könnte, war ihm nie gekommen.

Verstehen konnte er es aber. Schließlich hatte sie zweimal einen Autounfall überlebt. Er würde nie die Angst in ihren Augen vergessen, den Schmerz in ihrer Stimme, als sie ihm von dem Unfall erzählte, bei dem ihre Eltern umkamen und sie stundenlang mit ihnen im Wagen eingeklemmt gewesen war.

Und dann das Unglück vor einem Jahr, an einem regnerischen Abend, als sie beide gemeinsam von einer Geschäftsparty nach Hause fuhren. Sie hatten wieder einmal gestritten. Als er versuchte, einem entgegenkommenden Mini-Van auszuweichen, geriet sein Lexus ins Schleudern und krachte mit der Beifahrerseite gegen einen Begrenzungspfahl. Lindy erlitt einen Armbruch, und sein ungeborener Sohn kam ums Leben. Ihre Ehe war zerstört.

Er musste einen Weg finden, das wiedergutzumachen. Das war er Lindy schuldig.

2. KAPITEL

Es war schon zwölf Uhr siebenunddreißig, als Travis am nächsten Morgen in dem Zimmer erwachte, das er in einer Pension gemietet hatte. Er war spät dran.

Am Tag zuvor war er nach der Beerdigung ziellos in der Gegend herumgefahren und hatte versucht, seine Gedanken zu ordnen. In der Pension hatte er dann geduscht und an die Zimmerdecke gestarrt, bis die Erschöpfung ihn gegen Morgengrauen einschlafen ließ.

In einer Stunde sollte das Treffen mit seiner misstrauischen Ehefrau und dem einfallsreichen Anwalt stattfinden.

Missmutig sah er sich um. Statt in diesem lumpigen Pensionszimmer wäre er lieber an der Seite seiner Frau, wollte sie trösten und lieben.

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