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Verfluchte Sieben Thriller

Emanuel Schulz über „Mozarts letztes
Schloss“

Mozarts Requiem ist ein Juwel – selbst unter Mozarts Meisterwerken. Schloss Stuppach ist ebenfalls ein Juwel – aus allen Prunkschlössern und Konzertfestivals ragt es durch seine ganz besondere Originalität heraus. Diese Originalität zeichnet auch Reinhard Zellingers Buch „Mozarts letztes Schloss“ aus. Schloss Stuppachs „erstes Buch“ liest sich spannend wie ein Krimi, vor allem bei den Gegenüberstellungen der historischen Geschichten mit den Erzählungen über die jüngere Vergangenheit. Die Liste der Personen, die mit der Historie dieses Ortes verwoben sind liest es sich wie ein „Who is Who“ der damaligen politischen, geistlichen und künstlerischen Elite und selbst für mich als musikalischen Leiter der Konzertreihe waren einige Überraschungen dabei. Man merkt, dass hier weder ein „Ghostwriter“ noch ein „Wissenschafter“ am Werk war. Reinhard Zellinger liebt, lebt, atmet die Geheimnisse dieses Schlosses und er lässt uns alle daran Teil haben.

Wandelnd auf den legendären Pfaden der Walseggs, der Freimaurer, der Habsburger und schließlich der Zellingers taucht der Leser ein in eine längst verloren geglaubte Welt und erhält letztendlich den Schlüssel, um das „letzte Schloss“ zu Mozarts musikalischem Vermächtnis zu öffnen.

Schloss Stuppach hat ein eigenes Wesen und ist untrennbar mit den „handelnden“ Personen verbunden, mit den „Haupt- und Nebenakteuren“ genauso wie mit den „Statisten“. Diejenigen, welche durch die Lektüre des Buchs Lust bekommen haben, diesen magischen Ort zu besuchen, sollten diesen Wunsch so bald wie möglich in die Tat umsetzen.

Wer einmal Gast auf Schloss Stuppach war, egal ob Musiker oder Besucher, kommt immer wieder gerne zurück – ein Leben lang.

,It’s all a game!‘

Über den Autor

Reinhard Zellinger optimierte mit seinen Teams über mehr als 20 Jahre grosse Firmen rund um den Globus bevor er sich der Schriftstellerei zuwandte.

Als Sohn eines begnadeten, von Franz Lehar unterrichteten Komponisten, sowie einer Bankkauffrau gräflichen Geblütes, wuchs er in einem Umfeld auf, in welchem Kreativität und Etikette eine grosse Rolle spielten. Ein idealer Rahmen für stil- & wertvolles Schaffen.

Danksagung

Es dauerte eine ganze Weile bis ich dieses Werk fertiggestellt hatte. Es entstand in drei Etappen von denen jede fast ein Jahr dauerte. Die Unterbrechungen zwischendurch waren berufsbedingt aber letztlich durchaus hilfreich.

Der Dank gilt zuerst meiner Gattin Rita die in diesen drei Jahren grosses Verständnis aufbrachte und mir auch als Ratgeberin stets wertvolle Inputs lieferte.

Einem weiteren Ratgeber bin ich ebenfalls zu grossem Dank verpflichtet, Herrn Mirco Vogelsang der mir als Mentor und Lektor besonders in der Abschlussphase dieses spannenden Projektes eng zur Seite stand.

Ein tolles Dinner wurde eigens für diesen Roman kreiert. Von lieben Freunden aus der Schweiz. Gastronomen der Spitzenklasse. Reto und Anni Lampart.

Schliesslich gilt mein Dank auch dem Schicksal, den höheren Mächten und Energien, sowie meinen Eltern und Vorfahren. Allen danke ich von ganzem Herzen, dass ich an einem einzigartigen Ort eine grossartige Entwicklung einleiten und eine faszinierende Entdeckung von unschätzbarem Wert machen durfte.

Fakten versus Fiktion

Das Schloss von Stuppach ist uralt. Die älteste Urkunde stammt aus dem Jahr 1130. In dieser ist von einer Burganlage die Rede, welche die Strasse über den Semmering in Richtung Adria zu schützen hatte. Auf Schloss Stuppach verkehrten viele bekannte Persönlichkeiten.

Unter den Grafen von Walsegg erreichte das Schloss seine Hochblütephase. Sie sollte rund 200 Jahre andauern. Der letzte Nachfahre dieses Geschlechtes bestellte bei seinem Freimaurerbruder Wolfgang Amadeus Mozart ein Requiem. Grund für diese Bestellung war der plötzliche Tod der gräflichen Gemahlin Sie starb mit 20 Jahren am 14. Februar 1791 auf Schloss Stuppach. Mozart konnte dieses Auftragswerk allerdings nicht mehr vollenden. Er starb nämlich nur wenige Monate später. Am 5. Dezember des gleichen Jahres.

Und doch wurde das Requiem fertiggestellt. Viele Legenden ragen sich um die Entstehungsgeschichte.

Die Brüder, welche in der Geheimloge auf Schloss Stuppach regelmässig aufeinandertrafen, teilten so manches Geheimnis. Eines davon war (und ist) von ausserordentlicher Bedeutung.

Der Autor überlässt es dem geschätzten Leser herauszufinden was nun als Fakt oder was als Fiktion zu bezeichnen ist.

REINHARD ZELLINGER

VERFLUCHTE SIEBEN

Supported by:

EIN JAHR ZUVOR

Kapitel 1

KEIN TAG WIE JEDER ANDERE

Für Siegfried von Strattenberg hatte der Tag früher als sonst begonnen. Sofort nach dem Erwachen war er leise aus dem gemeinsamen Schlafzimmer geschlichen und hatte sich im angrenzenden Badezimmer ein morgendliches Bad gegönnt.

Seine Gattin Roswitha schlief noch fest, als er die Wagenschlüssel und sein Portemonnaie in die Außentasche seiner Lammfelljacke steckte. Leise schloss er die Türe zum Wohnzimmer. Dann durchquerte er das Privatbüro und den vorgelagerten privaten Empfangsraum und begab sich nach unten in die Beletage.

Er betätigte die Lichtschalter für die beiden Hauptlüster in der Kaminhalle und im Salon Valentin, durchquerte die Räume und öffnete schließlich die Tür zur Hauptterrasse. Langsam sog er die klare und kalte Winterluft ein.

„Heute könnte es noch Schnee geben“, dachte von Strattenberg, während er die Stufen nach unten zum Rondell schritt, in dessen Mitte der zentrale Springbrunnen angeordnet war. Er war nicht in Betrieb. Dafür war es viel zu kalt. Meist wurde er zwischen April und November aktiviert. Ganz selten wurden Ausnahmen gemacht.

In der Nacht war offensichtlich etwas Schnee gefallen. Nicht viel, vielleicht zwei oder drei Zentimeter, aber es reichte, um die Parklandschaft in einem zauberhaften neuen Kleid erscheinen zu lassen. Damit bestand auch keine Möglichkeit, eine Ausnahme für den Betrieb des Springbrunnens auszusprechen, beim Valentinstagskonzert, das heute hier wie schon seit vielen Jahren stattfinden würde. Geheimnisvoll glitzerte der Schnee im fahlen Morgenlicht, während er in Richtung Carport marschierte. Der Schlossherr würde nun, wie an jedem vierzehnten Februar, zuerst einmal in die benachbarte Stadt fahren, um dort einen Blumenstrauß zu erwerben. Zurück im Schloss würde er das Frühstück zubereiten und dann seine Gattin mit einem Kuss und einem Rosenstrauß wecken. Er lächelte beim Gedanken an diese Szene.

Strattenberg hatte das Carport erreicht, in dem zwei Fahrzeuge untergestellt waren. Neben einem schnittigen Jaguar parkte ein sehr alter Mercedes der Baureihe 600. Er öffnete die Fahrertür und startete den Motor. Der riesige Achtzylinder erwachte sofort zum Leben. Strattenberg wartete einige Sekunden, bis der Kompressor für die Luftfederung den vollen Druck in den Leitungen aufgebaut und sich der Wagen auf die Fahrposition gehoben hatte. Dann schob er den Hebel der Lenkradschaltung auf D und steuerte den schweren Wagen langsam durch den Schlosspark in Richtung Haupttor. Bis zum Blumenladen in Gloggnitz war es nur wenig mehr als ein Kilometer. Nicht genug, um den Motor auf Betriebstemperatur zu bringen und damit ein bisschen Wärme in den Innenraum zu bekommen. Fröstelnd schloss Strattenberg den obersten Knopf seiner cognacfarbenen Jacke und stellte den Kragen hoch.

Beim Blumenladen angekommen, erinnerte er sich, dass heute am Morgen die Restaurierungsarbeiten in der Schlosskapelle starten sollten.

Seine Gattin und er hatten lange überlegt und die Sanierung dieses Kleinods immer wieder verschoben. Anderen Bereichen des Schlosshauptgebäudes mit seinen rund zweieinhalbtausend Quadratmetern war bisher stets höhere Priorität eingeräumt worden. Nun war es aber endlich soweit und das bauliche Juwel mit Stuckaturen aus dem siebzehnten Jahrhundert sollte in etwa drei Monaten wieder in neuem Glanz erstrahlen.

Er blickte auf seine alte Armbanduhr, ein Geschenk seiner lieben Gattin, und las ab: Sieben Uhr fünfzig.

Strattenberg überlegte kurz, griff dann nach seinem Mobiltelefon und wählte die Nummer des Ehepaares Alphons und Louise Rodic. Die beiden waren vor einigen Jahren für diverse Haus- und Gartenarbeiten eingestellt worden und hatten ein kleines hübsches Appartement im Sockelgeschoss des Hauptgebäudes beziehen dürfen.

„Guten Morgen Herr von Strattenberg.“

Louise hatte den Anruf entgegengenommen und war offenbar damit beschäftigt das Frühstück vorzubereiten.

„Haben Sie und die gnädige Frau gut geschlafen?“, erkundigte sie sich freundlich, während er vernahm, wie im Hintergrund eine Kaffeemaschine in Gang gesetzt wurde.

„Danke“, erwiderte der Schlossherr, „ganz vorzüglich. Hören Sie Louise. Sie wissen ja, dass wir heute mit der Restaurierung der Kapelle starten. Ich glaube, die Handwerker sind für acht Uhr angemeldet. Zeigen Sie ihnen den Weg zur Kapelle. Wie bitte? Jawohl. Eingang zum Sockelgeschoss! Genau! Ich bin in etwa fünfzehn Minuten wieder zurück.“

Strattenberg begab sich zum Blumenladen, der kurz zuvor seine Pforten geöffnet hatte. Er betrat das Geschäft und blickte sich um.

Die Verkäuferin lugte aus dem Lagerraum in seine Richtung. „Guten Morgen, Herr von Strattenberg. Ich bin sofort bei Ihnen.“

Der Schlossherr wanderte durch den Raum und entdeckte dann den Behälter mit den frischen weinroten Rosen. Die Floristin war nun wieder nach vorne in den Verkaufsraum gekommen.

„Wieder der Erste…. wie jedes Jahr am Valentinstag“ meinte sie lächelnd. „Ich nehme an, zwanzig langstielige rote Rosen? Wie immer?“

Der Schlossherr nickte und beobachtete die junge Frau, wie sie nun bemüht war, die schönsten Blumen auszuwählen.

„Ich habe auch noch zwei kleinere Sträuße vorbereitet“, bemerkte sie, während sie die einzelnen Blüten prüfte. „Ihre Gattin rief mich gestern an und gab die Bestellung auf. Sie haben heute am Abend ja wieder ihr traditionelles Konzert. Stimmt’s?“

Er nickte erneut.

„Ich werde alle drei Sträuße in Papier einwickeln, wenn es Ihnen recht ist. Es ist kalt draußen.“

Sie packte den Rosenstrauß in einige Lagen weißes Seidenpapier.

„Lassen Sie die Blumen nicht zu lange im Freien“, empfahl sie schließlich, die Preise in die Kassa eintippend.

„Ja, ich weiß“, murmelte Strattenberg und griff nach seinem Portemonnaie. „In spätestens zehn Minuten bin ich zu Hause. Das sollte passen.“

Nachdem er bezahlt und die Blumen auf den Fondsitzen des Mercedes verstaut hatte, startete er den Wagen, wendete und rollte gemütlich durch die fast menschenleeren Straßen der Kleinstadt in Richtung Schloss.

Louise hatte bemerkt, dass ein blauer Kastenwagen in den Park eingefahren war. Das mussten wohl die Handwerker sein. Sie schlüpfte in eine Wolljacke, öffnete die schwere schmiedeeiserne Tür und marschierte zum Lieferwagen, der direkt beim Rondell geparkt hatte. Zwei kräftige Männer waren ausgestiegen, die sich sogleich an den Hecktüren des Transporters zu schaffen machten.

„Guten Morgen, meine Herren.“ Das Hausmädchen hob ihre Hand zum Gruß. „Mein Name ist Louise. Ich nehme an, Sie sind hier um mit den Restaurationsarbeiten in unserer Schlosskapelle zu beginnen.“

Die beiden blickten kurz auf und nickten.

„Darf ich Sie bitten mir zu folgen.“

Wenig später befanden sie sich im Arkadenhof, der von einem kleinen Kreuzgang umschlossen war. Beim Anblick der alten Gewölbestrukturen und der vielen hier untergebrachten Gegenstände blieben die Männer stehen. Der ältere der beiden, offenbar der Vorarbeiter, stieß einen Pfiff aus. „Oh là là. Das ist ja ein Schmuckstück. So lässt sich’s leben!“

Louise öffnete die Tür zum Vorraum der Schlosskapelle. „Meine Herren, wir befinden uns nun in der Sakristei. Und hier“, sie deutete zum nächsten Durchgang, „finden Sie die Kapelle. Ich darf Sie nun bitten, Ihre Arbeitsutensilien hierher zu bringen und nichts in dem Arkadengang abzustellen. Sobald Sie mit den Arbeiten beginnen, sollten die Türen von Kapelle und Sakristei geschlossen bleiben. Das ist wichtig!“, meinte sie mit strengem Blick. „Wir haben heute am Abend eine große Veranstaltung und der Bereich da draußen ist bereits gereinigt. Nun wünsche ich frohes Schaffen. Bis später!“

Siegfried von Strattenberg hatte den Mercedes wieder im Carport geparkt, die Blumensträuße an sich genommen und die Türen verschlossen. Beim Rondell stand ein Lieferwagen, aus dem zwei Männer eben eine Aluminiumleiter entluden. Er überquerte die Brücke, die über den alten Mühlbach führte und begab sich zu den Arbeitern.

„Einen schönen guten Morgen.“

Die beiden setzten die Leiter ab und blickten ihn verunsichert an. „Guten Morgen!“

„Strattenberg ist mein Name. Meine Gattin und ich freuen uns, sie hier begrüßen zu dürfen. Unsere Kapellen- und Stuckspezialisten, richtig? Womit werden sie heute beginnen?“

Die Frage war eher rhetorisch gemeint, denn der Ablauf der Restaurationsarbeiten war im Vorfeld genau geplant und besprochen worden.

„Wir laden jetzt mal den Rest aus und räumen dann alles in die Kapelle. Danach bauen wir das Gerüst auf und beginnen mit der Inspektion der Deckenkonstruktion und der alten Stuckaturen.“

„Bestens“, freute sich der Hausherr, nickte ihnen zu und stieg dann einige Stufen der Terrassentreppe nach oben.

Unterwegs drehte er sich nochmal um. „Ach! Ich habe noch eine Bitte. Ihr Fahrzeug sollte ab halb fünf nicht mehr hier parken. Wir haben heute eine Veranstaltung am Schloss.“

„Ja, wir wissen darüber Bescheid. Keine Sorge“, bemerkte nun der Jüngere der beiden. „Da sind wir schon weg. Wir arbeiten nur bis drei am Freitag.“

Strattenberg begab sich ins Innere des Gebäudes, löschte die Lichter der Lüster und marschierte nach oben zu den privaten Wohnräumen. Nach etwa zehn Minuten hatte er den Frühstückstisch gedeckt und die Rosen versorgt.

„Guten Morgen, mon lapin.“ Roswitha von Strattenberg war inzwischen wach geworden.

Er drehte sich zu ihr und gab ihr einen zarten Kuss auf die Stirn. „Guten Morgen, mein Spatz.“

Mit einem Seitenblick auf den Rosenstrauß flüsterte er ihr ins Ohr: „Ich wünsche Dir einen wunderbaren Valentinstag!“

Sie strahlte ihn an, trat auf die Zehenspitzen und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen.

„Die Arbeiter für die Kapelle sind eingetroffen.“

„Ja, ich weiß“, erwiderte sie und klappte ihren Kalender auf. „Ich habe den Wagen gesehen. Marie-Claire kommt heute erst um zehn Uhr“, stellte sie nach einigen Sekunden fest. „Was meinst Du Siegfried, wie spät wird es heute wohl werden?“

„Ich schätze es dauert wohl solange, bis ich die Terminglocke läute. Aber ich verspreche Dir, heute werde ich es nicht vergessen.“

„Und was ist Dein Wunsch zum Valentinstag, mon lapin?“

„Mein Wunsch?“

Seine Augen wanderten durch den Raum. „Ich wünsche mir, dass unsere Arbeiter in der Kapelle endlich den Schloss-Schatz finden.“

Sie begann herzhaft zu lachen. „Du und Dein Schatz, mein lieber Mann. Also diesen Wunsch kann Dir wohl niemand erfüllen.“

„Wenn Du möchtest, fahren wir anschließend nach Reichenau.“ Er blickte seine Frau fragend an. „Ein Gläschen Champagner zum Valentinstag, bevor wir uns an die Arbeit machen?“ Er hob die Augenbrauen.

„Wunderbar. Sagen wir um elf?“

Strattenberg blickte auf seine Uhr. „Das heißt in zwei Stunden? Passt perfekt. Ich wollte ohnehin noch meine Post sichten und dann unsere Arbeiter besuchen.“

Wenig später stand Siegfried von Strattenberg in der Schlosskapelle und beobachtete die Arbeiter, wie sie das Mauerwerk sowie den Stuck an der kleinen Kuppeldecke mit feinen Besen vom Staub befreiten. Er wollte sich eben nach oben in die Wohnräumlichkeiten begeben, als er bemerkte, dass Marie-Claire eingetroffen war. Der Schlossherr begrüßte sie herzlich und marschierte dann auf die dritte Schlossetage, wo er seine Gattin am Schreibtisch vorfand. Sie war in den Bildschirm Ihres Laptops vertieft und hatte sein Eintreten offenbar nicht bemerkt.

„Ich denke, wir sollten nach unten gehen!“, meinte er leise. „Es ist zehn. Kommst Du?“

Die Morgenbesprechung in der Kaminhalle dauerte an diesem Tag nur fünfzehn Minuten. Die Hausherren informierten das Team über die definitive Anzahl der Gäste, erörterten Sonderregelungen zur Betreuung, besprachen die kulinarische Begleitung zum Champagner, der heute unter anderem wieder kredenzt werden sollte und erklärten schließlich, dass die Veranstaltung an diesem Abend spätestens um ein Uhr zu Ende gehen müsse. Die Mitarbeiter wechselten zweifelnde Blicke untereinander.

Nach der Besprechung waren Sie in Ihren Mercedes gestiegen und in Richtung Reichenau abgefahren. Alle im Team wussten über die Tradition Bescheid und niemand von ihnen hätte es gewagt, diese zu stören.

Siegfried und Roswitha von Strattenberg hatten eben das Hotel erreicht, in welchem sie ihren Valentinstagmorgen mit einem Glas Champagner verabschieden wollten, als plötzlich das Summen in der Handtasche der Schlossherrin einen Anruf verkündete.

„Es ist Marie-Claire.“

Strattenberg runzelte die Stirn, während beide zur Hotelbar schlenderten und seine Gattin den Anruf entgegennahm.

Aus dem Mobiltelefon war die aufgeregte Stimme der rechten Hand der Schlossherren zu vernehmen. „Entschuldigen Sie, ich möchte nicht stören, aber hier ist etwas Unglaubliches passiert. Wir haben etwas gefunden. Ich meine die Arbeiter in der Kapelle!“

„Was denn?“

„Bitte kommen Sie schnell. Sie müssen sich das ansehen!“

„Gut, wir sind schon unterwegs“, erklärte die Baronin. Marie–Claire legte auf. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass niemand in ihrer Nähe war, wählte sie eine weitere Nummer.

Kapitel 2

EIN UNERWARTETER ANRUF

Nachdem sie der Anruf von Marie-Claire erreicht hatte, waren sie sofort aufgebrochen. Die Hausdame hatte berichtet, dass die Arbeiter bei der Inspektion der Deckenkonstruktion auf ein kleines Paket gestoßen waren. Es war wohl zwischen der Holzverschalung und dem darüber angebrachten, teilweise defekten Stuck, versteckt gewesen. Es würde alt aussehen, hatte sie noch hinzugefügt.

In all den Jahren, seit die Strattenbergs auf diesem Schloss wohnten, war es nicht sehr oft vorgekommen, dass neue Funde gemeldet werden konnten. Gewiss, altes Gerümpel war immer wieder bei Mauersanierungen oder auch bei Grabungen im Park entdeckt und anschließend sofort entsorgt worden. Aber ansonsten hatten die vormaligen Schatzsucher wohl gründlich gearbeitet. Doch unter dem Stuck in der alten Kapelle nachzusehen, auf diese Idee war bisher noch niemand gekommen.

Marie-Claire begrüßte sie aufgeregt und erklärte, sie habe das Paket bereits nach oben gebracht und auf den Klostertisch im Wohnbereich gelegt. Wenig später standen sie vor dem langen Tisch, wo sie noch vor Kurzem ihr Frühstück eingenommen hatten. Der Inhalt war in ein Stück braunes Leder eingeschlagen und mit zwei Schnüren fest verzurrt. Der Einband zeigte einige dunkle Flecken, war aber ansonsten völlig unversehrt. Das Alter war schwer abzuschätzen. Es mochte hundert Jahre alt sein, vielleicht auch mehr.

Fragend blickte Roswitha ihren Mann an. „Was meinst Du, mon lapin? Wollen wir?“

Strattenberg nickte und legte das Bündel wieder auf den Tisch. Schnell waren die Schnüre durchtrennt. Vor Ihnen lag ein versiegelter Brief und ein kleines, ebenfalls in Leder gebundenes Buch. Am Buch waren an Vorder- und Rückseite je ein Wachssiegel angebracht. Zusammengehalten wurde es durch ein kleines, rotfarbenes Band.

Der Schlossherr betrachtete die beiden Siegel am Bucheinband und erbleichte.

„Das hier ist das Wappen der Reichsgrafen von Walsegg. Und es ist auf beiden Seiten völlig intakt. Siehst Du?“

Er zeigte ihr die beiden Seiten des Einbands.

„Aber“, erwiderte Roswitha von Strattenberg flüsternd, „wenn das hier sein Wappen ist… und diese Siegel nicht aufgebrochen wurden, dann bedeutet das ja..“

„Ganz genau!“, setzte ihr Mann fort, „dann bedeutet das, dass dieses Paket sehr lange Zeit in seinem Versteck gelegen hat.“

Er griff nach dem Kuvert. Es stammte offenbar aus der gleichen Zeit wie das Buch. Und es war ebenfalls versiegelt. Doch wurde ein anderes Wachs verwendet, wie er sofort feststellen konnte. Zudem war ein anderer Stempel eingedruckt worden. Das Siegel unterschied sich eindeutig von jenen, die auf der Vorder- und Rückseite des Buches angebracht worden waren.

Strattenberg betrachtete es sorgfältig, marschierte dann zum Schreibtisch und kam weniger später mit seiner Leselupe zurück.

„Die Aufschrift ist klar zu erkennen. Hier steht ‚Die Weisse Bruderschaft‘. Die Symbole darunter muss ich mir aber noch genauer ansehen.“

Er bat seine Gattin ein Foto zu machen.

„Wenn wir dieses Siegel jetzt aufbrechen, dann haben wir vielleicht eine entscheidende Spur vernichtet“, erklärte er. „Es ist sicherlich besser, wir machen ein paar Bilder.“

„Was meinst Du Siegfried?“, fragte sie aufgeregt. „Können wir jetzt endlich reinschauen?“

Beide wussten, dass diese Frage eigentlich längst beantwortet war.

„Wir beginnen mit dem Buch“, entschied der Schlossherr und klappte den Deckel auf.

Was er nun zu lesen bekam ließ ihn erstarren. Auf der Innenseite stand mit roter Tinte geschrieben.

Mein Vermechthniss
Franz Anton de Paula RG v. Walsegg
Stuppach am 20.September 1827

Roswitha von Strattenberg blickte auf den Text und dann in das fassungslose Gesicht ihres Gatten.

„Was ist los Siegfried? Sag’ doch! Was steht hier?“

Ihr Mann war in den vergangenen Jahren immer wieder mit dem Studium von alten Manuskripten und Schriften aus Mozarts Zeiten beschäftigt gewesen. Sie wusste, dass er keinerlei Mühe hatte, Texte aus dieser Epoche entziffern zu können.

„Roswitha“, er schluckte kurz, „ich glaube, hier haben wir einen Schatz erhalten, der noch viel mehr wiegt, als die erträumte Kiste mit ein paar Goldmünzen. So wie es aussieht, ist dies das Vermächtnis unseres lieben Grafen Franz Anton, der hier 1827 verstorben ist.“

Sie blickte ihn entgeistert an.

„Wie? Du meinst dieses Buch stammt wirklich von ihm?“

Strattenberg nickte.

„Ich denke das Buch ist echt.“

Das Telefon des Barons klingelte. Seufzend legte er das Büchlein zur Seite, erhob sich, nahm das Smartphone in die Hand und blickte auf das Display. Anruf von Unbekannt war hier zu lesen. Missmutig überlegte er, ob er zu dieser Stunde und intensiv beschäftigt, mit einem ihm Unbekannten jetzt ein Gespräch führen wollte. Doch gleichsam einer inneren Stimme folgend entschied er sich den Anruf doch entgegenzunehmen.

„Strattenberg – Grüß Gott! Mit wem spreche ich?“

Einige Sekunden lang war nichts zu hören. Der Schlossherr blickte irritiert zu seiner Gattin und runzelte die Stirn.

“Entschuldigen Sie bitte, dass ich störe, Herr Baron“, meldete sich schließlich eine Männerstimme. Sie schien einem Norddeutschen zu gehören.

„Ich rufe an wegen des Paketes, das heute auf Ihrem Schloss gefunden wurde.“

Der Schlossherr erbleichte.

„Was ist los, mon lapin?“ flüsterte seine Gattin sichtlich irritiert.

„Entschuldigen Sie“, unterbrach ihn die ruhige Stimme am anderen Ende der Leitung. “Es ist mir völlig bewusst, dass Sie verblüfft sind. Sie überlegen sicherlich, woher ich über den Fund Kenntnis erlangt habe und vermutlich tauchen bereits weitere Fragen auf. Gerne beantworte ich ihnen diese. Vielleicht nicht alle jetzt am Telefon, sondern im Rahmen eines persönlichen Treffens, um welches ich Sie und Ihre Gattin ersuche. Aber bitte erlauben Sie mir, Ihnen vorab noch zwei Fragen zu stellen. Es ist sehr wichtig!“

Der Schlossherr überlegte einige Sekunden.

„Also gut. Ich möchte aber, dass meine Gattin in diese Unterhaltung ab jetzt direkt eingebunden wird. Ich werde jetzt auf Lautsprecher schalten.“

Strattenberg drückte eine Taste auf seinem Smartphone. „Vielleicht darf ich ihnen auch die ein oder andere Frage stellen. Wer sind Sie? Werden wir überwacht? Sind Kameras und Mikrofone bei uns am Schloss montiert, von denen wir nichts wissen?“

Der Anrufer lachte.

„Diese Frage lagen natürlich auf der Hand. Ich heiße Rudolf von Sternberg, bin gegenwärtig der Großmeister der Weissen Bruderschaft. Sie werden nicht überwacht.“

„Die Weisse Bruderschaft existiert noch?“

„Ja. Sie ist immer noch präsent und in den letzten zweihundert Jahren ziemlich gewachsen“, erklärte die norddeutsche Stimme.

„Also gut… was wollen Sie wissen?“

Siegfried von Strattenberg hatte sich wieder einigermaßen im Griff.

„Zuerst einmal wollte ich mich erkundigen, ob Sie das Paket schon geöffnet haben?“

Das Ehepaar blickte sich an.

„Mein Mann hat lediglich im Buch geblättert“, stellte die Schlossherrin verunsichert fest.

“Den Brief haben wir noch nicht studiert“, ergänzte der Baron.

„Damit wäre auch meine zweite Frage beantwortet. Ich danke Ihnen für Ihre Offenheit“, erklärte der Großmeister mit freundlicher Stimme.

„Mit dem Auffinden des Paketes hat sich für eine bestimmte Gruppe von Menschen die einzigartige Chance ergeben sich einer großen Schuld zu entledigen.“

„Und was bitte haben wir mit dem Schicksal dieser verlorenen Seelen zu tun?“, wollte die Baronin wissen. „Ich würde Sie gerne persönlich treffen um ihnen alles zu erklären“, drängte die Stimme aus dem Lautsprecher.

Die Strattenbergs blickten sich fassungslos an.

„Wo wollen wir uns treffen?“

„Ich werde diesen Freitag um 15 Uhr am Wiener Flughafen eintreffen“, bemerkte der Anrufer. „Gut. Wir schlagen als Treffpunkt das Café Sacher vor. Es ist ganz in der Nähe des Meeting Points.“

„Ich kenne das Café. Also dann. Bis Freitag um drei.“

Die Verabschiedung war knapp. Roswitha von Strattenberg blickte ihren Gatten erwartungsvoll an, der sprachlos auf das vor ihm liegende Buch starrte.

Kapitel 3

TREFFEN MIT UNBEKANNTEN

Es ist schon dreißig Minuten nach drei!“ Der Schlossherr blickte nervös auf seine Armbanduhr. Das elegante Paar hatte eben die zweite Bestellung aufgegeben.

„Die Maschine aus Stuttgart ist erst vor zehn Minuten gelandet“, beruhigte ihn seine Gattin.

„Zweifelst Du, dass er kommt?“ Strattenberg schüttelte den Kopf.

„Das, mein Spatz, schließe ich aus. Nein, der Mann klang für uns beide doch überzeugend. Er wird kommen.“

In diesem Moment erfassten ihre Blicke fast gleichzeitig einen hochgewachsenen bärtigen Mann mit längerem weißen Haar.

„Das könnte er sein!“, flüsterte die Baronin. Strattenberg nickte.

Der Weißhaarige bestätigte ihre Vermutung, indem er eiligen Schrittes geradewegs auf sie zumarschierte. Kaum eine Minute später hatte der Mann ihren Tisch erreicht. Er fixierte das Ehepaar durch seine kleine, runde Hornbrille.

„Frau von Strattenberg, wie ich vermute?“

Sie nickte kurz und reichte ihm die Hand, die er galant küsste.

„Es freut mich Sie kennenzulernen.“

„Die Neugier liegt ganz auf meiner Seite.“ Die Baronin lächelte.

„Rudolf von Sternberg ist mein Name.“

Er wandte sich zu ihrem Mann, der sich von seinem Platz erhoben hatte. „Und natürlich freut es mich auch sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen.“

Die beiden Männer schüttelten sich die Hände.

„Bitte entschuldigen sie meine Verspätung. Wir mussten noch ein paar Runden über Wien drehen. Es gab wohl zu viel Verkehr hier.“

Der Schlossherr lud ihn durch eine Geste ein, Platz zu nehmen. In diesem Moment erschien der Kellner und servierte die bestellten Getränke. Zwei Cappuccinos mit je einem Glas Mineralwasser.

„Darf ich Ihnen auch einen Getränkewunsch erfüllen?“, erkundigte sich der Service-Mitarbeiter beim Neuankömmling.

Der Weißhaarige nickte.

„Bringen Sie mir bitte genau das Gleiche, was die Herrschaften hier bestellt haben“, erklärte er mit einem Lächeln.

Der Kellner nickte kurz und entfernte sich in Richtung der Theke. Sternberg blickte immer noch lächelnd zu den beiden Schlossherren.

“Was ich ihnen gleich erzählen werde, wird sie in Staunen versetzen. Und Sie werden sicherlich daran zweifeln. Betrachten Sie es einfach als natürliche Reaktion von Nichteingeweihten.“

Er blickte kurz auf seine Armbanduhr.

„Wir haben jetzt knapp zwei Stunden Zeit, bevor ich wieder zum Gate muss. Am besten gehen wir gleich in medias res.“

Das Ehepaar nickte.

In diesem Augenblick erschien erneut der Kellner mit einem weiteren Cappuccino.

Der Großmeister dankte und nahm genüsslich einen Schluck aus der Tasse.

„Unvergleichlich, der Wiener Kaffee, auch wenn man ihm hier einen italienischen Namen gegeben hat. Haben Sie alles gelesen?“, erkundigte er sich beiläufig, während er die Tasse abstellte.

Die Strattenbergs nickten irritiert.

„Auch den Brief an die Bruderschaft?“, hakte er nach. „Auch diesen“, bestätigte der Baron.

„Haben Sie beides dabei?“

Die Schlossherrin öffnete ihre Handtasche und überreichte ihm ein Päckchen.

„Genau in diesem Zustand wurde es gefunden. Abgesehen von der Schnur, die alles zusammengehalten hat. Die mussten wir durchschneiden“, erklärte sie.

„Ja, und die Siegel mussten wir natürlich aufbrechen“, ergänzte ihr Mann mit einem Ausdruck des Bedauerns. „Gut!“, murmelte Sternberg.

Er öffnete den Lederumschlag, betrachtete kurz den Einband des Buches und dann das Kuvert.

„Was halten Sie davon?“

Er fixierte die Schlossherren aus zusammengekniffenen Augen.

„Ich denke, es war eine Mischung aus Begeisterung über den Fund, einem Gefühl des Schocks, nachdem wir das Buch und den Brief studiert hatten. Schließlich machte sich bei uns Verwirrung breit“, lieferte Strattenberg die Antwort.

„Glauben Sie an die beschriebenen Inhalte?“, bohrte ihr mysteriöses Gegenüber nach. “Handelt es sich aus ihrer Sichtweise um Tatsachen oder um die Phantasien eines sterbenden Grafen und seiner geheimen Bruderschaft, die einst auf ihrem Schloss eine Landloge unterhielt?“

„Wir befinden die beiden Schriftwerke für echt und deren Inhalt für absolut glaubwürdig.“

„Und außerdem haben wir uns auch gefragt, was passieren könnte, wenn diese Geschichte an die Öffentlichkeit gelangt“, ergänzte die Schlossherrin.

Sternberg schaute sie fragend an.

„Sie meinen die Passagen aus dem gräflichen Buch, wo über den Doppelmord berichtet wird?“

„Genau! Wir denken, dass dies eine ungeheure Sprengkraft in sich birgt und die Geschichtsschreiber eine ganze Menge an Arbeit bekämen.“

„Da haben Sie völlig recht, Frau von Strattenberg. Aber es hätte noch viel weitreichendere Konsequenzen. Das dürfen Sie mir glauben. Lassen Sie uns bitte zum Brief der Weissen Bruderschaft kommen.“

Er griff nach dem Kuvert, zog das darin verborgene Schriftstück hervor und legte es entfaltet auf den Tisch ohne einen Blick darauf zu werfen.

„Wie Sie wissen, bin ich gegenwärtig der Großmeister der Bruderschaft, die auf Schloss Stuppach gegründet wurde. Gründungsvater und erster Großmeister war Graf Franz Anton von Walsegg, der zwei Jahre zuvor in die Wiener Loge Zur Wahren Eintracht aufgenommen worden war, wo er übrigens auch Mozart traf. Er bewunderte ihn zutiefst. Schnell hatten sich die beiden angefreundet und Walsegg gab erste Musikstücke bei dem Komponisten in Auftrag. Im Dezember 1785 erschien das Freimaurerpatent des Kaisers. Es war restriktiv ausgelegt und forderte die Reduzierung der bestehenden acht auf nur mehr zwei Logen. Die Entwicklung, die auch auf erheblichen Druck der Kaisermutter Maria Theresia rasch vollzogen wurde, nahm der Vater des jungen Reichsgrafen zum Anlass, um seinen Sohn zum Austritt aus der Wiener Freimaurerszene zu bewegen. Um ihm diesen Schritt zu erleichtern, bot er ihm an, er könne an ihrem Stammschloss in Stuppach eine geheime Landloge einrichten. Diese wurde im Februar 1786 gegründet.“

„Da war aber der alte Reichsgraf bereits verstorben“, warf der Baron ein.

„Das ist richtig“, bestätigte der Großmeister. „Er erlebte weder die Eröffnungssitzung der Stuppacher Landloge noch die Eheschließung seines einzig überlebenden Sohnes. In der Loge trafen sich bald viele berühmte Persönlichkeiten. Der Ruf der Walseggs war hervorragend. Als beste Stuckproduzenten im Umkreis von mehreren hundert Kilometern verfügten sie über erstklassige Kontakte zur Hocharistokratie und zum Klerus.“

Strattenberg blickte nervös auf seine Armbanduhr. Seit dem Eintreffen des Großmeisters war bereits mehr als eine halbe Stunde verstrichen.

„Nun Herr Baron. Habe ich Ihren Test bestanden?“ Strattenberg starrte ihn entgeistert an.

„Tja, es verhält sich so, dass ich Ihnen bei meinen Ausführungen einen Auszug aus dem Walsegg’schen Buch geliefert habe und wie Sie feststellen konnten, hatte ich es nicht geöffnet.“

„Sie sind erstaunlich!“, erklärte der Schlossherr schmunzelnd. „Lassen Sie uns nun über den Brief sprechen. Wir haben aus dem Walsegg’schen Buch erfahren, dass sich binnen eines Jahres zwei grausame Morde ereignet hatten, denen Menschen zum Opfer fielen, die ihm, aber auch der Weissen Bruderschaft sehr nahestanden.“

Der Weißhaarige nickte.

„Sowohl der Graf als auch unsere anderen Brüder hatten jahrelang nachgeforscht. Es waren etliche Personen in die Morde involviert. Sie haben die Namen gelesen. Sie finden sich in diesem Brief.“

Sternberg deutete auf das Papier, das vor Ihnen lag. „Es ist von größter Bedeutung, dass diese Namen nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Dies muss unser Geheimnis bleiben“, erklärte er fast flüsternd.

Die Schlossherren nickten ehrfürchtig.

„Sie beide wissen auch, dass es dem Grafen und seiner Bruderschaft nicht gelungen ist, die Tätergruppe einer gerechten Strafe zuzuführen. Sie hatten lange gebraucht, um diese zu identifizieren. Einige Mitglieder der Mörderbande waren da aber bereits verzogen, vielleicht geflüchtet jedenfalls unauffindbar. Rund sechsunddreißig Jahre waren seit den beiden ungesühnten Morden verstrichen, als der Graf schwer erkrankte und im November des Jahres 1827 verstarb.“

Der Großmeister setzte wieder sein mysteriöses Lächeln auf.

„Kommen wir nun zum Geheimnis, dass ich Ihnen am Telefon angekündigt hatte. Sie erinnern sich?“

Sein Blick durch die Hornbrille traf die Schlossherren in der Tiefe ihrer Seele. Er rückte seinen Stuhl zurecht und leerte seine Tasse.

„Die Weisse Bruderschaft hatte sich für eine ungewöhnliche Strafe entschieden.“

“Ja,“ unterbrach ihn der Baron, „ein grausames Urteil! Das hatten wir uns schon beim Studium des Briefes gedacht.“ Der Schlossherr schüttelte den Kopf.

Sternberg blickte ihn hart an.

„Das Urteil ist gesprochen und steht nicht zur Diskussion“, erklärte er knapp. „Aber jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, die Seelen aus der Verdammnis zu retten. Diese Erlösung muss auf Ihrem Schloss erfolgen, am nächsten Valentinstag. Darum sitzen wir hier.“

Er griff in die rechte Innentasche seines Sakkos, zog ein Kuvert hervor und legte es auf den Tisch.

„In diesem Umschlag befinden sich alle Namen der Einzuladenden sowie ihre Kontaktdaten.

Die Schlossherrin hob die Augenbrauen und runzelte die Stirn. „Ich verstehe nicht. Erwarten Sie von uns, dass wir die Einladungen aussprechen?“

Der Großmeister schüttelte den Kopf. „Die Einladungen werden von jemand anderem stammen.“

„Nun, ich vermute Die Weisse Bruderschaft wird einladen“, bemerkte ihr Gatte.

Sternberg schüttelte erneut den Kopf und lächelte.

„Der Graf wird einladen. Es ist sein Abend, verstehen sie?“

Strattenberg nickte zögerlich. „Falls wir uns entscheiden mitzumachen, müssten aber vorher noch einige Fragen beantwortet werden.“

Der Baron blickte zu seiner Gattin.

„Das sehe ich genauso“, bestätigte sie. „Für mich stellt sich zum Beispiel die Frage, welcher Aufwand sich für uns durch diese Hilfsaktion ergäbe. Ich nehme an, die Menschen, um die es hierbei geht, leben doch nicht in der Nähe vom Schloss.“

Der Großmeister stimmte ihr zu.

„Sie haben keine Kosten zu tragen. Außer, dass Sie uns für diese große Aufgabe ihr Anwesen samt Team für einen Abend und eine Nacht zur Verfügung stellen würden.“

„Das wäre kein Problem“, erklärte der Baron. „Aber was machen meine Frau und ich an diesem Abend, in dieser Nacht? Ich meine, die Einladung stammt doch von Graf Walsegg.“

Der Großmeister lehnte sich zurück und betrachtete ihn amüsiert.

„Die Details werden Ihnen in Kürze übermittelt, sofern Sie zusagen.“

Er blickte auf seine Armbanduhr.

„Uns bleiben nur mehr ein paar Minuten, bevor ich aufbrechen muss. Wie entscheiden sie sich?“

„Alles klar! Wir sind dabei.“

Sternberg reichte beiden die Hand. „Danke. Sie werden es nicht bereuen. Darauf gebe ich Ihnen mein Wort.“

Er gab dem Kellner ein Zeichen.

„Ich muss mich beeilen.“

„Die Rechnung übernehmen selbstverständlich wir.“

Die Schlossherrin zwinkerte ihm lächelnd zu.

Der Großmeister dankte, griff nach seiner Aktentasche und erhob sich.

„Eine Frage hätte ich noch.“

Der Baron hatte sich ebenfalls erhoben.

„Sie meinten doch, dass Sie nicht nur über die Inhalte des Briefes, sondern auch über jene des Walsegg’schen Buches genau Bescheid wüssten.“

„Das ist richtig!“

„Ist Ihnen vielleicht auch bekannt, dass die letzten beiden Blätter des Buches fehlen, dass sie herausgerissen wurden?“

Der Großmeister nickte schweigend.

„Davon liegt Ihnen offenbar keine Abschrift vor?“ Sternberg schüttelte den Kopf.

„Zu schade. Wir denken nämlich, dass es auf den letzten vier Seiten etwas sehr Wichtiges zu lesen gab.“

„Da haben Sie völlig recht“, bestätigte der Weißhaarige.

„Der Inhalt ist von höchster Brisanz und würde, sollte er an je die Öffentlichkeit gelangen, wohl auch international große Aufregung auslösen.“

„Aber Sie sagten doch…“

„Herr von Strattenberg“, unterbrach ihn der Großmeister, „ich bestätigte Ihnen lediglich, dass wir über keine Abschrift verfügen. Wir haben nämlich die Originalseiten.“

Die Schlossherren starrten sich entgeistert an.

„Ja, aber wie ist das möglich?“

„Das erfahren Sie zu gegebener Zeit. Unsere gemeinsame Reise hat ja erst begonnen.“

Er schüttelte den beiden die Hand und verabschiedete sich.

„Wie gesagt! Bezüglich der Details melde ich mich in ein paar Tagen. Und bitte, die Sache muss unter uns bleiben.“

Sternberg machte kehrt und begab sich eiligen Schrittes in Richtung der Gates. Die Schlossherren blickten ihm nach, bis er in der Menschenmenge verschwunden war.

„Also, das Konzert wird nächstes Jahr wohl ausfallen“, bemerkte Roswitha von Strattenberg lakonisch.

Ihr Gatte nickte wortlos.

Kapitel 4

EIN PROFESSOR UND SEIN
DIENER

Peter Sinclair hatte seine Vorlesung an der Fakultät für Naturwissenschaften am Imperial College in London beendet. Als jüngster Professor, der in dieser altehrwürdigen Einrichtung seit Ihrer Gründung im Jahre 1907 einen Lehrstuhl erhalten hatte, war er damit betraut worden seinen Studenten, von denen viele nur wenig jünger waren als er selbst, mit den Grundlagen der Quantenphysik und den Geheimnissen der Quarks und Spins vertraut zu machen. Seine Lehrmethoden unterschieden sich von denen seiner deutlich älteren Kollegen. Sie waren ihnen regelrecht ein Dorn im Auge und die Kritik dieser ehrwürdigen Herren, hatte ihm erst kürzlich wieder eine Vorladung beim Rektor beschert. Es war bereits die zweite in nur sechs Monaten. Auch die Option auf eine Vertragsverlängerung und sogar eine weitere, auf permanente Beschäftigung war ihm in Aussicht gestellt worden. Doch seit der ersten Rüge und der nun zu erwartenden Verwarnung standen die Chancen schlecht, dass er überhaupt für die restlichen eineinhalb Jahre bleiben dürfte.

Der Rektor, Mitglied in der Royal Society, hatte ihn bei der letzten Begegnung beschworen, er möge sich doch endlich an die Regeln halten. Als ehemaliger Student dieser Einrichtung sollte ihm dies außerdem bekannt sein. Seine, vermutlich der jugendlichen Unbekümmertheit zuzuschreibenden unkonventionellen Lehrmethoden, wären sicherlich amüsant, doch würden sie niemals die Zustimmung des Gremiums erhalten. Er hatte noch hinzugefügt, sollte es zu einer dritten Beschwerde kommen, würde dies unweigerlich den Ausschluss aus dem Kollegium zur Folge haben. Persönlich würde er dies als Rektor natürlich sehr bedauern, denn er schätze die Kompetenz und das Talent des jungen Kollegen sehr. Aber es gäbe einen Codex und an diesen hätten sich alle verpflichteten Mitglieder des Lehrkörpers zu halten. Peter Sinclair hatte ihn mit seinen strahlend blauen Augen angelächelt und entgegnet, dass seine Studenten beim Halbjahresabschluss die besten Ergebnisse seit Bestehen der Fakultät erzielt hätten. Er wolle sich diese Rüge aber selbstverständlich zu Herzen nehmen.

Sinclair schloss sein fein säuberlich geordnetes Manuskript mit den Unterlagen zur heutigen Vorlesung. Dann klappte er den Deckel seines Notebooks zu, schaltete den Beamer aus und zog den Verbindungsstecker von seinem Laptop. Es war wieder eine herrliche Stunde gewesen, die er mit seinen Studenten verbringen konnte. Zufrieden lächelnd, packte er seinen PC in die alte vergilbte Ledertasche. Das vertraute Klicken zeigte ihm, dass nun alle Utensilien gut verwahrt waren, vor allem aber erinnerte es ihn an einen lieben Freund, den einzigen, den er in den letzten Monaten hier an der Universität gewinnen konnte. Higgins. Der gute alte Higgins! Er veranstaltete Führungen für Gäste und half den Neuankömmlingen sich zurechtzufinden. Ein Faktotum mit einem großen Herzen. Und von ihm hatte er bei seiner Ankunft die alte Aktentasche erhalten.

„Nun aber rasch nach Hause“, dachte Sinclair. „Dann unter die Dusche und danach“, die blauen Augen des jungen Professors begannen zu leuchten, „ab ins Nudge!“

Er liebte diesen Platz, der sich über die Jahre zu einer Institution in West London entwickelt hatte und als eine der besten Piano-Bars galt. Und heute am Abend würde er wieder am legendären Collard & Collard Grand Piano sitzen und für knapp drei Stunden die Gäste unterhalten.

Legendäre Musikstücke auf einem legendären Flügel, gespielt von einem ‚Phantom’. Es war Sinclairs gut gehütetes Geheimnis geblieben, dass er zweimal pro Woche in der berühmten Bar in Kensington als Pianist auftrat. Wenn das seine Kollegen wüssten dann wäre ihm eine Beschwerde beim Rektor gewiss. Die dritte! Sinclair wusste, was dies bedeutete. Abschied von seinen Studenten, Abschied von London und es würde auch bedeuten, Abschied vom Nudge. Es war aber praktisch auszuschließen, dass man ihn hier entdeckte und selbst, wenn sich der eine oder andere Kollege hier blicken ließe, man würde ihn nicht als Peter Sinclair erkennen. Dazu war seine Tarnung zu gut. Er trat hier schlicht als Das Phantom auf. Weder die Gäste noch die Mitarbeiter des Nudge kannten seinen tatsächlichen Namen.

Die Vorfreude für diesen Abend stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er nahm seine Aktentasche vom Pult und wandte sich zur Tür des großen Hörsaals, die sich in diesem Moment langsam, aber nur ein wenig öffnete. Der Professor blieb stehen. Zögerlich streckte Higgins den Kopf durch den Türspalt.

„Hallo mein Freund! Warum so ängstlich?“

Sinclair marschierte lächelnd zur Tür und schüttelte seine Hand.

„Entschuldigen Sie Herr Professor. Ich war mir nicht sicher, ob Sie Ihre Vorlesung schon beendet haben!“

Higgins strahlte ihn an.

„Was halten Sie davon, wenn wir gemeinsam einen Kaffee trinken gehen?“

Der junge Professor klopfte seinem väterlichen Freund auf die Schultern, während er die Tür schloss.

„Eine gute Idee! Bei welchem Automaten?“

„Da habe ich einen besseren Vorschlag“, unterbrach ihn Sinclair und tippte auf seine Aktentasche.

„Hier drin habe ich meine Thermoskanne. Bester Bohnenkaffee! Wir brauchen noch ein bisschen Milch und zwei Becher.“

Keine fünf Minuten später befanden sie sich vor dem Hauptgebäude und steuerten auf eine hübsche Gartenlaube zu. Sie war mit einem runden Tisch und vier Stühlen ausgestattet. Sinclair stellte die zwei Becher, die Higgins eben organisiert hatte, auf den Tisch, öffnete die Aktentasche und füllte die beiden Trinkgefäße mit dem herrlich duftenden, noch heißen Kaffee. Er blickte zu Higgins, der nervös an einem der Knöpfe seines mausgrauen Arbeitsmantels hantierte.

„Also, was gibt es mein Lieber? Warum wollten Sie mich sprechen?“

Der alte Mann grinste.

„Mister Sinclair. Ich habe hier einen Brief für Sie. Er kam heute Morgen per 1st Class Mail.“

„Ja und?“

Der Professor hob fragend die Augenbrauen.

„Na, der Brief stammt von einem Schloss in Österreich. Ich dachte mir, es könnte etwas mit dem Phantom zu tun haben. Oder mit ihrer Familie“, fügte er zwinkernd hinzu.

Sinclair überlegte. Er hatte seinem Freund schon vor längerer Zeit unter dem Siegel der Verschwiegenheit von seinem Geheimnis berichtet, dass er seine richtigen Eltern nie kennengelernt hätte. Angeblich stammten sie aus Österreich. Aus unbekannten Gründen war er im Säuglingsalter zur Adoption freigegeben worden und landete bei einem englischen Ehepaar, William und Susan Sinclair, Unternehmer aus Liverpool. Die beiden waren beruflich sehr erfolgreich gewesen. Sie hatten am Stadtrand der englischen Großstadt ein herrliches Anwesen gekauft und es liebevoll ausgestattet.

Nachdem er die Schule mit den A-Levels absolviert hatte, begann er ein Studium am Imperial College in London. Wenig später verkauften Paps and Mum, wie er seine Adoptiveltern liebevoll nannte, ihr Unternehmen und das Anwesen in Liverpool und setzten sich zur Ruhe. Dann aber hatten seine Eltern plötzlich ein hübsches kleines Haus im Land der Eidgenossen entdeckt. Kurze Zeit später war es gekauft.

Die hervorragenden Kontakte seines ‚Paps’ hatten ihm geholfen eine Anstellung am CERN in Genf zu erhalten, wo er im ‚Higgs-Boson-Forschungsteam’, einer kleinen Elite-Einheit gewissermaßen, untergekommen war. Dort hatte er nach etwa einem Jahr das Angebot seiner ehemaligen Universität für eine zweijährige Gastprofessur erhalten. Er wusste, falls sich die Lage am Imperial College zuspitzen würde, dann stünden ihm die Türen zum CERN auch weiterhin offen.

Higgins blickte ihn erwartungsvoll an. Er war es gewohnt sich in Geduld zu üben, wenn sich sein Schützling auf gedankliche Reisen begab. Doch heute dauerte ihm diese Reise zu lange.

„Nun Professor! Was meinen Sie?“ Sinclair lächelte ihn an.

„Verzeihen Sie, Higgins. “

Sein Gegenüber schüttelte den Kopf. „Waren Sie wieder unterwegs im Universum? Nun ich wollte wissen, was sie von der Idee halten? Brief von einem Schloss in Österreich und Verbindung zu Ihrem Musiktalent beziehungsweise Ihren Eltern. Die stammen doch von dort, hatten Sie mir erzählt.“

Sinclair zuckte mit den Schultern.

„Das ist aber nicht sicher, mein Freund; jedenfalls, was meinen Vater betrifft.

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