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13 kleine Friesenmorde

Inhalt

1. Hundeliebe

2. Mann über Bord

3. Der Knüppelmord

4. Der Sportschütze

5. »Wir wollten ihn nicht totmachen«

6. Troubadour und der Dünenmord

7. Das Vermächtnis des Käptn van Loo

8. Der Wildgansmord

9. Tödlicher Vatertag

10. Stationen eines Mörders

11. Rolling home, rolling home across the sea …

12. Das verflixte siebente Jahr

13. Zweimal lebenslänglich

Hundeliebe

In ihren Jungmädchenjahren legte Anja den Weg vom Luichthof über den einsamen Wurzeldeich nach Dosum fast täglichzurück. Der Frühling überraschte sie mit Wetterlaunen. Bei strahlender Sonne, wenn der Sommer die gelben Löwenzahnblüten in das satte Grün stickteund der Sommerwind das Gras kämmte, kam ihr die Strecke kürzer vor als im Herbst, wenn sie gegen den Sturm ankämpfen musste, der von der Insel alskalter Nordwest blies. Im Winter stapfte sie in eisiger Kälte durch den meist klebrigen Schnee und trat ihn mit Gummistiefeln zu Matsch. DerLuichthof war einer der größten Höfe im Benninga-Land, das sich auf der Ostfriesland-Karte mit einem halben Zirkelschlag um die Burg, derenTürmchen die Wahrzeichen der kleinen Stadt sind, schlagen lässt.

Nach der mittleren Reife absolvierte Anja eine Ausbildung als Apothekenhelferin und schloss sie mit dem Examen einer pharmazeutisch-technischenAssistentin ab. Anja lehnte enge Bindungen an Männer konsequent ab. Allerdings war sie wegen ihrer Großzügigkeit in der Liebe bei Tanzveranstaltungen vonden jungen Männern dicht umlagert.

Die Frauen von Dosum stießen sich an Anjas schnippischer und arroganter Art. Sie pfefferte ihren Stolz listig mit modischen Extras, und wenn es nur einbuntes Tuch war, das sie auffällig in ihr halblanges blondes Haar eingeflochten trug.

Am Tresen der Burg-Apotheke schaute sie im weißen Kittel von oben herab, und ihre Schritte an die Regale, ihre Griffe nach Tuben undPackungen führte sie aus, als hätten die Kunden ihr die wirksame Heilkraft der Medikamente zu verdanken.

Als ihre Eltern kurz hintereinander starben, war Anja reich und einsam. Die jungen Männer, die früher bei ihr den Beischlaf gesucht hatten, waren insolide Ehebetten geschlüpft.

Anja entschloss sich, den Jagdschein zu erwerben, denn die Wiesen des Luichthofes reichten bis an den kleinen Leuchtturm, der den Fischern half, den Wegzwischen Küste und Insel zu finden, wenn sie vom Krabbenfang den Hafen Occersiel anpeilten.

Zu dieser Zeit fand Hero Gefallen an der Jagd. Er führte eine Teegroßhandlung mit Erfolg in hohe Gewinne und suchte die Flucht vor seiner Mutter und dendrei unverheirateten Schwestern, die im benachbarten Nordstadt Mode aus Paris, Mailand und New York papageienhaft auf der Marktstraße vorführten und dieBlicke der hastenden und bummelnden Menschen als Bewunderung auslegten. Dabei waren sie bemüht, im Vorbeischreiten ihre Spiegelbilder in den Glasscheibender Geschäfte zu erhaschen.

Die Frauen um Hero hatten ihren Einfluss auf ihn nicht ohne Erfolg ausgeübt. Er trug den Mantel modisch kurz mit übertriebenem Karo. Anstelle derortsüblichen Prinz-Heinrich-Mütze saß eine schreiend gestreifte Schirmmütze keck auf der angegrauten Halbglatze.

Hinter den Tischen des Waldlokals lauschten Anja und Hero, anfangs getrennt, den Worten des Försters, wenn er sachkundig, gewürzt mit gelegentlichen Kraftausdrücken, die Jagdgesetze interpretierte.

Als der Kreisjägermeister in dem kleinen Saal, in dem noch der Schmuck einer goldenen Hochzeit hing, mit Flinten hantierte, die Läufe großtuerischabknickte und das Thema Waffenkunde breit abhandelte, saßen Anja und Hero bereits vereint hinter einem Bier und Corvit und drückten sich hin und wiederunter der Tischplatte die Hände und ließen ihre Augen abwandern von Bockbüchsen und Schrotflinten und vereinten blinzelnd ihre Blicke. Zu den späterenSchießübungen an der Rehwiese fuhren sie gemeinsam in Heros Sportwagen und reichten sich liebevoll die Gewehre. Sie jubelten sich zu, wenn es ihnen gelang,die fliegenden Tonscheiben in der Luft zu zertrümmern.

Im abgestellten Auto, auf dem Waldweg unter dem Dach blattreicher Buchen, zeigte Anja Hero die von den Rückschlägen der Büchse bunt verfärbten Hautflecken oberhalb der vollen Brust.

»Wir werden heiraten und bauen!«, sagte Hero entschlossen, als das Dienstmädchen den frischen Blumenstrauß auf den Frühstückstischstellte.

Die Schwestern reichten sich den großen ovalen Handspiegel, ein antikes Stück aus Bremen, und mit den gekrümmten kleinen Fingern setzten sie zierlich dieSchlussstriche unter die Nacht, um in langen Seidenkimonos Altsilbermesser an Hörnchen zu legen. Heros Nachricht war keine Sensation, eher eine bereits vonden Damen genehmigte Aktion. Anja war ja vermögend.

Die Liebenden planten ihr Nest. Sie ließen bauen. Die Fantasie des Paares trieb dem Architekten Schweißperlen auf die Stirn, da Vernunftam Bau völlig auf Eis lag und extra gewünschte Bogen und Nischen seine Planungen durcheinander brachten.

Die Liebe hatte das Haus entworfen. Das Glück zog ein. Die einfachen Nachbarn wurden allzu oft Zeugen, wenn das bereits ältere Paar morgens auf der nachhistorischem Muster ausgepflasterten Einfahrt Händchen haltend, sich drückend Abschied voneinander nahm, als zöge Hero mit einer Expedition in das ewigeEis. Dabei konnte er ohne großen Verkehrsfluss seine 120 Jahre alte Firma gemütlich im Sportwagen in fünf Minuten erreichen.

Die einfach gekleideten Frauen suchten den Blick aus den Fenstern, wenn Anja und Hero übereinstimmend in Grün eine Tanne versetzten, im burschikosen Buntden neuen Straßenbesen führten oder im Pariser Look zum Spaziergang starteten.

Als der hinkende Rentner mit der Liste der Arbeiterwohlfahrt erschien, die Schiffsglocke der »Fortuna« zog, die vor 100 Jahren vor dem Cooperriff 20Passagiere in die Wellen geworfen und sie dem nassen Tod übergeben hatte, blieb die Schnitztür ungeöffnet.

Ebenso sangen Kinder mit leuchtenden, bunten Laternen am Martinstag vor den Marmorstufen aus Carrara vergeblich.

Die erwartete Veränderung von Anja blieb aus. Sie wurde nicht schwanger. An Anjas Geburtstag fuhren dicke Autos vor. Modegelangte zur Schau. In einem mit blauen Bändchen geschmückten Korb, liebevoll gehalten von Heros Mutter, blickte ein vom Hundefriseur gestutzter Pudel mit nervösen Kopfbewegungen aus schwarzen Perlaugen auf Anja und Hero.

»Ist der süß!« Überschwänglich, zu laut, drang ihre Stimme den Kindern entgegen, die ihre Diskoroller auslaufen ließen, um die in langen Kleidern erschienenen Damen zu bewundern. Auch sie fanden das kleine, verängstigte Hundegesicht niedlich. In die Villa zog junges Leben.

Es war in der Adventszeit, als Hero froh gelaunt vom Teehaus kam. Anja ließ Tarzan frei. Er bekam sein Küsschen.

»Unser Nachbar, der Polizist, war heute hier. Er verlangt, dass wir einen Zaun ziehen. Tarzan soll seine Wiese nicht betreten, wegen der Kinder.«

Hero sagte empört: »Typisch Bulle!«

»Hero, bald ist Weihnachten. Tarzan wünscht sich ein warmes Mäntelchen«, sagte Anja, wobei sie ihre Zigarette mit gespreizten Fingern von sich hielt. Auf ihrem Kopf saß die Seidenturbanhaube aus Düsseldorf, und mit eckigen Kopfbewegungen brachte Anja den kleinen Edelstein zum Leuchten. Sie schritt an die Eichenbar, um zur Abendbegrüßungsstunde die silbrige Corvitflasche hervorzuholen. Hero langte, wie an jedem Abend, nach den Kristallgläschen im Sideboard.

Die großen Fenster ihres Vorzimmers ließen den Blick offen. Während die Nachbarin gegenüber den Henkelmann ihres Mannes spülte, sah sie, wie Tarzan auf den Tisch hüpfte und Anja ihn mit Fleischklößchen fütterte.

Es wurde keine weiße Weihnacht. Die schweren Kirchenglocken läuteten das Fest ein. Aus den ovalen Backsteinfenstern von St. Ansgari drang im Zweiklang die Aufforderung zur Besinnung. Der Küstenort suchte den Frieden.

Als sich die Kirchenbesucher heimfanden, erstrahlten die Tannenbäume im Kerzenlicht. Die Kinder machten sich über Feuerwehrautos, Piratenschiffe und Eisenbahnen her. Sonja, die Tochter des Klempners, wurde das erste Mal mit »Mutti« von der schräg gehaltenen Puppe angeredet.

Tarzan, in seinem Zimmer eingesperrt, ließ vor Aufregung seine Tatzen schabend über die Holzfläche der Tür gleiten.

»Sei doch nicht so ungeduldig, Liebling!«, rief Anja, während sie den Gabentisch vorbereitete.

Anja zupfte aus einem Karton ein Hundemäntelchen mit eingewebtem »T«, während das Licht der elektrischen Kerzen die Zweige des Baumes bläulich färbte.

Geschenke für Hero versah sie mit Tannengrün. Die Bücher »Menüs, die Hunde lieben« und das von dem berühmten Fernsehprofessor verfasste Buch »Wie lernt mein Liebling mehr«, eine Intelligenzkunde für Hunde, schob sie an den Rand des Tisches.

Über die Pflasterauffahrt holperte der Sportwagen. Hero hatte das Geschenk für Anja in Eichhausen abgeholt. Anja stand in der Tür. »Hero, beeil dich! Tarzan ist so aufgeregt!«, forderte sie ihn auf und verschwand.

Hero schob den Karton seitlich und ließ die Autotür offen. Liebevoll griffen Anjas Hände über Weihnachtspapier und Tannengrün.

»Du kannst kommen!«, rief sie. In ihrer Stimme lag der hohe Klang der Freude.

Hero überflog mit strahlenden Augen den Gabentisch.

»Ist das herrlich, Anja!«, sagte er glücklich. »Die Kniebundhose und den Pullover habe ich mir immer schon gewünscht!«

Er drückte Anja an sich und bemerkte die restlichen Geschenke.

»Die Bücher! Dass du daran gedacht hast, das ist himmlisch!«, rief er frohlockend.

»So schön ist Weihnachten, wenn man sich lieb hat!«, sagte Anja.

»Tarzan, bitte noch etwas Geduld, zuerst wird Mami beschert!«, rief Hero in Richtung Korridor, aus dem das Jaulen zu ihnen drang.

»Anja, nicht hinsehen! Augen zu! Ab in das Kaminzimmer!«, befahl Hero.

Tarzans Aufregung brach Anja fast das Herz. Dann endlich vernahm sie die erlösende Stimme: »Anja, der Weihnachtsmann war da!«

Sie eilte drauflos. Ein brauner Karton, verschnürt, mit großen Löchern wie perforiert, stand auf dem Tisch. Aus dem Paket drang ängstliches Gezirpe.

Anja entknotete mit hastenden Händen die Kordel. Als sie den Deckel abhob, stieß sie freudig aus: »Oh, wie entzückend!«, und ihre Hände fassten zu und legten sich um den zittrigen Leib des schneeweißen Pudels, der ängstlich seine Ohren hochgerichtet hielt.

Anjas Finger fühlten den Herzschlag des verängstigten Tieres, als sie die kleine Hundeschnauze mehrmals an ihren Mund drückte. »Was bist du nur für ein niedliches Kerlchen!«, rief sie außer sich und bemerkte erst jetzt, dass der Pudel mit einem weiteren Geschenk das Paket verlassen hatte. Um dem schmalen Hals trug er ein massives Armband, das von einem Goldbarren zusammengehalten wurde, über den in Eile ein Sekundenzeiger glitt.

Anja war entzückt. »Hero, mein Liebling!«, jubelte sie und zog den Kopf ihres Mannes nach unten, um den Dreieckskuss mit kalter Hundeschnauze zu ermöglichen.

»Das ist Napoleon!«, sagte Hero stolz, und Anja seufzte glücklich: »Tarzan und Napoleon!«

Hero holte Tarzan, der so lange auf Weihnachten warten musste. Das Scharren drang ihm entgegen. Als er die Tür öffnete, schoss Tarzan an ihm vorbei. Er umsprang Anjas Beine, dann setzte er sich bettelnd auf die Hinterpfoten, und mit hochgestellten Ohren jaulte er Napoleon an, der unruhig andeutete, dass er auf den Boden wollte. Tarzan saß aufrecht. Napoleon umhüpfte ihn mit wedelndem Schwanz. Dann hob er die weiße rechte Pfote und tupfte, wie ein Boxer im Ring, mit seiner Tatze an das schwarze Pudelhaar.

Hero und Anja schauten fasziniert zu. Ihre Arme suchten die Umklammerung, und als die beiden Hunde sich rauften, ohne sich zu beißen, und ihre Körper über den Perserteppich wälzten, suchte das Ehepaar, überwältigt vom Glück, die Sitzgelegenheit auf der Nappacouch. Der teure Goldschmuck aus dem renommierten Hamburger Juwelierhaus kollerte Napoleon vom Hals. Anja hob ihn auf.

»Hero, du machst mich so glücklich!«, hauchte sie ihm ins Ohr, und ihre Hand glitt zärtlich über den Rest des angegrauten Haares.

Hero holte die flache Schachtel, die eingeschlagen in buntem Glocken- und Tannenpapier unter Tischdecken versteckt lag. Anja öffnete sie für Tarzan.

»Nein, sind die süß!«, rief sie überschwänglich und hob die aus Zeder mit Naturfell hergestellten Hundeschuhe aus der Packung.

»Die muss Tarzan morgen tragen, wenn wir unseren Weihnachtsspaziergang machen«, sagte sie. Während sie die Hundeschuhe küsste, fragte sie: »Hero, was möchtest du zur frohen Stunde trinken?«

»Einen Black and White«, sagte Hero überglücklich.

Die Nachbarn hatten den neuen Akteur bereits bewundert. Als Anja ihren Hero in die Teefirma schickte, bekam er nicht nur von ihr den Kuss, sondern sie hob Napoleon und Tarzan in Fensterhöhe des Sportwagens und Hero suchte die Hundeschnauzen, bevor er vom Pflaster lenkte.

Im Teehaus, an seinem Schreibtisch, legte Hero kindlich Naives ab und beherrschte mit geschultem Blick und klugem Verstand das Handelshaus. Er war als sozialer Arbeitgeber bekannt. Seine Gratifikationen für lang gehegte Firmentreue fielen nie mickrig aus. Oft schoben die jungen Mütter voller Stolz die Kinderwagen in Richtung Teefirma, um vor dem Chef temperamentvolle Babys, die sich dann stimmgewaltig selbst vorstellten, aus den Kissen zu heben. Dabei kam es vor, dass Hero Tarzan und Napoleon hasste, für die Anja sonntags den Lieblingspudding kochte.

Hero, der mit Anja und den Pudeln zurückgezogen lebte, bemerkte, dass die Nachbarn ihm aus dem Wege gingen. Sie schluckten das Gekläffe ohne Hinweis an das Ordnungsamt.

Seine Kumpel des Jachtclubs stellten die Besuche ein. Er hatte seine »Rosa Frisiae« unter Preis verkauft, weil Anja die Seescheute.

Ihre Unfruchtbarkeit setzte ihm plötzlich Zweifel. Der Frauenarzt betonte ihm gegenüber die hervorragende Gesundheit von Anja. Auch seine Mutter und die Schwestern ließen sich immer seltener von Tarzan und Napoleon anbellen.

Während in Hero die Zweifel aufstiegen, war es Anja, die die Abneigung der Nachbarschaft regelrecht herausforderte, wenn sie Tarzan und Napoleon in Hundemäntelchen und mit Hundeschuhen im geflochtenen Holzkorb über das Waldstück trug und die Kinder verjagte, wenn sie neugierig den Blick in Knopfaugen suchten.

Auch das Abschiedszeremoniell morgens auf der Einfahrt begann Hero zu verabscheuen, weil Anja übertrieb. Der Polizist grüßte nicht mehr, und die Kinder mieden sein Grundstück. Hero brachte es nicht fertig, mit Anja das Gespräch zu suchen. Er spielte weiter mit.

Es war an einem Freitag. Der Gärtner hatte den Park für den sprießenden Frühling zurechtgestutzt. Anja saß in Wartestellung im Vorzimmer.

»Schön ruhig, meine Lieblinge. Papi kommt gleich«, sagte sie zu Tarzan und Napoleon. Der Zeiger der alten friesischen Meerwievken-Uhr zeigte an, dass Hero den Sportwagen sogleich auf die Pflastersteine rollen lassen musste.

Der Zeiger zog weiter. In Anja stieg die Unruhe. Sie erzählte Tarzan und Napoleon eine Geschichte aus dem Buch, das Hero so viel Freude bereitethatte. Unerbittlich drehte der Zeiger die Runden. In Anja stieg die Unruhe.

Endlich fuhr der Wagen auf das Pflaster. Hero befand sich in bester Stimmung. Er sprach von seinem Schulfreund Eberhard, der Professor in Berlin war und ihn aufgesucht hatte, weil er eine Arbeit über Ostfriesland vorbereitete und sich nach der Firmengeschichte erkundigt hatte.

Hero übersah an diesem Abend zum ersten Mal Tarzan und Napoleon und berichtete Anja von den Söhnen des Schulfreundes, als wären es seine eigenen.

In Anjas Gesicht zogen Schatten. »Aber Hero, du kannst uns doch nicht einfach hier sitzen lassen und mit einem Schulfreund Bier trinken, wenn Tarzan und Napoleon sich Sorgen machen! Das finde ich unerhört!«, sagte sie schnippisch und ließ Hero ohne den Begrüßungstrunk zurück.

Tarzan und Napoleon folgten ihr. Hero ließ sie ziehen. Er setzte sich geschafft in den Antiksessel.

»So ist sie mir noch nie gekommen!«, dachte er und verwarf den Gedanken, seine Mutter als Schlichterin zu sich zu bitten.

Hero nahm Buchen- und Birkenscheite, legte sie auf den Eisenrost und entflammte mit einem Anthrazitwürfel die Glut. Vor dem Kamin hockend, ließ er seine Gedanken kommen und gehen. Lange war es her, dass er mit Anja vor dem Feuer gesessen hatte. Tarzan und Napoleon jaulten, wenn die Flammen um die klobigen Scheite tanzten.

Er öffnete die Eichenbar und schob angewidert die Whisky-Flasche beiseite, die zum Zeichen von Güte und Qualität das Etikett mit den beiden Pudelntrug. Er langte zur silbrigen Corvitflasche und goss das Kristallgläschen randvoll. Hero schluckte mit Blick auf lodernde Flammen die Enttäuschung von seiner Seele. Er vergaß seinen Wunsch, den Abend mit seinem Kumpel Eberhard zu verbringen, den er mit Rücksicht auf Anja, unverzeihlich nach all den Jahren, nicht zu sich eingeladen hatte.

Hero schickte an diesem Abend, gelöst vom Alkohol, viele Gedanken in die Wölbung des Kamins und ließ sie mit dem Rauch durch den Schornstein in die Nacht ziehen.

Als die Scheite abgebrannt waren, erlosch auch in ihm das Feuer. Ihn trieb es in das Ehebett, wo alleine ein neuer Start genommen werden konnte. Aber die Tür zum gemeinsamen Schlafzimmer war verschlossen. Auf seinem Bett kuschelten sich Tarzan und Napoleon in Daunen. Sein Klopfen an die mit Schnitzereien verzierte weiße Tür blieb unbeantwortet.

Hero, Chef der historischen Teefirma, suchte Schlaf und Vergessen auf der Couch mit Nappa-Bezug, auf der er mit Anja Weihnachten den kleinen Napoleon bewundert hatte.

Am Morgen fuhr Hero ohne Hundeküsschen und Händchenhalten im Sportwagen seiner Firma entgegen.

Gegen 10 Uhr erschien Anja im grünlichen Alcantara-Kostüm. In ihr halblanges Haar hatte sie ein buntes Tuch geflochten. Tarzan und Napoleon umschlichensie kläffend. Von oben herab fiel ihr Blick über die Einfachhäuser.

Am Abend befanden sich zur verspäteten Ankunft von Hero weder Anja, Tarzan noch Napoleon auf den Marmorstufen. Hero hatte sich um eine Stunde verspätet, da er mit dem Teeimporteur aus Bremen um den Preis gepokert hatte. Zum Schluss hatten seine Nerven und sein Sachverstand die Firma um eine erkleckliche Summe bereichert. Hero drängte darauf, Anja den geschäftlichen Erfolg kundzutun. Er vermisste irritiert die gewohnte Begrüßung. Enttäuschung machte sich in ihm breit. Er durchlief die vielen Winkel, dann wies das Jaulen der Hunde ihm den Weg.

Anja befand sich mit Tarzan und Napoleon im Schlafzimmer.

Hero klopfte an die Tür. Vergeblich. Sie war und blieb verschlossen.

»Anja!«, rief er und dachte über diese harmlose Allüre seiner Frau nicht weiter nach. »Anja, sei vernünftig! Mach die Tür auf!«

Aus dem Schlafzimmer hörte er ihre Stimme. Sie klang hell, fast vibrierend. »Hero, du hast uns enttäuscht!«

»Öffne, Anja!«, befahl er in dem Ton, den seine Angestellten kannten. Er kam sich blöde vor und vernahm das Kläffen und Scharren der Hunde.

Hero spürte, wie tief aus seinem Inneren eine ungekannte Wut hochstieg. Seine Demütigung produzierte blitzschnell Hass, als er gegen die Tür trommelte und brüllte: »Lass die Scheißköter raus! Ich kann sie nicht mehr ausstehen! Eberhard hat Söhne, Söhne!«

Hero war außer sich. Schweiß tropfte von seinem Gesicht. Unaufhörlich hämmerten seine Fäuste auf das Holz. Er hatte das Segeln aufgegeben, auf Freunde verzichtet. Und jetzt dieses.

Die Tür sprang auf. Tarzan und Napoleon stürzten ihm entgegen. In wilder Wut trat Hero Tarzan in die Flanke und haute dem hochspringenden Napoleon mit der Faust auf die kleine Hundeschnauze. Dann sah er im Nebel der Wut Anja, die vor ihm stand.

Heros Blick glitt über das Jagdkostüm. Anjas Gesicht war die Konzentration einer Riesenenttäuschung. In ihrer Hand lag die Jagdflinte.

Hero sah den Feuerblitz, dann sank er getroffen zu Boden. Seine Augen nahmen Ungläubigkeit und Überraschung mit auf die letzte Reise.

Der Polizist im Nachbarhaus horchte auf.

»Das war ein Schuss!«, rief er und stürzte los.

Tarzan und Napoleon umbellten ihn, als er Anja die Jagdflinte aus den kalten Händen nahm.

Mann über Bord

Die Schonerbrigg »Santana« wurde 1886/87 in Elsfleth von dem Schiffsbaumeister Johann Oldersen erbaut. Sie war 34,58 m lang, 7,69 m breit, 3,92 m tiefund mit 266 BRT vermessen. Heimathafen war Brake.

Mit ihrer siebenköpfigen Besatzung segelte die Santana 1888 von Hamburg nach Archangelsk und 1889 von Brake nach Nieuw Nickerie, Surinam (Südamerika).

Bei der Rückreise Ende Januar geriet die Schonerbrigg in einen schweren Sturm. Der Matrose Johnny Barkhoff aus dem ostfriesischen Berum wurde von einer Welle erfasst, über Bord gespült und ertrank. Bei diesem Unwetter verlor die Santana zudem ihre Deckslast. Dabei wurden die Rettungsboote schwer beschädigt.

Der Kapitän der Santana war Folkmar Betten, geboren 1843, aus Neuharlingersiel. Er und seine Mannschaft erreichten, ohne weitere Schäden davonzutragen, den Hafen von »Grangemouth«. Nach beendeter Reparatur segelte die Santana nach Riga. Im Herbst desselben Jahres von Hamburg nach »Laguna de Términos«, am Golf von Mexiko gelegen.Von dort unternahm sie einen Törn nach Barbados, segelte anschließend weiter nach Tahiti und »Progresso«. 1890 holte die Schonerbrigg aus »Laguna de Términos« Mahagoni-Holz mit dem Zielhafen Hamburg. Von dort legte sie ab und segelte erneut nach »Términos«.

In den weiteren Jahren sind außer den bereits genannten Reisen folgende Häfen aufzulisten, die die Santana ansegelte. Die Namen rangieren in der chronologischen Reihenfolge: Maceió, Rio de Janeiro, Paranaguá (Brasilien), Magdalena (Kolumbien), Rio Grande, Jan José del Norte, Pelotas, Pernambuco, Rosario, Buenos Aires und Trinidad.

1896 verließ die Schonerbrigg Santana im Januar den Hafen von Rio de Janeiro und nahm Kurs auf Pernambuco. Während der Reise bei schönem Wetter und ruhiger See, der Wind blies flau aus nordwestlicher Richtung, segelte die Santana am 29. Januar mit Backbordhalsen hart am Wind.

Die Stimmung an Bord bezeichnete Kapitän Folkmar Betten im Logbuch mit ausgezeichnet. Sie hatten in Rio de Janeiro frischen Proviant aufgenommen und machten gute Fahrt. Die Männer waren ausgeruht. Der Koch hatte Rührei mit Speck zubereitet, frisches Brot geröstet, nahrhafte Tomaten in Scheiben geschnitten, eine bis dato in der Heimat unbekannte Gemüsefrucht, den indischen »Assam-Tee« aufgebrüht und die Männer in der Mannschaftsmesse bedient, die am fest verschraubten Holztisch das Frühstück einnahmen.

Orangen und Bananen türmten sich in einem Bastkorb. Die Männer frotzelten und witzelten über ihre Erlebnisse in der fremden Metropole.

Jan Toenjes, der 34-jährige Koch aus Nessmersiel, blickte überrascht auf die unbenutzte Teetasse.

»He, Jungs, was ist mit Pitt? Pennt er noch?«, fragte er.

Die Gespräche erstarben.

»Seine Koje war leer«, antwortete der Matrose Menke Diekster und erhob sich. »Der muss immer noch einen Mordshunger haben, nach seinen Streifzügen durch Rio. Ich schaue mal nach.«

Er verließ die Messe, um nach Pitt Luttmann Ausschau zu halten. Minuten später kam er aufgeregt zurück. »Er ist weg! Nirgendwo zu finden«, sagte er.

Die Männer beendeten das Frühstück. »Ich halte den Tee warm. Er wird doch nicht . . . «, bemerkte der Koch besorgt.

»Halt deine Klappe! Du hättest uns mit deinem Fraß fast alle auf den Pott verdammt«, sagte ein Matrose spaßig.

Er und der Kapitän hatten sich nach dem Ablegen in Rio de Janeiro in Folge der Hitze unwohl gefühlt, über Appetitlosigkeit und Verstopfung geklagt. Doch das hatte sich behoben.

Der Kapitän und auch er fühlten sich wieder gesund und wohl.

Der Abort befand sich hinten auf dem Schiff. Kapitän Folkmar Betten hatte der Mannschaft den strengen Befehl erteilt, ihre Bedürfnisse nur dort zu verrichten, und es verboten, ihre Notdurft vom Bug aus zu verrichten.

Die Mannschaft schwärmte aus, durchsuchte das Schiff nach Pitt Luttmann. Die Männer betraten selbst die Ladeluken und riefen nach ihm. Ergebnislos. Sie fanden vor der Back seinen abgelegten Leibriemen und schlossen daraus folgerichtig, dass sich der Matrose Pitt gegen die Anordnung des Kapitäns in der Bugspitze entleert hatte und dabei über Bord gegangen war.

Kapitän Betten griff unverzüglich ein. Er gab die entsprechenden Segelkommandos. Der Steuermann nahm Kurs. Die Santana folgte dem Ruder, beschrieb einen Bogen und segelte in entgegengesetzter Richtung durch die spiegelklare See, ohne den Verunglückten zu entdecken. Sie vernahmen keine Hilferufe. Zur Bestätigung ihrer schrecklichen Vermutungen trieb auf den leichten Wellen aufgeweichtes, gekräuseltes Zeitungspapier. Ihr Fazit: Pitt Luttmann hatte seinen Tod selbst zu verantworten. Es gab an Bord keine Zeugen, denen er auf dem Weg zum Bug begegnet war.

Kapitän Folkmar Betten machte eine diesbezügliche Eintragung in das Logbuch. In Begleitung des Steuermannes räumte er die Habseligkeiten des jungen, tüchtigen Seemannes in den Seesack, ohne seine Intimsphäre mit Schnüffeleien zu verletzen. Ein trauriger Vorfall. Um die Hinterbliebenen kümmerte sich die Reederei.

Bei der Ankunft in Pernambuco suchte der Kapitän mit seinem Steuermann das Konsulat auf, gab den Vorfall zu Protokoll und bat um eine dienstliche Stellungnahme mit entsprechenden Besuchen an Bord der Santana. Die Seefahrtsbehörde verzichtete auf eine Befragung seiner Mannschaft, da es keine Zeugen gab und das treibende Papier an der Unglücksstelle den Vorfall in jeder Weise logisch erscheinen ließ.

Auch das zuständige Seeamt in Brake erhob keine Vorwürfe gegen den Kapitän, der seit mehr als zwanzig Jahren seine Schiffe und Mannschaften mit Können, Weit-, Um- und Vorsicht, oft auch mit Fortune, erfolgreich geführt hatte und dem nie eine Mitschuld am Tode eines Fahrensmannes zur Last gelegt werden konnte.

Zu bemerken ist an dieser Stelle, dass sich der Koch Jan Toenjes am frühen Morgen, und das an einem Sonntag, der auch an Bord der Schiffe geheiligt wurde, bei den Vorbereitungen des Frühstücks an einen leisen Ruf erinnerte. Er hatte geglaubt, dass er vom Steuermann kam.

Die Santana setzte ihre Reisen unter der bewährten Führung von Kapitän Folkmar Betten nach Südamerika und in die Karibik fort. Für die Statistik fiel der Tod des Matrosen Pitt Luttmann nicht sonderlich ins Gewicht, für seine Eltern, seine Geschwister und seine Geliebte hinterließ er eine Menge Leid, erst recht, als der Seesack vom Postboten angeliefert wurde.

1902 ging Kapitän Betten nach einem erfolgreichen und abenteuerlichen Seemannsleben von Bord der Santana. Im selben Jahr verstarb seine liebe Frau Antje. Er verkaufte das Kapitänshaus in Neuharlingersiel, zog zu seiner Tochter Minna nach Norderney und half mit dem Verkaufserlös ihr und dem Schwiegersohn beim Ausbau des Logierhauses »Patria«, am Damenpfad gelegen, in dem die preußischen Minister oft verweilten.

Die hohen Herren aus Berlin fanden Gefallen an seinen Berichten aus seiner Fahrenszeit. Das Haus »Patria« gehörte schon bald zur ersten Adresse im aufstrebenden Nordseebad Norderney.

Folkmar Betten nahm sich der Erziehung seines Enkels an und geriet durch einen Zufall, falls es ihn gab, er hielt erfahrungsgemäß mehr von Gottes weiser Fügung, mit seinem nach ihm benannten fünfjährigen Enkel in ein denkwürdiges Ereignis, das ihn an seine Fahrensjahre erinnern sollte.

Mit dem Enkel an der Hand spazierte er im Spätsommer über die Badestraße der Insel Norderney. Er blieb vor der Auslage des Trödlers Heye Fisser stehen,studierte die angebotenen Antiquitäten, die neben viel Tand und Kram, Uniformstücken und kaiserlichen Ehren- und Tapferkeitsorden, Marineraritäten undSchiffsmodellen auch Taschenuhren in vielen Preislagen feilbot. Der Enkel zerrte an seinem Arm, als eine Musikkapelle in Galauniformenmit Pickelhauben der kaiserlichen Marine mit dem »Marsch der langen Kerle« exakt formiert in Richtung Kurhaus marschierte, gefolgt von begeisterten Herrenin Gehröcken und Damen in engen Miedern und langen, ausgestellten, den Boden berührenden Röcken.

Der sechzigjährige, bärtige Kapitän stierte unentwegt auf eine goldene Taschenuhr. Er beruhigte seinen Enkel Folkmar und versprach ihm, gleich mit ihm zum Kurkonzert zu gehen. Er betrat den Laden, hielt den Enkel an der Hand, der belustigt auf das Klingeln der Metallröhren reagierte.

»Kapitän, was verschafft mir die Ehre?«, fragte der schnauzbärtige, agile Heye Fisser.

»Eine Taschenuhr in der Auslage«, antwortete Betten.

Heye Fisser schob die Halteklammern hoch, öffnete die Schaufenstertür und blickte den Alten fragend an.

Betten zeigte auf das besagte Stück. Fisser nahm die Uhr aus der Dekoration und reichte sie dem Kapitän.

»Opi, die ist schön«, sagte Folkmar.

»Dem stimme ich zu«, antwortete der Alte und betrachtete nachdenklich die Taschenuhr.

»Echt Gold«, sagte Fisser. Den Dreh- und Aufziehknopf zierte eine stilisierte Ranke. Vorder- und Rückseite rundeten angedeutete Girlandenkränze ab. Die beiden Deckel trugen feinlinige, parallel verlaufende Rillen, ähnlich einer Wandvertäfelung, die in der Mitte ein fingerbreites Schachbrettmuster umfassten, das auf der Vorderseite in einem glatten Spatenblatt die Gravur »P.L.« trug. Kapitän Betten betätigte den mit dem Knopf versehenen Mechanismus. Die Klappe sprang auf. Er blickte auf das Zifferblatt und nickte. Zwischen den Zahlen 7 und 6 befand sich ein Sekundenzeiger.

»Handarbeit«, bemerkte Fisser.

»Der Preis?«, fragte Betten.

»Ein Sammlerstück, Odermatt, Helvetia, ich überlasse sie Ihnen für sechzig Mark«, antwortete der Trödler. »Eine einmalige Gelegenheit«, fügte er hinzu.

»Da stimme ich Ihnen zu. Ich kaufe sie. Können Sie mir noch verraten, wie Sie in den Besitz der kleinen Kostbarkeit gekommen sind?«, fragte der Kapitän, während Enkel Folkmar an seinem aus englischem Tuch gefertigten Gehrock zerrte.

»Ich habe sie von einen Seemann mittleren Alters. Er gehörte zur Brigg ?Jenny?, die auf dem Wege von Sunderland mit Steinkohle beladen nach Hamburg in der Nähe des Tonnengatts mit zerrissenen Segeln auflief, sich nach abflauenden Winden aber selbst frei machen konnte. Das Schiff wurde auf Reede repariert. Der Seemann war klamm und verkaufte mir die Uhr. Unsere verwöhnten betuchten Gäste suchen oft nach exquisiten Raritäten, die sie bei ihren Konversationen zur Teestunde mit einer ausgefallenen Geschichte verbinden können«, trug Fisser vor, legte die Taschenuhr in einen mit gelber Watte versehenen Schmuckkarton und reichte sie dem Kapitän.

»Folkmar, du darfst sie für Opa tragen«, sagte Betten und reichte dem Enkel die Kostbarkeit.

Betten bezahlte.

»Und die Geschichte zur Uhr?«, fragte er interessiert und lächelte abfällig.

»Sie hat in der Tasche des Seemannes, ohne Schaden zu nehmen, einen Aufenthalt in der brodelnden See überstanden und ihm die Stunde angezeigt, die er schwimmend in der Nähe des Wracks seines Schiffes verbracht hatte, bevor er in ein Rettungsboot gestiegen war«, trug Fisser stolz vor.

»Hervorragend, dann soll sie auch mir Glück bringen«, sagte Kapitän Betten, verließ mit dem Enkel den Laden, begab sich zum Kurplatz und flanierte mit ihm durch die gepflegte Anlage, in der hoch angesehene Herrschaften unter den Klängen der kaiserlichen Marinekapelle Kurzweil fanden.

Kapitän Folkmar Betten erfreute sich einer ausgezeichneten Gesundheit. Er bewohnte im Haus der Tochter ein kleines gemütliches Zimmer mit Blick auf eine leicht ansteigende, mit Gras bewachsene Düne.

Er frühstückte während der Saison mit den zumeist dem Preußischen und Hannoveraner Adel zugehörigen Pensionsgästen und nahm auch hin und wieder, wenn ihm danach zumute war, mit ihnen die übrigen Mahlzeiten ein.

Seine Tochter und sein Schwiegersohn verwöhnten ihn in jeder Weise und freuten sich besonders über seine Zufrieden- und Bescheidenheit im Umgang mit ihnen und den Hausgästen. Sie achteten darauf, dass er in dem großen Haus, das zuweilen einem Bienenkorb glich, nicht zu kurz kam.

Es wimmelte nur so von Diplomaten und Legationsräten, und im Büro sorgten ankommende Telegramme und Depeschen für eine stete Hektik, die selbst manchmal bis in die späte Nacht hineinreichte.

Zu einer weiteren Ablenkung trug auch Enkel Folkmar bei. Er war ein aufgeschlossener und intelligenter Junge, der ihm sehr zugetan war.

Nach dem Abendessen hatte sich Kapitän Betten auf sein Zimmer zurückgezogen und ließ sich vom Dienstmädchen einen Krug Bier auf das Zimmer bringen. Er stopfte den Porzellankopf seiner Pfeife, zündete den Tabak an, nahm die bei Fisser erworbene Taschenuhr aus dem wattierten Kästchen, hielt sie nachdenklich in der Hand, drehte und wendete sie im Licht der Stehlampe. Mit der schweren Kette gehörte sie zur Ausgeh- und Feiertagskleidung des gebildeten Angehörigen der oberen Bürgerschicht. Er hatte sie impulsiv gekauft, weil sie ihm ins Auge gefallen war. Ein Seemann hatte sich von ihr getrennt. Vielleicht hatte es ihm an Geld gefehlt für Dinge, die ihm wichtiger erschienen als die zum Statussymbol zählende Taschenuhr.

Er entnahm dem Schrank den Karton mit den vielen Bildern und Andenken seiner weiten Reisen, paffte die Pfeife, zog an der Schnur, bestellte bei demDienstmädchen einen weiteren Krug Bier, durchstöberte die Fotos, eine Beschäftigung, die er sehr liebte und ihn in vergessene ferne Häfen zurückzurufenschien.

Dabei stieß er auf ein Foto der »Santana«, vor der er sich mit seiner Mannschaft im Hafen von Rio de Janeiro hatte ablichten lassen.

Er studierte die jungen Gesichter seiner Fahrensleute und erschrak, als er den Matrosen Pitt Luttmann erkannte. Er erinnerte sich an den Vorfall auf der Reise von Rio de Janeiro nach Pernambuco. Der Junge war über Bord gegangen, als er gegen seine Vorschrift vom Bug aus seine Notdurft ausgeführt hatte.

Pitt kam aus Pilsum, ein hübscher, lustiger Bengel, auf den die Mädchen flogen, fuhr es Betten durch den Kopf.

Er trank Bier, hob die lange Pfeife an, schabte den Porzellankopf frei, stellte sie ab, griff nach einer kühlen Pfeife und stopfte sie.

Es hatte keine Zeugen an Bord gegeben. Doch wenn, dachte er und fühlte einen kalten Schauer, der ihm den Rücken runterlief.

Er blickte auf die Taschenuhr. »P.L.« Natürlich, auch Pitt Luttmann hatte eine Taschenuhr besessen, daran konnte er sich noch erinnern. Doch sie hatte sich nicht bei seinen Habseligkeiten befunden, die er mit dem Steuermann nach seinem tragischen Ende in den Seesack gepackt hatte.

»P.L.« für Pitt Luttmann, mein Gott, ein Zufall, den mathematisch zu bestimmen an Unmöglichkeit grenzte. Er besaß genügend edle Taschenuhren, mit Widmungen seiner Rederei, eine vom brasilianischen Konsul in Rio, um nur einige zu nennen. Er war auch von keiner Sammlerleidenschaft diesbezüglich motiviert gewesen, dennoch hatte ihn sonderbarer Weise irgendetwas zum Schaufenster geführt und zum Kauf bewogen.

Kapitän Betten war weder ein Frömmler noch Kirchgänger, doch er glaubte an ein Leben nach dem Tode und an eine schicksalhafte Fügung der menschlichen Existenz.

Wenn dem so war und die Seele des jungen Seemannes aus dem Jenseits nach Gerechtigkeit schrie, dann wolle er nicht fern stehen, dachte Folkmar Betten allen Ernstes und nahm sich vor, an die Eltern des Jungen zu schreiben, sich bei der Reederei zu erkundigen, wo seine Fahrensleute geblieben waren, denn, wenn das stimmte, was ihm durch den Kopf ging, dann war einer auf dem Foto vor der Santana in Rio ein Dieb, möglicherweise sogar ein Verbrecher. Auch auf Norderney war die Zeit nicht stehen geblieben. Bereits seit 1872 verkehrte der Schraubendampfer »Stadt Norden« täglich und regelmäßig zwischen der Insel und Norddeich. Er beförderte Passagiere und die Post, während der gesamte Frachtverkehr den Segelschiffen überlassen blieb.

An einem schönen Sommertag nutzte Folkmar Betten die günstige Fährgelegenheit für den Besuch seines Vetters Hillrich Buck, der sich am NorderUlrichs-Gymnasium als Kunsterzieher einen Namen gemacht hatte. Er war, wie auch der Kapitän, Witwer und Pensionär und lebte in Norden in derWesternstraße. Sie hatten sich seit Jahren aus den Augen verloren und wussten sich viel zu erzählen. Die alten Herren schwelgten in Erinnerungen, genossenden Tag, krönten ihn mit einem Café-Besuch in der Nähe von St. Ludgeri.

Der Anlass seines Besuches bei Hillrich Buck galt in erster Linie der Taschenuhr, die Folkmar Betten eine Stange Geld gekostet hatte. Er hegte keine Zweifel an dem Wert seiner Errungenschaft, bereute nicht den schnellen Kauf. Schlaflos machten ihn hingegen seine Gedanken, die nachts seine Träume in gespenstischer Weise zu beeinflussen schienen, seitdem sich das wertvolle Sammelobjekt in seinem Besitz befand.

Kapitän Folkmar Betten sah sich an Bord eines sinkenden Schiffes, dem haushohe Wellen entgegenstürzten. Aus dem brodelnden Meer erhob sich eine Hand, die ihm die Taschenuhr entgegenhielt. Er nahm sie entgegen, wurde von Bord geschleudert und landete in einem Rettungsboot, dessen Ruder ein junger Mann bediente, der unentwegt gegen den Sturm anschrie.

Solche Träume variierten nur um Nuancen. Schweißgebadet fuhr er danach aus dem Schlaf.

Betten bat seinen Vetter Hillrich, eine naturgetreue zeichnerische Darstellung der Taschenuhr aus mehreren Perspektiven anzufertigen, was dem Künstler wenig Mühe bereitete und ihm hervorragend gelang. Auch erklärte sich Hillrich auf Wunsch des Vetters bereit, die Taschenuhr vorerst an sich zu nehmen und aufzubewahren, weil Folkmar davon ausging, dass er damit den Albträumen entfliehen könnte.

Der Kapitän stieg nach einem angenehmen, abwechslungsreichen Tag am frühen Abend vor dem »Weinhaus« in den Eilwagen, den schnelle Pferde zum Anleger der Fähre nach Norddeich zur Mole beförderten.

Noch am Abend verfasste Kapitän Betten einen ausführlichen Brief, legte die Zeichnungen hinzu, adressierte ihn an die Witwe Katharina Luttmann, Neuser Weg 14, Arle, die Mutter des verunglückten Pitt Luttmann, von dem er wusste, dass sein Vater nicht mehr lebte.

Er bat »fürsorglichst und äußerst ergeben« um ihre Nachricht und Stellungnahme.

Bereits an den folgenden Tagen registrierte der Kapitän überrascht das Ausbleiben der quälenden Albträume. Das Sodbrennen stellte sich ein. Er fühlte sich von einer Pflicht erleichtert, die ihm niemand aufgebürdet hatte.

Angeregt durch die Unruhe, die der Erwerb der Taschenuhr bewirkt hatte, begann der Kapitän mit dem Ordnen der vielen Fotos, klebte sie in ein Album, versah sie mit hinweisenden Texten. Dabei fand er zurück in Jahre, die ihm lebenswerter erschienen, denen er nachtrauerte angesichts der modernen Errungenschaften, mit denen er sich schwer tat. Moderne Dampfschiffe verdrängten die Segelschiffe. Niemand hatte mehr Zeit. Die Zeiger der Uhr schienen sich schneller zu drehen als früher.

Mitte Juni, an einem verregneten Freitagnachmittag, erreichte Kapitän Folkmar Betten ein Brief der Witwe Katharina Luttmann aus Arle. Er nahm ihn aus der Hand des Postboten entgegen, reichte ihm 10 Groschen mit dem Hinweis auf das scheußliche Wetter. Er bestellte einen Tee mit Sahne und Rohrzucker und zog sich auf sein Zimmer zurück. Weder Tochter Minna noch der Schwiegersohn Ulfert – das nahm nicht Wunder, sie waren voll ausgelastet – wussten um seine Bemühungen, der Herkunft der teuren Schweizer Uhr auf die Spur zu kommen.

Der Kapitän setzte sich an seinen Schreibtisch und blickte durch das Fenster in den mit dunklen Wolken bezogenen Himmel. Es regnete. Er vernahm das Schreien der Möwen, die im Wind hingen.

Das Dienstmädchen brachte ihm den Tee, mit Stövchen, Sahne- und Zuckerbecher.

»Danke«, sagte er, schob auch ihr einen Groschen in die Hand. Das Mädchen im langen Rock mit weißer Schürze machte einen Knicks und verließ das Zimmer. Der Kapitän war für seine Großmut bekannt. Er bediente sich mit Tee, fügte Zucker und Sahne hinzu, griff zur Pfeife, stopfte Tabak in den Porzellankopf, zündete den Tabak an und rauchte, trank Tee, öffnete das Kuvert und las die in ungeübter Schrift verfassten Zeilen.

Arle, den 12. Juno 1902.

Sehr geehrter Herr Kapitän Betten!

Ich tat mich schwer beim Tode meines geliebten Mannes Afke, der bei einem Unglück auf dem Walfängerschiff »Goode Wind« um sein Leben kam. Doch vielschlimmer traf mich die Nachricht vom Tode meines Sohnes Pitt, der in einer fast peinlichen Situation an Bord Ihrer »Santana« in das Meer stürzte undertrank. Pitt widersetzte sich als Kind bereits bei ihm auferlegten Maßregeln. Er war ein Dickkopf mit liebenswerten Eigenschaften.

Ich teile mein Leid mit meiner Tochter Gretchen, die mit einem Bauern verheiratet ist. Meine Enkel lenken mich ab. Marie, die Geliebte meinesSohnes, hat lange um Pitt getrauert und später den Kolonialwarenladenbesitzer in unserem bescheidenen Ort geheiratet. Mir geht es gut. Ich lebe in demeinfachen Haus mit Garten gegenüber von der Kirche, ohne Schulden, im christlichen Glauben. Die Bezüge der Seegenossenschaft halten existenzielle Sorgenvon mir fern. Mein unvergesslicher Sohn Pitt besaß diese Uhr. Daran gibt es nichts zu zweifeln. Mein Vater, Pitts Großvater, gemeint ist Hidde Meemke,Kapitän auf der Schonerbrigg »Votan«, strandete 1863 auf Öland in Schweden. Er hinterließ Pitt die Uhr, auf die Pitt sehr stolz war. Hinzu kommt, dass sieja wertvoll ist. Sehr geehrter Herr Kapitän, Ihr Brief rüttelte mich auf. Ich ging davon aus, dass Pitt die Uhr bei sich trug, als er von Bord ins Wasserstürzte und ertrank. In diesem Zusammenhang erinnerte ich mich an einen Viertel-Briefbogen, den ich in seinem Seemannspass fand. Es handelt sich um eineArt »Schuldschein«, dem ich entnehme, dass Pitt einem nur mit den Abkürzungen genannten »J.T.« fünfzig Mark ausgeliehen hat. Ich hielt es nicht vonnöten,ihn aufzubewahren. Mein Vater, mein Mann und auch mein Sohn Pitt ertranken und fanden den Seemannstod. Ich bedanke mich für Ihre Zeilenund verbleibe ehrerbietigst

Ihre

Katharina Luttmann

Der Brief ging ihm zu Herzen. Seine Hände zitterten, während er ihn bedächtig faltete und in das Kuvert steckte.

Betten füllte Tee nach, gab Zucker und Sahne hinzu, nahm einen kräftigen Schluck zu sich, schabte mit dem Besteck die Asche aus dem Pfeifenkopf undhängte die Pfeife zu den anderen an den Haken des Haltebrettes, das seitlich die Wand zierte. Er erhob sich, trat ans Fenster und blickte auf denDünenkamm. Der Wind strich über den Strandhafer. Regen fiel vom grau verwaschenen Himmel. Er vernahm die Schläge der Pendeluhr.

Der Kapitän erinnerte sich an den friedlichen Morgen an Bord der Santana auf der Reise von Rio de Janeiro nach Pernambuco. Pitt Luttmann wurdevermisst. Sein Leibriemen wurde auf der Back gefunden. Um dem Matrosen beizustehen, ihn aus höchster Seenot zu retten, hatte er dem Steuermann befohlen, dasSchiff zu wenden und in entgegengesetzter Richtung zu segeln. Sie kamen zu spät, Pitt war bereits ertrunken. Nur das zerknüllte Zeitungspapier, das er fürdie Reinigung nach seiner Notdurft benutzt hatte, trieb auf sanften Wellen und markierte die ungefähre Unglücksstelle.

Ein scheußlicher Tod mit dem Blick auf das davonsegelnde Schiff, das ihm zur Heimat geworden war. Nur der Koch hatte den letzten verzweifelten Hilferufdes Unglücksraben vernommen. Er glaubte die Stimme des Steuermannes gehört zu haben.

Der Kapitän lachte verächtlich. Er dachte an den harten, befehlenden Ton in der Stimme seines Steuermannes, verließ das Fenster undholte aus dem Schrank den Karton. Er fand das Foto, das seine Mannschaft in Rio de Janeiro vor der Santana zeigte. Er steckte es in einen Umschlag, fügteden Brief der Witwe Luttmann hinzu, blies das Teelicht aus, zog im Korridor den langen Wettermantel über, setzte seine Prinz-Heinrich-Mütze auf, griff zumSchirm und verließ das Haus.

Habe ich versagt?, fragte er sich vorwurfsvoll. Mit ernstem Gesicht schritt er durch den Regen, den Blick gerichtet zur Badestraße, und betrat den Laden des Krämers Heye Fisser, der sich über den aufgeregten Kunden wunderte.

Fisser nahm den Schirm entgegen, stellte ihn in den Ständer und blickte in das von Zorn gerötete Gesicht des Seefahrers.

»Die Taschenuhr?«, fragte er, sich anbiedernd.

»Die auch!«, antwortete der Kapitän schnippisch.

Er entnahm dem festen Umschlag, der Regenspuren zeigte, das Foto und hielt es mit zitternder Hand Fisser entgegen.

»Schauen Sie genau hin! Meine Mannschaft vor meinem Schiff!«, forderte er den Krämer auf.

Fisser nahm das Foto in die Hand.

»Wegen der Uhr?«, fragte er beunruhigt, in der Befürchtung, Diebesgut an den Kapitän verkauft zu haben. Er trat hinter den Verkaufstresen, entnahm der Schublade eine Lupe, hielt sie über das Foto und betrachtete die Männer, die Troyer und Seemannshosen trugen. Ihm stockte der Atem. Er vergewisserte sich mit einem zweiten Blick durch die Lupe.

»Der Dritte von rechts mit dem glatt rasierten Gesicht und der stämmigen Figur«, sagte Fisser irritiert.

Kapitän Betten nickte.

»Von ihm kauften Sie die Taschenuhr?«, fragte er ernst.

»Ja, ich vertraute ihm, bitte bereiten Sie mir keine Scherereien«, antwortete der Händler und reichte dem Kapitän das Foto.

»Ihm vertrauten viele, auch ich. Keine Sorge, die Gerechtigkeit nimmt ihren Lauf«, antwortete der Kapitän und schob das Foto in den Umschlag.

»Von Bord der Jenny?«, fügte er hinzu.

»Ja«, sagte Fisser kleinlaut.

»Keine Sorge!« Der Kapitän nahm den Schirm aus dem Ständer, verließ das Geschäft, ging in Richtung Knyphauser Straße und suchte das kaiserliche Polizeirevier auf.

Der 45-jährige Polizeirat Malte Mannen empfing den abgemusterten Kapitän mit Hochachtung, bat ihn Platz zu nehmen und wies auf die Holzbank im nüchternen Dienstzimmer. Der Beamte trug eine schwarze Schleife im weißen, gestärkten Hemdenkragen, eine Weste und eine dunkle Tuchjacke mit ausgelegtem Kragen. Er hatte ein forsches Gesicht und trug sein dunkelblondes Haar, in dem Silberfäden schimmerten, nach hinten gekämmt.

»Kapitän, was führt Sie zu mir?«, fragte er und blickte den alten Mann skeptisch an.

Folkmar Betten berichtete. Er holte weit aus, schilderte den Besuch bei Heye Fisser, ließ nicht aus, dass er, abergläubisch, die Taschenuhr bei seinem Vetter in Norden hinterlegt hatte, unter Erwähnung seiner gesundheitlichen Störungen. Er weihte den Polizeirat ein in die Ereignisse an Bord der Santana und reichte ihm das Foto.

»Für Ihre Akten«, sagte er. »Hier ist der Brief der Mutter des Opfers«, fügte er hinzu und händigte dem Kommissar den Brief aus.

Malte Mannen las die Zeilen der leidenden Witwe und schaute auf.

»J. T.?«, fragte er.

»Jan Toenjes, der Koch. Er hatte angeblich am frühen Morgen einen Ruf gehört. Diese Aussage gehörte zu seinem Plan und sorgte erfolgreich für unsere Ablenkung«, trug der Kapitän vor.

Der Polizeirat Malte Mannen entnahm dem Schreibtisch einen Aktenbogen, tauchte die Feder in das Tintenfass und notierte die Aussagen des glaubwürdigen und angesehenen Seemannes.

»Das fassen wir zuerst einmal zu einer Anklageschrift zusammen«, sagte der Polizeirat anschließend.

Jan Toenjes, der als Koch zuletzt auf der Brigg »Jenny« fuhr, zu Hause in Nessmersiel, dem der Mord an dem Matrosen Pitt Luttmann und Raub zur Last gelegt wurde, befand sich zurzeit auf See, wie sich herausstellte. Er wurde im Herbst desselben Jahres nach der Rückkehr aus Malmö in Bremen festgenommen.

Im Jahre 1903 wurde er wegen des heimtückischen Mordes an dem Matrosen und Bordkameraden, wegen Raubes und Betruges zu lebenslänglicher Gefängnisstrafeverurteilt.

Der Knüppelmord

Jakoba Boomfalk hatte in Berumerfehn als Tochter des Gärtners Kuno und seiner Frau Amanda im Jahre 1935 das Licht der Welt erblickt. Ihr Bruder Alrichkam 1937 auf die Welt.

Ihr Elternhaus lag am Verlaadsweg mit der Schleusenmauer des Fehnkanals. Während ihrer Kindheit luden hier junge kräftige Männer, später waren esKriegsgefangene gewesen, in großen Weidenkörben Torfscheite von den Kähnen, die sie mit langen Staken durch das träge Moorwasser bugsierten.

Auch sie hatte oft geholfen, als sie sechs geworden war, und die Scheite aufgelesen, die aus den Körben gefallen waren.

Ihr Papa befand sich damals als Marinemaat auf einem U-Boot, das von Brest im fernen Frankreich auslief und glücklicherweise Radarortung und Wasserbombenabwürfe überstanden hatte.

Zu der Zeit hatte Mama das große Gartengelände, in dem noch vor Jahren Blumen und Ziersträucher geblüht hatten, Gemüse und Kartoffeln angepflanzt.

Sie hatte viel geweint, wenn sich nach langem Warten die Feldpostbriefe mit gewaltigen Verspätungen einfanden und der Papa wortkarg von erfolgreichen Einsätzen berichtete und er Mama Mut zusprach und die Briefe mit »Sieg Heil« unterschrieben hatte.

Abgesehen von den ständigen Ängsten angesichts der schweren Bombenangriffe der Alliierten auf die Stadt Emden blieb der Landkreis Norden vom direkten Kriegsgeschehen verschont.

Jakoba und ihr Bruder Alrich mussten nicht hungern. Sie besuchten die Volksschule, auf der sich die Sirene befand, die Alarm gab, wenn feindliche Bomberverbände, die sie bei klarem Wetter am Himmel sehen konnten, den Küstenstreifen von Wilhelmshaven bis Emden überflogen.

In der kleinen Dorfkirche betete Mama mit den vielen Nachbarinnen. Sie weinten, wenn sie aus dem Munde des alten Pastors die Namen der Soldaten erfuhren, die für »Volk und Vaterland« draußen an schwer aussprechbaren Frontabschnitten als Bürger des kleinen Feriendorfes ihr Leben gelassen hatten.

Die Anzahl der Witwen und Waisen stieg bedrohlich an. Lang ist die in Stein geschlagene Liste mit den Namen der Gefallenen der beiden Weltkriege, derer zu gedenken das Mahnmal an der Hauptstraße den Gast auffordert.

Doch da gab es auch Erinnerungen an fröhliche Ereignisse, an die sich Jakoba gern erinnerte. Dazu zählte die Herstellung von Karamellbonbons in der Pfanne auf dem Herd, wenn Mama Zucker und Milch abzweigen konnte; das Schnibbeln der Bohnen, die für die Vorratshaltung in Steinbottiche eingelegt wurden. Und erst recht die Spielchen mit den Nachbarskindern im Wald. Sie hatten Bunker gebaut, Verstecke gesucht, sie mit Reisig bedeckt und ausgelassen Onkel Doktor gespielt, harmlos in geflickter Wäsche.

Am Martinsabend zogen sie mit ausgehöhlten Rüben zu den Bauern, bekamen für ihre nicht mehr in die Zeit passenden Liedchen vom »Guten Mann« Wurstzipfel und Schmalzbrote.

Vater Kuno Boomfalk überlebte den Krieg, die Zeiten besserten und normalisierten sich. Jakoba besuchte nach dem Abschluss der Volksschule die Handelsschule in Norden. Zur Konfirmation bekam sie von den Eltern ein Fahrrad geschenkt, das sie unabhängig von der schlechten Busverbindung machte.

Nach dem erfolgreichen Abschluss der Handelsschule begann Jakoba am Kreiskrankenhaus in Norden eine Ausbildung zur Krankenschwester, machte ein gutes Examen und ging voll im erlernten Beruf auf.

Papa und Mama führten die Gärtnerei mit viel Elan zu steigenden Umsätzen mit entsprechenden körperlichen Anstrengungen.

Bruder Alrich zeigte keine Neigungen, den elterlichen Betrieb zu übernehmen, er besuchte in Oldenburg die Ingenieursschule mit Erfolg und, das sei bereits hier erwähnt, schied nach nur einem Jahr als Bauingenieur bei der Firma Gebrüder Neumann, Norden, aus und folgte seiner Freundin Pamela Anderson, einer Germanistikstudentin, nach Perth in Australien.

Um Jakoba Boomfalk buhlten einige Söhne der reichen Bauern, von denen die hübsche Krankenschwester nichts wissen wollte.

An einem Samstagabend Mitte Mai 1957 entschloss sich Jakoba Boomfalk zu einem Spaziergang in den Berumerfehner Wald, um ein wenig Abstand von ihrem Dienst, erst recht von der bedrückenden Stimmung im Elternhaus zu nehmen.

Eigentlich gab es einen Grund zum Feiern. Ihr Bruder Alrich hatte aus Perth, Australien, angerufen. Er war Vater geworden. Er und seine Frau wollten den Jungen auf den Namen des Großvaters taufen lassen. Doch die Freude hielt sich in Grenzen.

Jakobas Vater, der leidenschaftliche Kettenraucher, bereitete ihnen Sorgen. Er litt häufig unter Atemnot, hustete viel und spuckte unentwegt, lehnte den Besuch eines Arztes jedoch strikt ab. Bereits im Januar hatte er die Leitung seiner Gärtnerei seinem knapp 40-jährigen Meister Uwe Riemers anvertraut und spielte mit dem Gedanken, den Betrieb an ihn zu verkaufen. Immerhin beschäftigte Papa neben dem Meister noch fünf Gesellen und einen Lehrling.

Papa sprach von dem Erwerb einer geräumigen Eigentumswohnung in Norddeich, weil die frische, pollenfreie Seeluft ihm gut bekam.

Jakoba Boomfalk schritt tief in Gedanken über den Waldweg am Moorkanal entlang. Die Luft war nach einem sonnigen Tag mild. Die Bäume trugen keimendes Laub. Der aufgebriste Abendwind fuhr durch Baumkronen. Dabei näherte sie sich einer Ruhebank, auf der ein junger Mann saß. Er trug Jeans, ein buntes Oberhemd und eine rehbraune Wildlederjacke. Sein Haar war blond und lockig. Er hatte das rechte Bein angezogen, die Jeans bis zum Knie hochgeschoben, die Socke ausgezogen und sie in den Schuh gesteckt, der vor ihm auf den Boden stand.

Der junge Mann hatte ein gut geschnittenes schmales, sonnengebräuntes Gesicht und blickte Jakoba mit einem verlegenen Lächeln an.

»Sind Sie von hier, Fräulein?«, fragte er im rheinischen Tonfall.

»Ja«, antwortete sie distanziert, errötete leicht, als sich ihre Blicke kreuzten.

Auch sie trug ihre Jeans an diesem Abend und über ihrer weißen Bluse ein kragenloses Trachtenjäckchen.

»Gibt es hier Zecken?«, fragte der junge Mann und zeigte auf eine gerötete Hautstelle oberhalb des Fußgelenks. »Vielleicht war es nur eine Mücke«, fügte er hinzu. Er fuhr mit dem Zeigefinger der rechten Hand über die leichte Schwellung.

»Unsere Zecken sind im Gegensatz zu ihren Geschwistern im süddeutschen Raum ungefährlich«, antwortete Jakoba, neigte sich vor und betrachtete die harmlos aussehende Verletzung.

»Wissen Sie, mein Nachbar Hännes, ich komme aus Korschenbroich, bei Mönchengladbach, mein Name ist Josef Pilchrat, ist während einer Kegeltour in Bad Neuenahr von einer Zecke gebissen worden. Er liegt nach drei Monaten immer noch im Koma«, sprudelte der Mann temperamentvoll drauflos.

Jakoba hatte gute Augen. Sie bemerkte die kleinen, fast parallel verlaufenden Bissstellen und die winzigen dunklen Punkte der giftigen Stacheln.

»Mit einer Lupe und einer Nadel könnte ich Ihnen helfen. Doch man kann nie wissen. Sie benötigen vorsorglich Penizillin«, sagte Jakoba fachmännisch.

Der junge Mann blickte sie erstaunt an.

»Fräulein, Sie sind schöner als ich mir meinen Schutzengel vorgestellt habe«, sagte er.

Jakoba winkte ab, nahm die Socke aus dem Schuh und schüttelte sie. Auf dem ausgetretenen, festen Boden vor der Bank lag die erbsengroße Zecke. Sie hatte die Farbe einer Wacholderbeere.

Jakoba drückte sie mit dem Finger platt. Blut befleckte den Boden.

»Sie gehören zu den Gästen des Kompanie-Hauses? Ich sah den Reisebus«, fragte sie.

»Ja, zu den erfolgreichen Kandidaten der Meisterprüfung der Handwerkskammer von Mönchengladbach. Zur Belohnung unserer Büffeleien unternehmen wir eine Busreise durch Ostfriesland«, antwortete Josef Pilchrat, zog die Socke hoch, setzte seinen Fuß in den Schuh und richtete sich wieder her. Er fühlte sich hingezogen zu der hilfsbereiten jungen Frau.

»Spätdienst hat heute die Frisia-Apotheke in Großheide. Begleiten Sie mich nach Hause. Ich fahre Sie hin. Es ist nicht weit«, sagte Jakoba Boomfalk und errötete leicht, als Josef Pilchrat sie dankbar anschaute.

»Wenn Sie so nett sein wollen, wäre ich Ihnen sehr verpflichtet«, antwortete er.

Josef Pilchrat eröffnete in Korschenbroich mitten in der Neubausiedlung »Am Tömp« eine Schlachterei mit einem Versandhandel. Sein Spitzenprodukt, »Niederrheinischer Schinken«, erwies sich als ein Verkaufserfolg.

Der Zeckenbiss im Waldgelände seitlich des trüben Moorkanals in Berumerfehn hatte das gesunde Blut des frisch gebackenen Metzgermeisters dank der medizinischen Vorsorge seines »Engels« nicht vergiftet, dennoch schicksalhafte Folgen nach sich gezogen. Josef Pilchrat und Jakoba Boomfalk fanden zueinander.

Im selben Jahr, kurz vor Weihnachten, verstarb Kuno Boomfalk an Lungenkrebs. An seiner Beisetzung nahm auch Josef Pilchrat teil.

Alrich Boomfalk, der es als Bauingenieur in Perth zu Wohlstand gebracht hatte, nahm im Anschluss an die Beerdigung und der Erledigung der amtlichen undjuristischen Formalitäten, was niemand im kleinen Feriendorf für möglich gehalten hätte, seine trauernde Mama, die, das sei vermerkt, sehr an ihrem Sohnhing und sich in die Nähe ihres Enkelkindes wünschte, mit nach Australien.

Die Boomfalks verkauften die Gärtnerei samt Wohnhaus, Treibhäusern und fruchtbarem Hinterland an den Gärtnermeister Uwe Riemers.

Jakoba Boomfalk reichte beim Kreiskrankenhaus ihre Kündigung ein, beteiligte sich mit einem Teil ihres Erbes an der Schlachterei in Korschenbroich und heiratete ihren Josef im März 1958.

Jakoba Pilchrat, geborene Boomfalk, die ehemalige Krankenschwester, verlebte an der Seite des tüchtigen Unternehmers glückliche Jahre,wurde ihrem Mann zu einer verlässlichen Stütze des expandierenden Betriebes, den sie bereits nach Rheydt verlagert hatten und auf dem Industriegelände unterder Firmierung »JOPI-Fleischwarenfabrik GmbH & Co. K.G.« in neu errichteten Hallen mit modernen Maschinen betrieben. Sie beschäftigten 1966, als ihrSohn Georg geboren wurde, bereits 28 Mitarbeiter.

Die Pilchrats waren dafür bekannt, großzügig zu verfahren, wenn es um das Wohl ihrer Mitarbeiter ging oder, was zu ihrem Alltag geworden war, sie um Spenden für soziale und kulturelle Einrichtungen und Veranstaltungen zur Kasse gebeten wurden. Ansonsten lebten die Pilchrats bescheiden und traten nur selten in der Öffentlichkeit in Erscheinung.

1969 erblickte Tochter Maike das Licht der Welt. Jakoba widmete sich der Erziehung der Kinder. Von Beruf war sie Mutter, wie sie sich zu äußern pflegte. Eine Angestellte unterstützte sie bei der Haushaltsführung. Sie redete ihrem Mann nicht in die Geschäfte. Im Gegenteil, sie sorgte für Ablenkungen von seinem stressigen Management, kaufte Konzert-, Kino- und Theaterkarten und schleifte ihren Josef einfach mit.

Dank eines langjährigen Vertrages mit einer führenden rheinischen Lebensmittelkette erweiterte Josef Pilchrat 1981 die Fabrikationsanlagen und stellte weitere Mitarbeiter ein. Sohn Georg und Tochter Maike wuchsen zu ihrer Freude gesund und pflegeleicht heran.

Zur Beerdigung der Mama, Amanda Boomfalk war hochbetagt in Perth verstorben, flogen sie nach Australien.

Die Jahre flossen dahin, der Wohlstand mehrte sich, ohne die Bescheidenheit der Pilchrats zu berühren.

1988, an seinem 55. Geburtstag, ehrte die Stadt Rheydt Josef Pilchrat mit der Verleihung der »Kulturmedaille« für seine großzügigen, seit Jahren geleisteten Subventionen an das Stadttheater.

Sohn Georg, danach auch Tochter Maike, bestanden das Abitur und gaben sich dem Studium hin. Georg entschied sich für Volkswirtschaftslehre an der Universität in Köln, Maike studierte in Göttingen Tiermedizin.

Beide schafften die Examina mit guten Noten.

Josef Pilchrat und Jakoba näherten sich dem Rentenalter. Sie schauten stolz auf ihr Lebenswerk zurück. Ihre Kinder bescherten ihnen weiterhin viel Freude. Sohn Georg stieg zum Marketingleiter bei den niederländischen »Kaasje-Fabriken« in Edam auf und stand auf Abruf bereit, den elterlichen Betrieb zu übernehmen. Tochter Maike leitete das Veterinär-Amt der Stadt Velbert.

Jakoba, im großen Bungalow an der Parkstraße mit gepflegter Gartenanlage, litt unter Einsamkeit, wenn Josef – das hatte Tradition – jeden Tag in seine Firma ging und seine Stammkunden noch persönlich aufsuchte.

Jakoba sehnte sich mit fortschreitendem Alter zurück nach Ostfriesland.

1995, an ihrem sechzigsten Geburtstag, erfüllte Josef ihr ihren dringlichsten Wunsch. Er begleitete seine Jakoba nach Berumerfehn. Sie nahmen einZimmer im Kompanie-Haus, suchten bei schönem Wetter die Bank auf und erinnerten sich an den Zeckenbiss. Die elterliche Gärtnerei existierte nichtmehr. Auf dem Grundstück befand sich ein Mehrfamilienhaus.

Bei der Suche nach einem Domizil in Ostfriesland fanden sie zu einem reetgedeckten Haus im benachbarten Westermoordorf, das neu errichtet zum Verkauf stand.

Das im Stil einer Kate gebaute, rot geklinkerte Haus befand sich, von Fichten, Holunderbüschen und knochigen Birken umstanden, etwa 100 Meter von der Brückstraße entfernt.

Die Auffahrt war gepflastert. Sträucher und ein fester Drahtzaun trennten das Grundstück rundum von den landwirtschaftlich genutzten Weiden.

Wie der zuständige Makler bei einer Besichtigung zu berichten wusste, war der Bauherr, ein Frauenarzt aus Braunschweig, der Wert auf eine historische Architektur gelegt hatte, kurz nach der Fertigstellung an Herzversagen verstorben.

Die Witwe beabsichtigte, sich von dem Anwesen zu trennen. Der Preis, so der Makler, lag unter dem tatsächlichen Wert des Hauses. Da gab es keinFeilschen, da stimmte alles, wie Josef Pilchrat und seine Jakoba feststellten. Sie kauften das schmucke Haus, sparten nicht an der Inneneinrichtung undschufen sich in Westermoordorf ein gemütliches Refugium als Alterssitz, doch vorerst als Ferienstation für ihre Fahrradausflüge inJakobas alter Heimat, wann immer es ihre Zeit erlaubte.

Sohn Georg stieg 1997 in die Firma ein, entlastete den Vater, der im Jahre darauf an den Folgen eines Schlaganfalls verstarb.

Jakoba Pilchrat, die 62-jährige rüstige Witwe, hatte ein gepflegtes Äußeres, kleidete sich elegant und jugendlich, ohne dabei den Blick in den Spiegel zu vernachlässigen. Sie hasste Weinerlichkeit und Selbstmitleid, fand auch in der Trauer um ihren Josef abgesteckte Grenzen. Sie blickte in Dankbarkeit zurück und mit Zuversicht nach vorne und glaubte an eine gute Zukunft für ihre Enkelkinder.

Während der tristen Schmuddeltage besuchte Jakoba ihre Tochter Maike in Velbert, die an der Seite ihres zuverlässigen Schwiegersohnes, Frank leitete die Zentrale der Stadtsparkasse, ihre beiden Töchter in der bewährten Familientradition großzog.

Ihre Besuche entsprachen ihrer inneren Einstellung und dauerten nie länger als eine Woche. Da half auch kein Zureden, wenn Sohn Georg und seine hübschen Buben auf sie einzureden begannen. Die Schwiegertochter, eine Diplomkauffrau, verfuhr mit der Betreuung der Enkel nicht immer in ihrem Sinn. Zugegeben, sie war tüchtig, doch für Jakobas Dafürhalten spielte sie zu oft Tennis und befand sich zu wenig in der Küche, wenn die Buben von der Schule nach Hause kamen.

Jakoba fühlte sich im Haus in Westermoordorf nie einsam. Sie hatte den teuren Mercedes ihres Mannes behalten, fuhr zu den Konzerten nach Emden, besuchte in Berum die Sauna, feierte mit den Saunaschwestern Geburtstage und empfing alte Schulfreundinnen zum Tee, die wie sie die sechzig überschritten hatten.

Sie schaute oft Fernsehen, las sehr gerne und sprach oft mit Josef. Wenn sie an kalten Tagen vor dem Kamin saß, in die tanzenden Flammen schaute, glaubte sie ihren Josef in der Nähe zu spüren. Sie war fest davon überzeugt, dass seine unsterbliche Seele oft bei ihr weilte.

Bis auf Bertus Poppen, der ihren Garten liebevoll pflegte, verzichtete Jakoba auf helfende Angestellte.

Der gleichaltrige Rentner besaß ihr Mitgefühl. Sie hatten ihn in der Volksschule wegen seines Buckels nicht nur gehänselt, schikaniert, sondern auch von ihren Spielchen und Spielen ausgeschlossen.

Bertus, Sohn einer schlampigen und verwirrten Mutter, die als Kuhmagd beim Landwirt Abbinga im Scheunentrakt damals gewohnt hatte, war ohne Vater herangewachsen. Die Mutter war eine exzellente Melkerin und Käserin gewesen und verstorben. Ohne Schulabschluss hatte sich Bertus Poppen, der weder lesen noch schreiben gelernt hatte, als Knecht und Gelegenheitsarbeiter bis ins Rentenalter verdungen. Er lebte in der abgewohnten, sich im Gemeindeeigentum befindlichen Moorkate, im Volksmund »Schuppen« genannt, die sich hinter dem Berumerfehner Wald im Moorgelände befand.

Bertus Poppen war bisher niemandem zur Last gefallen. Er kam mit der knappen Rente klar, die auf sein Konto überwiesen wurde, um das sich die Gemeindeschwester kümmerte, die den alten Sonderling betreute und nach dem Rechten sah.

Bertus Poppen bot in keiner Weise einen Anlass, ihn in ein Heim zu stecken.

Wenn Bertus Poppen unrasiert mit ungepflegten Haaren in abgetragener Drillichhose, nach vorn gebeugt, mit der Shag-Pfeife zwischen den Zähnen, im verwaschenen Baumwollhemd, das sich über seinen Buckel spannte, den Rasen mähte oder in den Beeten das Unkraut jätete, steckte Jakoba Pilchrat einen Fünfzigmarkschein zwischen hergerichtete Käse-, Wurst-, und Mettschnitten, fügte einen Apfel, eine Birne, Banane oder Orange je nach Jahreszeit hinzu, legte zwei Flaschen Bier hinein und trug das gefüllte Strohkörbchen in die Garage zu dem kleinen Abstelltisch, unabhängig von der Arbeitszeit des verlässlichen Gärtners.

Bertus Poppen betrat nie das Haus von Jakoba Pilchrat. Selbst bei Wind und Wetter und im stürmischen Regen besprach sich Jakoba mit ihm vor dem Haus oder in der Garage. Er nannte Jakoba Pilchrat »Gnädige« und hatte, wie sie annahm, die Schmach vergessen, die sie ihm mit ihren Schulfreundinnen während seiner Kindheit angetan hatte.

In Anbetracht der ansteigenden Kriminalität empfahl Sohn Georg, der in dem gesunden mittelständischen Unternehmen zurzeit 250 Mitarbeiter beschäftigte, der Mama, sich einen Hund zuzulegen. Er hatte Beziehungen zu einem Hundezüchter im Westfälischen. »Hasso, ein Schäferhund, Rüde, mit Stammbaum, zugerichtet, an die Haustür geliefert«, lautete seine Offerte.

Jakoba hatte weder Angst im Haus noch mochte sie Hunde. Sie belächelte den fürsorglichen Vorschlag ihres Sohnes.

Ob ein abgerichteter Schäferhund an ihrer Seite zur Vermeidung der Ereignisse, die sich an einem dunklen Dezembertag, während Schneeflocken den Rasenbedeckten, der Himmel mit schwarzen Wolken die ostfriesische Küste bedeckte, beigetragen hätte, das ist im Nachhinein schwer zubeurteilen.

Jakoba Pilchrat saß an diesem späten Samstagabend vor dem Kamin. Sie hatte geduscht, trug über ihrer Wäsche den molligen Bademantel und blickte in die lodernden Flammen. Sie nippte am Weinglas, stellte es ab und griff zu ihrem Fotoalbum, es handelte sich um den Band III, den sie beschriftet und fertig gestellt hatte. Jakoba hatte die in Kartons und Teedosen herumfliegenden Fotografien gesammelt und geordnet. Sie liebte es, sich an die Jahre mit Josef zu erinnern.

Bertus Poppen blieb im Edeka-Markt keine Mark schuldig, wenn er sich mit Bier und Corvit eindeckte, die Einkaufstaschen links und rechts an den Lenker seines Fahrrades hängte und sich auf den beschwerlichen Rückweg machte.

Am Möhlenkamp endete der gefestigte Weg. Von dort schob er das Rad über den von Waldfahrzeugen zerfurchten und mit Pfützen übersäten Feldweg nach Hause.

Die Gemeinde hatte den alten Ölofen entfernt und die Räume mit einer Nachtspeicherheizung versehen und den »Schuppen« im Vorgriff auf spätere bauliche Maßnahmen an die Kanalisation des Möhlenkamps angeschlossen.

Dort hatte die Gemeinde einen Wohnblock für die Unterbringung der ihr zugewiesenen Asylanten und Russlanddeutschen errichten lassen.

Unterkunft in diesem Mehrfamilienhaus hatten auch zwei junge Männer gefunden, es handelte sich um Vettern, die gebürtig aus Berumerfehn und Westermoordorf stammten. Sie waren 32 und 34 Jahre alt.

Beide waren geschieden, wegen krimineller Machenschaften und Körperverletzung in mehreren Fällen vorbestraft und waren in den Maschen des sozialen Auffangnetzes gelandet. Sie waren von Hamburg übergesiedelt, zeigten sich arbeitswillig, fanden Einsatz bei der Pflege der Straßen und Gehwege und der gärtnerischen Betreuung der Grünanlagen. Dabei blieb es kein Geheimnis, dass sie, ohne irgendwo anzuecken, jede freie Mark in Alkohol umsetzten.

Es handelte sich um den gelernten Straßenpflasterer Carlo Melchert und den Friseur Felix Sievers. Ihre Vita war den Verantwortlichen im Rathaus bekannt, und keine Zeile aus den Akten fand den Weg in die Öffentlichkeit.

Die beiden Männer kleideten sich adrett, wirkten in keiner Weise auffällig, und es störte niemanden, wenn sie sich mit dem Taxi abends zum Saufen nach Emden fahren ließen, soweit es ihre Finanzen zuließen. Doch daran haperte es sehr häufig. Sie liebten es, bei gutem Wetter in der Nähe des Kiosks die Ruhebank mit dem Blick auf den Kanal zu belagern. Dabei wurden sie auf Bertus Poppen aufmerksam, der sich großzügig an den Samstag- und Sonntagabenden gegen Bares bedienen ließ.

Carlo Melchert und Felix Sievers gingen geschickt zu Werke, das Vertrauen des alten, buckeligen Mannes zu erlangen, der in den jungen Männern Schicksalsgenossen entdeckte, die wie er von der Gesellschaft verstoßen wurden. Er lud sie zu sich in den Schuppen ein.

Bertus Poppen, um den sich seit dem Tode der Mutter, und das lag eine kaum noch zu übersehende Zeit zurück, niemand gekümmert hatte,fand Gefallen an den flotten Sprüchen und der Hilfsbereitschaft und der Zuneigung seiner Freunde, zahlte gerne und fühlte sich wohl im Umgang mit seinenjungen Freunden, die sein tristes Leben bereicherten und ihn liebevoll »Opi« nannten.

Mit dem Einsetzen des Winters blieben die Zuwendungen der »Gnädigen« aus. Bertus Poppen schränkte notgedrungen seine großherzige Gastfreundschaft ein. Er teilte zwar, wenn die Jungs im Schuppen erschienen, mit ihnen seinen Vorrat, verwies sie allerdings auf das Frühjahr und damit auf bessere Zeiten.

Maike Rengsdorf blickte an diesem frostigen Dezembermorgen ihren Mann fragend an. Frank räumte den Frühstückstisch ab. Die Töchter hatten sich auf ihr Spielzimmer zurückgezogen, um weiter an ihren Bastelarbeiten an den Weihnachtsgeschenken zu arbeiten.

»Mama meldet sich nicht«, sagte Maike nervös.

»Heute ist der zweite Adventssonntag. Vielleicht besucht sie die Kirche«, meinte Frank und trug das Geschirr in die Küche.

Maike drückte die Taste, legte den Hörer des schnurlosen Telefons auf die Anrichte und folgte Frank in die Küche.

Sie erledigten den Abwasch und bereiteten das Mittagessen vor. Gegen 10.30 Uhr startete Maike einen weiteren Versuch. Ohne Erfolg!

Maike und Frank Rengsdorf zogen den Mädchen ihre Mäntel über für einen Spaziergang in den mit Raureif bedeckten Stadtpark.

Um 12 Uhr kamen sie zurück. Maike griff direkt zum Telefon, bekam erneut keinen Anschluss. Sie war in Sorge und rief ihren Bruder in Rheydt an. Auch Georg hatte sich vergeblich bemüht, die Mama an die Strippe zu bekommen.

»Da wird doch nichts passiert sein?«, fragte Maike beunruhigt.

»Mama wollte keinen Hund. Ich habe Hasso für mich gekauft«, antwortete ihr Bruder.

»Schönen Advent! Grüß Dagmar und die Kinder. Ich versuche es nach dem Mittagessen noch einmal«, sagte Maike und drückte die Taste.

Frank bemühte sich um Ausreden und zerstreute Maikes Befürchtungen.

Ihnen allen mundete die Puterbrust mit Apfelmus, Heidelbeeren und Kroketten, doch nach dem Essen, während die Töchter im Fernsehzimmer das Kinderprogramm sahen und Frank sich der Spülarbeit hingab, blickte Maike im Arbeitszimmer durch das Fenster auf die Spitze des Rathauses und wartete vergeblich auf die Stimme der Mama.

Kommissar Hartmut Harms hatte sich im Personalraum einen Tee aufgebrüht, trug das Kännchen samt Geschirr an seinen Schreibtisch, zündete das Teelicht an und stellte die Kanne auf das Stövchen. Er versah an diesem kalten Dezembernachmittag mit dem Blick auf den Markt und die mit Kerzen versehenen Tannen vor der Ludgeri-Kirche den Dienst. Er trank den Tee mit Sahne und Kluntje und steckte sich eine Zigarette an.

Seine Frau Anja besuchte mit dem Sohn die Oma im Krankenhaus. Sie litt an einer Herzgeschichte, die nichts Gutes verhieß.

Das Telefon scheuchte ihn aus seinen Gedanken. Er nahm den Hörer ab.

»Polizeirevier Norden, Harms«, meldete er sich.

»Maike Rengsdorf, Velbert. Herr Harms, meine Mutter Jakoba Pilchrat wohnt in Westermoordorf, Brückstraße 74, alleine in ihrem Haus. Ich befürchte, dass ihr etwas zugestoßen ist. Sie meldet sich nicht«, vernahm Harms die Mitteilung der besorgten Frau aus dem Rheinland.

»Geben Sie mir Ihre Telefonnummer. Ich rufe zurück«, sagte der Kommissar und notierte die Teilnehmernummer.

»Bis dann«, sagte er und legte auf.

Harms drückte die Sprechfunktaste und nahm Verbindung mit seinen Kollegen auf, die sich mit ihrem Streifenwagen auf dem Wege von Hage nach Halbemond befanden.

Sie gingen dem Notruf aus Velbert nach.

Kommissar Volker Bents saß mit seiner Frau Insa im Wohnzimmer am Tisch. Sie studierten Ferienkataloge. Sie hatten in Hage im Edenhofgelände gebaut. Ihre monatliche Belastung hielt sich in Grenzen, und dank des Beitrages von Insa, sie arbeitete auf Stundenbasis im »Sebi-Markt«, konnten sie sich einen Urlaub auf Mallorca leisten.

Ihr 13-jähriger Sohn Max befand sich auf der Skaterbahn am Sportplatz. Am Adventskranz brannten die Kerzen. Sie tranken Tee und aßen vom»Aldi-Stollen«.

In die vorweihnachtliche Stimmung läutete das Handy. Volker Bents nahm es vom Tisch und meldete sich. Er vernahm die vertraute Stimme seines Kollegen Harms.

»Volker, dicke Kacke! In Westermoordorf, Brückstraße, wurde eine Jakoba Pilchrat überfallen und ermordet. Dr. Krekeler vom Kreiskrankenhaus und den Kurierfotografen habe ich benachrichtigt. Am Tatort befinden sich Löning und Buscher. Focken und Nestler sind mit dem Spurensicherungskoffer unterwegs.«

»Schrecklich! Benachrichtige den Bestatter!«, ordnete Bents an. Er schaltete das Gerät aus.

»Überfall und Mord in Westermoordorf, und das kurz vor Weihnachten«, sagte er verärgert, verließ das Wohnzimmer, holte aus dem Arbeitszimmer seine Diensttasche, steckte das Handy ein, zog die Wetterjacke über, verließ das Haus und ging zur Garage, wo er in den Golf stieg und zum Tatort fuhr. Die Straßen waren frei. Der Wind wehte kalt aus östlicher Richtung.

Der Kommissar lenkte den Golf auf die breite Auffahrt, parkte hinter den Polizeifahrzeugen seitlich der frostigen Rhododendronsträucher, die den großzügigen Rasen einfassten. Er verließ den Wagen und blickte auf das hübsche Klinkerhaus. Es wirkte idyllisch in der weiten, weißen Winterlandschaft.

Kollege Edo Focken kam ihm entgegen. Er trug Uniform. Das Gesicht des gesetzten Beamten mit dem kleinen Spitzbart war vom kalten Wind gerötet.

»Keine Spuren hier auf dem Grundstück«, sagte er.

Bents nickte. Er folgte Focken zur Haustür. Sie stand offen. Auf einem Perserteppich, der den mit roten Steinfliesen belegten Fußboden bedeckte, lag das Opfer auf dem Rücken mit angewinkelten Beinen, die Arme von sich gestreckt, mit geöffneten Handflächen. Um den Kopf der alten Frau hatte sich eine Blutlache gebildet. Das zur Seite geneigte Gesicht war verquollen und schwer verletzt.

Die Schöße ihres Bademantels ließen den Blick frei auf ihre Schenkel. Sie trug keine Strümpfe, nur ihre Wäsche. Vor der Garderobe lag ein mit Pelz gefütterter Pantoffel, der andere befand sich vor der massiven Holztreppe, die nach oben führte.

Die Wände des Korridors waren mit Fichtenholz getäfelt. Über der mit echten Delfter Kacheln belegten Heizungsverkleidung hing ein Spiegel. Eine Tür führte in die Küche, eine weitere in das Wohnzimmer. Die Korridorlampe war eingeschaltet. Über Bügel hingen an der Garderobe ein Tweedkostümjäckchen und ein Anorak. Auf der Ablage lagen gefütterte Lederhandschuhe und eine kesse, karierte Stoffmütze mit herabklappbaren Ohrenwärmern.

»Auf der Straße blockieren Neugierige den Verkehr. Ich muss für Ordnung sorgen«, sagte Focken und ging davon.

Kommissar Bents vernahm Stimmen. Löning und Buscher kamen über die Treppe nach unten.

»Wir haben uns oben gründlich umgeschaut. Schlafzimmer, Bad, Toilette, Kinderzimmer, keine Spuren«, sagte Löning.

»Im Wohnzimmer haben sie wie Vandalen gehaust«, warf Erwin Buscher ein.

Auch er trug wie sein Kollege Uniform. Volker Bents blickte auf das entstellte, blutige Gesicht.

»Unmenschen, die so etwas anrichten«, schimpfte er.

Der Kurierfotograf Manstroh betrat den Korridor. »Ich komme von der Weihnachtsfeier der AWO«, sagte er und blickte angeekelt auf die Leiche.

»Der Dame war es nicht vergönnt, das Weihnachtsfest zu erleben«, sagte Volker Bents verbittert.

Der Fotograf machte Fotos von der toten Jakoba Pilchrat, die nicht weit entfernt vom Tatort ihre Kindheit erlebt hatte, während ihres Lebens manchen Gefahren entronnen war. Verbrecher hatten sie aus Habgier im eigenen Hause erschlagen.

»Immer noch besser, als an Speiseröhrenkrebs zu krepieren«, meinte der Kommissar.

»Gar nicht erst geboren zu werden, das wäre die Patentlösung«, sagte Manstroh ironisch und ging mit einem »Moin« davon.

Kollege Hanno Nestler trat an die Tür. »Keine Spuren hinter dem Haus. In der Garage stehen ein Mercedes, ein toller Schlitten, und ein Polo. Es gibt dort ebenfalls keine Spuren«, sagte er.

»Eine betuchte Dame«, meinte der Kommissar.

»Dafür spricht hier alles«, warf Löning ein.

In die kalte Luft mischte sich der Geruch von Blut, Urin und Kot.

Löning und Buscher begannen mit der Spurenaufnahme, setzten Fähnchen und markierten die Umrisse des Opfers auf dem Teppich.

Kommissar Bents betrat das Wohnzimmer, um sich umzuschauen. In der Tat hatte ein Einbrecher oder mehrere hier ihr Unwesen getrieben. Abgesehen von den herausgerissenen Schubladen und offenen Schranktüren überstieg die gediegene Einrichtung seine Vorstellungen vom »Schönen Wohnen«.

Sie bestand aus handgefertigten Eichenmöbeln mit geschmiedeten Scharnieren und Griffen. Der große Esstisch und die Eichenstühleerinnerten den Kommissar an Museumsbesuche. Die mit Raufaser tapezierten Wände zierten Ölgemälde flämischer Meister. Vor den Fenstern hatte das Opfer dieStores gezogen. Die Lampe mit der Ziehvorrichtung warf Licht auf den mit Perserteppichen belegten Parkettboden.

Vor dem Kamin, in dem die Scheite zu Asche abgebrannt waren, befanden sich bequeme Sitzmöbel und ein kleiner Tisch, auf dem eine halb leere Weinflasche neben einem aufgeschlagenen Fotoalbum stand.

Volker Bents verließ das Wohnzimmer.

Dr. Krekeler vom Norder Krankenhaus kniete vor der Leiche und führte seine Untersuchung durch. Vor ihm stand die geöffnete Medizinertasche. Er trug einen weißen Kittel und an den Händen Gummihandschuhe. Er säuberte mit Tupfern die Wunde.

»Erschlagen wie einen räudigen Hund«, sagte er und ging akribisch zu Werke.

Löning und Buscher suchten die Türklinken nach Spuren ab, Focken und Nestler befragten die Nachbarn nach irgendwelchen Vorkommnissen oder Beobachtungen in Bezug auf das Verbrechen an Frau Jakoba Pilchrat.

Dr. Krekeler, Oberarzt der Chirurgischen Abteilung, vertraut mit Verkehrsopfern, erhob sich, entsorgte die Handschuhe in eine Plastiktüte und steckte sie in seine Tasche.

»Herr Dr. Krekeler, Bents ist mein Name, ich leite hier die Ermittlungen«, stellte sich der Kommissar vor.

»Eine üble Sache. Die Dame, deren Personalien Sie besitzen, wurde, wie bereits gesagt, erschlagen. Als Tatwaffe kommt ein Eisenrohr, ein Kuhschwanz oder ein fester Knüppel in Frage.« Dr. Krekeler zog den Kittel aus und steckte ihn in seine Tasche. »Der Täter schlug zu, als sie ihm die Tür öffnete«, fügte er hinzu.

»Raubüberfall, dafür spricht die Unordnung im Wohnzimmer. Er suchte wahrscheinlich nach Geld«, sagte der Kommissar.

»Vielleicht Süchtige«, bemerkte Löning, der dabei war, die Wohnzimmertür mit Puder zu bestreichen.

»Selbst hier in den friedlichen Fehn-Orten wird gedealt«, meinte Buscher.

»Wo soll das noch hinführen?«, antwortete der Arzt.

Egbert Oltmann und sein Angestellter erschienen mit dem Sarg, stellten ihn im Korridor neben dem Opfer ab und legten den Deckel beiseite. Sie hoben kurz ihre Prinz-Heinrich-Mützen vom Kopf und blickten mit ernstem Gesichtsausdruck auf die tote alte Dame.

»Traurig, am zweiten Adventssonntag«, meinte der Bestatter.

Dr. Krekeler packte mit an. Sie legten das Opfer in den Sarg.

»Zum Kreiskrankenhaus«, sagte der Kommissar.

Dr. Krekeler nahm seine Tasche und folgte den Bestattern zum Wagen.

Am Montagmorgen berichteten die Zeitungen über das grausige, brutale Verbrechen im ländlichen, verträumtenWestermoordorf. Bereits um 9 Uhr parkte Georg Pilchrat seinen BMW auf dem Platz vor dem »Alten Weinhaus« in Norden in der Nähe der Ludgeri-Kirche undsuchte das Dienstzimmer des Kommissars auf. Der Fabrikant trug dem kalten, diesigen Wetter angepasst einen dunkelblauen Trenchcoat und um den Hals einenwolligen Schal. Er war hoch gewachsen, hatte leicht gewelltes, nach hinten gekämmtes dunkelblondes Haar. Sein Gesicht wirkte mit denhervorstehenden Backenknochen energisch, was der kurz gehaltene Lippenbart unterstrich. Er hatte einen offenen Blick und wirkte in jeder Weise offen undunkompliziert.

Kommissar Volker Bents reichte ihm die Hand zum Gruß, bat ihn, auf dem Stuhl Platz zu nehmen und sich seines Mantels zu entledigen. Er lehnte höflich ab, lockerte den Schal und setzte sich auf den Stuhl.

»Kommen wir direkt zur Sache«, sagte Georg Pilchrat. »Es bringt nichts, wenn wir uns über das Anwachsen der Kriminalität in eine Diskussion begeben. Die Gründe sind Ihnen und auch mir zur Genüge bekannt. Ich bin gestern nach Erledigung notwendiger Telefonate am späten Nachmittag in Rheydt abgefahren, habe im Kompanie-Haus ein Zimmer gebucht und am Abend das Haus durch die unversiegelte Hintertür aufgesucht. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass der oder die Täter es auf Geld und Schmuck abgesehen hatten. Mama mochte es nicht, für jeden Hunderter die Bank aufzusuchen und sich nach ihren Kontoständen zu erkundigen. Sie sorgte vor, hatte oft große Beträge im Hause, die sie an den unmöglichsten Stellen im Schrank deponierte. Ihren Schmuck, es handelt sich dabei nicht um Kaufhausartikel, im Gegenteil, Vater kaufte bei Kern in Düsseldorf auf der Königsallee für Mama handgefertigte Atelier-Ware, hinterlegte sie nicht in einem Banksafe, den wollte sie um sich haben, um ihn anzulegen, wann immer es ihr Spaß bereitete.«

»Herr Pilchrat, mit anderen Worten, die Räuber fanden zu den Verstecken?«, fragte der Kommissar.

Gregor Pilchrat nickte. »Mama machte es ihnen leicht. Ich kann einen Zufall nicht ausschließen. Dennoch mache ich mir darüber meine Gedanken.«

»Hatte Ihre Frau Mutter eine Vertrauensperson? Eine Gehilfin? Eine Zugehfrau? Nachbarin?«, fragte Volker Bents, entnahm der Schreibtischschublade einen Stenoblock und blickte den Besucher fragend an.

»Die Nachbarn machten für Papa und Mama einen ?Bogen?, als sie einzogen«, antwortete Georg Pilchrat. »Das hat hier Tradition. Darüber haben sie sich sehr gefreut und im Kompanie-Haus in Berumerfehn mit den ?Bogenmachern? die Abnahme des Bogens gefeiert. Mama hatte ein gutes Verhältnis zu den Nachbarn, allerdings ohne Rennereien. Sie liebte die Distanz und Zurückgezogenheit.«

»Dem entnehme ich, dass es da niemanden gab, der wusste, dass Ihre Mutter in ihrer Wohnung viel Bares und Wertvolles besaß, auf das es die Gangster abgesehen hatten.«

»Davon können wir ausgehen. Mama traf sich oft mit ihren Saunaschwestern. Es waren Damen aus dem Umkreis von Berum, die wie sie am Schwitzbad ihre Freude fanden und der bürgerlichen Schicht entstammten.«

»Ich bin selbst Saunafan, da wird viel gequatscht«, antwortete der Kommissar.

Der Sohn der Jakoba Pilchrat winkte ab. »Mama besaß genügend Mittel, den Park rund um das Haus von einer Gärtnerei pflegen zu lassen. Das tat sienicht. Sie stieß bei ihren Spaziergängen durch den Berumerfehner Wald auf die Behausung eines längst vergessenen Mitschülers, den sie wegen seiner nurschwach entwickelten Intelligenz und seines Buckels damals gehänselt und gedemütigt hatten. Mama, rückblickend auf ihr erfolgreiches Leben, empfand Reue,sann nach Wegen, die nicht nur ihr anlastende miese Tour wieder gutzumachen. Es handelt sich um den gleichaltrigen Bertus Poppen, Knechtund Gelegenheitsarbeiter, der weder lesen noch schreiben gelernt hatte, der mit seiner knapp bemessenen Rente im Moorgelände vegetierte. Er erkannte Mamanicht wieder, nannte sie ?Gnädige? und verdingte sich als Mamas Gärtner – zu ihrer Zufriedenheit. Mama bezahlte seine Dienste großzügig, nicht nur mitGeld, servierte ihm nach getaner Arbeit Bier und Corvit und gab ihm geschmierte Brote und Obst mit auf den Weg. Er hat das Haus nie betreten und denAbstand gewahrt.«

»Bertus Poppen«, wiederholte der Kommissar nachdenklich und schrieb den Namen auf das Blatt seines Blockes. »Eine heiße Spur?«, fragte er.

Georg Pilchrat winkte ab. »Mama war seine Wohltäterin.«

»Ihre Mutter öffnete zur späten Stunde die Haustür«, antwortete der Kommissar. »Sie wurde von dem Täter erschlagen. Ich hatte bereits ein Gespräch mit dem Staatsanwalt. Die Leiche Ihrer Mutter wird im Norder Krankenhaus einer Obduktion unterzogen. Wir erwarten keine neuen Erkenntnisse. Ich gehe davon aus, dass Sie sie ohne zeitliche Verzögerungen nach Rheydt überführen können. Ich werde das Siegel auf der Haustür heute noch entfernen lassen.«

»Können Sie mir eine Reinigungsfirma empfehlen?«, fragte Georg Pilchrat.

Der Kommissar nickte. »Mir fällt da nur die Firma Multi-Reinigung in Aurich ein«, antwortete er.

Georg Pilchrat erhob sich. Er reichte dem Kommissar sein Visitenkärtchen. »Meine Handynummer«, sagte er.

»Ich halte Sie auf dem Laufenden«, sagte der Kommissar und begleitete den Fabrikanten zur Tür.

Gegen 11 Uhr meldete sich eine Frau Erna Schönning, Brückstraße 24. Sie hatte am Samstagabend einen Wagen mit einem niederländischen Kennzeichen beobachtet, der auf der Einfahrt der Witwe Pilchrat gewendet hatte.

Die Insassen, zwei Männer, wirkten südländisch. Es handelte sich um einen Opel Kadett älterer Bauart. Sicherlich ein erster Hinweis, den Kommissar Bents in einer Aktennotiz festhielt und seinem Bericht beifügte.

Um 12 Uhr fuhr Bents zum Kreiskrankenhaus. Vor dem Küchentrakt fand er einen Parkplatz. Die Luft war frostig. Die Sonne lugte durch den grauen Wolkenhimmel. Bents ging am Rondell vorbei, betrat das Krankenhaus und zeigte dem Pförtner seinen Dienstausweis.

»Dr. Krekeler«, sagte er.

»Station 12 A, hinter der Glastür, linker Trakt«, sagte der Angestellte, blickte nur kurz auf und wies mit der Hand die Richtung.

Bents fand zur Station. Es roch nach »Chemie« und Mittagessen. Schwestern in weißen Jeans und legeren Blusen eilten durch den breiten Gang an den Zimmern entlang. Seitlich stand ein fahrbares, weiß bezogenes Krankenbett. Ein junger Arzt im weißen Kittel kam ihm entgegen. Um seinen Hals hing der Bügel des Blutdruckmessgerätes. Er blickte den hoch gewachsenen Besucher fragend an.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte er.

»Ich suche Dr. Krekeler«, antwortete Bents.

»Kommen Sie mit«, sagte der Arzt freundlich und begleitete den Kommissar zu einem kleinen offenen Wartezimmer.

»Nehmen Sie bitte Platz. Ich melde Sie an«, sagte er und blickte den Kommissar fragend an.

»Bents, Kripo«, antwortete der Beamte.

»Ich wünsche Ihnen viel Erfolg. Es stand im ?Kurier?«, sagte er.

Bents setzte sich auf einen Stuhl. Auf dem kleinen Tisch lagen abgegrabschte Illustrierte. Die Wände zierten, wie aus einem medizinischen Lehrwerk entnommen, große, plakatartige Darstellungen des Verdauungstraktes und vermittelten dem Betrachter Einblicke in moderne, endoskopische Techniken, die dazu beitrugen, Krebsgeschwüren den Garaus zu machen unter dem Motto: »Früherkenntnis ist der erste Weg zum Überleben.«

Volker Bents schüttelte sich beim Anblick feuerroter Geschwülste und schaute erleichtert auf, als sich Dr. Krekeler zu ihm gesellte und neben ihm auf einem Stuhl Platz nahm. Er hielt einen Schnellhefter in der Hand.

»Herr Bents, ich habe mich der alten Dame angenommen. Sie besaß eine hervorragende Gesundheit. Die Todesursache wirft keine Fragen auf. Erinnern Sie sich an die Treppenstufen der Haustür?«

»Sie waren mit roten Steinplatten belegt. Es waren drei«, antwortete er.

»Richtig. Frau Jakoba Pilchrat war 1,73 Meter groß, geben wir zwei Zentimeter für ihre Pantoffeln hinzu, dann kommen wir auf 1,75 Meter. Sie öffnete gegen 22 Uhr die Tür, das entnahm ich dem Blutgerinnungswert. Die Stufenhöhe beträgt, das habe ich bei mir zu Hause und bei meinem Nachbarn überprüft, in der Regel 16 Zentimeter, das ergibt bei drei Stufen 48 Zentimeter. Die Durchschnittsgröße eines Mannes liegt statistisch gesehen bei 1,75 Meter. Das führt zu der Annahme, dass sich der Täter auf der letzten Stufe befand, weit ausholte und auf die alte Dame einschlug. Sein Hieb traf nicht die Stirn, sondern die Schädeldecke. Das volle Haar des Opfers milderte zwar den Aufschlag, änderte allerdings nichts am Ergebnis. Jakoba Pilchrat war auf der Stelle tot.«

»Wertvolle Hinweise für unsere Arbeit«, antwortete der Kommissar. »Da bleibt die Frage, ob es sich um einen Täter oder mehrere gehandelt hat.«

»Mich irritiert die Lage ihres Kopfes. Ich wage aber nicht, daraus Schlüsse zu ziehen«, meinte der Arzt.

»Und die wären?«, fragte Bents.

»Sehr spekulativ«, antwortete der Arzt nachdenklich. »Jakoba Pilchrat sackte nach dem heftigen Hieb zusammen und verstarb. Sie lag auf dem Rücken mit seitlich geneigtem Kopf auf dem Korridorteppich. Es ist nicht auszuschließen, dass sie, als sie die Haustür öffnete, erschrocken reagierte, erst nach vorne blickte und danach instinktiv den Kopf seitlich auf den Mörder richtete.«

»Sie hatte die Außenleuchte angeschaltet«, antwortete der Kommissar. »Vor der Treppe stand ein Mann. Sie witterte die Gefahr, die ihr von der Seite drohte. Ein nachvollziehbarer Aspekt. Die Täter, das entnahm ich dem Gespräch mit dem Sohn, hatten es gezielt auf das Haus seiner wohlhabenden Mutter abgesehen, um sie zu berauben.«

Dr. Krekeler nickte. »Wie die Autopsie ergab, hatte Frau Pilchrat Alkohol zu sich genommen. Ihr Konsum hielt sich in Maßen, reichte aber aus für einenleichten Schwips, der sie leichtsinnig stimuliert haben mag, zur späten Stunde auf das Klingeln ohne nötige Schutzmaßnahmen zureagierten. Doch mehr noch fällt ins Gewicht, ...

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