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13 gegen den Winterschlaf

Jutta Wölk - Herausgeber

13 gegen den Winterschlaf

13 Autoren - 13 Geschichten - 13 x Lesespaß





BookRix GmbH & Co. KG
81669 München

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Vergifteter Advent: Mona Frick

Weihnacht unter Wölfen: Renard Fourrure

Die Entführung des Weihnachtsmannes: Frank Arlt

Das schwarze Monster: Norbert Böseler

I did not die: Jana Zenker

Die Kainsprung-Hexe: Yvonne Bauer

November eben: Elisabeth

Marienhagen

Auf Schnupperkurs in Rennes: Cornelia Briend

Der zeitlose Traum aus: „Kuss der Todesfrucht“: Agnes M. Holdborg

Kalle und Willi: Jutta Wölk

Schoko-Frust und Handball-Lust: Alegra Cassano

Gegenwind: Claudia Rimkus

Himlen er blå: Anne Lay

Autorenvita

Nachwort

Vorwort

In manchen Muscheln verbergen sich wertvolle Perlen. Wir möchten sie zu Schmuck verarbeiten. Unter diesem Motto gründete Frank Arlt unsere Gruppe „Buchperlen“.

Unser erstes Projekt ist die Herausgabe dieser Anthologie. Sie ist eine Kurzgeschichtensammlung von 13 Autoren und bildet eine bunte Mischung. So reicht sie von Abenteuer und Liebe über Krimi und Thriller bis hin zu Erotik und Horror.

Von jedem ist etwas dabei. – Für jeden ist etwas dabei.

Besucht auch gerne unsere Webseite Buchperlen: https://buchperlen-autoren-ebooks-leser.jimdo.com/

Die Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit Personen, Namen, Orten und Handlungen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

© Copyright Cover/Bearbeitung: Claudia Rimkus

Vergifteter Advent

Stuttgarter Kurzkrimi von Mona Frick

Titel und Text Copyright © 2014: Mona Frick

monaq@gmx.de

Die Bromstetters

Von vereinzelten Plätzen tönte Horst und Erna Bromstetter hämischer Beifall entgegen, als sie, leicht außer Atem, den Bus bestiegen. Es war 12.04 Uhr. Die Reiseleiterin seufzte leise und machte die beiden letzten Häkchen auf ihrer Namensliste.

Erna ging mit beschämt gesenktem Blick und gerötetem Gesicht zu den zwei leeren Plätzen in der letzten Reihe. Horst Bromstetter nahm den Ärger der Reiseteilnehmer ungerührt zur Kenntnis.

Der Fahrer startete den Motor. Die Reisegruppe brach endlich auf zum Stuttgarter Weihnachtsmarkt.

Die Verspätung war Ernas Schweinelende geschuldet. Genaugenommen dem Vesperbrot, das Bromstetter buchstäblich in letzter Minute von ihr belegt haben wollte. Natürlich musste eine dicke Scheibe der Schweinelende vom Vorabend darauf gepackt werden!

Das Vesperbrot war die Bedingung gewesen, damit er Erna auf den Weihnachtsmarkt nach Stuttgart begleitete. Vesper und später Glühwein satt. Wer wusste denn, ob er dort was Ordentliches zu essen bekam. Für Bromstetter war sein Heidelberger Weihnachtsmarkt der einzig Wahre. Aber Erna musste natürlich unbedingt nach Stuttgart fahren.

„Endlich mal was Neues erleben“, hatte sie entzückt gerufen, als sie die Anzeige im Heidelberger Boten entdeckt hatte. „Das Angebot ist ja unschlagbar günstig!“

Nun gut, so war‘s nun mal, beendete Bromstetter seinen Gedankengang und verspeiste genüsslich wenige Minuten nach Abfahrt sein Brot, um gleich darauf in einen tiefen, satten Schlaf zu fallen, gemütlich begleitet vom leichten Schwanken des Busses und dem Geplapper seiner Frau mit deren Sitznachbarin.

Bromstetter wachte erst wieder auf, als der Bus zum Stehen kam und hörte gerade noch die letzten Worte der Reiseleiterin: „Wir kommen nun endlich zum Stuttgarter Weihnachtsmarkt, der übrigens 1692 das erste Mal urkundlich erwähnt wurde. Wie ich Ihnen vorhin schon erzählt habe, gehört der Stuttgarter Weihnachtsmarkt zu den größten und ältesten in ganz Europa. Sie haben also allen Grund, sich auf den Nachmittag zu freuen. Es ist jetzt genau 14 Uhr. Ich warte hier um Punkt 17 Uhr auf Sie. Seien Sie bitte wirklich pünktlich. Auch das Ehepaar Bromstetter!“

Erna wurde wieder rot und schaute angestrengt aus dem Fenster.

„Zu Ihrer Erklärung. Wir müssen genau um 17 Uhr hier abfahren, weil eine große Stuttgart 21 Demonstration angekündigt ist. Wenn wir nicht pünktlich loskommen, haben wir wegen der ganzen Sperren bis 22 Uhr keine Abfahrmöglichkeit mehr. Viel Spaß also und bis um fünf!“

Statt auszusteigen, fragte Erna die Reiseleiterin interessiert nach dem Stand des Bahnprojekts, von dem sie in Heidelberg nicht allzu viel mitbekommen hatte.

Die anderen Reisenden drängten sich an ihnen vorbei. Erna hörte nicht auf zu reden: Ob es denn stimme, dass es Verletzte gegeben habe und ob die alten Bäume im Park wirklich alle gefällt werden müssten.

Der Bus war leer. Die Reiseleiterin schaute sehnsüchtig auf die geöffnete Tür. Der Busfahrer trommelte mit den Fingern auf dem Lenkrad herum.

Auch Bromstetter war es langsam leid. Er wusste, Erna würde nie ein Ende finden, wenn sie erst mal ein Opfer in der Mangel hatte.

„Erna, jetzt reiß dich halt mal los. Die arme Frau will sicher auch mal ne` Pause machen! Kannst ja nachher in aller Ruhe fragen, wenn wir wieder im Bus sitzen. Was is‘ denn jetzt mit dem Glühwein?“

Er stieg brummelnd aus, „Als ob unser Weihnachtsmarkt nicht reichen würde!“

Erna rief der Reiseleiterin ein hastiges, „Bis später“, zu und eilte ihrem Mann hinterher. Sie wusste ja, dass die Redelust manchmal mit ihr durchging. Sie hakte sich bei ihm unter.

„Du hast ja Recht! Komm, wir gehen zum Stand von „Weihnachtsmann Co.“, dort soll es den besten Glühwein geben!“, sagte sie besänftigend und im Stillen dankbar, weil er ihr zuliebe mitgekommen war, obwohl er lieber zu Hause auf dem Sofa sitzen würde. Sie liebte diese Busreisen, die sie mal raus aus Heidelberg brachten. Und zum Schluss kam er ja doch immer mit. Ach, er war schon ganz in Ordnung, ihr Horst, dachte sie zufrieden.

Bromstetter war überrascht, dass seine Frau so schnell einlenkte. Musste wohl doch was dran sein, an der vielzitierten friedlichen Adventsstimmung. Na, er hatte nichts dagegen…

Der Glühwein schmeckte prima, und nach dem zweiten Glas hörte er Ernas aufgeregte Stimme, die schon wieder jemanden ins Gespräch verwickelt hatte, nur noch wie durch Watte, was sehr angenehm war. So würden die drei Stunden womöglich schneller herum sein, als ihm lieb wäre, dachte er, während er sich eine Rote Wurst bestellte und genüsslich hineinbiss. Schmeckte doch alles gar nicht so schlecht in Stuttgart!

„Weißt du, wer heute hier sein soll?“, fragte Erna. „Ist ja schon überraschend viel Polizei unterwegs. Meinst du nicht? Ob das auch was mit dem Bahnhof zu tun hat?“

„Nee, weiß ich nicht. Du hörst doch schließlich immer zu, wenn was erzählt wird. Irgendjemand Wichtiges wird`s schon sein. Sonst würden die sicher nicht so ‘n Aufheben drum machen“, brummte Bromstetter zwischen zwei Bissen.

„Ach, ist ja auch egal“, sagte Erna, obwohl sie schon liebend gern gewusst hätte, welche wichtige Persönlichkeit erwartet wurde. „Lass uns noch ein bisschen herumlaufen. Schau doch mal, die Dächer der Buden sind wirklich besonders hübsch hier.“

„Was immer mein Frauchen wünscht!“, erwiderte Horst leicht beschwipst.

Erna nahm ihn wie einen kleinen Jungen an die Hand und zog ihn die nächsten Stunden mit sich.

Bromstetters Laune war prächtig. Die Idee seiner Frau, mal einen anderen Weihnachtsmarkt zu besuchen, schien ihm im Nachhinein doch prima...

An einer anderen Bude gönnte Erna ihrem Mann einen weiteren Glühwein.

„Das können wir jetzt ruhig öfter machen, Erna!“, sagte Bromstetter, legte seiner Frau den Arm um die Schultern und drückte sie innig.

Erna wurde wieder rot, diesmal wegen der öffentlichen Gunstbezeugung. Sie sah auf die Uhr, stellte fest, dass es schon kurz vor fünf war und drängte zum Aufbruch. „Wir dürfen dieses Mal auf keinen Fall zu spät kommen! Du hast doch die Reiseleiterin gehört!“

Die drei Gläser Glühwein, die Bromstetter intus hatte, forderten nun allerdings ihren Tribut. Er ließ seine Frau einfach stehen und machte sich hastig auf die Suche nach einer öffentlichen Toilette.

„Wo willst du denn jetzt noch hin? Ich möchte nicht wieder von der hämisch klatschenden Alten in der ersten Reihe begrüßt werden, wie heute Mittag. Also wirklich, Horst, immer das Gleiche mit dir!“

Ihre Worte gingen in resigniertes Murmeln über, sie wusste, dass sie ihren Mann in diesem Fall sowieso nicht aufhalten konnte.

Als Bromstetter auf dem Rückweg die Straße überquerte, konnte er gerade noch einem silbernen Golf ausweichen. Er sprang ärgerlich auf die Seite und zeigte dem Fahrer einen Vogel.

„Wo bleibst du denn, Horst? Die fahren wirklich noch ohne uns ab!“, rief Erna ihm entgegen. „Diesmal werden Sie nicht warten!“

„Eile mit Weile, Erna! Hast du mitbekommen, wie mich der Golf fast über den Haufen gefahren hat? Ich glaube, der hat nicht mal bemerkt, dass ich vor ihm stand. Der ist bestimmt betrunken.“

„Ach, du übertreibst doch wieder. Jetzt komm endlich!“

Das Paar lief weiter in Richtung Bushaltestelle.

Da hörten sie scharfes Bremsen, dicht gefolgt von einem lauten Krach...

***


Oberkommissar Schäfer


Auf dem Polizeirevier 9 in Stuttgart-Untertürkheim schwelgte Oberkommissar Schäfer in Tagträumen von einer Weltreise, die er sich in ein paar Jahren von seinen Ersparnissen leisten wollte. Er lehnte sich weit im Stuhl zurück und vor seinem geistigen Auge sah er sich am Strand von Honolulu einen Cocktail mit Schirmchen in der Hand und einen Blumenkranz um den Hals… Das Telefonklingeln holte ihn unsanft zurück in das Polizeirevier. Es war 16 Uhr. Der friedliche Nachmittag war wohl vorbei.

„Schäfer hier, wer da?“, bellte der Oberkommissar ins Telefon.

Das Freizeichen ertönte. Der Kommissar legte kopfschüttelnd auf.

Jürgen Schäfer wollte einfach nicht einsehen, dass seine Begrüßung die Anrufer verunsicherte. Es war nicht das erste Mal, dass ein Anrufer gleich wieder auflegte, wenn er ans Telefon ging. Sein Vorgesetzter hatte ihn vor Jahren deswegen in einen Doppelkurs geschickt: „Wie telefoniere ich korrekt?“ und „Hochdeutsch für Anfänger“. Aber in beiden Kursen blieben die Erfolge aus, wenn auch die Lehrerin sich wirklich viel Mühe mit ihm gegeben hatte. Jetzt war er mit seinem Schwäbisch soweit gekommen, dann musste er es auch nicht mehr ändern. Und ein guter Polizist zeichnete sich schließlich nicht durch Hochdeutsch, sondern durch Spürsinn und Erfahrung aus, dachte Schäfer selbstbewusst.

Es klingelte wieder.

„Hier ischt Oberkommissar Schäfer, mit wem hab ich die Ähre zu sprechen?“

Jetzt konnte ihm wirklich keiner vorwerfen, er wäre nicht höflich.

„Hier Staatsanwaltschaft Bielefeld. Sie müssen sofort jemanden zum Weihnachtsmarkt schicken!“

„Mooment, wer spricht denn da?“

„Staatsanwaltschaft Bielefeld, Rademacher. Wir haben nicht viel Zeit, aber ganz schnell die Fakten: Wir sind seit Jahren hinter ‚Suavisaviatio‘ her - abgekürzt ‚Suavi‘!“

„Sua-was?“

„Suavi, das ist lateinisch. Ausgesprochen und übersetzt heißt das „Süßer Kuss“. Das ist eine illegale Organisation zur Sterbehilfe. Die haben sogar eine Internetseite. Sieht erst mal harmlos aus. Aber auf die Mitglieder-Seite kommt man nur mit einem Passwort, das an die sozusagen ‚totsichere‘-Kundschaft weitergegeben wird, Mund-zu-Mund-Propaganda, Sie wissen schon. Die Schwester eines „Kunden“, die gar nicht mit seinem Plan einverstanden war, hat uns vor Wochen darüber informiert und uns das Passwort gesteckt. Wir verfolgen die Abwicklungen nun schon einige Zeit, und gerade eben wurde die Übergabe von einem Päckchen Zyankali in die Wege geleitet, wie wir von einem Insider erfahren haben. Wir wissen, dass der Kunde ein gewisser Rüdiger Riedel aus Stuttgart ist, und die Übergabe des Giftes heute Nachmittag erfolgen soll. Im letzten Telefongespräch, das wir abgehört haben, war vom Stuttgarter Weihnachtsmarkt die Rede und anderen Menschen, die heute mit ihm sterben müssten.“

„Aber, wie sinn` Se denn auf mich gekommen? Wir sinn` des kleinste Polizeirevier Stuttgarts! Wir sinn` nur zu zweit hier“, erwiderte der Oberkommissar noch nicht ganz überzeugt.

„Ich bin gar nicht auf Sie gekommen, sondern hatte die Polizei-Zentrale Stuttgart angerufen, bin zweimal aus der Leitung geflogen, und jetzt bei Ihnen gelandet. Offensichtlich haben Sie momentan ein Verbindungsproblem. Ich habe auch schon zig E-Mails geschrieben, die alle zurückgekommen sind. Hören Sie, Sie müssen sich beeilen. Wir sind sicher, dass es eine ernstzunehmende Drohung ist. Wir bleiben in Kontakt!“

Der Staatsanwalt legte auf. Dem Freizeichen im Hörer zuhörend, blieb Schäfer noch eine Minute auf seinem Stuhl sitzen, als seine Gedanken schon ratterten.

Er sprang auf.

„Henning, kommet` Se mal her! Ich weiß ja, heut ist Ihr erster Tag, und Sie solltet` eigentlich nur im Büro sitzen und Akten durcharbeiten, aber wir habet` einen Hinweis auf eine Gewalttat auf dem Weihnachtsmarkt. Jemand will sich da umbringen und andere mit in den Tod nehmen. Wir müsset` dorthin! Aber vorher könnet` Se noch was recherchieren. Ihr jungen Leut` seid doch so flott mit dem Internet. Schauet` Se mal, ob Se zu der Sterbehilfeorganisation Organisation mit dem Namen Suavi…“

„Ach, Sie meinen „Der süße Kuss“.“

Der Oberkommissar schwieg perplex. Der Junge hatte was drauf!

„Genau! Was wisset` Se denn über die? Ich weiß zwar, dass die Sterbebegleiter in der Schweiz seit Jahren Hochkonjunktur habet`, aber dieses Suavi sagt mir persönlich nix.“

„Ich hab im letzten Semester an der Akademie einen Vortrag einer Schweizer Sterbehilfeorganisation besucht. Die wollten über ihre Arbeit informieren. Schwarze Schafe wie Suavi zerstören nämlich den Ruf solider Hilfsorganisationen, indem sie einfach Gift in der Gegend rumschicken, ohne persönliche Betreuung und Begleitung.“

„Mir persönlich ist es egal, wenn die Leut` für sich selbst Entscheidungen treffet`, solang` es nicht gesetzwidrig ischt, aber hier steckt mehr dahinter. Das sagt mir mein Inschtinkt! Überprüfet` Se, ob Se irgendeine Verbindung zwischen einem gewissen Rüdiger Riedel und der Organisation finden. Vielleicht gibt es auch Drohungen oder andere Botschaften. Der Staatsanwalt sprach von einem Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt. Vielleicht sticht Ihnen in Ihrem Internet was ins Auge. So ein Schlamassel, aber auch. Als ob wir mit der verdammten Demo nicht genug Ärger hättet`! Aber beeilet` Se sich. Es pressiert!“

Schäfer hatte noch nie viel Zeit mit Erklärungen verschwendet. Es war nicht seine Schuld, dass wegen der Sparmaßnahmen neuerdings nur noch zwei Beamte gleichzeitig Dienst tun durften, und er jetzt keinen andern als diesen Frischling von der Polizeiakademie zur Verfügung hatte. Aber manchmal waren die Jungen doch ganz pfiffig, wie er gerade festgestellt hatte.

„Ausgerechnet heute, wo die ganze Stadt sowieso schon in Alarmbereitschaft ist, wegen der Demo“, murrte Schäfer, als er zum Telefonhörer griff.

Ein paar Mal musste er die Nummer der Zentrale wählen, endlich erreichte er eine Telefonistin:

„Informieret` Se sofort alle Dienststellen und die auf dem Weihnachtsmarkt positionierte Polizisten. Wir habet` hier einen Warnhinweis von der Staatsanwaltschaft Bielefeld bekommen, den wir ernst nehmen müssen. Wir wisset´ zwar noch nichts genaues, aber Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, nicht? Mein junger Kollege versucht gerade, Einzelheiten zu recherchieren. Ich melde mich wieder, sobald ich mehr sagen kann!“

***


Florian Henning


Währenddessen ging Florian Henning diensteifrig an seinen Computer.
Als er „Weihnachtsmarkt Stuttgart“ und das heutige Datum eingab, öffnete sich sogleich ein Programm einer Podiumsdiskussion über Stuttgart 21, die als Gegenaktion zur Demo um halb sechs bei „Weihnachtsmann und Co.“ stattfinden sollte.

Da hatte er ja schon ein mögliches Motiv. Bei der Angelegenheit wurden die Gemüter in letzter Zeit immer hitziger.
Mist, das war ja schon bald! Und ausgerechnet dort wollte er abends seine Katja treffen. Alarmiert versuchte er seine Freundin auf dem Handy zu erreichen.

Als sich nach kurzer Zeit die Mailbox meldete, bat er dringend um Rückruf und widmete sich wieder seiner Recherche. Es fiel ihm nicht leicht, ruhig zu bleiben. Vielleicht war Katja jetzt schon in der Stadt unterwegs.

Florian gab „Rüdiger Riedel“ und „Suavisaviatio“ in die Polizei-Datenbank ein und fand eine Spur. Der Verdächtige hatte sich offensichtlich das Programm dieser Podiumsdiskussion auf dem Weihnachtsmarkt heruntergeladen und auf der Website zu einem der Gastredner hämische Äußerungen und den drohenden Satz hinterlassen: „Wer Sünde sät, wird Strafe ernten!“

Vielleicht hatte die geplante Tat doch nichts direkt mit dem Bahnhof sondern eher mit dem Redner persönlich zu tun?

Nachdem Florian mit Hilfe der Polizeisoftware auf den virtuellen Schriftverkehr zwischen Suavi und Riedel gestoßen war, war es ein Leichtes gewesen, auch noch seine Adresse in der Schottstraße im Stuttgarter Norden herauszubekommen. Dort sollte anscheinend auch die Übergabe des Giftes stattfinden. Als er weitere Spuren über den Großrechner verfolgte, stieß er außerdem noch auf die Bestellung einer Pistole, die Riedel demnach schon vor ein paar Tagen erhalten haben musste. Das hätten die aus Bielefeld aber auch rausbekommen müssen!

Florian sah auf die Uhr, kostbare Zeit war verstrichen.

Der junge Polizist bekam eine Gänsehaut und griff nochmal nach seinem Handy, um Katja anzurufen. Wieder konnte er sie nicht erreichen. Beunruhigt schrieb er eine SMS:

„Liebste, hab meinen 1. Einsatz! Wir suchen Verdächtigen am Weihnachtsmarkt, der bewaffnet ist. Bleib da weg!!! Melde mich später! dein Florian“

Die Sorge darüber, dass er Katja nicht erreichen konnte, versuchte er zu verdrängen und ging rasch zu seinem Vorgesetzten, der gerade herzhaft in eine dick bestrichene Butterbrezel biss...

Florian hielt seinem Chef schon die Jacke hin. „Wir müssen in die Schottstraße. Vielleicht erwischen wir ihn noch!“

***

Florian und der Oberkommissar rasten zur Schottstraße, trafen aber Riedel nicht mehr an. Die Übergabe hatten sie wohl verpasst. Sie machten kehrt, Florian lenkte den Streifenwagen nun Richtung Weihnachtsmarkt.

An der Planie bog er rechts ein.

„Ich finde es immer wieder unglaublich, dass die Leute denken, das Internet wäre eine gute Möglichkeit, um illegale Geschäfte abzuwickeln“, sagte Florian nachdenklich. „Dass ihnen nicht klar ist, dass auch wirklich jede einzelne Handlung eine Spur hinterlässt, die man zurückverfolgen kann!“

„Also ich wusst` des auch ned, aber dafür seid ja ihr Jungen da, nicht!?“, erwiderte Schäfer. „Zum Glück war die Staatsanwaltschaft Bielefeld schon so rührig, und Sie sind mir ja au ein richtiger Computer-Fachmann. Aber nun gebet` Se mal ein bisschen mehr Gas, junger Mann. Dafür habet` wir ja das Martinshorn!“

Über Funk wurden sie informiert, dass die Polizisten rund um den Stand von „Weihnachtsmann Co.“ positioniert waren. Die Streifenbeamten fahndeten auf den Straßen nach einem silberfarbenen Golf, der auf Riedel zugelassen war.

Florian war aufgeregt. Er fühlte sich sehr wichtig in seiner Uniform, nur die Waffe hing schwer in seinem Gurt. Er hoffte, er würde sie heute nicht benutzen müssen. Aber er war bereit dazu, wenn es nötig war.

Hinter einem Bus, der in zweiter Reihe stand, musste er kurz warten, bis er ausscheren konnte, als „Last Christmas“ im Radio ertönte. Das war Katjas Lieblingslied, was ihn noch nervöser machte. Er hoffte nur, dass sie seine Nachrichten erhalten hatte und sich wirklich vom Weihnachtsmarkt fernhielt.

Florian ließ das Martinshorn aufheulen, die Passanten liefen kopflos durcheinander und gaben endlich die Straße frei.
Er stieg aufs Gas. Da steuerte ein silberner Golf direkt auf ihn zu.

„Passet Se‘ auf!“, keuchte Schäfer.

Einbahnstraße, dachte Florian noch, dann dachte er nichts mehr…

***


Rüdiger Riedel


Endlich ist es soweit! Gleich kommt die Frau von Suavi, und dann nimmt alles seinen Lauf, sinnierte Rüdiger Riedel, als er sich seinen Nachmittagskaffee aufbrühte.

Er fühlte sich merkwürdig ruhig in seinen letzten Stunden und reflektierte noch einmal die Telefonate mit der Sterbehilfeorganisation: Ein paar Worte von schwerer Krankheit und starken Schmerzen, und schon waren sie sich einig gewesen. Nicht einmal einen ärztlichen Befund wollten sie sehen. 2.000 Euro, und damit waren alle Fragen erledigt gewesen! Nur das Geschäft zählte und sei es mit dem Tod. Wenigstens waren sie noch so gewissenhaft gewesen, ihn darauf hinzuweisen, dass der Tod durch das Gift schmerzhaft sein kann, überlegte er. Aber es würde schnell gehen, hatten sie sich beeilt zu versichern. Nicht, dass er doch noch absprang, was? Da hätten sie dumm geguckt.

Riedel war überrascht über seinen Galgenhumor. Immerhin plante er einen Mord und seinen Selbstmord. Aber was würde er schon verlieren, außer einem Leben voller Einsamkeit und Langeweile.

Außerdem: Mord war ein großes Wort. Früher hätte man das anders genannt, zum Beispiel seine Ehre wiederherstellen oder Genugtuung einfordern. Man könnte also fast sagen, dass er gar keine andere Wahl hatte, um nicht am Ende entehrt dazustehen!

Mit dem Kaffeebecher in der Hand tigerte er im Wohnzimmer auf und ab.

Und dann kam zu allem Übel noch der Bahnhof dazu oder vielmehr war der doch der Anfang des ganzen Unglücks!

Zuerst war es ihm als Wink des Himmels erschienen, dass er endlich wieder eine Aufgabe hatte. Es war für ihn nicht leicht gewesen, von jetzt auf nachher Rentner zu sein, erst ein wichtiges Mitglied der Gesellschaft, auf prestigeträchtigem Posten und dann mir nichts dir nichts in den Vorruhestand versetzt. Man müsste den Jüngeren Platz machen, er würde schon verstehen, „und immerhin kann sich die Abfindung sehen lassen, nicht wahr?“, hatte sein Vorgesetzter, dieser Bürstenschnabel gesagt - wenn man schon so hieß, konnte nichts Gutes heraus kommen - mit seinem typischen, schmierigen Grinsen. Als ob es ihm aufs Geld ankäme!

Als neue Aufgabe hatte er sich dann Stuttgart 21 auserkoren. Das Großprojekt um den Bahnhof hatte ihn von Anfang an fasziniert, und fälschlicherweise hatte er geglaubt, er könnte die Bürger mitreißen. Er hatte Schaubilder gemalt, unermüdlich Leserbriefe geschrieben, Reden vorbereitet eceterapepe. Aber interessiert hatte es niemanden. Von wegen Demokratie. Wollte doch keiner was mitentscheiden. Alle wollten nur meckern - hinterher, anstatt sich vorher Gedanken zu machen. Und seine brave Frau, von wegen bis ans Ende aller Tage. Nur wegen der paar Monate, die ihn die Vorbereitung der Reden und Briefe gekostet hatten. Sie hätte ja mithelfen können, aber sie interessierte der „verdammte Bahnhof“, den er angeblich nur noch im Kopf hatte, auch nicht. Ständig hatte sie an ihm rumgekrittelt, wenn er mal wieder an seinem Schreibtisch saß deswegen.

Aber dann war’s doch nicht sein „verdammter Bahnhof“, der sie zur Wohnung hinaus und in die Arme vom „so reizenden und freundlichen und immer hilfsbereiten“ Herrn Politiker getrieben hatte, dachte er grimmig. Als ob der keine andere abbekommen würde als die liebe Rosemarie Riedel. Der wollte sich sicher eine Weile von ihr anhimmeln und bekochen lassen, und dann das Weite suchen. Aber nicht mit ihm! Wenn Rosemarie nicht bei ihm bleiben wollte, sollte sie auch der Herr Politiker nicht bekommen. Und sie würde dann schon sehen, wie es sich anfühlte, ganz alleine dazustehen. Und der Politiker würde lernen, dass man nicht einfach jemandem die Frau wegschnappen durfte, ohne seine Strafe zu bekommen! Nicht, dass ihm Rosemarie noch so sehr am Herzen liegen würde - nach all den Jahren voller Nörgelei, aber was sollten die Leute von ihm denken! Erst wurde er in Frührente geschickt und dann von seiner Frau verlassen. Was zu viel war, war zu viel!

Dass es jetzt ausgerechnet ein Befürworter von Stuttgart 21 war, den er umbringen wollte, war bedauerlich, aber ließ sich nun nicht mehr ändern. „Umbringen“, das klang tatsächlich ziemlich hart, aber man war eben zu zart besaitet heute. Davon hätte sich ein „Baron von Innstetten“ bei Theodor Fontane auch nicht abhalten lassen. Endlich konnte Riedel beweisen, dass er ebenfalls ein Mann von Ehre war, wie der von ihm immer bewunderte Held des Klassikers.

Wenn der Zerstörer seiner Ehe die kleine Rede halten würde, bekäme er Applaus, und dann wäre Schuss mit lustig! Riedel musste laut lachen bei seinem Wortspiel, wurde aber sofort wieder ernst. Und dann schweigt der werte Herr Politiker für immer, wie es so schön heißt, beendete Riedel seine Gedankengänge und ließ sich zufrieden in seinen Lieblingssessel fallen.

Er bewunderte die weihnachtlich geschmückte Tanne im Garten seiner Nachbarin, als es pünktlich um 16.30 Uhr klingelte.

Riedel sprang auf und eilte zur Haustür.

Eine Frau in mittleren Jahren händigte ihm ein kleines Päckchen aus. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und war wenige Momente später wieder verschwunden.

Hat es wohl sehr eilig, wieder hier wegzukommen, lachte Riedel in sich hinein, das ist also die einfühlsame Betreuung, die einem im Internet versprochen wurde. Was soll‘s. Er brauchte kein Mitgefühl mehr. Jetzt, wo alles entschieden war, fühlte er sich richtig gut.

Er, Rüdiger Riedel, würde heute am 1. Advent ein Urteil vollstrecken.

Er war zu allem bereit. Die Schmerzen scheute er nicht, die Schmach war schlimmer. Ruhe wollte er endlich, und die würde er haben. Für immer. Schöne Aussicht. Mit einem gezielten Schuss wäre die Sache erledigt. Für ihn, für den Politiker und vielleicht auch für den Bahnhof, aber der war ihm inzwischen auch schon egal.

Riedel zog seinen Mantel über und verließ das Haus.

Um 16.50 Uhr fuhr er mit seinem VW Golf in die Dorotheenstraße, Ecke Stauffenberg Platz.

Jetzt musste er nur noch sein Auto irgendwo abstellen. Zyankali und eine Pistole zu besorgen, war doch tatsächlich leichter gewesen, als heute einen Parkplatz zu finden! Nicht, dass er Angst vor einem Strafzettel hätte. Aber er wollte bei den vielen Polizisten überall auf keinen Fall Aufmerksamkeit auf sich lenken. Langsam musste er sich wirklich ranhalten. Das wäre der Hohn: Sein Leben lang war er immer pünktlich und dann beim wichtigsten und letzten Mal sollte er den richtigen Moment verpassen. Nein, das würde nicht geschehen. Er musste nur die Nerven bewahren und jetzt keinen Fehler machen. Es würde schon alles klappen. Und danach käme die Kapsel dran. Denn für Gefängnis war er nun wirklich zu alt.

Als Riedel nach links in die Münzstraße einbiegen wollte, stellte er fest, dass sie für die Zeit des Weihnachtsmarktes nur in umgekehrter Richtung befahrbar war.

Langsam wurde er nervös. Er musste dort entlang fahren, alle anderen Straßen waren verstopft mit Autos. Überall nur Bremslichter und die Zeit rannte ihm davon. Es war bald soweit.

Kurz entschlossen bog er gegen die Fahrtrichtung in die Einbahnstraße ein.

Dem ausscherenden Bus konnte er noch rechtzeitig ausweichen. Doch für den entgegenkommenden Streifenwagen war es zu spät...

***


Katja Siegle


Katja Siegle liebte Weihnachten. Sie liebte ihr Stuttgart, das sie gegen jeden Kritiker verteidigte, sie liebte die Adventszeit und sie liebte den Weihnachtsmarkt. Ihrer Meinung nach gab es wahrscheinlich kaum eine Frau auf der Welt, der es so gut ging wie ihr: Sie hatte einen tollen Job, sie war gesund und nun hatte sie auch noch ihren Florian.

Sie waren zwar erst in ein paar Stunden verabredet aber Katja lief gern allein über den Weihnachtsmarkt, schaute sich die wunderschön geschmückten Dächer an, lauschte den Kindern, die an jeder Ecke ihre Weihnachtslieder sangen und schnupperte nach den appetitmachenden Wohlgerüchen, wie gebrannten Mandeln oder frischen Waffeln.

Da fiel ihr ein, dass sie Florian noch fragen wollte, ob es bei ihrer Verabredung bleiben würde. An seinem ersten Arbeitstag konnte bestimmt auch was dazwischenkommen. Sie kramte in ihrer Tasche nach dem Handy, fand es aber nicht, sie musste es zu Hause vergessen haben. Ach egal, Florian würde schon zur vereinbarten Zeit zu ihrem Lieblingsstand kommen.

Die Fußgängerzone war festlich geschmückt, und aus allen Geschäften erklangen Weihnachtsmelodien. Wirklich, sie konnte einfach nicht glücklicher sein.

Lächelnd wickelte die junge Frau ihren Schal zum Schutz gegen den eisigen Wind noch ein bisschen enger und stellte sich an den Tresen von „Weihnachtsmann Co.“.

Es waren sehr viele Polizisten unterwegs, ein Podium war aufgebaut, augenscheinliche wichtige Menschen in Anzügen wuselten herum. Ausgerechnet jetzt an ihrem Stand... Quietschende Bremsen in der Ferne und ein lauter Knall rissen sie aus ihren Gedanken.

Katja blickte besorgt in die Richtung des Lärms, da sah sie einen grauhaarigen Mann auf sie zu rennen.

Als er kurz vor ihr zum Stehen kam, erblickte sie die Pistole in seiner Hand.

Gerade, als er einen weiteren Schritt auf Katja zumachte, stellte sich ihm ein Mann in den Weg, der offensichtlich die Waffe noch nicht gesehen hatte.

„Vorsicht!“, rief Katja ihm zu, doch dann konnte sie nichts mehr erkennen, weil die beiden Männer von drängelnden Passanten verdeckt wurden. Hilfesuchend sah sich Katja nach einem Polizisten um, eben war doch noch alles voll von denen gewesen.

***


Letzter Akt


Nach einem kurzen Blick zu Schäfer, der, offensichtlich unverletzt, den Airbag zur Seite schob, stieg Florian aus dem Streifenwagen, um den Unfallgegner zu verfolgen. Der war aus seinem Auto geklettert und im Begriff, in der Menge zu verschwinden.

Als Florian ihm hinterher lief, erkannte er Katja zwischen den Umherstehenden.

„Verdammt!“ Er drängte sich durch die Menschen, dem Flüchtigen hinterher. Katja ließ er dabei nicht aus den Augen.

Um den Flüchtenden hatte sich eine kleine Menschengruppe gebildet. Florian hörte, wie ein Mann ihn anschrie:

„He, ich kenne Sie doch. Sie waren das vorhin in dem Golf. Wie wär’s mit ‘ner Entschuldigung? He, sag ich, bleiben Sie stehen!“

Währenddessen hielt er den sich Windenden entschlossen am Ärmel fest.

Florian war endlich bei der kleinen Gruppe angelangt, als er die Waffe des Flüchtigen entdeckte. Er zog seine Pistole, doch da zuckte der Mann krampfartig, hielt sich an einer sichtlich erschrockenen Frau fest und sank zu Boden.

Katja schrie.

Von allen Seiten kamen Polizisten auf sie zu.

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