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1113 Seiten Science Fiction Abenteuer Paket: In die Zukunft und nicht zurück

1113 Seiten Science Fiction Abenteuer Paket: In die Zukunft und nicht zurück

Alfred Bekker et al.

Published by Alfred Bekker präsentiert, 2018.

Inhaltsverzeichnis

Title Page

1113 Seiten Science Fiction Abenteuer Paket: In die Zukunft und nicht zurück

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Chronik der Sternenkrieger – Kolonisten

Chronik der Sternenkrieger

Übersicht über die Serie “Chronik der Sternenkrieger”

Das Raumschiff der Unheimlichen

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In der Zukunft gestrandet

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Prolog

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Epilog

Der Fall der Megapolen

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Prolog

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Mega Killer – Hetzjagd im All

Teil 1

Teil 2

Teil 3

Teil 4

Teil 5

Teil 6

Teil 7

Teil 8

Alienjäger z.b.V. – Sie sind unter uns (Gesamtausgabe, Teil 1-8)

Further Reading: 30 Sternenkrieger Romane - Das 3440 Seiten Science Fiction Action Paket: Chronik der Sternenkrieger

Also By Alfred Bekker

Also By Konrad Carisi

Also By W. W. Shols

Also By W. A. Hary

About the Author

About the Publisher

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1113 Seiten Science Fiction Abenteuer Paket: In die Zukunft und nicht zurück

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Dieses Buch enthält diese SF-Abenteuer:

Alfred Bekker: Kolonisten

W.W.Shols: Das Raumschiff der Unheimlichen

Konrad Carisi: In der Zukunft gestrandet

W.A.Hary: Der Fall der Megapolen

Alfred Bekker: Hetzjagd im All

Alfred Bekker: Alienjäger z.b.V.: Sie sind unter uns

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JAHRHUNDERTELANG HATTE sich das Leben mehr und mehr in den Großstädten konzentriert. Die Folge waren Millionenmetropolen, in denen für jeden Bürger der Tagesablauf streng reglementiert war. Wer aus der Reihe tanzte, brachte die Ordnung durcheinander und stellte sich außerhalb jeder Gemeinschaft. Das jedenfalls hämmerten die Ordnungsdienste den Bürgern ein.

Doch Vertrauen brachten die Ordnungshüter ihren Bürgern nicht entgegen – alle diese gewaltigen Städte waren von einem Schirmfeld umgeben, das einen Ausbruch aus der Stadtgemeinschaft verhinderte.

Als die Kugel der Zeitspringer in einem solchen Schirmfeld erschien, brach das energetische Schutzgitter zusammen und entließ einige tausend Bürger in eine ungewisse Freiheit.

Der Strom der Fliehenden riss die Zeitspringer mit ...

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ALFRED BEKKER IST EIN bekannter Autor von SF, Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, Jack Raymond, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

Titelbild: Steve Mayer nach Motiven von Pixabay

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Chronik der Sternenkrieger – Kolonisten

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von Alfred Bekker

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© DIGITAL EDITION 2013 AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich (Westf.)

www.AlfredBekker.de

Alle Rechte vorbehalten

Vergangenheit 2241...

An Bord der STERNENKRIEGER...

Commander Willard J. Reilly schlug die Beine übereinander und lehnte sich im Schalensitz des Kommandanten zurück. Der Blick war auf den großen Panoramaschirm gerichtet. Flirrende Lichterscheinungen waren dort zu sehen, dahinter ein zylinderförmiges Objekt, bei dem es sich nur um den Leichten Kreuzer PLUTO unter Commander Steven Van Doren handeln konnte.

Die Entfernung zwischen beiden Schiffen betrug kaum 10.000 Kilometer.

Plötzlich war die PLUTO vom Schirm verschwunden.

»Captain, die PLUTO hat die Passage genommen«, stellte Lieutenant Sara Majevsky, die Ortungs-

und Kommunikationsoffizierin der STERNENKRIEGER fest.

»Ob sie wirklich dort angekommen ist, wo wir es erwarten, werden wir ja gleich sehen«, kommentierte Reilly.

Im Verlauf des letzten Jahres hatte es einen regen Verkehr durch Wurmloch Alpha gegeben. Millionen Menschen waren nach Trans-Alpha ausgewandert, um sich auf erdähnlichen Planeten niederzulassen, von denen es in diesem 50.000 Lichtjahre entfernten Raumsektor mehr als genug zu geben schien.

Eigentlich hätte eine Passage durch das Wurmloch inzwischen Routine sein müssen.

Auch für Captain Reilly und die STERNENKRIEGER war es keineswegs das erste Mal, dass sie diese Abkürzung durch die Raumzeit passierte und in Nullzeit an einen Ort gelangte, der so weit entfernt war, dass selbst die Signale des stärksten derzeit herstellbaren Sandström-Senders viele Jahre gebraucht hätten, um das bisherige Territorium der Menschheit zu erreichen.

»Einflugvektor ist optimal«, meldete Ruderoffizier Lieutenant Abdul Rajiv. »Die Geschwindigkeit ist jetzt auf 0,02 LG gedrosselt. »Was ist mit der Raumzeit-Strukturintegrität?«, erkundigte sich Lieutenant Commander Thorbjörn Soldo, der sich Ortungsdaten auf seine Konsole geladen hatte. »Ich erkenne hier ein paar Subraumanomalien – wahrscheinlich verursacht durch einen Schauer fünfdimensionaler Strahlung.«

»Liegt alles innerhalb der Nennwerte«, erklärte Rajiv.

»Nicht ganz«, meldete sich nun ein etwa dreißigjähriger Mann zu Wort, der eine dunkelbraune Kutte trug. Sein Name war Bruder Padraig und er war ein Berater mit Offiziersprivilegien an Bord

der STERNENKRIEGER. 

Normalerweise hätte er gar keinen Platz auf der Brücke gehabt, aber Captain Reilly hatte dafür gesorgt, dass für ihn ein provisorischer Konsolenplatz eingerichtet worden war. Bruder Padraig war mit Leib und Seele Wissenschaftler. Sein besonderes Steckenpferd war die Erforschung von Zwischenraumphänomenen. Er hatte sich auch für das Wissenschaftlerteam beworben, das sich an Bord eines ständig im Alpha Picus System präsenten Forschungsraumschiffs befand, aber er war nicht genommen worden, obwohl seine Qualifikationen erstklassig waren.

Bruder Padraig hatte das ohne zu klagen hingenommen, während Reilly durchaus eine ganz persönliche Erklärung dafür hatte, dass man eher zweitklassige Forscher dem Olvanorer vorgezogen hatte. Das Forschungsschiff, dessen Aufgabe es war, das Wurmloch ständig zu beobachten, wurde von Far Galaxy gesponsert. Und dieser Konzern bevorzugte natürlich Wissenschaftler, die auf der eigenen Gehaltsliste standen.

Captain Reilly wandte sich zu Padraig herum. »Sie hatten einen Einwand?«

»Diese Strahlenschauer sind ein deutliches Zeichen für das, was die Wissenschaftler von der FAR GALAXY ENDEAVER inzwischen als Tatsache ansehen: dass nämlich Wurmloch Alpha nur noch für maximal ein paar Monate passierbar sein wird und zunehmend instabil wird!«

»Dann können wir nur hoffen, dass die Wissenschaftler diesmal mit ihren Annahmen recht haben und wir tatsächlich noch für einige Wochen oder Monaten die Passage benutzen können«, äußerte sich Lieutenant Commander Soldo. »Ich denke, keiner von uns ist scharf darauf, dort drüben zurückzubleiben, wenn sich das Tor zwischen den Sternen wieder schließt!«

»Wobei keiner von uns sagen kann für wie lange der Zugang unmöglich sein wird«, ergänzte Lieutenant Chip Barus, der Waffen- und Taktikoffizier an Bord der STERNENKRIEGER.

»Wir werden sehen, wie die Siedler auf die Neuigkeiten reagieren«, sagte Reilly.

»Wurmloch Passage steht unmittelbar bevor!«, meldete Lieutenant Rajiv.

Der Anzeige auf dem Panoramaschirm nach schien die STERNENKRIEGER in einen Schlund hineinzustürzen.

Im nächsten Moment zeigten sich veränderte Sternkonstellationen.

»Passage war erfolgreich!«, meldete Rajiv. »Wir empfangen die Identifikationssignale der NEPTUN und 17 weiterer Space Army Corps Schiffe, darunter die GUARDIAN von Commodore Fabri.«

»Ruder, steuern Sie die vereinbarten Rendezvous-Koordinaten unseres Verbandes an.«

»Aye, aye, Sir!«

Reilly wandte sich an Soldo. »Sie haben die Brücke, I.O..«

»Jawohl, Captain.«

Reilly erhob sich und verließ die Zentrale durch einen seitlichen Ausgang, der in sein Besprechungszimmer führte.

Die Schiebetür schloss sich hinter ihm.

*

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COMMODORE NORMAN FABRI, Kommandant der Dreadnought GUARDIAN und außerdem gegenwärtig der Befehlshaber eines aus 17 Einheiten bestehenden Flottenverbandes, berief etwa eine halbe Stunde später über Sandström-Funk eine Konferenz aller Kommandanten ein, die an diesem Einsatz beteiligt waren. Auf dem in die Wand integrierten Großbildschirm in Captain Reillys Raum erschienen die Video-Streams von den einzelnen Schiffen in kleinen, abgeteilten Fenstern. Die Gesichter der jeweiligen Kommandanten waren darin zu sehen.

In einem sehr viel größeren Bildfenster erschienen Gesicht und Oberkörper von Commodore Fabri.

»Die Mission, mit der wir jetzt betraut sind, ist mehr als heikel. Wie Sie alle den Ihnen zugesandten Dossiers entnehmen konnten und wie sich inzwischen sogar schon in den Medien herumgesprochen hat, wird Wurmloch Alpha nicht stabil bleiben. Wir müssen damit rechnen, dass es wieder völlig verschwindet und wir somit unseren Zugang in die Region Trans-Alpha und unsere dortigen Kolonien verlieren. Wann und ob sich das Wurmloch rekonstituieren wird, ist völlig ungewiss. Bislang streiten sich unsere Experten noch immer darüber, ob es sich um ein natürliches Phänomen handelt oder ob es künstlichen Ursprungs ist. Die Gesetzmäßigkeiten, nach denen das Wurmloch sich öffnet und wieder schließt, sind uns leider vollkommen unbekannt.« Commodore Norman Fabri atmete tief durch. »Unser Auftrag ist äußerst unangenehm: Wir müssen den Kolonisten sagen, dass die Humanen Welten maximal noch sechs Monate – wahrscheinlich aber weniger lang – dazu in der Lage sein werden, die Verbindung zu ihnen aufrechtzuerhalten. Sie haben in dieser Zeit die Möglichkeit zurückzukehren oder sie müssen sich darauf einstellen, vollkommen auf sich allein gestellt zu existieren. Jeder von Ihnen bekommt ein oder mehrere Systeme zugeordnet, die sie anfliegen, um die Kolonisten entsprechend zu informieren. 

Entsprechende Nachrichten sind über Sandström-Funk bereits im Umlauf, aber in dem einen oder anderen Fall wird etwas Überzeugungsarbeit nötig sein, um die Menschen, die sich gerade eine neue Existenz aufgebaut haben, zur Rückkehr zu bewegen. Die Taralon-Kolonien mögen mit ihren insgesamt 5 Millionen Einwohnern ja notfalls – wenn auch unter Schwierigkeiten – allein überlebensfähig sein. Für einen Großteil der kleineren Ansiedlungen, wo vielleicht nur wenige tausend Menschen leben, die darüber hinaus von Hilfslieferungen abhängig sind und sich noch im Aufbau befinden, dürfte das nicht gelten. Versuchen Sie diplomatisch zu sein und stellen Sie den Siedlern jede nur erdenkliche Hilfe in Aussicht. Näheres findet sich in den Dossiers, die Ihnen mit dem Datenstrom zugegangen sind. Gibt es noch irgendwelche Fragen?«

Captain Van Doren von der PLUTO meldete sich zu Wort.

»Sir, in meinem Dossier war von einer Frachterflotte die Rede, die bereit stünde, um die Rückkehrwilligen sofort aufzunehmen!«

»Das ist richtig. Das Eintreffen dieser Frachterflotte hat sich leider etwas verzögert. Während Sie die Ihnen zugewiesenen Systeme aufsuchen, wird die GUARDIAN hier auf die Frachterflotte warten und deren Einsatz koordinieren. Fordern Sie jeweils das für die jeweilige Welt angemessene Transportvolumen an – allerdings wird insbesondere die Evakuierung der Taralon-Kolonien nur nach und nach möglich sein.« Commodore Fabri machte eine kurze Pause und fuhr dann fort: »Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, sind unter anderem Sie für das Taralon-System eingeteilt, Commander Van Doren!«

»Richtig«, stellte Van Doren fest.

»Machen Sie den Vertretern der planetaren Administrationen klar, wie ernst die Lage ist. Es mag ein romantischer Gedanke sein in einem völlig fremden Sternengebiet einen eigenen, unabhängigen Zweig der Menschheit zu gründen – aber die Gefahr, dass dieser Zweig abstirbt, ist nicht zu unterschätzen!«

*

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DIE STERNENKRIEGER hatte insgesamt drei Systeme anzufliegen, die sich im Abstand von jeweils nur wenigen Lichtjahren zum Trans-Alpha-Ausgang des Wurmlochs befanden, wo die GUARDIAN als eine Art mobiler Befehlszentrale wartete.

Über Sandström-Funk hielt Commodore Fabri ständig Kontakt zu den an dem Einsatz beteiligten Space Army Corps Schiffen.

Funkkontakt zum Oberkommando auf der Alpha-Seite des Wurmlochs war natürlich nicht ohne weiteres möglich.

Botschaften von der anderen Seite der Galaxis hätten Jahre gebraucht, um die 50.000 Lichtjahre zu überbrücken. Und das auch nur theoretisch, denn es gehörte bislang zu den ungeklärten Fragen der Sandström-Physik, ob ein Signal von der Stärke, wie die gegenwärtig in Gebrauch befindlichen Überlichtsender es zu erzeugen vermochten, sich tatsächlich über unbegrenzte Distanzen im Sandström-Raum fortzusetzen vermochte, oder ob es schlicht und ergreifend verloren ging.

Dazu gab es verschiedene Theorien, die aber alle den entscheidenden Nachteil hatten, dass sich keine von ihnen bisher experimentell hatte beweisen lassen.

Die Verbindung zum Oberkommando des Space Army Corps und dem Humanen Rat wurde durch den Zerstörer KENSINGTON unter Captain Mark Akato sichergestellt. Der Zerstörer pendelte als Kurierschiff zur Alpha-Seite des Wurmlochs, um von dort aus Sandström-Funktransmissionen zu empfangen oder abzusenden.

Als Erstes steuerte die STERNENKRIEGER das Queen-System an, wo es auf den erdähnlichen Planeten Elizabeth und Maria Stuart kleinere Ansiedlungen von jeweils nicht mehr als 5000

Personen gab.

Die schlechten Neuigkeiten für die Kolonisten hatten sich bereits über einige Medien verbreitet, die per Sandström-Funk von Taralon aus übertragen wurden.

Eine Abstimmung unter den Kolonisten des Queen-Systems hatte ergeben, dass mehr als zwei Drittel der Siedler im Zweifel dafür waren, auf die Alpha-Seite des Wurmlochs zurückzukehren. Eine entsprechende Transporttonnage wurde geordert und von Commodore Fabris GUARDIAN bestätigt.

Danach ging es für die STERNENKRIEGER drei Lichtjahre weiter zum DiMario-System, wo lediglich zwei Dutzend Prospektoren auf einem sehr Manganhaltigen Asteroidengürtel überzeugt werden mussten, ihre Minen innerhalb der nächsten Wochen und Monate aufzugeben. Über Transportkapazitäten verfügten diese Prospektoren zu genüge, sodass sie keiner weiteren Unterstützung bedurften.

Zehn Lichtjahre vom DiMario-System entfernt zogen insgesamt 20 Planeten ihre teilweise gegeneinander verschobenen Bahnen um eine Sonne namens Ambrais.

Auf Ambrais VII gab es eine Gruppe von 7000 Menschen, die überwiegend in mehreren Siedlungen im Äquatorgebiet lebten.

Die STERNENKRIEGER trat mit 0,3 LG aus dem Sandström-Raum aus und leitete ihr Bremsmanöver ein. Fast neun Stunden würden vergehen, ehe die Geschwindigkeit des Leichten Kreuzer so weit gedrosselt werden konnte, um in den Orbit von Ambrais VII einschwenken zu können.

»Setzen Sie sich mit der planetaren Administration in Verbindung und kündigen Sie unser Eintreffen an, Lieutenant Majevsky!«, wandte sich Captain Reilly an die Kommunikationsoffizierin.

»Aye, Captain!«

Wenig später konnte eine Verbindung zum Sandström-Sender in Ambrais City hergestellt werden.

Ein bärtiger Mann mit feuerroten Haaren erschien dort. Er trug eine Kombination mit dem Logo der Ambrais Holding, einer Aktiengruppe, die über neunzig Prozent der Kolonisationskosten des Ambrais-Systems übernommen hatte, wofür sie für mehrere Jahrzehnte den Löwenanteil des Steueraufkommens der Kolonie überschrieben bekam und außerdem ein Monopol auf das Transport- und Kommunikationswesen erhalten hatte.

»Mein Name ist Greg Domson. Ich bin der planetare Administrator von Ambrais und in diesem Amt von den Bürgern unseres Planeten mit großer Mehrheit gewählt worden.«

»Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Ich bin Commander Willard J. Reilly, Captain des Leichten Kreuzers STERNENKRIEGER im Dienst des Space Army Corps.« 

»Normalerweise sind uns Space Army Corps Schiffe sehr willkommen. Leider hat sich Ihr Verein hier draußen im vergangenen Jahr ziemlich rar gemacht – und dabei hätten wir Ihre Hilfe gegen die Nosronen ziemlich gut gebrauchen können!«

»Wer bitte sind die Nosronen?«, fragte Reilly stirnrunzelnd.

»Eine Spezies von angriffslustigen Höhlenbewohnern, weswegen wir sie zunächst auch gar nicht bemerkt haben, als wir begannen, auf Ambrais VII zu siedeln. Ein Trupp Ihrer Marines hätte das Problem wahrscheinlich im Handumdrehen gelöst und diesen Erdwühlern mal richtig Respekt beigebracht. Aber leider hat es ja keiner von diesen Offiziersärschen für nötig befunden, sich mal hier draußen umzusehen, ob da ein paar tapfere Kolonisten vielleicht etwas Hilfe nötig hätten!«

Der Ton, den dieser Siedlerführer an den Tag legte, ging Captain Reilly gehörig gegen den Strich.

Aber er entschied sich, seinen Ärger zunächst einmal hinunterzuschlucken. Was glaubt der Kerl eigentlich, wofür das Space Army Corps da ist? Ganz sicher jedenfalls nicht, um Siedlern, die es nicht fertig bringen, sich mit einheimischen Intelligenzen zu verständigen, den Weg freizuschießen!

Reilly verkniff sich auch einen Hinweis darauf, dass der Planet gar nicht für die Besiedlung hätte freigegeben werden dürfen, wenn schon im Vorhinein bekannt gewesen wäre, dass er von einer offenbar intelligenten Spezies bereits besiedelt wurde.

»Die schlechte Nachricht, die Sie überbringen sollen, ist Ihnen bereits vorausgeeilt, Captain Reilly«, sagte Domson. »Aber wenn Sie glauben, Sie könnten uns davon überzeugen, hier alles aufzugeben, was wir uns im Verlauf des letzten Jahres aufgebaut haben, dann sind Sie schief gewickelt.«

»Jeder von Ihnen kann selbst entscheiden«, sagte Reilly. »Wer im Trans-Alpha-Gebiet bleiben will, soll das tun. Er darf sich nur nicht mehr auf den Schutz des Space Army Corps verlassen.«

Domson lachte heiser. »Darauf haben wir uns bisher auch nicht verlassen können«, knurrte er düster.

»Wie auch immer. Wir werden in einigen Stunden im Orbit von Ambrais VII ankommen und dann mit einer Fähre landen. Ich denke, dass wir dann alles Weitere besprechen.«

»Sie können gerne weiterfliegen, Captain Reilly! Die Schauermärchen, mit denen Sie den Siedlern hier den Mut nehmen wollen, sollten Sie sich besser sparen! Domson Ende.«

Die Verbindung wurde abrupt beendet, und Domsons zorniges Gesicht verschwand vom Hauptschirm.

»Es scheint, als wäre mit dem nicht gut Kirschen essen, Captain«, kommentierte Lieutenant Commander Soldo den Auftritt des Siedlerführers.

Reilly atmete tief durch. »Das können Sie laut sagen.« Er wandte sich an Bruder Padraig. »Ich glaube, in diesem Fall ist das besondere diplomatische Geschick eines Olvanorers gefragt!«

»Ich werde tun, was ich kann«, erwiderte Padraig. »Aber wenn Sie von unserem besonderen diplomatischen Geschick sprechen, dann ist das vielleicht nichts anderes als ein positives Vorurteil.«

»Und wenn schon! Hauptsache, die andere Seite glaubt auch daran und hält Sie für einen ehrlichen Makler, Padraig!«

»Sie haben eine sehr pragmatische Sicht der Dinge, Captain.«

»Mir scheint, die Einschätzung von Mister Domson im Hinblick auf die Einstellung der Siedler zu einem eventuellen Exodus entspricht wohl auch mehr seinem Wunschdenken als den Tatsachen«,

meldete sich nun die Kommunikationsoffizierin zu Wort. Sara Majevsky ließ ihre Finger über die Sensorfelder ihrer Konsole gleiten und nickte leicht, ehe sie fortfuhr. »Ich habe einiges von dem Funkverkehr der Siedler untereinander auffangen können. Da es sich nicht um Sandström-Funk-Transmissionen handelt sind diese Funkbotschaften von Ambrais VII natürlich einige Stunden veraltet. Aber sie zeigen, dass unter den Siedlern von Ambrais offenbar ein heftiger Streit darüber entbrannt ist, wie ihre Zukunft aussehen soll. Ein erheblicher Teil von ihnen scheint den Gedanken an einen Exodus gar nicht so schlimm zu finden, was wohl auch mit den Überfällen dieser Nosronen zu tun hat.«

»Wir werden uns die Situation vor Ort mal genauer ansehen«, erklärte Captain Reilly.

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KA-AKON HÖRTE DEN GESÄNGEN der Grabkräfte zu, die an den Kurbeln des großen Schaufelbaggers saßen, der den Stollen unerbittlich vorantrieb. Der durchschnittliche Fortschritt betrug dabei eine Hinterbeinlänge pro Hungerperiode. Das war weit entfernt von den Rekordwerten, zu denen nosronische Grabkommandos fähig waren, aber Ka-Akon war in Anbetracht der Tatsache, dass die Grabkräfte es mit sehr hartem, gesteinsreichen Erdreich zu tun hatten, ganz zufrieden.

Der Befehlshaber der Abwehreinheit im Dienst des Tyrannen der Vereinigten Republik aller Nosronen hatte die besten Grabkräfte für diesen Auftrag angefordert. In diesen tiefen Regionen konnte die Hitze schier unerträglich werden.

Unerträglich für die sehr empfindlichen, nur zur Infrarotsicht fähigen Augen der Nosronen, mit deren Hilfe sie sich in der vollkommenen Dunkelheit orientieren konnten.

Aber bei diesen Stollen durfte das Explosivpulver, das ihnen ansonsten den Weg durch jede Felsformation geebnet hatte, nicht verwendet werden. Zu nahe waren sie dem Feind, jenen grausamen Göttern, deren Rückkehr sie verhindern mussten.

Im Verlauf der letzten Eigendrehung ihres Planeten, der für sie einfach »die Welt« war, hatten sich die grausamen Sternengötter mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit an verschiedenen Stellen festgesetzt. Es würde schwer werden, sie wieder zu vertreiben. Aber die Vereinigte Republik aller Nosronen war darauf vorbereitet. Sie waren den Worten des Propheten Ka-Nomsis gefolgt, der die Nosronen in seinen hinterlassenen Schriften dazu aufgefordert hatte, im Falle der Rückkehr der Sternengötter die gegenseitigen Zwistigkeiten aufzugeben und einen Tyrannen zu bestimmen, der den Abwehrkampf anführen konnte.

Genau das war – nach heftigen Debatten – auch geschehen.

Ka-Tebastos war zum Tyrannen auf die Zeit der Abwehr gewählt worden. Ka-Akon hatte ihn als seinen Befehlshaber anerkannt, so wie alle anderen Nosronen auch. Es zählten keine anderen Gegensätze mehr. Keine Konflikte zwischen Sippen, Stämmen, Priesterschulen oder was sonst auch immer zwischen ihnen stehen mochte, hatte jetzt noch eine Bedeutung.

Ka-Akon war ein Priester.

Aufgabe der Priester war es, die Götter bei ihrer Rückkehr abzuwehren und zu verhindern, dass sie den sterblichen Nosronen nahe genug kamen, um ihre Gedanken zu beherrschen. Es gab Legenden, nach denen es in sehr ferner Vergangenheit, zu jener Zeit, als Götter noch auf der Welt weilten, einmal Aufgabe der Priester gewesen war, den Göttern zu dienen.

Aber das glaubte fast niemand mehr.

Und da es in den heiligen Worten von Ka-Nomsis keinerlei Hinweis darauf gab, glaubte auch Ka-Akon nicht daran. Die Heiligen Worte des Propheten waren die Grundlage all dessen, was Ka-Akon tat. In diesen Überlieferungen hatte Ka-Nomsis genauestens kundgetan, was zu tun wäre, falls die Götter eines Tages doch zurückkehrten. Mochten die Mächte des Guten dies möglichst verhindern!

Aber eines Tages würde es geschehen.

Generationen von Priestern waren ausgebildet worden, ohne jemals ihre eigentliche Aufgabe ausgeführt zu haben. Es war glücklicherweise nicht nötig gewesen, denn von den Sternengöttern hatte sich keiner auf jene Welt zurückgewagt, die sie in Schimpf und Schande vor undenklich langer Zeit verlassen hatten.

Aber nun war der Augenblick gekommen, auf den Ka-Akon und die anderen Priester ihr ganzes Leben ausgerichtet hatte.

Der Priester umfasste den Donnerstab.

Niemand außer den Priestern war es gestattet, diese Waffe zu tragen, die im Übrigen auch ausschließlich gegen die Götter der Außenwelt eingesetzt werden durfte. Der Sinn dieses schon von Ka-Nomsis überlieferten und ausführlich kommentierten Gesetzes war einleuchtend. Es sollte verhindert werden, dass jeder x-beliebige Sippenstreit mit diesen furchtbaren Explosivwaffen ausgefochten wurde, bei denen mit einer glimmenden Lunte Pulver zur Explosion gebracht wurde, dass wiederum eine Kugel aus Metall oder einen glatt geschliffenen Stein durch ein Metallrohr feuerte.

Es war eine furchtbare Waffe – aber den Göttern standen noch weitaus furchtbarere Waffen zur Verfügung und so hatte selbst der von seiner Grundtendenz her pazifistisch eingestellte Prophet Ka-Nomsis ihren Einsatz gegen sie gerechtfertigt.

Dreihundertvierundvierzig Lehrsätze gab es allein zu diesem Punkt. Jeder der Priester hatte sie auswendig zu lernen und zu verinnerlichen.

»Aufhören!«, rief einer der Nosronen mit piepsender, schriller Stimme. »Aufhören!«

Es war Ka-Mantalas, der Geometer. Mit seiner schaufelartigen, zehnfingrigen Hand hielt er eine Tafel, in die er mit einem nagelartigen Griffel zahllose Linien eingezeichnet hatte. Es handelte sich um einen Plan. Die Unebenheiten in der Oberfläche waren im Infrarotlicht sichtbar, da die Wärmeabstrahlung dadurch um einen winzigen, kaum messbaren Unterschied abwich.

Das war Götterwissen.

Inzwischen galt die Anwendung von Götterwissen nicht mehr grundsätzlich als böse und zwar dann nicht, wenn dadurch medizinische Hilfe geleistet werden konnte, was in diesem Fall zweifellos zutraf. Schließlich war es notwendig zu wissen, wie ein nosronisches Auge funktionierte, wenn man etwas gegen die grassierende und sehr ansteckende Sandblindheit tun wollte, die durch Flöhe übertragen wurde.

Der zweite Grund, um gerechtfertigt Götterwissen anzuwenden, war die Abwehr der alten Herren, die einst mit aller Unerbittlichkeit über die Welt geherrscht hatten.

»Was ist los?« Ka-Akon trat auf den Geometer zu.

Die Grabkräfte hatten inzwischen die Arbeit eingestellt.

»Nach meinen Berechnungen haben wir genau den Ort erreicht, an dem wir das Pulver zur Explosion bringen wollen!«, erklärte Ka-Mantalas.

»Nur die Hauptladung«, korrigierte Ka-Akon.

»Oh, ich vergaß! Was die Bekämpfung der Götter angeht, so ist das deine Profession. Ich kann dir nur berechnen, wo wir uns befinden und welche Gebäude der Sternengötter sich über uns befinden.«

»Es müssen von hier aus noch die beiden Seitenstollen gegraben werden!«, verlangte Ka-Akon.

»Ich halte das für überflüssig«, sagte Ka-Mantalas.

»Wie du schon mal erwähnt hast – das fällt in meine Profession. Ich will, dass das Haus der Götter in sich zusammenfällt wie ein matschiger Komantoli-Baum, wie er auf den nördlichen Ebenen wächst, dessen verfaultes Wurzelwerk von den Kaseri-Zikaden zerfressen wurde!«

*

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CAPTAIN REILLY HATTE sich für ein paar Stunden in seiner Kabine aufs Ohr gehauen. Bis die STERNENKRIEGER den Orbit um Ambrais VII erreicht hatte, würde sich kaum etwas Wichtiges ereignen, das seine Anwesenheit verlangte. Danach hatte er vermutlich um so mehr zu tun.

Er dachte daran, selbst das Außenteam zu leiten und damit die ganze Autorität eines Space Army Corps Captains in die Waagschale zu werfen, um die Bewohner von Ambrais VII zur Rückkehr auf die Alpha-Seite des Wurmlochs zu bewegen. Die Überlebenschancen der Kolonie waren, objektiv betrachtet, miserabel. Reilly hatte sich das entsprechende Dossier noch einmal angesehen. Hauptgrund für die schlechte Prognose war dabei gar nicht einmal in erster Linie die geringe Einwohnerzahl der drei bisherigen Siedlungen. Der wichtigste Faktor war die Tatsache, dass die Siedler es nicht geschafft hatten, einen Ausgleich mit den einheimischen Intelligenzen zu finden.

Nicht umsonst sahen die einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen der Humanen Welten vor, dass auf Planeten, die bereits von einer intelligenten Spezies bevölkert waren, nur in begründeten Ausnahmefällen eine Kolonie gegründet werden durfte, da normalerweise Konflikte vorprogrammiert waren und man im Übrigen anderen Spezies ein Recht auf eigenständige Entwicklung zugestand.

Im Fall des Ambrais-Systems hatten sich sowohl die Siedler unter ihrem Administrator Greg Domson sowie die Ambrais Holding immer auf den juristischen Standpunkt zurückgezogen, dass man die Nosronen erst bemerkt habe, nachdem die Siedlungen schon länger als sechs Standardmonate existierten.

Damit waren die Siedlungen rechtens und falls es einem Bundesanwalt der Humanen Welten nicht gelang, zu beweisen, dass entweder die Siedler oder die hinter ihnen stehende Firmengruppe bereits vor diesem Zeitpunkt Kenntnis von der Existenz dieses maulwurfsähnlichen Volkes gehabt hatten, so war den Kolonisten von Ambrais VII ihr Status nicht mehr zu nehmen. Das war in einem höchstrichterlichen Präzedenzfall zum Planeten Dambanor II inzwischen festgelegt worden.

Aber dass alles hatte bald ohnehin keine Bedeutung mehr.

Die Siedler mussten sich entscheiden – gehen oder bleiben.

Was würdest du an Stelle dieser Menschen tun?, überlegte Reilly.

Sein Blick wanderte dabei zu dem Relief, das kurz nach Antritt seines Kommandos in die Wand eingelassen hatte. Es handelte sich um die Darstellung eines Wikingerschiffs der Prä-Weltraum-Ära auf der Erde. Die Geschichte dieser kühnen Seefahrer und Entdecker hatte ihn schon als Junge inspiriert.

Sie war einer der Gründe dafür, die ihn dazu bewogen hatten, dem Space Army Corps beizutreten. Dabei hätten es seine Eltern sehr viel lieber gehabt, wenn er die Koordination der Raumfrachterflotte übernommen hätte, die unter dem Firmenwappen der Eric Reilly Ltd. vor allem auf der Linie zu den Sirius-Kolonien flogen. Aber Willard hatte sich durchgesetzt und seinen Traum wahr gemacht. Inzwischen respektierten seine Eltern seine Entscheidung, auch wenn Willard manchmal den Eindruck hatte, als würde sein Vater noch immer denken, dass der Captain der STERNENKRIEGER vielleicht nach ein paar Dienstjahren die Nase voll vom Dienst in der Raumflotte hatte und reumütig in den Schoß der elterlichen Raumtransport-Reederei zurückkehrte.

Aber das würde nicht geschehen.

Wenn sich Captain Reilly überhaupt über etwas vollkommen im Klaren war, dann darüber.

Vorsichtig fuhr Reilly mit dem Finger über das Relief. Es war so gearbeitet, dass man der Versuchung, es zu berühren, einfach nicht widerstehen konnte.

Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Aber es erstarb sofort wieder, als sich das Interkom mit einem Summton meldete.

Reilly atmete tief durch, setzte sich auf und aktivierte das Gerät. »Hier spricht der Captain.«

»Hier Fähnrich Ngojo Mbenda in Vertretung des Funkoffiziers«, meldete dieser sich.

»Was gibt es?«

»Greg Domson, der planetare Administrator von Ambrais VII möchte dringend mit Ihnen sprechen.«

»Wenn man an den Teufel denkt...«, murmelte Reilly.

»Bitte, Sir?«

»Nichts. Schalten Sie das Gespräch auf meine Kabine.«

»Jawohl, Sir.«

»Und noch etwas!«, fiel dem Kommandanten noch ein.

»Captain?«

»Melden Sie sich nicht immer mit dem vollen Namen. Rang und Nachname reichen. So viele Personen dürfte es an Bord der STERNENKRIEGER nicht geben, die Mbenda heißen und so ist keine Verwechslungsgefahr gegeben.«

»Aye, Sir! Ich schalte jetzt den Funkkanal frei. Sie können sprechen!«

»Danke.«

Auf einem in die Wand vollkommen integrierten Bildschirm erschien das Gesicht von Greg Domson.

»Captain Reilly, wir brauchen Ihre Hilfe.«

»So?«, fragte Reilly etwas überrascht zurück.

»Es hat vor wenigen Stunden einen Überfall auf eine unserer Siedlungen gegeben. Den Nosronen ist es gelungen, die Energieversorgung von Northwest Town vollkommen lahm zu legen. Es gibt außerdem jede Menge Tote und Verletzte. Ich wäre Ihnen also sehr dankbar, wenn Sie nicht nur irgendeinen Propaganda-Fuzzi vorbeischicken, der uns ein paar Schreckensmärchen darüber erzählt, was alles passieren kann, wenn wir uns dem Willen des Humanen Rates nicht beugen und auf eigene Faust hier bleiben. Vielleicht ist es ja möglich, stattdessen etwas technisches und medizinisches Personal zu erübrigen. Oder ist sich eine Schiffsbesatzung des Space Army Corps dazu schlicht und ergreifend zu fein?«

»Lassen Sie Ihren unangebrachten Sarkasmus, Mister Domson«, erwiderte Reilly kühl und sehr bestimmt. »Wir sind verpflichtet jedem menschlichen Siedler zu helfen, der sich in Not befindet. Das wissen Sie!«

»Gut, dann kommen Sie bitte so schnell, wie möglich herunter!«

»Das tun wir, Mr. Domson. Und dazu hätte es dieser nachdrücklichen Aufforderung auch nicht bedurft. Der Captain eines Raumschiffs mag sich an Bord wie der Herrgott fühlen, aber er kann leider die Gesetze der Physik nicht außer Kraft setzen, sodass Sie sich wohl oder übel noch etwas gedulden müssen. Senden Sie uns in der Zwischenzeit alle verfügbaren Daten, damit sich unser medizinisches und technisches Personal auf den Einsatz vorbereiten kann.«

Domson nickte. »In Ordnung, Captain.«

Reilly unterbrach die Verbindung.

So leicht wie in den Systemen, die wir bisher hinter uns haben, wird es diesmal mit Sicherheit nicht!, überlegte er.

Einen Augenblick lang zögerte er, dann stellte er eine Interkom-Verbindung zum Maschinentrakt

der  STERNENKRIEGER her.

Das Gesicht der Leitenden Ingenieurin erschien auf dem Display.

Lieutenant Catherine White rundes, freundliches Gesicht strahlte Reilly entgegen. Sie schien nur so vor Einsatzfreude zu sprühen. Mangelnden Ehrgeiz hatte Captain Reilly ihr bislang ohnehin nicht vorwerfen können, aber in letzter Zeit war da noch etwas dazu gekommen, was sie zu fesseln schien. Reilly war aufgefallen, dass sie auffallend häufig die Gesellschaft von Bruder Padraig suchte und sich mit dem Olvanorer häufig und sehr engagiert in wissenschaftlichen Diskussionen über physikalische Phänomene erging.

Fast könnte man auf den Gedanken kommen, dass der L.I. sich verliebt hat, dachte Reilly. Bedauerlicherweise werde ich Lieutenant White wohl ohnehin in nächster Zeit verlieren.

Schließlich steht sie auf der Beförderungsliste ganz oben. Die nächste Stelle für einen Lieutenant Commander auf einem Raumdock dürfte der Anlass für ihre Beförderung sein...

Es war nicht so, dass Reilly der sympathischen Ingenieurin von Anfang dreißig diesen Karrieresprung nicht gegönnt hätte.

Aber andererseits schätzte er ihre Fähigkeiten und hätte sie gerne auf dem Schiff behalten.

Dass sie manchmal die Neigung zu unkonventionellen Lösungen hatte und dabei auch schon mal das Kleingedruckte bei den Vorschriften außer Acht ließ, empfand Reilly eher als bereichernd denn als störend.

»Lieutenant, ich möchte Sie bitten ein paar fähige Techniker aus Ihrer Crew auszuwählen«, sagte er. »Auf Ambrais VII hat es einen Angriff der einheimischen Nosronen gegeben, der wohl ziemlich großen Schaden angerichtet hat und jetzt sind die Siedler auf unsere Hilfe angewiesen. Sie selbst sollen auch dabei sein.« Reilly grinste. »Macht sich außerdem gut in Ihrer Personalakte, wenn da ab und zu auch Außenmissionen verzeichnet sind, wenn Sie demnächst Lieutenant Commander sind.«

»Sir, mit Verlaub – aber so weit ist es noch nicht.«

»Wie auch immer – ich kann mich auf Sie verlassen, ja?«

»Absolut, Captain«, versprach sie.

»Für die Fähnriche unter Ihren Leuten ist es vielleicht auch mal ganz reizvoll, wenn sie sich ohne ihre Chefin im Maschinenraum tummeln können und dafür verantwortlich sind, dass der Ofen läuft.«

»Das glaube ich zwar auch, aber...«

Reilly hob die Augenbrauen. »Aber was?«

»Darf ich offen sprechen, Sir?«

»Bitte!«

»Ich weiß nicht, ob es klug ist, den Siedlern ihr zerstörtes Equipment wieder aufzubauen, wenn man sie dazu bewegen will, den Planeten, auf dem sie sich gerade eine Existenz aufgebaut hatten, zu verlassen.«

Reilly lächelte mild. Auch das mochte er an White. Sie sagte offen ihre Meinung. Ob das auf Dauer einer Karriere innerhalb eines strikt hierarchischen Systems wie dem Space Army Corps förderlich war, musste man abwarten. Captain Reilly hatte jedenfalls keinerlei Probleme damit. Im Gegenteil, er erwartete von seinen Untergebenen, dass sie ihn auf mögliche Fehler hinwiesen. Es gehörte seinem Verständnis nach zu den unabdingbaren Fähigkeiten eines Vorgesetzten mit Kritik sachlich umgehen zu können und sie nicht als Angriffe auf die eigene Person zu werten. Dass er der Captain war und letztlich die Entscheidung treffen und die Verantwortung tragen musste, stand natürlich auf einem anderen Blatt.

»Ich nehme Ihren Einwand zur Kenntnis, Lieutenant«, sagte er. »Aber wir haben durch diesen Vorfall die einmalige Chance, das Vertrauen der Siedler zurückzugewinnen. Ein Teil von ihnen scheint im Space Army Corps wohl nur so etwas wie den langen Arm des Humanen Rates zu sehen, der sie mit den Folgen undurchschaubarer politischer Entscheidungen traktiert. Außerdem schließt sich das Wurmloch erst in einigen Monaten und zumindest bis zum Eintreffen der Transporter müssen die Versorgungseinrichtungen funktionieren.«

»Und falls sich die Mehrheit der Neu-Ambraisianer doch dazu entschließt zu bleiben?«

»In dem Fall verhelfen wir ihnen zumindest zu einem guten Start, Lieutenant.«

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ENDE

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Chronik der Sternenkrieger

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Im Jahr 2234 übernimmt Commander Willard J. Reilly das Kommando über die STERNENKRIEGER, ein Kampfschiff des Space Army Corps der Humanen Welten. Die Menschheit befindet sich im wenig später ausbrechenden ersten Krieg gegen die außerirdischen Qriid in einer Position hoffnungsloser Unterlegenheit. Dem ungehemmten Expansionsdrang des

aggressiven Alien-Imperiums haben die Verteidiger der Menschheit  wenig mehr entgegenzusetzen, als ihren Mut und ihre Entschlossenheit.

Alfred Bekker ist ein bekannter Autor von Fantasy-Romanen, Krimis und Jugendbüchern. Neben seinen großen Bucherfolgen schrieb er zahlreiche Romane für Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton reloaded, Kommissar X, John Sinclair und Jessica Bannister. Er veröffentlichte auch unter den Namen Neal Chadwick, Henry Rohmer, Conny Walden, Sidney Gardner, Jonas Herlin, Adrian Leschek, John Devlin, Brian Carisi, Robert Gruber und Janet Farell.

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Übersicht über die Serie “Chronik der Sternenkrieger”

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in chronologischer Reihenfolge

Einzelfolgen:

Commander Reilly 1: Ferne Mission (Handlungszeit 2236)

Commander Reilly 2: Raumschiff Sternenkrieger im Einsatz

Commander Reilly 3: Commander im Niemandsland

Commander Reilly 4: Das Niemandsland der Galaxis

Commander Reilly 5: Commander der drei Sonnen

Commander Reilly 6: Kampf um drei Sonnen

Commander Reilly 7: Commander im Sternenkrieg

Commander Reilly 8: Kosmischer Krisenherd

Commander Reilly 9: Invasion der Arachnoiden

Commander Reilly 10: Das Imperium der Arachnoiden

Commander Reilly 11: Verschwörer der Humanen Welten

Commander Reilly 12: Commander der Humanen Welten

Commander Reilly 13: Einsatzort Roter Stern

Commander Reilly 14: Im Licht des Roten Sterns

Commander Reilly 15: Die Weisen vom Sirius

Commander Reilly 16: Die Flotte der Qriid

Commander Reilly 17: Ein Raumkapitän der Qriid

Commander Reilly 18: Commander der Sternenkrieger

Commander Reilly 19: Eine Kolonie für Übermenschen

Commander Reilly 20: Kampfzone Tau Ceti

Commander Reilly 21: Prophet der Verräter

Commander Reilly 22: Einsamer Commander

Terrifors Geschichte: Ein Space Army Corps Roman (Handlungszeit 2238)

Erstes Kommando: Extra-Roman (Handlungszeit 2242)

Erster Offizier: Extra-Roman (Handlungszeit 2246)

Chronik der Sternenkrieger 1 Captain auf der Brücke  (Handlungszeit 2250)

Chronik der Sternenkrieger 2 Sieben Monde  

Chronik der Sternenkrieger 3 Prototyp

Chronik der Sternenkrieger 4 Heiliges Imperium

Chronik der Sternenkrieger 5 Der Wega-Krieg

Chronik der Sternenkrieger 6 Zwischen allen Fronten

Chronik der Sternenkrieger 7 Höllenplanet

Chronik der Sternenkrieger 8 Wahre Marsianer

Chronik der Sternenkrieger 9 Überfall der Naarash

Chronik der Sternenkrieger 10 Der Palast

Chronik der Sternenkrieger 11 Angriff auf Alpha

Chronik der Sternenkrieger 12 Hinter dem Wurmloch

Chronik der Sternenkrieger 13 Letzte Chance

Chronik der Sternenkrieger 14 Dunkle Welten

Chronik der Sternenkrieger 15 In den Höhlen

Chronik der Sternenkrieger 16 Die Feuerwelt

Chronik der Sternenkrieger 17 Die Invasion

Chronik der Sternenkrieger 18 Planetarer Kampf

Chronik der Sternenkrieger 19 Notlandung

Chronik der Sternenkrieger 20 Vergeltung

Chronik der Sternenkrieger 21 Ins Herz des Feindes

Chronik der Sternenkrieger 22 Sklavenschiff

Chronik der Sternenkrieger 23 Alte Götter

Chronik der Sternenkrieger 24 Schlachtpläne

Chronik der Sternenkrieger 25 Aussichtslos

Chronik der Sternenkrieger 26 Schläfer

Chronik der Sternenkrieger 27 In Ruuneds Reich

Chronik der Sternenkrieger 28 Die verschwundenen Raumschiffe

Chronik der Sternenkrieger 29 Die Spur der Götter

Chronik der Sternenkrieger 30 Mission der Verlorenen

Chronik der Sternenkrieger 31 Planet der Wyyryy

Chronik der Sternenkrieger 32 Absturz des Phoenix

Chronik der Sternenkrieger 33 Goldenes Artefakt

Chronik der Sternenkrieger 34 Hundssterne

Chronik der Sternenkrieger 35 Ukasis Hölle

Chronik der Sternenkrieger 36 Die Exodus-Flotte (Handlungszeit 2256)

Chronik der Sternenkrieger 37 Zerstörer

Chronik der Sternenkrieger 38 Sunfrosts Weg (in Vorbereitung)

Sammelbände:

Sammelband 1: Captain und Commander

Sammelband 2: Raumgefechte

Sammelband 3: Ferne Galaxis

Sammelband 4: Kosmischer Feind

Sammelband 5: Der Etnord-Krieg

Sammelband 6: Götter und Gegner

Sammelband 7: Schlächter des Alls

Sammelband 8: Verlorene Götter

Sammelband 9: Galaktischer Ruf

Sonderausgaben:

Der Anfang der Saga (enthält “Terrifors Geschichte”, “Erstes Kommando” und

Chronik der Sternenkrieger #1-4)

Im Dienst des Space Army Corps (enthält “Terrifors Geschichte”, “Erstes Kommando”)

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DRUCKAUSGABE (AUCH als E-Book):

Chronik der Sternenkrieger: Drei Abenteuer #1 -12 (#1 enthält Terrifors Geschichte, Erstes Kommando und Captain auf der Brücke, die folgenden enthalten jeweils drei Bände und folgen der Nummerierung von Band 2 “Sieben Monde” an.)

Ferner erschienen Doppelbände, teilweise auch im Druck.

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Das Raumschiff der Unheimlichen

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Science Fiction Roman von W. W. Shols

Der Umfang dieses Buchs entspricht 125 Taschenbuchseiten.

Kein Raumschiffseigner darf Johnny Gaertner anstellen, denn der Captain hat sein Patent verloren.

Um so mehr überrascht ihn das großzügige Angebot des Wissenschaftlers Kerby. Erst an Bord des Raumschiffs merkt Gaertner, dass es sich zu einem Todeskommando gemeldet hat.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Sergey Nivens & Algolonline/123RF mit Steve Mayer, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

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Zuerst sah es aus, als ob das Wesen einen Hut trüge. Doch dann stellte Johnny Gaertner fest, dass der Hut zu dem Wesen selbst gehörte. Denn was sonst hätte an diesem Körper der Kopf sein können? Natürlich, der Hut war der Kopf, aber der Kopf war kein Hut - auch wenn es für einen Menschen auf den ersten Blick so aussah.

Nachdem sich vor Johnny Gaertner die Tür geöffnet hatte, war es lange totenstill gewesen. Und hinter der Tür hatte ein Gang gelegen, dessen Länge sich kaum jemand vorstellen konnte, der das Haus kurz zuvor von außen gesehen hatte. Als Johnny dann über die scheinbar parallelen Streifen hinwegschritt, wurde ihm langsam bewusst, dass seine neue Umgebung nur ein Trick war. Der breite Gang lief konisch am hinteren Ende auf die Spanne einer normalen Tür zu.

Und an dieser zweiten Tür war das Wesen aufgetaucht, das Hutwesen ohne Hals, aber mit einem Kopf...

War auch das ein Trick, wie dieser optisch verlängerte Korridor? Man will mich einschüchtern, dachte Johnny Gaertner. Man will mir Dinge vorgaukeln, die eindrucksvoller erscheinen, als sie sind. Man will mich zu einem willigen Verhandlungspartner machen. Aber sie sollten nicht vergessen, dass ich Johnny Gaertner bin...

»Mr. Kerby ist etwas skurril veranlagt«, sagte das Wesen. »Die Form dieses Korridors hat nichts zu bedeuten.«

»Sehr freundlich«, murrte Gaertner. »Sind Sie sein Diener?«

»Ich bin Kros, mein Herr. Folgen Sie mir bitte. Sie werden bereits erwartet.«

Kros war nicht viel größer als ein Mensch. Es mochte Menschen geben, die ihm an Länge überlegen waren. So etwa überlegte Johnny, als er dem Wesen folgte. Doch noch mehr zerbrach er sich den Kopf darüber, mit welchem Organ Kros die menschliche Sprache imitierte, und zwar in einer vollendeten Weise, dass man lediglich einen geringen Akzent wahrnahm.

Dann stand er vor Kerby, und Kros verließ den Raum. Kerby war ein jovialer Typ, wenigstens äußerlich. Mittelgroß, im ganzen etwas verfettet und entsprechend seinem Alter mit einem recht spärlichen Haarwuchs bedacht.

»Nehmen Sie Platz, Mr. Gaertner.«

Die Einladung klang keineswegs ironisch, obgleich von Sitzgelegenheiten weit und breit nichts zu sehen war. Kerbys Büro ähnelte mehr einem Laboratorium. Außer einem einsamen Schreibtisch sah alles sehr nach Technik aus.

»Danke«, sagte der Besucher und blieb stehen. »Sie wollten mich sprechen, Mr. Kerby. Darf ich wissen, in welcher Angelegenheit?«

»Oh, habe ich Ihnen das nicht geschrieben?«

»Sie erwähnten lediglich interessante Vorschläge.«

»Natürlich. Aber bitte, setzen Sie sich doch. Oh, Pardon! Ich bin sehr unaufmerksam.«

Kerby beseitigte einige Apparate und Bücher und brachte dadurch tatsächlich zwei automatische Pneumosessel zum Vorschein. Diesmal folgte Gaertner der Aufforderung zum Sitzen. Er scheint ein Wissenschaftler zu sein, überlegte er. Seine Zerstreutheit spricht wenigstens dafür.

»Hätten Sie Lust, für mich zu arbeiten?«, fragte Kerby plötzlich sehr direkt, während sein zögerndes Lächeln breiter wurde.

»Was verstehen Sie unter Arbeit?«

»Für Sie gibt es nur eine Arbeit, Captain. Oder glauben Sie, ich wüsste nicht, wer Sie sind?«

»Wenn Sie mich anheuern wollen, wissen Sie es anscheinend nicht.«

Kerby machte eine großzügige Handbewegung. »Ich weiß es sehr genau. Sie sind der fähigste Pilot, der sich im Umkreis von hundert Lichtjahren finden lässt. Sie sind der Mann, den ich suche.«

»Hören Sie, Mr. Kerby! Sie wissen genau, was mit mir los ist. Denn was in der Weltpresse herumgetratscht wird, dürfte auch Ihnen zu Ohren gekommen sein. Ich bin im Augenblick ein arbeitsloser Ehemann, der sich den Kopf darüber zerbricht, wie er an einen neuen Job kommt. Durch Gerichtsurteil wurden mir sämtliche Lizenzen entzogen. Sie können mich nicht einstellen. Am wenigsten als Pilot.«

»Das Urteil war ungerecht, lieber Gaertner. Allein das ist für mich maßgebend. Gut, unter Ihrem Kommando ist aus Versehen ein Planet geborsten, der eine kleine Kolonie unserer Siedler trug. Aber Sie waren weit weg, als einer Ihrer Leute die Dummheit beging und sich selbst mit atomisierte. Was ist das für ein Prinzip, das jemanden für einen anderen schuldig werden lässt?«

»Die militärische Regel ist einfach und konsequent, Mr. Kerby. Die Katastrophe ereignete sich unter meinem Kommando. Ich habe meine Aufsichtspflicht verletzt und muss dafür gerade stehen.«

»Vor Gericht haben Sie anders gesprochen.«

»Ich habe versucht, meine Unschuld zu beweisen. Inzwischen ist die Entscheidung gefallen. Ich darf nicht mehr fliegen, und Sie dürfen mich nicht einstellen.«

Kerby lächelte wieder. »Kennen Sie den Planeten Paraia?«

»Nie gehört.«

»Es handelt sich um die Nummer 7 von Löwe Beta...«

»Denebola? Ich wusste nicht, dass dieser Stern mehr als fünf Planeten hat. Und die sind kaum erforscht.«

»Denebola hat acht Planeten. Glauben Sie es mir. Sie könnten sich an Ort und Stelle davon überzeugen, wenn Sie meinen Auftrag annähmen.«

»Wenn ich wüsste, worauf Sie hinauswollen...«

»Ich wünsche, dass Sie mein Schiff führen. Sie brauchen dazu keine ordnungsgemäßen Papiere, sondern nur mein Vertrauen. Und das haben Sie.«

»Ihr Angebot klingt verführerisch, Mr. Kerby. Aber Sie wissen, wie streng die Bestimmungen sind. Wer mich als Piloten einstellt, kann kaum etwas Legales im Sinn haben. Verzeihen Sie mir meine Offenheit, aber ich muss Sie als Bürger der galaktischen Union darauf aufmerksam machen.«

»Die Union ist klein, Gaertner. Schon Denebola gehört nicht mehr dazu. Also dürfte mein Auftrag auch nicht illegal sein. Denn wo kein Gesetz herrscht, kann auch keins gebrochen werden.«

»Ihre Definition hinkt, das wissen Sie...«

»Ich frage Sie, Mr. Gaertner! Womit wollen Sie Ihren Lebensunterhalt verdienen, wenn nicht als Pilot?«

»Ich weiß es nicht.«

Der Besucher zögerte. Dann fragte er: »Worum handelt es sich?«

Kerby lehnte sich zurück. »Das erfahren Sie, wenn Sie mitmachen. Oder glauben Sie, ich könnte jedem meine Pläne auf die Nase binden?«

»Sie haben bereits verraten, dass es sich um Denebola handelt.«

»Das macht nichts. Paraia finden Sie nicht ohne meine Hilfe. Also, wie ist es?«

»Bis wann muss ich mich entscheiden?«

»Möglichst sofort. Spätestens in zwei Tagen.«

»Diese zwei Tage brauche ich. Darf ich übermorgen wiederkommen?«

»Ich bitte Sie darum!«

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2

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Nach zwei Tagen sagte Johnny Gaertner ja. Er hatte die Sache mit seiner Frau besprochen und sich mit ihr auf die Forderung geeinigt, dass sie bereits während seiner Abwesenheit ausreichende finanzielle Unterstützung von Kerby erhielt. Der Vertragsentwurf enthielt auch eine Klausel für den Fall, dass Johnny nicht zurückkehrte.

Kerby las diese Forderungen mit einem Lächeln und betonte, dass diese Dinge selbstverständlich nach Wunsch geregelt würden. Er machte nicht die geringsten Einschränkungen.

»Hauptsache, Ihre Frau hält Sie nicht doch noch zurück. Aber ich erinnere Sie daran, dass Sie mir nach Abschluss des Vertrages verpflichtet sind. Ich kann mich nicht auf halbe Sachen einlassen.«

»Ich weiß nicht, was Sie meinen, Mr. Kerby. Alles ist mit meiner Frau besprochen, und sie hat eingewilligt.«

»Gezwungenermaßen.«

»Auch ich tue es gezwungenermaßen. Das wissen Sie genau. Wenn ich kein Außenseiter wäre, würde ich jetzt auf. einem regulären Schiff dienen. Aber ich nehme Ihren Auftrag an, und Sie können sich auf mich verlassen. Nach der Unterschrift wollten Sie mich in die näheren Umstände einweihen. Können wir das also erledigen?«

»Eine Unterschrift ist nicht notwendig. Ich habe unsere Gespräche festgehalten. Und das Dokument genügt für Zweifelsfälle.«

»Ich hätte es mir denken können«, murmelte Gaertner, verschwieg aber, dass er diese Handhabung als Erpressungsgrundlage betrachtete. »Okay, Sir«, fuhr er dann zögernd fort. »Wenn der Vertrag geschlossen ist, wüsste ich jetzt gern den Rest. Welches Schiff haben Sie für mich? Wann soll es losgehen?«

»Hier sind Ihre Papiere«, sagte Kerby und holte eine kleine Plastikmappe aus seinem Schreibtisch. Gaertner blätterte sie flüchtig durch und stutzte.

»Als was soll ich fahren? Zweiter Elektroniker? Erstens habe ich davon nur eine sehr geringe Kenntnis, und zweitens sah Ihr Angebot ganz anders aus.«

Louis Kerby hob beschwichtigend die Hände.

»Papiere sind für die Behörden, mein Lieber. Sie legten vorgestern besonderen Wert auf die Legalität der Unternehmung. Es kann kein Patrouillenoffizier etwas dagegen haben, wenn Sie als zweiter Elektroniker fahren. Der Kommandant des Schiffes sind Sie trotzdem.«

»Ich bin gespannt, wie Sie sich das vorgestellt haben...«

»Mein Gott, wenn Sie so schwer von Begriff sind, schlage ich vor, Sie treten gleich wieder vom Vertrag zurück.«

»Mit Ihrem Einverständnis - gern.«

Johnny Gaertner erhob sich und ging drei Schritte auf die Tür zu. Doch diese Entwicklung lag keineswegs in Kerbys Absicht.

»Zum Teufel! So bleiben Sie doch sitzen. Ich wusste nicht, dass Sie empfindlich sind.«

»In dieser Hinsicht bin ich empfindlich. Also gut. Ich bleibe. Es liegt mir aber immer noch daran, dass Sie sich klarer ausdrücken. Nicht, weil mir Ihr Gedankenflug zu hoch ist, sondern weil ich ebenfalls ein Aufnahmegerät bei mir habe. Sozusagen als Kopie des Vertrages für meine Privatregistratur.«

»Oh, das war ein glänzender Einfall. Ich kann Sie nur loben. Also, nehmen Sie zur Kenntnis:

Der Kommandant des Schiffes ist Valfrid Granquist. Auf dem Papier wohlgemerkt. In der Tat ist er nur ein mittelmäßiger Pilot, der heil froh sein wird, in Ihnen einen Mann zu finden, der ihm sagt, was er zu tun hat. Sie dürfen mir getrost glauben, dass die Mannschaft aufs Gehorchen gedrillt ist. Und sie wird nur Ihnen gehorchen. Genügt das?«

»Wann kann ich die Leute sehen?«

»Morgen.«

»Okay. Und wie lange habe ich Zeit, sie an mich zu gewöhnen?«

»Drei Wochen, schätze ich. Es kommt darauf an, wie schnell Sie Ihr Ziel erreichen.«

»Sie verstehen mich falsch, Mr. Kerby. Ich möchte wissen, wie lange die Einarbeitungsphase hier auf Brodik ist.«

»Überhaupt keine. Sie müssen morgen starten.«

»Wie stellen Sie sich das vor?«

»Die Mannschaft ist gut und aufeinander eingespielt. Sie brauchen nur das Kommando zu übernehmen.«

»Und Sie, Mr. Kerby, scheinen sehr viel von meinen Fähigkeiten zu halten.«

»Allerdings. Sonst hätte ich Sie nicht engagiert. - Ja, ich glaube, wir schalten jetzt beide unsere Aufzeichnungen ab. Was ich Ihnen noch zu erzählen habe, ist nur für Ihr Gedächtnis bestimmt.«

Beide nahmen die Schaltungen so vor, dass der eine den anderen kontrollieren konnte. Dann schenkte Kerby zwei Gläser Gin ein, der dem Etikett nach von der guten alten Erde stammte und für eine freundschaftliche Atmosphäre sorgen sollte. Gaertner nahm die Geste zur Kenntnis, ohne in seiner Wachsamkeit jedoch im geringsten nachzulassen.

»Merken Sie sich den Namen Calhoun!«, sagte Kerby. »Allein wegen dieses Mannes fliegen Sie nach Paraia, verstanden?«

»Bis zu einem gewissen Dienstgrad müsste ich jetzt jawohl sagen«, erwiderte Gaertner. »Aber da ich als Leiter der Expedition voraussichtlich eigene Entscheidungen werde treffen müssen, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mir die Sache ein wenig erläuterten.«

»Das lag in meiner Absicht. Zum Wohl, Captain Gaertner. Sie sind ein verdammt cleverer Bursche. Calhoun war mein Freund, verstehen Sie? Ich glaube, er ist es heute noch. Aber wir können es uns nicht gegenseitig verständlich machen. Ganz kurz, Mister Gaertner! Calhoun und ich haben diesen Laden hier aufgebaut. Wir haben gemeinsam an unseren Erfindungen gearbeitet und standen kurz vor dem Erfolg. Ich weiß nicht, was dann plötzlich in ihn gefahren ist. Eines Tages war er verschwunden. Mit den wichtigsten Unterlagen und einem Versuchsschiff, das wir soeben erst mit ein paar netten Kinkerlitzchen ausgestattet hatten...«

»Kinkerlitzchen?«

»Nun ja, es waren Erfindungen dabei, mit denen wir uns sehen lassen konnten. Aber sie waren noch nicht reif. Noch nicht ganz, verstehen Sie? Ich kann auch im einzelnen nicht darüber sprechen, denn dazu sind selbst Sie mir noch zu wenig vertraut. Wenn Sie sich Ihre Sporen bei mir verdient haben, lässt sich darüber reden.«

»Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Es ist nicht anders zu erwarten, als dass ein Wissenschaftler Geheimnisse hat. Aber was soll ich mit Calhoun machen?«

»Herbringen! Aber er wird sich weigern. Und deshalb brauche ich Sie.«

»Natürlich, wenn er geflohen ist, wird er kaum den Drang haben, freiwillig zurückzukehren. Ich fürchte, er hält nicht mehr viel von der Freundschaft mit Ihnen. Dachten Sie an Gewaltanwendung?«

»Ich hoffe, es wird nicht nötig sein. Sie sollten mit ihm reden.«

»Ich bin kein Redner, Mr. Kerby. Und, ich glaube auch nicht, dass Sie mir jetzt die ungeschminkte Wahrheit sagen. Denn dann hätten Sie sich einen Missionar anheuern sollen, der die Überredungskunst besser beherrscht. Wenn reden nicht hilft, was dann?«

»Das überlasse ich Ihnen, Gaertner. Sie müssen ihn herbringen. Das ist Ihre Aufgabe. Calhoun ist die Hälfte meines geistigen Vermögens. Ohne ihn komme ich nicht weiter.«

»Ich muss ihn also lebendig bringen?«

Kerby zögerte keine Sekunde. »Natürlich lebendig. Sonst ist er wertlos für mich, verstehen Sie?

Kerbys leiernde Redensart ›Verstehen Sie?‹ klang immer wie eine Frage. Doch, diesmal antwortete Gaertner nicht, sondern wartete hartnäckig auf weitere Einzelheiten.

»...an Ihrem Gehalt können Sie ermessen, was diese Expedition für mich bedeutet. Ich gebe es offen zu. Für Sie mag das gleichzeitig ein Maßstab dafür sein, wie wichtig Sie Ihre Aufgabe selbst zu nehmen haben. Ohne Calhoun muss ich Sie zurückschicken. Verstehen Sie? Ohne Calhoun kann ich Sie hier nicht gebrauchen.«

»Und wenn Calhoun stärker ist als ich?«

»Er ist stärker. Doch Sie sind gescheiter. Sie haben einen gesunden Menschenverstand. Sie werden Tricks anwenden... und die technischen Möglichkeiten des Raumschiffes.«

»Das klingt geheimnisvoll.«

»Es ist geheimnisvoll. Solange Sie hier auf Brodik sind, interessiert Sie das alles nicht. Sie haben drei Wochen Zeit auf dem Schiff. Die Besatzung wird es Ihnen erklären.«

»Es wird keinen guten Eindruck machen, wenn ich bei meinen Leuten in die Lehre gehe.«

»Auf den Eindruck kommt es nicht an, nur auf das Ergebnis. Übrigens, versuchen Sie es erst gar nicht, auf die Besatzung einen guten Eindruck zu machen. Sie kennen manche Dinge aus meiner technischen Entwicklung, die bisher noch kein Mensch gesehen hat. Sie wissen genau, dass sie Ihnen in den Details überlegen sind. Aber sie gehorchen. Damit müssen Sie sich abfinden, Captain.«

»Eine Mannschaft, die gehorcht, ist immer gut. Wie steht es mit sonstigen Unterlagen? Haben Sie Karten von Paraia?«

»Die sind an Bord.«

»Demnach werde ich von Ihnen heute nicht mehr allzuviel erfahren.«

»Nein. Wenden Sie sich an Glynn, Eddy Glynn. Merken Sie sich den Namen. Glynn wird Ihnen immer verraten, von wem Sie die jeweilige Spezialauskunft erwarten dürfen.«

Kerby legte noch die Verabredung für den nächsten Tag fest und ließ seinen neuen Kapitän gehen.

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3

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Johnny hatte noch lange mit seiner Frau diskutiert und ihr auch die Aufzeichnung vorgespielt und den Rest der Verhandlung mit Kerby erzählt, bevor beide zu Bett gingen. Und jetzt kam zu ihm der Traum, während er noch halb wach lag.

Er sah eine Welt mit Blumen und kahlen Felsen, mit gigantischen künstlichen Kuppeln und zerklüfteten Gebirgen. Gegensätze eines unbekannten Sterns. War es die alte Neugierde, die ihn stets von neuem überfiel, wenn er zu anderen Planeten aufbrach? War es die Erinnerung an frühere Erlebnisse, die sich in ihm zu einem zusammenhanglosen Bild der Erwartung formten?

Ich träume - dachte er. Es kommt vor, dass man diese Tatsache im Traume selbst erkennt. Aber man versucht trotzdem vergeblich, den Ablauf des Traumes zu beeinflussen. Der Traum selbst diktiert das Geschehen, der Zufall, das Chaos der Erinnerung.

Zwischen den Blumen und Felsen stand plötzlich eine Gestalt. Sie erinnerte in ihrer aufrechten Haltung an einen Menschen, doch beim näheren Hinsehen entpuppte sie sich als Wesen, wie es Kros, der Diener Kerbys, war.

Der Stern der Verlorenen bedeutet Gefahr für dich, Johnny Gaertner! Du bist nicht der erste, der nach Calhoun forschte. Du wärest aber der erste, der zurückkommt. Die Kuppel dort ist Calhouns Wohnung, Calhouns Festung. Wenn du sie sehen wirst wie jetzt, kannst du dich schon glücklich schätzen. Die Gefahr beginnt bereits jenseits der Atmosphäre von Paraia. Gefahr ist alles für dich, was dir auf Paraia begegnet. Calhoun und die Hutwesen. Die Hutwesen mögen keine Menschen. Und du bist ein Mensch...

Aber ich will zurückkehren - hörte Johnny Gaertner sich im Traum sagen. Ich will Calhoun fangen und hierher bringen. Ich will meine Aufgabe erfüllen und dafür meinen Lohn kassieren. Ich will leben. Hörst du?

Diese Kapsel ist so klein, dass man sie leicht verlieren kann, sagte das Hutwesen und hielt einen Gegenstand hoch. Die Kapsel schwebte näher und öffnete sich. Der Inhalt war ein buntglitzernder Kristall.

Verwahre sie sorgsam, bis du zu uns kommst. Sage niemandem etwas davon, dass du sie besitzt. Und zeige sie erst, wenn du einen von uns siehst. Das wird dich vor den Paraias schützen. Du kannst nicht gegen alle auf unserem Planeten kämpfen. Calhoun allein genügt für dich als Gegner. Du wirst es schwer mit ihm haben, wenn du leben und zurückkehren willst...

Johnny Gaertner griff nach der Kapsel, ohne sie zu erreichen.

Gib mir den Kristall! Ich will ihn gut verwahren!

Vergiss niemals, dass es unser gemeinsames Geheimnis ist - vernahm er als letzte Botschaft.

Der Traum ging zu Ende, bevor Johnny Gaertner in den Besitz des geheimnisvollen Gegenstandes kam. Das plötzliche Verschwinden der Erscheinung schreckte ihn aus dem Schlaf, und er spürte Schweiß auf seiner Stirn. Misstrauisch lauschte er in die Nacht. Doch er vernahm nur den regelmäßigen Atem seiner Frau.

Erleichtert ließ er sich in das Kissen zurückfallen.

»Unsinn! Hirngespinste!«, flüsterte er und schalt sich einen Narren.

Am nächsten Morgen sprach Johnny absichtlich nur von praktischen Dingen. Gegen zehn Uhr packte er seine persönlichen Sachen - viel brauchte er nicht, alles andere würde er auf dem Schiff vorfinden.

Während er seine Uniformjacke anzog, fühlte er in der Tasche einen harten Gegenstand, der nicht an diese Stelle gehörte. Instinktiv zog er ihn hervor und erkannte die Kapsel aus dem Traum.

An Carolines Reaktion merkte er sofort, dass er sich nur schlecht in der Gewalt hatte. Er spürte, wie das Blut aus seinem Kopf wich und er totenblass wurde.

»Was ist mit dir, Johnny?« Seine Frau sah ihn mit großen Augen an. »Was für ein Ding ist das?«

Er riss sich zusammen, wie er es bei der Truppe gelernt hatte. Der erste Schreck war schnell überwunden.

Er ersann schnell eine halbwegs glaubhafte Ausrede. »Die Kapsel gehört jemandem von Kerbys Leuten. Ich sollte sie gestern für ihn mitnehmen und abgeben. Leider habe ich das total vergessem,

»Ist die Sache so wichtig, dass du mich deshalb erschreckst?«

»Ich ärgere mich nur über meine Unzuverlässigkeit. Johnny Gaertner darf aber nicht unzuverlässig sein. Mit dieser Charaktereigenschaft bin ich in der ganzen Welt bekannt geworden, Caroline. Man hat mir deshalb alle Patente entzogen und mich zum Schuldigen über das Schicksal eines ganzen Planeten gestempelt.«

»Wenn du dich nur über diese verrückte Idee hinwegsetzen könntest!«, murmelte sie. »Ich weiß, dass du nicht unzuverlässig bist, Johnny. Und ich kenne dich lange genug.«

Gaertner verabschiedete sich hastig von seiner Frau mit einem gemurmelten »Danke, Liebling! Mach dir keine Sorgen...« und ging dann hastig hinaus.

Bewiesen war mit der Existenz des Kristalles, dass Johnnys Erlebnis weit mehr als einen Traum bedeutete. Man hatte ihm eine ganz konkrete Botschaft überbracht, und zwar auf einem Wege, der außerhalb der normalen menschlichen Sinne lag. Die Spezies von Paraia musste über Eigenschaften verfügen, die mit Telepathie verwandt waren. In diesem Licht erschien auch der Kristall nicht mehr harmlos.

Ich werde die Kapsel in meinen Dienstanzug nähen, überlegte Johnny Gaertner. Als er am Raumflughafen das Turbotaxi verließ, hatte er sich wieder völlig in der Gewalt.

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4

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Louis Kerby hatte seine Räume in der 26. Etage eines Bürohochhauses direkt am Flughafen. Hochhäuser in der Nähe von Flugplätzen waren keine Unmöglichkeit mehr, seitdem alle Maschinen nur noch senkrecht starteten.

Als Gaertner den Lift verließ und sich mit der Nennung seines Namens über die Gegensprechanlage meldete, antwortete ihm Kerby selbst.

»Kommen Sie herein! Sie kennen ja die Räume. Kros macht im Augenblick eine Besorgung.«

Johnny Gaertner fühlte sich erleichtert. Dabei hatte er während der Fahrt in dem Taxi sehnlichst gewünscht, mit Kros ein paar Worte unter vier Augen wechseln zu können. Doch jetzt schien es ihm besser, wie es war. Wenn das Hutwesen mit seinem Traum zu tun hatte, dann lag ihm bestimmt daran, dass diese Sache diskret behandelt wurde. Wahrscheinlich ging Kros ihm sogar absichtlich aus dem Wege.

Und Kerby? Sollte er den danach fragen? Kros war Kerbys Mitarbeiter. Aber vielleicht war er auch noch etwas anderes. Johnny fühlte sich am Rande von tausend Geheimnissen. Solange er nichts von den tatsächlichen Zusammenhängen ahnte, würde er sich nach seinen Anweisungen richten und nichts auf Risiko unternehmen.

Kerby lächelte jovial. »Der Abschiedsschmerz steht Ihnen noch im Gesicht geschrieben, lieber Gaertner. Aber denken Sie an das Ziel. Wenn Sie zurückkehren, sind Sie ein gemachter Mann. Können wir gehen?«

»Sobald Sie den Vorschuss gezahlt haben.«

»Ja, natürlich! Passen Sie nur auf, dass ich Sie nicht übers Ohr haue. Meine Gläubiger müssen mich regelmäßig mahnen, wenn sie zu ihrem Geld kommen wollen. Genügt ein Scheck?«

»Mit einem Scheck kann ich nichts anfangen. Überweisen Sie das Geld auf mein Konto. Sobald ich ihre Quittung habe, können wir gehen.«

Kerby rief seine Bank an, nannte die Chiffre seines Kontos und übermittelte seinen Daumenabdruck über das Bild. Die verabredete Summe wechselte in weniger als einer Minute den Besitzer, und Johnny erhielt von seiner Bank die Bestätigung.

Kerby stand auf und deutete Gaertner, ihm zu folgen. und folgte dann Kerby.

Sie fuhren nach unten und ließen sich mit einem Transportroboter über das Startfeld fahren.

»Dort links, das letzte Schiff ist es«, sagte Kerby und zeigte mit der Hand. Gaertner erkannte ein mittelgroßes Fahrzeug der Herkules-B-2-Serie. »Sie heißt INVINCIBLE. Ich hoffe, das stört Sie nicht.«

»Für ein Privatschiff ein ziemlich anspruchsvoller Name«, grunzte Johnny wenig beeindruckt. Der Name war ihm völlig gleichgültig.

»Ich schwärme für das Heroische«, fuhr Kerby fort. »Übrigens, an der Außenrampe sehen Sie Ihr erstes Besatzungsmitglied.«

»Es sieht aus, als sei die Mannschaft schon an Bord.«

»Erraten, Captain. Die Jungens haben die Kiste in ein paar Minuten startklar. Wir können es kurz machen.«

»Sie haben verdammt viel Vertrauen zu mir, Kerby. Woher wissen Sie überhaupt, dass ich mit diesem Schiff umgehen kann?«

»Aus den diversen Medien. War nicht Ihr Flaggschiff auch eine Herkules-B-2?«

»Allerdings.«

»Na, also! Dachten Sie vielleicht, ich mache Experimente mit meinen Offizieren? Dafür ist mir mein Privatkapital zu schade.«

Sie waren inzwischen nahe herangekommen.

»Ich sehe zwei Uniformierte«, stellte Gaertner plötzlich fest.

»Die sind von der Platzpolizei und werden Sie nach Ihren Papieren fragen. Passt Ihnen das nicht?«

»Ehrlich gesagt, kenne ich die Gepflogenheiten im Privatdienst nicht so genau. Aber wir können ja gleich einmal feststellen, ob Ihre schriftliche Ernennung etwas taugt...«

Ein Leutnant und ein Sergeant kamen auf sie zu. »Wollen Sie an Bord?«

»Ich nicht«, grinste Kerby. »Nur mein Mann hier.«

Gaertner zeigte seine Papiere, die der Leutnant auffällig lange durchlas. »Zweiter Elektroniker?«, fragte er gedehnt. »Gaertner? Sagen Sie, sind Sie vielleicht...«

»Ja, der bin ich.«

Der Leutnant wurde unsicher. »Colonel, ich weiß nicht...«

»Ich war einmal Colonel. Jetzt bin ich Privatmann und zweiter Elektroniker. Haben Sie etwas dagegen, wenn ich meinen Ausweis jetzt wieder einstecke?«

»Nein, natürlich nicht! Sie können passieren, Colonel!«

Der Leutnant und sein Sergeant salutierten.

Auf der Plattform turnte ein Mann herum, der sich nicht im geringsten um die beiden Ankömmlinge kümmerte.

»He, Glynn!«, rief Kerby. »Sehen Sie nicht, dass Besuch da ist?«

Der Mann kam heran und versuchte sich in einer militärischen Haltung. Gaertner lief es kalt den Rücken hinunter, als er das gleichgültige Gesicht sah. Obwohl ihn Glynn keines Blickes würdigte, spürte er, dass er für den anderen überhaupt nicht existierte.

»Das ist Johnny Gaertner, euer zweiter Elektroniker. Nimm ihn mit hinein und mach ihn mit der Besatzung bekannt. Captain Granquist weiß Bescheid.«

»Okay, Sir!«

Glynn stolperte ohne Gruß auf die Schleuse zu und verschwand im Inneren des Schiffes. Gaertner starrte ihm nach, als sähe er ein Gespenst. Dann blickte er hilflos zu Kerby. »Was ist das für ein Mensch?«

»Ein Sonderling. Aber er kann was. Sie werden sich an ihn gewöhnen. Viel Glück, Captain Gaertner! Denken Sie jetzt nur an Calhoun. In den nächsten acht Wochen werde ich täglich auf Ihre Rückkehr warten. Ich hoffe, Sie brauchen nicht länger.«

»Kommen Sie nicht mit hinein?« Johnny Gaertner fühlte sich wie ein ängstliches Kind, obgleich seine Frage gleichgültig klang.

»Der Leutnant unten würde Schwierigkeiten machen. Lassen Sie mich gehen. Auf Wiedersehen, Captain!«

Kerby verschwand mit dem Lift. Johnny hielt sein Handgepäck verkrampft und ging wie in Trance auf die Schleuse zu. Eine solche Einführung auf einem neuen Schiff hatte er in seinem Leben noch nicht mitgemacht. Hier stand ein Raumer vor ihm, in dessen Rumpf sich eine unbekannte Besatzung befinden musste. Und er sollte hineingehen und sagen: ›Hört her, Leute, ich bin euer Kapitän! Alles hört auf mein Kommando! Mein Pass lautet zwar auf die Dienststellung eines zweiten Elektronikers. Trotzdem wünsche ich, dass jeder tut, was ich anordne.‹

Er hatte kaum das Außenschott passiert, da schlug es auch schon mit einem dumpfen Geräusch hinter ihm zu.

Gefangen - dachte er. Wenn diese Burschen alle wie Eddie Glynn sind, dann mache ich am besten gleich mein Testament.

Sobald er den spärlich erleuchteten Gang betrat, schloss sich auch das Innenschott. Alles geschah automatisch, ohne dass ein Mensch zu sehen war. Auch Glynn war verschwunden. Eigentlich hatte er die Aufgabe, Gaertner mitzunehmen.

Johnny wusste, dass es rechts zum Pilotenraum ging. Da man kurz vor dem Start war, hoffte er, dort jemanden zu finden. Doch er schaffte höchstens fünf Schritte, als ihn heftiger Andruck auf die Knie zwang.

»Zum Donnerwetter, ihr Wahnsinnsbrüder!«, schrie er aus Leibeskräften, »wer hat denn hier Befehl zum Starten gegeben?«

Niemand hörte ihn, niemand antwortete ihm. Er raffte sich auf, griff nach seinem Bündel und zog sich ein paar Meter weiter, bis er den Schnappgriff des Schotts fand. Ohne Zögern öffnete er. Was er sah, machte zunächst einen vertrauten und friedlichen Eindruck. Drei Männer hockten in ihren Sesseln und starrten auf ihre Instrumente. Vorn im Pilotensessel saß ein schwarzhaariger Kerl, hinter ihm - nebeneinander - zwei weitere. Einer von ihnen war Glynn. Die Gesichter der anderen konnte er nicht erkennen, da ihm alle drei den Rücken zukehrten. Seine Bekanntschaft mit Glynn machte ihn jedoch noch misstrauischer, als er schon war.

Er wartete, dass sich nach dem lauten Geräusch der zuschlagenden Tür jemand nach ihm umsah. Doch keiner nahm Notiz von ihm. Jeder war mit seinen Instrumenten beschäftigt.

Der Startandruck war nicht sehr stark. Jedenfalls konnte Gaertner ihn gut aushalten. Im Rücken der Männer versuchte er, sich einen Plan zurechtzulegen. Denn sobald man im freien Raum auf Endbeschleunigung und Autopilot ging, musste notgedrungen eine aufklärende Unterhaltung mit diesen drei Herren stattfinden. Es fragte sich nur, wer wen aufklären würde. Nach Kerbys Aussagen war er - Gaertner - der Captain. Andererseits wusste er nicht hundertprozentig, ob auch die Besatzung dieser Meinung war. Und schließlich kannte er von diesem Schiff nichts als die grobe Architektur, die es mit allen Fahrzeugen der Herkules-B-2-Klasse gemein hatte.

Nach genau dreiundzwanzig Minuten schaltete der Schwarzhaarige auf Endbeschleunigung l g. Die Gravitation des Planeten Brodik wirkte kaum noch, so dass man seine normale Körperschwere spürte.

»Autopilot läuft!«, sagte der Schwarze. »Ihr könnt nach Hause gehen.«

Die Stimme klang wie Musik auf einem Waschbrett. Gaertner fragte sich verzweifelt, was er gegen diese Stimme einzuwenden hatte. Sie war frei von jedem Akzent und wirkte verständlich und gut artikuliert. Trotzdem war sie ihm nicht sympathisch.

Die drei Männer schnallten sich los. Einer steuerte sofort auf das Schott zu, um die Aufforderung des Schwarzhaarigen zu befolgen. Glynn aber blieb stehen.

»Hallo, Val! Kerby hat gesagt, ich soll dir den zweiten Elektroniker vorstellen. Da sitzt er.«

Er zeigte auf Johnny, der es sich auf einem Podest ›bequem‹ gemacht hatte. Der schwarze Val musste der miserable Pilot sein, von dem Kerby gesprochen hatte. Sein voller Name lautete demnach Valfrid Granquist.

Granquist drehte sich um und sah Gaertner an.

Der hatte Mühe, seine sitzende Stellung beizubehalten, denn immer, wenn ihm im All solche Gesichter begegnet waren, hatte er automatisch nach der Schusswaffe gegriffen, und sämtliche Muskeln angespannt. Heute besaß er jedoch keine Waffe. Und außerdem bestand auch kein Anlass zum Schießen, wenn es stimmte, dass diese Leute ihm auf Grund seines Dienstverhältnisses gehorchen mussten.

Granquist hatte überraschenderweise ein Puppengesicht. Nur die Augen blickten genauso stur wie die des unangenehmen Glynn.

Johnny Gaertner nahm sich vor, unter keinen Umständen das erste Wort zu sprechen. Schließlich war er inzwischen vorgestellt worden.

Auf diese Weise verging mehr als eine Minute. Es wäre bestimmt eine Ewigkeit daraus geworden, wenn Johnny Gaertner seinen Vorsatz nicht hätte fallen lassen. Er versuchte es anders. Immerhin durfte er sich als Vorgesetzter fühlen.

Granquist und Glynn standen noch immer da und musterten ihn wie das Prachtstück einer guten Sammlung. Dennoch sahen sie unbeteiligt aus. Sie machten beide den Eindruck, als ob sie viel Zeit und Langeweile hätten.

»Ich bin der neue Kommandant dieses Schiffes und heiße Johnny Gaertner. Nennen Sie mir Ihre Namen!«

»Granquist, Pilot«, sagte der Schwarzhaarige bereitwillig, aber ohne Sympathie.

»Glynn, erster Elektroniker«, sagte der andere und verstummte sofort wieder.

»Lassen Sie die Mannschaft antreten, Granquist. Ich habe ein paar Worte mit euch zu reden.«

»Jawohl, Sir!«

Granquist trat ans Bord-Interkom und gab die befohlene Anweisung durch. Johnnys Mut wuchs ein wenig. Es war schon viel wert, dass man ihn ohne Schwierigkeiten als Captain anerkannte. Es hätte schlimmer kommen können.

»Zeigen Sie mir inzwischen den Kurs, Granquist.«

»Kurs Denebola liegt an, Sir. Es ist alles in Ordnung.«

»Daran zweifle ich nicht. Trotzdem möchte ich mich überzeugen.«

»Wenn Sie meinen...«

»Was heißt, wenn Sie meinen? Auch wenn Ihnen meine Anweisung gegen den Strich geht, ist das kein Anlass, sie als überflüssig zu bezeichnen.«

»Ihr Befehl ist ungewohnt, Sir. Daher meine Bemerkung. Unsere bisherigen Kommandanten haben sich wenig um die Führung des Schiffes gekümmert. Das habe ich immer allein gemacht.«

»Okay! Es ist gut...«

Granquist holte allen relevanten Daten auf den Bildschirm und zeigte, dass der Kurs in Ordnung war.

»Kerby erzählte mir, Sie hätten eine unvollkommene Ausbildung genossen«, sagte Gaertner. »Deshalb war ich nicht sicher. Offenbar verstehen Sie mehr von der Navigation, als er ahnt.«

»Kerby hält nicht viel von seiner Besatzung«, antwortete der Pilot ohne die geringste Empörung. »Für ihn sind wir unmündige Kinder.«

Dann kam die Besatzung herein und stellte sich in einer Reihe auf. Auch bei dieser Zeremonie konnte sich Gaertner eines Unbehagens nicht erwehren. Er fragte sich, woran es lag, denn vom militärischen Standpunkt aus war an dem Benehmen der Leute nichts auszusetzen. Sie machten ihre Sache schnell und ohne jeden Lärm. - Natürlich! Das war es! Der Lärm fehlte, oder wenigstens die Geräusche, die eine Handvoll Soldaten niemals vermeiden konnte.

Johnny Gaertner fühlte wieder den Schweiß kommen. Er sah in die Gesichter und stellte fest, dass er sich an diese Art Augen noch immer nicht gewöhnt hatte. Sie alle blickten wie Glynn und Granquist. Als ob sie Brüder wären, oder als ob gemeinsame schicksalsschwere Erlebnisse sie im Laufe der Zeit zu einem bestimmten Typ geformt hätten. Und ihre Trägheit im persönlichen Kontakt stand in einem unerklärlichen Widerspruch zu ihrem marionettenhaften Gehorsam.

Das Antreten vollzog sich in geisterhafter Stille, nicht einer der Eintretenden hatte bisher ein Wort gesagt. Erst Granquists Kommando brachte wieder Leben in das Schauspiel. Er machte eine einwandfreie Meldung, dass die Besatzung mit neun Mann vollzählig angetreten sei.

Gaertner hielt in seiner Lage eine kurze Ansprache für besser als eine lange. Je weniger er sagte, um so weniger konnte er falsch machen.

Er nannte seinen Namen und erklärte, dass er der neue Captain sei. Dann schritt er auf die Reihe zu, um jedem einzeln die Hand zu geben. Sie alle hatten einen festen Griff, der Vertrauen erwecken konnte. Doch dafür war dieser Händedruck wieder zu einheitlich. Allen Hozak hatte eine Hand wie Tony Rice, und Tony Rice hatte eine Hand wie Aurel Dimitrescu. Genauso war es bei den anderen, bei Peter Lodge und denen, deren Namen Johnny nicht gleich behalten konnte. Erst bei van Gelder stutzte er. Willem van Gelder fehlte der kleine Finger der rechten Hand.

»Verwundet?«, fragte Johnny.

»Im Kriege, Sir! Es ist lange her. Ich habe mich daran gewöhnt!«

»Okay! Was machen Sie hier, van Gelder?«

»Biologie, Hydroponik, Sir! Außerdem bin ich Waffenmeister.«

»Waffen interessieren mich. Sie werden mir nachher Ihr Arsenal zeigen. Erinnern Sie mich daran, wenn ich es vergessen sollte!«

»Jawohl, Sir!«

Der letzte Mann hieß Karlow. Johnny hielt sich nicht lange bei ihm auf, da auch er einen ausdruckslosen Händedruck hatte, wie alle anderen.

»Lassen Sie wegtreten, Granquist!«

Granquist gehorchte, und sieben Männer verließen den Raum.

»Glynn, Sie zeigen mir bitte die Kapitänskabine! Sie werden allein fertig, Granquist?«

»Natürlich, Sir!«

»Nennen Sie mich Captain.«

»Wie Sie wünschen, Captain!«

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5

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Glynn ging voraus. Johnny Gaertner, der ihm mit seinem Gepäck in der Hand folgte, kam sich vor wie ein Passagier, der sich von einem Steward einweisen lässt. Normalerweise lag die Kapitänskajüte von der Brücke gerechnet hinter der dritten Tür rechts. Jedenfalls war das so auf den Schiffen der Herkules-Klasse. Glynn ging bis zur vierten und erklärte auf Gaertners Frage, wegen gewisser Vorräte sei die Kapitänsunterkunft um eine Kabine verlegt.

»Okay«, sagte Gaertner hinter Glynns Rücken, als sie ihr Ziel erreicht hatten. »Die Kabine ist einigermaßen sauber. Die Einheitseinrichtung kommt mir bekannt vor. Ich brauche Sie vorläufig nicht, Glynn.«

Der Elektroniker stand genau vor ihm, und als er sich umdrehte, um zur Tür zu gehen, blickten sich die Männer auf kürzeste Distanz genau in die Augen. Johnny Gaertner hatte Mühe, seinen Blick nicht abzuwenden. Er kannte diesen Zustand aus keiner früheren Begegnung. Noch nie war es ihm passiert, dass er den Wunsch hatte, dem Blick eines Untergebenen auszuweichen. Aber hier sehnte sich sein ganzes Ich danach, weggucken zu dürfen. Er musste sich zwingen, es nicht zu tun. Wieder fühlte er den leichten Schweiß auf der Stirn.

Was sind Sie für ein Mensch? drängte es ihn zu fragen. Überhaupt, ihr alle! Was für Menschen seid ihr?

Er unterdrückte die Frage, weil sie einfach unaussprechbar war, wenn er sich den Respekt der Leute bewahren wollte.

Aber sagen musste er etwas. Eddie Glynn stand schon an der Tür.

»Noch eins, Glynn! Die Verlegung meiner Kabine um eine Nummer sagt mir, dass hier doch manches anders sein mag als auf den gleichen Schiffen dieser Klasse bei der Marine. Ich möchte mir nachher das Schiff ansehen. Wer von euch ist der geeignetste Mann, mich zu begleiten?«

»Ich, Sir!«

Johnny Gaertner musste mit aller Macht gegen eine Angst ankämpfen. Dabei lag in der selbstbewussten Art des Elektronikers keine Anmaßung. Glynn machte eher einen unterwürfigen Eindruck, wenn man seine hängenden, nach vorn gewölbten Schultern betrachtete. Von der ersten Begegnung auf der Rampe wusste der Captain aber, dass Glynn auch störrisch sein konnte.

»Gut! Mr. Kerby sagte schon etwas davon, dass Sie hier ein Universalgenie wären.«

»Mr. Kerby versteht nichts davon.«

»Das mag sein. Ich bin erst seit einigen Stunden in seinen Diensten und kann mir kein Urteil darüber erlauben. Vielleicht sind wir eines Tages einer Meinung.«

»Das glaube ich nicht.«

Gaertners Kopf ruckte wieder hoch. »Wie meinen Sie das?«

»Ach, nur so, Captain.« Glynns sekundenlang aufflackernder Blick erlosch sofort wieder zu der unpersönlichen Starre, die Johnny so schmerzte. Er unterließ es, in dieser Richtung weitere Fragen zu stellen. Die vorhin auf der Brücke erlebte Disziplin der Mannschaft hatte ihn auf einen guten Kontakt hoffen lassen, oder wenigstens auf ein Dienstverhältnis ohne große Schwierigkeiten. Aber jedes Mal, wenn er einem dieser Männer in die Augen sah, blieb von der Hoffnung nicht viel übrig. Und Glynns rätselhafte Art zu reden, machte ihn noch vorsichtiger.

»Hozak ist euer Arzt, nicht wahr?«, wechselte er kurz das Thema.

»Jawohl, Captain!«

»Ist er ein guter Arzt?«

»Für uns reicht er. Hier war noch keiner krank.«

»Hm, ein paradiesischer Zustand. Hoffentlich bleibt es dabei...«

Sie gingen hinaus, und Gaertner freute sich, dass er hinter Glynn gehen konnte, um ihm nicht immer in die Augen sehen zu müssen. Er wandte sich den Türen l bis 3 zu. »Was habt ihr da drin?«

»Nummer l enthält die Raumanzüge, Nummer 2 Ersatzteile für die Brückenarmaturen, Nummer 3 weiß ich nicht.«

»Wer weiß es denn?«

»Van Gelder.«

Der Captain wollte die Tür öffnen, doch sie war abgeschlossen.

»Hat van Gelder die Schlüssel?«

»Jawohl, Captain.«

»Okay, dann sehe ich mir die Raumanzüge an.«

Er inspizierte schweigend die Kabine l und tat so, als untersuche er die Anzüge auf ihren Zustand. In Wahrheit war er mit den Gedanken ganz woanders.

»Ich überlege schon die ganze Zeit, was für ein Landsmann Sie sind. Aber Ihren Dialekt kann ich nicht unterbringen. Aus den Staaten stammen Sie doch gewiss nicht. Und auch nicht aus den Kolonien.«

»Ich komme von Terra, Sir. Schottland.«

»Schottland? Das ist doch nicht möglich. Sie sprechen nicht wie ein Schotte.«

»Das mag sein, Sir.«

Johnny Gaertner spürte aufsteigenden Zorn. Er unterdrückte ihn, weil er genau wusste, dass er noch nicht die richtige Methode gefunden hatte, diesen Mann anzufassen.

»Turbinenraum«, sagte er kurz und war froh, dass der andere das als einen Befehl erkannte.

Sie gingen stundenlang durch das Schiff, bis Gaertner sich von dem guten Zustand überzeugt hatte. Auf dem Rückweg fragte er beiläufig: »Übrigens, Granquist sprach vorhin von den früheren Kommandanten. Der wievielte bin ich jetzt bei eurer Besatzung?«

»Der dritte, Sir.«

»Sind die anderen beiden geflogen? Ich meine, hat Kerby sie entlassen?«

»Nein, sie sind tot.«

»Wieso? Verdammt, lassen Sie sich die Rosinen doch nicht immer einzeln aus der Nase ziehen! Reden Sie endlich einmal etwas ausführlicher. Sie sind tot. Warum sind sie tot? Habt Ihr sie umgebracht?«

»Nein, Sir. Das wäre eine Verletzung unserer Pflichten. Jeder unserer beiden ersten Chefs starb auf seiner ersten Reise.«

»Im Kampf gegen Calhoun? Erzählen Sie, wie das war. Ich möchte wissen, was uns auf Paraia erwartet, damit wir ein drittes Mal nicht die gleichen Fehler machen. Außerdem möchte ich lebend nach Brodik zurückkehren.«

»Calhouns Kuppel ist eine Festung, Sir, die uns viel zu schaffen machen wird. Noch nie ist jemand von unserer Besatzung hineingelangt. Bis auf den Berg sind wir beide Male gekommen, doch ein Kampf hat niemals stattgefunden. Ehe wir etwas unternehmen konnten, starben unsere Kommandanten vor unseren Augen, und die Hälfte der Besatzung verschwand im Nichts.«

»So, sie verschwand einfach. Calhoun beherrscht offenbar einige Zauberformeln. Die Kapitäne aber hat er liegen lassen, wenn ich Sie richtig verstehe?«

»Jawohl, Sir. Die Leichen der Kapitäne brachten wir beide Male mit zurück.«

»Und die Besatzung wurde dann immer wieder aufgefüllt. Ich meine, wer war von Anfang an dabei?«

»Granquist, Dimitrescu, Rice, Hozak und Lodge.«

»Und van Gelder?«

»Der ist neu auf dieser Tour.«

»Okay. Ich nehme an, es befinden sich Karten von Paraia an Bord und die entsprechenden Daten im Computer. Sie als alter Hase werden mir bei Gelegenheit die Verhältnisse auf dem Planeten erklären. Und Sie wenden mir Tipps geben, wie wir die Fehler der beiden ersten Expeditionen vermeiden können.«

»Ich glaube, ich werde ein schlechter Ratgeber sein, Captain. Man lernt aus den alten Fehlern und macht dafür andere. Paraia trägt seinen Namen nicht umsonst. Er frisst uns jedes Mal die halbe Besatzung auf.«

»Was für einen Namen hat Paraia?«

»›Stern der Verlorenen‹, Sir.«

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6

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Johnny Gaertner war froh, als er die Kabinentür hinter sich schließen konnte und allein war. Er legte sich auf die Koje und grübelte. Ob die hier alle verrückt waren? Wenn es eine Ausnahme gab, so war es van Gelder.

Johnny Gaertner erinnerte sich an den Händedruck, der sich als einziger von dem der anderen unterschieden hatte. Freilich, van Gelder hatte nur neun Finger, und der zehnte fehlte ihm an der rechten Hand. Aber es kam noch etwas hinzu. Die Augen. Johnny Gaertner dachte an van Gelders Augen. In denen hatte er eine Reflektion seines eigenen Blickes gesehen.

Er stand auf und ging hinaus zu van Gelders Kabine, die ihm Glynn auf dem Rundgang gezeigt hatte. Er klopfte an und stieß das Schott, ohne auf eine Aufforderung zu warten, nach innen.

Van Gelder saß an einem aus der Wand geklappten Tisch und hantierte seelenruhig mit einer Strahlpistole, die offenbar defekt war. Beim Eintreten des Captains blitzten seine Augen kurz auf. Es lag eine versteckte Sympathie darin. Jedenfalls glaubte das Gaertner, der sich sofort etwas beruhigte.

»Hallo, van Gelder. Lassen Sie sich nicht stören.«

»Nehmen Sie Platz, Captain. Wenn ich weiter arbeiten darf, stören Sie absolut nicht. Dieser Blaster will nicht so recht.«

»Machen Sie weiter! Ich versuche nur, mich an die Besatzung zu gewöhnen. Und da machen Sie keine Ausnahme.«

»Aber das Gewöhnen fällt schwer, nicht wahr?«

»Wie meinen Sie das?«

»Ich meine, dass Sie ein normaler Mensch sind.«

»Sie etwa nicht?«

»Ich versuche, es mir zu beweisen, Sir. Aber wie Ihnen zumute ist, kann ich Ihnen genau sagen.«

»Da bin ich gespannt.«

»Sie halten doch die gesamte Besatzung für wahnsinnig...«

»Quatsch!«

»Warum Ausflüchte, Captain?«

»Okay, ich habe den Eindruck, dass sie Wahnsinnige sind. Aber dieser Eindruck muss falsch sein. Denn Kerby ist zweifellos normal, und er wird auch nur Normale für eine solche Expedition einsetzen. Die Logik verrät mir also, dass mein Eindruck trügt.«

»Dann bin ich gespannt, wie Sie mit uns fertig werden wollen.«

»Ich weiß es selbst noch nicht. Doch vielleicht können Sie mir einen Tipp geben.«

»Ausgerechnet ich. Auch für mich .ist das die erste Fahrt.«

»Natürlich, das vergaß ich ganz. Allerdings machen Sie nicht den Eindruck eines Neulings...«

Van Gelder sah erschreckt zur Seite, ohne dass Johnny begriff, was an seiner belanglosen Bemerkung so erschreckend sein konnte.

»Ich bin bereits seit vierzehn Tagen an Bord, Sir«, sagte der Mann wesentlich unruhiger als bisher. Es schien, als ob er Angst hätte. »Vierzehn Tage sind eine lange Zeit, Captain, wenn man Stunde für Stunde mit der Ausrüstung des Schiffes zu tun hat und sich mit seinen Kollegen herumärgern muss. Ich bin nur froh, dass man mir die Waffenkammer anvertraut hat. Wenn wir auf Paraia landen, wird unser Schiff eine feuerspeiende Festung sein. Ein Rückzug wie das erste Mal wird uns nicht wieder passieren.«

»Ich denke, Sie sind neu. Was wissen Sie vom ersten und vom zweiten Mal, van Gelder?«

»Ich weiß es, Sir!« Van Gelders Blick sah plötzlich gequält aus. »Ich weiß es, als ob ich schon einmal dabei gewesen wäre. Ich habe davon geträumt und kann mich an Verhältnisse auf Paraia erinnern, die mir die Landkarten genauestens bestätigen.«

»Sie haben geträumt? Das ist nicht sonderbar. Auch ich habe geträumt, auf Paraia zu sein, und war trotzdem noch niemals dort.«

»Aber ich war dort. Ich weiß es genau. Auch wenn Kerby nichts davon erzählt hat.«

»Was hat Ihre Erinnerung mit Kerby zu tun?«

Van Gelder legte die halb zusammengebaute Waffe beiseite und drehte sich voll zu Gaertner um. »Sie müssen mir helfen, Captain. Ich bitte Sie darum. Nicht jetzt, aber irgendwann auf dieser Reise, wenn es nötig sein wird. Sie sind ein normaler Mensch und besitzen den richtigen Maßstab für die Dinge.«

»Was hat Ihre Erinnerung mit Kerby zu tun?«, wiederholte Johnny Gaertner seine Frage und sah van Gelder hypnotisch an. Er spürte, dass er selbst hier etwas erfahren konnte, was wichtig für ihn war, was aber Leute wie Glynn nichts anging. Van Gelder war anders. Oder sein Instinkt hatte ihn verlassen.

»Ich schätze, Sie haben bereits herausbekommen, was man hier an Bord von Louis Kerby hält...«

Der Captain nickte schweigend. Er wartete, dass der andere fortfuhr.

»In der Sache sind sich alle einig, Sir. Sie hassen den Chef.«

»Dann verstehe ich nicht, dass sie für ihn arbeiten. Und noch weniger verstehe ich Kerby, der sich eine so unzuverlässige Mannschaft hält.«

»Unzuverlässig sind wir nicht, nein, Captain. Eine bessere Mannschaft kann Kerby sich gar nicht wünschen. Sie hassen ihn und dienen ihm, weil ihnen keine andere Wahl bleibt. Ich bin überzeugt davon, dass wir früher tatsächlich alle einmal normale Menschen waren. Aber dann hat Kerby irgend etwas mit uns gemacht...«

»Das klingt sehr geheimnisvoll«, sagte Johnny Gaertner. »Glauben Sie, dass Kerby auch was von Biologie und Medizin versteht? Denn darauf wollen Sie doch hinaus?«

»Ich habe keine Beweise, Captain. Wie soll ich etwas beweisen, wenn ich mich an nichts erinnere? Ich kann nur kombinieren. Fragen Sie Granquist, oder Dimitrescu, oder Hozak! Fragen Sie Glynn, wo er geboren ist, wie viel Kinder sie zu Hause waren oder wie sein Lehrer hieß. Er wird auf alles eine Antwort wissen. Nur passt sie nicht zu ihm. Und wenn Sie viel fragen, werden Sie wahrscheinlich sogar auf Widersprüche stoßen. Was wir wissen, hat Kerby uns gelehrt. Von unserem alten Ich ist nicht viel übriggeblieben. Ich spüre es täglich an mir selbst.«

»Sie meinen, Kerby hat Experimente mit euch gemacht, an eurem Gehirn laboriert, um willenlose Werkzeuge für seine Pläne zu bekommen?«

»Willenlos sind wir nicht. Aber wir sind hilflos, dass uns nichts anderes übrigbleibt, als hier zu bleiben und für den Chef zu arbeiten. Jeder, der dieses Schiff verlässt, um etwa woanders ein neues Leben zu beginnen, wird untergehen. Keiner von uns hat eine Möglichkeit, in der Welt fertig zu werden. Über kurz oder lang würde man uns in eine Irrenanstalt sperren.«

»Was verstehen Sie von Irrenanstalten, wenn Sie keine Erinnerung mehr an früher haben?«

»Was verstehe ich von Hydroponik oder Waffenpflege? Kerby hat es mir beigebracht. Oder hat er mir die Allgemeinbildung gelassen?«

»Hydroponik und Waffenkunde gehören für mich schon zum Spezialwissen, van Gelder. Wenn Sie heute über die entsprechenden Kenntnisse verfügen, dann müssen Sie wahrscheinlich auch früher schon etwas davon verstanden haben.«

»Es ist möglich. Ich kann mich nicht genau daran erinnern.«

»Nicht genau? Dann ungenau! Verdammt, van Gelder, man kann doch nicht Ihre Vergangenheit ausgelöscht haben. Bemühen Sie sich, Anhaltspunkte aus Ihrem früheren Leben zu finden. Vielleicht kann ich Ihnen dann helfen.«

»Sind Sie Mediziner?«

»Nein. Aber ich fühle mich noch als normaler Mensch hier, und deshalb besteht eine Chance. Für Sie und für mich. Auch mir müsste geholfen werden. Denn ein paar Wochen mit dieser Mannschaft allein werden auch mich zum Wahnsinn treiben. Und ich weiß genau, bei Ihnen müssen wir anfangen. Denn Sie sind der harmloseste Fall in der Mannschaft. Sie sind kein Roboter.«

»Roboter ist keiner von uns. Daraufhin haben wir uns schon gegenseitig untersucht. Und Hozak hat es bestätigt. Aber es ehrt mich, dass Sie mich vor den anderen auszeichnen, Captain. Hoffentlich sagen Sie das nicht jedem.«

»Ihr Misstrauen und Ihre Eitelkeit sind menschlich entwickelt«, sagte nun Gaertner sarkastisch. »Aber unter der Voraussetzung wird aus unserer Zusammenarbeit nichts werden. Also, jetzt reißen Sie sich zusammen! Versuchen Sie herauszufinden, wo Sie geboren sind, ganz gleich, was Kerby Ihnen eingedrillt hat.«

»Nach Kerbys Ansicht stamme ich aus Amsterdam - Europa - Terra. Aber diese Gegend kenne ich gewiss nur von Bildern.«

»Und woher stammen Sie wirklich?«

Van Gelder machte ein gequältes Gesicht. Er wand sich unter dem zwingenden Blick seines Vorgesetzten Und kam zu keinem Ergebnis.

»Ich weiß es nicht, Sir! Ich weiß nur, dass ich Paraia kenne und schon einmal da war.«

»Kennen Sie Calhoun?«

Van Gelder schüttelte den Kopf. »Nein, Captain Wenn Sie denken, ich sei früher einmal einer seiner Mitarbeiter gewesen, dann irren Sie sieh. Ich habe Selbst schon in dieser Richtung mein Erinnerungsvermögen strapaziert, aber es kam nichts dabei heraus. Zudem ist es unlogisch, solche Zusammenhänge anzunehmen. Wenn ich etwas von Calhouns Verhältnissen kennen würde, dann hätte mich Kerby niemals auf diese Reise geschickt, weil ich als sein engster Mitarbeiter in seinen Laboratorien besser zu gebrauchen wäre.«

»Das kann ein Trugschluss sein. Wer sagt Ihnen, dass Kerby sich nicht längst alles Wissen aus Ihrer Vergangenheit angeeignet hat...«

Van Gelder stand unwillkürlich von seinem Stuhl auf.

»Halten Sie das für möglich?«

»Bei Kerby, scheint mir, müssen wir alles für möglich halten, wovon uns nicht das Gegenteil bewiesen wurde.«

Nach diesen Worten erhob sich auch Gaertner und machte Anstalten zum Gehen. »Wir haben noch drei Wochen Zeit, uns aneinander zu gewöhnen. Denken Sie immer wieder nach, Van Gelder. Und wenn Sie einen Lichtblick haben, dann sagen Sie mir Bescheid. Morgen können Sie mir dann Ihr Waffenarsenal und die Algenzucht zeigen. Ich möchte nicht alles am ersten Tage verdauen. Ich gehe jetzt in den Kommandoraum.«

»Wenn Granquist fliegt, lassen Sie ihn das möglichst allein machen, Captain. Er hält sich für einen guten Piloten und Navigator, und hier draußen im Raum kann man ja nicht viel vermasseln.« Johnny Gaertner stutzte. »Wie kommen Sie denn darauf?« Der rätselhafte Niederländer war plötzlich kreidebleich geworden und begann wieder Unnatürlich zu schwitzen. »Ich erinnere mich daran, Captain.«

»Sie erinnern sich? Reden Sie doch endlich!«

»Ich weiß nichts, Sir! Wirklich nicht. Ich weiß nur, dass Granquist furchtbar eitel ist. Es hat keinen Zweck, dass Sie weiter fragen.«

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7

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Noch am selben Tage ging man in den Hyperraum. Jetzt eigentlich begann erst die Reise zwischen den Sternen, bei der die INVINCIBLE - gemessen am Normalraum - eine mehr als hundertfache Lichtgeschwindigkeit erreichte. Der Lichtstrahl brauchte für die Strecke Brodik - Paraia etwa sechs Jahre. Doch niemanden an Bord beeindruckte diese kaum vorstellbare Entfernung. Man wusste, dass im Hyperraum die Lichtgeschwindigkeit als höchste erreichbare Grenze keinen direkten Bezug mehr zu den unteren Dimensionen hatte, und empfand es als eine Selbstverständlichkeit, dass das Raumschiff in rund drei Wochen sein Ziel erreichen würde.

Eine weitere Selbstverständlichkeit war die automatische Steuerung, die der gesamten Besatzung eine beträchtliche Freizeit garantierte. Der Mensch brauchte nur einzugreifen, wenn die verschiedenen Warngeräte Abweichungen vom Normalflug oder drohende interstellare Materie signalisierten. Und auch diese Fälle waren so selten, dass sie durchschnittlich auf jeder zehnten Reise einmal vorkamen.

Johnny Gaertner nahm seine Aufgabe ernst. Er widmete jede Stunde der Vorbereitung seines Angriffs auf Calhouns Festung. Wenn auch jedes Gespräch mit den Besatzungsmitgliedern stets neue Überwindung kostete, so scheute er keine Gelegenheit, die Leute auszufragen. Er fand nicht selten Widersprüche, die wahrscheinlich einem defekten Erinnerungsvermögen der Männer zuzuschreiben waren. Er legte eine Datenbank mit den Aussagen und Informationen an und tastete sich so immer näher an das Problem heran.

Und dieses Problem hieß: Calhoun. Da war freilich noch ein anderes, eines, das ihn persönlich weit mehr berührte, nämlich der rätselhafte Zustand der Besatzung. Doch diese Fragen schob er mit einer Art von Besessenheit von sich. Er fürchtete, dass sie ihn von seiner eigentlichen Aufgabe, für die er von Kerby bezahlt wurde, ablenkten. Er war eben ein typischer Soldat, der sich in erster Linie um die Befolgung erhaltener Befehle kümmerte. Alles andere war Sentimentalität, die wahrscheinlich nur für seine eigene Person problematisch war.

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8

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Der Traum begann wie alle Träume. Es tauchte eine Gestalt auf, die mehr oder weniger im realen Leben eine Rolle spielte, die aber ohne logische Konsequenz erschien, weil im Traum einzig und allein der Zufall regiert. Träume verschieben in der Regel die Bedeutung der Dinge und Personen, sie greifen willkürlich etwas Nebensächliches aus dem Bewusstsein des Träumenden und machen es eigenmächtig zu etwas Bedeutungsvollem.

Johnny Gaertner erkannte klar und deutlich Allen Hozak, der plötzlich in seiner Kabine stand. Die erste Reaktion war Misstrauen. Denn was suchte Allen Hozak in seiner Kabine?

Dann stellte Gaertner plötzlich fest, dass es nicht die Kabine allein war, in der die Szene spielte. Die Wände fehlten, und er hatte von seiner Koje aus einen weiten Blick in eine unbekannte Landschaft. Das Erscheinen in einer Landschaft kann man einem Menschen schon weniger verbieten als das Eindringen in fremde Räume. Johnnys Misstrauen wich also einer gewissen Neugier. Und er hörte sich fragen, was Hozak von ihm wolle.

Hozak antwortete prompt und erklärte, dass er von den Hutwesen geschickt sei, die ihn gefangengenommen hätten. Nachdem er ihnen aber etwas von einer Botschaft erzählt habe, die bei Captain Gaertner liege, sei ihm die Aufgabe zugefallen,. die Botschaft herbeizuschaffen. Und nun sei er da.

In Gaertner gewann das Misstrauen wieder die Oberhand. Alles in ihm sträubte sich dagegen, die Kapsel herauszurücken. Aber zwischen seinem Wollen und seinem Tun bestand plötzlich nicht mehr der geringste Zusammenhang. Der Widerspruch blieb unausgesprochen. Auch die Absicht, dass er allein mit den Hutwesen verhandeln wolle. Statt dessen griff seine Hand nach der Kapsel unter seinem Kopfkissen und reichte sie Hozak. Hozak nahm sie schweigend und ging. Er ging durch die Tür der Kabine, die plötzlich wieder Wände hatte, welche den Blick auf die unbekannte Landschaft versperrten.

In Schweiß gebadet fuhr Gaertner aus dem Traum hoch und war sofort hellwach. Seine Hand griff automatisch unter das Kopfkissen und suchte vergeblich nach der Kapsel.

»Hozak!«, stöhnte er in verbissener Wut. Mit einem Sprung war er aus der Koje und draußen auf dem Gang. Von Hozak war nichts zu sehen. Er wollte schreien, um die Mannschaft zu alarmieren. Doch dann besann er sich anders. Abgesehen davon, dass er mit wütenden Rufen keinen Erfolg haben würde, da die Schotts und Wände schallisoliert waren, war dieser Vorfall nicht geeignet, ihn der gesamten Besatzung bekanntzugeben. Er ging in die Kabine zurück und zwang sich zur Besonnenheit. Wenn Hozak sich die Kapsel geholt hatte, dann lagen die Zusammenhänge anders, als Johnny es bisher glaubte, dann war die Existenz der Kapsel kein Geheimnis zwischen ihm und einem unbekannten Hutwesen. Wenn Hozak darüber Bescheid wusste, so konnte das Ganze auch der übrigen Besatzung bekannt sein.

Vielleicht war alles ein groß angelegter Bluff, um ihn, Gaertner, hineinzulegen. Die Gestalt aus dem ersten Traum war unschwer mit Kros zu identifizieren. Kros, der engste Mitarbeiter von Kerby, führte dessen Befehle aus, und Kerby war der Chef der Besatzung und Eigentümer des Schiffes.

Johnny Gaertner zog sich an und legte sich so auf die Koje. Einschlafen wollte und konnte er nicht mehr. Und wenn sich noch einmal etwas Unvorhergesehenes ereignete, wollte er bereit zum Handeln sein.

Die Kabinenbeleuchtung schaltete er auf ein trübes Dämmerlicht, das seinen Augen nicht weh tat und gleichzeitig die feindliche Dunkelheit bannte. Er spürte wieder die Angst, die ihm seit seiner Entlassung vom Militär zum Begleiter geworden war, und die bei der Begegnung mit der Besatzung der INVINCIBLE neue Nahrung gefunden hatte. Johnny Gaertner fühlte sich einsamer als je zuvor. Wenn alles anders war, als er bisher geglaubt hatte, dann konnte er sich, auch auf van Gelder nicht mehr verlassen. Er würde ganz auf sieh allein gestellt sein. Ohne Waffen, ohne den Kristall. Doch da er nicht bereit war, sich mit einer solchen Situation abzufinden, beschloss er, sich diese Gegenstände wieder zu beschaffen. Auf Freunde konnte er notfalls verzichten, aber nicht auf technische Hilfsmittel, die seinem Willen gehorchten.

Eine Stunde vor Beendigung der offiziellen Schlafperiode verließ er seine Kabine und ging auf die Brücke. Dort fand er lediglich Dimitrescu, der im Pilotensitz hockte und schlief. Minutenlang beobachtete Gaertner das Spiel der Bildschirme und der unmerklich schwankenden Nadeln der Armaturen. Das vertraute Milieu eines Kommandoraums der Herkules B2-Klasse beruhigte ihn etwas. Warum sollte er mit seinem Schicksal hadern? Die Weltbehörden hatten ihm auf Lebzeiten untersagt, wieder ein Schiff zu führen. Und doch führte er es nun.

Er setzte sich in den Sessel des Kopiloten, schaltete die Automatik ab und übernahm selbst die Steuerung. Das Geräusch des Ausrastens weckte Dimitrescu, der sich aufsetzte und trotz der Störung seines Schlafes keine Gemütsbewegung zeigte.

»Sie, Captain?«

»Allerdings.« Gaertner sah geradeaus auf seine Instrumente. »Dimitrescu, sagen Sie mir, wie lange Sie hier sitzen.«

»Granquist übergab mir die Wache zu Beginn der Schlafperiode.«

»Und seitdem sind Sie allein auf der Brücke?«

»Ich muss es annehmen. Aber sicher weiß ich es nicht. Ich habe geschlafen, Sir.«

»Bis jetzt?«

»Jawohl, Sir.«

»Okay! Dann schalten Sie wieder auf Automatik. Ich löse Sie in zwei Stunden ab.«

Gaertner hatte plötzlich keine Geduld mehr. Er ging zu van Gelder und weckte ihn. Der reagierte schon wesentlich menschlicher, indem er nämlich auf seine Uhr sah und sich darüber beschwerte, so früh geweckt zu werden.

»...die Schlafperiode dauert noch eine Stunde, Captain.«

»Ja, und?«

»Nichts, Captain. Ist etwas passiert?«

»Was soll passiert sein? Wüssten Sie etwas?«

Van Gelder sah ratlos aus. »Ich habe geschlafen. Sir. Was meinen Sie?«

»Wir haben den Hyperraum verlassen und werden heute noch landen. Ich brauche zwei Strahlpistolen. Und zwar möchte ich mir die aussuchen, bevor wir die Waffen an die Mannschaft verteilen.«

»Wir verfügen nur über eine Pistole pro Kopf, Captain.«

»Einerlei! Die Leute, die an Bord bleiben, brauchen keine. Also, ziehen Sie sich an und kommen Sie mit ins Arsenal!«

Van Gelder gehorchte schweigend. Er konnte sich in dieser Stunde zum erstenmal davon überzeugen, dass auch Gaertner etwas von Waffen verstand. Der Captain suchte sich nämlich die Stücke aus, die er sich selbst schon mit einem verständlichen Egoismus beiseite gelegt hatte.

»Sie können gleich hierbleiben und die Ausgabe vorbereiten. Überprüfen Sie auch noch einmal die Bestände des Beibootes. Wir hatten zwölf kleine A-Bomben vorgesehen...«

»Ich weiß Bescheid, Captain!«

»Gut.«

Gaertner ging hinaus und direkt zu Hozaks Kabine, die er ohne anzuklopfen öffnete. Doch der Raum war leer.

»Hozak!«, knurrte er halblaut vor sich hin. »Der Bursche hat nicht einmal das Licht ausgemacht, und seine Koje ist noch warm.«

Es stand einwandfrei fest, dass der rätselhafte Bordmechaniker noch vor einer Minute hier gelegen haben musste. Wer hatte ihn gewarnt? Van Gelder? Johnny Gaertner fand keine andere Erklärung, denn niemand hatte wissen können, dass der Kapitän im Schiff unterwegs war.

Eigentlich müsste ich jetzt die Kabine durchsuchen, um den Kristall hier zu finden, dachte Gaertner weiter. Aber dieser Gedanke war zu primitiv, um auch nur eine Sekunde lang an seine Ausführung zu denken. Wenn Hozak die Kapsel nicht bei sich trug, dann hatte er sie an jedem anderen Ort versteckt, als ausgerechnet in seiner Kabine. Und zum Empfang des werten Herrn war es nicht angebracht, ihm in irgendeinem Winkel hockend den Rücken zuzukehren. Hozak musste so empfangen werden, wie Gaertner dasaß. Auge in Auge und mit vorgehaltener Waffe.

Und Hozak musste jeden Augenblick zurückkommen.

Johnny Gaertners Optimismus blühte nur kurze Zeit. Er wartete eine geschlagene halbe Stunde, ohne dass der Erwartete zurückkehrte. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass in knapp zwanzig Minuten die Ruheperiode herum war. Er hatte sich ausgerechnet, kurz darauf die gesamte Mannschaft auf der Brücke antreten zu lassen. Diesen Entschluss änderte er schlagartig. Wenn Hozak nämlich in diesem Moment damit beschäftigt war, irgendwelche Dummheiten zu machen, so lag seiner Kalkulation gewiss der offizielle Zeitplan der Schlafperiode zugrunde. Mit einem vorzeitigen Alarm würde man ihn wahrscheinlich aus dem Konzept bringen oder gar zu einer Unvorsichtigkeit verleiten.

Der Captain stand kurz entschlossen auf und schaltete das Bord-Interkom auf  allgemeinen Rundspruch, wodurch sämtliche Lautsprecher an Bord auf sein Gerät geschaltet wurden.

»Achtung! Kapitän an Besatzung. Ich gebe Alarmstufe l! Befehl an alle Besatzungsmitglieder: Um sechs Uhr zweiundfünfzig antreten auf der Brücke. Dienstkleidung ist nicht vorgeschrieben. Dafür erwarte ich pünktliches Erscheinen. Für jede Sekunde Verspätung verhänge ich im voraus ohne Rücksicht auf den Dienstgrad eine Stunde Einzelhaft. Ich wiederhole zum ersten und letzten Male! - Kapitän an Besatzung! Ich gebe Alarmstufe l! Befehl an alle.«

Entschlossen schaltete Gaertner aus. Dich werde ich kriegen, Bursche! war sein Gedanke, als er auf den Korridor trat. Er nahm den kürzesten Weg zur Kommandozentrale.

Dimitrescu lag noch schlaksig im Pilotensessel, wo er die ganze Freiwache verschlafen hatte. Sein Augenblinzeln verriet jedoch, dass er inzwischen wach geworden war. In diesem Zustand machte er zum ersten Male einen ausgesprochen menschlichen Eindruck, wie Johnny Gaertner sich eingestehen musste. Außer dem diensthabenden Rumänen war noch Tony Rice da. Er hatte die Freiheit, nicht in Dienstkleidung erscheinen zu müssen, weitgehend ausgenutzt und war im Schlafanzug gekommen. Trotzdem musste man seine Schnelligkeit bewundern.

»Sie haben wohl auf der Bettkante gesessen und auf den Alarm gewartet?«, bemerkte der Captain trocken.

»Woher sollte ich denn wissen, dass Sie Alarm geben, Sir?«

»Das frage ich mich auch.«

»Tony ist unser Windhund, Captain«, erklärte Dimitrescu. »Er kann einfach nichts langsam machen.«

»Aber er braucht einen Verteidiger, was?«

»Wozu, Captain?«, fragte Rice schlagfertig. »Für Verspätung verhängen Sie Einzelhaft. Es wäre immerhin möglich gewesen, dass Sie im umgekehrten Falle Belohnungen verteilen.«

Gaertner gab keine Antwort. Er sah die beiden Männer nur aufmerksam an, um noch etwas mehr Menschliches an ihnen zu finden. Die dreiste Äußerung von Tony Rice hatte ihm im Grunde sehr wohl getan, denn sie erinnerte ihn an die Kameradschaft auf den Schiffen der Raummarine. Doch die Blicke der anderen vernichteten seine Hoffnung. Sie verrieten nichts von Humor und menschlichem Kontakt.

Jetzt traten weitere Männer ein. Um sechs Uhr fünfzig kam Granquist. »Lassen Sie antreten!«, sagte Gaertner kurz.

Um sechs Uhr zweiundfünfzig machte Granquist Meldung.

Die Besatzung war angetreten - bis auf einen. Johnny Gaertner hatte es geahnt. Aber er wusste noch nicht, ob das ein Grund zum Triumphieren war. »Wer weiß, wo Hozak steckt?«

Keiner antwortete.

»Zum Donnerwetter! Granquist! Ich warte bis Punkt sieben. Bis dahin haben Sie Hozak herbeigeschafft!«

»Jawohl, Sir!«

Granquist stellte zwei Männer vom Schluss der Reihe ab, um den Arzt zu holen. Dann sagte er: »Wahrscheinlich schläft er noch, Captain. Ich weiß, dass er einen festen Schlaf hat.«

»Er schläft auf keinen Fall«, meldete sich van Gelder.

»Das habe ich auch schon herausgefunden«, sagte Gaertner. »Aber woher wissen Sie das?«

»Er war vor einer halben Stunde bei mir und hat sich seine Pistole abgeholt.«

»Seine was?« Der Kapitän nahm sich zusammen, um die Frage nicht zu schreien. Er dachte daran, dass van Gelder sein aussichtsreichster Verbündeter auf diesem Schiff war.

»Sie hatten angeordnet, Sir, dass ich die Ausgabe der Handwaffen vorbereiten solle...«

»Verdammt! Was hat denn das Vorbereiten mit der Ausgabe selbst zu tun? Ich verstehe Sie nicht, van Gelder.«

»Hozak kam zu mir, als Sie fünf Minuten weg waren. Er behauptete, Sie hätten ihn geschickt, dass er sich seine Pistole bereits jetzt hole. Da niemand außer uns beiden von Ihrer Anordnung wusste, schien mir die Sache in Ordnung.«

»Wie wenig sie in Ordnung war, ist Ihnen ja jetzt wohl klar?«

Gaertner bekam keine Antwort. Van Gelder fühlte sich schuldig und unwohl in seiner Haut. Das sah man ihm an. Auf jedem Marineschiff hätte es jetzt einen ungeheuren Krach gegeben. Der Kapitän wäre aus der Haut gefahren und hätte in seinem gerechten Zorn die ganze Mannschaft stundenlang herumgescheucht, nur um zu zeigen, wer der Herr im Hause war. Heute reagierte Gaertner ganz anders. Heute fehlte ihm die Basis, die es ihm ermöglichen könnte, den wilden Mann zu spielen. Hozak und die Mannschaft waren ein Block, der ihm gegenüberstand. Was wäre daraus geworden, wenn er jetzt die Mannschaft durchs Schiff geschickt hätte, um den verschwundenen Arzt zu suchen?

»Granquist!«, sagte Gaertner. »Ich setze für sofort eine astronautische Unterrichtsstunde an. Führen Sie die Leute in den Tagesraum und beginnen Sie mit dreidimensionaler Zielansprache. Der Unterricht dauert so lange, bis ich Ausscheiden durchgebe. Ich beobachte Ihre Arbeit über den Bildschirm. Wer noch nicht gefrühstückt hat, kann seine eiserne Ration anbrechen. - Van Gelder, Sie nehmen nicht am Unterricht teil, sondern gehen ins Arsenal und kümmern sich weiter um die Waffen. Ich brauche wohl nicht besonders zu betonen, dass an eine Ausgabe nicht eher zu denken ist, als bis ich eine entsprechende Anordnung treffe. So, und nun rufen Sie Brown und Pohl zurück. Wenn sie Hozak bis jetzt nicht gefunden haben, dürfen wir den guten Mann wohl aufgeben.«

Brown und Pohl kamen in diesem Augenblick zurück. Ohne Hozak. Bevor sie eine Meldung machen konnten, winkte Gaertner ab, und Granquist gab die angeordneten Befehle.

Die Männer marschierten hinaus wie Marionetten. Sie taten es wieder in ihrem unbeteiligten Schweigen. Lediglich der Rumäne zögerte.

»Auch Sie gehen mit, Dimitrescu!«, sagte Johnny Gaertner. »Das Schiff führe ich jetzt.«

»Allein, Sir? Wir sind aus dem Hyperraum heraus und nähern uns Denebola.«

»Machen Sie sich deswegen keine Sorgen.«

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Als Dimitrescu das Schott hinter sich zuschlug, wandte sich Johnny Gaertner den Instrumenten zu. Was er jetzt vorhatte, ging keinen etwas an. - Automatikflug bei Annäherung an ein Sonnensystem!

Der Rumäne war schon nervös geworden, als er daran dachte, dass der Kapitän allein arbeiten wollte, denn der Bildschirm und die Messgeräte sagten deutlich, dass in einer knappen halben Stunde mit komplizierten Manövern gerechnet werden musste, da die Gravitation des Systems jetzt an Potenz zunahm. Wenn jetzt den Marionetten noch bekannt würde, dass Gaertner in dieser Situation die Brücke verließ, und die Maschinen ohne die geringste menschliche Kontrolle arbeiteten, so mussten sie unbedingt mit Anzeichen von Angst darauf reagieren, wenn sie nur den geringsten Selbsterhaltungstrieb besaßen.

Johnny Gaertner empfand ein eigenartiges Prickeln bei diesem Gedanken. Da war der gewisse Reiz für seine Virtuosität als einem der besten Weltraumpiloten überhaupt. Da war die Herausforderung an das eigene Können. Und da war der instinktive Verdacht, dass Hozak dieses waghalsige Spiel mit den Gesetzen und Gewalten der Natur, das sich eigentlich nur in den Gedanken des Kapitäns zutrug, in irgendeinem Winkel des Schiffes miterleben würde.

Denn...

...Hozak war vor ihm geflohen, als er sich seiner Kabine genähert hatte. Hozak war zu van Gelder gegangen, um sich die Pistole geben zu lassen. Und Hozak hatte etwas von dem Kristall gewusst.

Johnny Gaertner besaß absolut keine Vorstellung von den wahren Hintergründen dieser Tatsachen, aber er war so ausreichend auf Logik geschult worden, dass er hier Zusammenhänge witterte. Die Männer seiner Besatzung wurden ihm noch unheimlicher bei diesem Gedanken.

Wer war Hozak? Was war er? Und was waren die anderen? Die Idee mit den Robotern hatte Johnny längst aufgegeben. Seine Mannschaft mochte noch so sehr aus undurchsichtigen, rätselhaften Gestalten bestehen, sie alle waren Menschen, Und Menschen haben einen Selbsterhaltungstrieb. Auch Hozak musste einen Selbsterhaltungstrieb haben. Wenn er - was auf Grund seiner bisherigen Handlungsweise nicht zu bezweifeln war - einen sechsten Sinn besaß, musste er jetzt aus seinem Versteck herauskommen.

Johnny Gaertner fühlte nach den beiden Strahlpistolen. Er warf noch einen Blick auf die Armaturen und rechnete sich aus, dass er bei äußerster Waghalsigkeit die automatische Steuerung knapp fünfundzwanzig Minuten ohne Kontrolle laufen lassen konnte. In dieser Zeit musste er zurück sein.

Er entschloss sich also zur Eile. Eile war aus zwei Gründen angebracht. Einmal wegen der fünfundzwanzig Minuten und zum anderen, weil er nur so Hozak überraschen konnte. Diesen Mann musste er hetzen.

Allerdings gab es da eine Schwierigkeit. Das Gehetztsein würde für Hozak nicht früher beginnen, als bis Gaertner ihn entdeckt hatte. Und davon war der Captain noch weit entfernt.

Im Wissen um dieses Handicap verließ er den Kommandoraum.

Gaertner stieg hinunter in die Maschinenräume. Hier fehlten die vielen Trennwände, die seine Sicht behinderten. Allerdings war das Suchen hier ebenso mühevoll, denn durch die vielen technischen Einrichtungen gab es auch eine Reihe vorzüglicher Schlupfwinkel.

Es waren beinahe fünfzehn Minuten vergangen, als der Kapitän beide Decks ergebnislos kontrolliert hatte. Mit dem Lift jagte er ins Oberdeck, wo die Vorratskammern lagen. Während er die Mannschaftskabinen passierte, glaubte er ein höhnisches Kichern zu hören, ein Kichern, das aus allen Richtungen zu kommen schien. So etwas gab es natürlich nicht, es sei denn, jemand bediente sich der Interkom-Anlage.

Gaertner wagte nicht, die Wahrnehmung als Halluzination abzutun. Er wollte Gewissheit haben und rannte - im Oberdeck angekommen, sofort zu van Gelder ins Waffendepot.

Der Holländer saß gelangweilt an dem ihm zugewiesenen Platz und amüsierte sich, so gut es ging, bei seiner Taschen-Film-Story, die auf seinem Handdisplay im Kleinstformat ablief.

»Was sehen Sie sich denn da an?«, fragte Gaertner, bevor er ganz eingetreten war. Seine Stimme klang so grob, wie es seine gereizte Stimmung verlangte.

»Eine Schnulze, Captain. Ich kenne sie in und auswendig. Aber unsere Bibliothek ist nicht sehr umfangreich.«

»Tritt in Ihrer Story ein Mann auf, der wie ein Verrückter kichert?«

»Wie kommen Sie denn darauf? Keine Spur.«

»Und Sie haben auch nichts dergleichen gehört? Ich meine irgendwelche Stimmen aus dem Interkom?«

»Nein, Sir!«

»Okay! Ist Hozak inzwischen wieder hier aufgetaucht?«

»Sie denken, er sehnt sich nach weiteren Pistolen. Nein, Captain, er war nicht hier. Sonst hätte ich es sofort gemeldet.«

»Okay! Machen Sie weiter...«

Johnny Gaertner wandte sich zum Gehen. Er drehte sich aber noch einmal um, als er van Gelders Stimme zu hören glaubte.

»Was haben Sie? Ich wünsche nicht, dass Sie etwas vor mir geheim halten.«

Van Gelder sah unsicher aus. »Sie haben die gesamte Mannschaft zum Unterricht geschickt, Captain. Sie wollten das Schiff allein führen...«

»Ja und?«

»Jetzt sind Sie hier. Ich dachte einen Augenblick daran, Sie hätten die Brücke verlassen können, ohne einen anderen Piloten einzusetzen.«

»Wäre das so erschreckend?«

»Sir!« Der Holländer rief die Anrede hinaus, als ob er seinen Vorgesetzten tadeln wolle. Und in seinen aufgerissenen Augen spiegelten sich tatsächlich Angst und Empörung, »Befindet sich wirklich niemand im Kommandoraum? Ich bitte Sie, Captain, sagen Sie es! Wir haben inzwischen das System Denebola erreicht.«

»Von Navigation dürften Sie wohl kaum genug verstehen, um mir Vorwürfe machen zu können. Aber selbst wenn Sie etwas davon verstünden, wäre es Ihre Aufgabe, diese Dinge mir, dem Kommandanten, zu überlassen.«

»Wie Sie wünschen, Captain«, presste van Gelder erregt heraus und wandte sich mit gespielter Ruhe seinem Film zu.

Gaertner warf einen Blick auf die Uhr, sobald er draußen stand. Hozak wusste Dinge, die ein Mensch mit fünf Sinnen nicht wissen konnte. Er musste also auch wissen, dass die INVINCIBLE führerlos in die immer stärker werdende Gravitation des Systems Denebola hineinraste. Wenn er einen Selbsterhaltungstrieb besaß, musste er jetzt etwas unternehmen.

Da er selbst nichts von Navigation verstand, lag es für ihn nahe, dass er sich an andere um Hilfe wandte. Die anderen saßen geschlossen im Mannschaftsraum. Gaertner hatte plötzlich die Gewissheit über Hozaks Aufenthalt, eine Gewissheit, die ausschließlich auf Überlegungen beruhte...

Er rannte zum Lift, fuhr ins Mitteldeck und hörte bereits den Lärm, der ihm seinen Verdacht bestätigte. Im Gang fand er sich plötzlich Granquist gegenüber, dem noch mehrere Leute folgten. Seine beiden hochgehaltenen Pistolen stoppten den Konvoi.

»Wo ist Hozak? Granquist! Sagen Sie sofort, wo der Kerl ist!«

»Ich weiß nicht, Sir! Er lief wieder weg.«

»Sie wissen genau, dass es Ihre Pflicht war, ihn festzunehmen.«

»Sie haben nichts davon gesagt, Captain.«

Granquists Naivität war entwaffnend. Natürlich hatte Gaertner Unterricht befohlen, Granquists Gehirn arbeitete offenbar mit der penetranten Sturheit eines Computers. Die Suche nach Hozak hatte er in dem Augenblick nicht mehr für notwendig gehalten, als ein neuer Befehl kam.

So sehr Gaertner daran lag, dieser ausgesprochen stupiden Mannschaft einmal die Leviten zu lesen, so sicher erkannte er, dass jetzt keine Zeit dazu war. Der augenblickliche Standort verlangte, dass mindestens ein Pilotensitz sofort wieder besetzt wurde.

»Gehen Sie ans Steuerpult, Granquist. Und nehmen Sie sich so viel Kopiloten mit, wie Sie brauchen. Im Augenblick läuft noch die Automatik.«

Dass die Automatik lief, musste ihnen Hozak bereits gesagt haben. Granquist rannte mit Glynn und Dimitrescu in Richtung des Kommandoraumes, als könne das Schicksal der INVINCIBLE schon in den nächsten Sekunden besiegelt sein. Gaertner dachte in diesem Augenblick gar nicht daran, dass tatsächlich bei dem jetzigen Standort ein ausgekochter Pilot notwendig war, um das Schiff richtig in das Denebola-System einzusteuern. Er dachte nicht an Granquists notdürftige Ausbildung, er dachte nur an Hozak, der sich wahrscheinlich nach der anderen Seite hin entfernt hatte.

Hinter dem nächsten Schott lag das Krankenzimmer. Es hatte zuviel persönliche Verbindung mit Hozaks Person, als dass man den Gesuchten dort vermuten durfte. Trotzdem kam die Begegnung früher, als es für Johnny Gaertners Geistesgegenwart gut war. Hozak hielt sich tatsächlich im Krankenrevier auf. Er steckte in einer Nische neben dem Schott, so dass der Eindringling ihn nicht sofort ausmachen konnte.

»Bleiben Sie genauso stehen!«, hörte Gaertner den Befehl des Arztes hinter sich. »Sie erinnern sich daran, dass van Gelder mir eine Waffe gab. Sobald Sie eine unerlaubte Bewegung machen, geht sie los. Ist die Lage soweit klar, Captain?«

»Halten Sie mich nicht für begriffsstutziger, als ich bin, Doktor!«

»Um so besser, Captain. Und jetzt lassen Sie die Pistolen fallen. Dann gehen Sie bis an die Wand vor Ihnen und warten Sie meine weiteren Anordnungen ab!«

Alles geschah, wie Hozak es wünschte. Sobald der Captain entwaffnet war, durfte er sich setzen und umdrehen. Der Arzt war eine unüberwindliche Festung mit drei Strahlwaffen. Sein Sicherheitsgefühl erlaubte es jetzt, dass ein kurzes Gespräch zustande kam.

»Ich muss Sie darauf aufmerksam machen, Doktor Hozak, dass Sie sich mit dieser Handlungsweise selbst schaden. Was Sie tun, ist Meuterei.«

»Irrtum, Sir! Meuterei lässt sich gut durch Dienstvorschriften definieren. Und wenn es ums geschriebene Recht geht, dann sind Sie nur der zweite Elektroniker auf der INVINCIBLE. Alles andere ist eine Sache der persönlichen Verständigung.«

»Sie vergessen die Anordnungen des Besitzers dieses Schiffes. Oder ist Mr. Kerby für Sie nicht mehr maßgebend?«

»Kerby ist weit vom Schuss. Außerdem wird er kaum Wert darauf legen, dass man über Ihre Dienststellung etwas in der Öffentlichkeit erfährt. Man würde ihm sofort die Lizenzen entziehen. Also schlagen Sie sich den Gedanken aus dem Kopf, dass mein Verhalten irgendwo und irgendwann vor ein Raumfahrgericht kommt. Ich schade nicht mir, sondern höchstens Ihnen, Captain.«

»Sie schaden der Expedition. Wenn sie schiefgeht, wird man keinen geeigneteren Sündenbock als Sie finden können. Schließlich bin ich mit der Aufgabe betraut worden, Calhoun nach Brodik zurückzuholen.«

»Kerby wird sich nicht daran stören, wenn es ein anderer macht. Ihm ist nur am Erfolg der Unternehmung gelegen.«

Johnny Gaertner blieb die Antwort schuldig. Was Hozak sagte, ließ das ganze Problem in einem neuen Licht erscheinen. Bisher hatte nur der Verdacht in seinem Unterbewusstsein Platz gehabt, dass Hozak möglicherweise ein Mann aus dem Lager Calhouns war, der nichts anderes im Sinne hatte, als die Expedition zu stören. Jetzt schien plötzlich der reine Ehrgeiz eine Rolle zu spielen.

»Wenn es darum geht, Doktor, dass Sie der Held der Expedition werden wollen, dann steht dem nichts im Wege. Für mich ist nur maßgebend, dass ich gesund nach Hause komme und genügend Geld kassiere, um mich und meine Frau für eine angemessene Zeit zu ernähren. Also, wie wäre es mit einer friedlichen Lösung zwischen uns beiden?«

Hozaks Gesicht bekam wieder den unpersönlichen Ausdruck, der jeden normalen Menschen zum Fürchten veranlasste. Johnny Gaertner hatte das Gefühl, als wolle man ihn hypnotisieren. Er hätte viel darum gegeben, wenn er jetzt Hozaks Gedanken hätte lesen können.

Nach längerem Schweigen, das Gaertner wie ein stummes Duell vorkam, erklärte Hozak mit seiner rasselnden Stimme: »Es ist nicht gut, wenn der Unterlegene einen Waffenstillstand anbietet. Solche Friedensschlüsse entbehren den Erfordernissen des gesunden Menschenverstandes. Der Besiegte ist immer bereit, Frieden zu schließen.«

»Überlegen Sie einmal, wer in kritischen Situationen das Schiff steuern sollte, wenn ich nicht mehr da wäre.«

»Van Gelder«, sagte Hozak mit einer Selbstverständlichkeit, die Johnny Gaertner noch vorsichtiger machte.

»Was wissen Sie von van Gelder?«

»Wenig, Captain. Aber mehr als Sie. Und mindestens ebensoviel, wie er über sich selbst weiß.«

»Demnach hat er also irgendwann in seinem Leben das Navigieren gelernt und ausgeübt. Ihre Worte leuchten mir sogar ein, Dr. Hozak. Als ich van Gelder vorhin das letzte Mal sah, machte er mir Vorwürfe, dass ich in einem so starken Gravitationsfeld mit Automatik fuhr. Er muss tatsächlich etwas davon verstehen. Aber ob es reicht, Granquist etwas vorzumachen, ist wohl kaum bewiesen, wenn Sie mir alle hier nicht etwas vormachen.«

»Van Gelder sitzt bereits am Steuerpult, Captain«, antwortete Hozak. »Unmittelbar, nachdem Sie ihn verließen, ist er auf die Brücke gerannt und hat die Führung des Schiffes übernommen...«

»Ist das ein abgekartetes Spiel?«

»Durchaus nicht. Van Gelder wusste es selbst nicht, dass er ein Schiff steuern kann. Es wurde ihm erst klar, als Sie ihm die Angst einjagten, indem Sie den Kommandoraum leichtsinnigerweise verließen...«

»Meine Handlungsweise als leichtsinnig zu bezeichnen, steht Ihnen nicht zu, Doktor!« Johnny Gaertner sagte diesen Satz, obgleich er mit seinen Gedanken ganz woanders war. Das Rätsel um van Gelders Person war noch größer geworden. Doch damit nicht genug. Mindestens ebenso rätselhaft war Dr. Hozak.

»Okay, Doktor! Van Gelder hat also vor zehn Minuten seine Raumfahrerqualitäten entdeckt. Sie waren zu diesem Zeitpunkt bei der Mannschaft und stifteten sie zur Rebellion an. Woher wissen Sie also um diese Dinge? Ich zerbreche mir den Kopf über Sie, seitdem Sie mir den Kristall gestohlen haben. Sie flohen rechtzeitig vor mir, als ich Sie in Ihrer Kabine suchte. Wenn es stimmt, dass van Gelder jetzt am Steuerpult sitzt, dann haben Sie sich immerhin verraten. Sie sind ein...«

- Telepath - dachte Gaertner. Doch dieses Wort sprach er nicht aus. Er dachte es nur. Er dachte es. Und das genügte, um Hozak endgültig zu überführen.

Der Arzt machte drei Schritte nach vorn. Eine der drei Pistolen hatte er an die Seite gelegt, weil zwei bereits seine Bedienungsmöglichkeiten erschöpften. Zwei Pistolen gegen keine sind aber noch ein überzeugendes Verhältnis zugunsten des Waffenträgers. Johnny Gaertner registrierte Hozaks Überlegenheit mit einem Schauder. Und Hozak zeigte mit einem überheblichen Grinsen, dass er sich dieser Tatsache bewusst war.

»Telepath - könnte man sagen. Ganz recht, Captain Gaertner. Ich brauchte nur in Ihren Gedanken zu lesen, um zu wissen, was Sie an besonders wertvollem Gepäck bei sich führten. Bevor ich jemals den Kristall gesehen hatte, wusste ich aus Ihren Gedanken, wie ungeheuer wertvoll er für mich sein würde. Und wenn Sie objektiv sind, dann werden Sie mir zugeben müssen, dass ich als Telepath weitaus besser zur Führung dieser Expedition geeignet bin als Sie. Diese Kapsel ist nämlich eine Botschaft für Telepathen. Telepathen sind demnach auch die Ureinwohner von Paraia. Sie als normaler Mensch hätten wohl kaum eine Chance gehabt, positive Verhandlungen mit den Hutwesen zu führen...«

Hozak stand jetzt dicht vor Gaertner. Das Wort ›normaler‹ hatte er mit einer abfälligen Betonung gesprochen, die augenfällig verriet, wie sehr er sich als Anomaler mit telepathischen Fähigkeiten jedem anderen überlegen fühlte.

Dass Johnny sich nicht verriet, verdankte er dem unkontrollierbaren Durcheinander seiner Gedanken. Trotz aller Geistesgegenwart dominierte in seinem Gehirn augenblicklich die Erkenntnis seiner Schwäche. Und das machte Hozak unvorsichtig, als sich draußen Lärm vernehmen ließ.

Die Tür flog auf, und Granquist und Glynn drängten herein.

»Zum Donnerwetter. Was sucht ihr hier...?«

Hozak wandte sich nach den beiden um. Die Gefahr für ihn entstand im selben Augenblick. Doch sie deutete sich in Gaertners Gehirn nur für den Bruchteil einer Sekunde an. Dann folgte schon die Ausführung. Der Kapitän hatte nur knapp zwei Meter zu überwinden. Sein auf Geistesgegenwart geschulter Körper reagierte so schnell, wie der Plan in seinem Gehirn Form annahm.

Hozak hielt die Pistolen in Richtung der beiden Eindringlinge. Er hielt sie mit angewinkelten Armen und hatte dabei die Ellbogen eng an den Hüften liegen. In diesem Zustand war er für Gaertner trotz der Waffen wehrlos.

Die Arme des Kapitäns umfassten ihn von hinten. Gaertners Hände schlossen sich vor seiner Brust wie zum Gebet, hoben sich dann um einige Zentimeter und jagten wie von Raketendüsen getrieben nach unten. Der Schlag auf die angewinkelten Unterarme raubte Hozak jede Kontrolle über seine Hände. Die Finger gaben kraftlos beide Pistolen frei, und sofort wurde Gaertners Umarmung wie eine eiserne Klammer vor seinem Brustkorb.

Die Überlegenheit des Telepathen hatte hier ausgespielt.

Johnny Gaertner spürte verblüfft die geringe Widerstandskraft des Gegners. Hozaks körperliche Energie lag wesentlich unter der eines normalen Menschen. Er knickte zusammen, als sei er spröde und porös gebaut, als besäße er weder Muskeln noch Sehnen.

»Fesseln Sie ihn!«, sagte Gaertner. Granquist und Glynn standen noch immer in der offenen Tür, ohne sich zu rühren. Der Kapitän war nicht mehr überzeugt, dass beide seinem Befehl folgen würden, denn man betrachtete ihn schließlich als Außenseiter auf diesem Schiff, Hozak aber gehörte zu ihnen.

Andererseits hatte der Arzt sie ausgesprochen unfreundlich empfangen und durch sein Benehmen gezeigt, dass er in diesem Augenblick Weder Granquist noch Glynn brauchen konnte.

»Verdammt!«, schrie Johnny Gaertner, der immer noch den Arzt umklammert hielt. »Besorgen Sie Stricke und tun Sie, was ich sage!«

»Verzeihung, Captain«, stotterte nun Granquist verwirrt. »Sie müssen auf die Brücke kommen. Van Gelder schafft es nicht allein.«

Für einen Augenblick wollte sich Gaertner eine Patentlösung aufdrängen. Das kraftlose Bündel des Telepathen in seinen Armen ließ ihn deutlich fühlen, dass es keiner großen Energie bedurfte, um Hozak das Genick zu brechen.

»Tun Sie es nicht, Sir!«, ächzte der Arzt. »Verlangen Sie von mir, was Sie wollen, aber lassen Sie mich leben!«

»Wir stürzen ab!«, schrie Glynn dazwischen. »Ich flehe Sie an, Sir!«

»Zunächst besorgen Sie mir brauchbare Fesseln«, erklärte Gaertner. »Je schneller Sie diesen Befehl ausführen, um so wahrscheinlicher ist es, dass Sie mit dem Leben davonkommen. Also, beeilen Sie sich!«

Granquist mochte dieses Ultimatum des Kapitäns vorausgesehen haben. Jedenfalls war er bereits mit dem Durchsuchen des Krankenreviers beschäftigt. Er riss Fächer und Schubladen auf und fand schließlich eine große Rolle Verbandstoff. »Reicht das, Captain?«

»Natürlich! Drehen Sie es spiralförmig zusammen. Und Sie, Glynn, werden wohl noch in der Lage sein, bei einem Arzt eine Schere zu finden. Und dann helfen Sie Granquist. Möglichst mit etwas Tempo!«

Angst macht Beine. Granquist und Glynn entwickelten plötzlich Geschwindigkeit bei ihrer Arbeit und schnürten Hozak schließlich zu einer Art Mumie zusammen. Dann legten sie ihn auf das Ordinationssofa.

»Lassen Sie es nicht auf eine Kraftprobe zwischen einem ausgekochten Kapitän und einem Telepathen ankommen, Doktor. Diese Runde habe ich gewonnen. Und ob Sie in der nächsten bessere Chancen haben, wage ich zu bezweifeln. Ich werde mich um Sie kümmern, sobald die Situation des Schiffes das zulässt.«

Glynn und Granquist standen unruhig neben Gaertner.

»Sir! Kommen Sie endlich! Wir sind verloren, wenn Sie noch länger zögern...«

»Hauen Sie ab. Sagen Sie van Gelder, dass er den Platz räumen soll. Ich komme sofort nach.«

Glynn stolperte davon, als sei er ein Roboter, bei dem die Erbauer die Konstruktion der Beine vernachlässigt hatten. Granquist zögerte noch. »Wenn Sie nachkommen, ist es zu spät, Captain.«

»Sie hirnverbrannter Mensch! Sie lassen mich einen Augenblick mit Hozak allein. Verstanden? Muss ich eigentlich bei jeder Anordnung noch sagen, dass sie als dienstlicher Befehl aufzufassen ist?«

Granquist wurde ein paar Zentimeter kleiner und schlich tatsächlich hinaus. Gaertner überzeugte sich sofort, dass das Schott auch völlig dicht schloss, kehrte dann zurück ins Zimmer, hob die drei Pistolen auf und holte sich aus Hozaks Hosentasche die Kapsel mit dem Kristall.

»Dieses Ding ist unser Geheimnis, Doktor, verstanden? Außer dem unbekannten Spender wissen hier nur Sie und ich davon. Dabei soll es vorläufig bleiben.«

Hozak starrte zur Decke, ohne zu antworten.

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Granquist wartete draußen im Gang. Sobald er den Kapitän erblickte, setzte er sich jedoch in Bewegung und keuchte etwas von »höchste Zeit, wenn es nur nicht schon zu spät ist.«

Im Kommandoraum wimmelte es von Leuten wie bei einem Generalappell.

»Zur Seite!«, donnerte Johnny Gaertner, der nach Erledigung der Sache mit Hozak plötzlich bereit war, seine ganze Sorge der Führung des Schiffes zu widmen.

Van Gelder hatte sich aus dem Pilotensitz erhoben und stand, auf die Lehne gestützt, daneben. Er machte den Eindruck, als ob er jeden Moment zusammenbrechen wollte.

»Gut, dass Sie kommen, Sir!«

»Tony Rice soll Sie in Ihre Kabine bringen. Rice, haben Sie gehört? Nehmen Sie noch einen Mann mit! - Auch die anderen können verschwinden. Ich will nur Granquist, Glynn und Dimitrescu hier sehen. Was jetzt kommt, ist keine Vorführung.«

Der zentrale Bildschirm zeigte die Oberfläche eines Planeten. Als Gaertner die Messskalen überprüfte und die von außen wirkende Schwerkraft sowie die Entfernung zur Oberfläche des Körpers kontrollierte, hatte er ein leichtes Einsehen mit der Angst der Männer.

»Die Bugdüsen laufen«, stellte er laut fest. »Aber Sie hätten die Differenz zwischen Back und Steuerbord nicht so stark werden lassen dürfen...« Er redete Granquist an, obwohl der gar nicht am Steuerpult agiert hatte.

»Passen Sie auf, Granquist. Ich gleiche jetzt an. Die halbe Differenz genügt. Wenn Sie an dem Körper vorbeischießen wollen, dann dürfen Sie auf keinen Fall mit allzu vielen Sicherheiten rechnen. Denn große Seitendifferenzen im Bremsantrieb reißen das Schiff leicht aus seinem inneren Schwerpunkt. Und wenn Sie sich einmal überschlagen, dann hilft auch kein Abstellen der Bugdüsen mehr. Sie kommen ins Trudeln und jagen hilflos und senkrecht in die Atmosphäre des Planeten. Was das bedeutet, können Sie sich an den Fingern einer Hand abzählen...«

»Wir verglühen, Sir!«

»Wir würden verglühen, ganz recht. Und deshalb runter mit der Differenz. Passen Sie genau auf. Was Sie jetzt erleben, ist so gut wie die Frontbewährung für einen Piloten. Hier rechts auf dieser Sammelskala finden Sie auf der blauen Mittellinie die Höchstzulassung für den Bremsantrieb. Hier hat das Elektronengehirn bereits die Koordinaten gesammelt, die sich jeweils aus der Eigengeschwindigkeit des fremden Körpers, aus dessen Gravitation und Atmosphärendichte ergeben...«

Auf dem Bildschirm tauchte plötzlich der Rand des Planeten auf. Die Beschleunigung, mit der dieser über die Scheibe wanderte, war für einen Laien kaum wahrnehmbar. Doch jeder durchschnittliche Pilot musste ohne Hilfsgerät erkennen, dass dieses Wandern viel zu schnell war und dass sich hier bereits das Trudeln ankündigte, das jedes Schiff in einer solchen Lage manövrierunfähig machte. Johnny Gaertner hatte diese bedrohliche Bewegung jedoch schon beträchtlich gebremst, indem er die Kraft der Bugdüsen wechselte. Das Schiff gab langsam seine Drehbewegung um seinen Schwerpunkt auf, und auf dem Bildschirm wanderte der Rand des Planeten wieder ein Stück zurück. Durch einen nochmaligen Wechsel der Seitenkräfte - diesmal jedoch mit geringerer Differenz - erreichte er es schließlich, dass die INVINCIBLE auf einen Punkt neben dem Planeten zuflog, der nicht mehr wanderte, sondern auf dem Koordinatensystem des Bildschirms festlag.

»So, jetzt haben wir, was wir wollen«, knurrte Gaertner zufrieden und blickte mit der Ruhe eines Dozenten zu Granquist hinüber.

Dem stand der Schweiß auf der Stirn, der ihn weniger marionettenhaft als bisher und dafür menschlicher aussehen ließ.

»Theoretisch leuchtet mir das alles ein, Captain. Aber es kostet Nerven«, sagte er hölzern.

»Es wird freilich ein wenig heiß werden«, sagte Gaertner lakonisch. Er sagte es sogar mit etwas Zynismus, den ihm sein Zorn über diese Wesen eingab. »Es wird so heiß werden, dass euer Angstschweiß verdampft. Aber ihr werdet mit dem Leben davonkommen. Mehr könnt ihr heute nicht von mir verlangen. - Und Sie, Granquist, sagen mir jetzt, welcher Planet das im Denebola-System ist.«

»Es ist Paraia, Sir!«

Gaertner ließ sich seine Überraschung nicht anmerken. Er zuckte nur mit den Schultern und sagte: »Glück muss der Mensch haben!«

Die INVINCIBLE schoss in ihrer elliptischen Bahn an Paraia vorbei.

Johnny Gaertner korrigierte die Fahrt nur noch mit geringen Richtschüssen. Für die ersten drei Umrundungen des Planeten brauchte er noch einen halben Tag terranischer Rechnung. Die nächsten fünf dauerten noch drei Stunden. Dann war die Fahrt soweit abgestoppt, dass sie, im Vertrauen auf die eigene Maschinenkraft, das Eintauchen in die Atmosphäre wagen konnten.

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»Noch zwei Umrundungen«, sagte Gaertner. »Dann setzen wir zur Landung an. Sie erinnern sich an unsere gestrige Besprechung, Granquist. Das Planquadrat liegt fest bei 68 Grad Länge und 24 Grad Breite. Sie haben mir versichert, dass Sie das Plateau kennen. Sie sind dort mit der zweiten und vorletzten Expedition gelandet. Wissen Sie, was ich meine?«

»Jawohl, Sir!«

»Wiederholen Sie den heutigen Landeplatz!«

»97 Kilometer Süd-Süd-West. Nordhang der Berge Chartin. Eine hügelige Savannenlandschaft mit teilweise dichtem Buschwald ist das geeignete Versteck für unser Schiff.«

»Okay, wir haben uns verstanden. Ich habe noch nie erlebt, dass Sie ein Raumschiff ordnungsgemäß landen, Granquist. Ich weiß nur von Kerby, dass Sie ein schlechter Navigator sind. Trotzdem verlange ich von Ihnen, dass Sie das Schiff ohne Schaden aufsetzen. Sie bleiben im Schiff, bis Sie von mir neue Anweisung bekommen. Solange ich nicht an Bord bin, bleiben Sie auf Empfang Ultra-Kurzwelle 76,5 Mega-Hertz. Die Waffenkammer ist tabu für jeden außer Gelder. Auch wenn van Gelder nicht erreichbar sein sollte. Falls es notwendig wird, dass Sie sich vom Schiff aus gegen Angriffe von außen verteidigen, benutzen Sie die eingebauten Bordwaffen. Sie haben dazu unter Browns Leitung jede Vollmacht. Aber nur zu Verteidigungszwecken. Jede aggressive Handlung betrachte ich als Meuterei. Die Initiative bei dieser Expedition, die wir im Auftrage von Mr. Kerby ausführen, liegt einzig und allein bei mir. Haben Sie das verstanden?«

»Ja, Sir!«, sagte Granquist, während Johnny Gaertner die beiden anderen ansah, die unbeteiligt wie Puppen aus einem Wachsfigurenkabinett dabeistanden.

»Auch Sie sind gemeint, meine Herren!«, donnerte der Kapitän.

»Jawohl, Captain!«, plapperte Glynn gehorsam, und die Worte zu Dimitrescus Nicken waren überhaupt unverständlich.

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Gaertner begab sich mit neuen Problemen im Kopf ins Krankenrevier.

Hozak lag noch auf dem Sofa, ohne dass jemand den Versuch gemacht hatte, ihn zu befreien. Er trug noch die Fesseln und starrte seinen Vorgesetzten mit einem Blick an, der sich nur schwer definieren ließ.

»Wir sind gleich da, Doktor. Und ich möchte vorher noch etwas Wichtiges mit Ihnen besprechen. Ich hoffe, es passt Ihnen.«

»Was wollen Sie, Sir?« Es hatte den Anschein, als ob der Arzt bereit sei, sich wieder in die Rolle des Untergebenen zu fügen. Doch Gaertner blieb auf der Hut. Er kannte sein Handicap diesem Manne gegenüber, der einen Sinn mehr als er selbst besaß. Er musste jetzt nur auf die anderen Eigenschaften vertrauen, aus denen sich eventuell eine Überlegenheit herausarbeiten ließ.

»Ich will offen mit Ihnen reden, Doc.«

»Offen?« In Hozaks unterbrechendem Wort schwang schon wieder die Ironie mit.

»Jawohl. Sie als Telepath lassen mir sowieso keine andere Wahl. Versuchen Sie also nicht umgekehrt, mit mir Verstecken zu spielen, soweit ich die Lage auf Grund logischer Schlussfolgerungen auch so beurteilen kann. Sie sind ein Schwächling, Sie brauchen mich! Ist das klar?«

»Jawohl, Sir!«

»Ich möchte Sie zu meinem Verbündeten machen. - Sie haben sich vorhin bei dem Überfall auf mich als Ehrgeizling entpuppt. Wie leicht solchen Leuten die Sache schief gehen kann, konnte ich Ihnen unmittelbar darauf beweisen. Aber Ehrgeiz sollte bei unserem Vorhaben nicht unbedingt fehlen. - Ich habe also den Plan, zunächst nur mit Ihnen allein das Schiff zu verlassen. Wir nehmen Waffen und den Kristall mit. - Wie stehen Sie dazu?«

»Warum geben Sie mir nicht den Befehl?«

»Weil ich nur mit einem Freiwilligen gehen will.«

Hozaks undurchschaubares Gesicht spielte mit keinem Muskel.

»Okay, Captain! Nehmen Sie mir die Fesseln ab. Sie können sich auf mich verlassen.«

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Unter ihnen lag das Plateau Corvin - nördlich der Berge von Chartin. Die meisten geographischen Bezeichnungen auf dem ›Stern der Verlorenen‹ klangen stark französisch. Der Grund dafür war Johnny Gaertner jedoch trotz dreiwöchigen Studiums der Bordbibliothek verborgen geblieben. Niemand konnte nämlich genau sagen, wer nun eigentlich Paraia entdeckt hatte. Mit Bestimmtheit wusste der Kapitän nur, dass er diesen Himmelskörper niemals zuvor betreten hatte und dass er nicht zum offiziellen Machtbereich der Galaktischen Union gehörte.

Wenn man einem Bewohner des Sol-Systems kurz erklären will, wie die Verhältnisse auf Paraia sind, so könnte man sagen: ein Drittel Terra und zwei Drittel Mars. Das trifft sowohl auf den Charakter der Landschaft, auf die Größe des Planeten und seine Rotation, als auch auf seine Schwereverhältnisse zu. Die Fallbeschleunigung an der Oberfläche Paraias betrug auf Grund von Bordaufzeichnungen der ersten Expeditionen 7,95 Meter-Sekunden-Quadrat. Tag und Nacht dauerten zusammen 26,45 Terrastunden. Die Luft enthielt zu kaum zwei Dritteln Stickstoff und in Meereshöhe 28 Prozent Sauerstoff. Wenn bei diesen Verhältnissen nicht gerade tropische Temperaturen geboten wurden, sondern eher das Milieu einer kanadischen Tundra, so konnte jeder Mensch immerhin sehr zufrieden sein.

Endlich wieder einmal ein Planet, den man ohne Schutzanzug betreten kann - dachte Johnny Gaertner. Und er wusste aus Erfahrung, was das wert war. Wenn er jedoch geahnt hätte, was der ›Stern der Verlorenen‹ sonst noch für ihn auf Lager hatte, so wäre er gewiss weniger optimistisch gewesen.

In einer schnee- und eisfreien Savanne sank die INVINCIBLE auf dem Energiestrahl der Heckdüsen langsam nach unten. Die entfesselte Ausströmenergie traf unbarmherzig die verkrüppelte Vegetation des Corvin-Plateaus, die sofort verkohlte. Johnny Gaertner vergeudete jedoch keinen Gedanken daran. Seine Sorge galt mehr dem Kristall in der rechten Knietasche seiner Kombination, seinen Waffen, seinem undurchschaubarem Begleiter Hozak und den Chartin-Bergen im Süden.

Noch bevor das Raumschiff endgültig zur Ruhe kam, löste sich aus dem oberen Bugschott eines der beiden Beiboote und schoss in gerader Richtung auf die Bergkette zu, in der nachweislich der Schlupfwinkel Calhouns und wahrscheinlich auch Ansiedlungen der Eingeborenen zu finden sein mussten.

Johnny Gaertner steuerte, und der Telepath Dr. Hozak saß neben ihm.

»Calhouns Festung liegt mindestens zehn Strich Steuerbord«, erklärte Hozak.

»Na und?«, brummte Gaertner. »Glauben Sie, wir wollten dieselben Fehler machen wie unsere Vorgänger? Sie alle haben sich sofort ins Ziel gestürzt und sind dabei draufgegangen. Unsere Aufgabe aber ist es, zurückzukehren.«

»Sie haben meine Bemerkung falsch aufgefasst, Captain. Ich wollte Sie lediglich auf das Gebiet rechts von uns aufmerksam machen. Früher oder später müssen Sie doch einmal dorthin.«

Hozaks Rede klang so devot, dass Gaertner schon wieder misstrauisch werden wollte. Doch solche Gedanken musste er sich ein für alle Mal bei Hozak abgewöhnen. Damit konnte er das endgültige Vertrauen des Telepathen nicht gewinnen.

Er sah misstrauisch zur Seite und gewahrte auf dem Gesicht des Doktors die Andeutung eines Grinsens.

»Ich weiß, dass Sie es schwer mit mir haben, Captain. Aber es ist besser, Sie vertrauen mir ab heute. Trotz Ihrer Hemmungen spüre ich doch auch den Wunsch, dass Sie sich ehrlich um meine Partnerschaft bemühen. Und was Sie mir gesagt haben, leuchtet mir ein. Zusammen werden wir es schaffen. Wir beide - und der Kristall. Ihr Plan, zuerst die Eingeborenen aufzusuchen, ist vollkommen richtig.«

Jetzt grinste auch Gaertner. Und da er dem Telepathen gegenüber sowieso keine andere Wahl hatte, sagte er, was er dachte.

»Doc, ich will wieder mal Mensch sein. Mensch unter Menschen. Während der drei Wochen bei Ihnen auf dem Schiff hatte ich nur selten das Vergnügen. Höchstens mal, wenn ich mich mit van Gelder unterhielt...«

»Und wie steht es mit mir?«

»Sie sind mir beinahe ein Übermensch. Mit Telepathie werden Fünfsinnige nicht so leicht fertig. Da müssen Sie schon Geduld mit Ihrer Umgebung haben. Aber ich wette, wir kommen auch dahinter. Mir will es einfach nicht einleuchten, dass erwachsene Männer keine Vergangenheit haben.«

»Wir haben alle eine Vergangenheit, Captain!«

»Aber was für eine! Eingepaukt hat man sie euch Und ihr wisst nicht einmal, wer euer Lehrmeister war.«

»Die meisten Kameraden tippen auf Kerby.«

»Das kann schon sein. Spielt aber jetzt auch keine Rolle... Verdammt! Was machen Sie denn an der Verdunklung?«

»Ich habe nichts gemacht...«, stotterte Hozak, der plötzlich ganz außer Fassung war.

Völlig übergangslos war es Nacht geworden. Johnny Gaertner hämmerte auf die Lichttasten, wodurch die Kabinenbeleuchtung sofort eingeschaltet wurde. Draußen aber blieb es dunkel. Nicht einmal Radar, Bildschirm und Infrarot-Schalter reagierten. Die nächsten Flüche zermalmte der Captain zwischen den Zähnen.

Dann zog er instinktiv den Höhenstab aus der Steuerspule und riss dadurch die Maschine nach oben. - Bis zum plötzlichen Verschwinden des Tageslichtes hatte er auf die zerklüfteten Berggipfel gestarrt, die wie ein Seismogramm als gezackter Horizont an den Himmel gemalt schienen. Sein Auge hatte die rapide Annäherung des Gebirges deutlich registriert, und noch jetzt in der Dunkelheit spürte er das Heranrasen des gewaltigen Bergmassivs. Blindflug wäre eine Kleinigkeit gewesen. Beim Blindflug verließ man sich auf seine Hilfsgeräte für Steuerung und Beobachtung. Aber hier war das alles plötzlich ausgefallen. Die letzte Verbindung zur Außenwelt war radikal abgebrochen. Hier half nur eines: die Maschine hochreißen, damit der erste Zusammenstoß mit der vorgelagerten Bergkette vermieden wurde - und dann auf ein Wunder warten.

Ohne ein Wunder konnte es nicht gut gehen.

Sekundenlang befand sich Gaertner in der Gewissheit, dass die Berge unter ihm lagen. Aber nur sekundenlang. Im nächsten Augenblick brauchte das schon nicht mehr zu stimmen, denn kein noch so routinierter Navigator ist in der Lage, ohne den geringsten äußeren Anhaltspunkt die Auswirkungen eines Steuermanövers auf längere Zeit im voraus zu bestimmen.

Hozaks Telepathengehirn hängte sich so intensiv an Gaertners Gedanken, dass er sofort über den Ernst der Lage unterrichtet war.

»Um Himmels willen! Captain! Können Sie denn gar nichts machen?«

»Wenn ich allein wäre, würde ich den Gravitator ausschalten. Aber Sie überleben das nicht...«

Hozak wollte fragen, was es mit dieser Bemerkung auf sich hatte. Das hätte aber nur kostbare Sekunden gekostet. Und daher gab er sich Mühe, die Erklärung aus Gaertners Gedanken zu lesen, soweit diese im Augenblick für pädagogische Zwecke geeignet waren. Immerhin fand er eine Alternative heraus, die ihm gar keine andere Wahl ließ, als dem Kapitän zu sagen, dass dieser tun solle, was er für richtig hielt.

»Okay«, presste Gaertner durch die Zähne. »Halten Sie die Luft an und schließen Sie den Sitzgurt!«

Die nächste Schaltung setzte den Antigrav außer Betrieb, und sofort machte sich der Andruck in dem Raumschiff bemerkbar.

Hozaks Gestammel verstummte schlagartig. Selbst wenn er noch bei Besinnung war, konnten seine Lungen bestimmt nicht mehr die nötige Arbeit leisten, die zur geringsten Bewegung der Stimmbänder notwendig war. Und Gaertner hatte jetzt alle Hände voll mit sich selbst zu tun. Hozak überlebte oder ging bei diesem Manöver drauf. Das war der letzte flüchtige Gedanke, den er seinem Nebenmann opfern konnte. Den Rest seiner Gehirnkapazität, die sich wie unter dem Einfluss einer riesigen Saugvorrichtung benahm, brauchte er für die Beurteilung der Situation.

- Andruck von unten! -

Das bedeutete, dass sich die Maschine auf steigendem Kurs befand. Für Sekunden war also die Zukunft gesichert. Oder auch für eine Minute.

Johnny Gaertner ließ die Sammelsteuerung auf Null einrasten, wodurch theoretisch ein Geradeausflug erreicht werden musste. Doch dieses kleine Ding von Beiboot war nicht im geringsten für einen Sternflug geeignet. Es würde seine Kraft verbraucht haben, bevor auch nur die Gravitation des Planeten spürbar nachließ.

Den Antigrav kann ich nicht einschalten, dachte Gaertner als Mitteilung für den Doktor. Es tut mir Leid. Aber das ist überhaupt unsere letzte Verbindung zur Außenwelt, indem wir wenigstens feststellen können, ob wir uns der Oberfläche des Planeten nähern, oder ob wir uns von ihr entfernen. Ich kann die Kraft etwas wegnehmen. So, ich hoffe, es geht jetzt ein bisschen besser. Aber um so früher werden wir zurückfallen. Und sobald wir zurückfallen, nimmt keine Lebensversicherung mehr Ihren Aufnahmeantrag an. Es sei denn, Sie zahlen sämtliche Prämien doppelt im voraus...

Der gedrosselte Motor machte den Andruck etwas erträglicher. Hozak bewies durch die Wiederaufnahme seines Stöhnens, dass er noch lebte.

»Ein zweites Mal halte ich das nicht aus, Captain.«

»Schade, wir könnten unsere Galgenfrist damit verlängern. Auf die Dauer wird es natürlich auch nichts nützen.«

»Haben Sie eine Ahnung, woher plötzlich die Dunkelheit kommt?«

»Nicht die geringste, mein Lieber. Vielleicht steckt Calhoun dahinter. Es kann aber auch ein Naturereignis sein. Dieser Planet ist für die Zivilisation kaum erforscht. Und ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung sagen: fremde Himmelskörper haben es manchmal in sich. Da werden Sachen gemacht! Völlig ohne Apparat. Und Sie stehen völlig hilflos davor.«

»Stern der Verlorenen...«, murmelte Hozak fatalistisch. »Kerbys Expeditionen scheinen an diesem Omen nicht vorbeizukommen. Warum der Kerl diese kostspieligen Späße nicht endlich aufgibt?«

»Vielleicht sind es keine Späße! Vielleicht hat er seine Gründe. Merken Sie jetzt etwas?«

»Wir sind schwerelos.«

»Und gleich geht es abwärts. Ich kann die Maschine nicht lange auf dieser Höhe halten. In einer Minute fange ich dann ab. Für einen Aufstieg dürfte die Kraft nicht reichen.«

»Warum fliegen Sie nicht waagerecht, Sir? Damit gehen wir doch das geringste Risiko ein.«

»Das machen Sie mir mal vor. Ohne Hilfsgeräte waagerecht fliegen. Immer im Kreise herum um den Planeten, was? Und was machen Sie, wenn wir frei nach Gefühl mit einem Neigungswinkel von, sagen wir, 5 Grad, nach unten marschieren? Da können Sie bei unserer Geschwindigkeit nämlich keineswegs mehr nach Ihrer Andruckempfindung steuern. So empfindlich wie ein Messgerät ist der menschliche Körper nicht. Also, beißen Sie lieber die Zähne zusammen und hoffen Sie noch einmal auf den rettenden Andruck!«

»Und wie soll es dann weitergehen? Auf diese Weise kommen wir doch zu keiner Lösung.«

»Sie können Ihr Testament inzwischen machen. Aber vergessen Sie die neue Freundschaft zwischen uns beiden. Ich werde nicht in der Lage sein, das geringste Legat von Ihnen brauchbar anzulegen.«

»Ich bewundere Sie, Captain!«

Gaertner sah verblüfft zur Seite. Was Hozak sagte, klang ehrlich.

»Was gibt es an mir zu bewundern, Doc?«

»Ihr Galgenhumor ist so eindrucksvoll!«

»Oh, für das Kompliment danke ich Ihnen! So, und jetzt vergessen Sie mal für eine Zeit das Atmen. Legen Sie die Arme auf die Seitenlehne. Ich ziehe schräg hoch. Nicht so stark wie vorhin. Aber es kribbelt noch etwas im Gehirn.«

Gaertner führte das Manöver durch und schob die Automatik wieder auf Null-Steuer. Der Andruck blieb in Grenzen, dass nicht einmal Hozak Schwierigkeiten mit dem Sprechen hatte.

»Ist das endgültig der letzte Aufstieg?«

»Ich will auch noch einen dritten versuchen. Aber versprechen kann ich Ihnen nichts.«

»Als es vorhin passierte, dachten Sie an ein Wunder, Captain. Glauben Sie an Wunder? Oder ist das nur so eine Redensart bei Ihnen?«

»Ich glaube nicht daran, halte sie aber trotzdem für möglich. Was man mit uns aufstellt, grenzt bereits an Wunder. Nur - zwei Wunder auf einmal, das ist natürlich eine Seltenheit.«

Gaertners Rede wurde durch einen Dauerton unterbrochen. »Na, endlich!«, rief er hoffnungsvoll aus. »Das müssen unsere Leute sein. Die Dunkelheit hebt sich, Doktor. Mit dem Funkverkehr fängt es an. Hoffentlich können die Brüder drüben einen vernünftigen Peilstrahl abgeben...«

»Hallo, Granquist! Das wurde Zeit. Können Sie uns etwas über unseren Standort sagen? Wenn nicht, dann geben Sie kurz Empfangsbestätigung und Peilstrahl für Blindanflug. Kommen!«

Die Antwort war die Fortsetzung des Dauertons f 1000, Gaertners Reaktion ein Fluch. »Ihr hirnverbrannten Trottel! Schlaft ihr auf der Leitung? Granquist - oder wer am Gerät sitzt - wenn ich heil nach Hause komme, verspreche ich euch das schnellste Standgericht des Jahrhunderts! Und jetzt Beeilung! Jedes weitere Zögern bedeutet, dass Sie ohne Kapitän zurückfahren müssen.«

Gaertner hatte kein Gefühl dafür, wie wenig Eindruck eine solche Drohung machen müsste. Er war in der typischen Stimmung eines Vorgesetzten, dessen Befehle ignoriert werden. Wiederholt schrie er seine wenig schmeichelhaften Aufforderungen an die Besatzung ins Mikrophon. Doch außer dem Dauerton f 1000 ließ sich nichts im Empfänger vernehmen.

»Ich fürchte, es ist nichts mit der Dämmerung«, sagte Hozak beschwichtigend. »Wenn ich Sie zornig sehe, ist mir gar nicht wohl.«

»Weshalb sollte Ihnen jetzt wohl sein?«

»Sie setzen ganz einfach voraus, Captain, dass man uns auf der INVINCIBLE empfängt. Vielleicht können sie das aber gar nicht. Vielleicht senden sie den Peilstrahl auf gut Glück, nur um nichts zu versäumen, was uns trotz des rätselhaften Zustandes unserer Umgebung noch retten könnte.«

»Okay. Man verurteilt keinen, dessen Schuld nicht bewiesen ist. Nehmen wir also an, es ist unser Peilstrahl. Dann wären jetzt einige Manöver fällig. Bleiben Sie weiter angeschnallt.«

»Warum schalten Sie nicht Antigrav ein?«

»Weil auch die Möglichkeit besteht, dass es sich um keinen Peilstrahl handelt. Und in einem solchen Falle schützt uns der Ton nicht vor Bodenberührung.«

Dr. Hozak nickte ergeben.

Gaertner flog Kurven, als befinde er sich auf einer Slalommeisterschaft. Und dabei mochten zwischen der einen und der anderen Wendung gut fünfzig bis hundert Kilometer liegen. Wenn nicht irgendwo eine Bergkuppe dazwischen liegt, dachte Gaertner, dann wird es zur Not schon gehen.

Die Spannung war für beide Besatzungsmitglieder trotz entlastender Flüche und galgenhumoriger Bemerkungen längst bis zum Siedepunkt gestiegen. Sie hingen in einem undefinierbaren Nichts, das nur noch in der Vorstellungskraft eine schwache Beziehung zu den Realitäten des Weltalls hatte. Je häufiger sie sich die Tatsache ins Bewusstsein riefen, dass sie noch lebten, um so stärker wurde auch die Gewissheit, dass der entscheidende Augenblick sekündlich eintreten konnte. Irgend etwas musste sich ereignen. Aufprall und Ende - oder das Wunder.

Dr. Hozak hatte sich durch das Hin- und Herschlagen im Sitz eine stark blutenden Platzwunde am Kopf zugezogen. Umständlich kramt er das im Sitz deponierte Verbandsmaterial heraus. .

»Werden Sie allein fertig, Doktor?«, fragte Gaertner, der die Szene mitbekommen hatte.

»Schließlich bin ich Arzt«, entgegnete er Hozak beruhigend.

Dann kam das Ereignis, auf das beide gewartet hatten, ohne zu wissen, wie es sein würde. Es war eine Änderung des Tones f 1000, der plötzlich auf die Frequenz 800 herunterging.

Johnny Gaertner stieß einen Schrei der Erleichterung aus.

»Sie sind’s, Doktor! Unser dreidimensionales Leitsystem. Wenn wir jetzt noch die 1200 Schwingungen dazu finden, sind wir gerettet!«

Die Sache, von der Johnny Gaertner hier sprach, war folgende:

Im internationalen Raumschiffverkehr hatte sich seit undenklichen Zeiten das sogenannte disharmonische Flugleitverfahren eingebürgert, das sowohl auf den Raumhäfen als auch von den Schiffen für ihre Beiboote benutzt wurde. Es besteht aus drei Dauertönen verschiedener Frequenz, die in der Zielfläche drei gleich große Sektoren einnehmen. In der Flugschneise treffen sie sich zu einem Dreiklang, den nur der für schön und erhaben halten kann, der auf dieses Blindflugmittel angewiesen ist. Musiker und Raumpiloten stehen seit Einführung dieses Verfahrens auf dem Kriegsfuß. Man hat es trotzdem noch nicht abgeschafft, weil es sich in der Praxis tatsächlich tausendfach bewährt und schon manchem Piloten das Leben gerettet hat.

Kein Wunder, dass auch Johnny Gaertner erleichtert aufatmete. Da er jetzt Gewissheit besaß, dass er es mit dem vertrauten Peilstrahl zu tun hatte, schaltete er sofort wieder den Antigrav ein, was Hozak mit Dankbarkeit registrierte.

Nach der dritten Richtungskorrektur hatten sie den Doppelton f 800 = 1000 im Empfänger. Auf dieser Linie manövrierte Gaertner noch sechs Minuten mit Höhendifferenzen, bis er endlich auch die dritte Frequenz empfing. Der Doktor las jetzt in den Gedanken seines Vorgesetzten, dass die akute Gefahr vorüber war.

»Wir werden unsere Taktik ändern müssen. Der erste Angriff ist fehlgeschlagen. Aber wir kommen gesund zurück. Das ist schon ein Erfolg gegenüber den früheren Expeditionen.«

Das Beiboot ging in einen sanften Gleitflug über. Dann kam die Bodenberührung, und die Maschine rollte auf kürzester Strecke aus.

»Wir sind gelandet. Aber hinter den Sichtscheiben herrscht immer noch Dunkelheit.«

»Unter Umständen haben wir draußen bereits natürliche Nacht.«

»Egal, Doc! Kommen Sie raus! Ob Tag oder Nacht, zuerst interessiert mich einmal, weshalb die Bande mir beim letzten Anruf nicht geantwortet hat!«

Er schob den Verschlussmechanismus der kleinen Luftschleuse beiseite und stieß das Außenschott nach draußen. Die plötzliche Helligkeit war so überraschend, dass beide zunächst die Augen schließen mussten. Als sie sie wieder langsam öffneten, wussten sie, dass es zu spät war, in die Kabine zurückzukehren.

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Das blendende Licht hatte nichts mit der Sonne Denebola zu tun, und der Landeplatz nichts mit dem Schoße oder den Fittichen des Raumschiffes INVINCIBLE. Draußen standen auch keine schuldbeladenen Besatzungsmitglieder zum Empfang des erzürnten Kapitäns bereit. Der erste Eindruck war nur:

Licht. Heller als der Tag von Paraia, heller als die Tage von Brodik und Terra.

Erst dahinter wurden Formen sichtbar, die wegen ihrer geometrischen Strenge und Genauigkeit niemals ein Produkt der Natur sein konnten.

»Ich bin ein Idiot!«, sagte Johnny Gaertner laut und vernehmlich. Und in seinen Gedanken erfuhr Hozak den Grund.

Unser Schiff steht auf einem Hochplateau zwischen Buschwerk und hügeligem Grasland. Unsere Landebahn aber war glatt wie ein Billardtisch. Es hat nicht die geringste Erschütterung gegeben.

Hozak forschte weiter nach Gedanken der Angst, fand aber außer Überraschung keine besonders stark ausgeprägte Sorge.

»Trotz allem scheinen Sie nicht gerade unzufrieden zu sein, Captain.«

»Es liegt auf der Hand, dass wir Calhouns Gefangene sind. Die hohen Wände schließen nach allen Seiten. Dort drüben muss sich das Tor befinden, durch das wir hereingerollt sind. Aber wir haben es doch ähnlich gewollt. Man hat uns direkt ans Ziel geholt.«

»Und man hat uns die Initiative genommen. Seien Sie nicht so selbstsicher, Captain. Denken Sie an die Telepathie! An meine und an die der Eingeborenen. Wenn Calhoun eine Möglichkeit gefunden hat, diese Dinge technisch zu kontrollieren, sind Sie ihm unterlegen.«

»Dafür sind Sie bei mir.«

»Es wird nicht immer möglich sein, dass wir uns verständigen. Viel eher ist es wahrscheinlich, dass wir uns verraten. Ich kenne keinen Schutz gegen Telepathie, Captain.«

Gaertner zog noch einmal das Schott zu, als könne ihm das Innere seines Beibootes den notwendigen Schutz gewähren.

»Hören Sie zu, Doktor! Zunächst haben wir unsere Waffen, durch die wir bei Auseinandersetzungen immer ein Wort mitreden können. Was die Telepathie betrifft, so werden wir voraussichtlich nur im Zusammenhang mit den Eingeborenen damit zu tun bekommen. Wenn es sich bewahrheiten sollte, dass einige dieser Leute zum Personal Calhouns gehören, so sollte uns das nicht daran hindern, ihnen den Kristall zu übergeben, wie es mein Traum verlangt hat. Im übrigen hat es keinen Sinn, dass wir hier Theorien zerpflücken. Wir müssen hinaus und versuchen, den Herrn des Hauses zu sprechen. Alles andere bringt uns nicht weiter...«

Johnny Gaertner sprang hinaus. Dr. Hozak folgte gehorsam.

Sie warteten eine Weile, bis sie sich an das grelle Licht gewöhnt hatten, und wandten sich zunächst rückwärts, um das Tor zu untersuchen, durch das sie hereingerollt sein mussten.

Es war unschwer zu erkennen, dass der Mechanismus der Pforte nicht für Handbetrieb eingerichtet war. Seine Betätigung erfolgte wahrscheinlich aus einer freiliegenden Zentrale. Jedenfalls misslang der Versuch, die Maschine einfach darauffahren zu lassen. Eine Automatik machte sich hierbei nicht bemerkbar, und Gaertner hatte alle Hände voll zu tun, das Boot rechtzeitig wieder abzubremsen, damit es nicht beschädigt wurde.

»Nun, was sagen Sie jetzt, Doktor? Wenn eine Automatik vorhanden ist, dann hat man sie abgestellt. Wollen wir nicht lieber versuchen, mit dem Herrn des Hauses ein vernünftiges Wort zu reden? Eines Tages hatten wir ja doch herkommen wollen. Vielleicht kommen wir auf diese Weise früher zu einer Einigung, als es in unserem Plan stand.«

Dr. Hozak brauchte nicht erst lange in Gaertners Gedanken nachzuforschen, um zu erkennen, dass diese Ansprache gleichzeitig für versteckte Mikrophone gedacht war. Der Captain wollte also den biederen Handelsmann spielen. Es fragte sich nur, wie lange Calhoun da mitmachte.

Sie wandten sich nach der anderen Seite des hallenartigen Raumes - in der Hoffnung, dass es dort weitergehen würde. Bevor sie jedoch die Wände genauer untersuchen konnten, meldete sich aus verborgenen Lautsprechern eine Stimme. Die Klangwirkung war durchaus stereophon, und man hatte das Gefühl, der Schall käme aus sechs verschiedenen Richtungen zugleich.

»Gehen Sie bitte auf die blaue Wand zu, meine Herren! Sie finden dort in Verlängerung der unterbrochenen Linie, die Sie vor sich auf dem Boden sehen, eine Tür. Sie werden erwartet.«

Die beiden Männer sahen sich fragend an. Als ob sich der eine beim anderen Rat holen wolle. Gaertner hob die Schultern.

»Ich hatte mir doch gleich gedacht, dass man nicht so unhöflich sein würde, uns hier ratlos zu lassen. Kommen Sie, Doktor!«

Und in Gedanken fügte er hinzu: Man hat uns nicht einmal aufgefordert, die Waffen abzulegen, was doch an sich üblich ist, wenn man beim Eindringen im Hause seines Gegners überrascht wird. Trotzdem werden wir vorsichtig sein, Doc. Achten Sie besonders auf Hutwesen. Sobald diese Garnitur auftaucht, ist es besser, Sie versuchen viel wirres Zeug zu denken. Zum Beispiel Komplimente für die Gastgeber und ihre wundervolle Fabrik, oder Sie bemühen sich um den Wunsch, für alle Ewigkeiten hierbleiben zu wollen, weil es nichts Faszinierendes gibt als diese Anlage...

Dr. Hozak blieb die Antwort schuldig, da er sich Gaertner gegenüber nur durch die Sprache verständlich machen konnte. Und dieses Verständigungsmittel war jetzt absolut nicht geeignet. Denn wo so viele Lautsprecher angebracht waren, mussten auch Mikrophone sein.

An der blauen Wand trafen sie es so an, wie die Stimme es versprochen hatte. Die Tür öffnete sich wie von selbst, als sie dicht davor standen.

»Also doch Automatik«, sagte der Captain nun selbstsicher, als habe er damit eine Wette gewonnen.

Hozak spürte jedoch in den Gedanken seines Vorgesetzten, dass diese Selbstzufriedenheit sich nur äußerlich zeigte. Von Zuversicht konnte bei Johnny Gaertner nicht die Rede sein, und es dominierte die verzweifelte Frage, wohin das alles führen würde. Hozak spürte auch das Gedankenbild einer Falle. Und in einer Falle hat sich noch niemals jemand wohlgefühlt.

Der Gang hinter dem blauen Tor war beängstigend klein. Vielleicht erschien das nur so nach dem Vergleich mit der riesenhaften Halle, aus der sie soeben kamen. Dennoch blieb diese psychische Wirkung. Auch das grelle Gelb, in dem die Wände gehalten waren, trug nicht dazu bei, die Nerven zu beruhigen. Indirektes Licht verteilte sich so, dass keine Schatten zustande kamen. Nicht einmal durch die Gestalten der beiden Menschen. Im übrigen war nichts da, was Schatten hätte werfen können. Nicht die geringste Unebenheit in den Wänden. Der Gang war ohne jede Einrichtung, ohne Türen. Er war ein geometrisches Gebilde, das irreal wirkte oder höchstens wie ein Gefängnis.

»Kommen Sie weiter, Doktor! Über Geschmack lässt sich nicht streiten.«

»Kurz vor der Stirnwand rechts geht es weiter«, sagte die Stimme aus den vielen Lautsprechern.

Sie folgten der Aufforderung. An der bezeichneten Stelle öffnete sich die Wand, indem ein Teil von ihr in seiner massiven Stärke von beinahe einem halben Meter in sich selbst zurückglitt. Sobald sie hindurchgeschritten waren, wurde fast geräuschlos der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt. Gaertner sah sich noch einmal um. Die Öffnung existierte nicht mehr, als ob sie nie bestanden hätte. Und wieder formte sich in seinem Bewusstsein die Erkenntnis, dass er ein Gefangener war.

Doch sofort verlangte die neue Umgebung seine Aufmerksamkeit. Sie standen in einem Raum, der an ein Laboratorium erinnerte, wenngleich viele Apparate in ihrer nie gesehenen Form lediglich Vermutungen zuließen.

Die Stimme im Hintergrund klang nicht mehr so mechanisch und auch nicht mehr stereophon. Sie klang ausgesprochen menschlich.

Johnny Gaertner fuhr herum. Während der Drehung zogen die Hände beide Pistolen in Schussbereitschaft.

In einer wohnlich eingerichteten Ecke stand ein Mann und deutete einladend auf verschiedene Sitzgelegenheiten.

»Nehmen Sie Platz, meine Herren. Aber lassen Sie die Waffen in der Tasche. Es hat keinen Sinn, sie innerhalb dieser Räume anzuwenden. Jeder Energiestrahl wird hier automatisch paralysiert. Und was das für Sie und Ihre Waffen bedeutet, werden Sie sich denken können...«

»Verzeihung, Sir!«, sagte Johnny bescheiden. »Es ist die Macht der Gewohnheit. In einer fremden Umgebung wie dieser hier habe ich es mir zur Regel gemacht, keine Vorsicht außer acht zu lassen. Und dann bedenken Sie unsere Überraschung! Der Doktor und ich hatten nicht so schnell damit gerechnet, hierher zu gelangen.«

»Ich muss Sie um Entschuldigung bitten, meine Herren, wenn ich Ihre Pläne durchkreuzte. Doch soweit ich orientiert bin, galt doch Ihre Expedition ausschließlich mir.«

»Wenn Sie Mr. Calhoun sind...«

»Bin ich, Captain Gaertner. Aber setzen Sie sich doch! Da wir der Person nach soweit bekannt sind, wollen wir nicht allzu lange bei den Förmlichkeiten bleiben. Bitte, Dr. Hozak!«

Calhoun war der Typ eines freundlichen alten Onkels, dem die Harmlosigkeit auf den Leib geschrieben schien. Nicht größer als l,60 Meter, wirkte er trotz seines vollen grauen Haares und seiner intelligenten Augen nicht unbedingt eindrucksvoll. Der Klang seiner Stimme war dagegen angenehm und verbindlich.

Die beiden Besucher nahmen Platz.

»Sie werden unsere Überraschung verstehen, Mr. Calhoun, wenn Sie bei unserer Begrüßung bereits Dinge vorwegnehmen, die Sie nach unserer Orientierung noch gar nicht wissen können.«

»Welche Dinge wären das?«

»Sie kennen unsere Namen und Titel. Sie wissen, dass unser Besuch Ihnen gilt, obgleich wir zunächst eine andere Richtung eingeschlagen haben. Und schließlich liegt es nahe, anzunehmen, dass Sie auch bei unserer Blindfluglandung die Hände im Spiel hatten.«

Calhoun lächelte geduldig.

»Lassen Sie es mich gleich zusammenfassen, Captain. Die INVINCIBLE ist Eigentum meines Freundes Kerby. Wenn er die schickt, kann der Besuch nur mir gelten. Denn schließlich bin ich der Eigentümer von Paraia - seine Eingeborenen eingerechnet. Ihre Landung in meinem Werk brachte ich dadurch zustande, dass ich Ihr Flugboot zunächst mit Anti-Photonen beschickte und auf dem Leitstrahl Wirbelenergie nachfolgen ließ. Dadurch befanden Sie sich einmal in absoluter Dunkelheit, und zum anderen wurden Ihre sämtlichen Messverfahren gestört. Die Peilzeichen für die Blindlandung erhielten Sie ebenfalls über den Leitstrahl. Habe ich das klar genug ausgedrückt?«

»Verlangen Sie nicht, dass wir die Einzelheiten begreifen«, erklärte Johnny Gaertner. »Uns genügt der Beweis, dass Sie recht haben. Doch woher wissen Sie unsere Namen? Ich bin zum ersten Male auf Paraia und auch noch nicht lange in Kerbys Diensten...«

»Die Eingeborenen sind Telepathen, wie Sie wissen. Freck, mein erster Assistent, war so frei, unmittelbar nach Ihrer Landung Ihre Gehirne zu sondieren. Da Sie selbst Telepath sind, Doktor, werden Sie mir gewiss das Unwahrscheinliche an dieser Behauptung glauben.«

Hozak nickte. »Ich glaube es Ihnen aufs Wort. Ebenso der Kapitän, wie ich soeben feststellte. Denn schließlich war er lange genug mit mir zusammen, um sich an dieses Phänomen zu gewöhnen.«

Johnny Gaertner gab sich Mühe, seine folgenden Gedanken stark zu konzentrieren. Er hegte noch immer den Verdacht, dass auch Calhoun den sechsten Sinn haben könnte, und suchte nach einer schnellen Entscheidung dieser Frage, indem er den Mann herausforderte.

Warum fragen Sie nicht nach der Kapsel, Calhoun? Warum fragen Sie nicht nach dem Kristall, der für Ihre Eingeborenen bestimmt ist? Jetzt hätten Sie Gelegenheit, ihn an sich zu bringen und in Ihrem persönlichen Interesse zu analysieren, Natürlich reagieren Sie nicht. Sie kennen die Botschaft bereits und haben Ihre Gegenmaßnahmen getroffen. Sie werden nicht so dumm seih und sich mir gegenüber verraten. Okay!

Calhoun zeigte mit keiner Miene, dass er irgend etwas verstanden hatte.

Sekundenlang war es Gaertner nicht möglich gewesen, der Unterhaltung zu folgen. Dann hatte er plötzlich den Eindruck, als ob er eine Antwort geben müsse. Dr. Hozak half ihm aus der Verlegenheit.

»Entschuldigen Sie, Mr. Calhoun. Der Kapitän hat sich stundenlang mit mir allein unterhalten und hält seitdem offenbar jeden Partner für einen Telepathen. Natürlich trinken wir etwas.«

»Habe ich es nicht laut gesagt?«, fragte Johnny Gaertner scheinheilig. Und dazu fabrizierte er ein kollegiales Lächeln. »Im übrigen, Mr. Calhoun, hätte ich wetten mögen, dass Sie auch Gedanken lesen können.«

»Wie kommen Sie denn darauf?«

»Nun, es ist alles so vollkommen bei Ihnen. Selbst ein Laie in den Wissenschaften bekommt beim Betreten Ihres wunderbaren Reiches gleich den Eindruck, als ob es hier an nichts mehr fehlen könnte.«

»Nur ein Laie, Captain, nur ein Laie. Der Wissenschaftler wird gleich erkennen, dass ich noch viel zu erledigen habe, bevor man von Vollkommenheit reden darf. - Ich habe hier zwei Sorten. Die eine vom ersten, die andere von dritten Planeten. Welche bevorzugen Sie?«

»Bei den Denebola-Getränken kenne ich mich nicht aus. Nehmen Sie den herberen, Mr. Calhoun.«

Der kleine, grauhaarige Mann schenkte mit einem Sprühstrahl aus einer geschlossenen Flasche ein. Grünlichgold perlte die Flüssigkeit in den farblosen Plastikgläsern und erinnerte durch ihren schnell versiegenden Schaum an Sekt von Terra. Der Geschmack war kaum anders.

Allerdings musste Gaertner sich eingestehen, dass er dem Getränk kaum die erforderliche Aufmerksamkeit schenkte. Die wichtigste Frage, die er ihm widmete, war, ob sich nicht vielleicht ein Gift darin befand. Dann sprach er ein konventionelles Lob aus und bat den Gastgeber um die Erlaubnis, zur Sache zu kommen.

Der winkte lächelnd und einladend mit der Hand. »Bitte, Captain. Ich bin gespannt, wie Sie die Pläne meines Freundes Kerby zu formulieren wissen.«

»Ich muss Ihnen eingestehen, dass mir Kerby nur sehr spärliche Informationen gegeben hat. Ich wurde so weit unterrichtet, wie Mr. Kerby es für angebracht hielt.«

»Und was hielt er für angebracht?«

»Ich weiß, dass Sie Freunde waren, die heute noch welche sein könnten, wenn Sie, Mr. Calhoun, gewisse Vorurteile fallen ließen. Kerby trug mir auf, Ihnen mitzuteilen, dass er bereit sei, in jeder Hinsicht zu verzeihen, dass er seinerseits um Verzeihung bitte, falls von Ihrer Seite noch begründete Bedenken in solcher Hinsicht bestünden. Mr. Kerby ist der Meinung, dass es dem Gesamtwerk dienlicher wäre, wenn Sie zurückkehrten, Mr. Calhoun. Er lädt Sie ein nach Brodik.«

»Ich bin mir im klaren darüber, dass Kerby Sie bezahlt«, sagte Calhoun nun freundlich. »Das erschwert die Sache für Sie.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Ihre Informationen sind einseitig Und verzerrt, Captain. Wenn Sie mich gehört haben, wird es Ihnen Leid tun, bei Kerby einen Vertrag unterschrieben zu haben. Ich bin nicht der Ausreißer, für den Sie mich halten. Ich war nie in meinem Leben auf Brodik.«

Gaertners Überraschung war echt. ,»Nie im Leben...?«

»Nein! Es war genau umgekehrt. Paraia ist unser ursprüngliches Forschungszentrum. Und Kerby hat es verlassen. Er floh vor acht Jahren mit unserem Raumschiff, dem einzigen, das wir besaßen. Er nahm einen großen Teil meiner Pläne mit. Er stahl sie, Captain! Seitdem bin ich von der Welt abgeschnitten. Mein eigenes Raumschiff befindet sich leider noch immer im Bau.«

Gaertner gab nicht sofort Antwort. Nachdem Calhoun Kerby der Lüge bezichtigte, war er keineswegs bereit, nun dem anderen zu glauben. Schließlich fragte er: »Warum haben Sie niemals die Gelegenheit benutzt, mit der INVINCIBLE wegzukommen? Das Schiff war mehrere Male auf Paraia. Wenn Ihre Version stimmt, dann hätten Sie also oft genug Gelegenheit gehabt, Kerby zur Rechenschaft zu ziehen.«

»Ich wäre lediglich sein Gefangener geworden, sonst nichts, Captain. Außerdem habe ich gar nicht den Wunsch, diesen Planeten zu verlassen, oder wenigstens nicht das System Denebola. Meine Kleinrakete reicht für Fahrten innerhalb dieses Sonnensystems. Ich treibe hier Handel, soweit es für mich notwendig ist. Alles andere würde der Konzentration meiner Arbeit schaden.«

Ich überrasche die Welt, wenn ich fertig bin. Zu diesem Zeitpunkt wird auch mein Raumschiff fertig sein, mit dem sich interstellare Fahrten durchführen lassen. Es tut mir Leid, dass ich Sie enttäuschen muss, Captain. Doch Ihre Aufgabe war aussichtslos, bevor Sie starteten. Hoffentlich haben Sie einen vernünftigen Vertrag mit Kerby gemacht, dass Sie später nicht der Leidtragende sind. Das heißt, solange Sie sich bei mir aufhalten, wird es Ihnen sowieso an nichts fehlen. Immerhin wäre es aber denkbar, dass Sie eines Tages wieder nach Brodik zurückkehren...«

»Eines Tages? Ich glaube, Sie überschätzen meine Unhöflichkeit, Mr. Calhoun. Ich falle Ihnen nicht lange lästig. Sobald ich herausgefunden habe, dass wir zu keiner Einigung im Sinne von Kerbys Auftrag kommen, fliege ich zurück. Schließlich habe ich noch familiäre Rücksichten zu nehmen, selbst wenn es mir bei Ihnen ausnehmend gut gefallen sollte.«

»Sie haben Familie, Captain? Das macht die Sache freilich komplizierter. Ich habe einen Abscheu gegen die geringste Unmenschlichkeit. Ich weiß die Tragik mitzufühlen, wenn Kinder ohne Vater aufwachsen.«

»Es geht hier um keine Kinder, sondern um eine Frau. Ich bin verheiratet. Und diese Frau erwartet mich innerhalb von zwei Monaten zurück. Oh, nein, Mr. Calhoun, unterbrechen Sie mich jetzt bitte nicht. Eine Scheußlichkeit wird dadurch nicht erträglich, dass man sie mit einem verbindlichen Lächeln vorträgt. Ihre Andeutung vorhin habe ich sehr gut verstanden. Sie wollen uns festhalten, solange es Ihnen beliebt. Und jetzt sagen Sie mir bitte, welche Zeitspanne Sie sich dabei gedacht haben. Sollte sie sich im Rahmen halten, so bin ich nicht abgeneigt Ihre Gastfreundschaft für einige Terra-Tage in Anspruch zu nehmen, denn in jedem Falle hat die Besichtigung Ihres Werkes seine bestimmten Reize...«

Calhoun unterbrach ihn mit einem Lachen, das immer noch sehr nachsichtig klang.

»Sehen Sie, Captain, damit haben Sie bereits den Punkt angeschnitten, der für meine Überlegungen in erster Linie maßgebend ist. Sie betrachten Ihre Entführungsexpedition als einen harmlosen Besuch, eine ausgesprochene Werksspionage als interessante Betriebsbesichtigung und mich als einen Trottel. Sie übersehen dabei jedoch den eigentlichen Sinn dieser Festung hier und den Sinn der Rivalität zwischen mir und Kerby. Kerby und ich liegen in einem Wettrennen, und zwar auf einem Niveau, das noch kein anderer Wissenschaftler vor uns jemals erreicht hat. Freilich, wir gingen im Anfang von der breiten Basis der bisherigen Erkenntnisse aus. Dann entdeckten wir gemeinsam das Kristallplasma und waren allen anderen plötzlich weit voraus. Seit wir uns getrennt haben, gibt es für die Weltgeschichte nur noch ein entscheidendes Duell, das zwischen Kerby und mir. Wer zuerst fertig ist, wird der Herr der Welt sein. Kerby oder ich. Halten Sie es jetzt noch für denkbar, dass ich Sie vor dem Erreichen meines Zieles von diesem Planeten entlasse?«

»Sie sind sehr offen, Calhoun. Das ist es, was mich am meisten bestürzt.«

»Es liegt mir nicht daran, Verstecken zu spielen, Captain. Soweit Aufrichtigkeit keinen Schaden verursacht, halte ich sie immer noch für die Pflicht eines Ehrenmannes. Und Sie sind kein Kind mehr, dem gegenüber es sich lohnt, Märchen zu erzählen. Andererseits dürfen Sie nicht glauben, dass ich für Märchen empfänglich wäre. Kerbys Auftrag für Sie lautete auf Entführung. Bedingung war, dass Sie mich lebendig mitbringen. Denn natürlich geht es dem guten Konkurrenten nicht allein darum, mein Werk zu vernichten, was er mit einer Atombombe vor sieben Monaten noch geschafft hätte. Er braucht mich, meinen Körper, mein Gehirn - um es zu analysieren. Er arbeitet mit dem Plasmakristall und möchte mir mein Erinnerungsvermögen aus dem Schädel reißen. Das wäre der Sieg für Kerby. Ich hoffe, Sie begreifen mich jetzt, Captain!«

»Ich sagte, dass meine Frau mich in sechs Wochen bis zwei Monaten zurückerwartet. Sie hat Kontakt mit Kerby und wird, sobald meine Expedition als überfällig gemeldet wird, die notwendigen Schritte beim Raumsicherheitsdienst unternehmen. Paraia lag bisher auffallend lange abseits der galaktischen Interessen, Mr. Calhoun. Sollte aber die Weltöffentlichkeit erst einmal auf diesen Sektor aufmerksam gemacht werden, so dürften Sie die längste Zeit ungestört an Ihrer Welteroberung gearbeitet haben...«

»Die Gründe haben etwas für sich, Captain«, gab Calhoun im Tone einer unbedeutenden Konversation zu, »doch meine sind gewichtiger.

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