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1001 Versuchung

1. KAPITEL

Da war sie.

Arik griff nach dem Fernglas, um kein Detail zu verpassen. Unwillkürlich hielt er den Atem an, als das Licht des frühen Tages sie mit Gold übergoss.

Schon erstaunlich, welche Wirkung diese Frau auf ihn hatte. Für ihn war es der Höhepunkt des Tages geworden, wenn sie am Strand auftauchte. Eine einsame Schönheit mit langem Haar, grazilem Körper und der Aura von Unschuld.

Selbst auf die Entfernung hin reichte ihr Anblick, um ein Ziehen in seinen Lenden auszulösen. Sein Blut schien wie kochend heiße Lava durch seine Adern zu fließen, und sein Pulsschlag verlangsamte sich zu einem dumpfen erwartungsvollen Pochen.

Er senkte das Fernglas und rieb sich über das Gesicht. Zum Teufel! Was war nur aus ihm geworden! Sechs Wochen im Gips, und er konnte an nichts anderes mehr denken. Vielleicht hätte er doch Helens Angebot annehmen sollen, ihm in der Genesungszeit Gesellschaft zu leisten.

Aber ihm hatte die Geduld gefehlt. Er wollte, dass sein Bein heilte. Was er nicht wollte, war eine Frau, die um ihn herumflatterte und das liebende Hausmütterchen spielte. Er hatte den Ausdruck in Helens Augen gesehen und sofort gewusst: Es war Zeit, die Beziehung zu beenden.

Zu schade. Helen war intelligent, geistreich und begehrenswert. Zudem sehr erfinderisch im Bett. Ihre gemeinsame Zeit war höchst anregend und amüsant gewesen. Doch dann begann sie, vom „Glücklich-bis-ans-Lebensende“ zu träumen, und damit war es für ihn vorbei.

Arik hatte immer viel gearbeitet. Seine Freizeit wollte er daher mit Frauen verbringen, die Lust auf ein Abenteuer hatten. Nicht mehr und nicht weniger. Er hielt nichts davon, Herzen zu brechen.

Was er jetzt brauchte, war eine angenehme Abwechslung. Eine kurze Affäre, die ihn von der Tatsache ablenkte, dass er hier oben festsaß.

Er hob das Fernglas wieder an die Augen. Die Unbekannte mit dem goldenen Haar hatte ihre Staffelei aufgestellt, sodass sie den Strand entlang bis hin zum nächsten felsigen Küstenvorsprung sehen konnte. Doch anstatt den Pinsel in die Hand zu nehmen, knöpfte sie ihre Bluse auf.

Ariks Herz begann heftiger zu pochen. Ja! Jetzt streifte sie die Bluse ab und enthüllte einen Oberkörper mit sanften Kurven. Am liebsten wäre er aufgesprungen und zu ihr hingehumpelt, um ihr seine Hilfe anzubieten. Eine schmale Taille, volle Brüste. Und als sie auch noch ihre Jeans auszog, bot sich ihm der Anblick eines verführerischen Hinterteils und schlanker wohlgeformter Beine.

Genau, wie er vermutet hatte. Eine Frau, die er unbedingt kennenlernen musste.

Arik beobachtete, wie sie hinunter zum Wasser ging und die Wellen um ihre Füße spielen ließ. Dank des Äquatorialstroms war das Arabische Meer einladend warm.

Sein Blick glitt bewundernd über ihre Gestalt. Und dann drehte sie sich plötzlich um, hob den Kopf und sah genau in seine Richtung, so als könne sie ihn im Schatten der großen Terrasse sehen.

Ein Schauer durchlief ihn. Aber nein, das war unmöglich. Und doch hatte er den Eindruck, als seien ihre Blicke für Sekundenbruchteile aufeinandergetroffen und hätten einander festgehalten.

Ein Gefühl, stark genug, um ihn aus seiner reglosen Begutachtung zu reißen, das Fernglas zu senken und zu ihr hinzusehen. Doch da wandte sie sich schon wieder ab und tauchte in die Wellen ein in ihrem dunklen einteiligen Badeanzug.

Sie würde viel besser in einem Bikini aussehen.

Oder noch besser, nackt.

Er lehnte sich in den Stuhl zurück und sah zu, wie sie in die Bucht hinausschwamm. Eine geübte Schwimmerin, wie er erleichtert feststellte. Sie würde kein Rettungsteam brauchen.

Zwanzig Minuten lang kraulte sie durchs Wasser, dann kam sie an den Strand zurück. Die Sonne stand inzwischen höher und heller am Himmel, die Strahlen fielen auf die Frau am Strand und betonten ihre perfekten Formen noch mehr. Formen, die in Arik den Wunsch weckten, der Gips an seinem Bein wäre endlich weg, damit er zu ihr gehen und sie auf den Sand hinabziehen könnte. Er wollte sie fühlen, sie schmecken, wollte die weiche Haut erkunden, wollte ihre Seufzer an seinen Lippen spüren, wenn sie sich der Lust ergab.

Er spürte so starkes Verlangen, dass ihm ganz heiß wurde, und er veränderte unruhig seine Position. Er war sehr erregt – und verärgert, dass er nicht sofort bekommen konnte, was er wollte.

Vor hundert Jahren hätte er nur mit den Fingern zu schnippen brauchen, und man hätte sie zu ihm gebracht. Um manche der alten Traditionen war es wirklich schade.

Manchmal fand er es schwer, ein zivilisierter Mann zu sein. Vor allem, wenn die Gefühle, die diese Frau in ihm auslöste, absolut unzivilisiert waren.

Wer war sie? Woher kam sie? Mit diesen langen blonden Haaren und der hellen, seidig schimmernden Haut konnte sie auf keinen Fall eine Einheimische sein.

In seinem Rollstuhl ging Arik die Möglichkeiten durch. Eine Frau, allein, schön und verführerisch. Ein Mann, gelangweilt, frustriert und verzaubert.

Es zuckte um seine Mundwinkel. Er gehörte nicht zu der Sorte Mann, die tatenlos herumsaß. Nein, er war der Typ, der handelte.

Und das gedachte er auch nun zu tun. Schon bald würde seine Neugier befriedigt sein. Seine Neugier – und mehr.

Rosalie steckte sich eine Strähne hinters Ohr und begutachtete kritisch die Leinwand vor sich. Schon seit mehreren Tagen arbeitete sie an diesem Bild. Aber all ihren Bemühungen zum Trotz war sie bislang nicht wirklich weitergekommen.

Sie hatte die Konturen des Strands und des Küstenvorsprungs gezeichnet, hatte mit Aquarell- und Ölfarben experimentiert, doch das Ergebnis gefiel ihr nie. Auch die Fotos, die sie aufgenommen hatte, konnten die Magie dieses Orts nicht einfangen. Weder den Zauber des blassen Morgenlichts noch den rosa Schimmer des feinen Sands oder die verspielten Formen der maurischen Burg, die hoch oben auf den Klippen thronte.

Gleich beim ersten Mal, als Rosalie diese Bucht entdeckt hatte, war sie begeistert gewesen. Ein Gefühl, von dem sie befürchtet hatte, es nie wieder verspüren zu können. Die Schönheit dieses Ortes hatte ihr sogar den Mut verliehen, endlich wieder ihre Farben und die Leinwand hervorzuholen.

Doch die Jahre der Vernachlässigung rächten sich nun. Ganz offensichtlich würde es einige Zeit dauern, um ihre künstlerischen Fähigkeiten wieder zum Leben zu erwecken.

Falls sie nicht sowieso für immer verloren waren.

Vor drei Jahren hatte Rosalie das Malen aufgegeben, denn vor drei Jahren war ihre ganze Welt zusammengebrochen. Ihre Kunst interessierte sie nicht mehr. Ganz egal, was ihre Familie und ihre Freunde dazu sagten.

Doch jetzt hatte sie zu ihrem eigenen Erstaunen wieder den Drang zu malen verspürt. Eine schwache Hoffnung war in ihr aufgekeimt. Nur, um sogleich wieder von Enttäuschung erstickt zu werden.

Angewidert riss Rosalie das Blatt vom Zeichenblock. Hier fehlte etwas.

Talent, dachte sie mit einem missmutigen Lächeln.

Sie reckte sich und lockerte die angespannten Muskeln. Sie würde dieser Landschaft nicht Genüge tun können. Sie war keine Künstlerin. Nicht mehr.

Jäh presste sie die Lippen zusammen, als die Enttäuschung sie packte. Es war dumm – dumm und albern, darauf zu hoffen, etwas wiedererwecken zu können, das längst verkümmert war. Dieser Teil ihres Lebens war für immer verloren.

Rosalie atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Sie hatte überlebt, hatte sich von der Angst und der Wut und der Trauer befreit und mit ihrem Leben weitergemacht. Nicht nur das. Sie hatte ihren inneren Frieden und ihre Lebensfreude wiedergefunden. Was machte es da schon, wenn aus ihr nie eine Künstlerin wurde?

Doch ihre Hände zitterten, als sie ihre Sachen sorgfältig wieder in der Tasche verstaute. Nachdem es einen Hoffnungsschimmer gegeben hatte, war diese Einsicht doch schwerer zu ertragen.

Dennoch, sie würde sich nicht quälen, sondern sich auf andere Dinge konzentrieren. Ein paar Erkundungstouren machen. Sich die Altstadt ansehen. Durch die Suks, die Händlerviertel, bummeln. Vielleicht sogar einen Ausflug in die Wüste unternehmen. Jeden Tag schwimmen. Und sie würde auch endlich das Buch aufschlagen, das sie sich für den Urlaub hier mitgebracht hatte.

Sie würde die faszinierende Schönheit dieser Bucht und der Burg wie aus Tausendundeiner Nacht vergessen.

Ein entferntes Geräusch ließ sie aufschauen. Am anderen Ende des Strandes konnte sie eine Bewegung erkennen. Formen, die im Licht der Morgensonne weißgolden schimmerten, die auf sie zukamen und sich dann plötzlich zum Wasser drehten.

Jetzt konnte Rosalie die Formen ausmachen. Natürlich erkannte sie sie, schließlich züchtete ihr Schwager mit hingebungsvoller Leidenschaft Pferde. Diese beiden Tiere da waren nicht etwa irgendwelche Pferde, sondern elegante Araber. Sie tänzelten, wieherten und warfen ihre Mähnen zurück, als die Wellen ihre Hufe umspülten.

Ein Mann saß auf einem der Tiere. Er lehnte sich vor und flüsterte dem Pferd etwas ins Ohr, sein Haar hob sich dunkel gegen das helle Fell ab. Rosalie sah das Ohr des Pferdes zucken, es lauschte auf seinen Reiter.

Pferd und Reiter verschmolzen nahezu zu einer Einheit. Der Mann trug Weiß – eine Hose und ein weites Hemd, an dessen Ausschnitt gebräunte Haut hervorschaute. Er saß ohne Sattel auf dem Rücken des Tieres, mit der mühelosen Grazie eines Menschen, der von Kindesbeinen an ritt. Eine große Gestalt, wie Rosalie erkennen konnte, mit breiten Schultern und schlanken Händen, die die Zügel locker hielten.

Hastig zog Rosalie ihren Zeichenblock wieder hervor, hielt die eleganten Kurven der Tierhälse und die kraftvollen Silhouetten der Körper auf dem Papier fest, die einen auffälligen Kontrast zu der schlanken Statur des Mannes bildeten. Er hatte sich ins Profil gedreht; sie konnte seine markanten Züge studieren.

Ihre Hand flog über das Papier, hektisch darum bemüht, die Impressionen einzufangen.

Über dem leisen Rauschen der Wellen hörte Rosalie die tiefe Stimme des Mannes etwas murmeln, das nur arabische Schmeicheleien sein konnten. Die Worte wehten sanft über das Wasser und lösten eine seltsame Reaktion in ihr aus. Ihr war, als streife ein warmer Hauch über ihre Haut. Dann lachte der Mann, volltönend und dunkel, und sie bekam eine Gänsehaut. Rosalie erschauerte, fühlte, wie ihre Muskeln sich anspannten. Doch sie ignorierte es und zeichnete noch schneller.

Viel zu bald strebte das Trio wieder dem Strand zu, noch bevor Rosalie auch nur einen Teil von dem gezeichnet hatte, was sie auf Papier bannen wollte. Sie beugte sich über den Block, versuchte den Eindruck jener seltenen Einheit zwischen Tier und Mensch festzuhalten, bevor er ganz verschwunden war. So dauerte es einen Moment, bevor sie bemerkte, dass das Trio nun auf sie zukam.

Immer mehr Details prägten sich ihr ein, während sie ihnen entgegensah: das leise Klingeln des Zaumzeugs, das Blähen der Pferdenüstern, als die Tiere ihren Geruch aufnahmen, die schnellere Gangart, die bloßen Füße des Reiters, seine Hose, vollgesogen mit Wasser, die sich um muskulöse Schenkel schmiegte, sein Hemd, das an den nassen Stellen Haut und Muskeln durchschimmern ließ.

Rosalie hörte auf zu zeichnen und sah ihm entgegen. Er musterte sie mit zusammengekniffenen Augen. Dunklen, durchdringenden Augen. Rosalie setzte sich gerade auf, mit klopfendem Herzen.

Es musste die Begeisterung sein, weil sie wieder zu ihrer Arbeit zurückgefunden hatte. Doch, kurz nur, fragte sie sich, ob es wirklich die künstlerische Inspiration war, die sie so mitriss.

Ihr Mund wurde zu einer schmalen Linie. Es gab keine andere Erklärung. Nicht für sie.

Hastig bückte sie sich nach ihrem Stift, der ihr aus den Fingern geglitten war. Dabei kam ihr der Gedanke, dass der Mann vielleicht verärgert war. Jetzt erst fragte sie sich, ob sie nicht gegen Q’aroumi-Sitten verstieß, indem sie ihn zeichnete, ohne zuerst um seine Erlaubnis gefragt zu haben.

Sie fühlte die Intensität seines Blicks, während sie sich nach dem Stift bückte.

„Saba’a alkair.“ Aus der Nähe klang seine Stimme noch tiefer und verführerischer.

„Saba’a alkair“, erwiderte sie, froh, dass sie zumindest „Guten Morgen“ auf Arabisch sagen konnte. „Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus …“ Verlegen zeigte sie auf ihren Zeichenblock, bevor ihr klar wurde, dass er sie ja vielleicht gar nicht verstand. „Sprechen Sie …“

„Ja, ich spreche Englisch“, antwortete er, bevor sie ihre Frage zu Ende bringen konnte. „Gefällt Ihnen die Landschaft?“

Rosalie nickte, sah zu ihm auf und konnte den Blick nicht mehr abwenden. Seine Augen waren so schwarz, dass man die Iris nicht von der Pupille unterscheiden konnte. Es war eine optische Täuschung, hervorgerufen durch den Lichteinfall, das wusste sie. Dennoch war dieses tiefe Schwarz hypnotisierend. „Die Aussicht ist atemberaubend.“ Sie klang auch atemlos und versuchte es zu kontrollieren. „In diesem Licht früh am Morgen ist es perfekt.“

„Zeigen Sie mir Ihre Arbeit?“ Der Hauch eines Akzents ließ die Konsonanten weicher klingen, und tief in Rosalie begann eine Saite zu schwingen.

Gleichzeitig jedoch wurde ihr bewusst, dass seine leise Frage eher wie ein Befehl geklungen hatte. „Halte ich mich etwa unbefugt hier auf?“

Er schüttelte den Kopf, und sein dunkles Haar strich über den Hemdkragen. „Was würden Sie tun, wenn ich jetzt bejahte?“

Sein angedeutetes Lächeln brachte die Saite in ihr noch mehr zum Vibrieren.

„Dann würde ich sofort gehen.“

Das sollte sie so oder so tun, so stark, wie sie auf diesen Mann reagierte. Damit konnte sie nicht umgehen. So etwas war ihr noch nie passiert. Es beunruhigte sie.

Sie stand auf.

„Dann ist es gut, dass Sie nicht unbefugt hier eingedrungen sind.“ Sein Lächeln wurde breiter, und Rosalie blieb für einen Moment wie erstarrt stehen. Wer hätte ahnen sollen, dass ein Mann mit solch strengen Zügen und mit einer solchen Aura von Macht so … so charmant und …

„Nichtsdestotrotz sollte ich mich auf den Weg machen.“

„Ohne mich Ihre Arbeit sehen zu lassen?“

Es war albern, ihm diesen Wunsch zu verweigern. Zwar hatten die Skizzen nicht die Qualität von einst, aber so schlimm wie die eines Anfängers waren sie auch nicht. Rosalie trat einen Schritt vor, zögerte dann jedoch, den Pferden näher zu kommen. Die Tiere schienen ihr groß und imposant, vielleicht würden sie scheuen oder sogar beißen.

„Vor Layla und Soraya brauchen Sie sich nicht zu fürchten, sie haben exzellente Manieren. Sie beißen nicht, nicht einmal die Hand, die sie füttert.“

„Sie kümmern sich um die Tiere?“, fragte Rosalie und rückte ein Stückchen vor.

„Ja. Aber das ist nur einer der Gründe, warum sie mich lieben, nicht wahr, meine Engel?“ Er hatte es nahe am Ohr des Pferdes gesagt, und ein leises Schnauben folgte als Erwiderung. Dann lenkte er das Tier vor, und Rosalie fand sich eingekreist zwischen den Stuten. Wärme und ein erdiger Geruch hüllten sie ein. Es war irgendwie beruhigend. Und noch ein anderer Duft stieg ihr in die Nase, als der Reiter sich vorbeugte, um ihren Block zu nehmen. Würzig, nach Salz und Mann.

Unwillkürlich wich Rosalie einen Schritt zurück und stieß mit dem Rücken gegen ein Pferd. Sie sah auf und traf auf den Blick aus dunklen Augen. Das Funkeln, das sie dort erkannte, versetzte sie in seltsame Erregung.

„Darf ich?“, murmelte er, und seine Stimme fuhr ihr wie Samt über die Haut.

„Ja, natürlich.“ Konzentrier dich auf die Skizzen. Doch das war einfacher gesagt denn getan, wenn sie sich so eingekesselt fühlte. Irgendetwas an diesem Mann brachte sie völlig aus der Ruhe.

Statt ihm den Block einfach auszuhändigen, schlug sie die Seiten um.

Die erste Skizze, die Pferde auf dem Weg ins Wasser, zeigte deren Eleganz und Geschmeidigkeit. Das nächste Blatt: die stolze Haltung der Tiere, die geschwungenen Hälse, die geblähten Nüstern, die dunklen großen Augen. Das dritte Blatt nur eine Andeutung, unklar, leicht verzerrt, und doch drückte es wirkungsvoll Bewegung aus. Dann ein Entwurf von Pferd und Reiter, wie eine Einheit.

Rosalie hielt den Atem an, als sie das nächste Blatt umschlug und auf gelungene Hände starrte. Kräftige und doch schlanke Hände, mit langen Fingern. Der Umriss von männlichen Schultern, ein muskulöser Hals, ein markantes Kinn … Das war lebendiger und besser als alles, woran sie sich in den letzten Tagen versucht hatte.

„Sie haben Talent“, sagte er. „Großes Talent.“

„Danke.“ In ihrem Erstaunen über sich selbst vergaß Rosalie, seinem durchdringenden Blick auszuweichen, und versank darin. Selbst jetzt wirkten sie noch schwarz. Wie nahe würde sie sein müssen, um deren wahre Farbe erkennen zu können? „Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich Sie zeichne? Die Pferde waren so schön, dass ich nicht widerstehen konnte.“

Er lehnte sich vor, und Rosalie schluckte. Was mochte wohl dieser undurchdringliche Blick bedeuten?

„Es ist eine Ehre für mich, dass Sie Layla und Soraya als Ihre Modelle erwählt haben.“ Sich selbst erwähnte Arik nicht. Sie war auch so schon nervös genug, als hätte sie nie zuvor einen Mann gesehen. Und doch bewiesen ihre Zeichnungen mit dem Blick für Details das Gegenteil.

Heute Morgen hatte er die Enttäuschung gefühlt, weil sie so jung ausgesehen hatte. Zu jung für das, was er im Sinn hatte. Doch je näher er gekommen war, desto erleichterter wurde er. Ihre grazile Statur rührte nicht von extremer Jugend her, obwohl er sie auf Anfang zwanzig schätzte. Um den vollen Mund lag ein fester Zug, und in ihrem Blick war eine Ernsthaftigkeit, die ihm sagte, dass sie bereits Erfahrungen gesammelt hatte.

„Zeichnen Sie Landschaften, oder arbeiten Sie mit lebendigen Modellen?“

Die Art, wie ihr Blick über seinen Oberkörper glitt, zu seinen Händen an den Zügeln, gab ihm bereits die Antwort. Und zudem eine Idee.

„Ich … Beides.“ Sie klappte den Block zu und drehte sich zu Soraya, um das Tier zu streicheln. Doch Arik sah den Blick, den das Mädchen mit dem goldenen Haar ihm zuwarf. Aus Augen, die grüngrau und geheimnisvoll wie das Meer im Morgengrauen waren. Diesen Blick spürte er mit einer ungewohnten Intensität, die ihn überraschte.

Er wollte vom Rücken des Pferdes gleiten und sich neben sie stellen, um ihre Wärme und ihren Duft wahrzunehmen. Um sie in seine Arme zu ziehen …

Doch sein Stolz hielt ihn zurück. Stiege er ab, er würde wahrscheinlich mit seinem steifen Bein nicht mehr aufsteigen können. Die Ärzte hatten ihn gewarnt, eigentlich dürfte er gar nicht reiten, noch nicht, aber er hatte der Versuchung nicht widerstehen können.

Den unberingten Ringfinger hatte er bereits bemerkt, aber er wollte sichergehen. „Sie machen Urlaub hier?“

Rosalie nickte und verstaute den Block wieder in ihrer Tasche. „Ja.“

„Und Ihr Mann hat nichts dagegen, wenn Sie allein auf Streifzug gehen?“ Wäre sie die Seine, er würde sie nicht aus den Augen lassen. Mit ihrem Aussehen musste sie die Männer wie ein Magnet anziehen.

Ihre Finger umklammerten die Tasche, dass die Knöchel weiß hervortraten. „Ich bin nicht verheiratet.“

Er hörte die Verbitterung in ihrer Stimme. Etwa ein strittiger Punkt zwischen ihr und ihrem langjährigen Freund? Die Enttäuschung wuchs wieder. „Dann eben Ihre bessere Hälfte.“

Sie richtete sich auf und stemmte die Hände in die Hüften. Das Glitzern in ihren grünen Augen sagte ihm, dass er einen wunden Punkt getroffen hatte. „Ihr Englisch ist exzellent.“ Es klang fast wie eine Anschuldigung.

„Danke.“ Er zuckte nur mit den Schultern und musterte sie.

Schließlich beantwortete sie seine Frage noch. „Es gibt keinen Mann, der sich darüber aufregen könnte, was ich tue. In Q’aroum ist das vermutlich ungewöhnlich.“

„Sie wären überrascht, wie unabhängig Q’aroumi-Frauen sind.“ Seine Mutter war das beste Beispiel. Er lächelte und erkannte höchst zufrieden, dass das Interesse auf Gegenseitigkeit beruhte. Er musste ihr also nur die passende Gelegenheit bieten, und schon bald würde er ihre Wärme und Anschmiegsamkeit genießen können. Dennoch … er spürte eine Scheu in ihr, so als würde sie bei dem kleinsten Annäherungsversuch fliehen. Das stellte seine Geduld auf die Probe.

„Ich freue mich schon darauf, Ihnen vielleicht noch einmal an einem anderen Morgen zu begegnen.“ Damit gab er sich den Anschein, die Zügel herumzuziehen.

„Kommen Sie morgen auch hierher?“

Sie klang ein wenig zu eifrig. Es verriet ihm alles, was er wissen musste. „Das hatte ich eigentlich nicht vor.“ Er hielt inne, als müsse er überlegen. „Wollen Sie die Pferde zeichnen?“

Sie nickte. „Wenn Sie nichts dagegen haben. Ich würde gern …“ Sie kaute an ihrer Lippe, und in Gedanken drängte er sie, fortzufahren. „Ich würde gern die Landschaft hier mit den Pferden zeichnen. Wenn es möglich ist …“

Er wartete einen Moment, bevor er sie seine Antwort wissen ließ. „Ich denke, das lässt sich arrangieren. Ahmed kann die Pferde herführen.“

Schweigen.

Schließlich presste Rosalie verlegen die Hände zusammen. „Sie werden sie nicht reiten?“

In ihren Augen konnte er lesen, wie viel Überwindung sie diese Frage gekostet hatte. Und er genoss es, sie warten zu lassen, als Wiedergutmachung für die Frustration, die sie ihm beschert hatte. „Sie möchten mich wiedersehen?“

Sie lief bis in die Haarspitzen rot an. Die Reaktion einer Jungfrau, die zum ersten Mal Verlangen verspürt, dachte er. Doch ihr Blick hatte ihm schon eine andere Geschichte offenbart. Dennoch … der Wunsch, mehr über diese Frau zu erfahren, wuchs.

„Für die Zeichnung. Ich meine, wenn es Ihnen nichts ausmacht.“

Wer könnte diesen großen Augen, diesem vollen Mund widerstehen? „Vermutlich könnte ich herreiten, sicher. Wenn Sie mich wirklich wollen …“

Die Worte hingen bedeutungsschwer in der Luft. Wenn sie ihn wollte. Und ihr Schweigen verriet ihm, dass sie ihn tatsächlich wollte.

„Wie lange würde es dauern?“ Sollte sie ruhig denken, dass er ihr einen Gefallen tat.

„Drei, vier Tage vielleicht.“ Es war ihr unmöglich, die Aufregung zu verbergen, sie strahlte bis hinter die Ohren.

„Vier Vormittage also. Nun gut, ich gebe sie Ihnen.“ Ein Lächeln umspielte seine Lippen. „Wenn Sie mir die Nachmittage gewähren.“

2. KAPITEL

Die Nachmittage? Rosalie blinzelte. Sie musste sich verhört haben.

Doch in seinen schwarzen Augen sah sie die Herausforderung, so dumm zu sein und Ja zu sagen.

Ja wozu? Doch wohl nicht zu dem, was sie dachte, oder? „Entschuldigung, ich habe nicht richtig verstanden.“

„Ich sagte, ich komme morgens hierher, bis Sie Ihre Zeichnung beendet haben, dafür verbringen Sie die Nachmittage mit mir.“

Schlicht und einfach, schien seine Miene zu sagen, doch sein Blick erzählte eine ganz andere Geschichte.

„Ich verstehe nicht ganz.“ Wer war dieser Mann? Plötzlich fühlte Rosalie sich bedroht. Die Nähe zu den Tieren und ihm engte sie ein. Ein Schauder lief ihr über den Rücken, als die Erinnerung an die Ereignisse der Vergangenheit sie überrollte. Die Angst überkam sie mit Wucht, unaufhaltsam.

Sein Blick bohrte sich in ihren, so als könne er lesen, was in ihrem Kopf vor sich ging. Sie sah, wie er die Augenbrauen hob, leichtes Erstaunen im Gesicht. Die Pferde bewegten sich, öffneten den Kreis, und Rosalie schien die warme Brise vom Meer her viel zu kühl.

„Das ist doch recht verständlich, oder? Ich erhole mich gerade von einem Unfall und bin des Alleinseins müde. Zwar darf ich mich mit Zustimmung der Ärzte schon wieder ein wenig bewegen, aber ich bin noch in Behandlung. Für die Dauer der Physiotherapie kann ich nicht viel unternehmen.“ Er zuckte die breiten Schultern. „Ein paar Tage Gesellschaft wären eine Ablenkung für mich, bis ich wieder die Dinge tun kann, die ich tun will.“

Rosalie hielt ihn nicht für einen Mann, der, um Gesellschaft zu haben, auf Fremde angewiesen war. Selbst jetzt, obwohl ihre Nerven noch immer angespannt waren, konnte sie seine Anziehungskraft fühlen. Ihn umgab eine Aura von Macht und männlicher Stärke. Eine Aura, die tief in ihr ein verborgenes Verlangen anrührte.

„Sie haben doch sicher Freunde, die …“

„Das genau ist das Problem“, murmelte er. „Mit meiner Ungeduld und meinem Stolz habe ich sie alle verschreckt. Ich wies sie an, mich nicht zu besuchen, bis es mir besser geht.“

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