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1001 Nacht – und die Liebe erwacht

Susan Stephens

1001 Nacht – und die Liebe erwacht

1. KAPITEL

Was für eine Frau! Sie hatte die Figur eines Topmodels, das Gesicht eines Engels – und sie bedrohte ihn mit einem Messer!

Es geschah nicht alle Tage, dass seine Hochseejacht von einer halb nackten Amazone geentert wurde. Die durchnässte, zerrissene Kleidung bedeckte den geschundenen Körper der jungen Frau nur spärlich. Das Messer, mit dem sie herumfuchtelte, stammte offensichtlich aus seiner Kombüse. Mit der anderen Hand umklammerte sie ein Stück Brot mit Käse, das sie ihm wohl auch gestohlen hatte.

Lohnte es sich, für ein Stück Baguette einen Mord zu begehen?

Wahrscheinlich, dachte er. Er selbst hatte einen französischen Meisterbäcker überredet, eine Filiale in Sinnebar zu eröffnen.

Erbarmungslos brannte die Sonne vom wolkenlosen Himmel. Sicherlich wäre die Piratenbraut besser im Schatten aufgehoben gewesen. Ihr das zu raten, hätte sie jedoch als Provokation auffassen können. Daher enthielt er sich jeden Kommentars und musterte sie nur wortlos. Sie war jung, kaum dem Teenageralter entwachsen, und sie hatte offensichtlich eine traumatische Erfahrung hinter sich. Er bemerkte die zerzauste blonde Mähne und das geschwollene Gesicht. Die leicht schräg gestellten blaugrünen Augen wirkten verletzlich.

„Was erlauben Sie sich eigentlich?“, fragte er schließlich ruhig.

„Bleiben Sie, wo Sie sind!“ Erneut fuchtelte sie mit dem Messer umher.

Mühsam verkniff er sich das Lachen. Offenbar hatte sie sich im Schutz des Nebels, der sich inzwischen gelichtet hatte, an Bord geschlichen.

„Keine Bewegung!“, rief sie drohend, obwohl er sich nicht von der Stelle gerührt hatte.

Noch einen Schritt zurück, und sie würde über Bord gehen.

Sein unvermutetes Auftauchen hatte sie wohl so erschreckt, dass sie aggressiv reagierte. Er beschloss, sich ganz ruhig zu verhalten, um sie nicht noch mehr aus der Fassung zu bringen. Erkannt hatte sie ihn jedenfalls nicht, sonst hätte sie längst das kleine Messer fallen lassen.

„Wollen Sie mir nicht das Messer geben?“, schlug er vor. Hätte sie ihn wirklich angreifen wollen, wäre das längst passiert. „Oder werfen Sie es einfach über Bord.“

Sie fletschte die Zähne und knurrte – wie ein Welpe mit Zahnweh. „Ein Schritt näher, und ich …“

„Was denn?“ Blitzschnell schoss er auf sie zu und entwand ihr das Messer. Er spürte ihren warmen Körper, dann kreischte sie und wehrte sich mit Händen und Füßen. „Kleines Biest!“, rief er wütend, als sie ihn mit scharfen weißen Zähnen in die Hand biss. Schließlich gab sie den Widerstand auf, beäugte jedoch misstrauisch das große Messer, das von seinem Gürtel baumelte. „Ich will Ihnen nichts Böses“, versicherte er ihr schnell.

Doch sie hörte gar nicht auf ihn, sondern wehrte sich erneut verzweifelt, als er begann, sie vor sich her zu schieben, um unter Deck an den Erste-Hilfe-Kasten zu gelangen. „Jetzt reicht es mir aber!“ Wütend schwang er sie sich über die Schulter. Als die kleine Furie daraufhin seinen Rücken mit den Fäusten bearbeitete, herrschte er sie an: „Schluss jetzt! Oder wollen Sie sich den Kopf stoßen?“

Sie gehorchte sofort, und er brachte sie unter Deck, wo er sie absetzte. Das Mädchen barg stöhnend den Kopf in den Händen. Vermutlich war sie halb verdurstet. Also nahm er einen Energiedrink aus dem Kühlschrank, schraubte die Flasche auf und reichte sie ihr. „Bitte sehr.“ Sie verzog keine Miene und sah einfach an ihm vorbei – das Gesicht kreidebleich.

„Wenn Sie nicht selbst trinken, flöße ich Ihnen das Zeug gewaltsam ein.“ Diese Schocktherapie hatte bei seinem jüngeren Bruder Razi immer gewirkt, wenn er seine Medizin nicht einnehmen wollte.

Die Fremde reagierte wie erwartet. „Das würden Sie niemals wagen“, zischte sie wütend.

Ein Blick von ihm, und sie gab nach. Resigniert griff sie nach der Flasche und stürzte die Flüssigkeit hinunter.

„Wann haben Sie zuletzt etwas getrunken?“

Statt zu antworten wischte sie sich nur über den Mund und musterte ihn mit eisigem Blick.

Auf eine Entschuldigung für ihr Benehmen musste er wohl vergeblich warten.

Er zog sich ein T-Shirt über und holte heißes Wasser, Desinfektionsmittel und Tupfer, um ihre Schrammen zu reinigen. Nachdem er einen Schuss von dem Desinfektionsmittel ins Wasser gegeben hatte, griff er nach einer Decke, die er dem ungebetenen Gast reichte. „Hier, legen Sie sich die um!“

Erschrocken zuckte sie zurück und kreuzte schützend die Arme vor dem Oberkörper.

Langsam verlor er die Geduld. „Ihr Körper interessiert mich nicht“, versicherte er ihr. Das trug ihm einen ungläubigen Blick ein. Offensichtlich war sie eher daran gewöhnt, bewundernde Blicke auf sich zu ziehen. Also ließ er seinen Worten Taten folgen, stellte die Wasserschüssel ab und hüllte das Mädchen in die Decke. Dabei kam er nicht umhin, die halb entblößte Brust zu bemerken.

Diesen kurzen Moment der Ablenkung nutzte das Mädchen. Sie entriss ihm die Decke und hielt sie so fest, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten.

„Bilden Sie sich bloß nichts ein!“, sagte er lachend.

Sie war völlig sicher vor ihm – zu jung, zu leichtsinnig. Außerdem ärgerte ihn ihr ungebetenes Erscheinen. Unter anderen Umständen hätte er sich ihrer längst entledigt.

Allerdings war sie zäher, als er gedacht hatte. Andere Frauen wären längst hysterisch in Tränen ausgebrochen. Natürlich ärgerte er sich über sie, musste jedoch zugeben, dass sie Mut hatte und sich wohltuend von den aufgedonnerten Xanthippen unterschied, die sich ihm sonst an den Hals zu werfen versuchten.

Allerdings erinnerte sie ihn an jemanden, und das störte ihn. Die zerzausten Locken, die schräg gestellten Augen riefen Erinnerungen an die Geliebte seines Vaters wach. Diese Frau hatte das Leben seiner Mutter zerstört und Razi – seinen über alles geliebten Stiefbruder – als den größten Fehler ihres Lebens bezeichnet. Inzwischen war sie tot, doch sie hatte einen Scherbenhaufen hinterlassen und die Schwäche seines Vaters überdeutlich zum Vorschein gebracht. Statt sich seinem Land und seinem Volk zu widmen, hatte er ihr seine ungeteilte Aufmerksamkeit geschenkt. Ihm selbst war das eine Lehre gewesen. Erst nach seiner Inthronisierung hatte sich das Blatt in seinem Land wieder zum Guten gewendet. Sinnebar war dem Chaos entronnen, und sein Volk wusste, dass er niemals den Fehler seines Vaters begehen und zum Sklaven seiner Gefühle werden würde.

Er schob die Gedanken fort und konzentrierte sich wieder auf das Mädchen. „Ich werde jetzt Ihre Schrammen versorgen, sonst entzünden sie sich womöglich noch“, sagte er energisch.

Ihr Blick verriet, was sie davon hielt, doch als er sie nur mürrisch musterte, gab sie ihren Widerstand auf. Auf ihn wirkte sie wie ein verzogener Teenager. „Wann haben Sie zuletzt etwas gegessen?“, fragte er.

Ihr knurrender Magen sagte mehr als tausend Worte. Jetzt erinnerte er sich auch wieder, dass er sie mit einem Stück Brot in der Hand erwischt hatte. „Wenn ich die Wunden versorgt habe, bekommen Sie etwas zu essen.“

Ohne ein Wort zu sagen, sah sie nur arrogant an ihm vorbei.

Von mir aus kann sie auch hungern, dachte er. Insgeheim jedoch bewunderte er ihre Haltung. Und das Knistern zwischen ihnen gefiel ihm auch. Doch auch das änderte nichts an seinem Vorsatz, sie den Behörden zu übergeben, sowie er Erste Hilfe geleistet hatte. „Strecken Sie die Arme aus!“, kommandierte er. Sie würde schon sehen, was sie davon hatte, ihr Leben im Golf aufs Spiel zu setzen. „Von Seerecht haben Sie keine Ahnung, oder?“

Ihr unsicherer Blick sprach für sich.

„Wenn ich dem Scheich von Sinnebar melde, was Sie sich geleistet haben … Das ‚Schwert der Vergeltung‘ ist Ihnen doch ein Begriff, oder? Das ist sein inoffizieller Name.“ Zufrieden stellte er fest, dass sie bleich wurde. „Wenn er erfährt, dass Sie meine Jacht geentert, meine Lebensmittel gestohlen und mich mit einem meiner eigenen Messer bedroht haben, wird er Sie zweifellos zu lebenslänglicher Haft verurteilen.“

„Aber das würden Sie niemals tun.“

Trotz ihrer Sorge funkelte sie ihn herausfordernd an. Ihr Temperament gefiel ihm. Ihre Stimme war sehr anziehend. Und er mochte …

„Was? Sie melden?“ Seinen verräterischen Gedanken musste Einhalt geboten werden. „Das liegt ganz bei Ihnen. Wenn Sie mir genau erzählen, wie Sie hergekommen sind, überlege ich es mir vielleicht. Aber wagen Sie ja nicht, mich anzulügen! Das merke ich nämlich sofort.“

Die Drohung zeigte Wirkung. Jedenfalls schien die Nixe ihre kämpferische Haltung aufzugeben.

„Sie hatten hier geankert, und da dachte ich …“, begann sie.

Gut, sie packt die Gelegenheit beim Schopf, dachte er. Ihr Blick erregte ihn. Die junge Schönheit sprach fließend englisch, allerdings mit leicht italienischem Akzent. „Sie sehen gar nicht aus wie eine Italienerin“, bemerkte er.

„Meine Mutter war Engländerin“, erklärte sie und biss sich gleich darauf auf die Lippen.

„Also, was haben Sie hier im Golf und insbesondere auf meiner Jacht verloren?“

„Ich bin von Bord gesprungen und geschwommen.“

„Sie sind was? Bei diesem Seegang?“ Ungläubig musterte er sie.

„Ja, es kam mir wie Stunden vor.“

„Und dann?“ Er widmete sich wieder der Wundversorgung.

„Unser Boot fuhr in Küstennähe, bis Nebel aufkam.“

„Sie waren also nicht allein.“

Unwillig schüttelte sie den Kopf. „Ich konnte die Insel sehen und war mir sicher, sie zu erreichen.“

„Sie müssen eine sehr gute Schwimmerin sein“, sagte er.

„Ja.“

Trotzdem grenzte es an ein Wunder, dass sie es bis hierher geschafft hatte. Der Golf war bekannt für seine gefährlichen Strömungen und plötzlichen Wetterwechsel.

Das Mädchen weckte seinen Beschützerinstinkt, und der hatte sich nicht mehr gemeldet, seit sein jüngerer Bruder Razi erwachsen war. „Warum sind Sie überhaupt über Bord gesprungen?“ Zwar hatte er bereits eine Vermutung, wollte aber hören, was das Mädchen sagte.

Verstört senkte sie den Blick. „Unser Boot wurde angegriffen.“

„Können Sie mir das etwas genauer erklären?“ Wenn er mit seiner Vermutung richtig lag, mussten seine Sicherheitskräfte möglichst viele Details erfahren. „Handelte es sich um einen Piratenangriff?“

„Woher wissen Sie das?“ Entsetzt musterte sie ihn. Offenbar hielt sie ihn für einen der Angreifer.

Er widerstand dem Impuls, sie tröstend in den Arm zu nehmen. „Es war nur eine Vermutung. Keine Angst, ich bin kein Verbrecher“, fügte er hinzu, als sie ihn weiterhin beunruhigt anschaute. „Ganz im Gegenteil. Ich sorge für Recht und Ordnung.“

„Sind Sie Polizist?“

„So etwas in der Richtung.“

Erst jetzt entspannte sie sich wieder. „Ich habe Glück gehabt“, murmelte sie leise. „Wäre ich nicht geflüchtet, hätten sie mich vielleicht schon …“ Bei der Vorstellung erschauerte sie.

Nun übertreibt sie aber, dachte er. Offensichtlich war sie es gewohnt, ihrem Umfeld etwas vorzuspielen – vermutlich einem älteren Bruder. Er aber ließ sich nicht so leicht hinters Licht führen. „Sie können sich glücklich schätzen, mit dem Leben davongekommen zu sein“, sagte er. „Und ich rede nicht von den Piraten. Sie haben unerlaubt meine Jacht geentert. Ich habe Waffen an Bord und würde im Notfall auch von ihnen Gebrauch machen. Mit dem kleinen Messer hätten Sie kaum etwas dagegen ausrichten können.“

Ihre intelligenten Augen funkelten wie Aquamarine. Erneut überkam ihn ein Gefühl der Erregung. Schnell wandte er sich ab, griff nach dem Funkgerät und teilte dem diensthabenden Offizier mit, dass das Mädchen in Sicherheit war.

Sie bebte am ganzen Körper. Die Kombination ihres Gegenübers aus brutaler Stärke, Intelligenz und blendenden Aussehens überwältigte sie. Der Mann war stolz, er behandelte sie fast so, als wäre sie unter seiner Würde. Seine Berührung war wie eine intime Liebkosung. Alles schön und gut, aber sie fühlte sich ihm nicht gewachsen. Dabei flirtete sie gern und bekam immer, was sie wollte. Doch so einem Mann war sie noch nie begegnet. Er behandelte sie fast wie Luft! Das kannte sie nicht. Normalerweise lagen ihr Bruder und die restliche Männerwelt ihr zu Füßen. Manchmal wurde ihr das sogar zu viel. Dann hätte sie sich am liebsten unsichtbar gemacht. Doch hier und jetzt sehnte sie sich nach Aufmerksamkeit, nach seiner Aufmerksamkeit.

Warum sollte der Mann sich allerdings ausgerechnet für sie interessieren? Er spielte in einer ganz anderen Liga, war älter, erfahrener und sah umwerfend gut aus. Sie hingegen hatte ihr behütetes Zuhause in Rom verlassen, um Lebenserfahrung zu sammeln. Mit so einem Sprung ins kalte Wasser hatte sie allerdings nicht gerechnet. Ob der beeindruckende Fremde vertrauenswürdiger war als die Piraten? Immerhin hatte er ihre Verletzungen versorgt. Das war doch ein gutes Zeichen, oder?

Trotzdem blieb sie auf der Hut. Er strahlte so eine gefährliche Aura aus. Den Piraten war sie durch einen Sprung ins Meer entkommen, doch dieser Mann hatte seine Augen überall. Jetzt sprach er in gutturalem Landesdialekt ins Funkgerät. Vor ihrer Abreise hatte sie sich mit der sinnebalesischen Sprache beschäftigt, schnappte jetzt aber leider nur einige Worte auf. Allerdings verriet seine Körpersprache mehr als tausend Worte. Fasziniert beobachtete Antonia den Mann, dessen gesamte Ausstrahlung Autorität verriet. Neugierig fragte sie sich, mit wem sie es wohl zu tun hatte.

Auf ihre Jugend und Verletzlichkeit nahm er keinerlei Rücksicht. Sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Ihr Bruder erdrückte sie fast mit seiner Besorgnis. Am liebsten hätte er sie keine Sekunde lang aus den Augen gelassen. Dieser Mann dagegen wirkte eher wie ein Krieger, dem sie lästig war. Groß, dunkelhaarig, fantastisch gebaut – ein Traummann, wie er im Buche stand. Zumindest theoretisch. In Wirklichkeit wünschte sie sich, Rom niemals verlassen zu haben.

Verstohlen beobachtete sie ihn. Was hätte sie denn tun sollen? Sie war so erschöpft gewesen, dass sie sich mit letzter Kraft an Bord der Jacht gerettet hatte, die sie schemenhaft im Nebel ausgemacht hatte. Antonia kauerte sich auf ihrem Sitz zusammen, als der Mann den Funkspruch beendete. Ohne sie eines Blickes zu würdigen, ging er durch die Kabine.

Der bronzefarbene Teint, das schwarze Haar, der Dreitagebart, der ausdrucksvolle, sinnliche Mund, der Ohrring, die gefährlich funkelnden Augen verliehen ihm ein verwegenes Aussehen. Ein absoluter Traummann! Fraglos hatte er schon unzählige Frauenherzen gebrochen. In Hollywood wäre er die Idealbesetzung eines Piraten gewesen.

Dabei waren Piraten im wirklichen Leben ungepflegt, hässlich und gemeingefährlich – wie sie aus eigener Erfahrung wusste.

Als sie bei der Erinnerung an die schreckliche Begegnung mit diesen Bestien unwillkürlich wimmerte, wirbelte der Mann herum. „Was ist denn jetzt schon wieder los?“, fragte er barsch.

„Nichts.“ Sie wusste, dass sie von ihm kein Mitleid erwarten konnte.

2. KAPITEL

„Sie dürfen sich nie wieder einer solchen Gefahr aussetzen.“ Eindringlich schaute er dem Mädchen in die Augen.

Überrascht erwiderte sie seinen Blick. „Wir sind von Piraten überfallen worden. Ich bin ins Wasser gesprungen und um mein Leben geschwommen. Was blieb mir denn anderes übrig?“

In keinem Fall durfte das Mädchen auf die Schnapsidee kommen, auch von seiner Jacht zu fliehen. Wäre die Sicht besser vorhin gewesen, hätten seine Scharfschützen, die die Jacht aus der Luft beobachteten, sie beim Entern erschossen.

Hatte ihn jemals jemand so herausfordernd angeschaut? Er konnte sich nicht erinnern. Normalerweise verbeugten sich die Menschen ehrfürchtig vor ihm. Diese Begegnung war eine willkommene Abwechslung. Das durfte er sich jedoch nicht anmerken lassen. Die Sicherheit des Mädchens stand auf dem Spiel. Es war wichtig, dass die Nixe verstand, in welcher Gefahr sie schwebte, sollte sie einen zweiten Fluchtversuch riskieren. „Erzählen Sie mir genau, was passiert ist!“

Entschlossen riss sie sich zusammen und gehorchte. Je länger er ihr zuhörte, desto größere Bewunderung empfand er für sie.

Hoffentlich ist ihr diese Erfahrung eine Lehre, dachte er am Ende. „Offenbar finden Sie das alles ganz romantisch“, bemerkte er, als sie Luft holte. „In Wirklichkeit ist dieser Teil des Golfs aber kein Ferienparadies. Sie können von Glück sagen, dass Sie mit einigen Kratzern davongekommen sind.“

Zu seiner Erleichterung sahen die Verletzungen schlimmer aus, als sie tatsächlich waren. Beim Desinfizieren mit Jod hatte die schöne Nixe kaum mit der Wimper gezuckt. Auch das war bemerkenswert. Sie hatte wunderschöne lange Beine und einen hellen Teint. Lange konnte sie sich noch nicht in der Golfregion aufhalten. „Was hat Sie dazu bewogen, in diese Region zu kommen? Wollen Sie sich vor dem Studium den Wind um die Nase wehen lassen?“

„Kann schon sein.“

Offensichtlich befürchtete sie, bei etwas Verbotenem ertappt zu werden. Bevor er nachhaken konnte, stellte sie eine Gegenfrage. „Und was hat Sie hierher verschlagen?“

Man stellte ihm keine Fragen! Doch das konnte sie natürlich nicht wissen. Er war schließlich inkognito hier. Also zuckte er nur nonchalant die Schultern und antwortete: „Der Sturm.“

So einfach war das. Beim Segeln vergaß er, dass er Herrscher über ein Volk war. Auf dem Meer gewann er seine Menschlichkeit zurück. Hier konnte er ganz er selbst sein. Und das kam seinen Untertanen zugute. „Was sagten Sie, wohin Sie unterwegs waren?“, fragte er.

„Ich habe gar nichts gesagt. Aber mein Ziel ist Sinnebar“, erklärte sie widerstrebend, als er ihr unnachgiebig in die Augen sah.

Sie verheimlicht mir etwas! Diese Erkenntnis durchzuckte ihn, als sie unsicher den Blick abwandte.

„Müssen wir das unbedingt jetzt besprechen?“ Jetzt spielte sie ihm die Erschöpfte vor.

„Ja. Oder wollen Sie, dass die Piraten entkommen?“

„Nein, natürlich nicht!“ Sie sah wieder auf.

„Gut, dann erzählen Sie mir, wo genau der Überfall stattgefunden hat. Kennen Sie die Koordinaten?“ Ungeduldig wartete er auf die Antwort.

„Leider nicht.“

Offensichtlich ärgerte es sie, dass sie ihm die gewünschte Antwort nicht geben konnte.

Anhand ihres Berichts reimte er sich zusammen, dass die Piraten es im Schutz des dichten Nebels auf ein Boot ohne Radar und Alarmanlage abgesehen hatten. „Dann haben Sie das Boot also nicht selbst gesteuert, als der Überfall passierte?“, fragte er ungeduldig.

„Nein.“

Müde barg sie den Kopf auf den Knien. Doch solange die Verbrecher noch auf freiem Fuß waren, durfte er kein Mitleid mit ihr haben. „Sehen Sie mich an!“, befahl er unwirsch.

Sie gehorchte sofort. Ihr Blick verriet, dass sie überlegte, ob sie vom Regen in die Traufe gekommen war. Jetzt tat sie ihm doch leid. In der ausgefransten Shorts, dem verblichenen Top und dem am Gürtel befestigten Messer musste er ja einen furchterregenden Anblick bieten! Aber er durfte sie jetzt nicht schonen. Schließlich benötigte er Informationen, um die Piraten zu fassen. „Weiter im Text! Sonst sitzen wir nächste Woche noch hier.“

„Ein Fischerboot hat mich mitgenommen“, gestand sie leise.

„Wie bitte?“ Sprachlos musterte er sie. Ihre Naivität schockierte ihn. Er mochte sich gar nicht ausmalen, was der Nixe alles hätte passieren können. „Was wollten Sie sich denn damit beweisen?“, fragte er schließlich.

„Gar nichts.“

Das wagte er zu bezweifeln. Wahrscheinlich wollte sie ihre Familie beeindrucken. „Warum haben Sie nicht die Fähre genommen? Oder wäre das zu einfach gewesen?“

„Ich dachte, die Fahrt auf dem Fischerboot wäre authentischer.“

„Unglaublich! Dann gehören Sie also auch zu den Touristen, die sich einbilden, nur mit Abenteuerlust und Überlebensausrüstung im Ausland bestehen zu können.“

„Das ist eine haltlose Unterstellung!“, erwiderte sie und erblasste vor Wut.

„Nein, das ist die Wahrheit. Und dann wundern Sie sich, dass Sie plötzlich in Gefahr schweben?“

Die Vorstellung von Piraten vor Sinnebar brachte ihn fast um den Verstand. Doch auch das Mädchen zerrte an seinen Nerven. Wie klein ihre Hände waren! Sie war überhaupt sehr zierlich. Ungefähr halb so groß wie er. Und unglaublich mutig. Nur ihrer Geistesgegenwart verdankte sie ihr Leben. Offensichtlich hatten die Piraten sich von ihrer zierlichen Figur täuschen lassen. Dieser Fehler würde ihm nicht passieren. Er wusste, dass sie nicht zu unterschätzen war.

Gerade sprach sie leidenschaftlich von einer angemessenen Strafe für die Seeräuber und einer entsprechenden Entschädigung für die Fischer. Erneut erregte ihn ihr Temperament. Ihr Körper fühlte sich weich und nachgiebig an, doch ihr Verstand sprach eine andere Sprache. In seinem Leben war jedoch kein Platz für Komplikationen. Daher riss er sich schnell zusammen. „Haben Sie den Bootstyp der Angreifer erkannt? Nein? Macht nichts.“ Ungeduldig versuchte er, möglichst viele Informationen zu sammeln, die er dem Kommandeur seiner Seestreitkräfte übermitteln konnte. „Welche Farbe hatte das Boot?“

„Es war ein Skiff. Die weiße Farbe über der Wasseroberfläche blätterte schon ab, die untere Hälfte war schwarz gestrichen, das Bootsinnere hellblau wie ein Aquamarin.“

„Wie ein hellblauer Aquamarin?“, fragte er trocken. „Sind Sie sicher?“

„Ganz sicher.“ Sein trockener Humor schien sie zu amüsieren. „Haben Sie jetzt genug gehört?“, erkundigte sie sich, als er sich dem Funkgerät zuwandte.

„Mehr, als ich zu erwarten gehofft hatte“, gab er zurück. „Sie haben Ihre Sache gut gemacht.“

Er spürte ihren Blick im Rücken, als er Befehle ins Funkgerät bellte. Wahrscheinlich war er jetzt zum Mittelpunkt ihrer Wüstenträumereien geworden. Pech für sie, er war nicht interessiert. Es gab genug Frauen, die wussten, was von ihnen verlangt wurde. Dieses Mädchen gehörte nicht dazu. Er beendete den Funkspruch und wandte sich wieder um.

„Alles okay?“, fragte sie hoffnungsvoll.

„Alles okay“, bestätigte er. „Jetzt konzentrieren wir uns ganz auf Sie.“ Kühl musterte er sie von Kopf bis Fuß. „Wie heißen Sie, und was haben Sie hier verloren?“

Kein Name. Auf keinen Fall durfte sie ihm verraten, dass sie Antonia Ruggiero hieß. Offensichtlich war er ein erfolgreicher Mann, und erfolgreiche Menschen hatten Verbindungen. Es würde sich schnell herumsprechen, dass sie eine Diebin war und ihn mit einem Messer bedroht hatte. Das musste sie unbedingt verhindern. Schließlich hatte sie einen Plan, den sie nicht aufgeben wollte.

„Sie kommen aus Europa“, sagte er mit dieser hinreißenden Baritonstimme. „Und haben Ihre Schuldbildung in England genossen, wie ich. Stimmt’s?“

Nur ein ganz leichter Akzent verriet, dass er kein gebürtiger Engländer war. „Stimmt“, antwortete Antonia heiser.

„Wo sind Sie zur Schule gegangen?“ Seinem forschenden Blick entging nichts. Darum hütete sie sich, diesen Mann anzulügen.

„In Ascot.“

„In Ascot? So so.“ In seinem Tonfall lag Spott. Natürlich hatte er schon von dem exklusiven Mädcheninternat gehört. „Dann sind Sie also eine richtig wohlerzogene junge Lady.“

Wohlerzogen? Wenn er wüsste, was ihr beim Anblick seines muskulösen Oberkörpers durch den Kopf gegangen war! „Ich gebe mir alle Mühe“, erwiderte sie so bescheiden, wie es von einem Internatszögling erwartet wurde.

Natürlich nahm er ihr das nicht ab. „Und wie kommt eine so wohlerzogene junge Lady dazu, meine Jacht zu entern, sich an meinen Lebensmitteln zu vergreifen ...

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