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1001 Nacht mit dem Wüstenprinzen

1. KAPITEL

„Ich heirate sie nicht wegen ihres Aussehens, Adil, sondern weil sie Al-Omar aus vielen guten Gründen eine perfekte Königin sein wird. Wenn ich auf eine Schönheit aus wäre, hätte ich meine vorige Geliebte geheiratet. Aber das Letzte, was ich gebrauchen kann, ist eine schöne Frau, die mich ablenkt.“

Schockiert saß Prinzessin Samia Binte Rashad al Abbas im Vorzimmer von Sultan Al-Omars Privatbüro. Man hatte ihn nicht unterrichtet, dass sie bereits da war, weil er immer noch telefonierte. Seine Sekretärin war kurz weggegangen und hatte seine Tür versehentlich etwas offen gelassen, sodass Samia die dunkle Stimme des Sultans und seine bestürzende Erklärung ungewollt mit anhören musste.

Wieder sprach er, und diesmal in erschreckend zynischem Ton: „Ja, so mag sie wirken, aber gewisse Leute haben von jeher darauf gesetzt, dass ich mich bei der Wahl meiner Braut konservativ entscheide, und ich möchte die Spekulanten nicht enttäuschen.“

Samias Wangen brannten. Nur zu gut konnte sie sich vorstellen, was der Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung über sie gesagt hatte: Sie sei langweilig.

Selbst wenn Samia das unmissverständliche Gespräch nicht mit angehört hätte, wäre ihr klar gewesen, was der Sultan von Al-Omar mit ihr zu besprechen hatte. Er wollte sie heiraten. Die ganze Nacht über hatte sie kein Auge zugetan und war halb in der Hoffnung hergekommen, das Ganze würde sich als schreckliches Missverständnis herausstellen. Umso mehr traf es sie, dass der Sultan diese Heirat tatsächlich vorhatte. Und nicht nur das; für ihn schien sie bereits beschlossene Sache zu sein.

Bisher war Samia ihm nur ein einziges Mal begegnet, damals vor acht Jahren, als sie mit ihrem Bruder auf einer der legendären königlichen Geburtstagspartys in B’harani, der Hauptstadt von Al-Omar, gewesen war. Kaden hatte gehofft, die Feier würde helfen, sie von ihrer chronischen Schüchternheit zu heilen. Doch Samia hatte sich inmitten der glamourösen Gäste entsetzlich tollpatschig gefühlt und ihre wilden Locken und die Brille mit den dicken Gläsern noch inbrünstiger als sonst gehasst.

Als wenn das nicht schon ausgereicht hätte, war es dann zu jenem peinlichen Zwischenfall gekommen: Vor lauter Aufregung hatte sie einen kleinen antiken Tisch mit Getränken umgestoßen, hatte damit die Aufmerksamkeit aller Gäste auf sich gezogen und war voller Scham in einen spärlich beleuchteten Raum geflüchtet, der sich später als Arbeitszimmer herausstellte …

Samia schüttelte den Kopf und versuchte, die unliebsame Erinnerung zu verdrängen. Wieder drang die Stimme des Sultans an ihr Ohr.

„Adil, ich verstehe dich ja. Als mein Anwalt möchtest du sicherstellen, dass ich die richtige Entscheidung treffe, und ich weiß das auch zu schätzen, aber ich versichere dir, die Prinzessin wird allen Anforderungen gerecht. Ich bin nicht so leichtsinnig, diese Ehe scheitern zu lassen. Für mich stehen die Stabilität und der Ruf meines Landes an erster Stelle, und ich brauche eine Ehefrau, die beides gewährleistet.“

Wie versteinert saß Samia da. Sie hatte genug gehört. Was der Sultan da durchblicken ließ, war die Tatsache, dass sie Welten von den Frauen trennten, mit denen er sich normalerweise umgeben würde. Sie brauchte das Telefonat nicht länger mit anzuhören, um das zu verstehen. Diesen Mann wollte sie nicht heiraten. Und sie dachte nicht daran, weiter hier herumzusitzen und darauf zu warten, gedemütigt zu werden.

Seufzend legte Sultan Sadiq Ibn Kamal Hussein den Hörer auf. Er fühlte sich verkrampft und angespannt und brauchte dringend frische Luft. Grimmig erhob er sich aus seinem Ledersessel, ging zum Fenster und blickte auf den belebten Platz des vornehmen Londoner Viertels herunter, an dem seine Londoner Residenz lag.

Um den unvermeidlichen Augenblick noch ein wenig hinauszuzögern, kehrte Sadiq zum Schreibtisch zurück, wo eine Fotoauswahl für ihn bereitlag. Es waren Schnappschüsse von Prinzessin Samia von Burquat, einem kleinen Emirat am Persischen Golf an der Nordgrenze seines Staates. Sie hatte drei jüngere Halbschwestern, ihr älterer Bruder war nach dem Tod seines Vaters vor zwölf Jahren zum herrschenden Emir des Bundesstaates aufgestiegen.

Nachdenklich blieb Sadiq am Schreibtisch stehen. Auch er war jung gekrönt worden und kannte die Bürde der Verantwortung, wusste, wie erdrückend sie werden konnte. Dennoch machte er sich keine Illusionen. Leicht würde es nicht werden, sich mit dem Emir anzufreunden. Doch wenn die Prinzessin ihn heiratete – und warum sollte sie dazu nicht bereit sein? – wären sie verschwägert.

Sadiq seufzte. Die Fotos zeigten etwas unscharf eine mittelgroße schlanke junge Frau. Der Babyspeck, mit dem er sie vor Jahren auf einer seiner Partys kennengelernt hatte, war verschwunden. Keiner der Schnappschüsse zeigte sie genauer. Die deutlichsten Aufnahmen stammten vom vergangenen Sommer, als sie von einem Segeltörn mit Freunden zurückgekehrt war. Doch selbst auf diesen Fotos stand sie zwischen zwei sehr viel größeren, attraktiveren jungen Damen, und der Schirm einer Baseballkappe verdeckte ihr Gesicht weitgehend.

Was Sadiq gefiel, war, dass keines der Fotos aus der Regenbogenpresse stammte. Offensichtlich mied Prinzessin Samia die typischen High Society Partys. Sie lebte zurückgezogen in London, hatte ihr Studium kürzlich abgeschlossen und arbeitete seither als Archivarin in der Nationalbibliothek. Schon allein deshalb war sie genau richtig für ihn. Er wollte keine Ehefrau, die mit zweifelhafter Vergangenheit oder auch nur dem Hauch eines Skandals behaftet sein könnte. Es hatte schon genug Pressewirbel über ihn und die Damen gegeben, mit denen er ausgegangen war. Aus diesem Grund hatte er Samia vorher gründlich überprüfen lassen, um ganz sicherzugehen, dass es in ihrer Vergangenheit keine dunklen Flecken gab.

Er wollte keine Ehe wie seine Eltern führen, in der von Anfang an Eifersucht und Streit regiert hatten. Er würde nicht in einem Chaosstrudel versinken wie sein Vater, der von seiner Frau in Atem gehalten worden war, die während ihrer Ehe immer wieder gegen den Mann aufbegehrt hatte, den sie nicht hatte heiraten wollen. Es war bekannt, dass sein Vater ihrer Familie in seiner Besessenheit, die berühmte Schönheit zu besitzen, eine unermesslich hohe Summe gezahlt hatte. Sadiq hatte seine Mutter eigentlich nur traurig erlebt und deshalb den größten Teil seines Lebens außer Landes verbracht.

Er brauchte eine ruhige, ausgeglichene Frau, die ihn unterstützen, ihm Erben schenken und ihm gestatten würde, sich aufs Regieren zu konzentrieren. Vor allem aber eine, die ihm weiter keine Gefühle abforderte. Nach allem, was er von Prinzessin Samia wusste, war sie genau die Richtige für ihn.

Mit einer energischen Handbewegung schob er die Fotos zusammen und unter eine Mappe. Ihm blieb keine andere Wahl, er musste den entscheidenden Schritt tun. Seine besten Freunde und auch sein Bruder, der Herrscher eines kleinen unabhängigen Scheichtums innerhalb des Emiratsbündnisses – hatten vor Kurzem geheiratet, und wenn er, Sadiq, weiterhin ledig blieb, würde man ihn für rückgrat- und orientierungslos halten.

Dem Schicksal konnte man nicht entrinnen. Es war Zeit, seine zukünftige Frau zu treffen. Über Gegensprechanlage wies er seine Sekretärin an: „Noor, Sie können die Prinzessin jetzt hereinführen.“

Als er keine Antwort erhielt, seufzte er gereizt. Er war es gewöhnt, dass seine Anweisungen prompt ausgeführt wurden, doch er beherrschte sich. Seine Gereiztheit war auf den bevorstehenden Verlust seiner Freiheit zurückzuführen. Gefasst ging er zur Tür. Die Prinzessin müsste jetzt da sein.

Das Unvermeidliche ließ sich nicht länger aufschieben.

2. KAPITEL

Samia wollte gerade den Türknauf bedienen, als sie hinter sich ein Geräusch hörte.

„Sie gehen schon?“

Die Stimme des Mannes klang dunkel und sinnlich. Samia seufzte resigniert auf. Wäre sie nur schon eher gegangen! Doch die anerzogene Höflichkeit gebot, ihr Vorhaben aufzugeben, sie konnte den Sultan nicht einfach stehen lassen und gehen. Außerdem war es dazu jetzt zu spät.

Steif, betont langsam drehte sie sich um und bereitete sich auf die unvermeidliche Gegenüberstellung mit einem der begehrtesten Junggesellen der Emirate vor. Sie arbeitete inmitten von staubigen Büchern und Kunstgegenständen und hätte nicht weiter von der Glamourwelt dieses Mannes entfernt sein können. Er würde sich hüten, sie zu heiraten, wenn er sie erst einmal vor sich hatte.

Doch jeder klare Gedanke verflog, als sie den Mann sah, der nur wenige Schritte von ihr entfernt stand. Mit seiner groß gewachsenen athletischen Gestalt und den breiten Schultern füllte er seine Bürotür fast aus. Er trug einen maßgeschneiderten dunklen Anzug und musste mindestens einen Meter neunzig groß sein. Die dunkle Haut wies ihn als Mann der Wüste aus, doch seine Augen waren von einem unglaublichen Blau, und er sah sie so eindringlich an, als wollte er bis auf den Grund ihrer Seele blicken.

Im ersten Moment verschlug sein Anblick Samia die Sprache, und sie fühlte sich benommen. Dieser fantastisch aussehende Mann war also der Herrscher des unermesslich reichen Landes Al-Omar!

Er ging etwas zur Seite und bedeutete ihr höflich, sein Büro zu betreten. „Entschuldigen Sie, dass ich Sie warten lassen musste. Bitte kommen Sie herein.“

Was blieb ihr anderes übrig, als der Aufforderung zu folgen? Klopfenden Herzens ging Samia an ihm vorbei, dabei nahm sie einen Hauch seines männlichen Aftershaves wahr. Nervös hielt sie direkt auf den Besuchersessel vor dem mächtigen Schreibtisch zu und drehte sich zum Sultan um, der die Tür hinter ihnen schloss, ohne seinen Gast aus den Augen zu lassen.

Wortlos folgte er Samia in den Raum, und irgendwie konnte sie sich der geballten Energie, die er verströmte, nicht entziehen. Als er näher kam, begann ihr Magen zu flattern.

Anfangs wirkte er ernst, doch dann lächelte er auf eine Art, die ihren Puls jagen ließ und sie vollends durcheinanderbrachte.

„Habe ich etwas gesagt, das Sie verletzt hat?“

Samia konnte ihn nur verständnislos ansehen.

„Sie wollten wieder gehen?“, erinnerte Sadiq sie freundlich.

Ihr schoss das Blut in die Wangen. „Nein … natürlich nicht.“ Eine glatte Lüge! Ihr wurde noch heißer. „Tut mir leid, ich habe einfach …“

Verwirrt musste sie sich eingestehen, dass der Sultan sie einschüchterte. Sie lebte zurückgezogen und hasste es, Aufmerksamkeit zu erregen, aber ein Schattendasein führte sie nicht. Dennoch kam sie sich in Gegenwart dieses Mannes wie ein Schattengewächs vor.

Sadiq tat ihre Unsicherheit mit einer Handbewegung ab. Ganz offensichtlich fühlte die Prinzessin sich unbehaglich, doch auch auf ihn hatte die Begegnung mit ihr eine seltsame Wirkung. Der Klang ihrer leisen, fast rauchigen Stimme elektrisierte ihn, er passte irgendwie nicht zum braven Aussehen der jungen Frau, die eher wie eine graue Maus auf ihn wirkte. Eigentlich sah sie genau aus wie auf den Fotos. Der strenge Hosenanzug und die zugeknöpfte Bluse machten es ihm unmöglich zu erkennen, ob sie überhaupt eine Figur hatte.

Dennoch … ein seltsames Prickeln überlief Sadiq, sein Gespür warnte ihn, nicht voreilig zu urteilen. Er schob die Hände in die Taschen.

Das Brennen in Samias Wangen wurde unerträglich, sie widerstand der Versuchung, den Sultan ebenfalls zu mustern. Tapfer versuchte sie es mit der Übung, die man ihr gegen das Erröten beigebracht hatte: Bewusst rot werden wollen, weil das die gegenteilige Wirkung hatte.

Es half nichts. Die Hitze, die sie durchströmte, wurde immer heftiger.

Immer noch sah der Sultan sie einfach nur an. Samia war sicher, dass sie jetzt knallrot sein musste, aber sie warf tapfer den Kopf zurück. Um alles noch schlimmer zu machen, brach Sadiq das Schweigen und reichte ihr die Hand.

„Wir sind uns schon einmal begegnet, stimmt’s?“

Jetzt kam es … genau, wie sie befürchtet hatte!

Es wurde noch hoffnungsloser, denn er fuhr fort: „Ich wusste doch, dass ich Sie schon irgendwo gesehen hatte, aber ich konnte mich nicht erinnern, wo. Jetzt fällt es mir ein.“

Samia hatte das Gefühl, ihr Herz müsste stillstehen. Stumm betete sie, dass er sich nicht ausgerechnet an ihren schrecklichen Ausrutscher erinnerte, der sich für immer in ihr Gedächtnis eingebrannt hatte.

„Auf einer meiner Partys hatten Sie einen unglücklichen Zusammenstoß mit einem Tischchen voller Getränke.“

Samia fiel ein Stein vom Herzen. An die Sache mit dem Arbeitszimmer erinnerte er sich offenbar nicht! Spontan, voller Dankbarkeit ergriff sie seine Hand, und er drückte sie. Die Berührung seiner Finger war fest und warm und beunruhigend. Am liebsten hätte sie sich ihm schnell wieder entzogen.

„Ja, ich fürchte, das war ich. Ich war ein tollpatschiger Teenager.“ Warum klang sie auf einmal so atemlos?

Immer noch hielt der Sultan ihre Hand und blickte ihr in die Augen. Endlich sagte er nachdenklich: „Ich wusste nicht, dass Sie auch blaue Augen haben. Trugen Sie nicht früher eine Brille?“

„Ich habe mich im letzten Jahr zu einer Laserbehandlung entschlossen.“

„Die blauen Augen haben Sie sicher von ihrer englischen Mutter?“

Seine Stimme war so dunkel und erregend wie sein Aussehen. Samia nickte und versuchte, sich wieder zu fangen. „Sie war halb englischer, halb arabischer Abstammung und starb bei meiner Geburt. Meine Stiefmutter hat mich aufgezogen.“

Der Sultan nickte kurz und gab ihre Hand endlich frei. „Sie ist vor fünf Jahren gestorben, nicht wahr?“

Stumm nickte Samia und tastete hinter ihrem Rücken nach dem Besuchersessel, dabei blickte sie nach unten, um sich dem forschenden Blick dieser blauen Augen zu entziehen. Der Sultan durfte nicht sehen, wie viel Verbitterung die Erinnerung an ihre Stiefmutter in ihr wachrief. Die Frau war eine Tyrannin gewesen, vermutlich, weil sie gewusst hatte, dass sie der über alles geliebten ersten Frau des Emirs nie das Wasser reichen konnte.

Nach einigen Augenblicken schaffte Samia es, den Sultan wieder anzusehen –, und ihr Herz schlug schneller. Er war ein umwerfender Mann, neben ihm kam sie sich langweilig und farblos vor. Wie konnte er sie zu seiner Königin erwählen? Ihr fiel ein, dass er eine konservative Ehefrau suchte, und Panik stieg in ihr auf.

Er deutete auf den Sessel, an den sie sich immer noch wie an einen Rettungsring klammerte. „Wollen Sie sich nicht setzen? Was möchten Sie trinken? Tee oder Kaffee?“

Am liebsten hätte Samia in diesem Augenblick um etwas Stärkeres gebeten. Ein Whisky wäre genau das, was sie jetzt brauchte. „Kaffee bitte.“

Sadiq ging zu seinem Schreibtischsessel zurück, und wie gerufen erschien seine Sekretärin mit einem Tablett. Nachdem sie sich wieder zurückgezogen hatte, versuchte er zu übersehen, dass die Hand der Prinzessin bebte, als sie Sahne in ihren Kaffee gab. Das Mädchen war ein Nervenbündel. Dennoch sah sie ihn trotzig an, und irgendwie gefiel ihm das. Die Damen, mit denen er es zu tun gehabt hatte, gaben sich eher aufreizend oder versuchten, sich anzubiedern.

Fast tat die Prinzessin ihm leid, als er sah, wie sie ihre Tasse hielt. Ein Wunder, dass sie den Weg vom Unterteller zum Mund heil überstand. Da Samia seinem Blick auswich, konnte er sie nun ungeniert betrachten. Nein, eine graue Maus war sie doch nicht, eigentlich sogar recht hübsch. Das rotblonde Haar, das ihr in einem dicken Zopf über die Schulter fiel, schimmerte im Schein der Spätnachmittagssonne, die durch die mächtigen Fenster hereinfiel, und schien mit goldenen Lichtern gesprenkelt zu sein. Einige widerspenstige Locken hatten sich selbstständig gemacht und rahmten ihr zartes herzförmiges Gesicht.

Wie achtzehn sah sie aus, aber natürlich wusste er, dass sie fünfundzwanzig war. Und die helle Haut hatte sie sicher von ihrer englischen Mutter.

Erstaunlich, dass er sich so gut an den Zwischenfall mit dem umgestürzten Tischchen erinnerte. Die Kleine hatte ihm leidgetan, völlig verstört hatte sie gewirkt und mit puterrotem Gesicht wie versteinert dagestanden. Und irgendwie musste danach noch etwas gewesen sein, an das er sich im Moment nicht erinnerte.

Sie hielt die unglaublich langen Wimpern gesenkt, sodass er den Ausdruck in ihren Augen nicht erkennen konnte. Nein, seine zukünftige Braut war eigentlich ganz anders, als er erwartet hatte!

„Also, Prinzessin Samia, möchten Sie mir jetzt nicht verraten, warum Sie gehen wollten?“

Endlich schaffte sie es, ihn voll anzusehen. Noch heißer konnte ihr kaum werden, am liebsten hätte sie den obersten Knopf ihrer Bluse geöffnet, um kühlende Luft an ihre Haut zu lassen. Der Sultan betrachtete sie, als hätte er eine seltene Spezies vor sich. Deutlicher hätte er kaum zeigen können, dass sie ihn kaltließ.

Die Erkenntnis löste etwas in ihr und riss sie aus ihrer Erstarrung.

„Sultan …“, begann sie und verstummte gleich wieder, als er eine Hand hob.

„Sadiq, bitte. Ich bestehe darauf.“

Seine harte Miene ließ sie erschauern. „Also gut, Sadiq.“ Samia atmete tief ein. „Die Wahrheit ist: Ich will Sie nicht heiraten.“

Sie sah, dass er die Lippen zusammenpresste, und in seinen Augen blitzte es auf. „Ich dachte, es wäre üblich, einen Heiratsantrag zu bekommen, ehe man ihn ablehnt.“

Unwillkürlich ballte sie die Hände im Schoß zu Fäusten. „Und ich dachte, es wäre üblich, eine Frau erst zu fragen, ob sie einen heiraten will, statt es einfach vorauszusetzen.“

Nun lehnte der Sultan sich zurück, und seine Augen funkelten gefährlich, was Samia als noch bedrohlicher empfand.

„Ich nehme an, Sie haben Teile meines Telefonats mit angehört?“

Wieder schoss Samia das Blut in die Wangen, jetzt war ihr alles egal. „Ich konnte nicht anders“, erwiderte sie leise. „Die Tür stand halb offen.“

Unvermittelt beugte Sadiq sich vor und erklärte: „Dann muss ich mich entschuldigen. Was ich da gesagt habe, war nicht für Ihre Ohren bestimmt.“

Sie raffte allen Mut zusammen, erhob sich und trat hinter ihren Sessel. „Wieso nicht? Schließlich sprachen Sie über die Vorteile unserer Verbindung. Warum nicht hier und jetzt offen mit mir darüber reden? Wir könnten dann gleich feststellen, ob ich Ihnen konservativ und unscheinbar genug bin.“

Nun nahm das Gesicht des Sultans Farbe an, das einzige Zeichen, dass sie ins Schwarze getroffen hatte. Ansonsten schien ihre Aufregung ihn nicht weiter zu berühren, und Samia wünschte, sie könnte diesem Mann entschlossener gegenübertreten. Erneut ballte sie die Hände zu Fäusten, während Sadiq sich zurücklehnte und sie wieder abschätzend betrachtete.

„Dann machen Sie sich also keine Illusionen. Eine Heirat zwischen uns würde aus rein praktischen Erwägungen und einer Reihe anderer Gründe erfolgen.“

„Keine Sorge. Ich mache mir nicht die geringsten Illusionen“, versicherte Samia ihm verbittert.

„Unsere Verbindung wäre zum Wohl unserer beider Länder.“ Unvermittelt beugte Sadiq sich vor, und in seinen Augen erschien ein kalter Ausdruck, der Samia erschreckte. „In unserem Kulturkreis werden Ehen arrangiert. Kaum jemand dürfte auf einer Liebesheirat bestehen“, setzte er nachsichtig hinzu.

Matt schüttelte sie den Kopf. „Nein. Natürlich nicht.“ Eine Liebesheirat war das Letzte, das sie erwartet hätte oder sich wünschte. Sie hatte miterlebt, wie maßlos der Tod ihrer Mutter ihren Vater getroffen hatte. Jedes Mal, wenn er seine kleine Tochter ansah, hatte Samia seinen stummen Vorwurf gespürt, am Tod ihrer Mutter schuld zu sein.

Sie hatte miterlebt, wie diese unendliche Trauer sich auf alles ausgewirkt und die zweite Frau ihres Vaters verbittert zurückgelassen hatte. Selbst ihren geliebten Bruder hatte diese maßlose Liebe gezeichnet, er war hart und zynisch geworden. Schon vor Jahren hatte Samia sich geschworen, eine so zerstörerische Macht gar nicht erst an sich heranzulassen.

Der Sultan lehnte sich wieder zurück. Samias Antwort schien ihm zu gefallen. Bedeutsam spreizte er die Hände. „Tja, was haben Sie dann gegen unsere Heirat?“

Alles! Sie wäre eine einzige Farce! Ein eiskalter Handel! Samia setzte sich wieder und faltete die Hände im Schoß. „Meine Zukunft stelle ich mir anders vor.“ Schon deshalb hatte sie sich bewusst im Hintergrund gehalten, um für eine arrangierte Ehe gar nicht erst in Betracht zu kommen.

Sadiq runzelte die Stirn. „Aber als älteste Schwester des Emirs von Burquat mussten Sie doch damit rechnen, einem solchen Arrangement nicht entkommen zu können –, obwohl Sie sich Erwägungen dieser Art bisher geschickt entzogen haben.“

Schuldbewusst schwieg Samia. Eins war ihr immer klar gewesen: Sie lebte in einer Männerwelt, in der über eine Frau verfügt wurde. Das hätte ihr Bruder ihr auch sagen können. Für sie hätte es genug Ehekandidaten gegeben, doch Kaden hatte sich stets zurückgehalten. Natürlich wusste Samia, dass er ihr eines Tages eine arrangierte Ehe vorschlagen könnte –, und eine Hochzeit mit Sultan Sadiq Al-Omar musste ihm ideal erscheinen. Durch die damit verbundenen wirtschaftlichen Verknüpfungen würde Burquat ins einundzwanzigste Jahrhundert aufrücken und die dringend benötigte wirtschaftliche Stabilität entwickeln können.

Nur ungern gestand Samia es sich ein, aber sie entstammten tatsächlich einer Welt, in der Ehen um vieles nüchterner und emotionsloser eingegangen wurden als im Westen. Aus Liebe zu heiraten, war für einen orientalischen Herrscher selten und galt als belächelter, wenn nicht gar fragwürdiger Luxus. Heiraten wurden unter Berücksichtigung von Familienbanden, strategischen Allianzen und politischen Zielen arrangiert. Erst recht königliche Ehen.

Samia kam zu einem Schluss. Eigentlich konnte eine praktische arrangierte Ehe ihr nur recht sein. So lief sie keinerlei Gefahr, sich in Sadiq zu verlieben –, und er sich auch nicht in sie. Damit würde sie garantiert eine andere Ehe führen als ihre Eltern …

Sultan Sadiq stand auf, und wieder überkam Samia leise Panik. Wachsam lehnte sie sich zurück und war wütend auf sich selbst, weil sie sich bei diesem Mann klein und unbedeutend vorkam. In der Nationalbibliothek hatte sie dreißig Angestellte unter sich, außerdem war sie es gewöhnt, sich gegen ihren älteren Bruder durchzusetzen. Doch der Sultan hatte es bereits nach wenigen Minuten geschafft, sie einzuschüchtern.

Rastlos ging er im Raum auf und ab, als hätte er Schwierigkeiten damit, länger still zu sitzen. Nun fiel Samia auch ein, dass er als leidenschaftlicher Sportler bekannt war. Sadiq Al-Omar hatte als jüngstes Mannschaftsmitglied an der berühmten internationalen Vendée-Regatta teilgenommen, und da sie selbst gern segelte, imponierte ihr diese Leistung.

Nach arabischer Männertradition hatte Sadiq Al-Omar in den Vereinigten Staaten und England studiert und die exklusive königliche Militärakademie Sandhurst durchlaufen. Und natürlich besaß er eine Flotte von Hubschraubern und Flugzeugen, die er regelmäßig selbst flog. Alles in allem war er ein beachtlicher Mann. Dazu kam sein Ruf als international bekannter Playboy, der Frauen sammelte wie Accessoires.

Und Jahr für Jahr – daran brauchte Samia nicht erst erinnert zu werden – gab er die größten luxuriösesten Geburtstagspartys und brachte dabei astronomische Summen für wohltätige Zwecke zusammen.

Woher sie das alles wusste? Beschämt musste sie sich eingestehen, dass sie die halbe Nacht damit verbracht hatte, aus dem Internet so viel wie möglich über ihn zu erfahren.

Unvermittelt blieb Sadiq stehen und zog eine Braue hoch. „Wollen Sie meinen Heiratsantrag allen Ernstes ablehnen und mir raten, mich anderweitig nach einer Frau umzusehen?“

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