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1001 Kuss – und dann Schluss?

Susan Stephens

1001 Kuss – und dann Schluss?

PROLOG

„Geheimnisvoller als die Nacht und doppelt so gefährlich“ – so lautete die Beschreibung der Gebrüder al Maktabi in der Zeitschrift, die Razi al Maktabi sich vom Schreibtisch seiner Sekretärin geschnappt hatte. Augenzwinkernd gab er sie etwas später der einzigen Frau zurück, die wusste, wie er seinen Kaffee am liebsten trank.

Anschließend schlenderte er in sein Chefbüro im Maktabi Communications Tower und schloss die Tür hinter sich. Offensichtlich hatte die Presse es mal wieder auf ihn abgesehen. Razi stellte sich an die Fensterfront und machte seinen ersten Anruf. Während er darauf wartete, dass der Teilnehmer sich meldete, betrachtete er die graue Themse. Das stete Treiben auf dem Fluss beruhigte ihn. Am anderen Ufer erstreckte sich das Parlamentsgebäude in – wie es schien – unmittelbarer Nähe seines Penthouses. Er hatte die Firma zu einem international tätigen Konzern ausgebaut, nun wurde es Zeit, sich anderen Aufgaben zu widmen. Der Phönixthron der Isla de Sinnebar wartete auf ihn. Doch bevor er sein Amt in dem Wüstenkönigreich antrat, wollte er sich noch einmal mit seinen Freunden treffen.

Der Zeitschriftenartikel enthielt auch einige Fakten, wie Razi zugeben musste, während er darauf wartete, dass Lord Thomas Spencer-Dayly sich in seinem Herrenhaus in Gloucestershire bequemte, ans Telefon zu gehen. Razis älterer Bruder Scheich Ra’id al Maktabi war tatsächlich unerbittlich, und das aus gutem Grund. Ihr Vater hatte unzählige Kinder und somit Anwärter auf Ra’ids Thron gezeugt.

Das erklärte, warum Ra’id das Scheichtum mit eiserner Faust regierte, was ihm den dramatischen Spitznamen ‚Schwert der Vergeltung‘ eingebracht hatte. Der Journalist hatte allerdings eine Tatsache unerwähnt gelassen: Razi würde sein Leben für seinen Bruder geben. Denn dieser hatte ihm die Kindheit erträglich gemacht und sich dafür eingesetzt, dass er dieselben Rechte hatte wie Ra’id als ehelicher Sohn ihres Vaters.

Razi strahlte, als er endlich die Stimme seines engsten Freundes hörte.

„Was gibt’s, alter Junge?“, fragte Tom verschlafen. Offenbar war er gerade erst aufgestanden.

Razi erzählte ihm von seiner Idee.

„Gibt die Presse mal wieder keine Ruhe?“, fragte Tom amüsiert.

„Ach, es interessiert mich nicht, was die sich zusammenschreiben. Mir geht es vielmehr darum, dass wir uns alle noch einmal treffen, bevor ich das Ruder übernehme.“

Beide Männer wussten, dass Razi als Herrscher über die Isla de Sinnebar eine schwierige Aufgabe erwartete. Mit dem Tag der Thronbesteigung musste er sich ganz dem Wohlergehen seines Volkes widmen.

„Ich freue mich auf die Herausforderung, Tom.“

„Ich weiß … ich weiß.“

Tom konnte durchaus ernst sein, doch jetzt war es wichtiger, seinen besten Freund aufzumuntern. „Es gibt keine Zeitung, aus der mir dein hässliches Gesicht nicht entgegenstarrt“, sagte er vorwurfsvoll. „Ich habe die Morgenzeitungen vor mir liegen.“

Als Razi einfiel, dass der Butler die Zeitungen immer zuerst bügelte, bevor er sie Tom brachte, lächelte er amüsiert.

„Hier, hör dir das an!“ Hektisch blätterte Tom in einer Zeitung. „Wird es dem Playboyprinzen gelingen, auf der Isla de Sinnebar ein ebensolches Wunder zu vollbringen wie mit Maktabi Communications?“

„Ich habe die Zeitungen bereits gelesen, Tom.“

„Hier wird behauptet, du wärst eine Gefahr für jede Frau.“

„Meine Geschäfte sind meine Leidenschaft“, widersprach Razi. Bald würde er seine Fähigkeiten auf die Führung seines Landes konzentrieren.

„Und was ist mit Frauen?“, hakte Tom nach. So leicht ließ er sich nicht abspeisen.

„Im Moment gibt es keine.“ Aber natürlich konnte er jeder Frau gefährlich werden, die das zuließ.

Tom lachte ungläubig. „Lange wirst du sicher nicht allein sein. Diese Journalistin beschreibt dich und deinen Bruder als gebildete Muskelprotze.“

„Ja, das gefällt mir.“ Toms gute Laune war ansteckend. „Und es geht noch weiter. Sie schreibt, wir seien leidenschaftliche Kämpfer und Liebhaber.“

„Berichtet sie aus eigener Erfahrung?“, fragte Tom neugierig.

„Moment, ich muss mal überlegen. Gab es mal eine unverfrorene Frau, die sich Notizen beim Sex mit mir gemacht hat?“

Lachend las Tom weiter. „Razi al Maktabis eindringlicher Blick und der fantastische Körper, den er unter eleganten Maßanzügen versteckt, machen ihn so überlegen.“

Razis smaragdgrünen Augen standen in starkem Kontrast zu dem blauschwarz schimmerndem Haar und dem bronzefarbenen Teint seiner Vorväter, den Beduinen. Augenfarbe und Mund hatte er von der englischen Kurtisane geerbt, die seinen Vater verhext hatte.

Diese Frau hatte ihn einfach der Obhut von Kindermädchen am Hofe übergeben. Doch das war eine andere Geschichte. Die Vergangenheit interessierte ihn nicht mehr. Und er brach auch keine Herzen oder war darauf aus, sich an Frauen dafür zu rächen, was seine Mutter ihm angetan hatte. Im Gegenteil: Er vergötterte Frauen. Daran hatten auch die zahlreichen Versuche, ihn vor den Traualtar zu zerren, nichts geändert.

„Lass es gut sein, Tom. Kommst du nun mit zum Skilaufen oder nicht?“

Wie erwartet, sagte Tom begeistert zu. Die Skifirma gehörte zu Razis Konzern. Sie warf zwar keinen großen Gewinn ab, doch er behielt sie, weil es ihm Spaß machte, jedes Jahr ein anderes Chalet zu testen. Gab es eine schönere Möglichkeit, noch einmal das Leben und die Freundschaft zu genießen, als in die Berge zu fahren, bevor ihn die Pflicht endgültig rief?

„Allerdings müssen wir dir wohl eine Tüte über den Kopf stülpen, damit uns die Damen in Ruhe lassen.“

„Neben euch bin ich völlig unauffällig.“

„Meinst du?“ Tom war skeptisch.

„Wir werden völlig unter uns sein. Ganz ohne Frauen.“

„Das glaubst du doch wohl selbst nicht.“ Tom widersprach mit seinem für die britische Aristokratie typischen Akzent, über den Razi sich immer amüsierte. „Wie willst du sie denn auf Distanz halten?“

„Das ist deine Aufgabe, Tom.“ Razi liebte dieses humorvolle Geplänkel, das sie schon während der Schulzeit und später bei der Eliteeinheit verbunden hatte. „Du warst immer mein Lieblingsaußenverteidiger. Gib mir einfach Rückendeckung.“

„Und wenn es zu einem Frontalangriff kommt?“

„Dann, mein lieber Tom, wartest du mein Zeichen ab.“

1. KAPITEL

Angespannt hielt Lucy Tennant die Liste der Gäste in der Hand, die diese Woche erwartet wurden.

„He, was ist los?“, fragte ihre Kollegin Fiona, die ebenfalls in dem Nobelchalet arbeitete und sich gern eine halbe Stunde früher in den Feierabend verabschiedete. „Nach deiner Miene zu urteilen, stehen uns schwierige Gäste ins Haus.“

„Halb so wild.“ Geistesabwesend schaute Lucy in die Flammen des duftenden Kaminfeuers, das sie kurz zuvor entzündet hatte. Vor einigen Minuten hatte sie noch im siebten Himmel geschwebt, weil ihre Kollegen und Chefs sie zur Mitarbeiterin des Jahres gewählt hatten. Die Würdigung ihrer Arbeit im Chalet bedeutete ihr sehr viel. Außerdem war dies ihre erste Auszeichnung. Aber neben dem Glückwunschschreiben steckte die Liste mit den Vorlieben der Gäste, die sich für eine Woche im Chalet eingemietet hatten. Ein Blick darauf, und ihr Hochgefühl verschwand wieder.

Thomas Spencer-Dayly: keine besonderen Wünsche

Sheridan Dalgleath: Porridge mit Salz, Single Malt Whisky und Rindfleisch nur von

Aberdeen Angus Rindern

William Montefiori ausschließlich frisch hergestellte Pasta

Theo Constantine: guter Champagner – und viel davon

Ein weiterer Gast

Der letzte Eintrag beunruhigte sie. Unwillkürlich erschauerte sie. Außerdem stand auf der Liste, dass die Gruppe von zwei Leibwächtern begleitet wurde. Der eine sollte im obersten Stockwerk untergebracht werden, sein Kollege im kleinen Gästezimmer gegenüber dem Skiraum.

Offenbar handelte es sich um hochkarätige Kunden, wenn sie sogar ihre eigenen Bodyguards mitbrachten. Genau das bereitete ihr Kopfzerbrechen. Allerdings fragte sie sich jedes Mal, wenn sie so eine Liste in der Hand hielt, ob sie den Ansprüchen der Gäste genügen würde. Denn ihr Ziel war es, die Erwartungen ihrer Kunden zu übertreffen.

Trotzdem: So unsicher hatte sie sich noch nie gefühlt. Noch einmal überflog sie die Liste. So außergewöhnlich waren die Wünsche nun auch wieder nicht. Das war alles machbar. Und doch blieb ein ungutes Gefühl.

Energisch versuchte sie, sich zu beruhigen. Sie arbeitete in einem der teuersten Chalets, die man in einem der exklusivsten Skiorte der Welt mieten konnte. Sie war den Umgang mit reichen Gästen gewohnt und wusste mit ihnen und ihrer Entourage umzugehen. Außerdem war diese Gruppe vergleichsweise übersichtlich und stellte wirklich keine übertriebenen Ansprüche. Aus Erfahrung wusste sie, dass eine Männergruppe sowieso die meiste Zeit auf den Skihängen verbrachte. Sie würde sie also nur zu den Mahlzeiten sehen. Viel gutes Essen, heiße Duschen, saubere Handtücher und Drinks, wenn sie vom Skilaufen zurückkehrten – mehr wurde vermutlich nicht von ihr verlangt. Da sie unter Brüdern aufgewachsen war, kannte sie sich im Umgang mit Männern aus.

Wahrscheinlich haben die Gäste alle exklusive Internate besucht, vermutete Lucy und studierte erneut die Namen. Ein Gast wollte inkognito bleiben. Dafür konnte es verschiedene Gründe geben – und keiner ging sie etwas an.

Sie strich sich eine honigblonde Strähne aus dem Gesicht und wusste plötzlich, was sie so beunruhigte. Der handschriftliche Vermerk ganz unten auf der Liste. Dort stand: „Wenn jemand dieser Gruppe gewachsen ist, dann du, Lucy.“ Übersetzt bedeutete es, dass man von ihr erwartete, gelassen auf die Sonderwünsche der Gäste zu reagieren.

Lucy Tennant war nämlich nicht nur eine Sterneköchin, sondern auch ein ruhiges, bescheidenes Mädchen, das stolz darauf war, im exklusivsten Chalet der Firma zu arbeiten. Sie arbeitete nicht nur sehr hart, sondern beschwerte sich auch nicht. Ihre Vorgesetzten wussten das. Aber dieses Mal verschwiegen sie ihr etwas, das spürte sie.

Nun, sie würde es noch früh genug erfahren. Schluss mit den Überlegungen. Es wurde Zeit, sich an die Vorbereitungen zu machen. Da Fiona sich lieber vergnügte, als den ganzen Tag im Chalet zu arbeiten, blieb mehr Arbeit an Lucy hängen. Dabei hätte sie auch gern die kristallklare Alpenluft genossen.

Sie schob den elegant geschnitzten Stuhl zurück und ging zum Fenster. Nachdem sie die kirschroten Vorhänge etwas weiter über die Spitzengardine gezogen hatte, blickte sie sehnsüchtig hinaus. Es war wirklich ein Jammer, so einen perfekten Tag zum Skilaufen im Haus verbringen zu müssen. Aber die Arbeit machte sich nicht von allein.

Außerdem liebte sie ihre Arbeit. Und hier zu arbeiten, wo sie die Freiheit der Berge, die Stille, die Weite und die berauschende Luft förmlich schmecken konnte, bedeutete ihr sehr viel.

Allerdings war sie hier auch einsam.

Doch darüber wollte sie jetzt nicht nachdenken. Wie sollte man in dieser schicken französischen Stadt nicht einsam sein, wenn hier nur Paare auftauchten? Lucy hatte immer gewusst, dass sie nie dazugehören würde und gab sich damit zufrieden, die Energie und das Vergnügen der anderen mitzuerleben. Sie war schüchtern, pummelig und unauffällig. Da hatte man es in Gesellschaft glamouröser, selbstbewusster Menschen schwer, die zudem vollen Körpereinsatz zeigten – nicht nur beim Skilaufen. Aber sie durfte für sie kochen und es ihnen im Chalet so gemütlich wie möglich machen. Das war eine lohnende Aufgabe, mit der sie sich einstweilen zufriedengab.

Eines Tages werde ich meinem Prinzen begegnen, dachte Lucy verträumt und berührte den silbernen Schuh, den sie als Glücksbringer an einer Kette um den Hals trug. Hoffentlich übersah er sie nicht unter den vielen hübschen, schlanken, trainierten Mädchen!

„Bis später!“

Die Haustür fiel ins Schloss, und Lucy beobachtete, wie Fiona sich in die Arme ihrer neuesten Eroberung warf.

Lucy wandte sich ab. Die Schneelandschaft mit den hohen Bergen, der klaren Luft und dem gleißenden Licht, das zwischen den zerklüfteten Granitspitzen hindurch bis ins Tal fiel, war wirklich zauberhaft. Aber noch wichtiger waren ihr die entspannte, fröhliche Arbeitsatmosphäre, der Zusammenhalt mit den Kollegen und die Herzlichkeit der Gäste. Was sie zu Hause im Zentrum einer nach Abgasen stinkenden, lauten Stadt bei ihrer Familie vermisste, die ihre Nasen ständig in Bücher steckte, fand sie hier in dieser ursprünglichen Wildnis.

Aufmerksam überprüfte sie den Inhalt des Kühlschranks. Sie las auch gern, aber sie setzte das Gelesene auch gern in die Praxis um. Darum war sie hier gelandet – in der pittoresken Ecke eines Alpendorfs, mit einem Gebirgsbach vor dem Holzchalet. Sie genoss die Auswahl köstlicher Käsesorten aus der Region und die Milch und Sahne im Kühlschrank, die sie von Bauernhöfen in der Umgebung bezog. Noch immer fiel es ihr schwer zu glauben, dass sie mit den Erzeugern der Region bestmögliche Konditionen aushandelte und tatsächlich für die Skisaison bei einer der Topfirmen in Val d’Isère als Köchin angestellt war.

Aber sie hatte dafür auch einiges getan. Lucy schrieb schnell auf, was sie für die vor ihr liegende Woche bestellen musste und machte den Kühlschrank wieder zu. Vor dem verantwortungsvollen Job im französischen Chalet hatte sie in einem englischen Nobelrestaurant das Kochen von der Pike auf gelernt. Monsieur Roulet persönlich hatte ihr das alles entscheidende Empfehlungsschreiben mit auf den Weg gegeben. Natürlich war es ständig eine neue Herausforderung, für anspruchsvolle Kunden zu kochen, aber das machte ja gerade den Reiz dieser Aufgabe aus. Außerdem hatte Lucy endlich die Gelegenheit bekommen, aus dem Schatten ihrer Brüder herauszutreten.

Lucys sechs Brüder zeichneten sich auf Gebieten aus, die ihre Eltern höher einschätzten als die Kochkünste ihrer Tochter. Ihr Selbstbewusstsein hatte einen empfindlichen Dämpfer bekommen, als ihre Mutter ihr eines Tages anvertraut hatte, sie hätten keine Ahnung, was sie mit einer Tochter anfangen sollten – dazu noch mit einer, die kochte! In den Augen ihrer Mutter wirkte sich die Leidenschaft fürs Kochen abwertend auf die Stellung als Frau in der Gesellschaft aus. Als sie dann noch in ihrer lässigen, leicht abwesenden Art hinzugefügt hatte, Lucy sollte lieber zu Hause bleiben und für ihre Familie kochen, weil sie dann wenigstens keinen Unsinn anstellen konnte, war das Maß voll gewesen. Lucy hatte gewusst, dass es an der Zeit war, eigene Weg zu gehen.

Lucy lächelte trocken. Ihre Mutter würde es wahrscheinlich begrüßen, dass Männer sie wie eine kleine Schwester behandelten. Wenigstens war sie den ständigen Erwartungen ihrer Familie entkommen und hatte nun Gelegenheit herauszufinden, wer sie eigentlich war. Es gefiel ihr, Menschen mit ihren Kochkünsten zu erfreuen und Anerkennung zu erfahren.

Die Familie war völlig überrumpelt gewesen, als Lucy verkündet hatte, sie habe einen Ausbildungsplatz bei Monsieur Roulet erhalten. Auch sie selbst war überrascht gewesen, dass der furchterregende Sternekoch sie tatsächlich nehmen wollte. Als er sie nach der Ausbildung dann zur Seite nahm, ihr riet, ins Ausland zu gehen und ihr sogar ein persönliches Empfehlungsschreiben mitgab, konnte sie ihr Glück kaum fassen. Um den Mann, der ihre Karriere gefördert hatte, nicht zu enttäuschen, kam sie auf die kühne Idee, eine Dinnerparty für die Direktorin der Firma auszurichten, der die nobelsten Chalets der Welt gehörten. Lucys ungewöhnlicher Ansatz hatte die Frau beeindruckt, und die Dinge nahmen ihren Lauf. Triumphierend war Lucy an dem Abend nach Hause gekommen, hatte sich beim Essen geduldig die üblichen akademischen Diskussionen angehört und vergeblich versucht, ihre aufregenden Neuigkeiten vorzutragen.

Genug davon! Wenn sie sich nicht bald ins Zeug legte, würde sie womöglich noch den Job verlieren, der ihr so viel Freude bereitete. Fiona hatte es mal wieder ihr überlassen, die Betten zu machen und die Böden zu wischen. Wenigstens das Essen war vorbereitet. Nur die Ungewissheit über den inkognito reisenden Gast bereitete ihr nach wie vor Bauchschmerzen.

Razi zerknüllte den Brief, der ihm per Kurier zum Hubschrauber zugestellt worden war. Am liebsten hätte er die alte Garde der Isla de Sinnebar höchstpersönlich zur Rede gestellt und sich deren Einmischung verbeten.

Doch dann hätte er die Reise mit seinen Freunden stornieren müssen.

Er hatte kaum Augen für die atemberaubende Landschaft schneebedeckter Berggipfel, die sie gerade überflogen. Was fiel diesen Leuten eigentlich ein, ihn mit einer Cousine zu verloben, die er noch nie im Leben gesehen hatte? Natürlich war sein Thron der wahre Grund. Und nicht nur der Thron von Isla de Sinnebar, es ging auch um Ra’ids Thron auf dem Festland, den nur eine Meerenge von der Insel trennte. Aber wenn sich jemand einbildete, er würde sich gegen seinen eigenen Bruder stellen …

Wütend riss Razi das Päckchen auf, das ihm zusammen mit dem Brief ausgehändigt worden war und hielt ein Foto in der Hand. Aufmerksam betrachtete er die bildhübsche junge Frau: Leila, eine entfernte Cousine. Ihr langes schwarzes Haar schimmerte, ihr Blick war traurig. Sie war wirklich eine Schönheit, doch leider empfand er nichts für sie.

„Arme Leila“, murmelte er leise und voller Mitgefühl für das Mädchen, das sicher wusste, dass seine skrupellosen Verwandten es als Schachfigur auf dem politischen Parkett missbrauchten.

Er wickelte das Bild zurück in die Seidenhülle und schob es in das Netz neben seinem Sitz. Es kam überhaupt nicht infrage, dass er sich von irgendjemandem zur Ehe zwingen ließ. Er würde sich seine zukünftige Frau selbst aussuchen. Sie musste cool, intelligent und weltgewandt sein und jeden Hollywoodfilmstar in den Schatten stellen.

Was für ein Desaster! Sie hatte alles fallen lassen. Die mit viel Liebe zubereiteten Kanapees lagen auf dem Boden verstreut und schwammen im verschütteten Champagner. Ein Mann wischte sich über die durchnässte Jeans, und der inkognito angereiste Gast blickte Lucy ärgerlich an.

Nicht einmal ihre Ausbildung bei dem Furcht einflößenden Monsieur Roulet hatte sie auf ihre erste Begegnung mit diesem mysteriösen Gast vorbereitet. Er war groß, hatte einen bronzefarbenen Teint und hielt sich offensichtlich sehr fit. Seine Persönlichkeit füllte den ganzen Raum aus, und sein vernichtender Blick verwandelte Lucy in ein bebendes Nervenbündel.

Im Nu war alles ruiniert. Ihr Patzer war ein Kündigungsgrund. Bei dieser Vorstellung kamen Lucy die Tränen. Sie hatte alles so sorgfältig geplant. Um vier Uhr morgens war sie aufgestanden, um das Chalet für die Gäste herzurichten und die Mahlzeiten vorzubereiten.

Nichts hatte sie dem Zufall überlassen. Im Kamin brannte ein Feuer, ein frischer Blumenstrauß auf dem Tisch verbreitete den zarten Duft der französischen Alpenlandschaft. Und das Chalet war so sauber, dass man das exklusive, sorgfältig zubereitete Festessen vom liebevoll polierten Eichenfußboden hätte essen können.

Das Menü war aus erlesenen Delikatessen komponiert, denen nicht einmal die Gaumen der anspruchsvollen Männer würden widerstehen können. Besagte Männer saßen auf dem Sofa. Auf ihren Mienen spiegelte sich Erstaunen über Lucys Ungeschicklichkeit. Der Mann im Schatten, der sie vom ersten Augenblick an in seinen Bann gezogen hatte, musterte sie dagegen abfällig. Sie hatte nicht nur versehentlich das Tablett vom Tisch gestoßen, als ihr Blick dem des geheimnisvollen Gastes begegnet war, sondern auch die Designerjeans eines seiner Freunde durchnässt. Alle fünf Männer waren ausgesprochen attraktiv, was sie jedoch kaum wahrgenommen hatte. Vom ersten Blick an hatte sie nur Augen für den Fremden gehabt, der sie so eindringlich gemustert hatte, dass sie gestolpert und an den Tisch gestoßen war.

Wie konnten grüne Augen so strahlen? Wie konnte ein Mann in Begleitung vier unglaublich gut aussehender Männer diese völlig in den Hintergrund drängen?

Endlich gelang es Lucy, den Blick abzuwenden. Resolut riss sie sich zusammen und konzentrierte sich auf ihren Job. Sie war nicht bereit, ihn wegen eines bezwingenden Blicks zu riskieren. „Ich bitte vielmals um Verzeihung, Gentlemen. Wenn Sie erlauben, werde ich den Schaden schnell beheben.“

Da machte er einen Schritt vorwärts. „Sollten wir einander nicht erst einmal vorstellen?“, fragte er kühl.

Aus seinem Mund klang das wie ein Befehl. Hastig hob sie die zerbröselten Kanapees auf. „Ja, Entschuldigung.“ Sie sah auf, bemerkte, dass sie auf Augenhöhe mit einem bestimmten Körperteil von ihm war, was ihr einen Schock versetzte, und ließ den Blick schnell weiter hinaufgleiten. Lucy sah in ein unglaublich schönes Gesicht, das sie am liebsten für immer und ewig angesehen hätte. Der Mann hatte dichtes blauschwarzes Haar, das sich an seine hohen Wangenknochen schmiegte und ihm wellig bis auf die stolz geschwungenen Brauen fiel. Einige Strähnen hatten sich in den Koteletten verfangen. Ein blauschwarzer Schatten verriet starken Bartwuchs.

Was für ein Mann, dachte sie und richtete sich wieder auf.

Er strahlte unnachgiebige Autorität aus, und es war offensichtlich, dass er der führende Gast war. Diesen Mann mit einer Stimme wie Bitterschokolade musste sie zufriedenstellen, wenn sie ihren Job behalten wollte. Jetzt verstand sie auch die Bedeutung der handschriftlichen Notiz auf der Gästeliste.

Als sie einfach nur sprachlos dastand, kam ihr der freundliche Mann namens Tom zur Hilfe. „Das ist Lucy“, sagte er höflich.

Razi betrachtete die ungenießbaren Kanapees auf dem Parkett und in den Händen des Mädchens. Als perfekter Gentleman behielt Tom seine Gedanken für sich, doch ihm war klar, dass dieses völlig verunsicherte Mädchen, das von einem Bein aufs andere trat, seinem Job nicht gewachsen war. Die Kleine war genauso aufgelöst wie die Häppchen und hatte den erlesenen Champagner nicht nur auf den Boden, sondern auch über William Montefioris Jeans verschüttet.

„Nicht der Rede wert“, murmelte William charmant und begab sich sicherheitshalber aus der Gefahrenzone. „Ich ziehe mich um.“

Razi jedoch vergab ihr nicht so schnell. Er war drauf und dran, seinen eigenen Küchenchef herzuzitieren.

„Kommen Sie, ich helfe Ihnen.“ Sein Freund Theo lächelte anzüglich – wie nicht anders zu erwarten war –, nahm Lucy die Serviette ab und sah dem Mädchen tief in die Augen, während er so tat, als wischte er die Champagnerlache auf.

„So geht das nicht …“ Razis schneidender Tonfall veranlasste Tom, Theo die Serviette wegzunehmen und seinerseits den Schaden zu beheben. Razi bezweifelte, dass einer von ihnen Erfahrung mit dem Beseitigen von Champagnerlachen hatte. Zweifellos boten sie ihre Hilfe nur an, weil sie beabsichtigten, der Kleinen später an die Wäsche zu gehen.

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