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10 Jahre acabus Verlag. Die große acabus Jubiläums-Anthologie. Kurzgeschichten - Lies bunter!

Monika Loerchner (Hrsg.)

10 JAHRE acabus VERLAG


Die große acabus Jubiläums-Anthologie




Vorwort des Verlegers

Liebe Leserinnen und Leser,

dass ich als Verleger einmal ein Autorentreffen beim WACKEN Open Air im Biergarten veranstalte, mit einem Verlagsstand in einem Jahr auf rund 20 regionalen Buchmessen und Conventions in Deutschland, Österreich und Luxemburg präsent bin, oder den Lyrikband der norddeutschen Kultikone Klaus Büchner (Sänger von Torfrock) verlege, entzog sich meiner sonst recht regen Phantasie, als mich 2008 meine damalige Volontärin und anschließende Programmleiterin des acabus Verlages Daniela Sechtig überzeugte, ernsthaft ein Konzept für ein Belletristik-Imprint zu entwickeln.

Seit über 10 Jahren war ich als Verleger von Fachbüchern und wissenschaftlichen Büchern unterwegs – Kontakt zu Autoren, Lesern und Händlern spielen hier keine so große Rolle. Es ging um reine Informationsaufbereitung und die optimale Bereitstellung dieser Informationen. Das ist im Belletristikbereich ganz anders: Hier geht es um Unterhaltung, Emotionen und Menschen – vor allem um Menschen!

Von Anfang an lagen Daniela Sechtig und mir die »anderen« Geschichten mit Charakter am Herzen – Geschichten mit Anspruch, die sich durch Originalität und Individualität auszeichnen und daher oft nicht klar einem Genre zugeordnet werden können – wie wir Menschen auch über mehr oder weniger viele Facetten verfügen. Wir wollten deutschen Autorinnen und Autoren eine Bühne für ihr Debüt geben und uns gemeinsam mit ihnen weiterentwickeln. Die ersten Jahre haben wir unser Lektorat stetig verbessert und sind auf unser hohes Niveau mittlerweile stolz. Neben Daniela Sechtig konnten wir auch Laura Künstler als Lektorin und Claudia Gromann als PR-/Marketing-Fachfrau für unser Programm begeistern. Unsere Cover sind über die Jahre stetig besser geworden, und spätestens seitdem wir mit unserer Graphikerin Annelie Lamers auch das Knowhow im Hause haben, können wir unsere und die Vorstellungen der Autorinnen und Autoren graphisch optimal umsetzen. Zahlreiche Nominierungen und Platzierungen bei Buchwettbewerben zeigen, was wir in den letzten Jahren gemeinsam erreicht haben.

Ein besonderes Anliegen ist uns der Umgang mit Autorinnen und Autoren sowie den Leserinnen und Lesern. Ehrlichkeit, Offenheit und Wertschätzung bestimmen unser Handeln. In diesem Umfeld entstehen unsere Bücher; sie werden geboren und können wachsen und gedeihen.

Das Team des acabus Verlages hat in den letzten 10 Jahren Großes geleistet, von dem sich die Leser regelmäßig überzeugen können. Bei über 20 Neuerscheinungen im Jahr haben wir mittlerweile über 220 Bücher auf den Markt gebracht, die von rund 130 Autorinnen und Autoren geschrieben wurden. Unser Programm umfasst die belletristischen Genres moderner Romane und Kurzgeschichten sowie Krimis und Thriller, historischer Romane und Fantastik, außerdem Sachbücher aus den Bereichen Zeitgeschehen, Biografie und Ratgeber.

Eine Anthologie ist im acabus Verlag bisher noch nicht erschienen – umso mehr waren wir von der Idee der Herausgeberin dieser Anthologie, Monika Loerchner, begeistert, eine ebensolche zum zehnjährigen Jubiläum des acabus Verlages mit dem Thema »10« zusammen mit unseren Bestandsautoren zu gestalten. Einen herzlichen Dank an dieser Stelle an die Herausgeberin und die zahlreichen Autorinnen und Autoren!

Ich persönlich möchte mich zudem bei meinem acabus-Team, bei den Autorinnen und Autoren vom acabus Verlag, den Handelspartnern, den Veranstaltern der Buchmessen und Conventions, den Kolleginnen und Kollegen unserer Kleinverlagscommunity und schließlich und vor allem bei den Leserinnen und Lesern für die tolle Zeit bedanken. Ich freue mich auf die nächsten 10 gemeinsamen Jahre – wir haben noch viel vor!


Herzlichst

Björn Bedey

Verleger des acabus Verlages im Oktober 2018

Vorwort der Herausgeberin

Lieber Leser, liebe Leserin!

Schön, dass Sie da sind, um gemeinsam mit uns das Jubiläum des acabus Verlages zu feiern!

10 Jahre ist es nun her, dass Verleger und Herausgeber Björn Bedey den acabus Verlag gründete. acabus ist ein Verlag, der die Wege fernab des Üblichen sucht. Der Autoren und Autorinnen Mut macht, auf die Stimme ihrer Kreativität zu hören, Neues zu wagen, Außergewöhnliches zu erschaffen und die Leser und Leserinnen mit ihrer Leidenschaft für das geschriebene Wort zu begeistern. Die deutschsprachige Büchervielfalt liegt dem Verlag besonders am Herzen; neben erfahrenen Autoren und Autorinnen nimmt acabus auch immer wieder Jungautoren unter Vertrag und gibt ihnen die Möglichkeit, durch die Qualität ihrer Arbeit zu überzeugen.

An dieser Stelle, lieber Björn, spreche ich Dir und Deinem wunderbaren Team stellvertretend für alle acabus-Autoren meinen Dank aus: Für Euren Einsatz für uns, für Eure Vertrauen in uns. Für Eure Unterstützung, Eure Herzlichkeit und dafür, dass wir gemeinsam mit Euch das tun dürfen, was wir am besten können: viele gute Geschichten erzählen!

Einen Teil dieser Leidenschaft und all dessen, was den acabus Verlag ausmacht, halten Sie, lieber Leser und liebe Leserin, gerade in den Händen. Fünfzehn Autoren und Autorinnen haben es sich zur Aufgabe gemacht, Sie unter dem Thema »10« mit den unterschiedlichsten Geschichten der verschiedensten Genres zu begeistern.

Setzen Sie sich, machen Sie es sich bequem und lassen Sie sich von Erzählungen mitreißen, die so vielfältig sind wie unser Verlagsprogramm. Entdecken Sie Neues – lesen Sie bunter!


Monika Loerchner

Herausgeberin und Autorin des acabus Verlages im Juni 2018

Michaela Abresch


Im Westerwald geboren, aufgewachsen und noch immer wohnhaft. Bücher verschlungen, seit sie lesen kann. Als Dreizehnjährige damit begonnen, Geschichten zu schreiben. Inzwischen verheiratet, Mutter von zwei erwachsenen Söhnen, tätig in der pflegerischen Beratung in der Behindertenhilfe. Neben Kurzgeschichten in verschiedenen Anthologien und Beiträgen in Pflegefachverlagen folgende Veröffentlichungen im acabus Verlag:

2012 Das Mirakelbuch

(Historische Erzählungen aus dem Westerwald)

2013 Ostrakon – Die Scherbenhüterin

(Historischer Roman)

2015 Meermädchen und Sternensegler

(Geschichten zwischen Traum und Wirklichkeit)

2017 Kalt ruht die Nacht

(Historische Kriminalgeschichten aus dem Westerwald)

Darüber hinaus wurde das Märchen ›Der Turm auf dem Eiland‹ (aus dem Buch Meermädchen und Sternensegler) im Jahr 2015 gemeinsam mit dem Hangspieler Uwe Wagner als Hörspiel produziert.

www.michaela-abresch.de

Am zehnten Tag

Als ich zu ihnen geschickt wurde, wusste ich nichts über sie. So wie ich nie vorher etwas über diejenigen erfahre, deren Stirn ich mit meinen Lippen berühre, damit sich der Schwellen­nebel erheben kann. Wenn dieser besondere Glanz ihre Körper umgibt, der ihnen selbst verborgen bleibt.

Die meisten weigern sich, mir einen Raum zu geben, nicht in ihren Gedanken und nicht in ihren Herzen. Sie tun so, als existiere ich nicht, aber stehe ich eines Tages vor ihren Türen, an ihren Betten, zu ihren Füßen oder neben ihren Häuptern, so fahren sie erschrocken zusammen, als hätten sie nicht einmal im Ansatz in Betracht gezogen, mir einst begegnen zu können.

Dieses Mal waren es zwei zugleich. Auch das ist nicht ungewöhnlich, ich bin geübt darin, meine Lippen auf mehrere Stirnen zugleich zu drücken. Bisweilen sind es so viele in ein und demselben Augenblick, an den unterschiedlichsten Orten, dass mir schwindelig werden müsste. Aber ich habe mich im Griff und erledige meine Aufträge zuverlässig – einerlei, wie umfangreich sie sind.

Sie zählten sechzehn Jahre, beide, und waren von gleichem Blut. Ihre Haut hatte die Farbe von Alabaster. Sie hatten kleine Münder, niedliche Nasen und leicht schräg stehende, grüne Augen, die etwas müde wirkten. Jeden Morgen flochten sie einander die Haare zu festen, rotblonden Zöpfen, die daraufhin kerzengerade ihren Rücken herunterhingen, als seien es unberührbare Kunstwerke.

Ihre Namen waren Liv und Lou. Wie der Tintenmacher seine Töchter auseinanderhielt, blieb den Nachbarn und auch den Kunden seiner Werkstatt ein Rätsel, ähnelten die Schwestern einander doch wie ein Schluck Wasser dem anderen. Darüber hinaus erstaunte es alle, dass ein verschrobener Kauz wie der Tintenmacher – klein von Statur, mit schütterem, grauem Haar, das ihm ungepflegt bis auf die Schultern reichte und mit einem Rückgrat so krumm wie eine vom Wind gebeugte Weide – mit derart bezaubernden Töchtern gesegnet war. Ich schließe mich hier nicht aus, doch mir steht es nicht zu, derlei zu hinterfragen.

Sie lebten zu dritt inmitten der Häuserzeile, die sich entlang der von Fuhrwerken und Menschen belebten, schnurgeraden Straße erstreckte und bis zum Marktplatz reichte. Vor langer Zeit hatte der Tintenmacher ein Schild über seiner Haustür platziert, auf dem in schwarzen Druckbuchstaben Ink House geschrieben stand. Nur dadurch unterschied es sich von den Nachbarhäusern, die sich zu beiden Seiten an das des Tintenmachers drängten.

Ich wusste, dass ich die üblichen zehn Tage Zeit hatte. Sie zu betrachten, zu beobachten, in ihrer Nähe zu verweilen. Beim Einschlafen. Beim Aufwachen. Beim Polieren ihrer Schuhe und dem Fegen der Stube. Ich folgte ihnen beim Gang zum Markt, den sie stets gemeinsam unternahmen, in ihren hübschen, karierten oder geblümten Kleidern, die mit weißer Spitze am Rocksaum versehen und immer langärmelig waren. Jeden Mittag bereiteten sie über dem Kochfeuer eine kräftige Suppe zu, die sie anschließend gemeinsam mit dem Tintenmacher an dem langen Eichentisch in der Werkstatt verspeisten. Während sie schweigend und mit gesenkten Köpfen ihre Suppe löffelten, besah ich mir das Sammelsurium um sie herum. In einem Weidenkorb entdeckte ich Galläpfel, daneben zahlreiche, verschieden große, mit Deckeln versehene Gläser, die er beschriftet hatte: Eisensulfat, Pflanzengummi, Lampenöl, Leim, Ruß von verbrannter Nadelholzkohle, Rinden von Weißdorn, Eiche und Birke. Außerdem entdeckte ich eine Balkenwaage mit zwei an Ketten befestigten Zinnschalen, Häcksel, Mörser, Messer, ein Schneidbrett, Rührstäbe aus Holz, eine Reibe, einen Trichter und etliche Quirle. Gleich neben mir in der Zimmerecke gewahrte ich eine mit Stroh gefüllte Holzkiste. Darin lagerten faustgroße, fest mit Schraubdeckeln verschlossene Tintenfässer mit fertig gemischten Tinkturen in all den wundersamen Farben, die der Tintenmacher herzustellen wusste und die von Schreibern im ganzen Land begehrt wurden.

Dass dieser hutzelige Alte imstande war, Tinte zu fertigen, die der Farbe von Edelsteinen glich – saphirblau, malachitgrün, granatrot und schwarz wie Turmalin – und er ihr einen ebensolchen Schimmer zu verleihen vermochte, erstaunte mich und entflammte meine Neugierde. Ich wollte wissen, wie er es anstellte! Noch mehr aber als es die Behältnisse mit den Tinten vermochten, zog mich ein einzelnes, röhrenförmiges Glasgefäß in seinen Bann. Der Tintenmacher hatte es etwas abseits auf einem Wandbord untergebracht. Obgleich es nur eine geringe Menge enthielt, erkannte ich sogleich die mir wohlbekannte Substanz darin. Ein tiefdunkelrotes Serum. Ich nahm seinen Geruch wahr, wenngleich die Röhre mit einem Korken fest verschlossen war. Zu oft war er zu mir durchgedrungen, wenn meine unterkühlten Lippen eine Stirn berührten – in diesem einen bedeutungsvollen Augenblick, in dem sie mich sahen, bevor ich sie auf meine Arme hob und in den Schwellennebel trug.

So sehr ich mich anstrengte zu verstehen, was der Inhalt dieser Glasröhre in einer Tintenmacherwerkstatt verloren hatte, so wenig kam ich dahinter. Und so beschloss ich, da es erst mein zweiter Tag im Ink House war und mir noch Zeit blieb, die Antwort herauszufinden.

Am Morgen des dritten Tages beobachtete ich ihn. Ich hielt mich in der Zimmerecke, als er sich aus seinem Federbett schälte. Der Tag warf sein Licht durch das winzige Fenster an der Längsseite des Raumes und zwang den Tintenmacher dazu, die Augen zusammenzukneifen, kaum dass er sie geöffnet hatte. Seine Knochen ächzten, als er sich von der Bettkante hob. Er trug dieselben Beinkleider und dasselbe fleckige Hemd wie tags zuvor. Glücklicherweise bereiten mir Gerüche, die von solcherlei Unsauberkeiten ausgehen, kein Unbehagen. Wäre dem anders, könnte ich meine Aufgaben kaum mit der Präzision erledigen, für die ich bekannt bin.

Er zwängte seine bloßen Füße in die Holzschuhe neben dem Bett und schlurfte in die Küche, die so winzig und niedrig war wie alle Räume in diesem windschiefen Haus. Die Feuerstelle nahm fast die ganze Mitte ein.

Lou reichte ihm einen Henkelbecher mit dampfendem Kaffee, der so schwarz war wie das Moor draußen vor der Stadt. Die Wangen des Mädchens erschienen mir heute noch bleicher als am Vortag. Vielleicht litt sie an einer Erkrankung. Vielleicht war dies der Grund, warum ich hier war. Vielleicht war sie diejenige, die ich zuerst umarmen würde. Solche Details teilt man mir nicht mit, sie haben mich nicht zu interessieren und offenbaren sich mir erst kurz zuvor.

Ohne ein Wort verließ der Tintenmacher die Küche. Dass er hinkte, war mir bisher nicht aufgefallen. Das rechte Bein schien kürzer als das linke, sodass seine Holzschuhe auf dem Steinboden eigentümlich klackerten.

Seine Werkstatt befand sich im gleichen Haus. Sie bestand hauptsächlich aus dem monströsen Eichentisch mit dem Sammelsurium von Tiegeln, Flaschen und Tintentöpfen. Er nahm die gesamte Längsseite des Raumes ein.

Der Tintenmacher hatte Bedeutungsvolles im Kopf an jenem Morgen: Eine Bestellung immenser Größe, von einem königlichen Boten tags zuvor überbracht. Ich hatte zugesehen, wie der Tintenmacher im Beisein des Boten das Pergament entrollt und es mit glühenden Augen studiert hatte. Zweihundertfünfzig Tiegel mit granatfarbener Tinte. Die Lieblingstinte der Königin!

Wie berauscht war er in seiner Werkstatt herumgesprungen, freilich erst, nachdem der Bote sich empfohlen hatte, und die Wände hatten das Klackern seiner Holzschuhe in einem vielfachen Echo zurückgeworfen und es im ganzen Haus widerhallen lassen.

Nun nahm der Tintenmacher das Pergament, auf dem die Bestellung notiert war – die ungeheuerlichste, die jemals jemand bei ihm in Auftrag gegeben hatte! – , erneut zur Hand. Immer wieder suchte sein Blick mit einem feurigen Flackern die Zahl am Ende des Pergaments. Den bevorstehenden Reichtum vor Augen, setzte er seinen Freudentanz fort.

Am nächsten Tag schickte er Liv und Lou mit einem großen, rechteckigen Weidenkorb zum Gemüsehändler. Die Mädchen schleppten ihn zu beiden Seiten an den ledernden Griffen zum Markt und brachten ihn bis zum Rand gefüllt mit roten Rüben wieder heim. Ihre vor Anstrengung erhitzten Gesichter mit den müden Augen gefielen mir nicht. Es waren noch halbe Kinder, Mädchen dazu. Der Tintenmacher sollte sie nicht schinden wie Arbeitstiere.

Dass Lou gleich darauf begann, die Rüben in einer Blechwanne zu waschen, und Liv das Kochfeuer schürte und den Kessel am Schürhaken befestigte, wunderte mich zunächst nicht, leiteten diese Handgriffe doch das Zubereiten der täglichen Mittagssuppe ein. Ich ahnte nicht, dass ich mit meiner Vermutung vollkommen daneben lag, dafür aber schon bald hinter das Geheimnis der Tintenrezeptur kommen sollte.

Die gesamte Menge gewaschener und zerkleinerter Rüben fand eine gute Stunde später den Weg in den Topf. Lou goss etwas Wasser darüber und begann mit einem Holzlöffel zu rühren. Nach einer Weile wechselten sie ab und Liv trat an den Topf, während ihre Schwester zum Verschnaufen auf den dreibeinigen Holzhocker neben der Tür sank. Schweiß perlte ihnen auf Stirn und Wangenknochen und einzelne Haarsträhnen klebten feucht an ihren Schläfen, was meinen Eindruck verstärkte, sie könnten an einer zehrenden Krankheit leiden.

Seufzend lehnte Lou ihren Kopf nach hinten gegen die Wand. Mit dem Ärmel rieb sie sich über die Stirn. Über die wunderschöne, makellose Stirn, die für mich bestimmt war. So wie alle Stirnen dieser Welt einst mir allein gehören. Nur für einen Moment gab ich mich der kleinen, süßen Zerstreuung hin, bevor die Stimmen der Mädchen meine Aufmerksamkeit wieder in die Gegenwart lenkten.

»Sie dürfen nicht anbrennen.«

»Ich weiß. Ich höre nicht auf, zu rühren.«

»Erinnerst du dich, wie er beim letzten Mal gezetert hat, weil wir nicht aufgepasst haben?«

»Sorg dich nicht, es wird nicht wieder passieren.«

Im Ink House war seit meiner Ankunft so selten gesprochen worden, dass ich schon geglaubt hatte, es sei den Töchtern des Tintenmachers verboten, miteinander zu reden.

Die roten Rüben köchelten. Dampfschwaden zogen bis unter die Decke, die Scheibe des kleinen Fensters beschlug, der würzige Rübenduft verteilte sich in der Luft bis hinüber zur Werkstatt. Irgendwann war das Klackern der Holzschuhe zu vernehmen. Der Alte erschien in der Tür. Er trat an den Topf und warf einen prüfenden Blick hinein.

»Macht sie weich!«

Ohne ein weiteres Wort schlurfte er hinaus. Liv griff nach einem Metallstampfer und begann, die weichgekochten Rüben im Topf zu zerquetschen. Ich hörte, wie sie dabei leise aufstöhnte, jedes Mal, wenn sie mit Nachdruck den Stampfer bis zum Topfboden drückte, wieder und wieder, und ich sah, wie ihr dabei der Schweiß an den Schläfen herunter rann. Nur mit großer Mühe hielt ich mich zurück, sie in meine Arme zu nehmen und sie dort ausruhen zu lassen. Niemand beherrscht diese Gabe so mustergültig wie ich. Es wäre ein Leichtes gewesen, der Tochter des Tintenmachers in diesem Augenblick meine Lippen auf die Stirn zu drücken, damit sie Ruhe im Herzen der Ewigkeit finden könnte. Aber damit hätte ich entgegen meines Auftrages gehandelt, den einzuhalten ich verpflichtet war. Ich nehme meine Anweisungen sehr genau. Das heißt, im Allgemeinen nehme ich sie sehr genau, denn dieses eine Mal habe ich sie eher ungenau genommen. Nicht, was den vorzeitigen Kuss betrifft, denn ich bin ein Meister der Selbstbeherrschung. Solange die Zeit noch nicht gekommen ist, führt es zu nichts, in vorzeitigen Aktionismus zu verfallen. Ich beging vielmehr eine, sagen wir, eigenmächtige Auftragsabwandlung. Eine Schwäche, die ich mir wahrscheinlich nie verzeihen werde. Doch ich will nicht vorgreifen.

Abermals wechselten sie sich ab. Eine Weile stampfte Lou. Dann ruhte sie aus und Liv übernahm.

»Er wird uns rufen.«

»Ich weiß. Nicht daran denken.«

»Ich kann nicht aufhören, daran zu denken.«

»Versuch es.«

Nicht einmal im Ansatz war es mir möglich zu erraten, wo­rüber sie sprachen. Was sie befürchteten. Was sie vorhersahen. Verbissen zerquetschte Lou die letzten festen Rübenstücke im Topf zu rotem Mus. Endlich hielt der Stampfer inne.

Erst jetzt, da die Mädchen in einer aufwändigen Prozedur damit begannen, den Rübenbrei durch ein Sieb zu seihen, begriff ich, dass sie nicht die tägliche Suppe, sondern die Grundsubstanz für die granatrote Tinte herstellten, die der königliche Bote im Auftrag der Königin bestellt hatte.

Erneut schürten sie das Feuer, noch einmal kochte der Inhalt im Topf auf. Liv brachte Eier herbei, schlug sie auf, fing das Gelbe in einer Schale auf und versetzte den Rübensaft mit dem Eiklar.

Schließlich wuchtete Lou den Topf vom Schürhaken, um den Rübensaft langsam in einen Eimer zu gießen. Die Handgriffe der Mädchen verrieten großes Geschick. Ich nahm an, dass sie sie nicht zum ersten Mal ausführten.

Und wie sie dort standen in der vom Rübendampf geschwängerten Küche, in ihrer Mitte den gefüllten Eimer und hörbar Atem schöpften, trat ein seltsamer Stillstand ein. Mir war, als hörte ich in dieser Lautlosigkeit ihre Herzen schlagen, hastige, flatterhafte Schläge, wie sie einzig von Herzen verursacht werden, in denen die Furcht wohnt. Die Blicke der Schwestern verschmolzen miteinander wie in einem geheimen Ritual, als seien sie dadurch in der Lage, sich für das Kommende zu stärken.

Die Stille zerbrach. Vor der Tür polterte die Stimme des Tintenmachers.

»Wo bleibt ihr?«

Wie auf Kommando ergriffen Lou und Liv den Henkel des Eimers. Mit kleinen Schritten trugen sie ihn zur Werkstatt, wo der Tintenmacher bereits seine Utensilien hergerichtet hatte. Das Zittern in Livs Beinen entging mir ebenso wenig wie das ängstliche Flackern in Lous Augen.

Keinem Bürger der Stadt, keinem der Nachbarn rund ums Ink House, keinem Kunden der Werkstatt und erst recht nicht der Königin hätte in den Sinn kommen können, welch absonderliche Essenz der Tintenmacher seinen Tinten beimischte, damit sie den brillanten Schimmer erhielten, für den sie bekannt waren.

Es ist mir nicht erlaubt, einzuschreiten. Niemals. Wie oft ich zum unfreiwilligen Zuschauer von Gräueltaten wurde, deren Intensität und Ausmaße das Fassungsvermögen eines menschlichen Verstandes übersteigen, vermag ich nicht zu sagen. Das Zusehen ist Teil meiner Aufträge und niemand weiß besser als ich, auf welch grausame Arten ein Leben verlöschen kann.

Auch die Drangsal, die hinter den verriegelten Türen und verschlossenen Fenstern des Ink House vor sich ging, hatte ich mitanzusehen und auszuhalten.

Noch bevor die Mädchen den Eimer vorsichtig auf dem Tisch der Werkstatt platziert hatten, entdeckte ich dort die Apparatur. Der Tintenmacher musste sie in der Zwischenzeit aufgebaut haben. Ihre Höhe betrug etwa zwei Armlängen und sie bestand aus einem Trichter, der in eine schmale, durchsichtige Röhre führte, die wiederum in ein bauchiges, oben offenes Glasgehäuse mündete. Von hier aus verlief eine zweite Röhre mit starkem Gefälle nach unten. Sie endete in einem weiteren kugelförmigen Glasbehälter, an dessen Unterseite eine Art Pipette angebracht war. Darunter war eins der Tintenfässchen positioniert, mit einem kleinen Metalltrichter in der Öffnung. Weitere standen aufgereiht zum Abfüllen in unmittelbarer Nähe.

Ich war sicher, alles zu kennen, was sich ein menschlicher Geist ausdenken kann. Doch an jenem Tag wurde ich eines Besseren belehrt.

Mit seinem krummen Zeigefinger winkte er Lou zu sich heran. Angstweit waren ihre Augen, als sie sich auf den Stuhl setzte, den er neben den Tisch in die Nähe der Apparatur gerückt hatte. Während ihre zittrigen Finger den Ärmel ihrer Bluse nach oben schoben, näherte sich ihr der Tintenmacher. In der Hand hielt er eine Eisennadel, die er soeben an seinem Hemd abgerieben hatte. Als mein Blick auf Lous schändlich zugerichteten Arm fiel, enthüllte sich mir der Grund, warum die Mädchen allezeit langärmelige Blusen trugen.

Liv, einen Tonkrug in den Händen, hielt sich bereit, um das kostbare Serum aufzufangen. Weder die Tränen noch die Angst in den Augen seiner Töchter interessierten den Tintenmacher. Stumm begann er sein perfides Werk. Ein Gummiband um Lous Oberarm unterband im Nu den Blutfluss. Gleich darauf rammte der Tintenmacher die Nadel in eine leicht hervortretende Ader. Er bohrte darin herum, als könne er die Öffnung dadurch vergrößern und sein Mund verzog sich zu einem Lachen, als dunkelrotes Blut austrat. Lou presste die zitternden Lippen zusammen, gab keinen Laut von sich, aber ich spürte den Schmerz, der sie innerlich fast zerriss. Der Tintenmacher knurrte, die Mädchen schwiegen.

Das blutige Rinnsal suchte sich seinen Weg an der Nadel vorbei, den Arm herunter und Liv beeilte sich, es im Krug aufzufangen. Nach kurzer Zeit zeigten sich um die Einstichstelle herum ein bläulicher Fleck und eine knotige Verdickung. Was noch an Farbe in Lous Lippen war, wich einer beunruhigenden Blässe. Ihre Lider flatterten, der Oberkörper neigte sich zur Seite. Erst jetzt zog der Tintenmacher die Nadel aus ihrer Ader. Hastig stellte Liv den Krug auf den Tisch. Sie eilte an die Seite ihrer Schwester, um sie zu stützen. Das Blut rann weiter, tropfte dunkelrot und kreisrund auf den Steinfußboden. Der Tintenmacher knurrte.

»Bring sie raus! Und dann komm zurück!«

Ich weiß nicht, woher Liv die Kraft bezog, ihre besinnungslose Schwester mit einem beherzten Griff um den Oberkörper rückwärts aus der Werkstatt zu schleifen. Vermutlich tat sie auch dies nicht zum ersten Mal. Unter Ächzen und außer Atem schleppte sie Lou in die Schlafkammer. Nachdem sie sie ins Bett geschafft und ihr einen kühlen Lappen auf die Stirn gelegt hatte, eilte sie gleich darauf zurück in die Werkstatt.

Ihr zog der Tintenmacher die Eisennadel aus der Ader, bevor sie das Bewusstsein verlor. Er ließ sie gehen, immerhin, und sie tappte wie ein Geist in die Schlafkammer und legte sich neben ihre Schwester.

Ich verharrte in der Werkstatt und wurde Zeuge, wie der Tintenmacher das Blut seiner Töchter in die Apparatur gab und es darin mit dem vorbereiteten Rübensaft und einer akribisch abgemessenen Menge Bindemittel versetzte.

Die folgenden Tage brachte er damit zu, granatrote Tinte mit dem Schimmer eines Edelsteins herzustellen. Er befüllte Tintenfässchen um Tintenfässchen und rieb sich die Hände. Seine Augen funkelten, wenn er an die Schatullen voller Münzen dachte, die die Königin ihm dafür bezahlen würde.

Niemand außer mir wusste von all dem. Still wachte ich über die Töchter des Tintenmachers. Sie ruhten in einem sanften Schlaf, unter meiner Obhut, und sahen dabei schöner aus denn je.

Als der zehnte Tag anbrach und ihre Lider zu zittern begannen, traf ich meine eigenmächtige Entscheidung. Ich verließ sie ohne den von allen Qualen erlösenden Kuss.

Stattdessen suchte ich ein letztes Mal die Werkstatt auf. Sechs Tage und Nächte war der Tintenmacher dort bereits unablässig mit der Herstellung der Tinte zugange. Seine granatroten Fingerspitzen zeugten davon. Die Arbeit nahm ihn vollends in Beschlag, sodass er vergessen hatte zu essen und zu trinken. Jeder seiner Gedanken kreiste immerzu um den bevorstehenden Reichtum. Um der Müdigkeit entgegenzuwirken, schnupfte er hin und wieder Arsenik, das er in einem Lederbeutel am Gürtel bei sich trug. Ich bemerkte, dass er die Mengen des Pulvers, das er von der Faust zuerst ins rechte, dann ins linke Nasenloch einzog, von Tag zu Tag steigerte. Insgeheim freute mich dieser Umstand, denn dadurch lieferte er mir, ohne es zu wollen, ein Argument für meine willkürlich herbeigeführte Planänderung.

Liv und Lou fanden ihn auf dem Fußboden der Werkstatt neben einer Kiste mit zweihundertfünfzig abgefüllten Fässchen granatroter Tinte. Sein Körper war erkaltet, und der Abdruck meiner Lippen nicht mehr sichtbar auf seiner Stirn. Ich selbst hielt mich längst an einem anderen Ort auf.

Niemals erfuhren sie, dass ich sie an jenem zehnten Tag verschont habe.

Viele Jahre vergingen, bis ich ein zweites Mal zu ihnen geschickt wurde. Auf eine für sie ebenso überraschende wie unerklärliche Weise empfanden sie mich nicht als Fremden und meine Anwesenheit alles andere als bedrohlich. Und als ich sie in die Arme schloss und kalt auf die Stirn küsste, da zog gar ein Lächeln über ihre Lippen.

Sabine Adatepe


Sabine Adatepe, Autorin und Literaturübersetzerin, studierte Turkologie, Iranistik und Germanistik in Hamburg, wo sie nach ein paar Jahren in Istanbul auch heute wieder lebt.

Sie hat zahlreiche Bücher aus dem Türkischen übersetzt, zuletzt von Burhan Sönmez, Ahmet Ümit und Can Dündar, und schreibt Essays, Erzählungen und Romane. Zudem führt sie ein literarisches Blog, ist als Herausgeberin tätig, kuratiert und moderiert literarische Veranstaltungen.

Ihr Roman »Kein Frühling für Bahar«, ebenfalls aus dem Wilhelmsburger Milieu, erschien 2013 bei acabus und wurde 2015 auch ins Türkische übersetzt.

www.sabineadatepe.de

Der zehnte Imam

»Would you please take your meal, Sir?«

Ali schrak hoch, das Buch klappte zu und rutschte ihm vom Schoß. Vor seiner Nase schwebte ein so verführerisch duftendes wie unansehnliches Päckchen in Aluhülle.

»Thank you.« Er kramte noch in der Handvoll englischer Vokabeln, die er beherrschte, da gab die Stewardess bereits zwei Reihen weiter das Essen aus. Arabisch sprach er fließend, sein Persisch war passabel und der Crashkurs Deutsch hatte ihn laut Zeugnis dazu befähigt, »alltägliche Ausdrücke und einfache Sätze zur Befriedigung konkreter Bedürfnisse zu verstehen und zu verwenden«. Nur mit Englisch haperte es entsetzlich. Wo war jetzt das Buch hin? Ali beugte sich vor, tastete den Boden zwischen seinen Füßen ab, stieß die des Sitznachbarn an und stoppte im letzten Augenblick den Fluch, der ihm über die Lippen wollte. »Pardon«, entschuldigte er sich bei dem Mann, der unwillig nickte. Als der die arabischen Buchstaben auf den Seiten erspäht hatte, hatte er ihn verstohlen beäugt. Sah Ali wie ein potenzieller Terrorist aus? Wie zufällig hatte er das Buch geschlossen und den Titel dem Nachbarn ins Blickfeld gerückt. IT-Marketing-Solutions Middle East. Klang wichtig. Ökonomisch. Professionell. Wechselbuchhüllen erleichterten das Leben ungemein.

Jetzt reichte die Frau auf dem Platz am Gang ihm das Buch zurück, sie lachte: »Das war wohl auf der Suche nach einer neuen Besitzerin.«

Fragend schaute er sie an und brachte verwirrt wieder nur ein »Thank you« heraus. Die Sprache, dachte Ali, das ist die größte Hürde, noch vor dem Abendgebet organisiere ich mir einen Deutschkurs! Dann machte auch er sich über die beinahe verpasste Verpflegung her.

Ewig musste er auf die zwei großen Koffer warten. Fünf Jahre Deutschland kamen ihm wie ein unendliches Exil vor, dabei hatte er sich freiwillig dafür entschieden. Nach zahlreichen Studien war sein Forschungsthema, die Zwölfer-Schia mit ihrem entrückten Imam, plötzlich nicht mehr opportun gewesen. Man drängte ihn, auf ein sunnitisches Thema zu wechseln. Sympathien für den Iran waren in Ordnung, aber doch nicht für die schiitische Lehre! Für ein anderes Thema hätte er ein Stipendium bekommen, doch er zog es vor, unabhängig zu bleiben. Nur weg und mich neu sortieren, hatte er gedacht und war froh gewesen, als es mit der Imam-Stelle in Hamburg auf Anhieb klappte. Die Zollbeamten winkten ihn heraus. Umständlich löste er die Schnüre von den Koffern. Als die Beamten die arabischen Buchstaben auf den Büchern darin sahen, las er Misstrauen in ihren Blicken.

»Business?«

»Not business, religion«, gab er zurück. »Ich bin Imam.«

Ungläubig musterten sie ihn von oben bis unten. In ihren Augen machten offenbar nur Bart, Kaftan und Turban einen Imam. Erst als er den Diplomatenpass vorwies, ließen sie ihn durch.

»So einer hat hier gerade noch gefehlt«, grummelte der Bullige in seinem Rücken, verstummte aber, als Ali sich zu ihm umdrehte.

»Pardon?«

»Schon gut, Sie können gehen.«

Die Sprache! Wie lange sollte das noch so gehen, dass er nicht die Hälfte verstand und schon gar nicht, was zwischen den Zeilen gesagt wurde?

Zu dritt erwarteten sie ihn, untersetzt alle drei, zweimal Schnauzer, einmal Vollbart, altmodische, bis obenhin zugeknöpfte Hemden unter abgetragenen Jacketts, natürlich keine Krawatten. Aber sie lächelten.

»Hocam? Ali Hoca?«

Die Fahrt durch die verregnete Stadt nutzte der Vorsitzende Ahmet Bey für eine Art Kreuzverhör. Ali war unverheiratet, langes Studium, kurze Berufserfahrung, ja, auch im Ausland, Promotion kurz vor dem Abschluss, keine Sorge, die Studien würden seine Aufgaben als Gemeindevorsteher nicht beeinträchtigen.

Vor Ort ein kurzer Gang durch das prächtige Moscheegebäude, dann Begrüßung im Gemeindezentrum, wie sie den angegliederten Raum mit Minibüro und Teeküche hochtrabend nannten. Zurückhaltend aber nicht unfreundlich begegnete ihm ein Dutzend Männer im Alter des Vorstands, die kleine Abordnung der Jugendorganisation dagegen wirkte freudig erwartungsvoll. Beim Tee erfuhr Ali, dass sein Vorgänger vor Monaten Hals über Kopf abgereist war. Wie alle DITIB-Gemeinden stand auch diese seit Monaten im Verdacht, Regierungsgegner nicht nur bespitzelt, sondern ...

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