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... und ewig lockt das Emmental

Frank Michael Jork

... und ewig lockt das Emmental

Die neuen Urlaubsabenteuer der Familie Stegemann





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

… UND EWIG LOCKT DAS EMMENTAL

Familie Stegemann wieder unterwegs

Eine turbulente Urlaubskomödie

von Frank Michael Jork

Der Umfang dieses Buchs entspricht 150 Taschenbuchseiten.

Der Sommer 1967 naht, und die Berliner Familie Stegemann zieht es wieder zu Helmuts Bruder Thomas, genannt Tommy, ins idyllische Emmental. Doch wieder gibt es statt geruhsamer Tage jede Menge Aufregungen. Christines Kusine Sigrid reist diesmal mit, Tommys Freund Bernd taucht ebenfalls auf und hat eine Überraschung parat, und Tommy selbst hat auch eine Neuigkeit zu verkünden. Statt geruhsamer Ferientage gibt es also jeden Tag turbulente Ereignisse.

1

„Heute Abend gibt’s mal Hawaii-Toast. Was denkst du darüber?“

Ich hielt überrascht inne beim Kauen meiner Vollkornstulle mit Hüttenkäse, ließ die Zeitung sinken, die ich während des Frühstücks gewohnheitsmäßig las, um jederzeit nachrichtentechnisch auf der Höhe zu bleiben und sah meine Frau Christine erstaunt an. Was hatte denn das zu bedeuten? Nicht nur, dass mich meine holde Gattin ohne meine Zustimmung seit drei Wochen auf möglichst kalorienarme und zugleich ballastreiche Kost gesetzt hatte, weil ich angeblich ein klein wenig abspecken musste. Dabei hätte ich schwören können, dass ihr ein Fehler bei der Wäsche unter- und meine Sachen nur eingelaufen waren. Dazu kam, dass sie selbst doch gar keinen Käse mochte. Aber der gehörte schließlich bei diesem Gericht zum Überbacken dazu. Außerdem würden auch sämtliche andere Zutaten alle nur erdenklichen Kalorienobergrenzen durchbrechen, die mir in jenen Tagen verordnet worden waren.

„Hä?“ Ich konnte den Ausdruck meiner großen Verwunderung nicht unterdrücken. Und es beschlich mich sofort der Verdacht, dass die Ankündigung dieses kulinarischen Genusses ein heimtückischer Bestechungsversuch war. Ich sollte vermutlich für einen bestimmten Plan oder Wunsch meiner geliebten Ehefrau gnädig gestimmt werden. Ich beschloss, gar nicht lange um den heißen Brei herumzureden und sagte kurz und knapp, was ich dachte.

„Also dann! Was möchtest du gern haben und was kostet es?“

Christine hatte gerade in ihre Schrippe gebissen und schüttelte nur den Kopf. Ich sah sie geduldig an und wartete, bis sie den Bissen heruntergeschluckt hatte.

„Ich weiß gar nicht“, begann sie schließlich scheinbar erstaunt, „wovon du redest.“ Sie lächelte mir mit unschuldiger Miene zu und blickte dann konzentriert zu unserem Sohn Andreas, der gerade seine Pausenbrote in der Schulmappe verstaute. Man hätte den Eindruck gewinnen können, sie würde das zum ersten Mal beobachten, so fasziniert wirkte ihr Blick.

„Im Gegenteil. Das weißt du sehr genau.“ Ich warf ihr einen ironischen Blick zu. „Seit Tagen… ach, was sage ich... seit Wochen bekomme ich Diätnahrung und Ballaststoffe. Keine Schrippe, kein Toastbrot, nichts! Aber auf einmal willst du mir eines meiner Lieblingsgerichte zum Abendessen servieren? Da stimmt doch was nicht.“

„Aber Liebling, wenn du mal wieder Weißbrot essen möchtest, dann sollst du es gern bekommen“, sagte sie harmlos. „Ich habe nichts dagegen. Ich kann welches besorgen.“

Misstrauisch sah ich in ihre Augen. „Ich kenne dich, das ist dann bestimmt Diätbrot!“

Sie lachte hell auf, aber es klang künstlich und aufgesetzt. „Dann kannst du von mir aus auch Brötchen bekommen.“

„Ich wette mit dir, das sind dann unter Garantie Diätbrötchen“, entgegnete ich, weiterhin mit unverhohlenem Zweifel in der Stimme. Dafür erntete ich prompt einen schiefen Blick, der mich verstummen ließ.

Über diese Diskussion war die Zeit vergangen. Andreas musste in die Schule, ich ins Büro. Wieder einmal hatte es Christine geschafft, eine meiner durchaus wichtigen Fragen unbeantwortet zu lassen.

Sie werden sich sicherlich an uns erinnern, liebe Leser, und dass wir im Sommer 1966 meinen kleinen Bruder Thomas, der in der Schweiz lebte und arbeitete, besucht haben. Wir, das sind meine Frau Christine, unsere Kinder Andreas und Melanie, sieben und zwei Jahre alt, und meine Wenigkeit mit dem Namen Helmut aus der Sippe der Stegemanns.

Seit unserer Rückkehr von diesem turbulenten bis chaotischen Familienurlaub waren nun schon einige Wochen vergangen und wir waren wieder voll in unserem Alltagsrhythmus.

Als ich in der Mittagspause nach Hause kam, bekam ich auch noch nicht heraus, was des Rätsels Lösung für Christines Verhalten war, denn statt meiner Frau fand ich nur ein Blatt Papier auf dem Küchentisch vor, auf dem ich mit den liebenswürdigsten Worten gebeten wurde, das Mittagsessen für mich und Andi ausnahmsweise selbst zuzubereiten. Dazu musste ich nach den Anweisungen auf dem Zettel nur die Gulaschsuppe im Topf auf dem Herd aufwärmen und dazu eine Butterstulle schmieren. Na, das war vielleicht eine unangenehme Überraschung! Wo sich Christine befand, erfuhr ich jedoch nicht. Diese Information hatte sie mir auf ihrer Nachricht vorenthalten. Aber Melanie hatte sie wohl mitgenommen.

„Wo ist denn Mami?“, fragte Andreas, als er aus der Schule nach Haus kam. Auch er war es nicht gewohnt, dass seine sonst so treusorgende Mutter zur Mittagszeit nicht anwesend war.

„Wenn ich das wüsste... Komm, iss deine Suppe, ehe sie kalt wird!“

Andi nahm den Löffel und begann zu essen. Ich hörte, wie er dabei laut schlürfte, sagte aber nichts. Ich war viel zu verwirrt darüber, dass Christine Geheimnisse vor mir hatte.

Wir hatten gerade unser Mahl beendet und es war für mich Zeit, ins Büro zurückzukehren, als sie nach Hause kam. Melanie hatte sie an der einen Hand, mit der anderen hielt sie ihren Einkaufskorb.

„Sag mal, wo warst du denn?“, fragte ich kühl und sah sie vorwurfsvoll an. Sie gab mir einen flüchtigen Kuss auf die Wange, zog Melanie das Jäckchen aus und meinte nur beiläufig:

„Das erzähle ich dir alles heute Abend, Liebling.“

„Ich möchte auf der Stelle wissen, was hier vor sich geht!“, begehrte ich auf.

„Das lässt sich nicht mit wenigen Worten erklären. Dafür brauche ich etwas Zeit und du musst doch wieder zur Arbeit. Heute Abend sollst du alles erfahren, Liebling. Ich schwöre es.“

Ich blickte auf meine Armbanduhr. Sie hatte Recht. Also fügte ich mich und versuchte, meine Neugier bis zum Feierabend zu zügeln. Wenn Christine ausdrücklich schwor, dass sie mir heute Abend alles erzählen würde, dann konnte ich mich darauf verlassen. Auch wenn ich noch immer nicht die geringste Ahnung hatte, was das alles zu bedeuten hatte.

Der Abend kam und ich verdrängte während des Essens mein Bedürfnis, von meiner Frau Aufklärung über ihr geheimnisvolles Tun zu erhalten. Hunger ging vor Wissensdurst. Außerdem sagte ich mir, dass ich die Stärkung vermutlich bitter nötig hatte.

Ich genoss jeden Bissen meines Hawaii-Toasts und hatte keinerlei Mitleid mit Christine, die trotz ihrer Abneigung gegen Käse auch für sich eine Portion zubereitet hatte, wobei sie den Käseanteil auf ein Minimum reduziert hatte. Ich strahlte sie an und auch Andreas, der es sich genau wie ich schmecken ließ. Schließlich war das Abendessen beendet und nachdem die Kinder im Bett waren, setzten wir uns ins Wohnzimmer.

„So, mein Schatz. Nun aber mal heraus mit der Sprache! Erklär' mir mal bitte, warum du glaubtest, mich mittels dieses Essens, das übrigens sehr lecker war, gnädig stimmen zu müssen. Auf was auch immer…“

Einen Augenblick zögerte Christine noch, dann rückte sie mit der Wahrheit heraus.

„Liebling, es geht um Frau Laschke.“

„Wer ist Frau Laschke?“

„Aber Helmut, du kennst doch Frau Laschke, die den Zeitungs- und Zigarettenladen um die Ecke hat.“

„Ach ja!“ Ich erinnerte mich. Ich kaufte dort regelmäßig meine Zeitung und ab und zu eine Packung Zigaretten, wenn Christine und ich mal irgendwo zu einer Feier eingeladen waren. Aber den Namen der Ladeninhaberin hatte ich nie so richtig zur Kenntnis genommen. Doch das war auch in diesem Moment nicht so wichtig.

Christines Redefluss war schon wieder versiegt.

„Was ist denn nun mit deiner Frau Laschke?“, fragte ich deshalb ungeduldig..

„Frau Laschke hat nämlich eine Tochter...“

Erneutes Schweigen.

„Ja, und?“

„... und diese Tochter, sie heißt übrigens Irene, lebt in München...“ Wieder Pause.

„Schaahatz!“ Ich verlor langsam die Geduld. „Könntest du mal einen deiner Sätze vollenden, so dass das Ganze einen Sinn ergibt.“

„Also diese Tochter bekommt nun ein Kind und Frau Laschke will deswegen für zwei Wochen zu ihr. Die Geburt des Kindes wird in der nächsten Woche erwartet.“

Noch immer war mir nicht klar, was wir damit zu tun haben sollten und warum Christine mit mir darüber sprach.

„Nun, und jetzt hat mich Frau Laschke gefragt, ob ich nicht für diesen Zeitraum, während sie bei ihrer Irene ist....“

„Ob du was....?“ Ich ahnte Schlimmes, wagte es aber nicht auszusprechen.

„...ob ich nicht während ihrer Abwesenheit den Laden übernehmen könnte. So, nun ist es heraus“, sagte Christine im Schnellzugtempo mit einem Seufzer der Erleichterung zum Schluss und wartete auf meine Reaktion.

Ich holte tief Luft und überlegte kurz. Als ich nichts sagte, fügte sie noch hinzu: „Natürlich bekomme ich die Arbeit bezahlt.“

„Na, das wäre wohl auch noch schöner, wenn dem nicht so wäre!“, rief ich fast entrüstet aus.

„Nun, was meinst du?“

„Warum sollst du denn diese Aufgabe übernehmen? Und noch so kurzfristig dazu? Sie könnte doch das Geschäft für die zwei Wochen einfach schließen. Das machen doch andere Ladenbesitzer auch“, versuchte ich einzuwenden.

„Das möchte sie nicht wegen der vielen Stammkunden. Die möchte sie nicht enttäuschen.“

„Ach, und wegen dieser mir fremden Menschen soll unser Familienleben leiden?“

„Aber Helmut, nun sei doch nicht albern. Es handelt sich doch lediglich um vierzehn Tage.“

„Das mag ja sein. Aber hat sie denn keine eigene Familie? Wo ist denn Herr Laschke?“

„Frau Laschke ist doch Witwe und andere Kinder als ihre Tochter hat sie auch nicht“, informierte mich Christine mit deutlichem Vorwurf in der Stimme, als ob ich das hätte wissen müssen.

„Und außerdem hatte sie wohl ihre Schwägerin, die Schwester ihres Mannes gefragt und zunächst auch eine Zusage bekommen. Aber dann hatten die beiden eine Meinungsverschiedenheit, ein Wort gab das andere, und schließlich stand sie ohne Aushilfe da.“

Ich schüttelte den Kopf. Nur weil im Hause Laschke Krieg herrschte, sollte unsere schöne geregelte Welt auf den Kopf gestellt werden.

„Ich habe prinzipiell natürlich nichts dagegen und verbieten lässt du dir leider sowieso nichts“, sagte ich mit übertriebenem Bedauern und breit grinsend und zwinkerte ihr zu. „Aber ich dachte, wir waren uns einig, dass du erst dann daran denkst, dir wieder eine Arbeitsstelle zu suchen, wenn die Kinder schon etwas selbständiger sind.“

„Ich habe mir ja nichts gesucht. Frau Laschke hat mich doch nur mal so gefragt. Außerdem wäre es wirklich nur aushilfsweise, für die vierzehn Tage, bis sie wieder aus München zurück ist. Das ist schließlich keine richtige Arbeitsstelle, nur so ein Job.“

„Job… Job… Job! Wenn ich das schon höre! Schon das Wort ist mir unsympathisch“, polterte ich. „Und was ist mit den Kindern in dieser Zeit? Woher bekommen die ihr Essen und wer beaufsichtigt sie? Von mir wollen wir gar nicht mal reden.“

„Von dir?“, fragte Christine und kicherte. „Musst du denn auch beaufsichtigt werden?“

Ich starrte sie etwas verständnislos an, dann aber musste auch ich lachen. Christine erhob sich von ihrem Platz auf einem unserer neuen schwarzen Drehsessel aus schwarzem Skaileder, deren Sitzfläche mit weißem Schafsfell bezogen war und nahm neben mir auf der Couch Platz.

„Liebling, ich habe schon alles durchdacht. Für Euer Mittagessen und die Beaufsichtigung der Kinder sorgt Tante Hanna“, verkündete meine liebe Frau. „Sie macht’s doch auch gern, außerdem habe ich ihr versprochen, einen kleinen Vorrat ihrer geliebten Knoblauchwurst anzulegen. Da konnte sie nicht widerstehen“, setzte sie mit amüsiertem Unterton hinzu.

Ich seufzte nachhaltig. Ach je! Ich hatte wirklich nichts gegen meine Tante, aber manchmal konnte sie schon anstrengend sein. Raue Schale – weicher Kern!

„Weiß sie das schon?“

„Ja, ich habe sie schon gefragt. Deswegen war ich nämlich heute Mittag auch nicht zu Hause. Melanie und ich waren bei ihr. Zuerst hat sie sich gesträubt, als ich ihr sagte, sie müsste dann jeden Morgen um sieben Uhr bei uns sein. Aber schließlich hat sie Ja gesagt“, sagte Christine und man hörte einen gewissen Triumph in der Stimme, der mir ein unbehagliches Gefühl bescherte. Aber dann lieferte sie noch ein Argument nach, das mich endgültig die Waffen strecken ließ.

„Sieh mal, es ist doch nicht nur so, dass ich der netten Frau Laschke aus der Klemme helfe. Ich finde es auch praktisch, dass ich auf diese Weise ein nettes zusätzliches Sümmchen für dein Geburtstagsgeschenk dazuverdienen kann. Ist das nichts?“ Sie lächelte mich strahlend an. Das war zwar eigentlich eine glatte Erpressung, aber konnte ich da noch Nein sagen?



2

Christine stand also während Frau Laschkes Abwesenheit hinter dem Ladentisch und verkaufte fleißig Zeitungen, Zeitschriften, Zigaretten und Süßigkeiten.

Tante Hanna stand pünktlich jeden Morgen um sieben Uhr vor der Tür, um ihre Tätigkeit als unsere Haushälterin und Kindergärtnerin aufzunehmen. Und ich muss zugeben, alles lief wie am Schnürchen ohne jede Panne. Bis auf die Tatsache, dass es mehrmals süß-saure Soße gab, die unser Tantchen nur allzu gerne zu allen möglichen Gerichten servierte.

Ohnehin waren ihre Kochkünste begrenzt. Trotzdem bedankten wir uns mit einem großen Pralinenkasten für ihre Hilfe.

„Die Sorte kenne ich, kostet eine Mark fuffzig“, sagte Tante Hanna mit Kritik in der Stimme, als sie ihn in Empfang nahm.

Christine machte ein entsetztes Gesicht.

„Aber Tante Hanna, wir…“

„Mädel, ich wollte dich doch nur necken. Ich freue mich doch über die Geste und nebenbei gesagt, die kaufe ich auch immer. Die schmecken gut.“ Mit diesen Worten riss sie die Verpackung auf, nahm eine Praline heraus und stopfte sie der verdutzten Christine in den vor Staunen offenen Mund.

„Ajoo weischt du, Tanne Hanna...“ Die Aussprache meiner Frau war in diesem Augenblick nicht sehr deutlich. Ich lachte laut auf. Prompt bekam ich auch den Mund gestopft. Mein Lachen ging in ein Husten über… Ich mochte doch gar keine Pralinen! Und dann auch noch mit Knickebein gefüllt! Bääh!“


Als Frau Laschke nach ihrer Rückkehr bei uns im Wohnzimmer saß und aufgeregt von ihrer Tochter und mit Begeisterung vom Enkelkind erzählte, hatte sie auch schon Fotos dabei und wir durften die neue Erdenbürgerin bewundern. Christine bekam einen ganz verklärten Blick und ich bekam schon Angst, dass sie auf den Gedanken kommen könnte, auch unsere Familie noch einmal zu vergrößern. Sie schien meine Befürchtungen zu erahnen, denn sie sah mich amüsiert an, machte dann aber eine Kopfbewegung, die mir Entwarnung signalisieren sollte.

„Jedenfalls bin ich Ihnen sehr, sehr dankbar, liebe Frau Stegemann, dass Sie bei mir eingesprungen sind. Und auch Ihnen, Herr Stegemann, dass Sie soviel Verständnis gezeigt haben.“

Bescheiden wehrte ich ab. „Aber sicher doch, Frau Laschke, das ist doch gar keine Erwähnung wert.“

„Doch, doch, Herr Stegemann. Was denken Sie, wie viele rückständige Ehemänner es gibt, die nicht wollen, dass ihre Frauen arbeiten gehen. Gut, dass Sie nicht zu dieser Sorte gehören.“

Christine kicherte kurz auf und räusperte sich dann demonstrativ, was ihr einen pikierten Blick von mir einbrachte. Frau Laschke hatte zum Glück nichts von dieser Anzüglichkeit bemerkt.

„Wenn Sie wüssten, was ich mir tagtäglich in meinem Laden anhören muss, wenn die Hausfrauen bei mir einkaufen. Und dass, wo es doch so viele freie Stellen gibt, in allen Bereichen. Überall werden Arbeitskräfte händeringend gesucht“, dozierte Frau Laschke und hörte sich an wie ein Monatsbericht des Arbeitsministeriums. Sie reichte erst mir und dann Christine zum Abschied die Hand. „Wir sehen uns dann morgen bei mir im Laden, liebe Frau Stegemann, und rechnen miteinander ab. Einverstanden?“


Mein Geburtstag fiel in diesem Jahr auf einen Sonnabend, was natürlich bedeutete, dass wir schon zum Kaffee Gäste haben würde. Am Vormittag sollte ich deshalb auch aus dem Haus, damit Christine alles in Ruhe vorbereiten konnte für unser kleines Familienfest. Außerdem müsste sie noch mein Geburtstagsgeschenk abholen, verkündete sie beim Frühstück, als ich mein Erstaunen nicht verbergen konnte, noch kein Geschenk von ihr vorzufinden.

„Es musste erst bestellt werden“, meinte sie entschuldigend, ließ sich aber nicht zu einer kleinsten Andeutung überreden, um was es sich handeln konnte.

Aber dafür hatte mein Sohn ein Geschenk für mich. Eigentlich waren es zwei. Am Tag zuvor hatte es Herbstzeugnisse gegeben und seines war sehr gut ausgefallen, was mich mit dem üblichen väterlichen Stolz, der sich in solchen Situationen einstellte, erfüllte.

Außerdem präsentierte er mir freudestrahlend einen Schlips. Von seinem Taschengeld selbst bezahlt und selbst ausgesucht, wie mir Christine bestätigte. Lächelnd nahm ich das farbenfroheste Exemplar der Gattung Krawatte, das ich jemals gesehen hatte, in Empfang und bedankte mich herzlich.

„Den kannst du gleich heute umbinden, wenn der Besuch kommt“, schlug Andi vor.

„Na klar, das mache ich“, versicherte ich ihm und zauberte so ein strahlendes Lächeln auf sein Gesicht. Woanders als zu Hause würde ich das gute Stück wohl auch kaum tragen. Aber das sagte ich ihm natürlich nicht.

„Zeig doch gleich mal, wie dir die Krawatte steht“, forderte Christine mit einem Hauch Hinterlist in der Stimme. Wollte sie mich doch tatsächlich an meinem Geburtstag ärgern. Natürlich konnte ich jetzt gar nicht anders, zumal mich Andreas ganz erwartungsvoll ansah. Also ging ich ins Schlafzimmer, zog schnell ein passendes Oberhemd an (bei der Farbenvielfalt der Krawatte konnte ich ohnehin jedes Hemd dazu anziehen) und band mir das lieb gemeinte Geschenk um. Als ich mich im Spiegel von Christines Frisiertisch betrachtete, zählte ich auf Anhieb zweiunddreißig verschiedene Farbtöne. Enorm!

Christine schmunzelte. „Gegen dich ist ja der bunteste Papagei ein Mauerblümchen“, neckte sie mich. Andreas sah sie erstaunt an und dann mich.

„Gefällt er dir nicht, Papi?“, fragte er vorsichtig.

Ich strich ihm über den Kopf und sah ihn liebevoll an. „Natürlich gefällt sie mir. Ich danke dir, Andi. Das ist die bunteste Krawatte, die ich je besessen habe.“


Gegen drei Uhr am Nachmittag betrat ich, geschniegelt und gebügelt, weißes Hemd, schwarze Hose und den Papagei um den Hals, unser Wohnzimmer.

Christine hatte den Couchtisch ausgezogen, festlich gedeckt mit allem Drum und Dran, selbst Kerzen fehlten nicht. Nun konnten also die Gäste kommen. Wir erwarteten meine Eltern und Tante Hanna und dann noch Christines Kusine Sigrid und ihren Mann Günther. Am Abend sollte dann noch unser Freund Helmut Daubitz und seine Frau Elsa zu unserer Gesellschaft stoßen.

Helmut hatte einen sehr nützlichen und auch einträglichen Beruf. Er war Fernsehmonteur. Vor ein paar Jahren, als unser Flimmerkasten das erste Mal Ausfallerscheinungen zeigte, hatten wir ihn gerufen und so war es zu einer netten Bekanntschaft gekommen, die wir auf privater Ebene fortsetzten. Nicht nur durch die Gleichheit unserer Vornamen fühlte ich mich mit Helmut Daubitz automatisch verbunden. Auch sonst verstanden wir vier uns gut. Und schließlich konnte es nie schaden, einen Fachmann zu kennen, der Fernsehapparate reparieren konnte.

„So, mein Schatz, und nun bekommst du von mir mein Geburtstagsgeschenk“, verkündete Christine feierlich und holte hinter ihrem Rücken ein kunstvoll verpacktes Päckchen hervor.

Ich ignorierte ihren Protest, als ich brutal die Schleife aufriss und schließlich auch das hübsche Seidenpapier, das den kleinen Karton umhüllte.

Schließlich kam ein nagelneuer Fotoapparat zum Vorschein, eine Spiegelreflexkamera mit allen Schikanen. Ich war sprachlos. So ein wertvolles Geschenk hatte ich nicht erwartet.

„Ich hatte schon Angst, sie kommt nicht mehr rechtzeitig. Herr Schmolke musste sie bestellen. Aber es hat schließlich doch noch geklappt. Alles Liebe zum Geburtstag, mein Schatz.“

Ich nahm meine Frau in den Arm und küsste sie zärtlich.

„Danke, mein Liebling.“ Mehr bekam ich nicht heraus. Dafür war doch bestimmt das ganze Geld draufgegangen, was sie für die anstrengende Arbeit bei Frau Laschke bekommen hatte.

„Du bist verrückt“, sagte ich dann und nahm den Apparat aus seiner Verpackung.

„Nicht doch!“, wehrte sie ab. „Du brauchst doch eine Kamera für unseren nächsten Urlaub. Nächstes Jahr im Juli, wenn wir wieder in die Schweiz fahren.“

Ich strahlte sie an. Also blieb sie dabei, was sie mir nach der Rückkehr von unserer ersten Reise noch im Flugzeug versprochen hatte. Wir würden meinen kleinen Bruder Thomas in Burgdorf im Emmental wieder besuchen. Was hatte ich doch für eine phantastische Frau! Ich umarmte sie erneut und küsste sie leidenschaftlich.

„Na, ihr beiden, begrüßt mal lieber eure Gäste, anstatt hier zu turteln“, hörten wir plötzlich Tante Hannas Stimme. Wir hatten tatsächlich die Türklingel überhört, aber Andreas hatte den Portier gespielt.

Tante Hanna umarmte mich, gratulierte mir, steckte mir einen Briefumschlag zu, der vermutlich einen Geldschein enthielt und setzte sich dann umgehend an den Tisch.

„So, jetzt kann das Fest losgehen“, bestimmte sie. „Heute machen wir mal ordentlich Hully Gully.“

„Hully Gully?“ Wir sahen erst Tante Hanna, dann uns gegenseitig, dann wieder Tante Hanna an. Seit wann benutzte sie solche Ausdrücke? „Nun steht nicht so da und schaut verdattert aus der Wäsche. Ihr müsst mit der Zeit gehen. Das sagt man heutzutage so.“ Sie war wie immer rau, aber herzlich.

Kurz darauf trafen auch meine Eltern ein und auch Sigrid und Günther. Die Kaffeerunde war also komplett. Aber als wir uns gesetzt hatten, bemerkte ich, dass ein Platz frei geblieben war.

„Liebling, da hast du dich aber beim Tischdecken verzählt. Da ist ein Gedeck zuviel.“

Aber Christine antwortete nicht. Sie wirkte abgelenkt, sah auf ihre Armbanduhr und blickte aus dem Fenster. Sie schien jemanden zu erwarten. In diesem Augenblick klingelte es auch schon.

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