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Zwischen den Zeilen

Inhalt

Fünf Stationen

Der dritte Mann

Trockenzeit

Jazz

Die Barraca

Der Schirm

Serginho

San Lucar

Zwischen den Zeilen

Für A. T.

Ein verdammt guter Abend

Die Karte

Ein Mann von Ehre

Die Blaue Ente

Eine Hamburgensie

Heidi

Nachwort von Günter Ohnemus

Glossar

Fünf Stationen

Sie hatte diesen großen, schlanken Mann vom ersten Moment an geliebt, und jetzt, wo er ihr gegenüber saß, liebte sie ihn noch mehr. Weil sie ihn zum ersten Mal lächeln sah.

Sie kannten sich seit einer viertel Stunde, eine Zufallsbekanntschaft, die verlegen vorgetragene Frage nach einer U-Bahnverbindung und die Feststellung, dass man ein Stück zusammen fahren könne.

»Kommen Sie, ich zeig’s Ihnen.«

Und jetzt saß er ihr gegenüber, und sie wäre überall mit ihm hingefahren. Anfangs war er sehr still gewesen, aber sie hatte ihn einiges gefragt, und er musste antworten, und sie unterhielten sich in einer Mischung aus Französisch, Englisch und Deutsch, und das machte ihn lachen.

»C’est comique, wie wir sprechen, eine Mixture.«

»Yeah«, sagte sie, »it’s funny, aber das ist allright, ich verstehe uns sehr gut.«

Ein paar Leute sahen zu ihnen herüber, sie bemerkte es und schätzte schnell die Blicke ab, aber da war nichts, das ihr besonders auffiel. Alles ganz normale Leute, die von der Arbeit nach Hause fuhren. Nur ein junger Mann, der einen Gitarrenkoffer trug, starrte sie an, und als sie den Blick zurückgab, wurde er rot und drehte den Kopf weg.

Sie sah wieder in die Augen des Mannes ihr gegenüber und hörte seine tiefe, weiche Stimme, die aus Wörtern Melodien machte. Sie dachte daran, dass sie in spätestens zehn Minuten ihre Haltestelle erreichen würde. Der Mann müsste noch ein paar Stationen weiterfahren. Was mach’ ich, dachte sie, was um Himmels willen soll ich tun? Ich kann ihm nicht einfach meine Telefonnummer geben oder nach der seinen fragen, er ist nicht der Typ für diese Art, schätze ich, und vielleicht würde er mich für ein billiges Flittchen halten, das Männerbekanntschaften sucht. Meine Güte, was mach’ ich nur?

Der Mann bewegte seine langfingerigen, kräftigen Hände, während er sprach, und wenn er lachte, legte er sie zusammen wie zum Gebet, ließ sie wieder fallen, wie große Schmetterlinge, dachte die Frau, und ganz entfernt hörte sie das Geräusch der Räder auf den Schienen.

Der Zug hielt und Leute stiegen ein und aus, einige waren in Eile, ein paar junge Burschen in Lederjacken lachten eine Spur zu laut, und es war wie immer. Der Mann sah an ihr vorbei in das Abteil, ein schneller, gleitender Blick aus halbgeschlossenen Lidern, aber er sprach dabei weiter, bewegte seine Hände, lächelte, und dann waren seine Augen wieder bei ihr, und es schien, als hätte nichts seine Rede unterbrochen. Sie tat, als bemerkte sie diesen schnellen Blick nicht, den sie deuten konnte, ohne sich besonders anzustrengen, und ihr Lächeln sah ganz natürlich aus.

Eine große, junge Blonde, die wie eine Schwedin aussah mit ihren hellen Augen, setzte sich neben sie und bemühte sich sehr, den Mann nicht anzustarren, aber ganz gelang es ihr nicht. Die Frau fühlte einen kleinen, dumpfen Stich in der Herzgegend.

Der Mann sprach jetzt von Paris, seine Stadt, wie er sagte, er liebte sie und würde irgendwann dorthin zurückkehren. Dann nimm mich mit, dachte sie, ich werde mich sehr bemühen, Paris genauso zu lieben wie du. Sie sah, wie sein Geaufbau sicht sich veränderte, als er von seinem Stadtviertel sprach, von den Freunden, den kleinen Theatern und den Musikclubs, von denen es hier so wenige gab, und wie sehr er sie vermisste. Ein kleines Leuchten war in seinen Augen und eine Spur von Trauer.

»Ich kenne einen Club«, sagte sie und fand, dass sie zu schnell sprach, »Jazz, very hot.«

Sie nannte den Namen und er schüttelte seinen gutgeformten Kopf. »No, pardon, nein, den Club kenne ich nicht.«

»Sie sollten hingehen, es wird Ihnen gefallen.«

»Meinen Sie?«

»Sure.« Sie nickte und wartete dabei auf die Frage, die jetzt kommen musste, und die sie ohne falsches Zögern beantworten würde.

Aber die Frage kam nicht. Er sah sie einfach nur an und hatte immer noch diese Spur von Trauer in den Augen. Fast überdeutlich hörte sie das Geräusch der Räder auf den Schienen. In ein paar Minuten würde sie aussteigen und diesen Mann nie mehr wiedersehen. Ihr Herz tat ein paar schnelle, unregelmäßige Schläge, und ihre Kehle wurde eng. Ach, verdammt, dachte sie, es spielt keine Rolle, und wenn er mich für ein Flittchen hält, taugt er nichts, und es ist dann vollkommen egal.

»Wir könnten zusammen hingehen.« Ihre Stimme schien ihr ganz normal zu klingen. »If you like«, fügte sie schnell hinzu.

»Mais oui, gerne, avec plaisir.«

Sie atmete tief durch und verschloss ihr Gesicht, weil sie wusste, dass sie ihm ihre Freude nicht zeigen durfte.

»Wann gehen wir?«, fragte er, und die Spur von Trauer war fast ganz aus seinen Augen verschwunden.

Jetzt gleich, wollte sie sagen, heute Abend, aber das wäre aufdringlich und zu deutlich gewesen. Sie lehnte sich zurück und tat, als würde sie überlegen. Lass dir Zeit, dachte sie, stay cool, aber es ist so schwer mit diesem verdammten cool bleiben, mitunter ist es wirklich schwer, eine Pest, so ein richtiges Lügenweibertheater, ach shit, und dann sagte sie: »Heute Abend, wenn Sie wollen.«

Er lächelte, und die große Blonde, die wie eine Schwedin aussah, drehte nervös eine Locke in ihr glattes Haar.

»Mais oui, ja, das ist gut, ich verbringe zu viele Abende chez moi, zu hause, no, ich muss wieder unter Menschen gehen, und mit Ihnen gehe ich gerne.«

Sie fühlte, wie Wärme den Hals hoch kroch und in ihr Gesicht stieg, und etwas in ihr wurde ganz leicht und hell, und sie wusste, dass alles gut war. Sie hätte jetzt gerne seine Hand genommen. Aber da war noch etwas, eine Kleinigkeit nur, eine Frage, die an ihr Bewusstsein klopfte, sehr entfernt noch und mit einem leisen Gefühl von Unruhe, aber sie verdrängte sie schnell und sagte: »Ich hoffe sehr, dass der Club Ihnen gefällt, I hope, you like it.«

»Das hope ich auch.« Ein breites Jungengrinsen zog über sein Gesicht, und er freute sich, weil er sie beide mit ihrem Sprachmischmasch ein bisschen auf den Arm genommen hatte.

Sie stellte sich vor, wie sie an seiner Seite den Club betreten würde. Die Blicke der Leute. Und sie, the Queen of the Queens. Und dieser Mann würde durch seine bloße Anweaufbau senheit den verdammten, aufdringlichen Clubmanager mit seinen eindeutigen Anträgen auf sein normales Mittelmaß reduzieren. Noch zwei Stationen, Zeit genug, um das Treffen zu arrangieren. Aber wie? Sie hatte getan, was sie konnte, und es war gut und richtig gewesen, mehr konnte sie nicht tun. Ihn nach seiner Adresse zu fragen oder ihm unaufgefordert die ihre zu geben, erschien ihr unmöglich, sie käme sich dann wirklich vor wie eine, die sich anbietet. Das ist jetzt seine Sache, dachte sie, und mach es gleich, Mann, mach es schnell, wir haben nur noch zwei Stationen.

Aus den Augenwinkeln sah sie die dunkle Tunnelwand vorbeihuschen. Er studierte ruhig und ernst ihr Gesicht, und dann sagte er: »Ich freue mich. Wann darf ich Sie abholen?«

Die französische Erziehung, dachte sie, gute Manieren, ganz anders als diese aufdringlichen Flegel bei uns zu Hause. »Ten thirty, halb elf, denke ich, es fängt spät an, ten thirty would be okay.«

Nicht früher, halb elf ist wunderbar. Ich habe dann genug Zeit, um mich anzuziehen. Meine Güte, was zieh’ ich an, er muss umfallen, wenn er mich sieht, wenn er klingelt, und ich öffne die Tür, möchte ich sehen, wie seine großen, schönen Augen noch größer werden, dieser erste Moment ist der wichtigste, aber, heiliger Himmel, was soll ich bloß anziehen? Sie fühlte so etwas wie eine kleine Panik in sich aufsteigen.

»Helfen Sie mir«, sagte er mit einem kleinen, verlegenen Lächeln, »je ne sais pas, was zieht man an, ist er sehr exklusiv der Club, ich meine …«

»Aber nein«, sie wedelte mit einem langen Zeigefinger, und das Rot des Fingernagels tanzte wie verwischte Bremslichter vor ihren Augen. »Es ist ganz normal.« Sie überlegte einen Augenblick und suchte ihr schönstes Deutsch zusammen. »Ziehen Sie einfach etwas an, von dem Sie meinen, dass es einer Frau gefällt.«

Er verstand nicht gleich und kniff nachdenklich die Augen zusammen, und als er verstanden hatte, blickte er auf den Boden und nickte langsam mit dem Kopf. »Ja«, sagte er leise, »ich werde es versuchen.«

Etwas rührte sich in ihr, sie sah auf seinen gesenkten Kopf und die Frage, die sie verdrängt hatte, klopfte wieder gegen ihr Bewusstsein. Er blickte auf und lächelte mit einiger Mühe. Sie sah es und schwieg dieses Gesicht an, das sie geliebt hatte vom ersten Augenblick, und als das Schweigen lang wurde, sagte sie: »Meine Adresse.«

Sie kramte ihr Notizbuch aus der Handtasche und schrieb ihre Adresse auf, und als er den Zettel entgegennahm, vertiefte sich sein Lächeln und schien ihm keine Mühe mehr zu machen.

»Danke«, sagte er, und sie lehnte sich zurück und war wieder glücklich. Die große Blonde neben ihr seufzte leise und hörte auf, Locken in ihr Haar zu drehen. Sie bemerkte es und verkniff sich ein kleines Lachen, das ihr in der Kehle hochstieg.

Der Zug verlangsamte seine Fahrt, und als er hielt, sagte der Mann: »Noch eine Station.« Die Türen öffneten sich, und er sah an ihr vorbei, über ihre Schulter, sah nach den Türen, ein schneller, tastender Blick, wie zufällig und fast verdeckt durch halbgeschlossene Lider.

»Ja«, sagte sie, »bei der nächsten muss ich aussteigen.« Sie zeigte ihm nicht, dass sie den Blick bemerkt hatte.

Er nickte und seine Augen irrten wieder ab, waren bei den Leuten im Abteil. Die Türen schlossen sich, und dann wurden seine Augen weit für die Dauer eines Wimpernschlags, sehr weit, und als er sie wieder ansah, sagte er: »Und ich armer Mann muss allein weiterfahren.«

Sie fühlte es mehr, als dass sie es hörte. Seine Heiterkeit hatte einen seltsamen Unterton, irgendetwas daran war falsch und gezwungen. Er blickte auf den kleinen Zettel in seiner Hand, als wäre es von großer Wichtigkeit, ihn jetzt aufmerksam zu lesen, seine Schultern bogen sich dabei nach vorn, er senkte den Kopf und stützte die Unterarme auf die Knie.

»Aber ja. Ihr Quartier, ich meine, Stadtviertel, ich kenne es, sehr schöne Häuser, mais oui, je connais, sehr schöne Häuser da.« Seine Stimme hatte sich verändert, das Weiche war aus ihr verschwunden, und es war nicht mehr die Stimme eines Mannes, die aus Wörtern Melodien machte. Ein feiner Film von Schweiß bildete sich auf seiner Stirn und sein Lächeln grub starre Linien um seinen Mund und sah wie angeklebt aus.

Die Frau nahm alles wahr wie durch eine übergroße Lupe, sie sah die kleinen Schweißperlen auf der Oberlippe des Mannes, und sie wusste, um was es ging, jetzt war sie sicher. Sie selbst hatte es oft genug erlebt und dann hatte sie versucht, so damit zurechtzukommen, dass es sie nicht zerbrach, aber immer war es ihr nicht gelungen. Ihr Herz krampfte sich zusammen. Der Abend würde nicht so werden, wie sie sich erhofft hatte, vielleicht würde er nie so werden, sie fühlte sich betrogen, und der Hass kam heiß und heftig, so heftig, wie er nie gewesen war.

Die Stimme des Mannes entfernte sich, sie hörte nicht mehr auf das, was er sagte, richtete ihre ganze Aufmerksamkeit hinter sich in das Abteil, und ohne sich umzudrehen, sah sie genau, was geschah, sie sah es in den Augen des Mannes, die wieder sehr weit wurden, als er kurz über ihre Schulter blickte, und seine langen, kräftigen Finger drehten und kneteten den kleinen Zettel mit ihrer Adresse.

Es war nicht mehr nötig, die Frage zu stellen, die sie verdrängt hatte, sie wusste jetzt, warum er seine Abende zu Hause verbrachte, und seine Freude, mit ihr in den Club zu gehen, war echt gewesen. Sie war vorbereitet und nicht sehr überrascht, als die heiseren Stimmen hinter ihr durch das Abteil dröhnten. »Deutschland den Deutschen, Ausländer raus, Deutschland den Deutschen, Ausländer raus.«

Sie drehte den Kopf und sah sie näher kommen. Sie waren zu viert, sehr groß und kräftig und trugen die üblichen Bomberjacken. Ihre kahlgeschorenen Köpfe hatten einen bläulichen Schimmer unter dem weißen Licht der Neonlampen.

»Ein verschissener Bimbo«, sagte einer von ihnen und deutete auf den Mann ihr gegenüber. Er war ihr so nah, dass sie seinen sauren Bieratem riechen konnte, und sie fühlte Übelkeit im Magen aufsteigen. Sein Gesicht hatte keine besonderen Merkmale, ein blasses Gesicht ohne Extras, das man in der Menge leicht übersehen würde.

»Ein Brikett, glatt zum Verheizen.« Sie lachten, und ein anderer sagte: »Ab durch den Schornstein, genau wie seine Alte. Verpisst euch, und macht mal Platz für deutsche Menschen.«

Es wurde sehr still in dem Abteil, und sie sah, wie das Gesicht des Mannes grau wurde unter der schwarzen Haut. Mein Mann, mein großer, schöner Mann mit den schönen Händen und den guten Manieren. Sie erhob sich mit einer schnellen, geschmeidigen Bewegung, deutete auf ihren freien Platz und sagte: »Setz dich.«

Die vier glotzten sie an.

Ein starres Lächeln erschien auf ihrem Gesicht, und sie sagte noch einmal: »Setz dich.« Es klang sehr laut und deutsch in dem stillen Abteil.

»Klatsch sie weg«, sagte einer zu dem, der ihr am nächsten stand, aber der große, starke Junge rührte sich nicht, irgendetwas hielt ihn zurück, und sie sahen, was es war. Es war der Hass in den Augen dieser zierlichen Afrikanerin, heiße, gefährliche Lichter, die sie angrellten, und sie waren noch nicht abgestumpft genug, um nicht zu sehen, dass noch nie ein Mensch ihnen so sehr den Tod gewünscht hatte.

Das war ihnen neu, sie kannten es nicht. Sie kannten nur die wahnsinnige Angst in den Gesichtern der kleinen Vietnamesen oder der Pakistani und aller anderen, wenn sie das Urteil sprachen. Sie hatten noch nie kämpfen müssen, es war immer eine schnelle, saubere Angelegenheit gewesen, die ihnen viel Freude machte. Das hier sah nicht nach einer schnellen Angelegenheit aus. Die Frauen hatten immer am lautesten geschrien. Diese hier würde nicht schreien.

»Klatsch mich weg«, sagte sie mit normaler Lautstärke und trat einen kleinen Schritt vor, »los, großer Mann.« Der Rest war ein raues, bösartiges, wildes Flüstern.

Einer der Skins lachte, ein jähes, meckerndes Lachen, das gleich wieder abbrach und in der Stille des Abteils mit einem schrillen Nachhall versickerte.

»Ich schlitz sie auf«, schrie er wild, als er die Stille wahrnahm, »ich schlitz die Alte auf.« Aber er rührte sich nicht, weil er angestrengt nach einer Spur von Furcht in dem schwarzen Gesicht suchte. Aber da war keine Furcht. Nur Hass und die ganze, konzentrierte Kraft, mit der die Frau ihnen den Tod wünschte.

Keiner von ihnen hatte auf den Mann geachtet, der sich jetzt langsam und wie unter großer Mühe von seinem Sitz erhob. Sein Gesicht glänzte feucht und sah krank aus unter dem weißen Licht, und seine Stimme war nicht mehr als ein entferntes, heiseres Murmeln.

»Noch ein Platz für deutsche Menschen.« Er deutete auf den freien Sitz und versuchte dabei, das Zittern seiner Hand unter Kontrolle zu halten.

Die Frau drehte sich nicht um, als sie die Stimme hinter sich hörte, ihre Augen blieben bei den vier jungen Männern, sie hatte etwas gesehen in ihren Gesichtern, und ein kaum wahrnehmbares, bösartiges Lächeln verzog ihren Mund. Es war die alte, dumpfe Furcht der weißen Rasse vor den Mysterien Afrikas. Die Angst vor dem schwarzen Mann, der durch die Träume der weißen Kinder geistert. Sie sah es, und die Erinnerung kam wie mit einem Schlag in ihr Gesicht.

Sie erinnerte sich wieder daran, wer sie war, sie hatte es irgendwann einmal abgeschafft, die katholischen Priester und diese Welt hier hatten es abgeschafft, aber jetzt war es wieder da, stärker noch als damals, in diesem zerstörten Damals, als es ganz einfach und richtig war, ganz ohne Mythos und ein normaler Teil ihres Lebens. Jetzt war es wieder da. Alles war wieder da, das sie verschüttet und begraben hatte, es passte nicht zu ihren Computern und den Zahlen und dem Schmerzensmann, war ihr beigebracht worden, das Dunkle, so schwer Auszusprechende, Unverständliche, und etwas in ihr zerbrach wie eine mürbe Kürbisfrucht. Sie griff nach der Stelle, wo einmal das Amulett an ihrem Hals gehangen hatte, damals, in dem zerstörten Damals, Xangos Zeichen, Xango, dem sie geweiht war, der Mächtige, Kriegerische, Unzerstörbare, der seine Kinder nicht allein lässt in der Not, und sie erinnerte sich daran, dass sie eine Tochter Xangos war, seine Tochter, und etwas sehr Kleines und Hässliches tief in ihrem Inneren kehrte sich um und wurde wieder schön und groß und stolz und schwarz.

Sie fühlte die Tränen kommen und wollte sie unterdrücken, aber es ging nicht, und dann weinte sie, und durch den Tränenschleier sah sie die vier jungen Männer, grauweiß und verschwommen, wie weit entfernt, und sie fühlte, wie der Hass sie verließ und alles, was hart und bitter gewesen war. Sie griff wieder an die Stelle, wo das Amulett gehangen hatte, jetzt spürte sie es unter ihren Fingern, und ein Lächeln breitete sich über ihr Gesicht, es geschah einfach so und ganz ohne Mühe, sie lächelte und weinte, und ihre Stimme schien ihr der einzige Laut in dem stillen Abteil. »Danke«, sagte sie, »ich danke euch.«

Einer der Skins fuhr sich wie abwesend mit der Hand über den kahlen Schädel, ein paar mal, und als er es bemerkte, ließ er den Arm schnell wieder sinken und stand still.

Der Zug verlangsamte seine Fahrt, und die Frau wandaufbau te sich um, dem Mann zu, der hinter ihr stand, groß und schlank und grau im Gesicht.

»Kommen Sie.« Sie nahm seine Hand, die sich kalt und feucht anfühlte.

»Ja«, sagte er und wich ihrem Blick aus.

Der Zug hielt, und als die Türen sich mit leisem Zischen öffneten, führte sie ihn an den vier jungen Männern und den Blicken der Leute vorbei, und sie betraten den Bahnsteig. Sie blickte über die Schulter zurück, die Türen schlossen sich, und sie sah die vier, die sie durch das Türfenster anstarrten, und als der Zug sich in Bewegung setzte, machte einer von ihnen einen jähen, schnellen Schritt nach vorn und schlug mit der Faust gegen das dicke, harte Glas. Risse breiteten sich wie ein Spinnennetz über die Scheibe, und dann tauchte der Zug in die Dunkelheit des Tunnels und war verschwunden.

Sie hielt immer noch die Hand des Mannes.

»Ich muss es Ihnen erklären«, sagte er und blickte dabei auf den Boden.

»Nein«, sagte sie. Sie hatte die dünnen Narben an seinem Hals und über den Augenbrauen gesehen und bemerkt, dass er leicht hinkte.

»Warum weinen Sie?« Das Grau verschwand langsam aus seinem Gesicht, und er versuchte, ihr in die Augen zu sehen.

»Ach, Mann«, sagte sie und fühlte dabei, wie ihre Beine nachgaben, sie nicht mehr tragen wollten, und sie hielt sich an ihm fest, lehnte sich gegen ihn und barg ihren Kopf an seiner Brust. »Weil ich mir Sorgen mache, Mann, ich mache mir Sorgen.«

»Warum?«

Sie lachte leise. »Ich weiß nicht, was ich heute Abend anziehen soll.«

Er brauchte eine ganze Weile, um zu verstehen, und als er verstanden hatte, legte er die Arme um sie und zog sie fest an sich. Er nannte sie leise bei ihrem Namen, flüsterte ihren Namen in ihr kurzgeschnittenes Kraushaar, immer wieder und immer wieder und immer wieder. Die Leute gingen an ihnen vorbei, und einige blickten sie neugierig oder seltsam an, aber das bemerkten sie nicht.

Der dritte Mann

Er hatte sie bei einem Einsatz in einer Nazikneipe aufgegriffen. Eigentlich war es kein richtiger Einsatz, er wollte nur ein paar Fragen stellen, und dann gab es Radau, und er musste sie mitnehmen. Sie hatte mit einem Küchenmesser nach ihm gehackt. Um sie rauszubringen, hatte er die Wirtin k.o. schlagen müssen. Die Wirtin hieß Wanda und wog drei Zentner. Er war noch sehr jung und erst seit Kurzem bei der Mordkommission. Und er war ein bisschen stolz, er hatte genau die Informationen mitgebracht, die De Saart haben wollte, und dazu noch eine ausländische Küchenhilfe angeschleppt.

»Wenn da Ausländer in der Küche rumturnen«, hatte De Saart gesagt, »überprüf sie auf Schwarzarbeit, und wenn sie nicht koscher sind, bring sie mit. Auch, wenn’s Neger sind.«

Das mit den Negern kam so ganz nebenbei und ohne besondere Betonung. Ihm gefiel das nicht. Irgendeinen armseligen Schwarzarbeiter festnehmen, den sie dann unter die Lampe setzen und später ausweisen würden. Sie ermittelten in einem Mordfall, in den vermutlich Asylanten verwickelt waren, und mussten die Hintergrundstrukturen von Menschenhändlerbanden aufdröseln, die Ausländer einschleusten und wie Vieh auf dem schwarzen Arbeitsmarkt verkauften. Er schüttelte sein Unbehagen ab und tat, was er tun musste. Weil er der dritte Mann werden wollte, und das wollte er mehr als alles andere.

De Saart war der Boss, ein großer, starkknochiger Bulle, der nur sprach, wenn es nötig war, und Jazz hörte, wenn sie mit seinem alten Volvo zu einer neuen Leiche fuhren. Er friaufbau sierte keine Berichte und pflegte seine Fälle zu lösen, und wenn jemand aus der Politik oder der Polizeihierarchie dabei eine Schramme abbekam, war ihm das egal. Ein paar Leute hätten ihn gerne abgesägt und sie stocherten in seiner Akte herum, aber da war nichts, wo sie einhaken konnten.

Der zweite Mann war Toni Reno. Er hatte seinem italienischen Vater am Schluss versprochen, alles umzulegen, was nach Mafia aussah, und das war ihm bis jetzt ganz gut gelungen. Es war immer Notwehr gewesen, und der Polizist mit den öligen Locken und der römischen Nase bezauberte alle, die ihn nicht kannten, mit seinem Lächeln und dem Glanz seiner samtenen Braunaugen.

Der dritte Mann saß in einem Zweizimmerappartement in einem Rollstuhl mit einer Kanüle in der Harnröhre, durch die Blut abfloss. Jensen, ein Intellektueller mit Humor und schlechter Schütze. Ein Albaner hatte ihn mit einer Berretta vollgepumpt und außer dem Herzen und dem Kopf alles in ihm ruiniert, was es zu ruinieren gab.

Reno hatte die Sache später auf seine Weise ins Reine gebracht. Und De Saart brauchte einen neuen Mann, aber es gab keinen, die Abteilung war wegen der Sparmaßnahmen schon lange unterbesetzt, und irgendwann hatten sie ihm einfach den jungen Besson geschickt. Frisch vom Schreibtisch weg. Besson kannte De Saart aus Erzählungen und war ihm einige Male in der Kantine begegnet, und er tat alles, um ihm gerecht zu werden. Aus Respekt, der an Ehrfurcht grenzte, und weil er der neue dritte Mann werden wollte, ein Status, den er sich verdienen musste, die Versetzung war eine Notlösung gewesen und besagte gar nichts. De Saarts Mann zu sein, respektierter Partner, etwas Höheres gab es nicht für ihn in der Abteilung.

Aber es könnte dauern, um da hinzukommen, und er wusste, dass er keine echten Fehler machen durfte. Weil De Saart ihn dann einfach rausschmeißen und mit Reno allein weitermachen würde. Davor hatte er Angst. Jetzt war die Angst weg, er hatte ein paar Punkte gesammelt.

Dabei war die Sache mit der Frau mehr zufällig gelaufen. Wenn sie sich rechtzeitig still verdrückt hätte, wäre gar nichts passiert. Er stand mit Wanda bei der geöffneten Küchentür und stellte ihr ein paar Fragen, und dabei sah er die junge Frau in der Küche, die ihn aus schwarzen Augen anstarrte, und er hatte sie angelächelt, und Angst war in ihre Augen gekrochen. Als Wanda sich spreizte und Ausflüchte suchte, und er nicht zu hören bekam, was er hören wollte, hatte er so ganz nebenbei gesagt: »Ich nehme an, die junge Dame hat eine Arbeitserlaubnis.«

Darauf wurde Wanda sehr schnell etwas gefügiger und redete, und er beobachtete die Frau in der Küche. Er hatte etwas in ihren Augen gesehen, das ihm nicht gefiel. Hass und Panik. Und dann passierte es. Ihre Züge verzerrten sich, und sie rannte los. Sie riss den Koch zur Seite, krallte Besson ihre Finger ins Gesicht, duckte sich unter seiner greifenden Hand, und als sie zur Tür raus war, gab es ein dumpfes Geräusch, und sie schrie. Sie war gegen Wanda geprallt.

»Tut mir leid«, sagte Wanda. Besson riss sie zurück, und sie trat nach ihm, ihre Fingernägel schrammten über seine Wange, sie schrie, und ihre Augen waren sehr tief und schwarz und voller Hass. Es machte ihm einige Mühe, nicht wegzuseaufbau hen, und er schlug ihr mit der flachen Hand leicht gegen die Wange. Ihr Kopf wurde herumgerissen, und sie glitt seitlich weg, zurück in die Küche, über einen Tisch, und ihre Hand schnappte nach einem kleinen Küchenmesser. Besson machte einen Schritt, aber sie war schneller und kam hoch und hackte nach ihm, unkontrolliert und ohne genaues Ziel, stieß das Messer von oben nach unten und schrie dabei, grellte schrillen Schmerz in seine Ohren, und etwas riss hart an seinem Ärmel.

»Fuck you.«

Er grunzte und packte ihr Gelenk und rammte sie gegen ein Küchenmöbel.

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