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Zwischen Leben und Tod

1. KAPITEL

Die Linie auf dem Monitor, die die Herzfrequenz anzeigen sollte, ließ keinen Zweifel zu: Roberts Herz hatte aufgehört zu schlagen. Der Alarmton schrillte in Miriams Ohren.

„Nein, bitte nicht!“, schrie sie verzweifelt und sah sich nach Professor Sauer um, der gerade gemeinsam mit Alexander hereinstürzte. „Er stirbt! Bitte helfen Sie ihm!“

„Sauerstoff und Defi!“, ordnete der Chirurg an, und eine Krankenschwester legte dem regungslosen Küchenchef sogleich eine Sauerstoffmaske um. „Ist der Defibrillator bereit?“, wollte Sauer wissen. Die Schwester nickte und zog den Apparat ans Bett. „Zurück!“ Alexander musste Miriam von Robert fortziehen, damit der Professor den Defibrillator ansetzen konnte. Unter dem Stromschlag bäumte Roberts Körper sich auf – mit entsetzensgeweiteten Augen betrachtete seine Freundin die Szene.

Der Monitor zeigte immer noch keinen Ausschlag. Sauer versuchte es mit einer Herzdruckmassage. Vergeblich. Dann setzte er noch einmal den Defibrillator an. Der Patient blieb leblos. Daraufhin tauschte der Chirurg einen erschöpften Blick mit der Schwester. Er ließ vom Küchenchef ab und schaute auf seine Uhr. Miriam und Alexander stand der Horror ins Gesicht geschrieben.

„Nein!!!“, schrie sie, riss sich los und drängte ans Bett ihres Freundes. „Sie können nicht einfach aufhören!“

„Frau Tarrasch, wir haben getan, was wir können, aber …“, wollte der Arzt sie beruhigen. Doch sie ließ ihn nicht ausreden.

„Er darf nicht sterben!“ Verzweifelt griff sie nach Roberts Hand und sah ihn an. Die ganze Liebe der Welt lag in diesem Blick. Und plötzlich ging ein Ruck durch ihren Körper. Wie ferngesteuert begann sie nun selbst mit einer Herzdruckmassage. „Robert, komm zurück!“, flüsterte sie. „Bitte!“ Professor Sauer wollte schon eingreifen, doch Alexander gab ihm zu verstehen, dass er Miriam gewähren lassen solle. „Robert, bitte! Lass mich nicht allein!“, beschwor sie ihren Freund. „Komm zurück! Komm zurück zu mir!“ Und plötzlich geschah – ein Wunder! Das EKG begann zu piepen und zeigte einen Ausschlag an. Der Chirurg und die Krankenschwester waren sichtlich fassungslos. Und Alexander liefen die Tränen über die Wangen – sein Bruder lebte! Miriam hatte ihn zurückgeholt! Mit all ihrer Liebe …

Werner hingegen drehte fast durch, als Alexander ihn telefonisch davon in Kenntnis setzte, dass Robert einen Herzstillstand gehabt hatte und nun in ein künstliches Koma versetzt worden war. Die traumatische Erinnerung an die bangen Tage, als Alexander selbst im Koma gelegen hatte, stand dem Senior sogleich wieder vor Augen.

„Was hat er denn gesagt?“, fragte Miriam, als Alexander von dem Telefonat mit ihrem zukünftigen Schwiegervater zurückkam.

„Was schon?“, seufzte Roberts Bruder. „Er macht sich natürlich große Sorgen. Und dabei habe ich ihm noch nicht einmal das Schlimmste verraten.“

„Wieso? Was meinst du?“ Sie wurde sofort hellhörig.

„Ich habe ihm nicht gesagt, wie lange Roberts Herz stillstand“, antwortete er matt. „Er war ja praktisch tot.“

„Aber jetzt lebt er wieder“, insistierte sie.

„Schon. Aber sein Gehirn war minutenlang ohne Sauerstoff. Wer weiß, mit welchen Folgen …“ Der Schreck ging Miriam durch und durch. Daran hatte sie vor lauter Aufregung noch gar nicht gedacht… „Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben“, tröstete sie Alexander. „Das hast du selbst vorhin sehr beeindruckend bewiesen.“ Sie wirkte plötzlich vollkommen hilflos. „Warten wir erst einmal die CT ab“, sagte er und legte einen Arm um ihre Schulter. „Dann wissen wir mehr.“

„Ich habe Angst“, flüsterte sie, riss sich dann aber mit aller Kraft zusammen. „Sollten wir Werner nicht lieber doch alles erzählen? Robert ist sein Sohn!“, gab sie zu bedenken.

„Gerade deshalb möchte ich ihn schonen“, erwiderte Alexander nach kurzem Überlegen. „Denn wer weiß? Vielleicht ist Robert ja völlig okay? Dann würde Werner sich ganz umsonst Sorgen machen.“

„Aber hat er nicht das Recht, die Wahrheit zu erfahren?“, bohrte sie weiter.

„Er hat sich schon einmal so gequält … Damals, als ich im Koma lag. Ich finde, wir sollten ihn diesmal so lange wie möglich schonen.“ Doch seine Miene verriet, dass er nicht ganz so sicher war, wie er vorgab. „Ich sage Professor Sauer, dass er Werner noch nichts verraten soll“, fuhr Alexander fort. „Und dann bringe ich dich zurück ins Hotel.“

„Auf keinen Fall!“, protestierte sie sofort. „Ich bleibe bei Robert.“

„Du musst dich ausruhen!“, mahnte er. „Unbedingt! Und im Moment kannst du ihm hier sowieso nicht helfen.“

„Aber ich will ihn nicht alleine lassen“, beharrte sie.

„Miriam, bitte. Es bringt nichts, wenn du jetzt auch noch zusammenklappst.“ Er duldete keinen weiteren Widerspruch. Und schließlich fügte sie sich und ließ sich von ihm in den „Fürstenhof“ fahren.

Simon saß das schlechte Gewissen im Nacken. Gerade hatte er erfahren, dass Viktoria ihn beim Picknick nur versetzt hatte, weil sie sich so sehr um Robert Saalfeld sorgte. Simon hatte nicht gewusst, dass der Küchenchef gestern beim Pilzesammeln zusammengebrochen und wegen innerer Blutungen mit dem Notarztwagen ins Krankenhaus gebracht worden war. Und er hätte sich selbst dafür ohrfeigen können, dass er sich noch einmal von Fiona hatte verführen lassen. Nun blieb ihm nichts anderes übrig, als seiner Ex klar und deutlich zu sagen, dass das ein allerletzter Ausrutscher gewesen war.

„Wir haben getrunken und, ja, es hat Spaß gemacht“, wand er sich unter ihrem vorwurfsvollen Blick. „Aber das war nichts Ernstes. Tu bitte nicht so, als wenn du das anders siehst.“

„Hältst du mich für ein Flittchen, oder was?!“, fuhr sie ihm über den Mund. „Denkst du wirklich, ich schlafe einfach so mit einem Mann, wenn ich nichts für ihn empfinde?“

„Du hast gerade versucht, bei meinem Onkel zu landen“, schnaubte er. „Also, was soll das Theater? Gib’s doch zu, du warst beleidigt, weil er dir einen Korb gegeben hat. Deshalb wolltest du mich haben – als Trostpflaster.“

„Ich dachte, du würdest mich besser kennen!“ Sie wirkte auf einmal zutiefst gekränkt und verletzt.

„Und jetzt?“, fragte er ratlos. „Willst du Viktoria sagen, dass wir beide …?“ Das böse Lächeln, das nun um ihre Lippen spielte, war ihm Antwort genug. „Fiona, ich warne dich. Wenn du das tust, dann …“

„Was dann?“, hakte Frau Marquardt schnippisch nach.

„Ich dachte, du und ich … wir könnten immer noch Freunde sein. Aber wenn du Viktoria das erzählst – dann war’s das zwischen uns. Für immer.“ Sie schwieg. „Aber was rege ich mich überhaupt so auf“, meinte er dann zu ihrer Überraschung. „Erzähl doch, was du willst. Nach deinen ganzen Intrigen und Lügen, da wird dir hier im Hotel sowieso keiner glauben.“ Damit ließ er sie stehen.

Wütend funkelte sie ihm nach – er sollte es nur wagen, sich mit ihr anzulegen! Überhaupt: Erst hatte Rainer Saremba sie kurz vor der Hochzeit sitzen lassen. Und Werner Saalfeld wies sie auch jedes Mal zurück, wenn sie versuchte, sich ihm zu nähern. Jetzt auch noch Simon … Sie würde es diesen Schweinen heimzahlen, nahm sie sich voller Rachsucht vor. Und zwar einem nach dem anderen …

Mit einem hatte Simon allerdings recht gehabt: Als Fiona im Büro von dem Picknick erzählen wollte, bei dem sie ihn verführt hatte, fuhr ihre Kollegin ihr sofort über den Mund.

„Nehmen Sie’s mir nicht übel“, versetzte Frau Tarrasch souverän. „Aber nach Ihren letzten Aktionen habe ich keine Lust, mir Ihre privaten Geschichten anzuhören.“ Abgesehen davon hatte Viktoria wirklich andere Probleme – die Sorge um Robert machte sie beinahe verrückt.

Auch den Restaurantleiter bedrückte die Gefahr, in der Robert schwebte. Felix war gestern zur Stelle gewesen, um mit Miriam den Notarztwagen zu alarmieren. Aber im Krankenhaus hatte er dann nichts mehr für sie tun können.

„Alle machen sich Sorgen um ihn“, erzählte er nun Samia. „Meine Schwester ist schon ganz krank vor Angst.“

„Wie geht es ihm denn?“, wollte die Afrikanerin wissen. Er zuckte die Schultern.

„Sie haben ihn gleich operiert, ist wohl gut gelaufen. Aber … soweit ich weiß, ist er noch nicht wieder aufgewacht.“ Die beiden schwiegen bedrückt. Samia wollte sich schon in den Wellness-Bereich verabschieden, da gab er sich einen Ruck. „Wie wäre es mit einem kleinen Ausflug?“, schlug er vor. „Hoch zur Alm?“

„Jetzt?“, staunte sie.

„Wieso nicht?“, meinte er. „Ein kleiner Spaziergang ist das Beste, um auf andere Gedanken zu kommen.“ Lächelnd stimmte sie zu.

Während sie durch die strahlend schöne Natur wanderten, berichtete Felix detailliert, was sich gestern zugetragen hatte.

„Und du warst die ganze Zeit dabei?“, fragte Samia, nachdem sie alles gehört hatte. „Im Wald, als der Rettungswagen kam, und später im Krankenhaus?“

„Das war ein schlimmer Tag“, bestätigte er bedrückt.

„Wie geht es Miriam jetzt?“, wollte sie wissen.

„Keine Ahnung. Ich habe noch nicht mit ihr gesprochen.“ Er spürte den mitfühlenden Blick der Afrikanerin auf sich ruhen.

„Das muss ganz schön schwierig für dich sein“, stellte sie fest.

„Ich würde ihr gern mehr helfen“, gab er zu. „Aber … Irgendwie habe ich das Gefühl, dass mein Platz in dieser Situation nicht an ihrer Seite sein kann. Offiziell ist Miriam immer noch meine Frau. Wie soll ausgerechnet ich sie trösten?“

„Mir geht es ähnlich“, seufzte Samia. „Mit Leonie. Und mit Gregor. Ohne die Transplantation wäre das mit Robert nicht passiert. Die beiden machen sich schreckliche Vorwürfe. Und sie tun mir wirklich leid. Trotzdem – ich würde mir komisch vorkommen, wenn ausgerechnet ich sie jetzt trösten würde.“ Sie dachte einen Augenblick schweigend nach. „Ich glaube, es ist für alle Beteiligten das Beste, wenn wir uns raushalten“, erklärte sie dann, und Felix stimmte ihr zu. Einvernehmlich spazierten die beiden weiter nebeneinander her. Da hielt sich der Restaurantleiter plötzlich den Rücken und stöhnte laut. „Was ist?“, fragte Samia besorgt.

„Scheint, als wenn ich mir den Rücken verrenkt habe, als ich Robert trug“, klagte er.

„Und warum sagst du das erst jetzt?“, grinste sie. „Ich bin schließlich ausgebildete Masseurin.“

„Stimmt ja“, lächelte er.

„Wie wäre es, wenn ich mir deinen Rücken mal anschaue?“, schlug sie vor. „Oben auf der Alm?“ Dankbar nahm er ihr Angebot an.

„Herrlich …“, knurrte er genüsslich. Mit geschlossenen Augen lag er auf der Wiese, während Samia ihm den Rücken massierte. Doch da verzog er das Gesicht. „Au!“

„Tut mir leid. Aber das kommt davon“, meinte sie. „Du hättest gleich zu mir kommen müssen, dann hätte ich deine Verspannung sofort gelöst. Wenn man länger wartet, wird es immer schlimmer.“

„Okay, ab jetzt weiß ich ja, zu wem ich gehen muss“, erwiderte er.

„Brav.“ Sie lächelte, fuhr mit der Massage fort und erzählte: „Bei uns in Afrika hat mein Vater so was behandelt. Er ist der Medizinmann im Dorf.“

„Hat er auch so sanfte Hände?“, wollte Felix wissen.

„Eigentlich nicht. Wenn er massiert, dann mit den Füßen …“ Sie verlor sich in den Erinnerungen an ihre afrikanische Kindheit und sprudelte einige Geschichten hervor. Dabei merkte sie gar nicht, dass der Restaurantleiter unter ihren knetenden Fingern eingeschlafen war. Als sie es endlich feststellte, berührte es sie eigenartig. Man musste sich wohlfühlen, wenn man in der Gegenwart eines anderen Menschen schlafen konnte …

Felix brauchte einen Moment, um zu begreifen, wo er war. Die Wiese duftete, und in der Nähe hörte er eine leise Melodie: „La vie en rose“, den alten französischen Chanson. Lächelnd setzte er sich auf und betrachtete Samia, die mit dem Rücken zu ihm im Gras saß und selbstvergessen vor sich hinsummte. Er konnte sich gar nicht sattsehen an ihr.

„Hey, du belauscht mich ja!“ Sie musste seinen Blick gespürt haben.

„Bitte, nicht aufhören“, erwiderte er. „Das war schön, wunderschön. La vie en rose … Das habe ich schon lange nicht mehr gehört.“ Sie begann wieder zu summen und bemerkte nicht, wie verzückt er sie dabei ansah.

Nur ungern hatte er sich von Samia verabschiedet und war an seine Arbeit zurückgegangen. Fiona Marquardt hatte allerdings auf seine Rückkehr gewartet – sie brauchte Herrn Tarrasch als „Zeugen“ für den Auftritt, den sie sich überlegt hatte. Nun konnte sie endlich zu Simon gehen.

„Störe ich dich bei der Arbeit?“, fragte sie mit geheuchelter Freundlichkeit.

„Nein, überhaupt nicht“, gab der Sommelier zurück. „Ich wollte auch mit dir reden.“ Da Viktoria ihn nicht anders behandelte als zuvor, ging er davon aus, dass Fiona den Mund gehalten hatte. „Ich möchte mich bedanken“, fuhr er also fort. „Weil du Viktoria nichts von uns erzählt hast.“

„Deswegen wollte ich auch mit dir sprechen“, säuselte sie. „Ich habe mir das alles nämlich auch noch einmal überlegt: Ich will euch nicht im Weg stehen. Wenn du sie so magst, dann geh zu ihr …“

„Ist das dein Ernst?“, staunte er. Sie nickte und gab sich tapfer.

„Meinst du, wir können trotzdem noch Freunde bleiben?“, hauchte sie.

„Klar. Natürlich. Wieso nicht?“ Die Erleichterung war ihm deutlich anzumerken.

„Wunderbar. Und keine Sorge, unser kleines Abenteuer bleibt unter uns, versprochen.“ Zu Simons Überraschung drängte sie sich plötzlich dicht an ihn – selbstverständlich hatte sie vorher überprüft, dass Felix Tarrasch sie auch gut sehen konnte. „Aber falls du noch mal Lust haben solltest …“, flüsterte sie dem Sommelier anzüglich ins Ohr, „auf mich, auf ein kleines Abenteuer … Dann kannst du immer zu mir kommen.“ Zur Bekräftigung gab sie ihm noch einen leidenschaftlichen Kuss auf die Wange. Und der Restaurantleiter glaubte, seinen Augen nicht zu trauen – was trieben denn die beiden da?

2. KAPITEL

Gedankenverloren betrat Miriam den „Fürstenhof“. Robert hätte sich nie auf diese Transplantation einlassen dürfen, grübelte sie. Es war doch gerade alles so schön gewesen. Gerade hatten sie beide sich endlich gefunden, endlich war alles in Ordnung gewesen, und dann … Sie musste damit aufhören, ermahnte sie sich selbst. So durfte sie einfach nicht denken. Es war Roberts Entscheidung gewesen, und Leonie war immerhin seine Cousine. Er hatte ihr unbedingt helfen wollen. Das musste er tun. Aber was war, wenn Alexander recht behielt? Wenn Roberts Gehirn wirklich Schaden genommen hatte? Was, wenn Robert nie wieder aufwachte?! Die Panik schnürte ihr die Luft ab. Sie durfte sich da einfach nicht reinsteigern. Robert hatte es geschafft, er war zu ihr zurückgekommen. Das konnte nicht umsonst gewesen sein, niemals. Und die Computertomografie würde es beweisen: Er würde wieder gesund, ganz sicher!

Da lief ihr mitten in der Lobby Leonie über den Weg. Roberts Cousine hatte von Herrn Saalfeld erfahren, dass es zwar Komplikationen gegeben hatte, der Zustand des Küchenchefs jetzt jedoch wieder stabil wäre. Und Miriam fühlte sich hin- und hergerissen – sollte sie Leonie die Wahrheit über Roberts Zustand sagen? Die Cousine des Küchenchefs spürte sofort, dass etwas nicht stimmte.

„Wenn es mit Robert irgendwelche Probleme gibt, musst du mir das sagen“, bedrängte sie Miriam. Doch die schwieg nur überfordert. Und über Leonie brach alles zusammen. „Es ist meine Schuld“, klagte sie sich selbst an. „Ich hätte Roberts Hilfe nie annehmen dürfen … Es kann doch nicht sein, dass er dafür bestraft wird, weil er mir helfen wollte!“ Miriam ertrug es nicht länger, ihr zuzuhören. Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und rannte davon.

Auch Alexander fiel es ausgesprochen schwer, Werner die Wahrheit über Roberts Situation zu verschweigen. Doch der Senior interessierte sich jetzt erst einmal für das Befinden seiner Tochter und seiner Enkelin, und Alexander war froh, das Thema wechseln zu dürfen.

„Hannah hatte gerade eine schlimme Mittelohrentzündung“, erzählte er. „Aber es geht ihr schon wieder viel besser. Ansonsten ist sie der süßeste Fratz, den man sich vorstellen kann. Schau mal!“ Stolz zog er ein Foto seiner Tochter hervor, das Werner begierig betrachtete.

„Die Augen hat sie von Laura“, stellte er mit einem verträumten Lächeln fest. „Eine kleine Prinzessin.“

Leonie hatte sich in ihrer Not an Gregor gewandt, und ihr Freund wusste natürlich, was sich im Krankenhaus abgespielt hatte. Behutsam informierte er sie über den Herzstillstand und das künstliche Koma, in das der Küchenchef versetzt worden war. Und darüber, dass man nicht sicher sein konnte, wie Roberts Gehirn den Sauerstoffmangel verkraftet hatte …

„Jetzt verstehe ich, warum Miriam so komisch zu mir war“, platzte Leonie verzweifelt heraus. „Sie gibt mir die Schuld an Roberts Zustand. Und sie wird mir nie verzeihen, dass er sich meinetwegen auf die Transplantation eingelassen hat.“

„So denkt Miriam nicht“, wollte der Arzt sie beruhigen. „Sie ist einfach nur mit den Nerven runter. Das ist doch verständlich, oder?“ Seine Freundin sah plötzlich sehr traurig aus.

„Sie hat recht“, murmelte sie. „Ich bin schuld.“

„Jetzt hör auf, so dummes Zeug zu reden!“, fuhr er sie an. „Was kannst du dafür, dass es bei Robert Komplikationen gibt?“

„Ohne mich wäre er nie operiert worden“, gab sie zur Antwort. „Wer weiß? Wäre ich nicht hierher gekommen, wären Miriam und Robert bestimmt längst glücklich verheiratet.“

Um seiner verzweifelten Freundin zu helfen, suchte Gregor noch einmal das Gespräch mit Miriam.

„Ich habe Leonie die Wahrheit über Roberts Zustand gesagt“, erklärte er. „Aber sonst keinem, keine Sorge.“ Roberts Freundin nickte verlegen. „Sie macht sich große Sorgen um ihn“, fuhr er fort. „Und es wäre nett, wenn du noch einmal mit ihr reden würdest. Nach eurem letzten Treffen, da … Na ja, Leonie ist total unglücklich.“

„Das bin ich auch“, entgegnete sie tonlos.

„Sie denkt, du gibst ihr die Schuld an Roberts Zustand“, insistierte er.

„Ich … habe leider im Moment total viel zu tun“, versuchte sie sich herauszureden.

„Nur ganz kurz“, bat er. „Ich mache mir Sorgen um Leonie. Sie ist ganz krank vor Kummer.“ Doch Miriam machte keine Anstalten einzulenken. „Sag bloß, du gibst ihr tatsächlich die Schuld …“, platzte der Arzt auf einmal heraus. Und sie wand sich unter seinem ungläubigen Blick.

Das Gespräch mit Gregor hatte tatsächlich Spuren hinterlassen. Miriam wusste, dass sie sich bei Roberts Cousine entschuldigen musste.

„Es tut mir leid.“ Sie stand vor der Tür der Dachkammer und drückte der verwirrten Leonie einen kleinen Blumenstrauß in die Hand. „Es stimmt: Ich habe dir die Schuld an dem gegeben, was mit Robert passiert ist“, gestand sie dann. „Aber das war falsch von mir. Ich schäme mich. Wie konnte ich so was nur denken?“ Die Cousine des Küchenchefs war zu überrumpelt, um etwas zu entgegen, und bat ihren Besuch nur wortlos herein. „Ich hatte solche Angst um Robert“, fuhr Miriam unglücklich fort. „Diese Transplantation … Als sie ihn in den OP geschoben haben, da dachte ich, ich drehe durch … Nach der Operation, als erst alles gut aussah, da war da trotzdem dieser Schatten. Und als Robert im Wald zusammenbrach …“ Die Tränen liefen ihr übers Gesicht. Mitfühlend nahm Leonie ihre Hand. „Ich werde noch verrückt vor Angst“, schluchzte Miriam. „Vielleicht habe ich deshalb ein Ventil gesucht. Jemandem, dem ich die Schuld geben kann. Aber es hat keiner Schuld. Und du schon gar nicht.“

„Wenn ich gewusst hätte, was mit Robert passiert, hätte ich sein Angebot nie angenommen“, sagte seine Cousine leise.

„Es war Roberts Entscheidung“, hielt Miriam dagegen. „Er musste dir helfen. Du bist seine Cousine. Seine Familie. Und ich hoffe, du bist mir nicht zu böse.“

„Ganz im Gegenteil …“ Leonie war sichtlich gerührt. „Was du und Robert für mich getan habt … Keine Ahnung, wie ich euch jemals dafür danken kann.“

„Indem du gut auf dich aufpasst“, fand Miriam. „Und auf Gregor.“ Die beiden Frauen umarmten einander zum Abschied. Roberts Freundin musste los – sie war mit Alexander verabredet.

„Danke, dass du gekommen bist“, begrüßte sie den Bruder ihres Freundes, als er die Wohnung des Küchenchefs betrat. „Du findest es bestimmt komisch, dass ich ausgerechnet hier auf den Anruf warten möchte, oder?“

Doch Alexander schüttelte nur mitfühlend den Kopf.

„Hier sind seine Sachen, seine Kleidung, seine Bücher“, fuhr Miriam leise fort. „Hier riecht alles nach ihm.“ Sie klammerte sich an Roberts Lieblingspullover. „Hier habe ich das Gefühl, dass er bei mir ist. Ich habe schon dreimal im Krankenhaus angerufen, aber sie konnten mir immer noch nichts sagen.

„Professor Sauer sagte, er meldet sich, wenn das Ergebnis der CT vorliegt“, entgegnete er sanft.

„Aber warum dauert das so lang?“, klagte sie.

„Das hat bestimmt nichts zu bedeuten“, wollte er sie beruhigen. „Es bleibt uns nichts anderes übrig, als zu warten …“ Und in diesem Augenblick klingelte das Telefon.

Kurz darauf war Alexander auf der Suche nach Werner und fragte Alfons, wo der Senior steckte.

„Er wollte ins Krankenhaus“, berichtete der Portier.

„Was?!“ Der Schock stand seinem Sohn ins Gesicht geschrieben.

„Junge, was ist denn?“, wunderte sich Herr Sonnbichler und musterte ihn besorgt. „Was ist passiert?“

„Jetzt weiß er Bescheid …“, murmelte Alexander verzweifelt. „Aber ich wollte doch nicht, dass er es so erfährt …“ Überfordert schloss er die Augen.

„Alexander!“ Alfons geriet nun langsam außer sich. „Was ist denn los? Stimmt was nicht mit Robert?“

Und es war genau so, wie Alexander befürchtet hatte. Werner war unvorbereitet ins offene Messer gelaufen – im Krankenhaus hatte man ihm gesagt, wie es um seinen Sohn in Wirklichkeit stand.

Sobald er wieder zurück im „Fürstenhof“ war, machte er sich auf die Suche nach Miriam.

„Hier steckst du!“, schnaubte er, als er sie in Roberts Wohnung fand. „Denkt ihr eigentlich, ich bin ein Idiot? Alexander und du, ihr wolltet mir weismachen, mit Robert wäre alles in Ordnung. Aber das war gelogen! Alles gelogen! Professor Sauer hat mir die Wahrheit gesagt und mir Roberts CT gezeigt! Und weiß du, was ich da gesehen habe?“ Sie schwieg, und die Verzweiflung war ihr anzusehen. „Natürlich weißt du es!“, schrie er weiter. „Teile seines Gehirns sind abgestorben!“ Tränen standen ihm in den Augen. „Robert ist nur noch eine tote Hülle!“

„Nein, das stimmt nicht“, widersprach sie kraftlos. „Professor Sauer hat gesagt, wir müssen warten, bis Robert aufwacht. Es kann gut sein, dass alles nicht so schlimm ist.“

„Blödsinn!“ Werners Stimme überschlug sich. „Mein Sohn wird sein Bett nie mehr verlassen – und für den Rest seines Lebens nur noch vor sich hin vegetieren! Das hätte er nie gewollt! Lieber wäre er tot gewesen!“ Sie ahnte Böses. Und da kam es auch schon: „Wieso konntest du ihn nicht in Ruhe sterben lassen?“, warf er ihr vor. „Warum musstest du ihn unbedingt zurückholen?“ Sie war sprachlos vor Schock und Entsetzen. „Mein Sohn wird den Rest seines Lebens in einem Albtraum leben. Und daran bist du schuld!“

„Das ist nicht dein Ernst!“, flüsterte sie. „Hätte ich ihn etwa nicht reanimieren sollen?“

„Was ist der Preis dafür, dass er noch atmet?“, hielt er dagegen.

„Eben, er atmet!“, beharrte sie eindringlich. „Robert lebt, das ist das Wichtigste! Hättest du ihn einfach so aufgegeben?“

Er zögerte. Aber in seiner Angst und dem Grauen, das er angesichts der ganzen Situation empfand, blieb er unversöhnlich – und unlogisch. „Diesen Unsinn mit der Lebertransplantation hättest du ihm ausreden müssen!“, fand er jetzt.

„Du kennst deinen Sohn!“, verteidigte sie sich. „Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, zieht er das auch durch.“

„Genau deswegen hättest du ihn mit aller Macht von dieser Schnapsidee abhalten müssen“, meinte er. „Was ist, wenn er mit geistigen Schäden aus dem Koma erwacht? Dann ist er ein Pflegefall! Sein Leben lang!“

Sie bemühte sich um Beherrschung. „Er hätte sich nie reinreden lassen. Von keinem von uns. Werner!“, versuchte sie es von Neuem. „Wenn wir uns gegenseitig zerfleischen – das bringt weder uns noch Robert weiter.“

„Was bringt Robert überhaupt noch was?“, versetzte er bitter.

„Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben“, mahnte sie, aber er reagierte darauf nur abfällig.

„Es gibt keine gute Fee, bei der man drei Wünsche frei hat.“

„Ganz egal, was du mir noch an den Kopf wirfst …“ Miriam atmete tief durch. „Ich gebe Robert nicht auf. Schlimm genug, dass es sein Vater tut.“ Und damit erhob sie sich und ging hinaus.

Wie konnte Werner ihr nur vorwerfen, dass sie Robert gerettet hatte, empörte sie sich auf dem Weg ins Gewächshaus. Sie liebte ihn, er war der wichtigste Mensch in ihrem Leben – den ließ sie doch nicht einfach sterben! Natürlich hatte sie absolut richtig gehandelt. Und sie würde es jederzeit wieder tun. Wahrscheinlich hatte Werner einfach nur Dampf ablassen müssen. Der Senior litt so sehr unter der Situation. Dass er in seiner Angst um Robert einen Schuldigen suchte, verstand sie sogar – schließlich war ihr das mit Leonie nicht anders gegangen. Aber niemand war verantwortlich dafür, dass alles so gekommen war. Und ändern konnten sie es auch nicht. Sie konnten nur zusammenhalten und für Robert da sein. Er brauchte sie alle!

Zur gleichen Zeit sprach Alexander in der Praxis mit Gregor und zeigte ihm ebenfalls die Aufnahmen von Roberts Computertomografie.

„Es kann sein, dass Robert beeinträchtigt ist, muss aber nicht“, stellte Dr. Bergmeister fest, nachdem er die Bilder ausführlich studiert hatte.

„Solange er noch im Koma liegt, können wir also nur spekulieren“, seufzte der Bruder des Küchenchefs.

„Immerhin stehen die Chancen nicht schlecht, dass die Schädigung von anderen Gehirnregionen kompensiert wird“, versuchte der Arzt ihm Hoffnung zu geben. „Und das macht das Gehirn ganz alleine, das merken weder der Patient noch sein Umfeld. Unser Gehirn ist zu wahren Meisterleistungen fähig.“

„Ich hoffe so sehr, dass Robert wieder gesund wird …“ Gregors alter Rivale wirkte noch immer bedrückt und niedergeschlagen. Da klingelte sein Handy. Laura! Dr. Bergmeister beschäftigte sich diskret mit seinen Patientenakten, während die beiden miteinander telefonierten.

„Bestell Laura schöne Grüße“, bat er, als Alexander Anstalten machte, sich von seiner Frau zu verabschieden. „Ist alles in Ordnung mit der Kleinen?“, fragte er, nachdem Roberts Bruder aufgelegt hatte.

„Ja. Hannah hatte eine Ohrenentzündung, aber es geht ihr wieder besser.“

„Das freut mich.“ Gregor lächelte sein Gegenüber offen an. „Du kannst stolz sein auf deine kleine Familie.“

Alexander verzog skeptisch das Gesicht.

„Keine Sorge.“ Die Stimme des Arztes klang durch und durch ehrlich. „Ich freue mich wirklich, dass du und Laura … dass ihr euer Glück gefunden habt.“

„Schön, das von dir zu hören“, entgegnete Lauras Mann und wirkte sofort weniger befangen.

„Wahre Liebe setzt sich eben durch.“ Gregor grinste.

„Und was ist mit dir?“, wollte sein ehemaliger Konkurrent wissen. „Was tut sich außerhalb der Praxis?“

„Wir haben bald Winter“, versetzte der Arzt ironisch. „Die Nächte werden länger.“

„Aha! Wer ist es? Kenne ich sie?“ Die Stimmung zwischen den beiden wurde nun immer lockerer.

„Wie das Leben so spielt: Sie ist mit dir sogar verwandt. Leonie Preisinger.“

Alexander lächelte. „Das freut mich für dich“, erklärte er warmherzig. „Ich habe schon viel von meiner neuen Cousine gehört. Nur kennengelernt habe ich sie noch nicht.“

„Sie ist wunderbar“, schwärmte Dr. Bergmeister.

„Was hast du anderes erwartet?“, frotzelte sein Gegenüber. „Bei den Genen …“ Die beiden Männer lachten, als wären sie alte Kumpels. „Wenn ich daran denke, wie wir uns damals geprügelt haben …“, sagte Alexander dann. „Schön, dass diese Zeiten endlich vorbei sind!“

„Allerdings!“, bekräftigte Gregor, der selbst erleichtert war darüber, dass ihn Alexanders Telefonat mit Laura so kaltgelassen hatte.

„Ich wünsche dir von Herzen, dass du und Leonie glücklich miteinander werdet. Ohne Umwege und Komplikationen.“ Sie tauschten ein freundschaftliches Lächeln.

„Da du aus dem Verkehr gezogen bist, habe ich dieses Mal hoffentlich freie Bahn“, scherzte der Arzt.

3. KAPITEL

Mit glasigen Augen wanderte Werner durch den Park. Er achtete nicht einmal auf die Gäste, die ihm entgegenkamen und ihn grüßten – er dachte nur an Robert. Und immer wieder kämpfte er mit den Tränen. Da sprach ausgerechnet Leonie Preisinger ihn an.

„Wenn ich irgendwas für Sie tun kann, Herr Saalfeld …?“, sagte sie vorsichtig. Abweisend schüttelte er den Kopf. „Entschuldigen Sie, aber das glaube ich Ihnen nicht“, insistierte sie.

„Was Sie glauben oder nicht, interessiert mich nicht“, herrschte er sie an. Doch sie ließ sich nicht abschütteln.

„Ich kann verstehen, wenn Sie nicht mit mir darüber reden wollen. Vielleicht bin ich wirklich die Falsche dafür.“ Er zeigte keine Regung. „Aber ich mache mir genauso viele Gedanken um Robert wie Sie“, fuhr sie fort. „Es ist nicht gerade einfach für mich, dass der Mann, der mir das Leben rettet, plötzlich selber ums Überleben kämpfen muss.“ Offen blickte sie ihm ins Gesicht. Und da konnte er sehen, wie sehr auch sie sich mit der Situation quälte. „Sie sind mit Ihrer Angst nicht alleine“, flüsterte sie. Und endlich reagierte er.

„Das tut gut zu wissen. Danke.“

Auch Miriam ging spazieren, war mit dem Herzen aber voll und ganz bei ihrem Freund. Bald würde sie wieder gemeinsam mit ihm durch diesen Park gehen, daran glaubte sie ganz fest. Auch wenn es sonst keiner tat, nicht einmal Werner. Aber sie spürte einfach, dass Robert wieder gesund aufwachen würde. Und selbst, wenn es anders kam: Das änderte nichts an ihrer Liebe. Robert war und blieb ihr Mann, und sie würde immer zu ihm halten. Als sie im Rollstuhl saß, hatte sie selbst erlebt, was Liebe bewirken konnte. Sie würde stark sein – stark genug für sie beide.

Leonie kam ihr entgegen und grüßte sie ein wenig befangen.

„Es tut mir so leid“, setzte sie an, doch Miriam fiel ihr ins Wort.

„Niemand kann etwas für Roberts Rückfall“, erklärte sie entschlossen. „Am ehesten könnte ich mir selbst vorwerfen, dass ich nicht energischer mit ihm war.“

„Du hättest ihn auch nicht ans Bett fesseln können …“, meinte seine Cousine.

„Aber zu mehr Ruhe zwingen müssen. Werner hat schon recht, mir das vorzuwerfen.“

Leonie schnappte nach Luft. „Herr Saalfeld macht dich dafür verantwortlich?“, empörte sie sich. „Das ist doch lächerlich!“

„Er macht sich eben Sorgen um seinen Sohn“, verteidigte Miriam den Senior. „Und wahrscheinlich tut es ihm jetzt schon wieder leid, dass er ungerecht war. Aber im Moment ist das alles zweitrangig. Das Einzige, was zählt, ist, dass Robert wieder gesund wird. Und dafür braucht er meine ganze Unterstützung.“

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