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Zwischen Himmel und Hades

Charlott E. Martin

Zwischen Himmel und Hades

Ein Hadessphere-Roman





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Prolog

Die Luft flirrte über dem sonnenglühenden Asphalt. Dicht an dicht schoben sich glitzernde Karossen durch die wabernde Hitze, ein träger, lärmender Strom, der am Horizont in heißem Dunst und Bedeutungslosigkeit versickerte.

Zwei Motorräder lösten sich aus einem der sonnenglitzernden Stränge, bogen auf einen Parkplatz ab und steuerten auf den schmalen Streifen Schatten zu, den eine Reklamewand warf. Das überlaute Poltern der Motoren verstummte abrupt. Die Fahrer, einer auffallend hellblond, der andere dunkelhaarig, musterten schweigend die kupferfarben verglaste Front eines mehrstöckigen Firmengebäudes.

„Bist du sicher, dass wir hier richtig sind?“

Rafael „Viper“ Estes lehnte sich auf seiner schwarzen Harley-Davidson zurück und streckte seine, in ausgebleichten, vor langer Zeit einmal schwarzen, Jeans steckenden, Beine aus. Seine Augen hinter den dunklen Gläsern seiner Sonnenbrille waren nicht zu erkennen, aber in seiner Stimme lag genügend Distanz, um deutlich zu machen, dass nicht er hatte herkommen wollen. Jemand hatte ihnen einen Job angeboten – herzlichen Dank. Das wäre das erste Mal in seinem Leben, dass er Zeuge eines Wunders wäre. Niemand, der seine Sinne beisammenhatte, verschenkte etwas, ohne eine Gegenleistung zu fordern oder stillschweigend zu erwarten. Es war Ewigkeiten her, dass er sich Illusionen hingegeben hatte, er war nur hier, weil Chris so gedrängt hatte.

Mit einer ungeduldigen Kopfbewegung warf er sein Haar, das der Wind ihm ins Gesicht geweht hatte, über die Schultern zurück und sah auffordernd zu seinem Freund, der seinerseits das Gebäude musterte. Immerhin würde er jetzt erfahren, was sie hatten, dass man nicht nur Außenseitern wie ihnen einen Job angeboten hatte, sondern sich auch die Mühe gemacht hatte, sie überhaupt ausfindig zu machen. Und wenn schon. Ohne großes Interesse sah er an sich herab und klopfte achtlos den Staub aus seiner Kleidung. Wie sein Freund trug er Jeans, schwere Motorradstiefel, ein T-Shirt, das vor langer Zeit einmal schwarz gewesen war und eine abgetragene Jeansweste, auf deren Rücken zwei gekreuzte Streitäxte und der Schriftzug „Warlord MC“ prangten, das Emblem ihres Motorrad-Clubs. Sobald die Leute sie auf ihren Motorrädern sahen, dachten sie an Mord und Totschlag und die vielen Jungfrauen, die gleich geschändet würden. Biker kamen gleich nach dem Teufel. Er machte sich nichts daraus, empfand sogar ein fast perverses Vergnügen daran und nahm jedes Zurückweichen als Tribut. Sollten sie sich doch in ihrer Furcht suhlen. Es interessierte niemanden, dass die Warlords ein paar Freunde waren, die Spaß an Motoren und Geschwindigkeit hatten und in ihrer Freizeit einfach nur ein wenig Spaß mit ihren heißgeliebten Motorrädern haben wollten. Und dann sollte es gerade in dieser Firma keine Vorurteile geben? Warum hatte man sich wegen der Jobs dann nicht an einen der örtlichen Clubs gewandt?

Das Gebäude der Firma Triple M, das sie sich gerade ansahen, lag im Gebiet der Dragons, eines mit den Warlords seit Ewigkeiten verfeindeten Clubs. Obwohl sie nicht darüber gesprochen hatten, war der schwelende Konflikt der Grund, warum sie überhaupt hergekommen waren. Die Aussicht auf eine Konfrontation und das Wissen, zu zweit gegen eine Übermacht bestehen zu müssen, hatte sie gereizt. Leider schienen die Dragons noch in ihren Betten zu liegen, bis jetzt hatten sie nicht einen von ihnen zu Gesicht bekommen.

Außerdem hatte sie der Anruf doch neugierig gemacht. Schließlich drängte man Leuten wie ihnen Jobs nicht gerade auf. Es waren nicht nur die Clubwesten und die Motorräder, auch ihre Tätowierungen hielten ihre bürgerlichen Mitmenschen auf Abstand. Rafaels Blick glitt über seinen linken Arm und die schwarze Viper, die sich vom Handrücken bis zur Mitte seines Oberarms ringelte. Ihre Kiefer waren weit aufgerissen, die Giftzähne bereit, sich in zuckendes, heißes Fleisch zu bohren, schnell, präzise, tödlich - wie er. Er kam ohne Reißzähne aus, seine Waffen waren subtiler, aber deswegen nicht weniger gefährlich. Das hatte sich herumgesprochen und deswegen ließ man ihn in Ruhe – mehr sogar, als ihm lieb war.

„Gehen wir rein“, knurrte er. „Ich habe keine Lust, hier draußen gegrillt zu werden.“

Chris „Steel“ Delaire, wandte den Kopf und lächelte. „Hören wir uns an, was dieser“, er fingerte in den Taschen seiner Weste und zog schließlich mit einem befriedigten Brummen eine Visitenkarte hervor. „Richard Morrison von uns will.“

Rafael erwiderte das Lächeln mit einem kaum sichtbaren Verziehen eines Mundwinkels. Er war nur aus Neugier und ohne Hoffnung auf einen Job hergekommen, aber Chris schien die Hoffnung noch nicht aufgegeben zu haben, dass die Fahrt doch noch etwas an Aufregung bot. Zwar war die Hinfahrt ereignislos, sprich, langweilig gewesen, doch das hieß nicht, dass er nicht darauf brannte, den Rückweg interessanter zu gestalten. Es war ihm durchaus zuzutrauen, die Dragons anzurufen, bevor sie sich auf den Heimweg machten. Chris lebte für die in seinen Augen viel zu seltenen Gelegenheiten, seine silbernen Dolche aus seinen Stiefeln ziehen konnte. Einer dieser Dolche zierte als Tattoo - Schmuck und Warnung zugleich - seinen linken Unterarm. Ob die Dolche, seine stahlblauen Augen oder sein Interesse an Motoren ihm zu seinem Rufnamen verholfen hatten, war vergessen worden. Irgendwann hatte es sich so ergeben und es war dabei geblieben.

Als sie die Lobby betraten, wurden sie zu ihrer Überraschung mit dem Hinweis, sie würden bereits erwartet, in den zweiten Stock gebeten.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte eine attraktive Brünette in einem marineblauen Kostüm, als sie den angegebenen Raum betraten. Ihr kühler Blick registrierte ihre verstaubte, abgetragene Kleidung und die Tatsache, dass sie sich nicht der Mühe unterzogen hatten, sich zu rasieren oder sonst präsentabel zu machen.

„Mr. Morrison erwartet uns.“

Chris nahm seine Sonnenbrille ab und ließ seinen anerkennenden Blick langsam in ihren Ausschnitt tropfen. Die Schultern der Sekretärin strafften sich und ein Lächeln durchbrach das ewige Eis.

„Er telefoniert gerade.“

Selbst das Eis in ihrer Stimme war einem samtigen Schnurren gewichen. Sie wies auf eine Sitzgruppe aus maulbeerfarbenem Leder. „Nehmen Sie bitte noch einen Moment Platz. Sobald er fertig ist, sage ich ihm, dass Sie da sind.“

Rafael widmete den galanten Manövern seines Freundes lediglich das beiläufige Interesse, das er auch einem Verkehrsstau oder einem Regenguss entgegengebracht hätte. Chris‘ Reaktion auf attraktive Frauen war so vorhersehbar, wie die Gezeiten und so wenig abzuwenden, wie der Tod. Er nahm seine Sonnenbrille ab, steckte sie in die Brusttasche seiner Weste und sah sich um. Allein das Holz und das Leder im Vorzimmer waren mehr wert, als Chris und er in zehn Jahren verdienen konnten, das Designerkleid, das jemand der Vorzimmerpflanze sprichwörtlich auf den Leib gemalt hatte, noch einmal so viel. Wer auch immer sie herbestellt hatte, musste sich einen Scherz erlaubt haben.

Sie ließen sich auf das sündhaft teure Ledermöbel fallen. „Es hat zehn Sekunden gedauert, dann hatte sie dich gebadet, rasiert und in parfümierte Laken gesteckt“, raunte er Chris zu. „Im Moment überlegt sie, auf wie viele Arten sie dich vernaschen könnte.“

Zwei Minuten später öffnete sich die Tür zum Allerheiligsten und ein junger Mann, mit einem schmalen, intelligenten Gesicht, scharfen braunen Augen, einer Adlernase und einem humorvollen Mund eilte auf sie zu. Dunkle Locken fielen auf den Kragen seines hellgrauen Anzugs, der so dezent, wie teuer war. „Ich freue mich, dass Sie gekommen sind“, sagte er und schüttelte erst Rafael, dann Chris die Hand. „Ich bin Richard Morrison. Eigentlich wollte ich Sie in meinem Büro stilvoll empfangen, aber leider ist mir etwas dazwischengekommen.“

Rafael warf Chris einen gereizten Blick zu.

Richard Morrison fing den Blick auf: „Um Himmels Willen, laufen Sie nicht gleich davon. Ich will Sie nicht versetzen. Schließlich hat es uns einige Mühe gekostet, Sie zu finden. Wir werden nur einen kleinen Ortswechsel vornehmen. Kommen Sie. Ich denke, es wird Sie interessieren.“

Er öffnete die Tür und ließ Rafael und Chris den Vortritt. „Joanna“, sagte er über die Schulter zurück, „ich bin im großen Studio. Keine Anrufe. Ich möchte nicht gestört werden.“

Richard Morrison führte seine Gäste angeregt plaudernd durch ein unüberschaubares Gewirr heller Gänge in einen kleinen Raum, dessen Längswand verglast war und freien Blick auf ein aufwändig eingerichtetes Tonstudio gab. Der Besucherraum war schlicht, aber elegant in verschiedenen Naturtönen gehalten, schokoladenbrauner Teppichboden, cremefarbene Wände, Couch und Sessel mit tabakbraunen Lederbezügen. Geschickt angebrachtes, indirektes Licht lenkte den Blick auf Porträts bekannter Künstler.

„Meine Herren, nehmen Sie doch Platz. Ich denke, es wird Sie interessieren. Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“

Die Herren waren höchst interessiert und baten um ein Bier. Durch die Glaswand beobachteten sie Elli Marshall, die gerade ihren Musikern das Zeichen zum Einsatz gab. Elli Marshall galt als eine der größten Jazzsängerinnen aller Zeiten und sie war nach einhelliger Meinung besser denn je.

Offensichtlich war der als äußerst schwierig bekannte Star mit der Gesamtsituation unzufrieden, denn sie unterbrach mit einer unwirschen Handbewegung das Spiel des Pianisten.

„Hör auf, so geht das nicht! Wo ist Morry?“

Ein Studiomusiker wies auf Richard Morrison, der zwischen Rafael und Chris auf der Couch des Besucherraumes Platz genommen hatte.

„Da sind Sie ja endlich! Morry, ohne John kann ich nicht arbeiten. Sie wollten sich um Ersatz kümmern.“ Mit kriegerisch in die Hüften gestützten Armen musterte Elli die drei Männer im Besucherraum.

„Dachte ich es mir doch! Natürlich kümmern Sie sich lieber um zwei junge hübsche Männer, als einer alten, schwarzen Frau zur Seite zu stehen.“

Richard Morrison erhob sich und drückte einen Knopf auf dem Tisch vor sich. „Elli, Sie wissen ganz genau, dass Sie keine alte Frau sind und dass ich Sie über alles liebe“, sagte er. „Aber ich dachte, Sie wollten heute gar nicht arbeiten. Ich weiß, ich weiß“, lachte er, als Elli Marschall ihm einen sprechenden Blick zuwarf, „dass ich Sie nicht so lieben würde, wenn Sie nicht so arbeitswütig wären. Was halten Sie davon, eine kleine Pause zu machen? Ich kümmere mich um alles, aber zuerst muss ich die beiden so neugierig machen, dass sie mir nicht davonlaufen.“ Er zwinkerte ihr zu, erntete jedoch nur ein weiteres Schnauben.

Rafael und Chris wechselten einen erstaunten Blick.

„Im Übrigen, Elli, finden Sie wirklich, dass die beiden gut aussehen?“, fragte Richard Morrison. „Ich weiß, dass die Geschmäcker verschieden sind, aber gestern noch haben Sie mir versichert, dass …“,

„Was? Dass Sie ein großes Mundwerk haben?“, fauchte sie zurück. „Versuchen Sie nicht, mich einzuwickeln. Ich gebe Ihnen zehn Minuten.“

Morrison sah der Diva nach, die mit raschen, entschlossenen Schritten auf ihren nadelscharfen Stilettos das Studio verließ, dann wandte sich wieder seinen Gästen zu: „Zehn Minuten müssten ausreichen. Erinnern Sie sich an das letzte Biker-Treffen in Sturgis, South Dakota?“

Ein erfreutes Lächeln erhellte Chris’ Gesicht. Rafael schmunzelte. Jeder, der dort gewesen war, erinnerte sich daran. Sturgis war der Höhepunkt ihres Jahres gewesen. Jedes Jahres. Von überall kamen die Motorrad-Verrückten zu diesem grandiosen Fest. Auch sie waren auf ihren Maschinen von der Westküste bis in die Kleinstadt am Rande der Black Hills gefahren um eine Woche mit Gleichgesinnten zu feiern. Schon der prachtvolle Anblick der auf der Hauptstraße in endlosen Reihen aufgestellten Harleys war die lange Anfahrt wert. Chrom und Stahl, soweit das Auge blickte, eine Maschine prächtiger und auffallender als die andere. Nach Sturgis fuhr man, um mit einer riesigen Familie ein gewaltiges Fest zu feiern. Eine Woche lang brodelte auf der sonst ruhigen Hauptstraße das Leben. Man führte sein Bike und sein Mädchen vor, erging sich je nach Temperament in alten Rivalitäten oder neuen Freundschaften, fiel alten Bekannten in die Arme und tauschte Erinnerungen und Neuigkeiten aus. Es gab Wettbewerbe, Geschicklichkeitsrennen und jede Menge Bier.

„Aber ja“, strahlte Chris, „Woran genau haben Sie gedacht?“

Rafael teilte die Freude seines Freundes nicht. Irgendwas war faul. Morrison sah nicht aus, wie einer, der an Chrom und Bier Interesse hatte. Morrison sah aus, wie einer, der bei Pferderennen ein Vermögen ließ und es genoss, dabei gesehen zu werden, einer, der vor Geld stank.

„Ich habe Filmmaterial in die Hände bekommen“, sagte Morrison, „auf den Sie beide zu sehen sind, eine Aufnahme, bei der an einem Lagerfeuer sitzen und zweideutige Lieder singen.“

Rafael drehte seine Bierflasche in den Händen und sah ins Studio, wo nichts außer den Instrumenten zu sehen war. Morrison hatte sie nicht eingeladen, um über Sturgis zu reden und er war nicht so weit gefahren, um dumme Fragen zu beantworten. Der Kerl spielte auf den letzten Abend vor der Rückfahrt an, an dem sie mit Freunden gegrillt und dabei versucht hatten, herauszufinden, wie viel Alkohol der menschliche Organismus zu vertragen imstande ist. Irgendwann hatte jemand ihm eine Gitarre gereicht und Steel hatte zu seinen Melodien Stegreifverse mit mehr oder weniger handfestem Inhalt gesungen.

„Ich hoffe, Sie wollen uns nicht damit erpressen“, schmunzelte Chris.

„Sagt Ihnen der Name Charles Hayden etwas?“

Rafael warf Chris einen gereizten Blick zu, dem Chris mit einem beschwichtigenden Nicken begegnete. Dann nickte er Richard Morrison zu, der fortfuhr: „Charles hat mich beauftragt, Sie ausfindig zu machen. Er sucht Musiker für seine neue Band.“

„Wie viel?“, fragte Rafael.

„Wie bitte?“ Richard Morrison blinzelte irritiert. „Wir zahlen Ihnen Ihre Auslagen.“

Rafael schoss Chris einen gereizten Blick zu und erhob sich. Richard Morrison erhob sich ebenfalls. „Können Sie sich vorstellen, wie viele junge Leute sich darum reißen, hier Probeaufnahmen ermöglicht zu bekommen?“

„Reden wir nicht um den heißen Brei herum“, sagte Chris Delaire. „Sie haben Interesse daran, dass wir vorspielen, das sollte Ihnen zweihundert wert sein. Wir haben kein Interesse daran, unsere Zeit zu verschwenden.“

Richard Morrison starrte sie an, als seien sie verrückt geworden.

Rafael stellte seine Bierflasche auf den Tisch. Er warf Chris einen warnenden Blick zu und verließ den Raum. Ein paar Schritte weiter stieß er die Tür zum Aufnahmeraum auf. Einen der Angestellten, der ihn aufhalten wollte, schob er mit einem beiläufigen „Verpiss dich!“ zur Seite. Der Flügel zog ihn wie magisch an. Ein Steinway. Es war Ewigkeiten her, seit er auf einem anständigen Klavier gespielt hatte, einen Flügel dieser Qualität hatte er noch nie unter den Fingern gehabt. Er setzte sich auf den Hocker und ließ seine Finger über die Tasten gleiten. Zum Eingewöhnen spielte er Stücke, die er noch aus seiner Kindheit im Kopf hatte, einfache Weisen, um die Finger wieder geschmeidig zu machen, doch schon bald ging er zu komplizierteren Melodien über, wie sie ihm gerade einfielen. Er lächelte, als die Töne wie Silber unter seinen Fingern hervorquollen. Selbst wenn Steel keinen Cent aus Morrison herausholte, hatte sich die Fahrt gelohnt. Rafael reihte Melodie an Melodie, wechselte von Klassik zu Jazz, ließ Notenfolgen einfließen, die ihm gerade in den Sinn kamen. Er bemerkte nicht, wie Richard Morrison seinen Leuten ein Zeichen gab, ihn nicht zu unterbrechen, sah nicht dessen Gesicht einen interessierten Ausdruck annehmen. Steel hatte ihn schon in Bars spielen hören, aber das waren halbherzige Vorstellungen gewesen, die bei weitem nicht das zeigten, was er konnte. Aber wer nur einen billigen Barpianisten suchte, bekam auch nichts Besseres.

Im Besucherraum sah Chris Richard Morrison von der Seite an. „Nur zum besseren Verständnis: Als ich zweihundert sagte, meinte ich pro Person.“

„Sie sind unverschämt!“

Chris hob eine Schulter und wartete. Zwanzig Sekunden vergingen in ungemütlichem Schweigen, dann erhob er sich und drückte auf die Sprechtaste zum Aufnahmeraum.

„Viper?“

Rafael hob den Kopf, unterbrach sein Spiel jedoch nicht.

Morrison schnalzte gereizt mit der Zunge und hob beide Hände. „In Ordnung, zweihundert pro Person.“

Rafael nickte. Auf Steel konnte man sich verlassen.

„Ich denke, Sie machen sich nicht viele Freunde mit ihrer Art“, knirschte Morrison.

Chris grinste. „Ich kann damit leben.“

Morrison schwieg.

„Wann erwarten Sie Mr. Hayden?“, fragte Chris, als Richard Morrison keine Anstalten machte, das Schweigen zu brechen.

Morrison sah auf seine Armbanduhr, ein exquisites, sehr flaches, goldenes Modell, dessen Wert Rafael und Chris ein Jahr oder länger sorglos leben lassen könnte.

„Charles wollte um vier Uhr hier sein“, antwortete Morrison. „Bis gestern konnte man sich darauf verlassen, dass er pünktlich ist.“

Chris nickte. „Wenn Sie einen Rat von mir annehmen wollen: Lassen Sie Viper bis dahin sein Spielzeug. Er wird schwierig, wenn er sich gereizt fühlt.“

Morrisons fuhr mit beiden Händen durch sein makelloses Haar. Er atmete tief ein und stieß dann die Luft langsam durch die Nase wieder aus. „Entschuldigen Sie mich bitte, ich muss das mit Elli abklären. Sie verstehen: Dies hier ist ein kommerzielles Unternehmen, kein … Spielplatz.“

Obwohl er sich um einen neutralen Tonfall bemühte, war eine gereizte Note in seine Stimme unverkennbar. Elli Marshall hatte unterdessen begonnen, das Problem auf ihre Art zu lösen. Schon kurz, nachdem sie das Klavierspiel wahrgenommen hatte, war ihr Kopf im Fenster des Regieraumes erschienen. Mit konzentriert zugekniffenen Augen nippte sie an ihrem Kaffee und ließ den Mann am Flügel nicht aus den Augen. „Wer immer du bist, geh nicht weg!“, sagte sie über das Mikrophon zum Studio.

Rafael hob den Kopf und lächelte. „Ich hoffe, das ist nicht alles, was ich für Sie tun kann.“

Elli kicherte. Kurze Zeit später steuerte sie entschlossen auf den Flügel zu. Rafael erhob sich, als sie ihn erreicht hatte.

„Um Himmels Willen, setz dich“, stöhnte sie und sah an der sie turmhoch überragenden Gestalt empor.

Rafael setzte sich. Die Fotos, die er von Elli kannte, wurden ihr nicht gerecht. Sie zeigten nur das Abbild einer überschlanken Frau mit scharfen, lebhaften Zügen. Ihre Lebendigkeit, die Aura von Explosivität, die sie umgab, konnte von Fotos nicht eingefangen werden. Es zeigte sich in ihren schnellen, bestimmten Bewegungen, aber bewusst wurde es einem so richtig, dachte er, wenn man in ihre Augen sah, die in einem Moment amüsiert funkeln und sich im nächsten wie Laser fest brennen konnten.

Elli lehnte sich an den Flügel, ihr Blick glitt aufmerksam an ihm herab und sie fragte: „Wie heißt du?“

„Viper.“

Elli wedelte gereizt mit der Hand. „Lass den Unsinn“, raunzte sie.

Rafael begann, sich für diese energische kleine Person zu erwärmen. „Rafael.“

„Sehr gut. Also, Rafael: Ich gebe heute Abend eine kleine Party. Nichts offizielles, nur ein Treffen mit ein paar Freunden. Ich würde mich freuen, wenn du und dein Freund uns Gesellschaft leisten würdet.“

Rafael hob eine Braue. „Zu schade, dass unser Butler die Smokings gerade in die Reinigung gebracht hat.“

Elli warf den Kopf in den Nacken und lachte. „Wie viel zahlt dir der alte Geizkragen?“

Hinter der Trennscheibe schnappte Richard Morrison nach Luft.

„Zweihundert“, antwortete Rafael.

Elli legte den Kopf zur Seite und schob die Unterlippe etwas vor. „Was hältst du davon, wenn ich zweihundert drauflege? Dafür spielst du den Song mit uns ein. Dann habt ihr genug, um euch ein Hotelzimmer zu nehmen und für eine Zahnbürste und ein Hemd zum Wechseln.“ Sie zwinkerte und fragte über die Schulter: „Geht das in Ordnung?“

Morrison hob die Hände. „Natürlich geht das in Ordnung. Machen Sie nur alles so, wie Sie wollen. Wozu bin ich eigentlich noch hier? Wenn Sie meinen Job auch noch machen, kann ich ja heimgehen.“

„Seien Sie nicht albern, Morry.“ Elli verwarf seinen Einwand mit einer Handbewegung. „Ich muss weg und Sie wissen das. Lassen Sie diesen süßen Jungen zeigen, was er kann. Wenn ich nicht John haben kann, will ich Rafael. Es ist sowieso eine Frechheit von John, sich ausgerechnet jetzt ein Bein zu brechen.“

Sie wandte sich wieder Rafael zu und wies auf die Noten. „Kannst du das spielen?“

Rafael schnaubte.

„Großartig!“, gluckste Elli und winkte ihre Musiker herein. „Jungs, das ist Rafael. Rafael, das sind Nick, Dave, Tom und Juan.“

Sie schwebte zu ihrem Mikrophon und lächelte zufrieden in die Runde. „Also dann, Jungs, zeigt, was ihr könnt.“

Im Zuschauerraum räkelte sich Chris auf der Couch. „Genießen Sie es. Für schlappe zweihundert plus Spesen bekommen Sie eine erstklassige Aufnahme.“

Morrison fuhr auf. „Jetzt ist es genug, Steel, oder wie auch immer Sie heißen. Überspannen Sie den Bogen nicht.“

Chris seufzte und erhob sich umständlich. „Beruhigen Sie sich, ich gehe ja schon. Zu schade, dass wir Ihr Flaggschiff jetzt verärgern.“

„Setzen Sie sich, verdammt noch mal!“, knirschte Morrison. Seine Nasenflügel zucken und er schien sich nur mit Mühe zu beherrschen.

Chris lehnte sich lächelnd zurück. Morrison tat es Chris nach und lehnte sich in eine Couchecke zurück, um der Aufnahme seine gesamte Aufmerksamkeit zu widmen.

Das Öffnen der Tür zum Besucherraum ließ Chris und Richard Morrison die Köpfe wenden. Drei Männer betraten den Raum. Charles Hayden, der bekannte Pianist und Sänger, wirkte fast schmächtig vor dem hochgewachsenen, schwarzhaarigen Mann, der hinter ihm den Raum betrat. Er hatte lichtbraunes, gelocktes Haar, das gerade den Kragen seines auffällig schwarz und blau gemusterten Seidenhemdes erreichte. Kluge braune Augen und ein humorvoller Zug um den Mund machten ihn Chris sofort sympathisch. Chris lächelte und schüttelte die dargebotene Hand.

Der zweite Mann blickte sich suchend um. Er nickte Chris kurz zu und reichte ihm die Hand.

„Hi, ich bin Hawk.“

Schwarze, leicht mandelförmige Augen taxierten Chris rasch und gründlich. Chris erwiderte den Händedruck und maß seinerseits den Neuankömmling. Als das Klavierspiel einsetzte, sahen beide ins Studio. Der dritte der Männer nahm neben Chris auf der Couch Platz und reichte ihm stumm die Hand. Chris ergriff sie und nickte grüßend. Pat Connors war ihm ebenfalls ein Begriff. Der Bassist sorgte nicht nur mit seinem ausdrucksstarken Spiel für Aufsehen, sondern auch durch seine Hochzeit mit dem Top-Model Darlene Reed. Einer seiner Schneidezähne war abgebrochen und wenn er lächelte, wie jetzt, unterstrich diese kleine Unvollkommenheit das Ebenmaß seiner als klassisch geltenden Züge, statt es zu stören. Wie der dunkelhaarige Mann, der an die Wand gelehnt, keinen Blick vom Aufnahmeraum ließ, trug er Jeans und ein weißes T-Shirt.

Obwohl im Aufnahmeraum nichts von einem Gespräch zu hören gewesen wäre, sprach niemand; jeder schenkte der Aufnahme seine ungeteilte Aufmerksamkeit.

Charles Hayden hatte sich so an die Wand gelehnt, dass er sowohl die Vorgänge im Studio, als auch die im Besucherraum verfolgen konnte.

Elli endete mit einer spektakulären Tonfolge, die selbst ihre Kapazitäten bis zum Äußersten forderte. Zufrieden verließ sie ihren Platz.

„Danke, Jungs, das war’s für heute.“

Sie schoss einen auffordernden Blick zur Trennscheibe. „Zufrieden?“

Sie ging zu Rafael und tätschelte seine Wange. „Es bleibt bei heute Abend, ich bestehe darauf. Morry kann euch mitnehmen. Ihr könnt wichtige Leute kennenlernen.“

„Wer könnte einer solchen Einladung widerstehen?“

„Es wäre dumm von dir, zu widerstehen. Verbindungen sind in unserem Geschäft das Allerwichtigste. Du hast meinen Tag gerettet, Rafael, und du hast keine Ahnung, wie sehr ich es genießen werde, mich zu revanchieren.“

Gemeinsam schlenderten sie zur Tür. Rafael öffnete die Tür, beugte sich zu ihr herab und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Elli warf den Kopf in den Nacken und lachte trillernd. Sie lächelte noch, als sie bereits in ihrer Limousine saß.

Gelassen, als sei es sein Recht, über die Einrichtungen des Studios nach Gutdünken zu verfügen, betrat Rafael wieder den Besucherraum und nickte grüßend in die Runde. Sein Blick blieb an Colin Arden hängen.

„Hawk!“, sagte er kalt.

„Viper!“

Auch Hawks Gruß lag nur geringfügig über der Grenze zur Beleidigung. Er hatte sich von der Wand abgestoßen und erwartete ihn mit verschränkten Armen. Doch Rafael ignorierte ihn, er sah Charles Hayden entgegen, der ihm mit einem charmanten Lächeln die Hand entgegenstreckte.

„Hallo, ich bin Charles Hayden, es freut mich, Sie kennenzulernen.“

„Ich weiß, wer Sie sind“, nickte Rafael. „Ich mag ihre Musik.“

Charles nahm das Kompliment mit einem höflichen Nicken und einem halben Lächeln zur Kenntnis. Doch Rafael war noch nicht fertig: „Im Gegensatz zu ihren Texten, die sind absoluter Schwachsinn.“

Richard Morrison schnappte nach Luft.

Chris schmunzelte, er erhob sich und lehnte sich neben Hawk an die Wand. „Kein Grund, liebenswürdig zu sein, wenn es sich vermeiden lässt.“

„Viper, wie wir ihn kennen und lieben“, entgegnete Hawk mit einer Grimasse. „Keine fünf Sekunden bis zum ersten Einschlag.“

Chris grinste. „Du kennst ihn. Schon länger?“

„Ungefähr zehn Jahre“, nickte Hawk. „Lange genug, um zu wissen, dass er an Charles nur seine Artillerie einstellt.“

Im Raum hätte man eine Stecknadel fallen hören können, als Rafael sein Opfer daraufhin musterte, ob noch ein Anzeichen von Leben zu sehen war.

Charles Hayden war jedoch hart im Nehmen. „Was gefällt Ihnen nicht daran?“, fragte er freundlich. „An konstruktiver Kritik bin ich immer interessiert.“

Er zauberte ein elegantes, goldenes Zigarettenetui aus seiner Brusttasche und bot Rafael eine schwarze Zigarillo an. Rafael bediente sich und hob eine Augenbraue. „Haben wir so viel Zeit?“

Charles gab ihm Feuer und lachte. „Wenn Sie sich dazu entschließen können, mit einem Dilettanten, wie mir zusammenzuarbeiten, haben wir alle Zeit der Welt.“

„Wenn Sie mit zweihundert pro Person einverstanden sind, okay. Pro Stunde!“

„Plus Spesen“, warf Chris ein.

Charles Haydens Lächeln wich einer geschäftsmäßig nüchternen Miene. „Einverstanden. Wir haben das Studio für den Rest des Tages. Lassen Sie uns doch einfach ausprobieren, ob es mit uns funktioniert. Aber ich warne Sie: Der Flügel und die Keyboards sind mein Ressort. Richard hat Ihnen sicher schon erzählt, dass mich Ihre Fähigkeiten als Sänger und Gitarristen interessieren. Was sagen Sie? Es findet sich auch sicher Gelegenheit, über meine Texte zu reden. Sie hätten dann die Möglichkeit, mir zu beweisen, dass Sie es besser können.“

„Ich kann es besser!“, sagte Rafael kühl.

Richard Morrison verfolgte den Dialog mit verständnislosem Kopfschütteln. „Dieser Tag ist nicht meiner“, murmelte er. „Ich habe noch einige Termine“, sagte er laut und erhob sich abrupt. „Wenn die Herren mich bitte entschuldigen wollen. Wir sehen uns heute Abend.“

Charles nickte ihm zu. „Bis dann, also. Vielen Dank, für deine Mühe, Morry.“

„Ich werde dich bei Gelegenheit daran erinnern“, brummte Richard Morrison säuerlich. Er schloss die Tür mit Nachdruck hinter sich.

Rafael grinste Chris quer durch den Raum an und fragte: „Was hast du denn mit dem angestellt?“

„Die zweihundert pro Person hat er noch geschluckt, aber die zusätzlichen Spesen haben ihm dann die Laune verdorben.“

„Er wird es überleben“, stellte Charles Hayden nüchtern fest. „Nun, sind Sie dabei?“

Rafael verständigte sich mit einem kurzen Blick mit Chris, dann nickte er. „In Ordnung, wir müssen sowieso die Zeit bis heute Abend überbrücken.“

Er wandte sich an Pat Connors: „Hallo Pat, nett Sie kennenzulernen.“

„Hi, Viper.“ Pat Connors lächelte breit. „Nette Vorstellung.“

„Danke.“

Rafael wechselte ein paar belanglose Worte mit ihm, dann legte er das letzte Stück zu Chris und Hawk zurück.

„Es ist lange her, Viper“, sagte Hawk.

„Nicht lange genug. Ist die Sache auf deinem Mist gewachsen?“

„Nein“, gab Hawk bestimmt zurück. „Ich habe Charles ausdrücklich abgeraten. Aber Charles hat darauf bestanden. Vielleicht hat er einen Hang zum Masochismus.“

Rafael lächelte dünn: „Masochismus kommt hin, denke ich. Warum sollte er sich sonst ausgerechnet dich ausgesucht haben? Was machst du hier, trägst du seine Sachen?“

Hawk schnaubte müde. „Was soll das, Rafael? Selbst dir müsste inzwischen klar sein, was ich hier mache.“

In der nächsten Sekunde hatte Hawk die unendliche Befriedigung, miterleben zu können, wie in Rafaels Augen Verstehen aufglomm.

„Was kann man von einem wie dir anderes erwarten? Mehr als auf der Kriegstrommel herumzuschlagen ist nicht drin.“

Charles Hayden ließ seine gerade angerauchte Zigarillo in den Aschenbecher fallen. Colin „Hawk“ Arden war eine Seele von Mensch, es sei denn, jemand war so unklug, abfällige Bemerkungen über seine indianische Herkunft zu machen.

„Etwas Besseres, als für einen Hungerlohn Klavier zu spielen.“ Hawk hatte sich völlig in der Gewalt; Rafaels höhnisch verzogene Lippen und hochgezogenen Augenbrauen schienen keinen Eindruck auf ihn zu machen.

„Ich sagte dir schon vor Jahren, dass ich genau das mache, was ich für richtig halte. Und im Gegensatz zu dir habe ich mir nicht die Hände durch Schlägereien verdorben, oder sollte es deiner Aufmerksamkeit entgangen sein, dass deine Linke etwas steif ist?“

Rafaels Gerade traf Hawks Kinn ansatzlos und ohne Vorwarnung. Mit einem erstickten Ächzen taumelte Hawk zwei Schritte rückwärts, prallte gegen die Wand und rutschte dann langsam zu Boden.

„Nicht allzu steif, oder?“, schnurrte Rafael.

Hawk betastete vorsichtig seinen Unterkiefer und verzog das Gesicht, als seine Finger auf eine empfindliche Stelle trafen:

„Habe ich vergessen zu erzählen, dass er nachtragend ist?“, fragte er Charles, der sich erschrocken über ihn gebeugt hatte. Rafael schob Charles beiseite und streckte Hawk die Hand entgegen.

„Jetzt sind wir quitt, Hawk.“

Hawk ließ sich bereitwillig wieder auf die Beine ziehen. Er betastete vorsichtig seine Unterlippe und warf einen Blick auf seine Finger. Kein Blut - Rafael hatte mit seiner Linken zugeschlagen, der, an der er keine Ringe trug.

„Du bist eine verdammte Plage, Hawk“, knurrte Rafael, doch es klang eher resigniert, als erbittert. „Kaum ist man dich los, tauchst du aus einer anderen Ecke wieder auf.“

„Nimm’s nicht tragisch, Viper.“ Hawk grinste schief, seine Unterlippe schwoll langsam an. „Es ist ja nur ein Nachmittag. Danach kannst du Charles ja sagen, dass du mit mir nicht mithalten kannst.“

Rafael hob das Kinn eine winzige Spur, gerade so viel, um eine gelinde Warnung auszudrücken. Hawk hob seinerseits das Kinn und starrte zurück.

„Heilige Scheiße!“, entfuhr es Chris.

„Falscher Ausdruck, Steel“, knurrte Rafael, „mit heilig hat das ganz und gar nichts zu tun.“

„Im Gegenteil, perfekt formuliert. Genau das sage ich auch immer, wenn er mir über den Weg läuft“, korrigierte Colin energisch. Ein amüsiertes Grinsen huschte über sein Gesicht und er knuffte Rafael freundschaftlich in die Seite: „Man kann es ausgleichende Gerechtigkeit nennen oder das Gleichgewicht des Schreckens, wie immer du willst. Stell dir nur einmal vor: Du und ich, brüderlich vereint durch die Musik - ein Meilenstein in der Geschichte der Menschheit. Nur gebe dieses Mal ich den Takt an.“

Rafael gab ihm in höchst vulgärer Weise zu verstehen, was die Menschheit zu seiner Erbauung tun könne und dass er nichts dagegen hätte, wenn Hawk die Aufgabe stellvertretend übernehmen wolle.

Charles sah stirnrunzelnd von einem zum anderen, dann fiel sein Blick auf Chris, der kopfschüttelnd und leise vor sich hinkichernd in einem Sessel lümmelte und dem Austausch von Freundlichkeiten lauschte. „Anscheinend ist mir etwas entgangen. Darf ich mitlachen?“

„Ich denke, wir sind in ein Familientreffen geraten. Finden Sie nicht, dass diese Innigkeit einem das Herz öffnet?“

„Sie meinen, dass die beiden verwandt sind? Weshalb sind Sie da so sicher? Man kann auch mit Leuten streiten, mit denen man nicht verwandt ist.“

„Mit Verwandten klappt es aber immer, am besten mit Geschwistern“, grinste Colin. „Viper ist mein Bruder.“

„Halbbruder“, knurrte Rafael barsch. „Wir wollen nicht übertreiben.“

„Halbbruder“, stimme Colin friedfertig zu.

Eine Familienähnlichkeit war auf den ersten Blick nur schwer festzustellen. Beide waren hochgewachsen, schlank und sonnengebräunt, aber damit endeten die Gemeinsamkeiten. Rafaels Haar fiel in dichten, schwarzen Locken bis zu seinen Schultern, Hawks flossen glatt und glänzend bis fast zu seiner Taille. Rafaels Züge wirkten beherrscht und auch seine grünen Augen zeigten selten einen anderen Ausdruck als den kühler Berechnung. In Colins dunklen Augen blitzte immer wieder ein Lächeln auf. Seine Züge waren nicht weniger ausgeprägt, als Rafaels, aber lebendiger, heiterer, aber auf den zweiten Blick bemerkte man Gemeinsamkeiten in Gestik und Haltung, die weit über Zufälle hinausgingen.

„Dann lasst uns anfangen.“ Colin versetzte Rafael einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter. „Ich bin gespannt, was dabei herauskommt, wenn deine und Charles’ Auffassung von Lyrik aufeinanderprallen. Stell dir vor, welchen Dienst du der Menschheit erweist, wenn du Charles dazu bringst, nicht mehr über romantische Liebe, sondern über Aufruhr, Widerstand und Revolution zu schreiben. Wie werden sie dir dankbar sein, wenn sie die Welt mit deinen Augen sehen dürfen.“

Pat Connors schmunzelte. „War es das, was du im Sinn gehabt hat, als du mir eine Band versprochen hast, die neue Wege geht?“, fragte er Charles leise. „Ich hätte wissen müssen, dass du eine Höllenfahrt daraus machst.“

Kapitel 1

Lani Kahuena liebte die frühen Morgenstunden. Die Luft war frisch und klar, würzig vom Geruch der feuchten Erde und süß vom Duft der weißen und gelben Plumeriablüten vor dem Haus. Jetzt, kurz vor Sonnenaufgang, gehörte die ganze Welt ihr allein.

Sie lehnte sich über die Verandabrüstung und sah über den noch dunklen Garten zum Meer. Eine leichte Brise spielte mit ihrem Haar, das in dichten dunklen Wellen bis zu ihren Hüften fiel und dem dünnen Stoff ihres gelben Pareos. Diese Seite Kauais lag noch im tiefsten Schatten, doch auf den Wellen lag bereits ein Schimmer von Silber und der Himmel erstrahlte in allen Farben des Regenbogens, von staubigem Blau am Horizont, über zartes Rosa und transparentes Orange bis zu einem feurigen Gelb auf der Kuppe des Hügels hinter ihrem Haus. Gleich würde die Sonne über den Kamm steigen und mit grellen, glühenden Strahlen nach diesem Tal greifen.

Hinter der scharfen schwarzen Kontur des Hügels erstrahlte der Himmel in gleißendem Licht und dann stach der erste Lichtstrahl des Tages wie ein feuriger Pfeil hinter dem Hügel hervor und tauchte die Welt in glühendes Gold.

Lani sah zum Horizont, bis das Gold verblasste und dem klaren Indigo des Tages wich, dann seufzte sie zufrieden und richtete sich auf. Bis die Sonne das Haus erreichte und das Licht gut genug war, dass sie an dem Bild weiterarbeiten konnte, das sie vor drei Tagen begonnen hatte, würde noch eine Stunde vergehen. Sie hatte also Zeit genug, schwimmen zu gehen.

Lani sprang die drei Stufen von der Veranda und rannte den schmalen Pfad entlang, der durch taufeuchtes Gras und glänzend grüne ti-Pflanzen zu einem Felsabbruch und dann über Vorsprünge und Nischen im Fels zum Strand führte. Der Abhang hüllte sich noch nächtliches Schwarz und die Trittsteine waren kaum erkennbar, aber Lani hatte den Abstieg bereits so oft gemacht, dass sie nicht mehr darauf achten musste, wie sie die Füße setzen und wann sie sich mit den Händen abstützen musste. Blätter und Gräser streichelten über ihre nackten Arme und die feuchte Kühle des Morgens legte sich angenehm auf ihre Haut, als sie rasch und sicher den gewohnten Weg nach unten nahm. Über dem schweren, scharf-würzigen Duft von Gras und Blättern und der atemberaubenden Süße von Blüten schwebte ein Hauch von Salz. Lani hielt inne und sah aufs Meer hinaus. Die Brandung war stark an diesem Morgen, die Wellen schäumten wie kochende Milch und warfen sich so ungestüm gegen das Land, als ob sie es verschlingen wollten. Das Wasser würde herrlich sein.

Sie ließ die letzten Tritte aus und sprang in den Sand. Mit einer Hand löste sie den Knoten ihres Pareos und band ihn locker um einen der Äste, die sich aus den Büschen am Fuß der des Abhangs reckten, dann rannte sie der Brandung entgegen, voller Vorfreude auf den ersten Ansturm der Wellen. Das Leben war schön, der Morgen war herrlich und gleich würde die Gischt sie einhüllen, wie eine wütende, sprudelnde Wolke.

Ein Schatten hinter einer Gruppe von Palmen fing ihren Blick. Irgendetwas war hinter dem Hügel aus Sand, den der Wind um die Stämme herum aufgetrieben hatte. Eigentlich war es kein Hügel, sondern eher eine sanfte Welle im Sand, aber sie war hoch genug, dass sich etwas dahinter verbergen konnte.

Lani zögerte nur kurz, dann ging sie in einem weiten Bogen darauf zu. Vielleicht war es ein Tier. Treibholz wurde nur bei Sturm soweit ans Ufer geschwemmt und ein Felsbrocken, der sich aus dem Abhang gelöst hatte, wäre im lockeren Sand nicht so weit gerollt. Sie saß oft unter den Palmen und malte, Sonnenuntergänge, Wolken und Meer, Vögel oder Träume, oder sie verlor sich einfach im Bernsteinlicht des abendlichen Himmels. Hätte sie hier nicht sprichwörtlich jedes Sandkorn gekannt, wäre sie vorbeigelaufen, ohne etwas zu bemerken.

Sie atmete vorsichtig, bemüht, jedes Geräusch zu vermeiden, um das Tier, sollte es eines sein, nicht zu erschrecken.

Es war kein Tier. Lani atmete scharf ein, das Geräusch gellte in ihren Ohren und sie presste beide Hände vor den Mund, um es zu ersticken. Vor ihr lag im Sand lag ein Mann. Er lag auf dem Bauch, den Kopf auf die verschränkten Unterarme gebettet. Ein Mann. Bei Tageslicht hätte sie ihn bereits vom oberen Rand des Abhangs sehen können, im Zwielicht es frühen Morgens war er bereits aus wenigen Schritten Entfernung kaum auszumachen. Neben seinem Kopf stand eine Sporttasche mit geöffnetem Reißverschluss. Vorsichtig tastete sie sich näher heran, sorgsam darauf achtend, außerhalb seiner Reichweite zu bleiben, für den Fall, dass er erwachte und nach ihren Knöcheln griff. Endlose gepresste Atemzüge später hatte er sich noch immer nicht bewegt und Lanis Herzschlag, gerade noch ein dröhnender Trommelwirbel in ihren Ohren, ließ nach und die Starre in ihren Gliedern löste sich. Sein Gesicht war ihr zugewandt, aber es war von langen, tiefschwarzen Locken verdeckt, die sich auch über beide Arme und bis in den Sand ergossen. Er trug lediglich eine Jeans, die wenig kunstvoll an den Oberschenkeln eher abgehackt, als abgeschnitten worden war, und lange, schlanke Beine sehen ließ, sein Oberkörper war nackt. Gebräunte Haut spannte sich über breite Schultern und einen durchtrainierten Rücken, seine Oberarme, soweit Lani sie unter der Flut von Locken sehen konnte, waren muskulös. Er war ein gut gebauter Mann und unter künstlerischen Aspekten hatte sie einen interessanten Fund gemacht. Wäre das Licht besser gewesen und hätte sie daran gedacht, ihren Skizzenblock mitzunehmen, hätte sie die Gelegenheit für ein paar wirklich gute Skizzen nutzen können. Aber wer hätte damit rechnen können? Seit sie auf Kauai arbeitete, war sie jeden Tag an diesem Strand gewesen, aber nie hatte sie auch nur eine Menschenseele getroffen. Fast schien die kleine Bucht von den Menschen vergessen worden zu sein. Für haoles, Touristen, war sie zu weit abseits der Hotels und die Einheimischen bevorzugten andere, leichter zugängliche Strandabschnitte. Deshalb hatte sie begonnen, diesen Strand als den ihren anzusehen.

Tatsächlich jedoch war dies ein öffentlicher Strand, er hatte das gleiche Recht, hier zu sein, wie sie. Wahrscheinlich war er einer dieser Träumer, die durch die Welt zogen, immer auf der Suche nach dem Schatz am Ende des Regenbogens, einer, der nur arbeitete, um die nächste Mahlzeit und ein Bett in einer billigen Absteige bezahlen zu können. Seine gesamte Habe schien aus seiner Sporttasche und seinen Leinenschuhen zu bestehen.

Es wäre unrecht, ihm zu unterstellen, ein potentieller Vergewaltiger zu sein, aber sie wollte auch nicht warten, bis er aufwachte, um dann herausfinden zu müssen, dass er die Geschichten über liebeshungrige Hawaiianerinnen für bare Münze nahm. Wenn sie klug war, verzichtete sie auf ihr Bad. Morgen war auch noch ein Tag. Sie biss sich auf die Unterlippe und sah unschlüssig zum Meer, dann zu ihm und wieder zum Meer. Nein! Wenn er das Recht hatte, hier zu sein, hatte sie es auch. Der Strand war für alle da. Außerdem war es noch früh. Bis er erwachte, war sie bestimmt schon wieder zuhause.

Lani wandte sich zum Gehen, als sie aus den Augenwinkeln ihren Pareo bemerkte, der wie ein Banner im Wind flatterte. Sobald der Mann die Augen öffnete, würde er ihn sehen und vielleicht als Einladung auffassen. Alles nur das nicht! Lani rannte zurück, pflückte den Stoff und nahm ihn mit zum Wasser. Sie beschwerte ihn mit einem Stück Treibholz, dann rannte sie in die Brandung. Mit kräftigen Zügen schwamm sie durch die schäumende Gischt. Sie genoss das Kräftemessen mit den Wellen, die sie wieder an den Strand werfen wollten, schwamm weit hinaus und ließ sich dann von der Strömung ans Ufer zurücktragen. Erfrischt und zufrieden wrang sie ihr Haar aus und knotete ihr Tuch um die Hüften. Die Sonne stand hoch und würde sie getrocknet haben, noch bevor sie zuhause war. Und der Fremde? Sie sah zu den Palmen, aber er lag noch immer da, wie sie ihn verlassen hatte. Konnte jemand wirklich so tief schlafen? Oder war er tot? Zögernd ging sie zu der stillen Gestalt zurück. Seine Tasche war offen und lag auf der Seite, einer seiner Schuhe lag neben seinem Kopf, der andere etwas entfernt im Sand. Er konnte abgestürzt sein und sich bis zu dieser Stelle geschleppt haben. Im tiefen Schatten konnte sie nicht sehen, ob er noch atmete. Lani ertappte sich dabei, nervös den Pareo in ihren Händen zu kneten und ihre Unterlippe aufzubeißen. Was sollte sie tun? Brauchte er Hilfe? Aber wenn sie versuchte, ihn zu wecken, ging sie ein Risiko ein. Was, wenn er sie dann angriff? Lani entschied sich für Sicherheit und gegen jedes Risiko. Wenn er tot war, war er es später auch noch. Wenn er am Abend immer noch so dalag, würde sie Hilfe holen.

Sie wandte sich ab, konnte aber nicht umhin, ihm über die Schulter einen letzten bedauernden Blick zuzuwerfen. Es wäre schade um ihn. Jammerschade.

Auch als sie vor ihrer Staffelei stand, fiel es ihr schwer, sich zu konzentrieren. Immer wieder schob sich sein Bild vor das, an dem sie arbeitete. Waren seine Augen schwarz oder von einem sanften, dunklen Braun? Und sein Haar? War es dunkelbraun oder tiefschwarz? Die Sonne musste die Stelle, an der er lag, inzwischen erreicht haben und rote Funken in seinen Locken entzünden. Oder würden stahlblaue Lichter darauf schimmern? Hör auf damit, beschwor sie sich. Keine Träumereien, konzentriere dich auf deine Arbeit! Bis zur Ausstellung sind es nur noch sechs Wochen.

Ihre Gedanken schweiften immer wieder ab, aber letztendlich gelang es ihr doch, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren, die sie nur für ein Glas Saft und etwas Obst zur Mittagszeit unterbrach. Als sie ihre Pinsel beiseitelegte, war sie recht zufrieden mit dem, was sie an diesem Tag geschafft hatte. Die Gesichter der kleinen Jungen blickten ihr mit stillem Vergnügen entgegen. Genauso hatten sie vor ein paar Tagen in einem Kreis auf dem staubigen Boden gesessen, glücklich vertieft in ihr Spiel mit ein paar Steinen. Sie zwinkerte ihrem Bild zu: „Bis morgen, Jungs.“

Sie war müde und verkrampft. Wenn sie jetzt weitermachte, würde sie das Bild verderben. Ein Strich zu viel und die Aussage des Bildes wäre unwiderruflich verändert. Früher hatte sie versucht, ein Bild zu erzwingen, hatte sich unter Druck gesetzt, nur um dann vom Ergebnis enttäuscht zu sein. Die Bilder waren einfach nur hübsch gewesen - romantische Touristenware ohne Anspruch auf Spiritualität. Bevor sie Moira Rickman kennengelernt hatte, hatte sie ihre Bilder fast ausschließlich an Touristen verkauft. Farben und Leinwand waren teuer und sie hatte gemalt, was sich verkaufen ließ. Moira war die Inhaberin einer Galerie in Honolulu und hatte zunächst eines, dann mehrere ihrer Bilder ausgestellt. Während sie hier arbeitete, war Moira dabei, ihre erste Vernissage zu organisieren.

Lani säuberte ihre Pinsel, duschte und gönnte sich eine Pause auf der Veranda. Sie sah auf ihre Armbanduhr - noch fast eine Stunde, bis sie aufbrechen musste. Noch konnte sie von ihrer Malerei nicht leben, deswegen arbeitete sie als Serviererin in einem Hotel und tanzte an den Wochenenden bei Hula-Shows.

Es wäre wieder einmal an der Zeit, ein paar Hausarbeiten zu erledigen. Doch das Licht war zu gut, um es zu verschwenden und es war noch genug Zeit für ein paar Skizzen am Strand.

„Was willst du eigentlich?“, knurrte sie. „Er ist längst verschwunden.“

„Was wäre, wenn er noch da wäre?“, fragte eine lockende Stimme in ihrem Innern. Moira hatte sie gewarnt. „Such dir einen Liebhaber“, hatte sie ihr zugeredet, „sonst drehst du durch. Ich weiß, die meisten Kerle taugen nichts, aber es ist wie mit Drogen, wenn du einmal angefangen hast, kommst du nicht mehr davon los.“

Lani war bis jetzt ohne ausgekommen - ohne Drogen und, seit ihre Verlobung in die Brüche gegangen war, auch ohne Männer. Zwei Jahre waren seither vergangen und sie hatte immer noch damit zu tun, das Desaster zu verarbeiten. Nein, an dem, was Moira salopp Entzugserscheinungen genannt hatte, litt sie nicht. Oder doch? Unsinn, wenn sie litt, dann an Neugier!

Einmal entschlossen, hatte Lani es eilig. Sie schlüpfte in ein weites hellblaues T-Shirt und bequeme weiße Shorts und machte sich auf den Weg zum Strand.

Schon auf halbem Weg nach unten sah sie, dass der Fremde auf dem flachen Felsen am Wasser saß, den sie selbst gerne als Aussichtsplattform nutzte. Die Arme um die angezogenen Knie geschlungen sah er aufs Meer hinaus.

Die Brandung übertönte das Poltern vereinzelter Steine, die Lani bei ihrem Abstieg lostrat. Ja, es war unverkennbar der Mann, den sie bereits am Morgen gesehen hatte, und er schien keinerlei gesundheitliche Probleme zu haben. Sollte sie ihn ansprechen? Lani hatte selten Probleme, mit ihren Mitmenschen ins Gespräch zu kommen. Sie mochte Menschen. Ihr offenes Lächeln und ihre unkomplizierte Art schufen ihr leicht Freunde und nur selten wurde ihre Erwartung, alle Menschen seien im Grunde verträglich, enttäuscht.

„Aloha“, rief sie, als sie durch den Sand lief.

Er reagierte nicht. Hatte er sie nicht gehört? Wahrscheinlich. Sie ging das letzte Stück und lächelte ihn von der Seite an.

„Sie werden sich einen Sonnenbrand holen“, versuchte sie es noch einmal.

Er wandte nicht einmal den Kopf. Lani runzelte die Stirn. Was war los mit diesem Mann? Sie zögerte, ging jedoch dann um den Felsen herum, bis sie in einigen Schritten Abstand, aber doch direkt vor ihm stand. Ihre Augen befanden sich etwa in der Höhe, in der sein Mund sein musste, den er mit den verschränkten Armen verdeckte, seine waren hinter einer verspiegelten Sonnenbrille verborgen. Er sah über ihren Scheitel hinweg unverwandt aufs Meer, so unbeweglich und gleichgültig, wie der Lavabrocken, auf dem er saß.

Lani musterte ihr Gegenüber interessiert. Ihr am Morgen gewonnener Eindruck war absolut richtig - er war ein sehr gut gebauter Mann. Nur schien er ihr den Gefallen, sein Gesicht zu zeigen, nicht tun zu wollen. In den Gläsern seiner Sonnenbrille spiegelte sich ihr eigenes Gesicht, sein Kinn war noch immer in seinen Armen vergraben und der Wind blies ihm die langen Locken in die Stirn. Er hätte nicht deutlicher machen können, dass er an einer Unterhaltung nicht interessiert war. Nun, dies war ein freies Land und niemand konnte zu einer Unterhaltung gezwungen werden. Sie seufzte und wandte sich zum Gehen.

„Du solltest Blumen im Haar tragen und ein Grasröckchen.“

Lani blieb stehen. Gütiger Himmel - welch eine Stimme! Sie spürte den Nachhall als sanfte Vibration in jeder Nervenfaser. Langsam drehte sie sich zu ihm um. Er hatte sich nicht gerührt.

„Ti-Blätter“, sagte sie. „Grasröcke gibt es auf Tahiti. Unsere Röcke sind aus Ti-Blättern.“ Sie lächelte. „Wenn du auch an Röcken aus Ti-Blättern interessiert bist, solltest du dir heute Abend die Hula Show in Lihue ansehen.“

Er hob den Kopf. „Wirst du dort tanzen?“

„Ja.“

„Dann werde ich kommen.“

Sie lächelte strahlend. Er erwiderte ihr Lächeln; weiße Zähne blitzten in seinem unrasierten Gesicht.

„Sprichst du immer fremde Männer an einsamen Ständen an?“ fragte er. „Du lebst gern gefährlich.“

Sie schmunzelte: „Ich mache es nur, wenn ich ihnen einen Job anbieten will. Wärst du interessiert?“ Bei allen Göttern, was tat sie da? Hatte sie den Verstand verloren? Sie kam gerade einmal so über die Runden und jetzt wollte sie Geld ausgeben, das sie nicht hatte? Wenn sie aber ehrlich war, hatte er seit dem Morgen ständig in ihren Gedanken herumgespukt, die Geschäftigkeit des Tages hatte das überdeckt, aber nicht verhindert.

Sein Lächeln verschwand. „Welche Art Job?“

„Ich bin Malerin und suche ein Modell.“

Er nickte bedächtig. „Ich nehme nicht an, dass du es auf mein Gesicht abgesehen hast.“

Wie denn, sie hatte es noch nie gesehen. Seine unbeteiligte Haltung, sein offensichtliches Widerstreben, sie direkt anzusehen, irritierte sie. Sie mochte es nicht, wenn sie ihrem Gegenüber nicht in die Augen sehen konnte, ein Grund dafür, warum sie nicht gerne telefonierte. Diese unpersönliche Art der Kommunikation lag ihr nicht.

„Nein“, antwortete sie, „ich bin keine Porträtistin.“

„Ich soll also meine Hosen für dich ausziehen.“ Beiläufig, fast gleichgültig warf er ihr die Worte hin.

Sie wollte nein sagen, lachen, sich abwenden, aber ihr Blick richtete sich unwillkürlich auf seine Jeans. Der ausgebleichte Stoff schmiegte sich so weich an seine muskulösen Schenkel, wie der Blick einer liebenden Frau. Schnell wandte sie den Blick ab und wusste doch, dass er es bemerkt hatte.

„Eine interessante Schlussfolgerung“, brachte sie heraus. „Was wäre wenn? Hättest du damit ein Problem?“

„Zweihundert“, entgegnete er knapp.

Lani starrte ihn an. „Wie bitte?“

„Zweihundert ist fair.“

„Ich will dich malen, nicht kaufen.“

Woher sollte sie so viel Geld nehmen? Sie lebte praktisch von der Hand in den Mund. Die Miete für ihr Appartement in Honolulu musste bezahlt werden, die Raten für ihr Auto auch und sie hatte ihr Konto überzogen, um für ihren Aufenthalt auf Kauai ausreichend Arbeitsmaterial zu kaufen.

„Zweihundert Süße und du kaufst mich mit Haut und Haaren. Ohne Einschränkung, ohne Vorbehalte.“

Er hob den Kopf und lächelte. Lani erwiderte das Lächeln, wie ein Spiegel das Licht. Sie lächelte eine ganze Weile zurück, bis sie bemerkte was sie tat.

„Also gut.“ Sie räusperte sich, straffte ihre Schultern und hob ihr Kinn. „Zweihundert. Und ich bin nicht Ihre Süße!“

Er neigte den Kopf etwas zur Seite, als dächte er über diese Zurechtweisung nach, um seine Mundwinkel lauerte ein Lächeln. „Wie soll ich dich nennen?“, fragte er. „Chef? Boss? Meister?“

Lani lachte. „Ich heiße Lani Kahuena. Du kannst mich Lani nennen.“

„Lani“, wiederholte er. Ihr Name floss über seine Zunge wie Sahne. „Ich heiße Rafael.“

Er nahm die Sonnenbrille ab.

Lani starrte ihn an. Noch nie hatte sie Augen in einem so intensiven Smaragdgrün gesehen. Ohne die abweisende Fassade der Brille zeigten sich Rafaels Wangenknochen wie von einem Künstler der Antike gemeißelt. Seine Lippen waren schmal, mit scharfen, harten Konturen, aber in seinen Mundwinkeln war ein Zug, der neben Spott auch etwas anders zeigte, etwas Verborgenes, Unergründliches, etwas, das sie herausfinden wollte. Rafael war der schönste Mann, den Lani jemals zu Gesicht bekommen hatte - und der gefährlichste. Ihr geschultes Auge sah die Kälte hinter seinem Lächeln und die Härte in seinen Augen, aber sie sah das nicht als Problem. Sie war nur als Künstlerin an ihm interessiert. Für sie kam ihr Beruf an erster Stelle, danach kam ihr Beruf und dann kam wieder ihr Beruf. Er war ihr Modell – ein perfektes, faszinierendes Modell, aber eben nur ihr Modell. Sie investierte in ihre Karriere, nicht mehr. Welcher der Götter auch immer ihn gesandt hatte, würde seine Gründe gehabt haben. War es die Vulkangöttin Pele gewesen, die immer eine Vorliebe für hübsche Männer gehabt hatte? Lani nahm sich vor, ihre Dankbarkeit mit einer Opfergabe an einem nahegelegenen heiau zu bezeugen. Überall auf den Inseln gab es noch Reste der alten Opferstätten, viele so verfallen, dass nur ein paar Steine die Stellen zeigten, an denen den alten Göttern gehuldigt wurde. Der heiau in der Nähe ihres Hauses war lediglich ein vom Griff des Urwalds befreiter Opferstein. Sie hatte ihn durch Zufall auf einer ihrer Motivsuchen entdeckt und festgestellt, das noch andere Bewohner der kleinen Ansiedlung diesen Ort in Ehren hielte. Auch sie brachte dort ihre Opfer - eine Blüte, eine besonders schöne Muschel, eine Frucht. Wichtig war nicht der materielle Wert, sondern der Geist, in dem die Gabe dargebracht wurde. Sie würde ihr Emaillearmband opfern - ein wirkliches Opfer - denn das Armband war seit Jahren ihr Glücksbringer.

„Ich denke“, hauchte sie, „ich sollte es doch einmal mit Porträts versuchen.“

Rafael warf den Kopf in den Nacken und lachte. Er schwang seine Beine vom Felsen und baute sich vor Lani auf. Die Arme locker auf die Hüften gestützt sah er auf sie herab.

„Wann fangen wir an? Soll ich mich gleich ausziehen oder gehen wir in dein Atelier?“

Lani war noch immer damit beschäftigt, sich zu vergegenwärtigen, dass dieser Mann, der so herausfordernd vor ihr stand, ab sofort zu ihrer alleinigen Verfügung stand. War das wirklich sie gewesen, die einem wildfremden Mann angeboten hatte, nackt für sie Modell zu sitzen? Es war verrückt, sie hatte doch nur ihre Neugier befriedigen wollen, aber irgendwie war die Begegnung anders verlaufen, als geplant. Sie zwang sich dazu, nüchtern einzuschätzen, was sie für ihre Ersparnisse eingekauft hatte. Rafael war größer, als sie geschätzt hatte, fast einen Kopf größer, als sie. Unter seiner gebräunten Haut konnte sie das Spiel fester Muskeln sehen. Er war tätowiert, um seinen linken Arm wand sich vom Handrücken bis zur Mitte des Oberarms eine schwarze Schlange mit weit geöffneten Kiefern. Die mattschwarzen Schuppen waren bis in die feinsten Farbabstufungen sorgfältig herausgearbeitet und wenn Rafael die Muskeln anspannte, schien der Schlangenkörper über seinen Arm zu fließen. Lanis Blick glitt aufmerksam über das Tattoo, die grobgliedrige, silberne Kette, die eng um seinen Hals lag und das dunkle Haar auf seiner Brust und zurück zu seinen Augen, die sie die ganze Zeit mit wissender Nachsicht beobachtet hatten. Perfekte Proportionen, ein perfekter Körper. Besser noch als Michelangelos David.

Lani warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und seufzte: „Morgen. Heute ist es schon zu spät. Ich habe noch einen Job und muss gleich los.“

War sein Lächeln belustigt oder nachsichtig? Eher wohl geringschätzig. Jetzt hielt er sie für eine Hobbymalerin, die sich einen Mann für angenehme Stunden angeln wollte.

„Auch Maler müssen leben“, sagte sie und ärgerte sich, weil es wie eine Entschuldigung klang. „Ich male tagsüber, abends arbeite ich in einem der Hotels und ich tanze bei Hula-Shows.“

Ein wenig dieses Ärgers zeigte sich in der knappen Geste, mit der sie auf den Abhang wies.

„Ich wohne in dem Haus oben am Abhang, es ist nicht zu verfehlen. Wenn du morgen früh kommst, können wir mit den Sitzungen anfangen.“

Falls nicht, hatte sie eine Menge Geld gespart.

„Ich werde da sein.“

„Also dann bis morgen. Ich muss mich beeilen.“

Es gab keinen Grund, länger zu bleiben. Es hatte ja auch nur einen Grund gegeben, herzukommen und der war mehr als deutlich geworden. Wenn sie blieb, würde sie verlegen anfangen, erklären zu wollen, was längst klar war und sich zum Narren machen. Und überhaupt würde er vermutlich nicht kommen.

Im Haus angekommen, griff sie zu ihrem Skizzenblock und begann, fieberhaft zu arbeiten. Rafaels Gesicht, sein wissender, spöttisch-überlegener Blick, sein ungeheuer anziehendes Lächeln, alles wollte ihr nicht aus dem Sinn. Es war unmöglich, sich auf den Tanz zu konzentrieren, wenn sie ihn immer vor Augen hatte. Als sie endlich widerwillig Stift und Papier beiseitelegte, war es fast zu spät, um pünktlich nach Lihue zu kommen. Aber sie hatte zwei wunderbare Skizzen. Rafael ... Sie lächelte. Vielleicht würde er ja doch kommen. Vielleicht würde er schon heute kommen - wenn sie tanzte ...

Kapitel 2

Im Osten erhellten die ersten Sonnenstrahlen den frühmorgendlichen Himmel. Die Umrisse der Berge, die bis vor wenigen Minuten noch kaum auszumachen gewesen waren, schälten sich scharf aus dem rauchigen Blau. Rafael erklomm den Hang und sah in einiger Entfernung ein weißes Holzhaus mit spitzem Giebel. Lani lehnte an der Verandabrüstung und sah ihm entgegen.

Sein erster Arbeitstag – was um alles in der Welt hatte ihn gestern geritten? Er hatte Abwechslung gesucht, ein Abenteuer, etwas, das ihn ablenkte, bis er bereit war, eine Entscheidung zu fällen, wie es weitergehen sollte. Vor einer Woche hatte die Band das letzte Konzert ihrer Tournee im Aloha-Stadion von Honolulu gegeben. Er hatte mehr erreicht, als er je zu träumen gewagt hatte und anstatt vor Stolz zu platzen, hatte er sich einfach nur gehetzt und ausgebrannt gefühlt. Drei Jahre lang hatten seine Freunde und er sich kaum eine Pause gegönnt, hatten entweder im Studio gearbeitet oder Konzerte gegeben. Was wollte man mehr, als ausverkaufte Konzerte in den großen Arenen der Welt, einen dicht gedrängten Konzertplan, begeisterte Fans und eine aufmerksame Presse? Sie hatten es genossen, Steel, Hawk, Pat, er selbst und ganz besonders Charles, für den das Leben eine einzige große Party zu sein schien, doch auch wenn es so aussah, hatten sie den Erfolg nicht geschenkt bekommen. Was auf der Bühne spielerisch leicht aussah, war knochenharte Arbeit. Sie liebten es, ihre Musik mit den Fans zu teilen und den einzigartigen Rausch zu erleben, wenn ein Gig zu einer riesigen, mitreißenden Feier wurde, aber sie hatten unterschätzt, wie viel Kraft das ständige Präsentsein kostete. Sobald die Scheinwerfer aufflammten, gab jeder sein bestes, doch nach den Auftritten war jeder allein mit dem Problem, abzuschalten. Körperlich erschöpft, geistig und emotional jedoch aufgeputscht, mussten sie einen Weg finden, zur Ruhe zu kommen. Bei zwei, manchmal drei Konzerten in der Woche war es mit der Dauer der Tour zunehmend schwerer geworden. Sie hatten unwichtige Reibereien zu erbitterten Streitereien ausarten lassen, Probleme nicht mehr besprochen, sondern ausgefochten und schließlich hatten sie begonnen, sich aus dem Weg zu gehen, bis sie sich regelrecht voneinander abgekapselt hatten. Er hatte die abschließende Pressekonferenz nicht mehr abgewartet, sondern sich abgesetzt, um sich eine Pause zu gönnen, die diese Bezeichnung auch verdiente. Gerade für ihn war es höchste Zeit gewesen. Sein ganzes Leben lang hatte er, der von den fünf Bandmitgliedern wohl der extremste Charakter war, seine Individualität mit allen Mitteln verteidigt. Von Natur aus Einzelgänger, bereitete es ihm geradezu körperliches Unbehagen, ständig Teil einer Gemeinschaft zu sein. Immer öfter hatte er das überwältigende Bedürfnis verspürt, um sich zu schlagen oder wegzulaufen. Genau zu wissen, wo er am nächsten Tag, in der nächsten Woche und im nächsten Monat sein würde, hatte ihm mehr zu schaffen gemacht, als er es sich hatte je vorstellen können. Er hatte kein Flugzeug mehr sehen können, keinen Bus und kein Hotelzimmer, hatte nicht mehr verhätschelt und umsorgt werden, sondern einfach nur allein sein wollen.

Er hatte Abwechslung gebraucht, ein Abenteuer, eine Herausforderung, irgendetwas, das ihm das Gefühl nahm, ein Hamster zu sein, der sich in seinem Rad um den Verstand rannte. Dabei hatte er an Tauchen, Drachenfliegen oder Surfen gedacht, aber es wäre ihm auch recht gewesen, auf dem Weg dorthin in irgendeiner schmierigen Inselkneipe zu versacken. Der Zufall hatte ihm einen neuen Job zugespielt und er hatte angenommen. Warum auch nicht? Eine neue Erfahrung, eine schöne Frau und viel Zeit zum Nachdenken, mehr konnte er nicht verlangen, nicht jedenfalls, bevor er seine Bedürfnisse überhaupt kannte. Seine Bedenken, was den Verkauf der Werke betraf, hielten sich in Grenzen. Das konnte man zu gegebener Zeit diskret lösen.

Lanis gelb-buntes Kleid leuchtete wie eine Flamme in der Dämmerung und ihr Haar schwang sanft in der Morgenbrise. Sie winkte ihm zu und ihr Lächeln strahlte heller als die Sonne, als er seinen Weg durch die taufeuchten Lanzen der ti-Pflanzen suchte. Ein angenehmes Gefühl, von einem fleischgewordenen Südseetraum erwartet zu werden! Als sie ihn am Vortag angesprochen hatte, hatte er sich überlegt, ob es sich lohne, zu antworten oder ob er sie ignorieren sollte, bis sie von alleine verschwand. Schon am Morgen hatte er ihre Anwesenheit gespürt, kaum dass sie die Bucht erreicht hatte. Sein Schlaf war schon immer leicht gewesen, an diesem ungeschützten Strand hatte er praktisch mit einem offenen Auge geschlafen. Als ihm bewusstgeworden war, dass es sich um eine Frau handelte, hatten sein Wunsch nach Einsamkeit und der Drang, zu sehen, wer in seine Enklave eingedrungen war, miteinander gestritten. Der Wunsch nach Ruhe hatte gesiegt. Aber da hatte er noch nicht gewusst, wie sie aussah.

Seine abgeschnittene Jeans und sein schwarzes T-Shirt klebten feucht auf seiner Haut. Er war schwimmen gewesen noch bevor die Sonne aufgegangen war und hatte sich dann die Sachen einfach übergestreift. Auf einmal hatte er es eilig gehabt; er hatte wissen wollen, ob er alles nur geträumt hatte.

Es war kein Traum gewesen, Lanis ebenmäßige Züge mit dem lockenden, weichen Lächeln entsprangen nicht seinen unterdrückten Wünschen, ihre Haut, wie Kaffee mit Sahne und ihre Augen in der Farbe dunklen Bernsteins nicht seiner Phantasie. In ihrem dunklen, welligen Haar schimmerten Strähnen in der Farbe alten Sherrys und wie am Tag zuvor zupfte der Wind an ihrem T-Shirt und schmiegte es einmal hier und da und dann wieder an ganz unerwarteter Stelle an ihre Haut.

Rafael stützte beide Hände neben ihre Arme auf die Balustrade. „Ich hoffe, ich habe dich nicht warten lassen?“

Lani lächelte. Sie hatte keine Anstrengungen unternommen, verführerisch zu wirken. Sie war ungeschminkt und trug nicht einmal eine Blüte im Haar. Was er aus der Entfernung für ein gemustertes Kleid gehalten hatte, war ein gelbes Männer-T-Shirt voller bunter Farbflecke. Trotz allem war sie ein Anblick, der ihn mit in seinen Augen unchristlich frühem Aufstehen versöhnte. Er hatte sich am Vorabend die Hula-Vorstellung angesehen und wusste nun, dass Lani die Figur einer Göttin hatte, die weibliche Kurven und kraftvolle Grazie in perfekter Harmonie vereinte. Zwar waren die Zeiten, in denen der Hula mit nacktem Oberkörper getanzt wurde, lange vorbei, aber ihr Blätterrock und das knappe rote Top hatten doch tiefere Einblicke gestattet, als das übergroße T-Shirt, das sie am Strand getragen hatte. Das flackernde Fackellicht hatte über ihre Haut geleckt und goldene Feuer in ihrem Haar entzündet. Die mystische Einheit von Bewegung, Musik und feuerscheinflüssigem Gold hatten ihn in ihren Bann gezogen, ihre harmonischen, fließenden Bewegungen, mit denen sie graziös die Botschaft von Liebe und Harmonie in den Sternenhimmel geschrieben hatten, die Andacht in jeder der getragenen Bewegungen hatten ihn fasziniert und seine Phantasie beflügelt. Es würde etliches an Konzentration notwendig sein, überlegte er, um ihr nicht zu zeigen, wie sehr.

„Ich war mir nicht sicher, ob du kommen würdest“, sagte Lani mit einem verlegenen kleinen Lächeln. „Aber ich freue mich, dass du da bist.“

„Nichts hätte mich daran hindern können.“ Rafael nahm die drei Stufen zur Veranda mit einem Sprung und sah sich um. Das Holzhaus war alt, es war jedoch vor kurzem erst weiß gestrichen worden. Fensterrahmen und die kunstvoll ausgesägten Verzierungen um die Veranda und den Giebel waren in einem hellen Blau abgesetzt. Auf der Veranda standen zwei weiße Korbsessel mit bunten Kissen und neben der Tür eine mannshohe Statue aus geschnitztem Holz, deren hervorquellende Augen und gefletschte Zähne Argwohn und Missmut ausdrückten. Die Holzdielen knarrten unter seinen Schritten, als er Lani durch die Tür ins Haus folgte. Betäubender Dunst von Ölfarbe und Lösungsmitteln schlug ihm entgegen. Der Wohnraum war ein Durcheinander von zusammengeschobenen Möbeln und aufgerollten Teppichen und darauf hockten bunte Bilder wie ein Schwarm exotischer Vögel. Ein schmaler Pfad führte von der Tür bis zum gegenüberliegenden Fenster, vor dem eine Staffelei aufgebaut war.

„Es ist etwas eng hier“, bemerkte Lani über die Schulter zurück. „Das Haus gehört einer Freundin, die mich für ein paar Monate hier wohnen lässt. Mary ist Schriftstellerin und sie verbringt ein halbes Jahr in Neuseeland, um Material für ihr neues Buch über die Maori zu sammeln. Das Licht ist in diesem Raum am besten, deswegen habe ich meine Staffelei hier aufgebaut. Ich brauche nur den Platz am Fenster. Wann immer möglich, bin ich mit meinem Skizzenbuch unterwegs. Ich dachte, dass es besser ist, Marys Möbel zusammenzuschieben, bevor sie Farbflecken oder Kratzer abbekommen. Die anderen Zimmer sind nicht so unordentlich. Ich habe Mary bei einer Veranstaltung des Polinesian Culture Centers kennengelernt. Sie hat für einen Roman recherchiert. Wir sind ins Gespräch gekommen und als sie meine Skizzen gesehen hat, bat sie mich, Zeichnungen für ihr Buch anzufertigen. Als sie verreisen musste, hat sie mich gebeten, das Haus während ihrer Abwesenheit zu bewohnen. Sie hat nicht einmal Miete haben wollen, sondern meinte, dass ich ihr einen Gefallen täte. Entschuldige, ich rede zu viel. Aber ich habe nicht oft Besuch hier.“ Sie drehte sich mit ausgebreiteten Armen im Kreis. „Mach es dir bequem. Möchtest du einen Kaffee?“

„Gern. Schwarz, ein Stück Zucker, nicht umrühren.“

Rafael stieg vorsichtig über ein Bündel langer, schmaler Holzlatten und steuerte auf den Esstisch zu. Der Holzfußboden war sorgfältig poliert, aber an manchen Stellen bereits etwas abgetreten. Auf der bunt geblümten Tischdecke stand ein einsamer Becher mit einem Rest Kaffee. Drei der vier Stühle um den Tisch waren besetzt, auf jedem stand ein Bild.

„Wie es aussieht, frühstückst du nicht gern allein.“ Rafael nahm ein Bild und hielt es auf Armlänge vor sich. Es war das Bild einer alten Frau, einer sehr alten Frau, deren Gesicht so voller Runzeln war, dass es wie zerknittertes Leder aussah. Ein schmaler Kranz aus grünen Blättern war um ihr schütteres weißes Haar geschlungen. Ihre tief eingesunkenen Augen verrieten die Weisheit des Alters, gleichzeitig optimistische Lebensfreude und Humor, jedoch keine Spur des todesnahen Fatalismus, den man bei alten Menschen zu finden erwartete. Sie saß inmitten einer Ansammlung von Körben voller Früchte und sah versunken in die Ferne, ruhig, gesammelt, gelassen. Es war keine Pose, eher ein Ausschnitt aus einem Leben, ein Atemzug der Zeit.

„Das ist Kalama“, sagte Lani. „Ich traf sie vor einigen Wochen auf dem Markt in Lihue und wir kamen ins Gespräch.“ Sie stellte einen dampfenden roten Porzellanbecher vor Rafael auf den Tisch. „Rundum wimmelte es von Leuten, Kinder rannten um sie herum, krabbelten auf ihren Schoß, aber sie strömte eine ungeheure Ruhe und Gelassenheit aus. Und Freude. Sie hatte nichts dagegen, gezeichnet zu werden und während ich arbeitete, erzählte sie mir vom Leben auf Kauai, wie es früher war, von ihren Kindern und Enkeln. Sie hat im Lauf ihres Lebens einen unglaublichen Schatz an Geschichten zusammengetragen. Mary wird begeistert sein, sie ist immer auf der Suche nach guten Geschichten.“

Lani nahm Rafael das Bild aus den Händen und stellte es nach kurzem Zögern auf die Fensterbank. Rafael setzte sich auf den freien Platz, trank einen Schluck von seinem Kaffee und schloss angenehm berührt die Augen. Der Kaffee war schwarz wie die Hölle und so heiß wie ein Feuerwerk.

„Möchtest du Frühstück, vielleicht ein Omelett oder Pfannkuchen?“, erkundigte sich Lani. „Wenn ich erst einmal angefangen habe, zu malen, vergesse ich die Zeit. Manchmal vergesse ich dann auch Essen und Schlaf.“

Sie wartete eine Antwort nicht ab, sondern nahm vier Eier aus dem Kühlschrank und stellte eine Pfanne auf den Herd.

„Oder isst du lieber Rührei?“ Sie drehte sich zu Rafael um, der, an der Kaffeetasse nippend, langsam durch den Raum wanderte und sich die Bilder ansah.

„Omelette klingt gut“, antwortete Rafael, ohne aufzusehen. Mit leicht zur Seite geneigtem Kopf betrachtete er das Bild der spielenden Kinder auf der Staffelei. Mit klaren Linien war es Lani gelungen, das Wesen dieser kleinen Jungen, die ernsthafte Hingabe an ihr Spiel und ihre intensive Lebensfreude einzufangen. Lani musste ein durch und durch optimistischer Mensch sein, jedes Motiv, jeder Pinselstrich, jede klare Farbe atmete Heiterkeit und Harmonie.

„Die Bilder gefallen mir“, nickte er schließlich. „Ich habe keine Ahnung von diesem Geschwafel von kraftvoll-spiritueller Umsetzung und visionärer Perspektive, aber ich würde sie mir übers Bett hängen, besonders das da.“

Rafael wies auf ein in sanften, pudrigen Tönen gehaltenes Landschaftsbild. Aus der Nähe betrachtet war es eine Ansammlung ungleichmäßiger, pastellfarbener Kleckse, je weiter er sich davon entfernte, umso mehr enthüllte sich der Blick auf eine raue Küstenlandschaft an einem diesigen Tag. Ein interessantes Bild, dachte er, eines, an dem man sich nie satt sehen würde. Lani hatte die feuchte schwere Luft und die zögernde Sonne, die sich durch den Dunst ihren Weg zu bahnen versuchte, wie eine Ahnung von Wärme und Erwartung auf die Leinwand gebannt. Die schroffe Küstenlinie lauerte, mit kaum erkennbaren Farbpartikeln nur angedeutet, hinter den bleichen Dunstschwaden, bereit, beim ersten Sonnenstrahl in prachtvollen, satten Farben hervorzubrechen. Jede sanfte Linie atmete Erwartung und eine fast kindlich anmutende Freude an der Schönheit der Welt. Es war wie die Ahnung einer Melodie, die noch nicht geformt, aber bereit war, sich zu offenbaren, überlegte er, und dass er zu gerne dabei wäre, wenn sie machtvoll und strahlend hervorbrach.

„Wäre es vermessen, zu hoffen, dass du so gut kochst, wie du malst?“

Lani lachte: „Ich bin mir nicht sicher, ob Kunstverstand aus diesen Worten spricht, oder ob es schlicht Hunger ist.

„Hunger“

Er fing Lanis Blick und hielt ihn fest. Man konnte Hunger auf verschiedene Weise definieren. Lani schenkte ihm ein flüchtiges Lächeln und wandte sich dann rasch ihrer Pfanne zu. „Nun gut, dann also keine Diskussion über die Explosivität eines exzessiven Farbenrausches und das Einbringen tiefgreifender Symbolik. Reden wir über die wirklich wichtigen Dinge: Möchtest du Schinken in deine Omelette?“

Ohne auf eine Antwort zu warten nahm sie Schinken aus dem Kühlschrank, schnitt ihn in Streifen und verteilte ihn auf dem Omelett, dann nahm sie eine Palette aus einem Tonkrug voller Kochlöffel.

Rafael griff an ihr vorbei nach dem Pfannenstiel. „Lass mich das machen.“ Ein kurzes Rütteln, eine blitzschnelle Bewegung und das Omelette lag ordentlich gewendet und goldgelb mitten in der Pfanne. Rafael sah Lanis offenkundiges Erstaunen und grinste: „Wir Männer haben Schwierigkeiten mit solchen Sachen wie Malerei, aber immerhin haben wir in den letzten Jahren gewaltige Fortschritte gemacht. Wir sind imstande, aufrecht zu gehen, nehmen unsere Keulen nicht mit ins Haus und sind sogar stubenrein.“

Lani kicherte: „Und lassen uns unser rohes Fleisch vor dem Fernseher servieren.“

Rafael lachte. „Aber sicher. Unter dem zivilisierten Lack sind wir alle Barbaren. Wenn du an der richtigen Stelle kratzt, kommt Fell raus.“

Rafael ließ es das Omelette auf einen Teller gleiten und setzte sich. Lani füllte die Kaffeetassen erneut und ließ ein Stück Zucker in Rafaels Kaffee fallen. Sie setzte sich auf den Platz ihm gegenüber und legte ihren Skizzenblock vor sich auf den Tisch. „Stört es dich, wenn ich zeichne, während du isst?“

„Die Frage ist eher, ob es dich stört, dass ich esse, während du darauf brennst, mit der Arbeit zu beginnen?“

„Ist es so offensichtlich? Aber nein. In einer Stunde würde es mich mehr stören.“

Lanis anfangs noch zögernder Strich wurde bestimmter, sie lehnte sich bequemer in ihrem Stuhl zurück und stützte ihren Block gegen die Tischkante. Ihre Blicke schweiften von ihrer Zeichnung zu Rafael und sie sah schnell wieder auf ihren Block, wenn sich ihre Blicke mit seinen trafen. Das sanfte Zischen des Stifts auf dem Papier, Vogelzwitschern und Kaffeeduft erfüllten den Raum. Nach dem letzten Bissen seines Omeletts seufzte Rafael zufrieden, ließ sich auf seinem Stuhl zurücksinken und griff nach seiner Kaffeetasse. Lani sah auf und lächelte, senkte den Blick jedoch schnell wieder auf ihren Block.

Rafael schmunzelte. Sie war verlegen und ihr Block war ein jämmerliches Bollwerk zwischen seinen Ansprüchen und ihren Wünschen. Die Frage war, wie er die Festung zum Einstürzen bringen würde. Und wann. Beim Gedanken daran kam etwas wie Erwartung in ihm auf, ein Gefühl, das ihm in der letzten Zeit abhandengekommen zu sein schien.

„Wo arbeitest du, wenn du nicht hier auf Kauai bist?“, fragte er. Ganz selbstverständlich begann er Schränke und Schubladen zu öffnen und die Kaffeemaschine neu zu füllen. Lani sah ihm zu, wie er ihr kleines Reich annektierte, schwieg jedoch dazu. Aber sie schien verwundert. Kannte sie keine Männer, die sich selbst versorgten?

„In Honolulu. Ich habe zwei Zimmer in Kalihi, direkt am Strand. Dort wohne und arbeite ich. In ein paar Wochen muss ich wieder zurück, dann kommt Mary zurück. Aber ich müsste ohnehin zurück, in sechs Wochen habe ich meine erste Vernissage.“

„Ich nehme an, das ist ein Grund zum Gratulieren.“ Rafael schmunzelte. Niemand hätte den Stolz in ihrer Stimme überhören können.

„Ja, wenn sie ein Erfolg wird.“ Lanis Augen strahlten. „Zwei Jahre habe ich dafür gearbeitet und jetzt ist es endlich soweit. Deswegen bin ich hier: Es ist himmlisch ruhig und abgeschieden, keine Familie, keine Ablenkung, keine Hektik. Meine Eltern kümmern sich um meine Wohnung und Moira, das ist die Inhaberin der Galerie, in der ich ausstelle, kümmert sich um die ganze Organisation. So habe ich den Rücken frei und muss mich nur um meine Bilder kümmern.“

„Einschließlich eines männlichen Aktes.“

„Und eines Porträts.“ Sie lächelte. „Wenn ich Zeit dafür finde.“

„Worauf warten wir dann noch?“ Rafael spülte seine Tasse aus, schenkte sich Kaffee ein. „Ich hasse süßen Kaffee“, erklärte er, als er ein Zuckerstück hineinfallen ließ. „Deswegen rühre ich den Kaffee nicht um.“

„Du solltest es ganz ohne Zucker versuchen.“

Rafael warf Lani einen indignierten Blick zu, den sie mit einem unschuldigen Blick quittierte; aber ihre Lippen zuckten und dann barst ihr Lachen einfach aus ihr heraus.

Rafael schnalzte mit der Zunge. „Das Geheimnis ist, den Kaffee zu trinken, bevor der Zucker zerfallen ist, das Eintauchen in eine fast unmerkliche Veränderung, eine Ahnung von Erwartung, ein Hauch von Erfüllung.“

„Du lieber Himmel, und ich habe bisher nicht gewusst, dass Kaffee trinken eine Kunstform ist. Kannst du mir noch einmal verzeihen?“ Lani erhob sich ebenfalls und stellte ihre halbleere Tasse ins Spülbecken. „Aber ich denke, ich bleibe bei meiner. Ich zeige dir, was ich vorhabe. Du musst nicht völlig bewegungslos bleiben, einfach nur entspannt sitzen. Trotzdem wird es auf Dauer etwas anstrengend sein. Sag mir Bescheid, wenn du eine Pause machen möchtest.“

Lani blätterte in ihrem Skizzenblock. Rafael sah nur ihren Scheitel und ihre geschäftigen Hände. Sie machte viel Aufhebens um das bisschen Herumsitzen. Schließlich hatte sie gefunden, was sie gesucht hatte und legte den Block auf den Tisch. Überrascht sah Rafael, dass sie keine der lasziv-erotischen Posen im Sinn hatte, die er mit Aktbildern verband. Die Skizze zeigte ihn, auf dem Felsen am Meer, wo dem sie ihn am Vortag angesprochen hatte. Die Küste war schroffer, die See toste wild schäumend gegen schwarze Felsen. Wenn es ein Bild gab, in dem sich wilde Wasser aufbäumten und in Myriaden glasglitzernder Tropfen zersplitterten, dann dieses. Die Szenerie war dramatisch, aber das war wohl, was man künstlerische Freiheit nannte. Was ihn betraf, hatte Lani nicht Vorstellungskraft, sondern ein wirklich exzellentes Gedächtnis bewiesen - und ein wenig verräterische Phantasie. Seine Jeans war ihr jedenfalls keine Erinnerung wert gewesen, er war so nackt auf diesem Bild, wie er auf diese Welt gekommen war.

„Wie lange wirst du für das Bild brauchen?“

Lani wiegte unentschlossen ihren Kopf. „Drei Tage, wenn ich gut vorankomme“, entgegnete sie nach einigem Überlegen. „Aber nach drei Tagen bin ich soweit, dass ich ohne Modell zurechtkomme. Dann kann ich das Porträt in Angriff nehmen.“ Lani lächelte. „Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, ziehe ich es auch durch. Meistens arbeite ich an mehreren Bildern gleichzeitig. Für dich bedeutet das, dass sich dein Muskelkater auf mehrere Tage gleichmäßig verteilt.“

Rafael nickte gleichmütig und Lani schmunzelte. „Du glaubst mir nicht, dass Modellstehen ein harter Job ist. Du wirst es herausfinden. Wenn du möchtest, kannst du dich im Bad ausziehen.“

Sie wies auf eine Tür hinter Rafaels Rücken. Rafael winkte ab und zerrte sein T-Shirt über seinen Kopf.

„Hast du so etwas jemals vorher gemacht?“, fragte Lani.

Rafael hielt inne, dann tauchte sein Kopf wieder aus dem Halsausschnitt auf. „Mich ausgezogen?“, fragte er und seine Augen spöttelten. „Sicherlich.“

Er warf sein T-Shirt über die Stuhllehne und öffnete den Reißverschluss seiner Jeans.

Lani war damit beschäftigt, eine Truhe aus einer Ecke zu zerren und sie sorgfältig mit einem zusammengelegten Laken zu polstern. Sie war so offensichtlich dankbar, etwas zu tun zu haben, um ihn nicht anzustarren, dass er fast Mitleid mit ihr hatte. Rafael warf seine Jeans über sein T-Shirt, dabei prasselte etwas Kleingeld auf den Boden. Er murmelte eine Verwünschung und bückte sich, um es aufzuheben, es kümmerte ihn nicht, dass er Lani einen ausgezeichneten Blick auf seine muskulösen Schenkel und sein perfekt geformtes Gesäß ermöglichte. Er legte die gesammelten Münzen auf den Tisch und wandte sich um.

Lani war nicht länger mit dem günstigsten Lichteinfall beschäftigt, sie sah ihn an. Ihr Blick glitt ohne Hast über sein Haar, das seit zwei Tagen keinen Kamm mehr gesehen hatte und sich in wirren Locken um seine Schultern ringelte, über seine Brust und seine Arme, registrierte jeden Muskel, jede Sehne und die Tatsache, dass er nahtlos gebräunt war. Er wartete darauf, dass sie verlegen blinzelte oder den Blick senkte, sobald ihre Augen seine Taille erreicht hatte, aber sie sah an ihm herab bis zu seinen Füßen und ihr Blick glitt genauso ruhig wieder an ihm herauf bis zu seinen Augen.

„Geeignet für den Job?“, fragte er.

Sie lächelte. „Perfekt geeignet.“

‚Noch ein solches Lächeln und du liegst den Rest des Tages auf dem Rücken’. Ihr Lächeln war wie eine Berührung, der Ausdruck reinen unverfälschten Genusses.

„Was soll ich jetzt tun?“, fragte er, während er sich bemühte, die prompten Reaktionen seines perfekten Körpers unter Kontrolle zu bekommen. Er musste sich ablenken, durfte nicht daran denken, wie es sein würde, wenn er in nicht ferner Zukunft ein Lächeln wie dieses auf ihren Lippen sehen würde und eine erschöpfte Befriedigung in ihren goldenen Augen. Wenn er das feuchte Haar an ihren Schläfen zurückstrich und der Puls an der Seite ihres Halses noch schnell pochte ...

Lani trat einen Schritt beiseite und wies auf die Kiste. „Setz dich so, wie ich es dir auf der Skizze gezeigt habe.“

Rafael zwängte sich zwischen den zusammengeschobenen Stühlen und Lani zu der Truhe und nahm Platz. „Gut so?“

„Stütz den Ellenbogen etwas mehr auf das Knie. Ja, so, nur den Kopf ein wenig mehr in den Nacken. Genau so.“ Lani lächelte zufrieden auf Rafael herab. „Versuch, dich zu entspannen. Es ist nicht schlimm, wenn du dich bewegst, aber wenn ich es sage, nimm bitte genau diese Haltung ein. Du kannst auch reden, singen, gähnen, alles was du willst, es stört mich nicht. Ich habe die Zwillinge meiner Schwester gemalt und sie schnatterten ununterbrochen vier Tage lang.“

„Ich verspreche, nicht zu schnattern, aber unterhalten würde ich mich schon gerne. Das ist mein erster Versuch als Modell. Vielleicht könntest du auch in der ersten Stunde meine Hand halten?“ Rafael versuche sich an einem hilflosen Blick, erntete doch nur ein Kichern.

„Warum? Du müsstest Stillsitzen doch gewohnt sein; dieses Tattoo wurde nicht in einer Stunde gemacht.“

Rafael sah auf seinen linken Arm. „Nein, das war eine längere Geschichte. Ich habe sie stückweise beim Pokern gewonnen. Es dauerte drei Monate, bis wir beim Kopf angekommen waren. Also zählt das wohl nicht als Übung für diesen Job.“

„Eine wunderbare Arbeit.“ Lani fuhr mit dem Zeigefinger die Konturen des Schlangenkopfes nach.

Rafael nickte, das Tattoo war ein Kunstwerk und er war stolz darauf. Jedes Detail stimmte, die leicht aufgestülpte Schnauze und das Auge mit dem senkrechten Pupillenschlitz, von dem ein schwarzes Schläfenband bis zum Mundwinkel lief, die aufgerissenen Kiefer und die gebogenen Giftzähne, die darauf warteten, sich in eine hilflose, zuckende Beute zu schlagen.

„Welche Schlange ist es? Ich kenne mich damit nicht aus. Das einzige, was ich weiß ist, dass es keine Klapperschlange ist.“

„Eine Viper.“

„Sie ist wunderschön. Wer immer das Tattoo gemacht hat, hat es verstanden, Gefahr und Versuchung zu verkörpern.“

„Die Elixiere des Lebens“, raunte er.

„Nur für Abenteurer“, schnaubte sie und zog ihre Hand zurück.

Rafael konnte ihrem Tonfall unschwer entnehmen, dass ihr dieser Personenkreis äußerst suspekt und die angesprochenen Elixiere die des Teufels sein mussten. Das ausgerechnet von einer Frau, die sich entgegen jeder Vernunft einen völlig Fremden in ein einsam gelegenes Haus holte.

„Abenteuer sind etwas Wunderbares“, lockte er. „Wenn sie dich gepackt haben, lassen sie dich nie wieder los. Wenn du einmal im Feuer getanzt hast wirst du süchtig danach - nach der Erregung, nach der Gefahr und nach dem Gefühl, wirklich zu leben. Erzähl mir nicht, dass jemand, der Bilder von solcher Ausstrahlung und Energie malt, wie du, nicht von Abenteuern träumt.“

„Farben, Formen und Licht sind meine Abenteuer. Das ist mehr, als die meisten Menschen haben und alles, was ich mir wünsche“, gab sie überzeugt zurück. Sie lächelte ihn an, wohl um die Abfuhr zu mildern, aber Rafael war taktvollen Hinweisen gegenüber völlig unempfindlich.

„Die meisten Menschen träumen vom Tanz auf dem Regenbogen, vom Flug ins Sonnenlicht oder vom Griff nach den Sternen.“ Sein Tonfall war leicht, ein leises verständnisvolles Lachen schwang darin, dann jedoch änderte sich sein Ton, wurde eindringlich, hypnotisch: „Was, wenn du zu spät feststellst, dass du die Träume, die du malst, auch hättest leben wollen? Wenn du erkennst, dass dir nicht ausgereicht hat, was man braven Mädchen zuteilt? Wenn du fühlst, dass es mehr hätte geben müssen, als den Tanz unter dem Regenbogen? Warum willst du dich mit sanften Brisen begnügen, wenn du Sturm haben kannst, warum die Sterne nur ansehen, wenn das Inferno im Zentrum des Universums wartet? Du kannst alles haben, was du willst, streck die Hand aus und nimm es dir!“

Er legte den Kopf ein wenig mehr in den Nacken und lächelte zu ihr auf.

Mühelos fing Rafael ihren faszinierten Blick ein und hielt ihn fest. Lani konnte ihren Blick nicht von seinen Augen lösen

„Du hast natürlich recht. Wir sollten keine Zeit mehr vertrödeln.“

Lani ergriff ihren Pinsel nachdrücklicher, als es notwendig gewesen wäre. Sie hätte viel dafür gegeben, mit einer überlegenen Antwort Selbstsicherheit demonstrieren zu können. So blieb ihr nur, hinter ihrer Staffelei Zuflucht zu suchen, bis sie sich von seinem Frontalangriff auf ihre Sinne erholt hatte. Sie nahm das Bild von der Staffelei und stellte die Leinwand, die sie für ihr Bild ausgewählt hatte, darauf.

„Was tust du, wenn du nicht gerade harmlose Malerinnen zu unbedachten Handlungen verleiten willst?“, fragte sie.

„Ich mache Musik.“

Er log nie, wenn es sich vermeiden ließ. Nicht, weil Lügen moralisch verwerflich, sondern weil es unökonomisch war. Der kurzfristige Vorteil einer Lüge wurde durch den Aufwand, ein Lügengebäude aufrecht zu erhalten, mehr als ...

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